Die Mysterien der samothrakischen Kabiren
ZWÖLFTER VORTRAG, 21. Dezember 1923
Vom mittleren Stadium der Menschheitsentwicklung. Das Bewußtsein der alten Orientalen gegenüber der äußeren Oberfläche der Erde. Das Seelisch-Geistige im Empfinden der Erde als Teil des Kosmos. Die Erde wird als von Göttern erfüllt empfunden. Äußerungen, Offenbarungen und Schicksale der Götter. Die drei symbolisch gestalteten Krüge auf dem Altar. Die Gestalten der drei Kabiren. Die Kabirenmysterien auf Samothrake. Die Fähigkeit des Priesters in samothrakischen Mysterien, Geistiges fühlen zu können. Das Erblicken des Wesenhaften der Substanzen im Himmel. Die Wandlung der Himmelskunde zur Atmosphärenkunde im 13./14. Jahrhundert. Die Erfassung des abstrakt gewordenen Himmels durch Mathematik. Das Abbild des Himmels im Haupte des Menschen. Die Absage der Rosenkreuzer an die bloße Abstraktion.
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letzten großen Mysterien das menschliche Innere unmittelbar anknüpften an das Naturdasein, an den Geist des Naturdaseins. Es waren dies
die Mysterien von Hybernia. Und wir haben gesehen, wie durch Blicke
in den Menschen selbst, Blicke, die aber durchaus intim geistiger Natur, individuell persönlicher Natur sogar waren, die griechischen Mysterien in das Innere des Menschen eingedrungen sind. Man kann schon
sagen: wie in der äußeren Natur die mannigfaltigsten Erdgegenden
diese oder jene Vegetation tragen, so zeigen sich im Laufe der Menschheitsentwickelung auf den verschiedensten Gebieten der Erde die mannigfaltigsten Einflüsse von Seiten der geistigen Welt auf die Menschen.
Würden wir, was ja in historischer Beziehung in den nächsten Tagen
geschehen soll, in den Orient hinübergehen, so würden wir noch manches andere an Mysteriengestaltung finden. Aber ich habe heute - weil
ja noch nicht alle Besucher anwesend sind - mehr an das anzuknüpfen,
was schon betrachtet worden ist, denn etwas Neues zu beginnen.
Man kann sagen: Wenn man zurückblickt in der Menschheitsentwickelung, dann tritt einem mit aller Klarheit vor das imaginative Bewußtsein eine dreigliedrige Entwickelung. Ich sage: mit aller Klarheit
vor das imaginative Bewußtsein, weil, wenn man die Epochen, von
denen ich jetzt sprechen will, weiter nach vorn, nach früheren Zeiten
ausdehnt, man ja natürlich eine größere Zahl bekommt als die Dreizahl, und ebenso, wenn man weiter in die Zukunft hineingeht. Aber
wir wollen diese mittleren Stadien der Menschheitsentwickelung, die
nicht erst durch Inspiration, sondern die schon mit aller Klarheit vor
der Imagination auftreten, heute einmal von einem gewissen Gesichtspunkte aus ins Auge fassen.
Noch bis in die ägyptische Zeit herein war es eigentlich für die
Menschheit so, daß gegenüber dem damaligen Bewußtsein sowohl der
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afrikanisch-europäischen Völker wie der asiatischen Völker es dasjenige gar nicht gab, was man heute Stoffe nennt. Nicht einmal die äußeren groben Stoffe gab es für das Menschheitsbewußtsein, geschweige
denn jene Abstraktionen, welche wir heute als Kohlenstoff, Wasserstoff, Schwefel und so weiter bezeichnen. Diese Dinge gab es nicht,
sondern alles, was sich draußen in der Natur ausbreitete, das wurde
unmittelbar angesehen als Körper der göttlich-geistigen Wesenheiten,
die sich durch die ganze Natur offenbaren. Wir gehen heute ins Gebirge, treten auf den Stein, heben wohl auch den Stein auf, wir sehen in
ihm eine gleichgültige Substanz. Uns kommt etwas Ähnliches gar nicht
zum Bewußtsein, wie es dem älteren Ägypter, dem alten Orientalen
zum Bewußtsein gekommen ist.
