ZUR EINFÜHRUNG

Aus einer Vorrede von Marie Steiner, 1940

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7 Im Jahre 1902 entschloß sich Rudolf Steiner, unserer dem Chaos zusteuernden materialistischen Zivilisation einen neuen Einschlag zu geben durch eine erkenntnismäßig begründete Darlegung der Geisteswissenschaft. Seine lückenlose Beherrschung aller kulturellen Wissensgebiete - der physikalischen und Naturwissenschaften, der Mathematik, der Philosophie, der Literaturen, der Geschichte, der Kunst- und Kulturgeschichte gab ihm die nötige Befugnis, sein Wissen vom Übersinnlichen auf einer festen Grundlage aufzubauen und in die Denkformen der Gegenwart einzukleiden. Allen Einwänden konnte er begegnen; denn er hatte sie sich selbst vorher gemacht. Er war in der Lage, die Mängel des gescheiten, aber kurzatmigen Denkens der Gegenwart aufzudecken. Dadurch zog er sich den Haß der Vertreter materialistischer und konfessioneller Denkrichtungen zu. Denn er hatte sich die Aufgabe gestellt, dem Dogma des Ignorabimus, der unverrückbaren Erkenntnisgrenzen entgegenzutreten, den Menschen darzulegen, daß die Seele die Forschungswege betreten könne, die weit über das Sinnenfällige hinausgehen, und daß der Erweiterung ihrer Erkenntnismöglichkeiten keineswegs physikalisch-sinnliche Grenzen gesetzt sind. Er wurde der Verkünder einer konkreten geistigen Welt, wurde aber dadurch von den Fanatikern der bloßen Materie und der Wissensgrenzen in Acht und Bann erklärt. Zunächst gedachte man durch Totschweigen ihn unschädlich zu machen. Als dieses Mittel nicht die gewünschte Wirkung erzielte, wurde zur Verspottung und Verleumdung, dann zur
8 Massenagitation gegriffen. Die Verleumdung tobte in einer grotesk ungezügelten, allen Tatsachen Hohn sprechenden Art und konnte ihn deshalb persönlich weder berühren noch erreichen. Sein Bild strahlte um so heller für alle, die ihn kannten und die vorurteilslos seine Schriften lasen. Aber sie führten zu einem von den Gegnern vorgesteckten Ziele: es gelang ihnen zuletzt, durch fortwährende Agitation und inszenierte Tumulte seine Öffentliche Vortragstätigkeit in Deutschland zu unterbinden, die zwei Jahrzehnte lang das erlösende Wort vom Geiste und von den Wegen zur Heilung unserer Kulturschäden vor die europäische Menschheit gebracht hatte.
Berlin war der Ausgangspunkt für diese öffentliche Vortragstätigkeit gewesen. Was in anderen Städten in mehr einzelnen Vorträgen behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhängenden Vortragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinander übergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfältig fundierten methodischen Einführung in die Geisteswissenschaft und konnten auf ein regelmäßig wiederkehrendes Publikum rechnen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschließenden Wissensgebiete einzudringen, während den neu Hinzukommenden die Grundlagen für ein Verständnis des Gebotenen immer wieder gegeben wurden.
Es wäre von ungeheurer Bedeutung für die Neugestaltung des menschlichen Denkens und seiner Erlösung aus den Banden engherziger wissenschaftlicher oder theologischer Dogmatik, wenn die ganze chronologische Folge dieser während zwei Jahrzehnten in Berlin gehaltenen Vorträge in einer zusammenhängenden Schriftenreihe erscheinen und von empfänglichen Seelen aufgenommen werden könnte. Eine bedeutsame Erhöhung des moralischen Niveaus müßte daraus erfolgen und eine Einsicht in das, was sozial not tut, um aus dem menschenmörderischen Chaos der Gegenwart hinauszukommen.
9 Mit der Einsicht in die Möglichkeit einer Durchbrechung der Erkenntnisschranken käme der Mensch zu einer Überschau, die den Geist befreit.
