ABSCHIEDSANSPRACHE
Penmaenmawr, 31. August 1923, abends
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Nach den ergreifenden Worten, die eben gesprochen worden sind,
lassen Sie mich noch einige Begrüßungs- und Dankesworte am
Ende dieser Summer School-Unternehmung sprechen.
Wenn ich zurückblicke auf diese Zeit in Penmaenmawr, so kann
ich sagen, daß ich in ihr eine Zeit tiefgehender Befriedigung erblikken muß. Es war gerade diese Summer School dasjenige, was Gelegenheit geboten hat, die Anthroposophie hier in England in
einem ausgedehnteren Maße und durch längere Zeit für sich ganz
als Anthroposophie zur Geltung zu bringen. Und das ist es vor
allen Dingen, was mich mit einer tiefen Befriedigung erfüllt.
Wir dürfen ja gerade auf unserem anthroposophischen Boden
Ideen, von denen ein Unternehmen ausgeht, nicht allzu sehr unterschätzen. Die Idee, aus welcher diese Summer School entsprungen
ist, entwickelte mir Mr. Dunlop, als ich ihn während seiner Krankheit besuchte - er erwähnte das schon bei meiner letzten Londoner
Anwesenheit. Er war dazumal ganz erfüllt von dem Gedanken, in
das Verschiedene, was ja in so anerkennenswerter Weise für die
Anthroposophie geleistet worden ist, etwas hineinzustellen, das
ganz das Zentrale der anthroposophischen Bewegung als solcher
vor die Welt hinstellen soll. Und er äußerte mir dazumal, daß es
seine besondere Idee sei, in einer solchen Summer School dasjenige
vor die Welt hinzustellen, was Anthroposophie in ihrem Inhalte
durch das Wort geben kann, und auch das, was aus ihr hervorgegangen ist durch die Eurythmie. Und er äußerte noch eine dritte
Idee, deren Realisierung selbstverständlich nicht gleich möglich
war, weil sie für die äußere Realisierung im ersten Anhub zu groß
war. Aber es ist uns doch die Befriedigung geworden, das Mittelpunkts-Anthroposophische, dasjenige, was als Anthroposophie für
sich auftritt, und das, was aus der Anthroposophie, ich möchte
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sagen, so innig hervorgewachsen ist - die Eurythmie - , das gerade
in Penmaenmawr zu realisieren und auch für sich zur Geltung zu
bringen.
Das soll nicht etwa darauf hinweisen, daß die Geltendmachung
der einzelnen Strömungen, die sonst aus der Anthroposophie herauswachsen, unterschätzt werden sollen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der die Zusammenhänge der menschlichen Seele, und namentlich die Zusammenhänge, die sich ergeben
zwischen einer solchen Bewegung, wie sie die anthroposophische
ist, und dem, was in der Welt aus ihr hervorgehen kann, tiefer
prüfen kann, für den ist es klar, daß diese anderen Strömungen nur
entsprechend in der Welt wirken können, wenn das ZentralAnthroposophische wirklich zur Geltung kommt.
Glauben Sie es mir, meine sehr verehrten Anwesenden, die pädagogische Bewegung auf allen Gebieten liegt mir wirklich tief, tief
am Herzen. Aber nimmermehr, vielleicht gerade deshalb, weil sie
mir so am Herzen liegt, nimmermehr könnte ich jemanden die
Versicherung geben, daß mit innerer Wahrheit diese pädagogische
Bewegung, wie sie aus der Anthroposophie herausgewachsen ist,
von selbst voll verstanden werden könnte, geschweige denn, daß
dadurch, daß man zunächst ein Publikum gewänne für dasjenige,
was als Pädagogik, als Erziehungswesen herausgewachsen ist aus
Anthroposophie, daß das etwa zur Anthroposophie hinführen
könnte.