Nicht wahr, wir werden heute nicht, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen und etwa seine Finger erfassen, dasjenige, was wir da
berühren am Menschenfinger, als etwas Gleichgültiges betrachten. Wir
betrachten es als etwas, was zu seinem ganzen menschlichen Organismus gehört. Und wir können nicht anders, indem wir zum Beispiel das
letzte Glied des Zeigefingers eines Menschen betrachten, als uns sagen:
dies ist ein Teil eines Gesamtorganismus.
So war es bei den alten Ägyptern, so war es bei den alten Orientalen
in ihrem Bewußtsein. Traten sie auf einen Stein, hoben sie einen Stein
auf: es war ihnen dies nicht ein gleichgültiger Stein wie uns heute, es
war ihnen dies überhaupt nicht gewöhnliche irdische Substanz, es war
ihnen dies der Teil des göttlichen Leibes, als der ihnen die Erde erschien. Und so, wie wir heute uns verhalten in unserem Bewußtsein zu
der Haut des Menschen, so verhielten sich die Alten gegenüber der
äußeren Oberfläche der Erde. Wenn wir heute herantreten an einen
Menschen und uns durch besondere Umstände zum Bewußtsein
kommt, daß er uns an einen anderen Menschen erinnert, den wir schon
kennen, der jetzt vielleicht nicht da ist, und wenn die Umstände ergeben, daß dieser Mensch, den wir da treffen, die Schwester oder der
Bruder jenes anderen Menschen ist, dann kommt uns unmittelbar in
den Sinn: da ist gemeinsames Fleisch und Blut bei den beiden Menschen
vorhanden, die gehören in einer gewissen Weise körperlich zusammen.
Und wenn der alte Grieche oder der alte Orientale seinen Blick hinaufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:232 Seite: 178
richtete zum Mars, Jupiter, Saturn, und er sah dann die Erde an, dann
sah er in dieser Erde eben zunächst den göttlichen Leib des Erdengottes, aber er sah zu gleicher Zeit in dieser Erde die Schwester oder den
Bruder, kurz das Geschwisterliche zu den Planeten, die draußen um
die Erde herumkreisten, Jupiter, Mars, Saturn.
Und so war etwas durchaus Seelisch-Geistiges im Empfinden des
ganzen Kosmos und im Empfinden der Erde als eines Teiles dieses
Kosmos bei den Alten vorhanden. Und Sie müssen sich nur recht tief
in Ihrem Innern vorstellen, wie das etwas ganz anderes bedeutete für
die Seele, als das, was der Mensch heute empfindet. Es heißt schon etwas, in der Erde den göttlichen Leib zu schauen, in der Erde das geschwisterliche Glied gegenüber allen anderen Planeten des Weltensystems zu sehen! Denn von Göttern erfüllt dachten sich die Alten das
ganze Weltenall. Und von Göttern erfüllt war ihnen nicht nur die
ganze Erde, von Göttern erfüllt war ihnen außer den planetarischen
großen Weltenkörpern jedes einzelne Glied dieser planetarischen Wesenheiten. In Stein und Baum, in Fluß und Felsen, in Wolken und Blitz
offenbarten sich irgendwelche geistig-göttliche Wesenheiten. Dieses
Bewußtsein wurde erweckt in den weiten Kreisen der Bevölkerung
über die Erde hin, und dieses Bewußtsein wurde vertieft in den mannigfaltigen Mysteriengestaltungen, die da und dort auf der Erde sich
fanden.
