Der Übergang von dem Geiste der alten Mysterien zu dem Mysterienwesen des Mittelalters
DREIZEHNTER VORTRAG, 22. Dezember 1923
Bis zum Mysterium von Golgatha hatten die Einzuweihenden Tragisches durchzumachen. Die Zwischenzeit bis zum 14./15. Jahrhundert. Das rosenkreuzerische Wesen im Mittelalter, ohne Tempel aber mit moralischem Zusammenhalt. Das Gefühl, wie wenn das Göttliche sich zurückgezogen hätte für das Erkennen aus den Naturerscheinungen. Die mittelalterliche Retorte zeigt auf tote Weise, was im Menschen
lebendig und empfindend vorhanden ist. Die Frömmigkeit beim mittelalterlichen Naturforscher. Astrologie: Verkehr mit kosmischer Intelligenz. Alchemie: Verkehr mit den Naturgeistern. Goethes Faust im Vergleich zu rosenkreuzerischen Laboratorien. Vom Verbundensein der Heilkunde im Mittelalter mit dem Wissen der allgemeinen Weltanschauung. Das Sich-Zurückziehen der Naturgeister von der menschlichen Erkenntnis und das Erscheinen der Naturvorgänge als Abstraktionen.
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nach den Bedingungen, die das Erdgebiet, das in Betracht kam, sonst
aufwies, eine besondere Mysteriengestaltung. Nun kam aber eine Zeit,
die für das ganze Mysterienwesen von einer außerordentlich großen
Wichtigkeit ist. Das ist die Zeit, die einige Jahrhunderte nach der Begründung des Christentums für die Erdenentwickelung eintrat.
Man sieht ja schon aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache », daß dasjenige, was auf Golgatha geschehen ist, in einer gewissen Weise alles zusammenfaßt, was in den verschiedensten
Mysterien über die Erde verteilt war. Aber das Mysterium von Golgatha unterschied sich ja von all den anderen Mysterien, die ich Ihnen
geschildert habe, dadurch, daß es sozusagen auf dem Schauplatz der
Geschichte vor aller Welt dasteht, währenddem die älteren Mysterien
eben wirklich im Dämmerdunkel des Tempel-Inneren sich abspielten,
und von diesem Dämmerdunkel des Tempel-Inneren heraus ihre Impulse hinausschickten in die Welt.
Sehen wir in die orientalischen Mysterien, sehen wir zu den Mysterien hin, die ich Ihnen als die vorderasiatischen ephesischen Mysterien
geschildert habe, sehen wir zu den griechischen Mysterien, sei es zu
den chthonischen, sei es zu den eieusinischen, sehen wir zu den Mysterien hin, die ich gestern erwähnt habe, zu den samothrakischen Mysterien, oder sehen wir endlich zu den Mysterien hin, die ich charakterisiert habe als die hybernischen Mysterien, überall sehen wir, wie im
Dämmerdunkel des Tempel-Inneren sich das eigentliche Mysterium
abspielt und dann seine Impulse hinaussendet in die Welt. Wer das Mysterium von Golgatha wirklich begreift - man hat es ja dadurch nicht
begriffen, daß man die Nachrichten, die von ihm erhalten sind, historisch weiß -, der hat darinnen zugleich begriffen die Mysterien, die vorangegangen sind.
190 * Einleitende Worte vor dem Vortrag siehe S. 222.
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Diese Mysterien, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen
sind und in ihm gipfelten, sie hatten alle in bezug auf ihre Gefühlswirkungen eine Eigentümlichkeit. In den Mysterien ging viel Tragisches
vor sich. Und wer die Einweihung zu den Mysterien erlangte, mußte
durchmachen Leiden, Schmerzen. Nun, das habe ich ja des öfteren
charakterisiert. Aber im ganzen kann man doch sagen, daß bis zum
Mysterium von Golgatha hin derjenige, der durch eine Einweihung
zu gehen hatte, der vorbereitend aufmerksam darauf gemacht wurde,
daß er die mannigfaltigsten Überwindungen, Leiden, Schmerzen durchzumachen hatte, Tragisches durchzumachen hatte, - der hätte dennoch
gesagt: Durch alle Feuer der Welt werde ich gehen, denn das führt
hinein in jene Lichtregion des Geistes, in der man schaut, was man
nur ahnen kann im gewöhnlichen Bewußtsein des Menschen auf Erden in einem bestimmten Zeitalter. Es war also im Grunde genommen
Sehnsucht, Sehnsucht zu gleicher Zeit, die freudig war, die denjenigen
befiel, der den Weg zu den alten Mysterien suchte - gewiß eine ernste
Freude, eine tiefe Freude, eine erhabene Freude, aber Freude dennoch.