Das Umgekehrte in wahrstem Sinne des Wortes wird das Richtige sein müssen: daß gerade durch die Anthroposophie selber,
durch die Pflege der Anthroposophie in ihrem zentralsten Gebiete
auch das wirkliche Verständnis für dasjenige kommt, was aus der
Anthroposophie herausgewachsen ist, namentlich die für die Welt
so wichtige pädagogische Bewegung. Deshalb sprach mir dazumal
Mr. Dunlop so außerordentlich aus dem Herzen, als er sagte, man
müsse vor der Pflege der Dependance-Bewegungen vor allen Dingen dasjenige hinstellen, was doch die Quelle von allem sein müsse:
die Anthroposophie. Trotzdem wäre es mir am liebsten, für die
Anthroposophie alle acht Tage einen anderen Namen zu haben,
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damit nicht das Publikum am Namen klebt,, statt nach der Sache zu
fragen. Aber das geht ja nicht wegen der Briefbogen und wegen
anderen Arrangement-Schwierigkeiten. Und gerade wenn ich mich
jenes Gespräches erinnere, so muss ich sagen: Wer so in der geisteswissenschaftlichen Bewegung drinnensteht, wie ich selber drinnenstehe, der kann dasjenige, was er imstande ist zu geben, dann geben, wenn er es in keiner Weise der Welt aufzudrängen braucht,
wenn er es sozusagen deshalb geben darf, weil man es von ihm
verlangt, weil man es von ihm in der rechten Weise verlangt.
Eigentlich sollte dieses Gesetz viel mehr erkannt werden, daß
wirkliche okkulte Geisteswissenschaft nur gegeben werden kann,
wenn man sie verlangt, wenn man sie in der rechten Weise verlangt.
Und sie ist dazumal in der rechten Weise verlangt worden.
Und so darf ich sagen: Meine Meinung ist, daß gerade von dieser
Summer School in Penmaenmawr eine ungeheure Befruchtung
ausgehen kann auf die ganze anthroposophische Bewegung und
ihre Verzweigungen in England. Deshalb darf mit einer solchen
Befriedigung auf die Zeit, die wir hier in Penmaenmawr verbringen
durften, hingesehen werden. Und ich spreche schon Frau Doktor
Steiners und meinen Dank aus tiefst bewegtem Herzen Mr. Dunlop und denjenigen aus, die mit ihm dafür gewirkt haben, daß es
einmal möglich war, gerade das Zentrale der Anthroposophie und
die aus ihr herausgewachsene Eurythmie auch für sich vor einen so
Heben Zuhörerkreis hinzustellen, wie derjenige es ist, der gerade
hier vorhanden war. Und nicht minder dankbar sind wir diesem
Zuhörerkreis - ich spreche auch da wohl im Namen von Frau Dr.
Steiner - für seine die Sache so tragende Aufmerksamkeit. Es ist
von einer außerordentlichen Bedeutung, wenn man auf der einen
Seite über dasjenige sprechen kann, was man versucht herauszuschöpfen aus den Quellen geisteswissenschaftlichen Erkennens,
denn es ist gegenwärtig ja das, was eigentlich dem Menschen am
tiefsten zum Herzen und zur Seele sprechen soll. Wir leben aber
auf der anderen Seite in einer Zeit, in der wirklich aus allen möglichen Symptomen gesehen werden kann, wie notwendig es die
neuere Zivilisation hat, einen spirituellen Einschlag zu bekommen,
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wie wenig dasjenige, was aus alten Zeiten herübergekommen ist,
geeignet ist, die Zivilisation in fruchtbarer Weise fortzubewegen.
Sie würde zurückgehen, wenn sie nicht einen neuen spirituellen
Anstoß erlangen könnte. Und da darf schon gesagt werden: Wenn
sich die Möglichkeit ergibt, aus einem solchen Zusammenhange
heraus, wie er hier ausgesprochen worden ist, gerade auf das auch
hinzuweisen, was die Zeit notwendig hat, so erfüllt mich das mit
tiefster Befriedigung.
Ich mußte heute morgen zum Beispiel darauf aufmerksam machen, wie der Zivilisation selber eine Art okkulter Gefangenschaft
droht, und mehr als man meint, ist gerade das gesamte Geistesleben
in unserer Zeit vor der Gefahr dieser okkulten Gefangenschaft. Wir
können überall auf diese Gefahr hinweisen. Ich erwähnte heute
morgen die Rede, die vor kurzem in England in einer sehr bedeutsamen Versammlung Oliver Lodge gehalten hat. Ich erwähnte, wie
man gerade aus dieser Rede sehen kann, wie Sehnsuchten selbst in
der abstraktesten Wissenschaft vorhanden sind, Sehnsuchten, die
zwar im Unterbewußten bleiben, die aber, wenn sie richtig verstanden werden und aus richtiger Gesinnung heraus kommen, hinführen zu dem, was - in aller Bescheidenheit sei das gesagt - Geisteswissenschaft doch wirklich zu geben vermag. Und wenn wir solche
Dinge verfolgen, dann können wir überall sehen, welches das Wort
der Geisteswissenschaft in einem solchen Falle sein muß.