Und wenn wir im griechischen Wesen heraufkommen bis zu jener
Zeit, da die äußere politische Größe Griechenlands hinuntersank in
eine Art von Volkschaos und aufkam das mazedonische Wesen, dann
finden wir, wie in der Tat damals etwas hereinflutete in das menschliche Wissen, in die menschliche Erkenntnis, was wir das letzte Mal hier
in Foim des Aristotelismus kennengelernt haben, was wir kennengelernt haben als dasjenige, was sich in geistiger Beziehung Alexander
der Große zu seiner Volksaufgabe gemacht hatte. Wenn wir da zu diesem Kulminationspunkt des Griechentums auf der einen Seite, auf der
anderen Seite zum Sturz des Griechentums, zum mazedonischen Wesen kommen, so sehen wir gegenüber dem, was die äußere Geschichte,
die eigentlich in Wirklichkeit eine Geschichtslegende ist, bietet, auf
dem Untergrunde der Bewußtseine gerade der tieferen Geister einen
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Impuls, der herauskam aus denjenigen Mysterien, denen, trotzdem
er äußerlich nie davon sprach, Aristoteles recht nahe stand. Es waren jene Mysterien, die gerade im tiefsten Sinne in voller Lebendigkeit vor ihren Zuhörern das Bewußtsein erweckten, daß die ganze
Welt eine Theogonie, ein Götterwerden sei, daß man die Welt durchaus in illusionärer Weise sieht, wenn man glaubt, daß etwas anderes
wird in der Welt, als Götter. Götter sind es, die die Wesenhaftigkeiten
der Welt darstellen, Götter sind es, welche Erlebnisse in dieser Welt
haben, Götter sind es, die Taten ausführen. Und das, was man sieht als
Wolken, was man hört als Donner, was man wahrnimmt als Blitze, was
man auf der Erde wahrnimmt als Fluß und Berg, was man wahrnimmt
auf der Erde in den Mineralreichen, das sind die Offenbarungen, die
Äußerungen des Werdens der Schicksale der Götter, die sich dahinter
verbergen. Und auch dasjenige was äußerlich sich darstellt in der Wolke, in Blitz und Donner, in Baum und Wald, in Fluß und Berg, das ist
nichts anderes, als was das Götterdasein, das überall ist, so offenbart,
wie die Haut des Menschen das innerlich Seelenhafte dieses Menschen
offenbart. Und wenn Götter überall sind, dann muß man unterscheiden
- so lehrte man die Mysterienschüler im nördlichen Griechenland -
zwischen den kleinen Göttern, die in den einzelnen Naturwesen und
-Vorgängen sind, und den großen Göttern, welche sich darstellen
als Wesenhaftes der Sonne, des Mars, des Merkur, und eines vierten,
der nicht äußerlich durch ein Bild oder durch eine Gestaltung sichtbar
gemacht werden kann. Das waren die großen Götter, die großen Planetengötter, jene großen Planetengötter, die so behandelt wurden, daß
des Menschen Blick hinaufgelenkt wurde nach dem Weltenraum, daß
sein Auge, aber auch sein ganzes Herz schauen sollte dasjenige, was in
Sonne, Mars, Merkur lebte, was aber nicht nur draußen in diesem kleinen Kreise lebt im Weltenraum, was überall im Weltenraum lebt, was
vor allen Dingen herankommt an den Menschen.
Und nachdem zuerst, ich möchte sagen ein majestätischer Impuls in
dem Schüler der nordgriechischen Mysterien dadurch erweckt worden
war, daß sein Blick hinaufgelenkt wurde auf die Planetenkreise selbst,
wurde dann dieser Blick menschlich so vertieft, daß gewissermaßen das
Auge vom Herzen ergriffen wurde, um seelisch zu sehen. Dann verCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 23 2 Seite: 180
stand der Schüler, warum auf dem Altar vor ihn hingestellt worden
waren drei symbolisch gestaltete Krüge.
Wir haben einmal eine Nachbildung dieser Krüge hier in einer eurythmischen Faust-Vorstellung verwendet, und so, wie sie dazumal ausgesehen haben, diese Krüge, so haben sie ausgesehen in den samothrakischen, in den nordgriechischen Mysterien. Aber das Wesentliche war,
daß mit diesen Krügen in ihrer ganzen symbolischen Gestaltung eine
Weihehandlung, eine Opferhandlung vor sich gegangen ist. Eine Art
Weihrauch wurde in diese Krüge getan, wurde entzündet, der Rauch
strömte heraus, und drei Worte, von denen wir morgen noch sprechen
werden, wurden mit mantrischer Gewalt von dem zelebrierenden Vater in den Rauch hineingesprochen, der von diesen Krügen aufdampfte, und es erschienen die Gestalten der drei Kabiren. Sie erschienen
dadurch, daß der menschliche Atem, die Ausatmung durch das mantrische Wort sich gestaltete und seine Gestaltung mitteilte dem Aufsteigenden, Aufdampfenden der Substanz, die den symbolischen Krügen einverleibt worden war. Und indem der Schüler auf diese Weise
lesen lernte in seinen eigenen Atemzügen, indem er lesen lernte, was in
den Rauch diese eigenen Atemzüge hineinschrieben, lernte er zugleich
lesen, was die geheimnisvollen Planeten aus dem weiten Weltenall herein zu ihm sprachen. Denn nun wußte er: wie der eine der Kabiren gestaltet wurde durch das mantrische Wort und seine Gewalt, so war in
Wirklichkeit der Merkur; wie gestaltet wurde der zweite Kabir, so war
in Wirklichkeit der Mars; wie gestaltet wurde der .dritte Kabir, so war
in Wirklichkeit Apollo, die Sonne.