Nun kam eine Zwischenzeit - wenn ich die Vorträge halte in den
nächsten Tagen, werde ich ja diese Dinge von den historischen Gesichtspunkten aus zu charakterisieren haben - es kam eine Zwischenzeit, die endlich führte zu dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert,
wo, wie Sie ja wissen, eine neue Epoche in der Menschheitsentwickelung begann. Eine Zwischenzeit kam. Und nachher kam dasjenige,
was eine ganz andere Stimmung abgab beim Ausgangspunkte seines
Weges für den, der da suchte nach dem Wissen in den höheren Welten.
Es ist ja in der Tat so, daß, wenn wir in alte Mysterien nachträglich
durch die Akasha-Chronik hineinschauen, wir doch freudige Gesichter
rinden, tiefgründige, aber im Grunde genommen freudige Gesichter.
Wenn ich Ihnen eine Szene schildern würde, die man ja in der AkashaChronik nachträglich herausholen kann, eine Szene zum Beispiel in den
kabirischen, samothrakischen Mysterien, dann müßte man doch sagen:
die Persönlichkeiten, die da hineingingen in das Tempel-Innere der Kabiren, sie hatten vielsagende, tiefgründige Antlitze, aber etwas Freudiges.
Dann kam eine Zwischenzeit. Und dann kam das, was nicht eigentliche Tempel hatte, aber doch einen moralischen Zusammenhalt, wie
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er schon war in den alten Mysterien. Und dann kam das, was oftmals
als das rosenkreuzerische Wesen im Mittelalter bezeichnet wird.
Wenn man aber in einer ähnlichen Weise, wie ich es jetzt eben getan
habe für einen Gesichtspunkt, für die antiken Mysterien, wenn man
diese Mysterienschüler des Rosenkreuzertums charakterisieren wollte,
so müßte man sagen: die wichtigsten dieser Persönlichkeiten, die im
Mittelalter nach der Erkenntnis, nach der Erforschung der geistigen
Welt gingen, hatten wahrhaftig nicht freudige, hatten wahrhaftig tief
tragische Gesichter. Das ist so sehr eine Wahrheit, daß man schon
sagen kann: diejenigen, die nicht tief tragische Gesichter hatten, waren ganz gewiß keine echten Menschen in diesem Streben. Und es
war allerdings aller Grund vorhanden, tragische Gesichter an sich zu
tragen.
Ich möchte Ihnen anschaulich machen an der Art und Weise, wie
nach und nach die Menschen, die nach Erkenntnis gestrebt haben, zu
den Geheimnissen der Natur und des Geistes anders stehen mußten,
als man im Altertum in den alten Mysterien zu ihnen gestanden hat, in
dieser Zeit, die dann hingipfelte zu dem Rosenkreuzertum des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts.
Ich habe ja schon gestern darauf aufmerksam gemacht: Naturerscheinungen, Naturvorgänge waren ja für den alten Menschen unmittelbar Göttervorgänge. So wie es niemandem einfallen würde, die Bewegung des menschlichen Auges für sich zu betrachten und nicht als
die Offenbarung des Seelisch-Geistig-Leiblichen des Menschen, so wenig fiel es einem Menschen der alten Zeit ein, irgendeine Naturerscheinung abgesondert für sich zu betrachten. Er betrachtete sie als den
Ausdruck des Gottes, der sich offenbarte durch die Naturerscheinungen. Die Erdoberfläche, sie war dem alten Menschen ebenso die Haut
des erd-göttlichen Wesens, wie die Menschenhaut eben die Haut des
beseelten Menschenwesens für den heutigen Menschen ist. Man versteht gar nicht, wie die Seelenstimmung eines alten Menschen war,
wenn man eben nicht weiß, daß er so sprach, wie ich es gestern erwähnt habe: von der Erde als einem Götterleib, und von den Beziehungen der anderen Planeten unseres Planetensystems wie von Brüdern und Schwestern.
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Dieses unmittelbare Verhältnis zu den Naturerscheinungen und Naturdingen, wo eben das einzelne Naturding, die einzelne Naturerscheinung die Offenbarung des Göttlichen für den Menschen war, diese
Anschauung ging aber dann über in eine ganz andere, wo sozusagen
für die Erkenntnis sich zurückgezogen hatte, was göttlich ist in den
Naturerscheinungen. Denken Sie sich - wenn es sein könnte, daß
das Furchtbare einträte -, irgendeiner von Ihnen würde sich irgendwo placieren, und es würde geschehen, daß man an ihm nur mehr
den Leib sieht, so wie man die Erde sieht, für sich neutral, ohne Beseelung : es wäre ja schrecklich, etwas ganz Furchtbares!
