FÜNFTER VORTRAG

FÜNFTER VORTRAG, Dornach, 22. Februar 1923

Die Ideale. Der verlorene Bau als Ausdruck des wissenschaftlichen, künstlerischen, religiösen Ideals. Die drei Ideale im alten Orient und bei den Griechen; ihre zukunftsorientierte Neugestaltung als Aufgabe der Gegenwart. Die Delegiertentagung muß zur notwendigen Neubelebung der Anthroposophischen Gesellschaft beitragen.

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möchte darauf hinweisen, damit auch hier das richtige Denken herrsche über das, was in den nächsten Tagen als, ich möchte sagen, ein erster Schritt zu einem neuen Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft in Stuttgart unternommen werden soll. Denn was aus Anthroposophie hervorgehen soll, muß ja ruhen auf dem sicheren Fundamente menschlicher Begeisterung. Und diese menschliche Begeisterung, sie kann uns ja nur dadurch werden, daß wir hinschauen zu demjenigen Ideal, das in jedes Anthroposophen Brust sein sollte und das groß genug ist, um die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Liebe zusammenzuhalten. Es ist ja nicht zu leugnen, daß zwar nicht dieses Ideal anthroposophischen Wirkens, wohl aber die Begeisterung für dieses Ideal in den drei aufeinanderfolgenden Epochen unserer anthroposophischen Entwickelung etwas hingeschwunden ist. Und jetzt, wo wir trauernd stehen vor der Ruine jenes Baues, durch den wir in einer äußerlich bemerkbaren Sprache über dieses Ideal uns ausdrücken konnten, jetzt ist es um so notwendiger, daß wir uns zusammenfinden in dem richtigen Fühlen gegenüber dem anthroposophischen Ideal, damit aus diesem Zusammenfühlen und dem daraus hervorgehenden Zusammendenken eine starke Kraft entstehen könne, die wir heute, namentlich angesichts der ja mit jeder Woche sich vergrößernden Gegnerschaft, gar sehr brauchen. Daher sei es mir eben in diesem Vortrage heute gestattet, nicht über die Fortsetzung - wenigstens nicht unmittelbar über die Fortsetzung - dessen zu sprechen, was ich in den letzten Vorträgen und nun schon seit Wochen hier vorgebracht habe, sondern ein wenig darzustellen, was sich vielleicht als eine der wichtigen Erinnerungen an unseren Bau knüpfen kann und was geeignet sein kann, jene Beziehungen wiederum zu knüpfen, welche notwendig sind zwischen den einzelnen Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn in dem Zusammenfinden in dem gemeinsamen Ideal muß sich auch entCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 25 7 Seite: 8 7 zünden jene Liebe, welche jeder einzelne Anthroposoph dem andern entgegenbringen sollte und die ausschließen sollte, daß in irgend jemandem innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft irgendeine Ranküne gegen den andern auch nur in Gedanken vorhanden sei. Sie erinnern sich vielleicht, daß, als wir den ersten Hochschulkursus im Goetheanum eröffnen konnten, ich dazumal in einer kurzen Einleitungsrede betont habe, wie in einer neuen Art durch das, was durch Menschen im Goetheanum verwirklicht wird, ein wirklich weltgemäßes Zusammenwirken von Wissenschaft, Kunst und Religion erstrebt werden soll. Was also im Goetheanum hätte erwachsen sollen, was hätte erwachsen sollen durch die Sprache seiner Formen und Farben, das war ein wissenschaftliches, das war ein künstlerisches, das war ein religiöses Ideal. Wir müssen heute das, was nicht mehr durch äußere Formen und Farben zu uns sprechen kann, in unsere Herzen um so tiefer eingraben. Und wir können es vielleicht,wenn wir in derArt,wie wir das für andere Betrachtungen in den letzten Wochen getan haben, einmal anfragen, wie in den aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwickelung das wissenschaftliche, das künstlerische, das religiöse Ideal erstrebt worden ist. Schauen wir zurück in das gewaltige, in das hehre orientalische Geistesleben, so stoßen wir auf einen bestimmten Zeitpunkt dieses alten orientalischen Geisteslebens, in dem gewissermaßen den orientalischen Völkern der geistige Inhalt der Werte in unmittelbarer Offenbarung sich darbot. Wir stoßen auf eine Zeit, wo die Menschen gar nicht daran zweifelten, daß das, was sie mit ihren Sinnen sehen können, bloß der spärliche äußere Abdruck ist desjenigen, was ihrem älteren, zwar traumhaften, aber deshalb doch für sie ganz wirklichem Schauen als Göttlich-Geistiges sich offenbarte. Das Schauen, wenn auch instinktiv und triebhaft, war in der Menschheit einmal so, daß die Menschen in gewissen besonderen Zuständen ihres Bewußtseins die geistigen Wesen der Welt in unmittelbarer Wirklichkeit wahrnahmen, so wie sie durch den physischen Leib ihre Mitmenschen, wie sie durch die physische Körperlichkeit die Wesen der drei physischen Naturreiche wahrnahmen. Ebenso gewiß wie das Dasein eines Mitmenschen, ebenso gewiß war für den alten Orientalen aus Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 5 7 Seite: 8 8 der unmittelbaren Anschauung heraus das Dasein der göttlich-geistigen Wesenheiten, die mit dem Menschen zusammenhängen. Das gab ihm