Und wenn man jene Mode journalgestalten - verzeihen Sie, daß ich
mich radikal ausspreche -, die man ja leider meistens in Galerien aus
der spätgriechischen Plastik sieht, und die man sehr verehrt, weil man
keine Ahnung hat, aus was sie hervorgegangen sind, wenn man jene
Modejournalgestalten eines Apollo, eines Mars, eines Merkur sich anschaut, sie aber anschaut mit jenem Goetheschen Blicke, mit dem Blick,
den Goethe angewendet hat auf seiner italienischen Reise, um durch
diese Modejournalgestalten die Ahnung zu bekommen, was eigentlich
griechische Kunst war in jenen Hervorbringungen, die zugrunde gegangen sind mit so vielem, was in den ersten Jahrhunderten nach der BeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:232 Seite: 181
gründung des Christentums hinuntergestoßen worden ist in die furchtbare Verwüstung, die dazumal Platz gegriffen hat -, wenn man gewissermaßen hindurchschaut durch diese spätgriechischen plastischen Gestalten, die, ich möchte sagen, auf der einen Seite mit Recht, weil sie
wegweisend waren, auf der anderen Seite mit Unrecht, weil sie eben
Nachgeburten sind von Früherem, für groß gehalten werden, wenn
man zurückschaut auf dasjenige, woraus sie entstanden sind, dann
sieht man, wie in der älteren griechischen Zeit nachgebildet worden
sind die Opfer-Offenbarungen, die auf eine solche Weise zustande gekommen sind in früherer Zeit in noch viel majestätischerer, großartigerer Weise, als später in Samothrake bei den Kabirenmysterien. Man
sieht zurück auf jene Zeiten, in denen das mantrische Wort hineingesprochen worden ist in den Opferrauch, und die wahren Gestalten des
Apollo, des Mars, des Merkur erschienen sind.
Das waren die Zeiten, in denen der Mensch nicht in abstracto gesagt hat: Im Urbeginne war der Logos, und der Logos war bei Gott,
und ein Gott war der Logos - das waren die Zeiten, in denen der Mensch
etwas ganz anderes sagen konnte, in denen der Mensch sagen konnte:
In mir gestaltet sich die Ausatmung, und indem die Ausatmung sich in
regelmäßiger Weise gestaltet, erweist sie sich selber als ein Nachbild
kosmischen Schaffens, denn sie schafft mir aus dem Opferrauch Gestaltungen, die für mich die lebendigen Schriftzüge sind, die mir verraten, was mir die planetarischen Welten sagen wollen.
Und wenn sich der Schüler der Kabirenmysterien auf Samothrake
näherte den Pforten dieser Einweihungsstätten, dann hatte er durch
seinen Unterricht das Gefühl: Ja, jetzt betrete ich dasjenige, was mir
umschließt die magischen Handlungen des opfernden Vaters. Denn
«Vater» nannte man die zelebrierenden Initiatoren dieser Mysterien.
Und was offenbarte dem Schüler die magische Kraft dieser zelebrierenden Vater? Durch das', was die Götter in den Menschen gelegt haben,
durch die Gewalt der Sprache, schrieb der priesterliche Magier und
Weise hinein in den Opferrauch jene Schriftzüge, die aussprachen die
Geheimnisse des Weltenalls.
Deshalb sagte der Schüler, wenn er sich der Pforte näherte, in seinem
Herzen: Ich trete ein in dasjenige, was mir umschließt einen gewaltigen
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Veiwaltung Buch: 23 2 Seite: 182
Geist, was mir umschließt die großen Götter, jene großen Götter, welche auf der Erde durch die Opferhandlungen der Menschen die Geheimnisse des Weltenalls enthüllen.