Aber dieses Furchtbare ist für die Erkenntnis in der neueren Zeit
eingetreten. Und dieses Furchtbare fühlten die Erkennenden des Mittelalters. Es ist so, wie wenn das Göttliche sich zurückgezogen hätte
für das Erkennen aus den Naturerscheinungen und Naturvorgängen.
Und während in der alten Zeit Naturdinge und Naturvorgänge Offenbarungen des Göttlichen sind, kommt diese mittlere Zeit, und da sind
Naturdinge und -Vorgänge nur Bilder, nicht mehr Offenbarungen, sondern Bilder des Göttlichen.
Alte Zeit: Naturdinge und -Vorgänge
TafeI 22
Offenbarungen des Göttlichen
Mittlere Zeit: Naturdinge und -Vorgänge
Büder des Göttlichen
Aber der heutige Mensch hat nicht einmal mehr einen rechten Begriff, inwiefern Naturvorgänge und so weiter Bilder des Göttlichen
sind. Ich möchte Ihnen an einem Beispiel, das auch heute natürlich jedem bekannt sein kann, der irgendwie ein bißchen Chemie gelernt hat,
zeigen, wie bei denjenigen Menschen, die wenigstens noch drinnen
standen in der Anschauung: Naturdinge und Naturvorgänge sind Bilder des Göttlichen, wie bei diesen Menschen der Betrieb der Naturwissenschaft war.
Nehmen Sie einen einfachen Versuch, der heute ja von dem Chemiker immer gemacht werden kann. Man nehme eine Retorte - ich will
es ganz schematisch erklären -, gebe in die Retorte Oxalsäure hinein,
die man aus dem Klee bekommen kann, und vermische diese OxalCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:232 Seite:193
Tafel 22
säure zu gleichen Teilen mit Glyzerin. Dann erhitze man diese Mischung von Glyzerin und Oxalsäure, und man bekommt - wie gesagt,
ich zeichne schematisch - die hier weggehende Kohlensäure. Die Kohlensäure geht weg, und was hier übrig bleibt, das ist Ameisensäure.
Die Oxalsäure verwandelt sich sozusagen unter Verlust der Kohlensäure in Ameisensäure.
23 Nun, bitte sehen Sie sich dieses Schema an: Oxalsäure, Ameisensäure ; Kohlensäure geht fort. Sie können nun, indem Sie im Laboratorium die Retorte vor sich haben, diesen Versuch anstellen. Sie können nun davorstehen wie ein heutiger Chemiker, der eben bei diesem
Versuch abschließt.
So war es bei dem mittelalterlichen Menschen vor dem dreizehnten,
vierzehnten Jahrhundert nicht der Fall; sondern dieser Mensch blickte
nun sogleich nach zweierlei hin. Er sagte: Oxalsäure, ja gewiß, am hervorragendsten ist sie im Klee, Kleesäure; aber Oxalsäure ist in gewissen Mengen im ganzen menschlichen Organismus, namentlich aber bei
demjenigen Teil des menschlichen Organismus, der die Verdauungsorgane, Milz, Leber und so weiter umschließt. So daß, wenn Sie den
menschlichen Organismus nehmen, Sie da, wo der Verdauungstrakt
ist, vorzugsweise mit Vorgängen zu rechnen haben, die unter dem Einfluß der Oxalsäure stehen.
Aber das ist so, daß nun auf diese Oxalsäure, die namentlich im
menschlichen Unterleibe vorhanden ist und dort ihre Bedeutung hat,
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durch den menschlichen Organismus selber eine solche Wirkung ausgeübt wird, oder eine ähnliche Wirkung wie in der Retorte auf die
Oxalsäure durch das Glyzerin. Eine Glyzerinwirkung geschieht hier.
Und denken Sie sich das Merkwürdige: Unter dem Einfluß der Glyzerinwirkung geht in Lunge und Atmungsluft das Verwandlungsprodukt der Oxalsäure über: Ameisensäure. Und der Mensch atmet Kohlensäure aus, die dort herauskommt (siehe Zeichnung). Sie stoßen mit
der Atemluft nach außen; damit stoßen Sie die Kohlensäure heraus.
