Das Geistwalten in der Natur
SECHSTER VORTRAG, Penmaenmawr, 24. August 1923
Das Sinnliche und das Geistig-Moralische im Traum. Trauminterpretation. Hinter dem Chaosschleier des Traumes erscheint die göttlich-geistige Wesenheit der Welt. Das Geistige träumend im Pflanzenkeim und im Embryo, schlafend im Mineral. Erwartungsstimmung in den schlafenden Elementarwesen. Die besondere seelische Atmosphäre in Penmaenmawr. Stehenbleiben der Imagination. Druidenheiligtümer. Vision, Ahnung, zweites Gesicht.
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dadurch entsteht, daß der Mensch unbewußt oder halbbewußt aus
der physisch-sinnlichen Welt mit Überschreiten der sogenannten
Schwelle durch den Schlaf einzieht in die übersinnliche, in die
geistige Welt, und daß er, indem er in diese geistige Welt einzieht,
drei Welten gegenübersteht: der Erinnerung an die gewöhnliche
physische Welt, der seelischen Welt und der eigentlich geistigen,
der spirituellen Welt. Die inneren und äußeren Ereignisse, die wir
im gewöhnlichen Dasein, im Erdendasein erleben, sind zusammengezogen aus den Offenbarungen aller drei Welten. Aber sie
spalten sich, wenn wir durch den Schlaf in die übersinnliche Welt
einziehen, und dann bezieht man dasjenige, was man erlebt, nicht
auf die richtige Welt. Dadurch entsteht für das gewöhnliche Erinnerungsbewußtsein die Täuschung, die Illusion im Traume. Das
imaginative Bewußtsein sieht den Traum nicht bloß so, sondern es
sieht den Traum, indem es auf ihn hinschaut, wie man im physischen Raum auf einen entfernten Punkt hinschaut. So schaut
man in der Zeit durch die Imagination auf ein anderes hin. Man
erinnert sich also nicht bloß an dasjenige, was geträumt ist, sondern man schaut auf dasjenige, was geträumt ist, hin. Dadurch
bekommt man erst die wahre Vorstellung des Traumes. Und dadurch erkennt man, daß der Traum nur dann richtig interpretiert
wird, wenn man ihn nicht auf die naturalistisch-physische Welt
bezieht, sondern wenn man seine Zusammenhänge auf die geistige, und vor allen Dingen in den meisten Fällen auf die moralische
Welt bezieht. Der Traum will nicht dasjenige sagen, was er ausdrückt, wenn man seinen Inhalt physisch interpretiert. Er will
dasjenige sagen, wozu man kommt, wenn man seinen Inhalt
moralisch-geistig interpretiert.
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Nehmen wir zum Beispiel den Traum, an dem ich gestern die
Verwirrung gezeigt habe, den Traum, wo man sich unbekleidet in
furchtbarem Schamgefühl auf einem Spaziergang vor vielen Leuten
befindet. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, wie durch die
Tatsache, daß man drei Welten gegenübersteht, die ganze Seelenverfassung innerhalb des Traumbewußtseins zustande kommt.
Aber sehen wir einen solchen Traum einmal richtig an, dann müssen wir sagen, es offenbart sich uns ein Inhalt, der sinnlich ausschaut, aber in dem Sinnlichen will sich uns Geistig-Moralisches
offenbaren. Und so sollte derjenige, der einen solchen Traum hat,
nicht auf den unmittelbaren, in Sinnesbildern erfolgenden Verlauf
hinschauen, sondern er sollte sich fragen: Habe ich vielleicht zuweilen in meinem Tagesbewußtsein die Eigenschaft, mich nicht mit
voller innerer Wahrheit den anderen Menschen zu geben? Habe ich
nicht vielleicht im Gebrauche, mich zu sehr den konventionellen
Bekleidungsstücken zu fügen und mich eigentlich einzuhüllen in
allerlei, nun, was man so in der Außenwelt konventionell tut? Und
habe ich nicht die Eigentümlichkeit, dadurch gerade manchmal
mich nicht ehrlich zu geben im tiefen Innersten, sondern etwas
unwahr zu geben?