seine innere religiöse Gewißheit. Und diese innere religiöse Gewißheit war keine andere als die Gewißheit, die er besaß über die äußeren Naturdinge. Mit derselben Sicherheit, mit der er glauben konnte an das Dasein des Steines, der Pflanze, der Wolken und Flüsse, mit derselben Sicherheit konnte er an das Dasein seines Gottes glauben, denn er schaute diesen Gott. Und dasjenige, was in der neueren Wissenschaft etwa Animismus genannt wird, was die Sache so darlegt, als wenn in älterer Zeit die Menschen Dinge in die Natur hineingedichtet, durch ihre Phantasie Lebendig-Geistiges in sie hineinversetzt hätten, das ist eben kindisch, das ist eben dilettantische Wissenschaft von heute. In Wahrheit schauten die Menschen das Göttlich-Geistige, wie sie das Sinnlich-Natürliche schauten. Daraus entsprang ihnen, wie ich schon sagte, die Gewißheit ihres religiösen Lebens, daraus aber entsprang ihnen auch das, was sie für ihre Kunst, für ihr künstlerisches Schaffen brauchten. Das GöttlichGeistige hatte für sie konkrete, unmittelbare Gestalt. Sie wußten, welche Formen dieses Göttlich-Geistige hat, sie wußten, in welchen Farben das Geistige erscheint. Sie konnten das, was ihnen im Geistigen erschien, durch die Mittel der Sinnenwelt, durch die Mittel der physischen Welt ausdrücken. Sie konnten die Baumaterialien nehmen, die ihnen zur Verfügung standen; die Mittel der Bildhauerei oder anderer Künste, sie konnten sie anwenden mit der Technik, deren sie fähig waren, und sie drückten dasjenige aus, was sich ihnen im Geiste offenbarte. Wenn sie zur innerlichen Verehrung kamen, zu einem innerlich menschlichen Gemütsverhältnisse zu ihren göttlich-geistigen Wesenheiten, so fühlten sie das als Religion. Wenn sie durch äußere Mittel, durch physische Mittel darstellten, was sie im Geiste erschauten, so empfanden sie das als ihre Kunst. Aber die Sache mit ihrer Kunst war so, daß alles, was sie machen konnten aus ihren Kunstmitteln, was sie als Technik hatten, was sie für das Physische an Materialien hatten, die sie verwenden konnten zum Ausdrucke dessen, was ihnen im Geiste vorschwebte: es war alles das gering gegenüber dem, was ihnen eben im Geiste vorschwebte. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 89 Wir treffen einen Zeitpunkt in der alten orientalischen Entwickelung, wo dasjenige, was als Göttlich-Geistiges dem Menschen erschien, was, um den Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, in sinnlich-übersinnlicher Form erschien, von hehrer, glanzvoller Schönheit war und gewaltig auf das Gemüt, gewaltig auf die Phantasie wirkte, und weil man die Technik der äußeren Kunstmittel nicht meisterte, kam höchstens in einer unbeholfenen symbolisierenden oder allegorisierenden Form das zum Ausdruck, was viel schöner erschien im Geiste. So ein Künstler jener uralten Zeit hätte sagen können, wenn er in unserem Empfinden sein eigenes Kunstschaffen hätte zum Ausdruck bringen wollen: Schön ist das, was im Geiste erscheint, und nur ein schwacher Abglanz davon kann in dem gegeben werden, was ich aus dem Ton, was ich aus dem Holz, was ich aus andern künstlerischen Materialien heraus formen kann, um auszudrücken, was im Geiste erscheint. Und ein Künstler war dann ein Mensch, der das Geistige in einer schönen Weise sah und es im sinnlichen Abbilde den andern Menschen zeigte, die es nicht unmittelbar schauen konnten, die aber überzeugt davon waren: Wenn ihnen der Künstler in seiner allegorisierendsymbolisierenden Form clas von ihm im Geiste Erschaute hinstellte, so gelangten auch sie dazu, durch das Mittel dieses sinnlichen Ausdruckes den Eingang zu finden in eine Welt, die über der irdischen liegt, in eine Welt, in die sich der Mensch versetzen muß, wenn er das Gefühl seiner vollen Menschenwürde haben will. - Und dieses Verhältnis, diese Beziehung zu dem Göttlich-Geistigen, die war eine so unmittelbare, sie war, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine so reale, konkrete, daß die Menschen das Gefühl hatten, wenn sie dachten, wenn sie sich Gedanken bildeten, so hatten sie diese Gedanken von den Göttern, die sie ja schauten, die so da waren wie die andern Menschen. Und es sagten diese Leute einer alten Zeit: Wenn man mit Menschen spricht, so reden sie zu einem Worte, die in der Luft ertönen; wenn man zu den Göttern spricht, so sagen sie einem Gedanken, die nur im Innern der Menschen vernehmbar sind. Durch Laute ausdrückbare Worte sind Menschenworte, durch Gedanken ausdrückbare Worte sind Göttermitteilungen. Und indem der Mensch seine Gedanken faßte, glaubte er nicht, daß er diese Gedanken innerlich mit seiner Seele bildete, sondern er glaubte Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 90 zu hören, was ihm als Gedanken die göttlich-geistigen Wesen zuraunten. Hörte er mit seinem Ohre, so sagte er sich: Ich höre Menschen. - Hörte er mit seiner Seele, wo sich das Gehörte nur in Gedanken darlebte, so sagte er: Ich höre göttlich-geistige Wesenheiten. - Und so war die Erkenntnis, die