Sie können zunächst ganz gut das hier (die Retorte mit der erhitzten
Mischung von Glyzerin und Oxalsäure) als den menschlichen Verdauungstrakt ansehen; das, wo die Ameisensäure abfließt, als die Lunge,
und das hier als die ausgeatmete Luft, die Kohlensäure aus der Lunge.
Nun ist der Mensch keine Retorte. Die Retorte zeigt eben auf tote
Weise, was im Menschen lebendig und empfindend vorhanden ist.
Aber das ist richtig: Würde der Mensch niemals Oxalsäure entwickeln
in seinem Verdauungstrakt, so würde er überhaupt nicht leben können, daß heißt, sein Ätherleib hätte gar keine Grundlage in seinem Organismus. Würde der Mensch aber nicht die Oxalsäure in Ameisensäure verwandeln, so hätte sein astralischer Leib keine Grundlage in
seinem Organismus. Der Mensch braucht für seinen Ätherleib Oxalsäure, für seinen astralischen Leib Ameisensäure. Und er braucht nicht
etwa diese Substanzen, sondern er braucht die Arbeit, die Tätigkeit im
Innern, welche darinnen besteht, daß der Oxalsäure-Prozeß stattfindet, daß der Ameisensäure-Prozeß stattfindet. Das ist natürlich etwas,
was die heutige Physiologie erst gewinnen muß, sie kann heute noch
nicht so sprechen, denn sie spricht von dem, was im Menschen vorgeht, als wenn es äußerliche Prozesse wären.
Das war das eine, was derjenige, der dazumal Naturwissenschaft getrieben hat und vor seiner Retorte gesessen ist, sich fragte: Wie ist
irgendein äußerer Vorgang, den ich in einer Retorte oder in einer anderen chemischen Anordnung wahrnehme, wie ist dieser Vorgang im
Menschen?
Die zweite Frage war diese: Wie ist dieser Vorgang in der großen
Natur draußen? Nun, für diesen Vorgang, wenn ich ihn als ein Beispiel wählen würde, würde sich der damalige Naturforscher gesagt
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haben: Ich wende nun den Blick hinaus auf die Erde, wo die Pflanzenwelt ausgebreitet ist. Allerdings - ausgesprochen, radikal, findet sich
die Oxalsäure im Sauerklee, in den Kleearten überhaupt; aber in Wirklichkeit rindet sich die Oxalsäure überall ausgebreitet in der Vegetation, wenn auch zuweilen in homöopathischer Dosis, aber sie ist überall da. Überall ist zugleich wenigstens ein Anflug, wenn auch manchmal ein homöopathischer Anflug von dem vorhanden, was zum Beispiel die Insektenart der Ameisen dadurch macht, daß die Ameisen
noch herankommen an die Oxalsäure selbst im modernden Holze. Dieses Insektenheer, das dem Menschen oftmals so lästig wird, verwandelt das, was ausgebreitet ist als Oxalsäure über die Wiesen, über die
Fluren, über den ganzen Vegetationsboden der Erde, in Ameisensäure.
Und wir atmen tatsächlich die Ameisensäure, wenn auch in geringer
Dosis, fortwährend aus der Luft ein, verdanken diese Ameisensäure,
die in der Luft vorhanden ist, der Arbeit der Insekten an den Pflanzen,
indem die Oxalsäure der Pflanzen in Ameisensäure umgewandelt wird.
So sagte sich der mittelalterliche Naturforscher: Im Menschen ist
der Umwandlungsprozeß von Oxalsäure in Ameisensäure vorhanden.
Aber im Leben und Treiben der Natur ist ebenso dieser Umwandlungsprozeß vorhanden.
Diese zwei Fragen stellte sich der mittelalterliche Naturforscher bei
jedem Vorgang, den er in seinem Laboratorium machte. Und nun war
ihm etwas eigentümlich, diesem mittelalterlichen Naturforscher, was
heute dem Menschen ganz abhanden gekommen ist. Heute denkt man,
im Laboratorium kann ja jeder forschen, ob einer nun ein guter oder
ein schlechter Mensch ist, darauf kommt es ja nicht an. Man hat die
Formeln, man analysiert oder synthetisiert; das kann ja jeder machen.