Rudolf Steiner versuchte zunächst, das alt-ehrwürdige Wort «Theosophie», das durch den Dilettantismus Unberufener stark kompromittiert war, wieder zu Ehren zu bringen. Anknüpfend an Jakob Böhme und spätere deutsche Denker, konnte er dies versuchen. Aber die notwendige Distanzierung von dem, was um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts diesen Namen usurpiert hatte, ließ ihn später für seine okzidentalisch-christüche Strömung den Namen «Anthroposophie» wählen - ein zutiefst begründeter Name, da durch Menschenerkenntnis hindurch hier zur Geist- und Welterkenntnis geschritten wird. Meistens jedoch gebrauchte er das schlichte deutsche Wort Geisteswissenschaft. Die Themen geben eine umfassende Übersicht dessen, was als Kulturerneuerung gewollt und erstrebt war.
Im Frühjahr 1903 beginnt die öffentliche Vortragstätigkeit für Geisteswissenschaft im Berliner Architektenhaus. Im Frühjahr 1904 wurden im Architektenhause Themen behandelt, die den Keim enthalten zu den späteren bahnbrechenden Arbeiten Rudolf Steiners auf pädagogischem und sozialem Gebiet. Sie sind zusammengefaßt unter dem Titel: Theosophische Seelenlehre. Eine andere Vortragsserie fand statt im Vereinshaus, Wilhelmstraße 118, Berlin. Rudolf Steiner versuchte darin, Aufklärung zu geben über jene Grenzgebiete zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt, welche die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich richten und für Unwissende so viel Gefahren bergen. Er sprach dort über Theosophie und Somnambulismus, Geschichte des Spiritismus, Geschichte des Hypnotismus und des Somnambulismus. Beide Themen waren auch Gegenstand von Vorträgen, die vom April an jeden zweiten Montag im Monat im Architektenhaus gehalten wurden,
10 Die im Herbst 1904 im Architektenhaus gehaltenen Vorträge sind vor allem dazu bestimmt, die wissenschaftliche Grundlage der Anthroposophie auszubauen. Es folgte im Frühjahr 1905 die Auseinandersetzung mit den Fakultäten. Im Oktober 1905 begann die Vortragsreihe mit einem Vortrag über Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie. An Haeckel anzuknüpfen wurde für Rudolf Steiner Notwendigkeit, war doch Haeckel für die Weltanschauung der Gegenwart eine bestimmende geistige Macht. Rudolf Steiner würdigte im vollen Maße seine überragende Arbeitsleistung auf naturwissenschaftlichem Gebiet, lehnte aber andererseits vollkommen den Anspruch ab, den herzhaft und unbekümmert Haeckel erhob, nun auch übergreifen zu dürfen auf das Gebiet der Philosophie und in Fragen der Weltanschauung autoritativ zu wirken. Hier mußte ihm scharf entgegengetreten werden. Das tat Rudolf Steiner mit äußerster Energie und Konsequenz; es hinderte ihn jedoch nicht, in Worten der wärmsten Anerkennung über das Positive in Haeckels Leistung zu sprechen.
Die Themen der weiteren Jahrgänge bilden ein umfassendes Gefüge konsequenten Weiterdringens auf dem Gebiete einer bewußtseinsmäßig erkämpften, geistgetragenen Weltanschauung.
Im Herbst 1919 konnte Rudolf Steiner wieder in Berlin sprechen. Er hielt am 15. September in der Philharmonie seinen Aufsehen erregenden Vortrag über «Die Kernpunkte der sozialen Frage und die Dreigliederung des sozialen Organismus».
Inzwischen war die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise auf ihn gerichtet. Überall wurde von ihm gesprochen. Wenn er redete, waren die größten Säle überfüllt. Stuttgart war unterdessen das hauptsächlichste Feld seiner öffentlichen Wirksamkeit geworden.