Wenn der Mensch nach einer solchen Richtung seine Gedanken
bewegt, dann kommt er allmählich zu der moralisch-geistigen Interpretation des Traumes. Er bezieht dasjenige, was ihm erschienen
ist, nicht auf die naturalistische Welt, sondern auf die geistige Welt,
und er sagt sich: Indem ich hinübergegangen bin in die übersinnliche Welt während des Schlafes, traten geistige Wesenheiten aus
der übersinnlichen Welt an mich heran und sagten mir, ich solle
mich nicht in einer falschen, unwahren Bekleidung geben, sondern
ich solle mich so geben, wie ich seelisch- geistig als Mensch innerlich bin.
Dann, wenn man in dieser Weise den Traum interpretiert,
kommt man auf seine moralisch-geistige Wahrheit. Und so sind
eine ganze Anzahl von Träumen zu interpretieren.
Die Menschen einer älteren Menschheitsgeschichte, die auch in
ihrer traumhaften Bildlichkeit beim Einschlafen des Hüters der
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Schwelle gewahr wurden, die nahmen von ihm die Mahnung auf,
nicht dasjenige in die geistige Welt hineinzutragen, was in der
physisch-sinnlichen Welt lebt. Würden also die älteren Menschen
davon geträumt haben, daß sie unbekleidet auf der Straße herumgehen, so würde es ihnen gar nicht eingefallen sein, die Interpretation zu wählen, daß man sich da schämen muß, denn das gilt für die
physische Welt und für den physischen Menschenleib, sondern sie
hätten die Mahnung berücksichtigt: Dasjenige, was in der physischen Welt gilt, gilt nicht in der geistigen Welt; dasjenige, was in
der geistigen Welt erscheint, das sagen Götter zu dem Menschen.
Daher muß man es als Aussage, als Offenbarung der Götter interpretieren. Es ist also das Naturalistisch-Nehmen des Traumes erst
im Verlauf der Menschheitsentwickelung eingetreten.
Oder nehmen wir einen anderen Traum, der sehr häufig vorkommt. Da träumt der Mensch, er gehe einen Weg dahin. Er geht
in einen Wald hinein. Nach einiger Zeit merkt er, jetzt hat er sich
verirrt, jetzt kann er nicht weiter. Er versucht weiterzugehen,
kommt dahin, wo nun kein Weg mehr ist, wo nur Bäume sind. Er
ist in einer gewissen inneren Unruhe.
Nun nimmt der Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein
einen solchen Traum sehr leicht so, wie er sich einfach seinem Inhalte nach gibt. Aber ein solcher Traum, wenn man ihn so nimmt,
daß man die naturalistischen Zusammenhänge vergißt, der zeigt
einem gerade aus der geistigen Welt heraus: Die Verwirrung, in die
du da hineingekommen bist, die liegt in deinen Gedanken. Nur
gesteht man sich im Wachbewußtsein oftmals nicht gerne, wie verworren die Gedanken sind, wie sie sehr leicht auf Stellen auftreffen,
wo man nicht mehr weiter kann, wo man immer im Kreise herumgeht. Das ist die Eigentümlichkeit, die insbesondere heute in unserer gegenwärtigen Zivilisation sehr viele Menschen haben. Sie glauben aufgeklärt zu denken, aber sie tanzen im Kreise mit ihren
Gedanken herum, entweder um konventionell Äußerliches oder
um die Atome herum, die sie sich gedanklich konstruieren, oder
um irgend etwas. Der Mensch ist natürlich nicht geneigt in seinem
gewöhnlichen Bewußtsein, sich das wirklich zu gestehen.
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Der Traum ist eine in sinnlichen Bildern erfolgende Offenbarung für dasjenige, was der Mensch so eigentlich ist. Die geistigen Wesenheiten sagen dem Menschen im Traume das. Und wenn
er dasjenige, was er auf solche Weise im Traum erlebt, in richtiger
Selbsterkenntnis aufnimmt, so wird seine Selbsterkenntnis durch
den Traum ganz besonders gefördert.