in Ideen lebte, für diese Menschen eines alten Zeitalters Göttermitteilung. Göttersprache war der unmittelbar von den Göttern zu den Menschen gesprochene Logos. So daß man sagen kann: Im religiösen Ideal lebte sich das Schauen der Götter aus. Im künstlerischen Ideal lebten sich die Nachformungen des Göttlichen durch menschliche Mittel in symbolisierend-allegorischer Art aus. In dem wissenschaftlichen Ideal gab der Mensch die Sprache wieder, welche die Götter zu ihm sprachen. Das waren jene drei Ideale, die in eins zusammenflössen in der alten orientalischen Zeit, denn es waren im Grunde genommen diese drei Ideale ein Ideal. Der Mensch schaute hin in diesem einen Ideal auf die göttliche Offenbarung. Religion breitete sich aus über das ganze menschliche Seelenleben. Wissenschaft und Kunst waren die zwei Mittel, durch die das Göttliche mit dem Menschen auf Erden zusammenlebte. Und der Künstler fühlte, indem er sein Kunstwerk schuf, daß der Gott seine Hand führte, oder der Dichter fühlte, daß der Gott seine Worte formte und prägte. «Singe, o Muse, vom Zorn mir des Peleiden Achilleus!» Nicht der Dichter spricht, die Muse spricht in dem Dichter. Und das war eine Wahrheit. Die abstrakte Auffassung, der man heute so etwas zuschreibt und dabei etwa sagt, es sei schon eine dichterische Verkleidung, gehört eben zu den grotesken Kindlichkeiten heutiger Anschauungen über solche Dinge, die gar nicht wissen, wie wahr der Goethesche Ausspruch ist: «Was Ihr so den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.» Und gehen wir von dieser orientalischen Dreiheit der Ideale des Menschen in Religion, Kunst und Wissenschaft herüber zu den Griechen, die-dann einen prosaisch dürftigen Nachklang in den Römern gefunden haben, so finden wir diese drei Ideale weitergebildet. Was vorher, ich möchte sagen, aus Lichtglanzhöhe als Göttlich-Geistiges den Menschen sich geoffenbart hatte, das empfand der Grieche durch den Menschen selbst sprechend. Das religiöse Leben hat sich im grieCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 91 chischen Dasein eng an den Menschen gebunden. Der Mensch in Griechenland fühlte dasjenige, was er selber war an Gestalt, an innerem Leben, gottdurchdrungen, gottdurchsetzt. Nicht mehr in Lichtglanzhöhen sah er hinein, sondern in den Wunderbau des Menschen selber. Er hatte somit nicht mehr jenes starke Schauen des Göttlich-Geistigen, was der Orientale hatte, sondern, ich möchte sagen, ein schwächeres Schattenbild des Himmlisch-Geistigen. Aber wer wirklich sich hineinversetzen kann in griechische Dichtung, in griechische Kunst, in griechische Philosophie, der kann wissen, für den Griechen war das doch eine Grundempfindung, durch die er sich sagte: Der Mensch, der hier auf der Erde wandelt, der nicht nur ein Zusammenfluß ist desjenigen, was Augen schauen in der äußeren Sinneswelt, der ist ein Zeuge für das Vorhandensein eines Göttlich-Geistigen. Und der Mensch, der hier auf der Erde wandelt, der nicht irdischen Ursprunges sein konnte für den Griechen, der ist unmittelbar ein Zeugnis für das Walten des Zeus, für das Walten der Athene in geistigen Welten. Der Grieche hat in Menschengestalt und innerer menschlicher Lebensentwickelung das hehrste Zeugnis gesehen für das göttlich-geistige Walten in der Welt. Und so vermenschlichte der Grieche seine Götter, weil er den Menschen selber noch in seiner Göttlichkeit empfand. Es ist etwas ganz anderes, wenn der Grieche seine Götter vermenschlicht, als wenn etwa der moderne Mensch in einem untergeordneten Anthropomorphismus seinen Gottmenschen vorstellt. Denn für den Griechen lebte eben noch in dem Menschen ein Zeugnis für das Göttliche. Der Grieche konnte sich noch sagen: Wäre nicht ein Göttliches, die Welt durchwebend und durchwallend, so könnte nicht der Mensch so vor mir stehen, wie er dasteht. - Die Religion war einbezogen in das Erfassen des Menschen. Der Mensch wurde in bezug auf dasjenige, was er sich nicht selber geben konnte, aber als was er dastand in der Welt, in entsprechender Weise verehrt. Nicht das alltägliche menschliche Tun, nicht das eitle menschliche Erdenstreben, aber das, was mit dem Menschen in das irdische Leben hereingestellt war, das wurde in entsprechender Weise verehrt. Und diese Verehrung, die man für das Menschenwesen hatte, die weitete sich aus zu der Verehrung der göttlich-geistigen Welt. Und das künstlerische Ideal war bei den Griechen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 57 Seite: 9 2 so, daß der Grieche auf der einen Seite sein Göttlich-Geistiges empfand, bezeugt durch das Dasein des Menschen auf Erden, auf der andern Seite empfand er stark, wie es beim Orientalen noch nicht der Fall war, die Gesetze der sinnlich-physischen Natur, die Gesetze von Harmonie und Disharmonie, die Gesetze vom Maß, die Gesetze des Lastens und Tragens der Materialien. Und während der Orientale, ich möchte sagen, noch ungeschickt war in der Bewältigung des Materials, während er nur allegorisierend und