Sehen Sie, es ist ja eine bedeutsame Erscheinung, daß gerade aus
der Denkweise und Gesinnung, die voll wurzelt in der alleroffiziellsten modernen Wissenschaft, herausgewachsen ist das bemerkenswerte Buch, das Oliver Lodge geschrieben hat über die Seele
seines Sohnes nach dessen Tode unter dem Titel «Raymond or Life
and Death». Ich brauche ja das Faktum nur zu erwähnen, es wird
hier bekannt sein. Es handelte sich darum, daß der im Kriege gestorbene Sohn Oliver Lodges durch mediale Vermittelung sich
kundgeben und Dinge sagen konnte, die dem schmerzlich bewegten Vater tief zur Seele gingen.
Als die Broschüre des ausgezeichneten Mannes, Oliver Lodge,
über Raymond Lodge herauskam, da war die Welt erstaunt; denn
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mit einer ungeheuren Gelehrsamkeit, die wirklich herausgenommen war aus dem gewissenhaftesten, exaktesten, modernen Denken, war in derselben von Oliver Lodge hingewiesen auf die geistige, auf die spirituelle Welt. Ein ungeheures Material war zusammengetragen, um zu zeigen, wie auf diese mediale Weise man wirklich hineinkommen kann in das geistige Leben der Welt durch eine
der modernen Naturwissenschaft ähnliche Art und Methode. Besonders frappierend war ja der Welt der Umstand, daß durch mediale Vermittelung gesprochen werden konnte über eine Fotografie, die angefertigt war auf dem Kriegsschauplatz in Frankreich von
Raymond Lodge und seinen Kollegen. Es waren hintereinander
zwei Aufnahmen gemacht worden von Raymond Lodge und seinen Kriegskameraden; und wie es der Fotograf bei der zweiten
Aufnahme oftmals macht, er läßt das Gesicht etwas anders wenden,
höher heben und so weiter. Diese Fotografien waren so, daß man
in England davon nichts wissen konnte, denn als man davon hörte,
war Raymond schon gestorben.
Durch mediale Vermittelung sprach, wie Oliver Lodge mitteilt,
die Seele des Raymond Lodge zu ihm und den anderen Familienangehörigen, er sprach von diesen Fotografien, die niemand hier in
England gesehen hatte; drei Wochen später erst kamen sie hier an.
Es hat sich alles bewahrheitet über die geringste Änderung der
Sitzung und Haltung. Was kann frappierender sein als dieses! Was
kann frappierender sein, als daß auf medialem Wege etwas beschrieben wird unter der Angabe, daß es die Seele des Verstorbenen
ist, die etwas beschreibt, was in England noch nicht bekannt war
und erst später ankommt.
Dennoch schlich sich gerade in diesem Punkte ein furchtbarer
Irrtum ein. Jeder, der auf diesem Gebiete bewandert ist, weiß, daß
es unter Umständen durchaus Möglichkeiten gibt von Vorgesichten. Dasjenige, was der damals mit dem Medium versammelte Kreis
sah, indem er die Augen richtete auf die Bilder, die erst später in
England ankamen, das konnte von der medialen Person vorhergesehen werden, ohne daß dabei die Seele des Verstorbenen nur irgend in Betracht kam - ein Vorgesicht, allerdings ein außerordentCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 303
lieh zartes, intimes, aber ein Vorgesicht. Man muß wirklich nicht
bloß moderner Wissenschafter sein, wenn man in der richtigen
Weise kritisch sein will gegen die Offenbarungen der geistigen
Welt. Alles, was auf diesem Gebiete kommt, selbst diese ausgezeichnete, ernste, exakte Arbeit von Oliver Lodge, führt eher vom
wirklichen Ergreifen der geistigen Welt ab als zu ihr hin. Die heute
aus den Naturwissenschaften genommenen Gewohnheiten des
Denkens und Forschens sind so, daß man, auch wenn man das
Geistige erforscht, so vorgehen will, wie man im Laboratorium
gewohnt ist vorzugehen, daß man jeden Schritt an der Hand von
Materiellem machen will. Aber diese Weise führt nicht ins Geistige
hinein. Ins Geistige führen nur rein geistige Wege hinein, wie sie
hier geschildert worden sind. Und derjenige Mensch, der glaubt,