Das war eine Sprache, die da gesprochen wurde, und eine Schrift,
die da geschrieben wurde, die wahrhaftig nicht bloß den Verstand des
Menschen, sondern die den ganzen Menschen in Anspruch genommen
haben. Und in den samothrakischen Mysterien war schon noch etwas
von einem Wissen, das ja heute ganz verglommen ist. Der Mensch ist
heute ja wohl mächtig, mit Wahrheit davon zu sprechen, wie sich ein
Quarzkristall anfühlt, wie sich meinetwillen ein Stück Eisen anfühlt,
wie sich ein Stück Antimon anfühlt, wie sich ein Haar anfühlt, wie sich
die menschliche Haut anfühlt, wie sich ein tierisches Fell anfühlt, wie
sich Seide, Samt anfühlt; das ist der Mensch heute mächtig, sich zu vergegenwärtigen durch sein Gefühl. In den samothrakischen Mysterien
war noch etwas vorhanden, durch das der Mensch mit Wahrheit sagen
konnte, wie sich Götter anfühlen lassen. Denn der Gefühls-, der Tastsinn war noch fähig dessen, wessen er in alten Zeiten durchaus fähig
war: das Geistige anzufühlen, Götter zu ertasten. Und das Wunderbare ist eigentlich folgendes, ja man muß schon in ältere Zeiten zurückgehen, wenn man geradezu sprechen will davon, daß die Menschen
sagen konnten mit Wahrheit: Ich weiß durch meine Fingerspitzen, wie
sich Götter ertasten. Aber in den samothrakischen Mysterien bestand
eine andere Kunst des Ertastens der Götter; sie bestand in folgendem.
Indem der priesterliche Magier in den Opferrauch die Worte hineinsprach, indem er also das Wort ertönen ließ im Aushauche und sprach,
fühlte er in dem hinausgehenden Atem, wie der Mensch sonst fühlt,
wenn er die tastende Hand ausstreckt. Und wie man weiß, daß man
mit der Fingerspitze in stets anderer Weise tastet, über den Stoff fährt,
wenn man Samt anfühlt, wenn man Seide anfühlt, wenn man Katzenfelle anfühlt, wenn man menschliche Haut anfühlt, so empfand der samothrakische Priestermagier mit der ausgeatmeten Luft, und er empfand den Aushauch, den er gegen den Opferrauch hin strahlen ließ, wie
ein Ausstrecken von etwas, was aus ihm selber herauskam: er empfand den Aushauch wie ein Tastorgan, das nach dem Rauche hin ging.
Er fühlte den Rauch. Und er fühlte in dem Rauch die ihm entgegenCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 232 Seite: 183
kommenden großen Götter, die Kabiren, er fühlte in dem, wie der
Rauch sich gestaltete, und wie die Gestalten, die sich da bildeten, von
außen herankamen an den Aushauch, so daß der Aushauch fühlte: da
ist Rundung, da ist Eckigkeit, da greift mir etwas entgegen. Die ganze
göttliche Gestalt des Kabirs wurde ertastet mit dem in das Wort gekleideten Aushauch. Mit der Sprache, die aus dem Herzen kam, ertastete
der samothrakische Weise die durch den Opferrauch zu ihm herabsteigenden Kabiren, das heißt die großen Götter. Und es war eine lebendige Wechselwirkung zwischen dem Logos im Menschen und dem
Logos draußen in den Weltenweiten.
Und indem der einweihende Vater den Schüler hinführte vor den
Opferaltar und nach und nach lehrte, wie man fühlen kann mit der
Sprache, und indem der Schüler immer weiter vorschritt und sich in
dieses Fühlen mit der Sprache hineinfand, kam der Schüler endlich zu
jenem Stadium inneren Erlebens, in dem er zunächst ein deutliches Bewußtsein hatte, wie gestaltet ist Merkur, Hermes, wie gestaltet ist Apollo, wie gestaltet ist Ares, der Mars. Es war, wie wenn das ganze Bewußtsein des Menschen herausgehoben wäre aus seinem Leibe, wie
wenn dasjenige, was der Schüler früher gewußt hat als den Inhalt seines Kopfes, oben gewesen wäre über seinem Haupte, wie wenn das
Herz lokalisiert wäre an einem neuen Orte, indem es heraufgedrungen
wäre aus der Brust in den Kopf. Und dann erstand in diesem über sich
selbst wirklich hinausgegangenen Menschen dasjenige, was innerlich
sich formte zu dem Worte: So wollen dich die Kabiren, die großen Götter. Von da ab wußte der Schüler, wie in ihm lebte Merkurius in seinen
Gliedmaßen, die Sonne in seinem Herzen, der Mars in seiner Sprache.