Eine Eigentümlichkeit vieler Menschen ist auch diese: sie überlassen sich demjenigen, was ihrem Instinkt, ihren Trieben gemäß
ihnen sympathisch ist. Sie finden zum Beispiel es sehr angenehm,
dies oder jenes zu tun; dann gestehen sie sich nicht, daß ihnen das
für ihr Gefühl, für ihr sinnliches Wohlsein angenehm ist. Da erfinden sie irgend etwas, und sie interpretieren im gewöhnlichen Bewußtsein dasjenige, was eigentlich nur ihrer Annehmlichkeit, ihrem
Wohlbefinden entspricht, so, daß sie das, nun, ich will sagen, aus
anthroposophischen, aus okkulten, aus esoterischen Gründen unternehmen müssen, daß darinnen eine hohe Mission liege oder
dergleichen. Dann deckt man - das geschieht ja im Leben außerordentlich häufig - mit einer solchen Selbstrechtfertigung unendlich
vieles zu, was da in den Untergründen des animalischen Lebens
wühlt und waltet. Der Traum, der seine sinnlichen Bilder drüben
wählt, aber in diesen sinnlichen Bildern eine Offenbarung desjenigen sein will, was eigentlich in Wirklichkeit auch geistig-seelisch im
Menschen waltet, der zeigt das Bild, wie der Mensch von wilden
Tieren verfolgt wird und davonläuft und ihnen nicht entkommen
kann. Wir werden seelisch-moralisch einen solchen Traum richtig
interpretieren, nicht wenn wir seinen sinnlich-physischen Inhalt
nehmen, sondern wenn wir ihn als Selbsterkenntnis nehmen; wenn
wir in ihm eine Mahnung sehen, einmal auf die inneren Wahrheiten
unseres Wesens zu schauen, ob diese nicht, wenn auch in schwacher Weise, den Trieben des Animalischen mehr gleichen als
demjenigen, was wir uns in unseren Idealen vorzaubern.
So kann der Traum in der mannigfaltigsten Weise ein Mahner,
ein Zurechtweiser sein. Und er kann, wenn er richtig nicht auf die
untere, sondern auf die höhere Welt bezogen wird, durchaus richtunggebend in das menschliche Leben eingreifen, und dann kann
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man sehen, wie der Mensch in der Tat durch die bewußte Imagination darauf kommt, wie der Traum, der sich ja natürlich auch
dem imaginativen Erkennen zunächst in seinen sinnlichen Bildern
zeigt, sich metamorphosiert und sich ganz in moralisch-geistiges
Geschehen verwandelt.
So sehen wir, daß der Traum etwas ist, das, ich möchte sagen,
schon das gewöhnliche Bewußtsein hineinführt in die geistige Welt.
Er muß nur richtig genommen werden, dieser Traum. Aber ich
habe ja auch gesagt, daß, wenn wir uns imaginativ in die geistige
Welt erheben, wir da nicht in derselben Seelenverfassung sind wie
hier im physischen Erdendasein. Im physischen Erdendasein stehe
ich hier, und der Tisch steht da, ist außer mir. Es ist eine physische
Trennung zwischen mir und dem Tische. In dem Augenblicke, wo
ich hinaufkomme in die geistigen Welten, ist eine solche Trennung
nicht da. Da bin ich in dem geistigen Wesen drinnen. Es ist nicht
so, wie wenn ich hier stehen würde und der Tisch dort stehen
würde, sondern so, wie wenn ich mein ganzes Wesen über den
Tisch ausdehnen würde und der Tisch mich aufnehmen würde. In
der geistigen Welt ist es also so, daß wir durchaus in die Dinge
untertauchen, die wir wahrnehmen. Daher dürfen wir auch nicht
dasjenige, was wir im Traume erleben, oder dann bewußt in der
Imagination erleben, bloß beziehen auf unser Inneres, sondern
wenn wir von dem, was im Traume webt und lebt, sprechen, können wir auch geisteswissenschaftlich mit dem Dichter sprechen:
Aus Träumen ist die Welt gewoben -, und nicht aus dem Atomspiel, von dem die Wissenschaft träumt, sondern aus dem, was ich
als das griechische «Chaos», als unser Traumesweben, als unser
Weben in bewußter Imagination bezeichnet habe als ein SubjektivObjektives; nicht bloß subjektiv ist die Welt daraus gewoben. So
daß wir gewisse Zustände der Welt durchaus aus diesem Traumesweben heraus erklären müssen.