Damals, als in dieser Weise an die Natur herangegangen wurde, wo
man die Natur genommen hat als Wirkung des Göttlichen, das heißt
des Göttlichen im Menschen, wie ich es dargestellt habe, und des Göttlichen in der großen Natur, damals hatte man die Anforderung: Der
Mensch, der so forscht, muß zu gleicher Zeit eine innere Frömmigkeit
haben. Er muß in der Lage sein, seine Seele und seinen Geist hinrichten zu können zu dem Göttlich-Geistigen der Welt. Und man war sich
klar darüber, denn es war eine Tatsache: Derjenige, der sich wie zu
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einer Opferhandlung vorzubereiten hatte zu seinem Experimentieren
und wirklich innerlich warm geworden war von Übungen der Frömmigkeit für sein Experimentieren, der machte eben die Erfahrung, daß
ihn das Experiment hineinführte auf der einen Seite in die Erforschung
des Menschen, auf der anderen Seite hinausführte in die Erforschung
der großen Natur. So daß man die innerliche Güte als Vorbereitung
für das Forschen ansah, und man sah seine Laboratoriumsversuche so
an, daß man die Fragen, die sie einem beantworteten, als von göttlichgeistigen Wesen gern beantwortet gehabt hätte.
Nun, damit habe ich Ihnen aber jenen Übergang charakterisiert, der
stattgefunden hat von dem Geiste der alten Mysterien zu dem, was
dann Mysterienwesen im Mittelalter hat sein können. Sehen Sie, traditionell hat sich ja manches von den alten Mysterien auch in das Mysterienwesen des Mittelalters herein bewahrt. Aber was die eigentliche
Große selbst der Spät-Mysterien, der von Samothrake oder von Hybernia war, was das eigentlich Große daran war, das konnte dennoch
im Mittelalter nicht erreicht werden.
Traditionell hat sich so etwas ja bewahrt selbst bis in unsere Tage
herein, was Astrologie genannt wird. Traditionell hat sich dasjenige
bewahrt, was Alchemie genannt wird. Aber man weiß ja heute schon
gar nicht, und man hat auch schon im zwölften, dreizehnten Jahrhundert kaum gewußt, welches die Bedingungen des wirklichen astrologischen Wissens und des wirklichen alchemistischen Wissens sind.
Sehen Sie, durch Nachdenken oder durch empirisches Forschen,
wie man es heute nennt, kann ja niemand zur Astrologie kommen. Diejenigen Menschen, die in die alten Mysterien eingeweiht waren, hätten
Ihnen, wenn Sie sie gefragt hätten, ob man durch Forschung, durch
Nachdenken zur Astrologie kommen kann, geantwortet: Du kannst
zur Astrologie kommen durch Nachdenken, durch empirische Forschung genau ebenso gut, wie du die Geheimnisse eines Menschen
durch empirische Forschung und durch Nachdenken erfahren kannst,
wenn er sie dir nicht sagt. Nehmen Sie an, es gäbe etwas, was nur ein
Mensch weiß, was niemand weiß, als dieser Mensch; und jemand
würde behaupten, er machte Experimente, um hinter das zu kommen,
was der Mensch weiß, oder er denkt nach darüber, was der Mensch
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weiß - nicht wahr, absurd wäre das! Aber über astrologische Dinge etwas zu erfahren durch Nachdenken, oder durch Experimente, oder
durch Beobachtungen, hätte ein alter Mensch ebenso absurd gefunden,
wie heute ein Mensch es absurd findet, wenn man erforschen will, was
man nur dadurch erfahren kann, daß es einem einer sagt. Denn die
alten Menschen haben gewußt: Die Geheimnisse der Sternenwelten
kennen nur die Götter, oder wie man es später genannt hat, die kosmischen Intelligenzen. Die kosmischen Intelligenzen, die wissen die Geheimnisse der Sternenwelten, die nur können es einem sagen. Daher
muß man den Erkenntnisweg machen, der einen dazu führt, sich mit
den kosmischen Intelligenzen verständigen zu können.