symbolisierend ausdrücken konnte das ihn überflutende, überwuchernde Geistige, so daß das Geistige, das durch irgendein Sinnliches im Kunstwerke in der alten orientalischen Welt zum Ausdrucke kam, immer viel weiter, mächtiger, gewaltiger war, als was in der sinnlichen Form ungeschickt zum Ausdrucke kommen konnte, strebte der Grieche darnach, alles, was er im Geiste erfassen konnte, auch hineinzugießen in dasjenige, was er nun schon von der sinnlich-physischen Welt erkannte. Bei ihm durfte die Säule nicht dicker sein, als sie sein mußte, um die Tragkraft zu entwickeln für das, was auf ihr lag. Es durfte nicht, wie bei der orientalischen Kunst, dasjenige, was sinnlicher Ausdruck für das Geistige war, in ungeschickter Weise die physisch-sinnlichen Gesetze darstellen, sondern es mußten die sinnlich-physischen Gesetze in ihrer Vollkommenheit ergriffen werden. Der Geist mußte sozusagen mit der physischen Sinnlichkeit eine Ehe auf gleich und gleich eingehen. So viel Geist, so viel sinnlich-physische Gesetzmäßigkeit ist in einem griechischen Tempel, und so viel Ausdrucksfähigkeit des Materials als Geistigkeit durch dieses Material zur Offenbarung kommt, ist in einer griechischen Statue. Und so fließen die Verse des Homer, daß in dem Fluß der Menschensprache unmittelbar sich offenbart der Fluß der Göttersprache. Der Dichter fühlte, indem er seine Worte gestaltete, daß aus dem, was aus den Sprachgesetzen selber fließt, alles bewältigt werden muß, daß nichts ungeschickt bleiben darf, nichts stammelnd sein darf, wie es noch in der orientalischen Hymnuspoesie der Fall ist, sondern daß alles einen dem Geiste adäquaten Ausdruck finden muß: Völlige Bewältigung der physisch-sinnlichen Gesetze der Kunstmaterialien durch den Menschen, damit nichts mehr vom Geiste sich offenbart, was nicht in den sinnlichen Formen selbst erscheint. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 93 So wie der Grieche dem Menschen gegenüber empfand, daß er ein Zeugnis ist des Göttlichen, so mußte auch das Kunstwerk des Tempels, das Kunstwerk der Statue ein unmittelbares Zeugnis sein für das Walten des Göttlichen, allerdings nunmehr aus der menschlichen Phantasie heraus. Man konnte es dem Tempel ansehen, daß derjenige, der ihn gebaut hat, alle Gesetze des sinnlich-physischen Materials bemeistert hat, damit er in jeder Äußerung dieses physisch-sinnlichen Materials hat wiedergeben können, was er im Verkehre mit den Göttern in sich, in seine menschliche Wesenheit hat einfließen lassen. Und die ältesten Tragödien der Griechen, sie waren durchaus so, daß die dargestellten Wesen eigentlich Nachbildungen des Göttlichen, des Apollohaften, des Dionysoshaften waren und daß der Chor ringsherum eine Art Widerklang der Natur war, eine Art Echo des göttlich-geistigen Waltens. Mit Menschen als dem adäquaten Material wollte man in der Tragödie ausdrücken, was in den Götterwelten vor sich geht, aber so, daß nicht, wie bei dem Orientalen, man immer, ich möchte sagen, mit dem geistigen Auge hinaufsehen muß in eine höhere Region, als diejenige ist, in der sich das sinnliche Bild befindet, sondern daß man auf demselben Niveau bleiben kann, wo die Menschen die Tragödie darstellen, um in jeder Geste, in jedem Worte, in jedem Rezitativ des Chores etwas wahrzunehmen, worin Göttliches in einer ihm angemessenen sinnlichen Weise weiterflutete. Das war das künstlerische Ideal der Griechen, Und das wissenschaftliche Ideal? Nicht mehr hat der Grieche in solcher Lebendigkeit empfunden wie der Orientale, daß in den Ideen, in den Gedanken Götter zu ihm sprachen. Er hat schon etwas von dem vernommen, daß der Mensch sich anstrengen muß, um sich Gedanken zu machen. Aber wie er den Menschen selbst, der auf Erden wandelte, in seiner Gestalt und in seinem inneren Leben als ein unmittelbar wandelndes Zeugnis des Göttlichen empfand, so empfand er den Gedanken so real wie eine Sinneswahrnehmung. Wie er das Rot oder das Blau oder das Cis oder das G unmittelbar wahrnahm, so nahm er seine Gedanken wahr, nahm sie wahr in der äußeren Welt, wie die Augen, die Ohren die Sinneswahrnehmungen empfangen. Dadurch wußte er zwar vom Logos nicht mehr in jener Konkretheit, in einer so konkreten Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 94 Sprache, wie es der Orientale wußte; es schrieb der Grieche nicht mehr Veden, von denen der Orientale das Gefühl hatte, die Götter hätten sie ihm in die Gedanken hineingeführt. Der Grieche wußte, daß er seine Gedanken ausarbeiten muß, wie man weiß, daß man mit den Augen herumschauen muß, um den Umkreis sinnlich wahrzunehmen. Aber es wußte der Grieche doch noch, daß diese Gedanken, die er erarbeitete, die in die Natur gelegten göttlichen Gedanken sind. Und so war ihm der Gedanke das irdische Zeugnis für die göttliche Sprache. Während der Orientale die göttliche Sprache noch selber hörte, empfand der Grieche die Sprache schon als eine Menschensprache, aber er empfand sie als das unmittelbare Zeugnis der Göttersprache, wie