Lebensgleichgewicht
FÜNFTER VORTRAG , 4. Juli 1916
Die Bedeutung des Luziferischen und Ahrimanischen im Menschenleben und das Finden des Ausgleichs zwischen den beiden Einseitigkeiten. Notwendigkeit symptomatischer Betrachtung zur Erkenntnis des wahren geistigen Ganges der Ereignisse und zum Finden des Gleichgewichtes zwischen dem Leben in der menschlichen Seele und den Vorgängen in der äußeren Welt. Das Mysterium von Golgatha als zentrales Ereignis in der Erdenentwicklung für eine symptomatische Geschichtsbetrachtung.
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ja, wie wir gesehen haben, heute durchaus nicht unnötig, auf dasjenige zu sehen, was aus dem Wirken, Meinen und Glauben unserer Zeit entgegenstrebt und sich entgegenstellt dem, was wir als
Geisteswissenschaft erkennen wollen, und von dem wir die Ansicht
haben müssen, daß es ein notwendiger Bestandteil werden muß der
geistigen Kulturentwickelung der Menschheit der Gegenwart und
der nächsten Zukunft. So ist dasjenige, was vorgebracht worden ist,
durchaus nicht ohne Zusammenhang nicht nur mit den Anschauungen unserer Geisteswissenschaft, sondern mit dem ganzen Impuls, mit der Kraft, die in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung liegen soll. Und eben nach dieser Richtung möchte ich heute
zunächst einige ergänzende Betrachtungen vorbringen.
Immer wieder und wiederum muß man ja mahnen, daß gewisse
Vorstellungen, Begriffe und Ideen, die innerhalb unserer Geisteswissenschaft Bedeutung haben müssen, nicht zu bloßen Wortvorstellungen werden, daß man namentlich an diesen Vorstellungen
der Geisteswissenschaft, die ja in vieler Beziehung ein neues Geistesgut der Menschheit bedeuten, nicht herangehe mit alten Vorstellungen und inneren Seelengewohnheiten. So ist es insbesondere
notwendig, daß man an solche Vorstellungen wie das «Ahrimanische», das «Luziferische» nicht herangehe mit all den gewohnten
Empfindungen und Vorstellungen, die man einfach hegt, wenn
man die betreffenden Worte bildet. Wir brauchen uns ja nur vorzustellen, wie in südlicheren Gegenden eine Dämonen-Vorstellung
herrscht, die wir mit unseren Empfindungen treffen, wenn wir den
Namen Luzifer aussprechen. Wir sollen aber nicht, wenn wir die
geisteswissenschaftliche Vorstellung von Luzifer bekommen, dieselben, ich möchte sagen, durchaus abweisenden Vorstellungen und
Empfindungen haben, wie man sie bei den alten Dämonenvorstellungen hatte. Ebensowenig dürfen wir die Vorstellungen, die in der
Menschenseele auftauchten, wenn die mittelalterlichen Teufelsvorstellungen erweckt wurden, ohne weiteres auf unser Ahrimanisches
anwenden. Wir müssen uns klar sein, daß die Welt, so wie sie vor
uns steht, gewissermaßen ein Gleichgewichtszustand ist. Der Waagebalken ruht horizontal nicht dadurch, daß wir ihn einfach als
Waagebalken haben, sondern daß links und rechts Gewichte daranhängen, die sich das Gleichgewicht halten. So ist es mit allem, was
in unserer Welt ist. Sie ist nicht durch die Ruhe, sie ist nicht durch
das Nichts, sie ist durch das Gleichgewicht, welches bewirkt wird
dadurch, daß auf der einen Seite die Möglichkeit vorhanden ist, daß
nach der luziferischen Seite ein radikales Ablenken von dem Rechten und Guten stattfindet, und dadurch, daß nach der anderen, der
ahrimanischen Seite ein Ablenken stattfindet. Wer nun einfach
sagt: Ich muß mich hüten vor allem Ahrimanischen oder Luziferischen -, der ist in dem gleichen Falle, wie einer, der sagt: Eine
Waage will ich schon haben, aber keine Gewichte auf die beiden
Waagschalen legen! Wir wissen ja, daß wir zum Beispiel zu gar
keiner Kunst kommen könnten, wenn nicht das Luziferische in der
Welt eine Rolle spielte. Wir wissen auf der anderen Seite, daß man
zu keiner Anschauung der äußeren Natur kommen konnte, wenn
nicht das Ahrimanische eine Rolle spielte. Es handelt sich nur darum, daß im Menschengemüte der Gleichgewichtszustand herbeigeführt wird. Und weil das so ist, kann man dem Ahrimanischen und
dem Luziferischen verfallen, gerade wenn man glaubt, alles Ahrimanisch-Luziferische abzuweisen. Gegen die Wirklichkeit läßt sich
zwar sündigen, aber die Wirklichkeit läßt sich nicht unterdrücken!
So wird jemand, der sich vor dem Ahrimanischen hüten will, sehr
leicht dem Luziferischen, jemand, der sich vor dem Luziferischen
hüten will, sehr leicht dem Ahrimanischen verfallen. Die Sache ist
die, daß wir das Gleichgewicht finden, daß wir vor keinem zurückschrecken, daß wir als Menschen Mut genug haben, sowohl, sagen
wir, der ahrimanischen Furcht, wie der luziferischen Hoffnung
oder Lust entgegenzutreten. Aber unsere Zeitkultur liebt dieses
nicht. Unsere Zeitkultur liebt, ohne daß sie es weiß und selbstverständlich ohne daß sie es will, in gewisser Beziehung das Ahrimanische und das Luziferische. Sie glaubt sich davor zu hüten, verfällt
ihm aber erst recht!