Sehen Sie, durchaus nicht nur natürliche Vorgänge und Wesenheiten wurden in der äußeren Welt in den alten Zeiten den Schülern vorgeführt. Was ihnen vorgeführt wurde, war weder etwas einseitig Naturalistisches, noch etwas einseitig Moralisches, sondern etwas, wo Moral und Natur in eins zusammenflössen. Und das war gerade das Geheimnis der samothrakischen Welt, daß der Schüler vermittelt bekam
das Bewußtsein: Natur ist Geist, Geist ist Natur.
Aus jenen Zeiten, die ihren letzten Nachklang in dem samothrakischen Kabirendienste gefunden haben, stammt jene Einsicht, welche
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die irdischen Substanzen zusammenbringt mit dem ganzen Himmel.
Man konnte eben nicht in alten Zeiten sagen, wenn man jenes rötlichbräunliche Mineral sah mit dem Kupferglanz, wenn man unser heutiges Kupfer sah, man konnte eben nicht sagen, so wie man heute sagt:
Das ist Kupfer, das ist ein Bestandteil der Erde-denn das konnte man
sich nicht denken. Das ist für die Alten kein Bestandteil der Erde gewesen, sondern das ist die Tat der Venus in der Erde gewesen, was sich
als Kupfer überall offenbarte. Die Erde hat nur solche Gesteine wie
Sandstein, Kalk entstehen lassen, um aufzunehmen in ihrem Schoß,
was der Himmel in die Erde gepflanzt hat. Und so wenig, wie wir heute
sagen dürfen, wenn wir hier (es wird gezeichnet) den Erdboden haben
und wir einen Pflanzensamen in den Erdboden säen: Aus dem Erdboden
ist dieser Same herausgewachsen, so wenig durfte man, wenn man hier
die Erdoberfläche hätte und in der Erde ein Kupfererz, damals sagen:
Dies Kupfererz ist ein Bestandteil der Erde. Was man sagen mußte,
ist: Die Erde hier mit ihrem Sandstein oder sonstigen Gestein, sie ist
der Boden, und das, was da metallisch drinnen ist, das hat irgendein
Planet in die Erde hereingepflanzt. Das ist Same, hereingepflanzt in die
Erde durch einen Planeten. Alles das, was so auf Erden war, sah man
an als hereinimpulsiert in die Erde vom Himmel aus.
Wenn man heute die Erde hat und die Substanzen der Erde kennenlernt, dann beschreibt man ja alles so - sehen Sie sich irgendeine Mineralogie, eine Geologie an -, daß man die Erde beschreibt. So hat man
in der alten Wissenschaft nicht beschrieben. Da schweifte der Blick hin
über die Erde; aber indem man dann die Substanzen sah, mußte man
zum Himmel hinaufsehen, und in dem Himmel, da sah man das Wesenhafte der Substanzen. Scheinbar nur liegt Kupfer, liegt Zinn, liegt Blei
in der Erde. Sie aber sind die Samen, welche hereingepflanzt worden
sind während der alten Sonnen- und Mondenzeit von dem Himmel in
das irdische Dasein.
So war aber auch noch die Lehre der Kabiren in den samothrakischen Mysterien. Das war schließlich schon das, was wenigstens als
Atmosphäre des Wissens auf Aristoteles und Alexander den Großen
gewirkt hat. Und dann wurde der Anfang geschaffen zu etwas ganz anderem.