sie ihm auf Erden eben bezeugt wird. So war Wissenschaft für den Griechen etwas göttlich-geistig Eingegebenes, etwas, dem man noch ansehen konnte, daß es von dem Göttlich-Geistigen auf die Erde geschickt ist, wie der Mensch selbst in seiner Gestalt, in seinem inneren Erleben von den göttlichen Kräften auf die Erde gestellt wird. Wir sehen, wie sich das religiöse, das künstlerische, das wissenschaftliche Ideal im Laufe der Menschheitsentwikkelung von der uralt orientalischen Welt zu der griechischen Welt hin verändert hat. Wir stehen nun wiederum an einem Punkte - und die Menschheitsentwickelung des zivilisierten Westens ist, wie ich Ihnen öfter ausgeführt habe, seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts an diesen Punkt herangekommen -, wo die Notwendigkeit an den Menschen herantritt, den uralt heiligen Idealen, dem religiösen, dem künstlerischen, dem Erkenntnisideal neue Gestalten zu geben. Das war es, was ich zum Ausdrucke bringen wollte, als wir den ersten Hochschulkurs in unserem Goetheanum eröffneten. Zum Ausdrucke bringen wollte ich, daß dieses Goetheanum dasteht, weil aus den inneren Gesetzen der menschlichen Entwickelung selber folgt, daß das religiöse, das künstlerische, das Erkenntnisideal neue Gestalten - selbst gegenüber den griechischen großartigen Gestalten - annehmen müsse. Das ist es, was einen mit einer so furchtbaren Wehmut erfüllt, wenn man heute die Ruine sieht anstelle desjenigen, was in Form und Farbe, was in jeder Linienführung, in jeder Holzform zum Ausdruck bringen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 95 wollte, wie aus dem Innersten der menschheitlichen Seelenentwickelung die drei großen Ideale neu sich gestalten sollten. Mit Wehmut nur, mit tiefstem Schmerze kann man die Stätte schauen, die so hätte sprechen sollen von der Erneuerung der drei großen Ideale der Menschheit, und die heute in einer Ruine dasteht, so dasteht, daß wir nur im Herzen tragen können, was in diesen Bau hineingelegt worden ist. Denn, wenn es sich auch als eine Möglichkeit darstellen sollte, daß hier ein Bau wiederum aufgeführt würde: der alte Bau ganz gewiß nicht! Und in der Weise, wie durch den alten Bau gesprochen worden ist, wird eben nicht wiederum durch einen Bau gesprochen werden können. Deshalb sollen wir um so tiefer in unsere Gemüter schreiben, was eigentlich durch diesen Bau für die drei großen Ideale der Menschheit gemeint war. Wir können heute nicht sagen, daß so wie dem instinktiven Hellsehen des Orientalen das Göttlich-Geistige anschaulich uns entgegenleuchtet wie eine äußere sinnliche Wesenheit oder daß die Göttertaten sich darstellen vor dem Seelenauge des Menschen, wie sich die sinnenfälligen Taten im Sinnlichen oder im alltäglichen Leben vor uns abspielen. Aber wenn wir diejenige Vertiefung in Natur- und Menschendasein in uns lebendig machen, die wir lebendig machen können durch anthroposophisches Denken und Fühlen, dann tritt uns die Welt, dann tritt uns der Kosmos, das Universum noch in einer andern Form entgegen, als sie dem Griechen entgegengetreten sind. Wenn der Grieche seinen Blick in die Natur hinausgerichtet hat, wenn er seinen Blick auf den äußerlich-physisch wandelnden Menschen gerichtet hat, dann hatte er gewissermaßen die Empfindung: Wenn hier der Quell fließt, sich der Berg erhebt, den die Wolke krönt, dort die Sonne aufgeht im Morgenröteglanz, sich der Regenbogen wölbt - durch das alles spricht das Göttlich-Geistige. Der Grieche hat von der Natur so viel gesehen, daß er in allem das Göttlich-Geistige empfindend hat erleben können. Aber seine Naturanschauung war eine solche, daß er in ihr befriedigt war, daß er gewissermaßen seine vollmenschliche Befriedigung fühlte an dem, was er von Natur sah. Ich habe öfter hervorgehoben, daß man mit Recht von einem Fortschritt in der Naturerkenntnis spricht, und gerade Anthroposophie ist geeignet, die wahre Bedeutung des naturwissenschaftlichen FortschritCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 96 tes der letzten Jahrhunderte einzusehen. Ich habe das ja oft betont. Nicht irgendein laienhaftes Abkritisieren der Naturwissenschaft, der Naturanschauung, des Sich-Vertiefens in die Natur kann der Anthroposophie naheliegen, sondern allein ein wirkliches liebevolles Vertiefen. Ja, meine lieben Freunde, in bezug auf die Natur haben die Menschen in den letzten Jahrhunderten viel, viel gelernt. Und wenn man dasjenige, was gelernt worden ist, vertieft, so bekommt man aus einer Naturanschauung heraus - wie ich Ihnen gerade von dieser Stätte aus, hier von diesem Platze aus oftmals auseinandergesetzt habe - die Einsicht in des Menschen wiederholte Erdenleben, die Einsicht in die Umwandlung der Natur. Man bekommt einen perspektivischen Blick in Zukunftszeiten, wo der Mensch wieder beleben wird, was er durch seine Sinne und durch seine Seele und durch seinen Geist in der Gegenwart erlebt. Und man bekommt durch eine richtige Vertiefung in die Natur eine andere Anschauung, eine andere