So im Allgemeinen, in Abstraktem herumreden führt eigentlich in
der Regel zu gar nichts. Wir kommen nur zu etwas, wenn wir solch
bedeutsame Lebensfragen ganz konkret anfassen. Und deshalb wähle ich so viele besondere Beispiele, an denen man sehen kann, wie der
Mensch das Gleichgewicht im Leben finden kann, die Ausgleichung
zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Einheit und Mannigfaltigkeit. Es gibt Philosophen oder Weltanschanungsleute, die sagen, sie
streben nach der Einheit. Das ist schön, aber es ist rein luziferisch!
Andere streben nach der Mannigfaltigkeit, wollen nichts wissen von
einer Einheit. Auch das kann heute Früchte bringen, ist aber ahrimanisch. Nur derjenige, der die Einheit in der Mannigfaltigkeit, und
wiederum die Mannigfaltigkeit so sucht, daß sich durch die Mannigfaltigkeit die Einheit offenbart, strebt nach dem Gleichgewichte. Es
handelt sich nur darum, daß man die Möglichkeit findet, dies in der
Wirklichkeit zu tun. Ich kann immer nur einzelne Versündigungen
gegen das Gleichgewicht anführen.
Eine solche Versündigung geschieht in unserer Zeit hauptsächlich
dadurch, daß man Geschichte in einer ganz bestimmten Weise betrachtet. Wie betrachtet man heute Geschichte? Man studiert, wie die
Ereignisse aufeinander folgen, wie die Ereignisse in der Zeit, wie man
glaubt, nach Ursache und Wirkung zusammenhängen. Das Nächstfolgende nimmt man, versucht es aus dem unmittelbar Vorhergehenden zu erklären, wobei allerdings zu bemerken ist, daß ja heute das
Gedächtnis der Menschen in der Regel sehr kurz ist. Wir können es ja
bemerken, daß seit fast zwei Jahren die Menschen so sprechen über
die Ereignisse der Geschichte, über die Ereignisse, die zu diesen gegenwärtigen, furchtbar tragischen Konflikten geführt haben, als ob
die Welt überhaupt erst ihren Anfang genommen hätte im Juli 1914.
Die Menschen vergessen so leicht, was vorher geschehen ist. In zahl-
reichen Betrachtungen finden wir heute, wie dasjenige, was vorhergegangen ist, einfach vergessen wird. Aber davon noch ganz abgesehen, wenn man Geschichte schon einmal betrachtet, so wird das Folgende an das Vorhergehende angereiht, das Vorhergehende wiederum an das Nächstvorhergehende. Man macht das so, daß man immer,
ich möchte sagen, die einzelnen Tatsachen aneinanderreiht, wie die
einzelnen Perlen einer Perlenkette. Das nennt man dann Geschichte.
Dadurch aber kann man niemals die Wahrheit finden, mindestens
kann man nicht eine solche Wahrheit finden, daß sie uns als geschichtliche Wahrheit für das Leben helfen kann. Denn die Ereignisse
folgen zwar aufeinander, eines auf das andere, aber das eine Ereignis
ist viel wichtiger als das andere. Und zuweilen zeigt sich an einem bestimmten Ereignisse, das in einer bestimmten Zeit stattfindet, viel
mehr für das Verständnis des nächstfolgenden, als durch andere Ereignisse. Es handelt sich darum, daß man die richtigen Ereignisse, die
richtigen Tatsachen findet. Solch eine Geschichtsbetrachtung nannte
ich oftmals vor Ihnen eine symptomatische Geschichtsbetrachtung,
im Gegensatz zu der bloß pragmatischen, die man heute vielfach
sucht, eine Erkenntnis des inneren, des geistigen Werdeganges aus
Symptomen, wobei man an gewissen Stellen Ereignisse findet, die die
Ereignisse ihrer Umgebung an Bedeutung überragen.
Diese Betrachtungsweise ist vorzugsweise eine Goethesche; denn
Goethe hat das in seine ganze Betrachtungsweise eingeführt, nicht
einfach jedes Ereignis so neben das andere hinzustellen, sondern die
Ereignisse nach dem, wie sich das Geistige in ihnen mehr oder minder offenbart, als bedeutsam für den Gang der Menschheitsereignisse
hinzunehmen. Es wird einmal eine Geschichtsschreibung kommen
über die gegenwärtigen tragischen Konflikte, da wird man ganz bestimmte einzelne Tatsachen der letzten Jahrzehnte erzählen, und
man wird aus diesen Tatsachen erkennen, wie sich alles ergeben hat,
so daß das Heutige gekommen ist. Heute ist nicht die Zeit, solche
Tatsachen zu erzählen, es würde nur mißverstanden werden. Aber
man wird Tatsachen erzählen, die heute, wenn sie jemand liest, einfach übergangen werden, aus denen aber, wenn ich so sagen darf, die
Wahrheit ausstrahlt. Ich habe das im Laufe der Jahre immer so ge-
macht: Ich habe Ihnen mannigfaltige Tatsachen erzählt, niemals
ohne die Absicht, durch diese Tatsachen über den wahren geistigen
Gang der Ereignisse zu sprechen. Nun, über diese Sache mußte ich
mehr abstrakt sprechen, denn wollte ich auf einzelne Tatsachen eingehen, welche, klärend wirken können gerade für die Gegenwart, so
würde ich wahrscheinlich doch Dinge besprechen müssen, die heute
nicht besprochen werden können, weil man sie nicht hören will.