Wirkliche, wahrhaftige Astrologie beruht darauf, daß man in die
Möglichkeit gelangt, die kosmischen Intelligenzen zu verstehen. Und
wirkliche Alchemie? Wirkliche Alchemie beruht nicht darauf, daß man
so forscht, wie der heutige Chemiker, eben auch experimentiert und
nachdenkt, sondern Alchemie beruht darauf, daß man in den Naturprozessen die Naturgeister wahrnehmen kann, so daß man sich mit
ihnen verständigen kann; daß einem die Naturgeister sagen, wie der
Vorgang verläuft, was da eigentlich geschieht. Astrologie war in den
ältesten Zeiten durchaus keine Spintisiererei und kein beobachtendes
Forschen, sondern der Verkehr mit den kosmischen Intelligenzen. Alchemie war in den alten Zeiten durchaus kein beobachtendes Forschen,
kein bloßes Nachdenken, sondern Verkehr mit den Naturgeistern. Das
muß man zunächst wissen. Wäre man zu einem Ägypter der älteren
Zeit, oder namentlich zu einem Chaldäer der älteren Zeit gekommen,
so hätte einem der gesagt: Mein Observatorium habe ich dazu, um
Zwiesprache halten zu können durch meine Instrumente und durch
das, was ich aus meinem Geiste heraus mit Hilfe meiner Instrumente
sprechen lasse - um Zwiesprache zu halten mit den kosmischen Intelligenzen. Und derjenige, der als frommer Naturforscher im Mittelalter
vor die Retorte trat und an der Retorte auf der einen Seite naturwissenschaftlich das Innere des Menschen erforschte, auf der anderen Seite
das Weben und Wesen der großen Natur, dieser mittelalterliche Forscher hätte gesagt: Ich experimentiere, weil durch das Experiment die
Naturgeister zu mir sprechen. Der Alchemist war derjenige, der die
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Naturgeister beschwor. Alles, was später als Alchemie angesehen worden ist, ist eben dekadentes Produkt. Alles, was in älteren Zeiten Astrologie war, ist Ergebnis des Verkehrs mit den kosmischen Intelligenzen.
Nun, in dieser Zeit, in den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des Christentums, da war eigentlich schon die alte Astrologie,
das heißt der Verkehr mit den kosmischen Intelligenzen, dahin. Man
hatte die Tradition noch. Wenn die Sterne in Opposition, in Konjunktion standen und dergleichen, da rechnete man, nicht wahr, und so weiter. Man hatte alles das, was einem geblieben war als Tradition aus den
Zeiten, da die Astrologen ihren Umgang mit den kosmischen Intelligenzen hatten. Aber während in dieser Zeit, ein paar Jahrhunderte
nach der Entstehung des Christentums, die Astrologie eigentlich schon
dahin war, blieb die Alchemie eigentlich noch vorhanden. Der Umgang mit den Naturgeistern war noch durchaus in späteren Zeiten
möglich.
Und wenn wir jetzt hineinschauen in das, was im Mittelalter, sagen
wir, im vierzehnten, aber sogar noch im fünfzehnten Jahrhundert ein
wirklich rosenkreuzerisches alchemistisches Laboratorium war, da finden wir darinnen Instrumente, die verhältnismäßig manchmal sogar
schon ähnlich sehen den heutigen Instrumenten, wenigstens kann man
sich nach den heutigen Instrumenten schon Vorstellungen machen,
was diese Instrumente der damaligen Zeit waren. Aber wenn wir dann
geistig hineinschauen in diese rosenkreuzerischen Mysterien, so finden
wir eigentlich überall drinnen, ich möchte schon sagen die ältere, noch
ernstere und noch tiefer tragische Persönlichkeit, die dann zu dem
Faust, namentlich zu dem Goetheschen Faust geworden ist. Und gegenüber dem, was in den rosenkreuzerischen Laboratorien steht als der
Forscher mit dem tiefgründigen tragischen Gesichte, der eigentlich
mit dem Leben nicht mehr fertig wird, gegenüber dem, was uns da
entgegentritt, ist eigentlich der Goethesche Faust auch so etwas Ähnliches, wie jener - ich habe gestern mit einem radikalen Ausdrucke gesagt - Journalartikel-Apollo von Belvedere gegen den Apollo, wie er
aus dem dampfenden Opferrauche am Kabiren-Altar sich gebildet hat.
Man sieht im Grunde genommen, wenn man in diese alchemistischen Laboratorien des achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 232 Seite: 199
zehnten Jahrhunderts hineinschaut, in eine tiefe Tragik hinein. Und
diese Tragik des Mittelalters, diese Tragik gerade der ernstesten Leute,
die wird ja in keinem Geschichtsbuch in der richtigen Weise verzeichnet, denn man sieht nicht so recht in die Seelen hinein.