Totalauffassung von der Natur, als der Grieche sie hatte. Man möchte sagen, der Grieche sah die Natur an wie ein ausgewachsenes Wesen, das ihm die Herrlichkeit der göttlichgeistigen Welt offenbarte. Der moderne Mensch kann nicht mehr so die Natur anschauen. Wenn wir überall auf das hinschauen, was wir heute von den Naturwesen empfinden können, mit all unseren vorzüglichen Instrumenten, mit all unseren vorzüglichen Werkzeugen, dann erscheint uns die Natur samt dem natürlichen Menschen als etwas, was keimhaft ist, was in seinem Schöße etwas trägt, das erst in der Zukunft sich entfalten kann. Der Grieche sah jede Pflanze als etwas an, was unmittelbar so, wie es sich darlebt, ein vollkommenes Dasein hatte, weil der Gott der Pflanze in der einzelnen Pflanze lebt. Wir sehen die Pflanze an als etwas, aus dem in der Natur ein Höheres werden muß; wir sehen in allem, wo wir hinblicken, heute ein Keimhaftes. Und uns erscheint in dem, was wir heute nicht in der fertigen, sondern ich möchte sagen in der zukunftsschwangeren, zukunftsträchtigen Natur sehen, in alledem schauen wir etwas, demgegenüber wir beginnen uns zu sagen: Ein Göttliches waltet in der Natur und muß walten, weil es die keimhafte Natur zu einer einstmals vollkommenen Gestaltung bringen wird. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 97 Wir haben genauer hinsehen gelernt auf die Natur. Wenn der Grieche den Vogel gesehen hat, sehen wir in der Natur das Ei. Während der Grieche das fertige Wesen gesehen hat, sehen wir überall die Anlagen. Und eine richtige Naturanschauung hat heute derjenige, der hingerissen werden kann mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Herzen, mit seinem ganzen Gemüte von der Keimhaftigkeit, von der Anlagehaftigkeit der Natur. Das ist die andere Seite der heutigen Naturerkenntnis. Wenn man anfängt, religiös in das Mikroskop zu sehen, wenn man anfängt, religiös in das Teleskop zu sehen, so merkt man überall Keimzustände. Die Genauigkeit des Naturanschauens läßt uns die Natur im Embryonalzustand sehen, läßt uns die Natur sehen als überall schaffend, läßt uns die Natur sehen als überall der Zukunft zueilend. Das ergibt ein neues religiöses Ideal. Dieses religiöse Ideal wird allerdings nur derjenige haben können, der auch in dem einzelnen Menschenleben erblickt - wie wir das oftmals dargestellt haben hier an diesem Orte -, was ihm als keimhaft erscheint für künftige andersgeartete menschliche Erden- und Weltenleben. Der Grieche hat gewissermaßen in dem Menschen den Zusammenfluß des ganzen Kosmos gesehen, aber des gegenwärtigen Kosmos. Der alte Orientale hat in dem Menschen den Zusammenfluß der ganzen kosmischen Vergangenheit gesehen. Wir fühlen in dem Menschen den Keim des Zukünftigen. Das gibt dem neuen religiösen Ideal seine Färbung. Und gehen wir zu dem Künstlerischen über, dann finden wir, wenn wir heute uns in die Natur vertiefen und nicht stehenbleiben bei den toten Konturen, nicht stehenbleiben bei den abstrakten Ideen, sondern uns mit lebendiger Seele hineinvertiefen in die Formen der Natur - ja, was finden wir dann? Meine lieben Freunde, Sie haben es gesehen an den Kapitalen, die ich geben konnte unseren Säulen, Sie haben es gesehen an den Architravmotiven, welche die Säulen krönten drüben: das entstand nicht durch Beobachtung der Natur, das entstand durch Miterleben mit der Natur. Die Natur bringt Formen hervor, die aber auch anders sein könnten; die Natur fordert uns überall auf, ihre ForCopyright Rudolf Steinet Nachlass-Veiwaltung Buch: 257 Seite: 98 men in andere zu wandeln, zu metamorphosieren. Wer Natur nur beobachtet, kopiert sie, verfällt in Naturalismus. Wer die Natur erlebt, wer die Linien der Pflanzen, die Farben der Pflanzen nicht bloß anschaut, sondern innerlich erlebt, für den schlüpft aus jeder Pflanze, aus jeder Gesteinsform, aus jeder Tierform eine andere heraus, die er dem Material einprägen kann. Man macht es nicht so wie der Grieche, der gewissermaßen in der Technik des Materials den Geist ganz ausdrücken wollte, man ringt mit den Formen der Natur und schafft aus den Formen der Natur selbständige Formen heraus, nicht in symbolischallegorischer Weise wie bei den Orientalen, auch nicht in solch adäquater Weise wie bei den Griechen, aber so, daß in der sinnlichen Offenbarung sich unmittelbar etwas ausdrückt, was in jeder Linie, was in jeder Farbe hinstrebt zu dem Göttlichen. Bei den Orientalen drückte sich gewissermaßen durch das Symbolum, durch das Allegorische das Göttliche aus, strahlte heraus wie eine Aura, wie eine Wolke, so daß das Göttlich-Geistige die Formen überquellte, die Formen überwucherte, daß es mehr sagte als die Formen. Wir modernen Menschen müssen Kunstwerke schaffen, bei denen die Form mehr sagt als die Natur sagt, aber ganz natürlich spricht, so daß jede einzelne Linie, jede einzelne Farbe wie ein Naturgebet wird zu dem Göttlichen. Wir ringen gewissermaßen der Natur diejenigen Formen ab, durch welche die Natur selber verehren kann