Derjenige, der nicht so Geschichte betrachtet, sie nicht symptomatisch betrachtet, der findet nicht das Gleichgewicht zwischen Ahrimanischem und Luziferischem, er verfällt einer ahrimanischen Geschichtsbetrachtung. Daher ist die heutige Geschichtsbetrachtung
zum großen Teil ahrimanisch. Es werden die Tatsachen nicht bewertet. Die Leute glauben zwar, die Tatsachen zu bewerten, sie tun es
aber nicht. Sie kennen sogar die wichtigsten zumeist nicht, weil sie
die wichtigen Tatsachen für das Unbedeutendste halten. Aber das
Umgekehrte findet auch statt, und darüber können wir schon genauer sprechen. Das Umgekehrte ist, wenn der Mensch nun gar nicht auf
die Tatsachen Rücksicht nimmt, sondern sich aus seinem Herzen,
aus seiner Seele heraus allgemeine Wahrheiten formt, die gelten
sollen, die er sozusagen mit sich durch das Leben trägt, und die er
überall anbringen will. Da kann er dann in dieser Lebenslage und in
der entgegengesetzten Lebenslage sein: Überall wird er dieselbe
Wahrheit anbringen. Das ist mehr eine luziferische Ausschreitung.
Aber die Menschen lieben sie heute. Sie möchten sozusagen eine Art
Essenz der Wahrheit haben, und für diese soll sich ihnen nirgends
mehr etwas anderesergeben, die soll sie durch alle, alle Einzelheiten
tragen, das ist ihnen angenehm. Aber so geht es nicht, man muß
das Gleichgewicht finden.
Nun will ich Ihnen begreiflich machen, was ich damit meine auf
diesem Gebiete. Sehen Sie, der Mensch kann durch die Welt gehen,
kann oben auf einem Gebirge stehen, kann die breite Natur auf sich
wirken lassen; nun ja, er schaut sich das an, aber er verbindet das
nicht mit dem Geistigen. Wiederum geht er in die Heimstätten der
Menschen, wo das Elend sitzt. Er schaut sich das an, er wird auch
betroffen davon, er fühlt mit. Aber dasjenige, was er schließlich über
die höchsten Dinge denkt, bleibt überall dasselbe, er trägt das durch
alle Situationen hindurch. In der Volksweisheit, die allerdings jetzt
immer mehr und mehr zurückgeht, findet sich eine deutliche Empfindung, ja auch eine deutliche Arbeit, das Gleichgewicht bei den
Seelen zu suchen. So konnte es vorkommen - wie gesagt, jetzt hört
diese Volksweisheit allmählich immer mehr und mehr auf -, daß jemand durch ein Dorf ging zu der Zeit, als es noch Sonnenuhren gab.
Jetzt kann es ja Sonnenuhren nicht mehr leicht geben, denn die ließen
sich ja gar nicht, je nachdem man will, um eine Stunde zurückstellen
oder vorstellen! Das geht doch nicht! Also in der Zeit, in der die
Sonnenuhren noch eine Bedeutung hatten, konnte jemand durch ein
Dorf gehen, sah eine Sonnenuhr, unter der Sonnenuhr fand er Worte
geschrieben. Die Worte waren schon so, daß sie Eindruck machten
auf ihn. So zum Beispiel ein Spruch unter einer Sonnenuhr:
Ich bin ein Schatten.
Das bist auch du!
Ich rechne mit der Zeit.
Und du?
Denken Sie sich, welche tiefen Worte unter der Sonnenuhr stehen:
«Ich bin ein Schatten. Das bist auch du!» Ein Schatten, der von der
Sonne geworfen wird! - «Ich rechne mit der Zeit. Und du?» Wie
spricht unter der unmittelbaren Anschauung einer konkreten Wirklichkeit die tiefe Wahrheit, daß das Menschenleben ein Schatten ist
desjenigen, was in der Geistigkeit wirkt und webt! Wie anschaulich
tritt das dem Menschen, und mächtig sich einprägend ins Herz, da
entgegen, wo er, vom Wandern müde, unter eine Uhr tritt und den
Schatten sieht, und nun darauf aufmerksam gemacht wird: «Ein
Schatten bist auch du. Ich rechne mit der Zeit. Und du?» Denken Sie
sich, welch mächtige Frage an den Menschen, an das menschliche
Gewissen: Rechnest du mit der Zeit, findest du dich hinein in die
Zeit? - Das meine ich damit, wenn ich sage: Gleichgewicht muß gesucht werden. Daß die Menschen nicht einfach gehen und die Tatsachen nebeneinander wirken lassen, eine so gut wie die andere, son-
dem hingewiesen werden darauf, daß da eine bedeutsame Tatsache
ist, die Großes sprechen kann zu dem Menschen, von ewigen Wahrheiten sprechen kann, das ist bedeutsam. Da findet jene Verschwisterung statt zwischen dem, was in der menschlichen Seele lebt und
dem, was draußen im Räume ausgebreitet ist. Und nur dadurch finden wir uns wirklich mit der Wahrheit der Welt zusammen, daß wir,
indem wir mit der Welt verkehren, immer auf die Wahrheit stoßen,
daß wir nicht die Wahrheit einfach von vornherein in uns tragen
wollen, an einer Sonnenuhr so vorbeigehend wie an einem Pflug und
dergleichen, sondern daß wir, indem wir die Dinge anschauen, zugleich belehrt werden über das Höchste, das Größte, das in der
menschlichen Seele aufleuchten kann. Dieses Zusammenleben mit
der äußeren Wirklichkeit, mit dem, was im Räume ausgebreitet ist,
dieses Im- rechten- Augenblicke-sich-dem-Ewigen-Gegenüberfühlen, das ist noch etwas ganz anderes, als aus einem Buche zu lernen,
dieses oder jenes gehöre zu den ewigen Wahrheiten. Wir können
noch so oft uns im abstrakten Sinne einprägen, das Menschenleben
sei ein Schatten desjenigen, was in den Ewigkeiten mit dem Menschen geschieht, wir können uns noch so viele schöne, ethische
Wahrheiten einprägen über den Gebrauch der Zeit: So tief werden
sie nicht sitzen, wie wenn wir das rechte Verhältnis finden zwischen
uns und der äußeren Wirklichkeit. Dann wird uns an der einzelnen
konkreten Tatsache ein Bedeutsames entgegentreten. Das heißt das
Gleichgewicht finden im Leben, das uns nicht werden kann, wenn
wir uns an die Außenwelt verlieren, und uns nicht werden kann,
wenn wir uns nur in unser Inneres vertiefen. Mystik ist einseitig, ist
luziferisch; Naturwissenschaft ist einseitig, ist ahrimanisch. Aber
Mystik, entwickelt am Äußeren, an der äußeren Naturbetrachtung,
Naturbeobachtung vertieft zur Mystik: Das ist das Gleichgewicht!