Alle diese wirklichen Forscher, die in dieser Art den Menschen und
das Weltall als Natur an der Retorte suchen, alle diese Menschen sind
gesteigerte faustische Naturen in dem älteren Mittelalter, denn sie fühlen eines tief: Wenn wir experimentieren, dann sprechen die Naturgeister zu uns, die Geister der Erde, die Geister des Wassers, die Geister
des Feuers, die Geister der Luft. Sie hören wir in ihrem Raunen, in ihrem Lispeln, in ihren eigentümlich verlaufenden, summend beginnenden Lauten, die dann übergehen in Harmonien und Melodien, um in
sich zurückzukehren. So daß Melodien ertönen, wenn Naturvorgänge
stattfinden. Man hat eine Retorte vor sich; man vertieft sich, wie ich
gesagt habe, als frommer Mann in dasjenige, was da vorgeht. Gerade
bei diesem Vorgang, wo man die Metamorphose erlebt der Oxalsäure
in die Ameisensäure, gerade da erlebt man, wie zunächst, wenn man
den Vorgang nun fragt, einem das Naturgeistige antwortet, so daß
man das Naturgeistige dann benützen kann für das innere Wesen des
Menschen. Da beginnt zunächst die Retorte durch farbige Erscheinungen zu sprechen. Man fühlt, wie die Naturgeister des Irdischen, die
Naturgeister des Wäßrigen aus der Oxalsäure aufsteigen, sich geltend
machen, wie aber dann das Ganze übergeht in ein summendes Melodiegestalten, Harmonien, die dann wieder in sich zurückkehren. So erlebt man diesen Vorgang, der dann die Ameisensäure und die Kohlensäure ergibt.
Und lebt man sich so hinein in dieses Übergehen des Farbigen in das
Tönende, dann lebt man sich auch hinein in dasjenige, was einem der
Laboratoriumsvorgang über die große Natur und über den Menschen
sagen kann. Dann hat man schon das Gefühl: es offenbaren die Naturdinge und Naturvorgänge noch etwas, was die Götter sprechen, sie
sind Bilder des Göttlichen. Und man wendet es innerlich nutzbringend auf den Menschen an. In allen diesen Zeiten war ja noch im hohen Grade Heilkunde zum Beispiel mit dem Wissen der allgemeinen
Weltanschauung innig verbunden.
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Nun, sagen wir, mit solcher Anschauung hätte man die Aufgabe,
Therapeutisches auszubilden. Man hat einen Menschen vor sich. Dieselben äußeren Symptom-Komplexe können ja die mannigfaltigsten
Krankheitszustände und Krankheitsursachen zum äußeren Ausdruck
bringen. Aber mit einer Methode, die etwa das aufnimmt - ich sage
nicht, daß sie heute so sein kann wie im Mittelalter, sie muß natürlich
heute anders sein -, kann man sich sagen: Wenn ein ganz bestimmter Symptom-Komplex auftritt, so ist der Mensch nicht imstande,
genügend Oxalsäure in Ameisensäure umzuwandeln. Er ist irgendwie zu schwach geworden, um Oxalsäure in Ameisensäure umzuwandeln. Man kann ihm vielleicht mit einem Heilmittel beikommen,
wenn man ihm nun irgendwie Ameisensäure beibringt, so daß man
ihm von außen hilft, wenn er selber die Ameisensäure nicht erzeugen
kann.
Sehen Sie, Sie können nun zwei, drei Leute, bei denen Sie diagnostiziert haben, daß sie die Ameisensäure nicht erzeugen können, mit
Ameisensäure behandeln, es hilft ihnen ganz gut. Dann bekommen Sie
einen Menschen, da ist etwas Ähnliches vorhanden. Sie geben Ameisensäure - es hilft gar nichts. In dem Augenblick, wo Sie aber Oxalsäure geben, hilft es sogleich. Warum? Ja, weil der Kräftemangel eben
an einem anderen Orte liegt, da, wo die Oxalsäure in Ameisensäure
umgewandelt werden soll. In einem solchen Falle würde jemand, der
im Sinne dieser mittelalterlichen Forscher gedacht hat, eben gesagt haben: Ja, der menschliche Organismus wird unter Umständen, wenn
man ihm einfach unter gewissen Voraussetzungen Ameisensäure gibt,
sagen: die befördere ich nicht in die Lunge, oder dergleichen, damit es
in die Atemluft kommt und in die Zirkulation, sondern ich will an einem ganz anderen Orte angegriffen werden, ich will schon in der
Sphäre der Oxalsäure angegriffen werden; die will ich mir selber umwandeln in die Ameisensäure. Ich verzichte auf die Ameisensäure, die
will ich mir selber machen.
So sind eben die Dinge verschieden. Und um was es sich diesen alchemistischen Forschern handelte, die dieses Namens wert sind - denn
natürlich ist mit diesen Dingen viel Schwindel, Dummheit und so weiter getrieben worden -, war immer dasjenige, was gesunde Natur des
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Menschen ist, in inniger Verbindung gedacht mit dem, was kranke
Natur des Menschen war.