das Göttliche. Wir sprechen gewissermaßen künstlerisch zur Natur. Eigentlich möchte jede Pflanze, jeder Baum in einem Gebete aufblicken zu einem Göttlichen. Wir sehen es der Physiognomie des Baumes, der Physiognomie der Pflanze an. Aber die Ausdrucksmöglichkeiten der Pflanze, des Baumes, sind nicht groß genug. Sie liegen veranlagt in Baum und Pflanze. Holen wir heraus, was in Baum und Pflanze, in Wolke und Stein an Linienführung, an Farbe, an innerer Lebendigkeit lebt, prägen wir es dem Baumaterial, prägen wir es dem Bildhauermaterial ein, dann spricht durch unser Kunstwerk die Natur zu den Göttern. Wir entdecken den Logos in der Natur. Und uns erscheint in unserer Kunst eine höhere Natur als die Natur draußen, eine Natur, die nun ihrerseits auf ganz natürliche Weise den Logos hinaufströmen läßt zu der göttlich-geistigen Welt. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite:99 In den orientalischen Kunstwerken strömte der Logos herunter, und einen stammelnden Ausdruck nur fand er in dem menschlichen Kunstmaterial. Unsere Kunstformen müssen wirkliche Sprachformen sein, die diejenige Sprache sprechen, welche die Natur sprechen möchte, wenn sie an ihr Ziel kommen könnte. Das ist das künstlerische Ideal, jenes künstlerische Ideal, welches sich hinstellt neben das religiöse Ideal, welches die Natur in ihren Anlagen, in ihren Keimungen sieht. Und das dritte ist unser wissenschaftliches Ideal, jenes Ideal, welches nicht mehr, wie beim Orientalen, den Gedanken als etwas empfindet, was unmittelbar der Gott in die Seele raunt. Unser modernes Gedanken- oder Ideenideal kann auch nicht mehr so wie der Grieche Gedanken empfinden als ein im Menschen entstehendes Zeugnis für das Göttliche; wir finden auf rein menschliche Weise, durch menschliche Arbeit den Gedanken, durch menschliche innere Seelenarbeit. Haben wir uns aber so zu den Gedanken aufgeschwungen, daß wir nichts von Egoismus, nichts von Selbstsucht, nichts von innerer Leidenschaftlichkeit, die eingenommen ist für das oder jenes, also nichts von menschlicher Parteinahme für das eine oder andere Urteil in den Gedanken einfließen lassen, haben wir uns als Mensch dazu aufgeschwungen, den Gedanken in derjenigen Form in uns zu erleben, die er selber annehmen will, dann fühlen wir uns nicht wie den Former, wie den Macher des Gedankens, sondern wie den innerlichen Seelenschauplatz, durch den der Gedanke in uns selber sich auslebt. Und dann empfinden wir das Große gegenüber den Gedanken, die wir selber uns gebildet haben, gegenüber den Ideen, die wir scheinbar selber in uns geschaffen haben, ohne Selbstsucht, ohne Parteinahme für das eine oder andere Urteil. Dann werden wir überrascht: die Ideen, die wir so gebildet haben, sind würdig, das Göttliche abzubilden. Wir entdecken hinterher, wie der in unserer eigenen Brust geformte Gedanke würdig ist, das Göttliche abzubilden. Wir entdecken zuerst den Gedanken und entdecken nachher: Der Gedanke ist ja der Logos! Während du selbstlos deinen Gedanken in dir sich selber formen lassest, hast du dir durch die Selbstlosigkeit die Möglichkeit geschaffen, daß der Gott der Schöpfer deines Gedankens war. - Was der Orientale als Offenbarung des Gedankens empfand, was der Grieche als Zeugnis empfand durch den Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 100 Gedanken, das empfinden wir als eine lebendige Entdeckung: wir haben den Gedanken, und er kündigt sich uns hinterher als dasjenige an, was den Gott ausdrücken darf. Das ist unser wissenschaftliches Ideal. Und so stehen wir in der Menschheitsentwickelung darinnen, erfassend den Zeitpunkt, in dem wir innerhalb der Menschheitsentwickelung leben, und wissen: Es muß uns gelingen, nicht bloß anzuschauen das menschliche Haupt mit den Ohren an der Seite, mit dem Kehlkopf, mit den verkrüppelten Schulterblättern, sondern es muß uns gelingen, indem wir die Form der Natur umbilden, daß aus dem Wachsen der Schulterblätter, aus dem Verweben des Kehlkopfes mit den Ohren, Eines entsteht aus Brust, Kopf, Flügel, Kehlkopf und Ohr, was uns als luziferische Gestalt erscheint. Wir gelangen dazu, dasjenige Künstlerische in der Natur zu sehen, was in der Natur die Form leben läßt, so daß ein höheres Leben der Form herauskommt, als es in der Natur selber ist. Dadurch aber sind wir auch imstande, die Natur noch da zu verfolgen, wo sie selber metamorphosierend den Menschen umgestaltet. Wir sind imstande, diese Kunst hineinzutragen in das pädagogischdidaktische Feld. Da, wo das Kind jeden Tag ein anderes wird, da tragen wir in das pädagogische Arbeiten die künstlerische Schaffenskraft hinein, weil wir sie zunächst in der Kunst selber so ergriffen haben, daß wir in dieser Kunst sehen die über sich selber hinauswirkende, den Logos produzierende Natur. Wir lernen an der Quelle, die mehr wird als Quelle, die zu den Göttern spricht, wir lernen an dem Baum, der mehr ist als Baum, weil er durch seine Äste nur in Gebärden stammelt, während er in denjenigen Formen, die