Gedenkworte
** Stuttgart, 11. Mai 1917**
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| 209 | Meine lieben Freunde! Seit wir uns das letztemal gesehen haben hier, haben innerhalb und außerhalb des Kreises, der hier vereint ist, zahlreiche unserer Mitglieder, zum Teil infolge der Ereignisse, die in der Gegenwart die Menschheit so schwer prüfen, teilweise ohne Zusammenhang mit diesem Äußerlichen, den physischen Plan verlassen. Es ist nicht möglich, im einzelnen auf alle diejenigen, die für uns fortan ihre Vereinigung mit uns haben in der geistigen Welt und nicht mehr auf dem physischen Plan, mit Namen hinzuweisen. Lebhaft vor der Seele stehend sind Ihnen die schweren Verluste, die gerade unsere Bewegung hier durch den Hingang unseres lieben Herrn Barth, unseres lieben Fräulein Rettich und unserer lieben Frau Pauline Dieterle erlitten hat. Es würde lange Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich alles das jetzt vor Ihren Seelen hier aufrollen wollte, was in diesen unseren Seelen aufsteigt in dem Augenblick, wo wir an diese teuren Seelen denken. Allein darum kann es sich uns nicht handeln. Für einen jeden von diesen lebt hier ein sehr großer Kreis, welcher das, was in Worten ausgesprochen lange Zeit in Anspruch nehmen würde, mit ungeheurer Intensität und voller Hingebung an diese Seelen in seiner eigenen Seele fühlen kann. Und daß wir dieses in unserer Seele lebendig halten, daß wir uns gewissermaßen geloben, dies in unseren Seelen lebendig zu halten, daß wir keine Gelegenheit zur Aufmerksamkeit verlieren, den Zusammenhang mit diesen Seelen aufrecht zu erhalten, das ist es, was uns nahegehen muß. Wer Fräulein Rettichs stille, ruhige Art gekannt hat, wer mit ihr lebte, wer mit ihr wirkte, der weiß, daß ein reicher Geist, der durch schwere Prüfungen des Lebens hindurchgegangen ist, der beseelt war von ernstem, heiligstem Streben nach Wahrheit, beseelt war von reinstem Menschenwohlwollen und von Menschenliebe, in dieser unserer Freundin lebte. Und die Individualität von Fräulein Rettich ist so, daß wohl niemand sie wird vergessen können, der in irgend einem Lebenszusammenhang |
| 210 | mit ihr war. Die stille, bescheidene Art, verbunden mit einer starken inneren Kraft des Strebens, das war bei dieser Persönlichkeit das besonders Anziehende. Das war dasjenige, welches machte, daß uns die fortwirkende Seele gerade Fräulein Rettichs, mit der wir uns vereinigt fühlen wollen, besonders nahestehend bleiben wird, sofern wir das Glück hatten, ihr schon im Leben nahezustehen. Was Herr Barth durch seine besondere Individualität und Wirkungsart dem Kerningzweig war, das werden sogar manche andere hier besser künden können als ich selber, weil sie viel zu erzählen haben werden von dem, was sie Herrn Barth verdanken. Daß ein großer Kreis mit innigster Liebe an ihm hing, das ist weithin bekannt; daß er keine Mühe gescheut hat, keine Kraft unwirksam gelassen hat, um in der Richtung zu wirken, die er als die richtige erkannt hat, das ist das, was in bleibender Erinnerung leben muß, was vorbildlich wirken kann über diese Erinnerung hinaus, und was dem zugrunde liegen wird, was viele Seelen in lebendigem Z Zu Zusammenhang mit dieser Seele erlebten. Was Herr Barth seinem Kreise war, es ist von einem Angehörigen dieses Kreises geschildert worden, als unsere lieben Mitglieder sich von der irdischen Hülle dieses unseres teuren Freundes trennten, und wir können gerade bei ihm das Andenken am besten ehren, wenn wir die ungeheuer hingebungsvolle Art an die Sache und an die Persönlichkeiten nimmermehr aus den Augen verlieren. Was in meiner Seele lebendig ist, und was ich glaube, daß in vielen Seelen lebendig ist infolge des Hinganges der lieben Frau Dieterle, das versuchte ich mit wenigen Worten heute morgen anzudeuten, als wir uns trennten von der irdischen Hülle dieser lieben Freundin. Ich glaubte hindeuten zu dürfen insbesondere bei dieser Gelegenheit darauf, wie diese Seele wie geboren war aus Gegensätzen, die zur schönsten Harmonie - wie das bei richtigen Gegensätzen immer der Fall ist - sich vereinigten, wie diese Seele erstanden war aus milder Kraft, aus Mildheit und Kräftigkeit. Gedenken mußte ich der weiten Lebensinteressen, in welche das Karma diese Frau hineingetragen hat. Und gedenken mußte ich vor allen Dingen der weiten geistigen Interessen, die in diesem Traueraugenblick lebendig vor meiner Seele standen, des Geistes des ihr lange vorangegangenen Gatten, des Vaters |
| 211 | der Zurückgebliebenen. Gedenken mußte ich manches Gespräches mit diesem Manne, das immer erfüllt war von reinsten geistigen, unpersönlichen geistigen Interessen, erfüllt war von dem, was eigentlich niemals den Richtpunkt auf das Persönliche nahm. Und in diesem Augenblick dürfen wir dieses Mannes gedenken ganz im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Gesinnung, die uns im Geiste hinblicken läßt auf das nunmehr zu erfolgende Zusammentreffen unserer Freundin mit der ihr in die geistige Welt vorangegangenen Seele. Was sie mir selbst durch die Art wurde, wie sie immer hier seit langer Zeit mit teilnahm an unserem Wirken und Leben, das stellte sich mir vor die Seele in den Worten, die ich als letzten Abschiedsgruß unserer lieben Freundin heute morgen nachrief und die ich vielleicht hier wiederholen darf, die zum Ausdruck bringen sollten, wie sich mir hinstellte das Verhältnis der Seele, des Geistes dieser Frau:
Seele, aus dem Reich der milden Kraft erstanden, |
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Und in Deiner Freunde Seelen,
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