auf einem solchen medialen Wege ins Geistige hineinzukommen,
der kommt auch hinein, aber in jenes Geistige, das sich auf dem
physischen Plan, in der physischen Welt abspielt. Denn es war ein
Vorgesicht von zwei Dingen, die sich in der physischen Welt abspielten; was beschrieben worden ist, ist nur scheinbar etwas, was
von der geistigen Welt herunter projiziert ist. Gewiß, überall ist die
physische Welt ausgefüllt mit Geistigem, aber man irrt sich über
die Beziehung der irdischen Welt zur überirdischen Welt, wenn
man nicht die Möglichkeit hat, in das wirkliche, wahrhaftige geistige Forschen hinzulenken. Und so ist dasjenige, was ich heute
morgen erwähnt habe: Dieses nur aus naturwissenschaftlichen
Gedanken, wie sie heute üblich sind, Herausschöpfenwollen und
nur das gestatten wollen, was aus naturwissenschaftlichen Gedanken kommt, das ist dasjenige, was die Mauern der okkulten Gefangenschaft bringt. Und in diesen okkulten Gefängnissen drinnen
macht man dann Versuche, die in Wahrheit ganz fehl gehen; denn
sie stellen nicht das Wahre dar, sie stellen furchtbare Irrtümer dar,
die von den Wahrheiten eher weiter ab führen; insbesondere dann
ab führen, wenn so stark die Herzen daran beteiligt sind wie in
diesem Falle bei dem, was in dem Buch über Raymond Lodge
steht. Und wir müssen, weil ja in dem Gebiete, wo der Geist zu
sprechen beginnt, ein so starkes Echo kommt aus unseren Herzen,
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weil die Herzen so stark mitsprechen, weil sehr leicht in die Herzen sich einschleicht dasjenige, was nun doch leicht menschliches
Vorurteil sein kann, da müssen wir alle Mittel anwenden, damit
es keine Möglichkeit gibt, umstellt zu werden mit den geistigen
Mauern der okkulten Gefangenschaft.
Diese Dinge würde ich hier gar nicht aussprechen, wenn es nicht
eigentlich der tiefste Ernst der Zeit erforderte. Und dieser Ernst
der Zeit erfordert es. Denn es ist einmal wahr: die Menschheit
braucht einen energischen Schritt hin zum Geistigen.
Ich bin um manches gefragt worden im Verlaufe dieses Sommerkurses. Manche Fragen konnten nicht vollständig beantwortet werden, nicht etwa weil die Materie zu schwierig war, aber weil eben
noch in der Menschheitsentwickelung nicht die Zeit voll herangekommen ist, in der man ganz unbefangen über manche Dinge sprechen kann. So namentlich, wenn gefragt wird über die spirituellen
Beziehungen der einzelnen Nationen. So auch bin ich gefragt worden, wie es denn in der geistigen Welt bewandt sei damit, daß eine
Nation die andere eroberte und von sich abhängig machte.
Oh, über derlei Fragen könnte natürlich die Geisteswissenschaft
ganz gehörige Auskunft geben. Aber die Zeit ist wahrhaftig noch
nicht geeignet - glauben Sie es mir, meine sehr verehrten Anwesenden - in völliger Unbefangenheit über diese Dinge zu sprechen.
Denn in voller Unbefangenheit nimmt man heute noch nicht die
letzten Konsequenzen jener Wahrheiten, die zum Beispiel so beginnen: Man soll sich nur einmal fragen, ob denn wirklich der
äußere Aspekt immer der einzige ist, wenn eine Nation eine andere
von sich abhängig gemacht hat in physischer Beziehung, in den
materiellen Angelegenheiten der Welt. Und man sieht nicht immer,
wie diejenige Nation, welche die andere materiell von sich abhängig gemacht hat, spirituell abhängig geworden ist von derjenigen,
die sie materiell von sich abhängig gemacht hat. Aber das ist nur
der Anfang von Wahrheiten, die auch populär werden müssen über
den ganzen zivilisierten Erdkreis hin. Und wir kommen durch kein
anderes Mittel zu jenem universellen Verständnis solcher Dinge,
die dann auch im praktischen Leben ihre volle Bedeutung gewinCopyrigh t Rudol f Steine r Nachlass-Verwaltun g Buch:22 7 Seite:30 5
nen können, als wenn wir wirklich den inneren Mut haben, uns auf
die eigentlichen Geisteswahrheiten einzulassen.