Oder ein anderes Beispiel. Denken Sie sich einmal einen Menschen, der in einer schönen Alpengegend wandert und, sagen wir,
an einem Morgen den Gesang der Vögel, die Schönheit der Wälder,
vielleicht auch die wunderbare jungfräuliche Reinheit des Wassers,
das in Bächen hinunterrieselt, beobachtet. Und er wandert weiter,
wandert vielleicht schon eine Stunde, einundeinhalb Stunden, und
kommt dann an ein einfaches Holzkreuz mit dem Crucifixus, mit
dem Christus daran. Er ist vielleicht innerlich froh, alle frohen
Kräfte seiner Seele sind aufgerüttelt, er hat Schönes, Großes, Herrliches, Erhabenes gesehen. Er ist auch abgemüdet. Nun tritt er an
einer bestimmten Stelle, wo um ihn die wunderbar erhabene und
anmutige Natur ist, vor ein einfaches Holzkreuz mit dem Christus
darauf, und auf diesem stehen die Worte:
Halte still, du Wandersmann,
Und sieh dir meine Wunden an.
Die Wunden stehn.
Die Stunden gehn.
Nimm dich in acht und hüte dich,
Was ich am Jüngsten Tage über dich
Für ein Urteil sprich!
Das Erlebnis, das man diesen Worten gegenüber haben kann,
kann größer, in unser Herz einschneidender sein als das Erlebnis,
das man gegenüber dem bekannten Michelangeloschen Bilde des
Christus in der Sixtinischen Kapelle haben kann. Kein Mensch
weiß, wer die Worte gedichtet hat, die ich eben gesprochen habe.
Jeder aber, der etwas versteht von Dichtung, weiß, daß derjenige,
der die Worte geprägt hat: «Die Wunden stehn. Die Stunden gehn»
zu den größten Dichtern gehört, die es überhaupt geben kann.
Aber diese Empfindung muß man erst haben. Man muß erst wissen, daß wahre Dichtung diejenige ist, die an der rechten Stelle aus
der menschlichen Seele herausquillt. Nicht jedes Wortgereimsel,
nicht alles dasjenige, was als Dichtung existiert, ist wirkliche Dichtung. Aber es ist wirkliche Dichtung, wenn aus den ewigen Wahrheiten des Christentums herausquillt:
Halte still, du Wandersmann,
Und sieh dir meine Wunden an.
Die Wunden stehn.
Die Stunden gehn.
Nimm dich in acht und hüte dich,
Was ich am Jüngsten Tage über dich
Für ein Urteil sprich!
Einfache Worte, Worte höchster, größter Dichtung! Und so
aufmerksam gemacht werden auf ein Größtes in der Erdenentwikkelung in der erhabenen Natur, in dem anmutig Schönen, das heißt
mit der Seele zusammen die Wirklichkeit im Räume erleben. Es ist
nur ein Beispiel, noch einschneidender als dasjenige mit der Sonnenuhr. Darauf kommt es an, wo und wann dies oder jenes uns
entgegentritt, und daß wir dieses im Leben entwickeln können:
nicht an der Wirklichkeit vorbeizugehen, sondern auch an dem,
was nicht der Mensch gemacht hat, was gewissermaßen von den
ewigen Mächten selber gesetzt ist, dieses Zusammenwachsen der
Menschenseele mit der Wirklichkeit zu erleben und das Gleichgewicht zu erhalten. Nicht eher können wir zu der Anschauung der
geistigen Welt kommen, als bis wir so streben: nicht einseitig nach
Mystik, nicht einseitig nach Naturbeobachtung, sondern nach der
Verbindung zwischen der Mystik und Naturbeobachtung.