Daher dürfen wir nicht, wenn wir zum Beispiel einen Keim vor
uns haben, diesen Keim erklären wollen aus physischen und chemischen Gesetzen. Kein Wissenschafter, der nur physische und chemische Gesetze in einem Keim oder Embryo erblickt, kann den
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Keim oder den Embryo erklären, denn in dem Keim und in dem
Embryo träumt die Natur. Da liegt das zugrunde, was im Traume
webt und lebt. Legen Sie daher einen Pflanzenkeim hierher, so
webt und lebt in diesem Pflanzenkeim ein Träumen. Da gelangen
Sie mit dem Intellekt nicht hinein, der nur Naturgesetze überblickt,
da müssen Sie mit dem an Menschenkraft hineinkommen, was
sonst im Traume oder in der bewußten Imagination lebt.
Aber so etwas, wie es im Keime lebt, lebt während unseres ganzen Erdendaseins in unserem gesamten Organismus. Und in unserem menschlichen Organismus müssen wir daher nicht bloß die
Wirkung von chemischen und physischen Kräften suchen, sondern
wir müssen, wenn wir den Menschen haben als physische Wesenheit, diesen Menschen mit seinen äußeren physischen Konturen
ansehen als dasjenige, was eben in der irdisch-physischen Sinneswelt lebt. Aber hinter dem lebt ein anderes, was nicht ein Auge
sehen kann, nicht ein Ohr hören kann, insofern sie physisch sind,
was aber die Imagination schauen kann, und was auch im Traume
als unbewußte Imagination erlebt wird. Im ganzen Menschenleibe
träumt die Natur. Sie denkt nicht nur so, wie der Mensch mit
seinem Intellekt denkt, sondern es träumt die Natur. Und aus dem
Traume heraus werden unsere Verdauungskräfte geleitet, werden
unsere Wachstumskräfte geleitet. Alles wird aus dem Traume heraus gebildet. Wenn wir zurückblicken im Erdendasein, da gehen
wir zumeist von unserer Zeit aus, von der Zeit - ja, wie sollen wir
unsere Zeit nennen? Wir können sie von einem einzelnen Symptom
nennen, sagen wir, wir gehen aus von unserer Zeit der Schreibmaschine. Also gehen wir aus von der Schreibmaschinenzeit, kommen
dann, indem wir zurückgehen, zu der Zeit, als zuerst gedruckt
worden ist, gehen dann weiter in der Evolution zurück, kommen
meinetwillen in die Römerzeit, in die Griechenzeit zurück, kommen in die orientalische Zeit zurück, aus der die Veden sind. Dann
aber verlassen uns die äußeren Urkunden. Wenn noch so viele
Schätze aus ägyptischen Königsgräbern ausgegraben werden, es
kommt die Zeit, wo uns die äußeren Urkunden verlassen, wo wir
zurückgehen müssen durch bloße imaginative und inspirierte
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Geist-Erkenntnis. Und dann kommen wir an eine Grenze, hinter
welcher weiter in der Vergangenheit ein Unbestimmtes für das gewöhnliche Bewußtsein liegt, so wie hinter dem Traum der Schlaf
liegt. Ja, wir kommen in der Tat, indem wir zurückgehen in der
Zeit- und Weltentwickelung, auf diesen Schleier des Traumes, wie
wir ihn jede Nacht erfahren können.
Und kommen wir dann dahin mit bewußter Imagination, so
leuchtet dahinter auf geistige Art die fernere Vergangenheit auf.
Aber diese sieht auch anders aus als diejenige Welt, die wir mit
unserem Intellekt und durch Urkunden erkennen können. Diese
fernere Vergangenheit, die hinter einem Traumesschleier liegt in
der Weltenevolution, zeigt uns den Menschen in einer unmittelbaren Verbindung mit den göttlichen Geistern. Da ist der Mensch
selbst noch göttlich-seelisches Wesen, und die göttlich-geistigen
Wesenheiten, die zu anderem bestimmt sind, als sich auf Erden zu
verkörpern, verkehren mit ihm, der seine Verkörperung auf Erden
erwartet.
Wenn man also historisch zurückblickt bis zu diesem Chaosschleier, bis zu diesem Traumschleier in ferner Vergangenheit hinter den Jahrtausenden, von denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, dann sieht man den unmittelbaren Verkehr der göttlichen Geister mit der damals noch geistigen Seele im Menschen,
mit dem Menschen, der dann auf der Erde voll wohnen sollte.