Tafel 20
oben, Weiß
und Rot
rechts, oben
Gelb mit Rot
rechts, Weiß
mit Grün
und Gelb
links, Grün
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Die Menschheit kam mit ihrer Einsicht nicht sogleich vom Himmel
auf die Erde herunter, sondern die Menschheit machte erst ein Zwischenstadium durch in alten Zeiten. Und noch in den Nachklängen jener alten Zeiten, den samothrakischen Mysterien, hat man, wenn man
die Metalle der Erde oder auch andere Substanzen der Erde, wie Schwefel oder Phosphor, beschreiben wollte, eigentlich den Himmel beschrieben, geradeso, wie man eine Pflanze beschreibt, wenn man die
Wesenheit des Samens kennen will. Man kann doch nicht, wenn man
ein Samenkorn vor sich hat, das Wesen dieses Samenkorns erkennen,
20 wenn man nicht die Pflanze erkennt. Was wollen Sie denn mit solch
rec ts e j n e m Samenkorn, das so aussieht, wenn Sie nicht wissen, wie Anis ausschaut ? Was wollen Sie denn, hätten die Alten gesagt, aus dem Kupfer
machen, das in der Erde sich zeigt, wenn Sie nicht wissen, wie geistigseelisch-leiblich die Venus ausschaut da oben am Himmel.
Und aus der Himmelskunde wurde nach und nach, möchte man sagen, eine Umlaufskunde, eine Atmosphärenkunde, indem nicht mehr
geschildert wurde, wenn man auf das Irdische hinsah, was die Sterne
in ihrer Wesenhaftigkeit waren, sondern, indem man ein irdisches Wesen sah, sich sagte: Darinnen lebt erstens das, was wir in der festen
Erde sehen, dann aber lebt da drinnen auch dasjenige, was wir in der
nach der Tropfenform tendierenden Flüssigkeit sehen; dann lebt darinnen, was sich nach allen Seiten ausdehnen will, was luftförmig ist,
was zum Beispiel im menschlichen Organismus in Atem und Sprache
lebt. Und dann lebt darinnen das Feurige, welches das einzelne Wesen
in sich auflöst, so daß aus den zerklüfteten, aufgelösten Bestandteilen
Neues entstehen kann. Da leben die Elemente in jeder irdischen Gestaltung.
Und indem früher in den alten Mysterien die Menschen hingeschaut
haben auf das allerdings auch kosmische, aber zum Irdischen gestaltete
Salzige, das sie in dem gesehen haben, was Mutter Erde der Metallität
entgegengebracht hat, haben sie das Merkuriale gesehen in alledem,
was aus dem Weltenall heraus das Metall werden soll.
Ach, es ist so ungeheuer kindisch, wenn heute die Menschen anfangen, Beschreibungen zu geben von dem, was man sich noch im Mittelalter als Merkur vorgestellt hat! Es steht da doch immer wieder im
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Hintergrunde, daß mit Merkur auch im Mittelalter so etwas Ähnliches
wie das Quecksilber gemeint sein könnte oder überhaupt irgendein
einzelnes Metall. Es ist ja gar nicht so. Merkur ist jedes Metall,insofern
dieses Metall unter dem Einfluß des ganzen Kosmos steht. Denn wie Tafel 21
würde Kupfer, wenn nur der Kosmos in seiner Peripherie wie auf jedes Metall wirkte? Kupfer würde tropfig wie Quecksilber. Wie würde Rot
Blei, wenn nur der Kosmos wirkte? Blei würde tropfig, Quecksilber.
Wie würde Zinn, wenn nur der Kosmos wirkte? Zinn würde tropfig. Gelb, Rot
Jedes Metall, wenn nur der Kosmos wirkt, würde Quecksilber. Alle
Metalle sind Merkur, insofern der Kosmos auf sie wirkt. Und das wirkliche heutige Quecksilber, das noch auf der Erde Tropfenform annimmt, was ist denn das?
Nun, sehen Sie: die anderen Metalle, sagen wir Blei, Kupfer, Zinn,
Eisen, die sind über die Tropfenform hinausgegangen. Als die ganze
Erde noch unter dem Einfluß des sphärisch-kugeligen Kosmos stand,
waren alle Metalle Merkur. Sie sind über die merkuriale Gestalt hinausgegangen, sie kristallisieren heute in anderen Gestalten. Nur das
eigentliche, im heutigen Sinne eigentliche Quecksilber ist auf jener
Stufe stehengeblieben.
Wie hätten die Alten und wie haben noch die mittelalterlichen Alchemisten zu dem heutigen Quecksilber gesagt? Sie haben gesagt:
Kupfer, Zinn, Eisen, Blei sind die guten Metalle, die mit der Vorsehung
fortgeschritten sind; Quecksilber ist der Luzifer unter den Metallen,
denn es ist auf einer früheren Stufe der Gestaltung stehengeblieben.