Solches muß schon heute gesagt werden, denn es gehört zu demjenigen, für das die gegenwärtige Menschheit am wenigsten eine
wirkliche Empfindung hat, und das in der gegenwärtigen Menschheit am wenigsten Erlebnis werden kann. Deshalb ist der gegenwärtigen Menschheit Geisteswissenschaft so schwer verständlich, weil
dasjenige, was in der Geisteswissenschaft geboten wird, ausgelöscht
wird sowohl durch das einseitige Streben nach einer Einsicht, die
man durch alle Dinge trägt, wie auch durch das Hinnehmen der
Außenwelt, ohne daß man nach symptomatischer Ausprägung und
Offenbarung des Geistigen in dem einen oder anderen Ereignisse
mehr oder weniger sieht. Dafür hat die heutige Menschheit das allerwenigste Verständnis. Hätte sie es, so würde ja in unserer Zeit wirklich viel weniger gereimt werden und, wenn ich gleich das sagen darf,
viel weniger definiert werden. Denn die Menschen kommen durch
Definitionen nur zur Überschätzung der Worte, und durch Reimereien kommen sie nur dazu, die Worte zu mißbrauchen. Ein Gedicht
wie dasjenige, das an diesem einfachen Kreuze steht - man weiß
nicht, wer der Dichter ist, aber es ist sicher entstanden in einer Zeit,
in der im Volksgemüte tiefe dichterische Empfänglichkeit bei dem
einen oder bei dem anderen war und wirkliches Gleichgewicht in der
Seele. Ach, unsere Zeit ist ja so abgestumpft gegen dasjenige, was
wirkliche Dichtung ist, dadurch, daß wir eben viel zu viel Dichtung
haben; und Dichtung bringt immer Dichtung hervor, wie das ungesunde Leben den Krebs hervorbringt, das Karzinom. Denn es ist ja
eine ganz gleiche Erscheinung auf geistigem Gebiete, wenn jeder
heute angeregt wird zu dichten aus dem, was eben in der Dichtung
existiert, wie wenn der Lebensprozeß zur Karzinombildung angeregt wird. Wir haben ja in dieser Beziehung gerade am Ende des 19.
Jahrhunderts die kostbarsten Früchte der Reimkunst erlebt. Sie wissen ja vielleicht, daß einer der bissigsten Berliner Kritiker sich sogar
Alfred Kerr hat heißen müssen, weil er in Wirklichkeit Alfred
Kempner heißt, aber Kempner konnte man sich nicht nennen am
Ende des 19. Jahrhunderts, denn das erinnerte an die Friederike
Kempner. Ja, die hat auch Verse gemacht! Wir brauchen uns ja nur zu
erinnern an den schönen Vers - ich möchte Ihnen nicht viele solche
Verse vorsagen, nur den einen:
Amerika, du Land der Träume!
Du Wunderwelt, so lang und breit!
Wie schön sind deine Cocosbäume
Und deine rege Einsamkeit!
Hier ist es nur sehr auffällig, aber viele Dichtungen, bei denen man
es weniger stark merkt in der Gegenwart, sind genauso, und viele
Begriffe, die gebildet werden, sind ganz genauso, wie die «rege Einsamkeit» der Friederike Kempner; denn man hat oft kein Gefühl
dafür, wie sehr das Eigenschaftswort dem Hauptwort widerspricht,
wenn man heute redet oder schreibt. Es müssen diese Dinge schon
ins Auge gefaßt werden, es geht nicht anders heute. Denn heute redet
mancher so, daß er das Wort nicht nur wie eine Gebärde auffaßt,
denn das ist ja das Wort nur. Sie wissen, ich habe hingewiesen darauf,
wie tolpatschig solch eine Theorie ist wie die von Fritz Mauthner,
der allerdings alle Philosophie und alle Weltanschauung zurückführen will auf bloße Wortbedeutungen, und dann sowohl drei dicke
Bände geschrieben hat wie auch ein ganzes Lexikon, zwei dicke Lexikonbände, in denen alphabetisch aufgereiht sind alle philosophischen Worte, aber kein einziger philosophischer Begriff. Da ist vollständig außer acht gelassen, daß das Wort sich zum Begriff wirklich
so verhält wie eine Gebärde. Bei der Weltanschauung vergißt man
das fortwährend. In der gemeinen Wirklichkeit, da kann man es nicht
vergessen, denn man wird nicht leicht einen Tisch mit dem Worte
Tisch verwechseln, und man wird nicht leicht denken, man müsse
aus dem Worte Tisch heraus den Tisch kennenlernen. Aber bei der
Philosophie, bei der Weltanschauung, tut man das fortwährend. Ich
habe Ihnen gesagt, Fritz Mauthner sollte nur einmal kennenlernen,
was man in Osterreich einen «böhmischen Hofrat» nennt; dann
würde er in sein Wörterbuch «böhmisch» einsetzen und alles mögliche folgern, und dann «Hofrat» und würde wieder alles mögliche
folgern. Nu n ist aber ein «böhmischer Hofrat» weder ein Böhme,
noch ein Hofrat, sondern er kann ein steirischer Kanzleidiener sein.
Es ist alles ein «böhmischer Hofrat» in Österreich, was so mit gewissen Schuhen, die nicht starker auftreten wie die Pantoffeln, und mit
Händen, die so den Nebenbuhler, aber ohne daß er es merkt, beiseite
schieben, sich vorwärts bringt. Das nennt man einen «böhmischen
Hof rat». Er braucht, wie gesagt, durchaus kein Böhme und kein
Hofrat zu sein. Man kann aus dem Wort durchaus nichts gewinnen,
es ist nur eine Gebärde. Die Gebärde tritt hier nur radikaler hervor,
aber es ist so mit allen unseren Worten. Wir müssen uns klar sein, die
Worte sind Gebärden: Der Kehlkopf macht die Gebärde, und die
Gebärde wird hörbar durch die Luft, geradeso, wie die Hand eine
Gebärde macht, oder mein Arm eine Gebärde macht, die nur nicht
hörbar wird, weil sie zu langsam ist. Der Kehlkopf macht die Gebärde so rasch, daß sie hörbar wird. Der ganze Unterschied liegt nur in
der Schnelligkeit des Kehlkopfes. Und ebensowenig, wie man recht
tut, wenn einer auf den Tisch zeigt, seine Armbewegung zu beschreiben statt des Tisches, den er meint, ebensowenig tut man recht, wenn
man das Wort benutzt, um irgend etwas für den Begriff, für die Sa-
che, auch auf geistigem Gebiete zu erhalten. Diese Fehler werden
aber heute immer gemacht. Die Leute legen sich ganz in die Worte.