Und so steht es letzten Endes auch mit der Frage: Ja, gibt es
denn Individualitäten heute in der Welt, welche in irgendeinem
Besitze höherer Wahrheiten sind, die diese Wahrheiten der Welt
irgendwie vermitteln und die vielleicht miteinander in einer Beziehung stehen?
Ich habe schon darauf hingewiesen, wie es nicht allein davon
abhängt, daß von gewissen Individualitäten Wahrheiten in die Welt
gesendet werden sollen, sondern daß es auch darauf ankommt, inwiefern die Welt diese Wahrheiten aufnehmen will. Ich habe auf
mancherlei Hindernisse hingedeutet, die heute bestehen und die
etwa so ausgesprochen werden könnten: Der Bodhisattva wartet
schon; aber die Menschen müssen erst in einer genügend großen
Anzahl sich fähig machen, ihn zu verstehen. Und wenn die Frage
aufgeworden wird, ob diejenigen, die Geistiges der Welt zu sagen
haben, dieses Geistige der Menschheit mitteilen, so darf man sagen:
Daß irgend etwas äußerlich mit Druckbuchstaben auf dem Papier
steht, das besagt ja noch nichts. Ich möchte nur erwähnen, daß
heute vieles mit Druckbuchstaben auf dem Papier stehen kann, was
die tiefsten Weisheiten und Weistümer enthüllt. Es kommt immer
darauf an, ob diese Weisheiten und Weistümer auch verstanden
werden. Und es gibt viele Mittel des Verständnisses; es gibt auch
viele Mittel des Verständnisses, die angewandt werden können.
Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, die Verständigung unter
Menschen, die aus höheren Welten etwas zu sagen haben, war
leichter in der Zeit, in der gesprochen wurde von geheiligten Stätten aus, wie sie hier die Druidenzirkel bergen, und in der dasjenige,
was von solchen Stätten an Gedankenwellen durch die Welt ging,
nicht den Wellen der drahtlosen Telegrafie begegnete.
Wiederum sei nicht in reaktionärer Weise etwa auf die drahtlose
Telegrafie hingewiesen. Sie ist selbstverständlich ein materieller
Segen für die Menschheit. Aber es handelt sich darum, daß dann,
wenn die geistigen Mitteilungen wirklich durch die Welt gehen
sollen, stärkere Kräfte notwendig sind in der Zeit, in der die geistiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 27 Seite: 3 06
gen Wellen treffen auf die Wellen der drahtlosen Telegrafie als in
der Zeit, in der das noch nicht der Fall ist. Sähe man nur einmal die
Grundbegriffe ein, die grundlegende, tiefe Wahrheit, daß gerade in
unserer Zeit, in der zum Segen der Menschen unsere materielle
Kultur eine solche Höhe erreicht hat, wie sie sie eben erreicht hat,
daß gerade in dieser Zeit es um so mehr notwendig ist, daß mit
starker Intensität, mit kräftiger Intensität das Spirituelle in die
Herzen der Menschen sich einschreibe und aus den Herzen der
Menschen sich verbreite.
Dazu war hier wirklich gute, große Gelegenheit. Denn wir lebten wie in einer Atmosphäre, die tatsächlich noch Wunderbares
ausstrahlte in jenen alten Heiligtümern hier - und auch darauf
konnte ich ja im Verlaufe der Vorträge aufmerksam machen. Deshalb war es ein glücklicher Griff, einmal auch diesen Ort gerade zu
wählen, wo in einer gewissen Weise geistig dasjenige aufleben
konnte, was nun einmal in Mittel- und Nordeuropa da war, bevor
das Mysterium von Golgatha durch die Welt ging, was wartete auf
das Mysterium von Golgatha, was aber dann zunächst keine Fortsetzung fand, indem das Christentum - so wie ich es heute morgen
geschildert habe - vom Süden heraufkam. In einer gewissen Weise
wartet es noch.
Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man da hinaufkommt in jene bewundernswürdige Einsamkeit, in der diese Steinkreise stehen, da kann man noch auf die realen Nachklänge desjenigen treffen, was einmal mit starker Macht hier in den nördlichen
Gegenden Europas gewirkt hat. Und es war damals in dem Machtstrom manches, was heute nicht mehr sein kann, weil die Menschenseelen fortschreiten müssen und bei den heutigen Fortschritten es nicht ertragen könnten, es würde sie in ihrer Freiheit hemmen. So ist gerade dadurch, daß gewissermaßen dasjenige, was
einstmals aus den heiligen Geheimnissen erkundet wurde von tiefstem okkultem Wissen, allmählich in kosmische Erinnerung übergegangen ist, die wie leuchtende Wolken die Mulden der Bergspitzen umschweben, in denen diese Heiligtümer sind; gerade dadurch
ist auch diese besondere Atmosphäre ausgebreitet über alles dasCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 22 7 Seite: 30 7
jenige, was hier gewirkt werden kann für ein neueres Geistesleben.
Das sind schon die Dinge, welche im tiefsten Sinne Frau Dr. Steiners und meinen allerherzlichsten Dank dafür herausfordern, daß
wir durch die Bemühungen von Mr. Dunlop, Mrs. Merry und
anderen diese Penmaenmawr-Unternehmung einzeichnen dürfen
in das, was die anthroposophische Bewegung ist.
Es ist hier schon in schöner Weise erwähnt worden, wie viele
mitgewirkt haben vor und hinter den Kulissen dafür, daß dies alles
möglich war, und so wie Ihnen allen, meine sehr verehrten Zuhörer, der innigste Dank ausgesprochen wird gerade für die schöne
Aufmerksamkeit, die Sie an einer so schönen Stätte der Anthroposophie, der Eurythmie und so weiter entgegengebracht haben, so
gilt dieser Dank wirklich auch all denjenigen, die so schön diese
Sache vorbereitet haben und in so schöner Weise dann während der
Sommerschultage selbst sie weiter fortgeführt haben. Ich habe es ja
schon erwähnt: Wer da weiß, wie viel Mühe aufgewendet werden
muß, um so etwas zustande zu bringen, wer oftmals selbst dabei
war, der vermag in der Tat diese Dinge gut zu beurteilen. Und,
sehen Sie, er weiß auch noch etwas anderes: Diejenigen, die in
früheren Zeiten um mich gewesen sind und selbst solche Dinge
vorbereiten mußten, die schickten immer ihre Haut zuerst in jene
Fabriken, wo man Leder gerbt - denn befriedigen kann man ja
eigentlich im Grunde genommen meistens doch nicht. Man kann
nicht alle befriedigen, man kommt trotzdem nachher zu seinen
Hieben. Und da ist es gut, wenn man eine gegerbte Haut hat für
diese Tage - gerade alle diejenigen, die hinter den Kulissen stehen
und die das Ganze eingerichtet haben.
Die anthroposophische Bewegung ist ja wirklich aus Kleinem
heraus gewachsen, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich habe in
Dornach vor kurzem auf die Zeit hingewiesen - sie liegt jetzt 21
oder etwas mehr Jahre hinter uns - , da wurde die anthroposophische Bewegung eingeleitet innerhalb der theosophischen Bewegung
durch die Zeitschrift «Lucifer-Gnosis». Die ist nicht eingegangen,
es häufte sich nur so die Arbeit, daß sie nicht fortgesetzt werden
konnte. Sie hatte ihre weitaus nicht nur genügende, sondern überCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 27 Seite: 3 08
ragende Abonnentenzahl gerade in dem Momente, wo ich sie nicht
fortführen konnte. Aber mit ihr fing die anthroposophische Bewegung recht klein an. Sozusagen der größte Teil von «Lucifer-Gnosis» wurde von mir geschrieben; dann mußte ich selbst in die Drukkerei fahren, um in der Druckerei die Korrekturen zu besorgen,
dann bekamen wir die Hefte, und Frau Dr. Steiner und ich gaben
die Kreuzbänder darüber, schrieben selbst die Adressen darauf -
wir hatten nicht einmal gedruckte Adressen, hatten auch keine
Schreibmaschine -, nahmen dann jeder einen Waschkorb, legten
die Nummern hinein und gingen damit zur Post. Im Kleinen fing
eben die anthroposophische Bewegung an. Auch bei Vorträgen
durfte man nicht darauf sehen, daß so elegante, wunderbare Räume