Aber all das führte eben zu nichts anderem, als zu dem Verkehre mit
den Naturgeistern. Der mittelalterliche Forscher hatte also diese Empfindung : Ich verkehre mit den Naturgeistern. Da gab es aber alte Zeiten, da verkehrten die Menschen mit den kosmischen Intelligenzen.
Die sind mir verschlossen.
Ja, meine lieben Freunde, seitdem auch die Naturgeister sich von
der menschlichen Erkenntnis zurückgezogen haben, seit Naturdinge
und Naturvorgänge jene Abstraktionen geworden sind, als die sie dem
heutigen Physiker und Chemiker erscheinen, seit jener Zeit entsteht
jene Tragik nicht mehr, die im Mittelalter da war. Denn die Naturgeister, mit denen jene Menschen noch verkehrten, die reichten gerade
hin, um die Sehnsucht nach den kosmischen Intelligenzen, zu denen
die alten Menschen gekommen sind, zu erwecken. Aber man konnte
den Weg zu den kosmischen Intelligenzen nicht mehr finden mit demjenigen, was gerade damals an Erkenntnismitteln aufgewendet werden
konnte; man konnte nur den Weg zu den Naturgeistern finden. Und
indem man die Naturgeister wahrnahm, die Naturgeister in die Erkenntnis herein bezog, empfand man so tragisch, daß man nicht zu den
kosmischen Intelligenzen kommen konnte, von denen die Naturgeister selber wiederum inspiriert sind. Man nahm wahr, was die Naturgeister wissen; aber man konnte nicht durch sie hindurch bis zu den
kosmischen Intelligenzen dringen. Das war die Stimmung.
Und im Grunde genommen war der Umstand, daß die NaturgeisterErkenntnis den mittelalterlichen Alchemisten geblieben ist, und die Erkenntnis der kosmischen Intelligenzen verlorengegangen ist, die Ursache ihrer Tragik. Und es war auch wiederum die Ursache dazu, daß
schon dieser mittelalterliche Naturforscher nicht mehr zu einer vollständigen Menschenerkenntnis kommen konnte. Aber er ahnte noch,
wo eine vollständige Menschenerkenntnis war. Und man muß schon
sagen: Es ist wie eine Reminiszenz an dasjenige, was mancher Laboratoriumsmann im Mittelalter fühlte, wenn der Goethesche Faust sagt:
Da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor - denn
diese Lehre gaben im Grunde genommen gerade den Laboratoriumscopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 3 2 Seite: 20 2
menschen die Naturgeister, zu denen sie vordrangen. Sie gaben aber
auch keine rechte Seelenerkenntnis, diese Naturgeister.
Heute ist eben schon vieles auch an Tradition verlorengegangen; es
muß aber wiedergefunden werden. Ich möchte sagen, die Nachricht
von den wiederholten Erdenleben hatte dieser Forscher auch. Er stand
in seinem Laboratorium; die Naturgeister hatten gerade das Eigentümliche, daß sie von allem Möglichen sprachen in der Beziehung der
Substan2en, in der Schilderung der Geschehnisse der Welt, daß sie
aber ganz und gar niemals sprachen von den wiederholten Erdenleben; sie hatten kein Interesse an den wiederholten Erdenleben.
Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen einige der Gedanken vor
die Seele gestellt, die als Ausgangspunkte einer tragischen Grundstimmung bei diesen mittelalterlichen Naturforschern vorhanden waren.
Und wir wollen auf diese eigentümliche Gestalt hinblicken, auf diesen
rosenkreuzerischen Forscher, der in dem früh-mittelalterlichen Laboratorium steht, mit seinem ernsten, oftmals so tiefgründigen, aber
kummervollen Gesichte, mit keiner Verstandesskepsis, aber mit einer
tiefen Ungewißheit des Gemütes, mit keiner Lähmung des Willens,
aber mit dem Bewußtsein:
O, Wille, Wille ist in mir -
Wie leite ich ihn hinaus zu den Bahnen,
Die zu den kosmischen Intelligenzen führen?
Ja, da entstanden unzählige Fragen in dem Gemüte dieses mittelalterlichen Naturforschers! Und ein schwacher Abglanz davon ist der
erste Faust-Monolog mit dem, was ihm folgt.
Wir wollen uns morgen diesen ernsten Forscher mit tiefgründigem
Gesichte, der eigentlich der Urvater des Goetheschen Faust ist, etwas
genauer ansehen. |