Sehen Sie, ich habe mir, als ich ein junger Mann war - nein, noch
nicht ein junger Mann, ein Knabe, als ich in Wiener-Neustadt in
Nieder-Österreich auf der Schule war -, einen Spruch gut gemerkt,
der mich davor bewahrt hat, auf Definitionen, auf Worterklärungen
überhaupt in der Welt besonders viel zu geben. Dieser Spruch stand
auf einem Hause so als Hausspruch angeschrieben, und lautete:
Ich, Hans Prasser,
Trink lieber Wein als Wasser.
Tränk ich lieber Wasser als Wein,
Würd' ich kein Prasser sein!
So ungefähr sind die heutigen Worterklärungen vielfach. Das
heißt, man macht zuerst eine Worterklärung, und dann richtet man
die Erklärung so ein, daß sie stimmen muß; denn wenn sie nicht
stimmte, dann war* es eben nicht so, wie es ist. Wenn Sie sich das
merken: «Ich, Hans Prasser, trink lieber Wein als Wasser. Tränk
ich lieber Wasser als Wein, würd' ich doch kein Prasser sein!»,
werden Sie behütet sein vor sehr vielem, was heute auftaucht im
sogenannten geistigen Leben, in breitester Wirklichkeit. Viel, viel
taucht auf in unserer Zeit. Aber alle diese Dinge sind geeignet,
immer mehr und mehr die Welt abzubringen von dem Hinblick auf
das Geistige, von dem Bewußtsein, daß Geist wallt und webt in
dem Wirklichen, in demjenigen, was uns umgibt. Immer mehr und
mehr kommen wir, kommt die Welt ganz ab von einem Zusammenhang mit dem Geistigen. Denn dadurch, daß man von einem
Geistigen spricht, ist ja das Geistige noch nicht gegeben. Wenn ein
Mensch eine Gefoärde macht, die auf eine Wirklichkeit deutet, und
ein anderer dann in einem ganz anderen Raum ihm diese Gebärde
nachmacht, so bedeutet ja diese nicht dasselbe für die Wirklichkeit.
Aber wohin kommt die Welt, wenn sie alles Zusammensein mit
dem Geistigen verliert, wenn sie dies alles abstreift? Es ist merkwürdig, wie wenig man bemerkt, wie man allmählich den Zusammenhang mit der geistigen Welt verliert. Weltanschauungen sind
ein Bedürfnis der Menschheit, und ohne Weltanschauung will ein
Mensch ja doch nicht sein. Die neuere Zeit jedoch ist vielfach ohne
Geistigkeit, ohne einen Glauben, ohne eine Hinneigung zur Geistigkeit. Aber nicht alle, die ohne Hinneigung zur Geistigkeit sind,
können Weltanschauungen entbehren. Ach, dann kommen merkwürdige Rechtfertigungen der Weltanschauung heraus!
So mußte ich in den letzten Wochen eines Mannes gedenken, mit
dem ich um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, 1898, 1899,
1900,1901 öfter zusammen war, der dazumal gestrebt hat nach einer
Weltanschauung, aber nicht zu einer Weltanschauung kommen
konnte. Er versuchte, sie im Haeckelismus zu finden, scheint aber
dann doch nicht befriedigt worden zu sein. Ich habe ihn ganz aus
dem Auge verloren. Und jetzt sehe ich, daß derselbe Mann, der
gründlich naturwissenschaftlich gebildet ist, zwar nach Weltanschauung strebt, aber sich die merkwürdigsten Vorstellungen macht
über die Gründe, warum der Mensch eigentlich zu einer Weltanschauung kommt, und unter Weltanschauung versteht er auch die
Religion. Wenn jemand ganz eingelebt ist in das nur äußerliche,
materielle Auffassen der Tatsachen, in die ahrimanische Wirklichkeit, so kann er ja vor sich selber nicht rechtfertigen, daß er die Tatsachen zu einer Weltanschauung zusammenfaßt. Wenn er aber nun
doch eine Weltanschauung sucht, man möchte sagen, was soll er nun
mit sich selber machen, um dieses Suchen nach einer Weltanschauung zu rechtfertigen? Nun sieht man gerade an diesem Beispiel, auf
welche Abwege die Menschen in der Gegenwart kommen. Es sind ja
alles redlich strebsame Menschen. Dieser Mann sagt sich nun: Nach
dem, was die Naturwissenschaft gibt, was überhaupt eine Wissenschaft gibt, was so einfach die «Wahrheit» ist, auf dem Wege kann
man ja nicht zu einer Weltanschauung kommen. Wie kommt man
also zu einer Weltanschauung? Die Sinne geben die Weltanschauung
nicht; der Verstand, der an die Sinne gebunden sein muß, gibt die
Weltanschauung nicht; was gibt die Weltanschauung? - Und da kam
denn der betreffende Mann darauf, so recht im Sinne unserer Zeit
den Ursprung der Weltanschauung zu suchen, nämlich in der
Psycho-Sexualität! Wodurch kommt der Mensch zu einer Welt-
anschauung? Dadurch, daß er ein sexuelles Wesen ist! Wäre der
Mensch kein sexuelles Wesen, so würde er nicht die Ereignisse zusammenfassen, sondern er würde nur die Tatsachen auffassen. Einen
charakteristischen Ausspruch dieses Mannes möchte ich Ihnen doch
vorlesen. Er sagt:
«In der Psycho-Sexualität liegen also, wie man bei dem Verfolg
des Schopenhauerschen Gedankens sagen kann» - er glaubt das aus
der Schopenhauerschen Weltanschauung zu gewinnen - , «überindividuelle Richtungen und Strebungen, mit denen im letzten Grund
das metaphysische Bedürfnis des Menschen in Zusammenhang gebracht werden muß, wie es sich in der Schöpfung religiöser Gefühle
und Vorstellungen, in der Bildung und Ausprägung zusammenfassender Weltanschauungen ausspricht.» - Also zusammenfassende
Weltanschauungen, religiöse Vorstellungen sind ein Ergebnis der
Psycho-Sexualität! - «Doch dem Gegensatz der Polarität entsprechend, finden wir in der Psycho-Sexualität auch eine Kraft, welche in
die Tiefen und in die Niederungen den Menschen herabzieht. Aus
der Psycho-Sexualität entquellen auch die verbrecherischen Triebe.»