Und so war es eben in alten Zeiten, daß, indem man in dieser Weise
von dem Irdischen gesprochen hat, man eben in Wahrheit von dem
Himmlischen gesprochen hat.
Von da aus kam man dann dazu, von demjenigen zu sprechen, was
nun zwischen dem Umkreis und der Erde liegt. Zwischen dem Um- Tafel 21
kreis und der Erde liegt eben unten die Erde selbst, dann das wäßrige
Element, das luftförmige Element und das feurige Element. Und so
haben die Alten alles, was auf der Erde war, im Aspekt des Himmels
gesehen; so hat eine mittlere Zeit, die erst zu Ende ging im ersten Drittel des vierzehnten Jahrhunderts, alles im Aspekt des Umkreises, des
Atmosphärischen gesehen. Und da, im vierzehnten, fünfzehnten JahrCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 232 Seite: 187
hundert, kam der große Umschwung. Da fiel der Mensch mit seiner
Anschauung ganz auf die Erde herab. Da zerklüfteten auch in seinem
Bewußtsein die Elemente Wasser, Luft, Feuer; sie zerklüfteten in
Schwefel, Kohlenstoff, Wasserstoff. Der Mensch sah alles im irdischen
Aspekt.
Und damit beginnt dann die Zeit, auf die ich schon hingedeutet habe, als ich die hybernischen Mysterien besprochen habe: es beginnt die
Zeit, wo der Mensch die Erde umfaßt mit seiner Erkenntnis, und der
21 Himmel wird ihm Mathematik. Er errechnet die Größe der Sterne, die
Bewegung, die Entfernung der Sterne und so weiter. Der Himmel wird
ihm Abstraktion.
Aber es wurde eben nicht bloß der Himmel Abstraktion. Denn das
Abbild des Himmels im lebenden Menschen ist sein Haupt. Und was
der Mensch vom Himmel erkennen kann, lebt in seinem Haupte. Und
da der Mensch vom Himmel nur die Mathematik, das heißt das Logische, Abstrakte kennenlernte, lebte von nun an in seinem Haupte nur
das Logisch-Abstrakte, das Begrifflich-Ideelle. Und so gab es fortan
keine Möglichkeit für den Menschen, in das Begrifflich-Ideelle das
Spirituell-Geistige hereinzubekommen. Und da, wo man den Geist
suchte, begann jener große Kampf zwischen dem, was der Mensch erringen konnte mit seinen ideellen Hauptesinhalten, Gehirninhalten,
und dem, was ihm die Götter offenbaren wollten vom Himmel herein.
Am größten, am gigantischesten wurde dieser Kampf gekämpft in den
wahren Gestaltungen desjenigen, was man die rosenkreuzerischen Mysterien im Mittelalter nennt. Da wurde empfunden als Vorbereitung
zum wirklichen Wissen die Ohnmacht des modernen Menschen. Denn
es war schon etwas, was empfunden werden konnte als etwas Gewaltiges gerade in den Kreisen der wahren rosenkreuzerischen Initiation.
Das Gewaltige bestand darinnen, daß dem Schüler nicht abstrakt, sondern innerlich lebendig klar wurde: Du kannst als moderner Mensch
ja nur in die Begriffswelt hinein. Aber damit verlierst du das lebendige
Wesen dieser deiner Menschheit.
Und indem der Schüler dieses fühlte, daß dasjenige, was ihm gerade
die neuere Zeit gab, ihn nicht hinführen konnte zu dem, was sein eigentliches Wesen ist, da war es dann, daß der Schüler fühlte: Du mußt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 232 Seite: 188
entweder verzweifeln an der Erkenntnis, oder du mußt durchgehen
durch eine Art von Abtötung des Hochmutes der Abstraktion. Und
schon fühlte der Rosenkreuzerschüler, der wahre Rosenkreuzerschüler etwas Ähnliches, wie wenn ihm der Meister einen Schlag ins Genick gegeben hätte, um ihm anzudeuten, daß das Abstrakte des modernen Hauptes nicht geeignet ist, in die geistigen Welten einzutreten,
und daß der Schüler zu leisten habe die Absage an die bloße Abstraktion, um in die geistige Welt einzutreten.
Das war eigentlich ein großer vorbereitender Augenblick dessen,
was man nennen kann die Rosenkreuzer-Initiation. |