Nach Berlin kam er erst wieder zum 15. September 1921, um im großen Saal der Philharmonie einen Vortrag zu halten
11 über «Die Bedeutung der Anthroposophie in Wissenschaft und Leben der Gegenwart». Diesem folgte im selben Saal am 19. November 1921 ein Vortrag über «Anthroposophie und die Rätsel der Wissenschaft» und am 26. Januar 1922 im Marmorsaal ein anderer über «Anthroposophie und die Rätsel der Seele».
Dieses Hinstellen der Anthroposophie als Antwort auf die Rätselfragen des Daseins erregte überall das größte Interesse, es kam dem stärksten Bedürfnis der Seelen entgegen. Im März fanden Hochschulkurse statt. Die Anthroposophie brach sich Bahn. Sie war im Begriff, ein Kulturfaktor zu werden. Dies zeigte sich besonders am letzten Vortrag, den Rudolf Steiner in Berlin am 12. Mai 1922 im großen Saal der Philharmonie hielt. Das Thema lautete: «Anthroposophie und Geisteserkenntnis.»
Der Andrang war ungeheuer, die Köthener Straße mußte gesperrt werden, um den weiteren Zustrom zu verhindern. Der Ausklang war mächtig. Es wagte sich kein Widerspruch hervor. Um so heftiger setzte im geheimen eine unterminierende Gegenaktion ein, und die bekannte Konzertagentur Sachs und Wolff, die nachgesucht hatte, fernerhin die Vorträge in Deutschland zu organisieren, mußte nach eingehender Prüfung der Lage erklären, nicht einstehen zu können für einen gefahrlosen Ausgang der Veranstaltungen. An mehreren Orten hatten Radaubrüder Tumulte inszeniert.
So wurde in dem Augenblick, als sie sich siegreich durchgesetzt hatte, ein gewaltsames Ende dieser einundzwanzigjährigen Vortragstätigkeit bereitet, die als Ziel hatte, die Menschheit vor den Übeln zu bewahren, die über sie hereingebrochen sind. Im Rausch der selbstherrlichen Geschäftigkeit der Vorkriegszeit, im Brausen der zusammenschlagenden sozialen Wogen während der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde die Stimme des warnenden Weisen überhört und dann erstickt. Die Stimme
12 des Lebenden wurde zum Schweigen gebracht. Des Toten Wort wird leben. Es hat die Kraft, Verfall und Tod zu überwinden.
Die Nachschriften der Vorträge konnten von Rudolf Steiner selbst nicht durchgesehen werden. Dazu fehlte ihm die Zeit. Zunächst hatte er sich gegen das Nachschreiben und Vervielfältigen seiner Vorträge verwahrt. Das gesprochene Wort wäre anders als das geschriebene, pflegte er zu sagen. Es eigne sich nicht zum Nachdruck, es richtet sich stark nach dem, was der Zuhörer dem Sprecher entgegenbringt, gibt Wiederholungen, Verstärkungen oder Verdeutlichungen des schon Gesagten, je nach dem Verständnis, das es findet, — bringt Einfälle des Momentes, deren künstlerischer Ausdruck im Tonfall und in der Wortgebärde liegen. Ganz subtile Gedanken, besonders wenn sie okkulte Wahrheiten betreffen, werden in der Nachschrift leicht durch Weglassung eines Wortes, einer Nuance verschoben und von ihrer inneren Wahrheit abgebogen. Wie oft kann der Stenograph der feurigen Sprache nicht nachkommen! Rudolf Steiner litt unsäglich, wenn er sein gesprochenes Wort in den Nachschriften vor sich sah. Er schob sie weg und hat nur in ganz vereinzelten Fällen Korrekturen vorgenommen. Dies geschah für den in Kopenhagen 1911 gehaltenen Zyklus «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», dann während der Kriegszeit für «Die Mission einzelner Volksseelen», nachher teilweise für den in der Monatsschrift «Die Drei» erschienenen Zyklus: «Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi», und einige andere Vorträge.




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