aufgehen vor der modernen künstlerischen Phantasie, mit seinen Ästengebärden, mit seinen Kronengebärden zu den Göttern hinaufweist, wir lernen an dem Kosmos, indem wir seine Formen metamorphosierend so umgestalten, wie sie umzugestalten versucht worden sind in unserem Goetheanum, wir lernen daran, wie wir von Tag zu Tag an dem Kinde mitzuwirken haben, um dasjenige umzuschaffen, was sich eben am Kinde von Tag zu Tag umschafft. Wir sind dadurch imstande, die Kunst in die Menschheitsbehandlung, in die Pädagogik hineinzutragen. Und so auf andern Gebieten, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 101 So aufgefaßt, entstehen die drei neu belebten großen Ideale der Menschheit vor des Anthroposophen Seele: das religiöse Ideal, das künstlerische Ideal, das Erkenntnisideal. Durch die Formen des Goetheanum sollte sich der Anthroposoph begeistert fühlen zum Erleben dieser Neugestaltung der hehren großen Menschenideale. Das müssen wir jetzt still in unsere Seelen einschreiben. Aber wir müssen uns daraus Begeisterung holen. Und wenn wir uns Begeisterung holen für das, was uns in dieser Weise durch die drei Ideale zum Göttlich-Geistigen erhebt, dann wird uns das irdische höchste Ideal daraus. Wenn im Evangelium gesagt wird: Liebe deinen Nächsten als dich selbst und Gott über alles -, so muß auf der andern Seite gesagt werden: Wer das Göttlich-Geistige so ansieht, wie es im Sinne der drei in die Gegenwart hereinversetzten Ideale von dem modernen Menschen angesehen werden muß, der lernt das Göttlich-Geistige lieben, denn er fühlt, daß er nicht Mensch sein kann, wenn er sich nicht mit aller ihm nur möglichen Liebe hingibt an diese drei Ideale. Dann aber fühlt er sich mit denen, die diese Liebe in gleicher Weise nach oben schicken können, auch in gleicher Weise vereint. Er lernt das Göttlich-Geistige über alles lieben - und dann seinen Nächsten als sich selbst, aus der Liebe zum Göttlichen. Und die Ranküne kommt nicht auf. Das aber ist dasjenige, was die einzelnen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zu einem Ganzen zusammenhalten kann. Das brauchen wir in der Gegenwart. Wir haben es eben erlebt, daß wir die Phase durchgemacht haben in der Anthroposophischen Gesellschaft, welche das Anthroposophische in einzelne Zweige des Lebens hat ausfließen lassen: in das Pädagogisch-Didaktische, in andere praktische Lebensformen, in das Künstlerische und so weiter. Wir brauchen heute einen Zusammenschluß. Wir haben ausgezeichnete Waldorf-Lehrer, ausgezeichnet Wirkende auf andern Gebieten. Wir brauchen heute bei allen denen, die auf ihren einzelnen Posten ihr Bestes geben, auch, daß sie nun den Weg finden, damit die Quellen des anthroposophischen Lebens selber neu fließen. Das brauchen wir heute. Und weil wir es brauchen, weil wir brauchen, daß Zeugnis abgelegt werde durch die führenden anthroposophischen Persönlichkeiten für das Bewußtsein, daß gegenwärtig eine Neubelebung der AnthropoCopyright Rudolf Steinet Nachlass-Veiwaltung Buch: 257 Seite: 102 sophischen Gesellschaft notwendig ist, tritt diese Versammlung in Stuttgart in den nächsten Tagen zusammen, und man muß, wenn man es ehrlich meint mit der Anthroposophischen Gesellschaft, die denkbar größten Hoffnungen für dasjenige haben, was in diesen nächsten Tagen in Stuttgart geschieht. Denn nur dann, wenn diejenigen Persönlichkeiten, die dort auftreten werden, Töne finden werden für dies oder jenes, die herausklingen aus einer wahren, tatkräftigen Begeisterung für die drei großen Ideale, die zu gleicher Zeit in Liebe ausfließende Ideale sind, nur dann, wenn Garantie dafür vorhanden ist durch die Kraft und den Inhalt der Worte, die da gesprochen werden, kann gehofft werden, daß die Anthroposophische Gesellschaft ihr Ziel erreicht. Denn dasjenige, was da zutage tritt, wird eben dann in weiteren Kreisen ebenfalls zutage treten müssen. Für mich selber wird es sich ergeben, was ich zu tun habe, je nachdem wie diese Stuttgarter Tagung ausfällt. Erwartungsvoll sieht man ihr entgegen. Sie bitte ich, insofern Sie vielleicht nicht hinfahren, mit kraftvollen Gedanken dabei zu sein. Denn es handelt sich um ein Dabeisein bei einem wichtigen Momente, um das tatkräftige Sich-Einsetzen auf einem gesunden Boden für die der heutigen Menschheit notwendigen großen Ideale, jene großen Ideale, von denen uns nicht eine menschliche Willkürschrift spricht, sondern diejenige Schrift, die aus der ganzen Entwickelung, aus dem Sinn der ganzen Entwickelung der Erdenmenschheit selber so klar zu uns spricht, wie die Tagessonne zu dem wachen Menschen spricht. Wollen wir in dieser Weise Begeisterung anfachen in unseren Seelen, dann wird Begeisterung zu Taten werden. Und Taten brauchen wir. |


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ablage/offen/rudolf_steiner/mitglieder/164_ga_257_anthroposophische_gemeinschaftsbildung/005_fuenfter_vortrag.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:05

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