Also zwei Pole in der Menschennatur, die aus der PsychoSexualität kommen. Der eine Pol: Religiöse Gefühle, Weltanschauungsgedanken; der andere Pol: Verbrecherische Triebe. Ist es nicht
- ich sage nicht: traurig, ich sage -: Ist es nicht tragisch, wozu
unsere Zeit führt?
Diese Anschauungen sind nicht leicht zu nehmen. Wer so etwas
beobachtete, der sah, mit welcher ungeheuren Geschwindigkeit diese Anschauungen sich ausbreiteten. In meiner Jugend gab es noch
keine Psychoanalyse, keine Freudsche Theorie, und wer sie dazumal
begründet haben würde, hätte als ein Irrsinniger gegolten. Heute gibt
es nicht nur eine Freudsche Theorie mit Zeitschriften, mit Vertretung in allen Ländern, heute hat es psychoanalytische Anstalten
überall, in denen der psychoanalytische Unfug getrieben wird. Heute werden die wichtigsten, und wie Sie sehen, jetzt auch schon die
heiligsten Erlebnisse der Menschenseele auf Psycho-Sexualität zurückgeführt! Weit, weit ab kommt die Menschheit von jenen Bahnen, in denen sie schon war, in die sie wieder geleitet werden muß
durch Geisteswissenschaft. Denn dasjenige, um was es sich handelt,
ist ja nicht so, daß man sagen kann, man kann solche Dinge furchtbar
leicht widerlegen. Unendlich leicht widerlegen lassen sich die Sachen
nicht, weil es auf die ganze Richtung der Seele ankommt, auf die
ganze Form und Auffassung der Seele kommt es an, wenn man über
diese Dinge sprechen will. Als innerhalb unserer eigenen Gesellschaft ein Büchelchen auftrat, das außerdem noch recht dilettantisch
geschrieben war, über Psycho-Sexualität, da hatten wir einen großen
Kampf auszukämpfen, der noch nicht einmal zu Ende ist. Man konnte gar nicht verstanden werden, warum man ein solches Büchelchen
für etwas Unzukömmliches hält. Ich sagte dem Verfasser: Gerade
deshalb ist der Okkultist zurückhaltend in diesen Dingen, weil in
diesen Dingen das Mißverständnis von der Wahrheit durch eine
Spinnewebewand, nur durch eine Spinnewebe getrennt ist, und weil
es auf die ganze Verfassung der Seele ankommt, weil es gefährlich ist,
über diese Dinge zu reden. - Über solche Dinge muß gesprochen
werden, denn sie werden von der äußeren Wissenschaft untersucht
und werden in der äußeren Wissenschaft eine gewisse Rolle spielen.
Aber man muß erst wiederum zurückkommen auf jene Richtung, die
die Seele nehmen muß, damit der Mensch den Weg ins Geistige
hinein findet.
Im Zusammenhang mit dieser grotesken Tatsache, daß der Ursprung der Weltanschauung in der Psycho-Sexualität gesucht wird,
werde ich Ihnen eine andere nennen, eine Tatsache, die uns allen
heilig ist. Das ist die Tatsache, daß das hebräische Wort, das an der
Stelle der Bibel steht, wo die Paradieses-Erzählung vorgebracht
wird, doch gut übersetzt ist in unsere Sprache, wenn es heißt: «Und
Adam erkannte sein Weib.» Da haben Sie die Erkenntnis, den
Erkenntnisbegriff auch in die Nähe der Sexualität gebracht. Aber
wie? Genau in der entgegengesetzten Art! Dahinter verbirgt sich
ein tiefes Mysterium. Wenn die Menschen auf umgekehrtem Weg
zu den Dingen kommen werden, die wahr sind, aber die nur angeschaut werden dürfen vom Gesichtspunkte des Geistigen, wenn sie
nicht auf Abwege führen sollen, dann wird erst wiederum ein Licht
darüber aufgehen. Hüten muß sich der Mensch in der Gegenwart
vor jener Respektlosigkeit, die besteht gegenüber dem geistigen
Forschen. Und diese Respektlosigkeit besteht einmal. Überhaupt
besteht im tiefsten Sinne des Wortes die Respektlosigkeit vor der
geistigen Welt. Jeder glaubt, aus den allernächsten Erfahrungen des
unmittelbar vor ihm Auftretenden, oder auch aus den Erfahrungen
von gestern reformierend in die Welt eingreifen zu können.