da sind wie der hiesige. Ich habe einmal in einem Raum vorgetragen, wo ich achtgeben mußte, daß nicht, weil der Fußboden überall
Löcher hatte, die Beine bei jedem Schritt in diese Löcher hineinfielen, wenn man durch den Saal ging. Deshalb war es mir gar nicht
so überraschend, daß es in diesen Tagen hier wiederum einmal -
fast möchte ich sagen, zur Erinnerung - hereinregnete, denn hier in
der Stadthalle hat die Decke auch Löcher. Es nehmen sich diese
Dinge, wie sie jetzt sind, wenn man mit den Anfängen der anthroposophischen Bewegung vergleicht, doch sehr aus wie richtige
Festeszeiten gegenüber dem, was noch nicht in solch solenner
Weise vorhanden sein konnte. Ich schäme mich gar nicht zu sagen,
daß wir zum Beispiel in Berlin einmal - weil wir ein anderes Lokal
nicht haben konnten an den uns bestimmten Tagen und aus manchen anderen Gründen, die ich hier nicht auseinandersetzen kann
- vortragen mußten in einem Räume, den man uns durch eine sogenannte «spanische Wand» abgrenzte; dahinter klangen die Biergläser, denn dahinter war ein Bierausschank. Und als man uns einmal diesen Saal nicht geben konnte, da sagte man uns: Dieser Saal
ist heute mit Wichtigerem ausgefüllt, gehen Sie in den einzigen
Raum, den wir noch haben - das war nämlich so etwas zwischen
Keller und Stall. Also die anthroposophische Bewegung hat sich
schon durchringen müssen. Und deshalb weiß sie auch dankbar zu
sein, insofern sie in den Herzen der Menschen lebt. Und Sie werCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 309
den verstehen, daß voll gewürdigt werden soll dasjenige gerade von
unserer Seite, was hier in diesen Tagen geschehen ist.
In diese Dankesworte möchte ich alles dasjenige zusammenfassen, was ich in diesem Momente an tiefster, inniger Befriedigung
empfinde über diese Tage von Penmaenmawr. Zum Schluß möchte
ich nur noch sagen: Es ist ja allerdings immer eine Zumutung,
wenn ich hier in England für Anthroposophie wirken soll, daß die
Zuhörer bei den Vorträgen die doppelte Zeit zubringen müssen,
weil alles übersetzt werden muß. Allein, von einem gewissen Gesichtspunkte aus ist es mir nicht einmal leid, und zwar von dem
Gesichtspunkte aus, daß es etwas gezeigt hat, was im Grunde genommen ganz außerordentlich ist - es hat sich gezeigt die ausgezeichnete Übersetzungskunst von Mr. Kaufmann. Er wird auch das
jetzt wieder übersetzen müssen, was ich sage, und ich bitte ihn wie
immer, diese letzten Worte nicht auszulassen, sonst drohe ich ihm
damit, daß ich Dr. Baravalle ersuchen werde, diese Worte zu übersetzen. Ich spreche Mr. Kaufmann auch meinen Dank aus für dasjenige, was er nun wiederum in einer so hingebungsvollen Weise
geleistet hat, trotzdem er fast krank geworden ist, weil er seinen
Winterrock nicht mitgebracht hat hierher, wo man wirklich Winterröcke braucht. Unaufhörlich hat er diese Arbeit übernommen,
und wie ich ganz bestimmt weiß, zu der tiefsten Befriedigung der
Zuhörer. Ihm gebührt vor allen Dingen der allerherzlichste Dank,
denn ich muß sagen: Was sollte ich tun, wenn Mr. Kaufmann nicht
da wäre zur Vermittelung desjenigen, was ich eben so sehr gerne an
Sie vermittelt hätte. Und so sei wirklich allen - ich glaube, es begründet zu haben - Mr. Dunlop, Mrs. Merry, auch Mr. Kaufmann
und allen anderen, die vor und hinter den Kulissen mitgewirkt
haben, in Frau Dr. Steiners und meinem Namen der allerherzlichste Dank hier am Schlüsse dieser Unternehmung ausgesprochen.
Und es sei auch die Versicherung ausgesprochen, daß die Erinnerung an das, was hier in Penmaenmawr verlebt werden konnte, eine
wirklich tief herzliche und stets rege sein wird.
Mit diesen Worten, die uns doch zusammenhalten sollen für
die Zukunft, da wir hier, wie ich glaube, in einer auch durch die
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historischen Erinnerungen geweihten Harmonie zusammen gewesen sind, mit diesen Worten mochte ich meinen Gruß und
meine Danksagung für diese schönen Tage von Penmaenmawr
beschließen. |