Ein trostloses Beispiel trat mir in diesen Tagen vor Augen! Ein
Mensch ließ die gegenwärtigen tragischen Ereignisse dieses furchtbaren Krieges auf sich wirken und kam zu der Anschauung, daß,
wenn jemals wiederum Friede eintreten würde in der Welt, so wäre
das eine Katastrophe, er kam zu der Anschauung: Krieg muß bleiben, denn das sei der natürliche Zustand der Menschen. Diese
Worte finden Sie bei dem Betreffenden:
«Krieg lernt man nicht an einem Tage. Ein wahres Glück, daß den
Prozeß der Adaptation die Drohungen unserer Gegner beschleunigen, vor allem die letzten mit <voller Vernichtung unseres Exportes>.»
Sie sehen, es ist in den allerletzten Tagen offenbar geschrieben,
denn es wird schon gerechnet mit der Pariser Wirtschaftskonferenz.
«Nun wird niemand mehr der logischen Folgerung ausweichen
können, daß der Friede eine Katastrophe wäre, daß die einzige
Möglichkeit der Krieg bleibt. Der Krieg, - bisher Reaktion auf
Reiz einer Sache, Mittel zum Zweck -: von jetzt ab wird er Selbstzweck, und von jetzt ab werden auch alle jene noch unerlösten
deutschen Seelen, möglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren
Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale keine Reliquien sind, sondern Relikte. Die ganze Nation wird wie ein Mann
den ewigen Krieg fordern.»
Und weiter heißt es bei demselben Herrn:
«Erziehung zum Haß, Erziehung zur Hochachtung des Hasses,
Erziehung zur Liebe zum Hasse, Organisation des Hasses! Fort
mit der unreifen Scheu, mit der falschen Scham vor Brutalität und
Fanatismus! Auch politisch gelte das Wort Marinellis: Mehr Backpfeifen, weniger Küsse! Wir dürfen nicht zögern, blasphemisch zu
verkünden: Uns ist gegeben Glaube, Hoffnung und Haß.» In der
Zukunft darf es nach diesem Herrn eben nicht mehr heißen: Glau-
be, Hoffnung und Liebe, sondern: Glaube, Hoffnung und Haß!
«Aber der Haß ist der größte unter ihnen!»
Ja, meine Heben Freunde, das gibt es! Es kann sich nie darum
handeln, wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand zu stecken,
sondern zu wissen, wohin der Materialismus führt, besonders in
seiner neuesten Phase, wo man ihn aber verleugnet hat. Besser war
er noch im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Büchner- und DavidFriedrich-Strauß-Zeit und in der Zeit des dicken Vogt, der den
Kreislauf des Stoffes beschrieben hat, und all der anderen, die sich
wenigstens dazu bekannt haben. Heute geht er aber in der Heuchlermiene daher, der Materialismus, indem die Leute sagen, er sei
längst überwunden. Aber dasjenige, was sie an die Stelle setzen,
dem gegenüber sie heuchlerisch ableugnen, daß es Materialismus
sei, das ist Materialismus, und immer schlimmerer Materialismus!
Wir brauchen Goetheanismus, meine lieben Freunde, wir brauchen solche Weltanschauung, welche zusammenwachsen läßt die
Seele mit der Wirklichkeit in den besonderen charakteristischen
Erscheinungen der Wirklichkeit. Denn dieser Goetheanismus ist
nur die Erneuerung des wahren christlichen Empfindungs- und
Gefühlslebens. Warum verstehen die Orientalen nicht das Mysterium von Golgatha? Deshalb verstehen sie es nicht, weil sie nicht
verstehen können, daß ein Ereignis wesentlicher ist als das andere.
Nur dann versteht man das Mysterium von Golgatha, wenn man
den Unterschied der Ereignisse versteht, denn nur dann kann man
sich aufschwingen zu der Erkenntnis, daß ein Ereignis der Erde
überhaupt erst Sinn geben kann. Wenn man Gradationen hat zwischen den Ereignissen, dann kann man eins als das wichtige haben.
Im Morgenland kommt man höchstens zu einem fortwährenden
Zyklusspiel, da wiederholt sich immer alles. Dieses, daß unsere
Erde ganz aufgebaut ist darauf, daß wir eine Vorbereitungszeit
haben bis zum Mysterium von Golgatha, dann das Mysterium von
Golgatha als die Höhe der Erdenentwickelung, und dann das Einleben des Mysteriums von Golgatha, das wird die Menschheit nach
und nach verstehen müssen, aber aus der symptomatischen Geschichtsbetrachtung heraus.
Es gipfelt eben wirklich alles, was uns die Geisteswissenschaft
geben kann, in der christlichen Weltbetrachtung, die da kommen
muß. Geisteswissenschaft will wirklich, wie ich oft sagte, keine
neue Religion sein, aber sie will die Werkzeuge in die Hand geben,
damit eine Menschheit, die sonst völlig in Materialismus verfallen
muß, das Geistige, das im Christentum liegt, wiederum voll verstehen kann. Es ist schon durchaus notwendig, daß man mit offenen
Augen in unsere Zeit hineinsieht, denn das ist viel wichtiger, als
jedes sentimentale Hineinsehen. |