Und dann werden wir sehen, wie diese Dinge, die mit der
Menschheitsentwickelung zusammenhängen, wiederum mit der
kosmischen Entwickelung auf der anderen Seite in einem Verhältnisse stehen. Da wo dieser Schleier erscheint für die inspirierte
Imagination in einer fernen Vergangenheit, da sehen wir, wie auch
innerhalb der kosmischen Entwickelung - wir werden genauer darüber zu sprechen haben - von der Erde, die vorher mit dem Monde
vereint war, der Mond sich abspaltet und in den Weltenraum hinausgeht, um dann die Erde zu umkreisen. Wir blicken also zurück
zu einem Traumesschleier, bis zu einem imaginativen Schleier,
schauen durch und finden hinter ihm die Erde noch mit dem
Monde vereint, die Menschen unmittelbar im Verkehre mit den
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göttlich-geistigen Wesenheiten. Wir finden, wie in der Zeit, als
dieser Traumesschleier erscheint für die retrospektive Beobachtung
in der Imagination, wir sehen da, wie in diesem Punkte das wichtige kosmische Ereignis liegt, daß sich der Mond in ganz anderer
Gestalt aus der Erde herausschiebt und in den Weltenraum hineingeht als eigener Weltenkörper. So daß wir zurückblicken auf eine
Erden- und Menschheits- und Weltenentwickelung, in der diese
noch mit dem Monde vereinigt war; aber es war bereits der Mensch
da, nur in einem geistig-seelischeren Zustande.
Wir finden überhaupt, indem wir weiter und weiter zurückblikken, keine Epoche in der Weltenentwickelung, in der wir nicht
auch die Anfänge des Menschen finden würden. So daß wir nicht
vom Standpunkte einer geistigen Wissenschaft aus sagen können,
die Erde habe sich durch Jahrmillionen rein unorganisch oder mit
niederen Wesen nur entwickelt, und dann sei der Mensch entstanden; sondern wir finden den Menschen, indem wir zurückgehen, in
anderen Formen immer mit jener Weltenevolution vereint, zu der
wir aber zurücksehen können, wenn wir in dieser Weise aufsteigen
zu dem, was uns hinter dem Chaosschleier des Traumes, hinter
dem Schleier der bewußten Imagination auch als göttlich-geistige
Wesenhaftigkeit der Welt erscheinen kann.
Wenn wir, wie ich oben gesagt habe, auf einen Keim, auf etwas
Embryonales hinsehen, so sehen wir für die imaginative Erkenntnis
eine Art Traumesweben in diesem Embryonalen, in diesem Keimhaften. Und wir sehen, wie etwas Reales, das aber ist wie Traumbilder, die Materie in dem Keim, in den Embryonen beherrscht. So
wird derjenige, welcher imstande ist, das Geistige der Welt zu
schauen, dieses Geistige überall finden, aber in mannigfaltigster
Gestalt. Gerade das Geistige geht die verschiedensten Metamorphosen ein. Und man kann dann, wenn man einmal so recht begriffen hat, wie im Keime der Pflanzen, in den Embryonen der Tiere
ein Traumesweben und -wesen waltet, man kann dann ganz berechtigt die Frage aufwerfen: Wie ist das nun mit der scheinbar
ganz toten mineralischen Welt? Wenn wir von hier aus zu unseren
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Fenstern hinausblicken oder auf die Straße gehen, sehen wir die
kahlen Berge, die scheinbar ganz leblose Welt, und wir müssen uns
fragen: Wenn in dem Pflanzenkeim, den wir hinlegen vor uns, ein
Traumesbild waltet, wie ist es mit den ausgebreiteten Gesteins- und
Bergesmassen? Wie ist es mit allem Leblosen, das den Boden bildet,
auf den unsere Füße treten in der physischen Welt? Wenn wir in
den Pflanzen ein Geistwalten finden, das verhältnismäßig leicht in
die Materie eingreift im träumenden Weben, so finden wir mit
imaginativer Erkenntnis in den Gesteinsmassen auch ein Geistiges,
ein Geistiges, das aus konkreten einzelnen Wesen besteht.
Aber dieses Geistige, wir finden es nun nicht in einem träumenden, wir finden es in einem voll schlafenden Zustande. Sie müssen
sich nicht einen allgemeinen schlafenden Nebel durch die Gesteinsmassen und Berge denken, wenn Sie hinausschauen auf die Berge
hier, sondern konkrete einzelne Wesen, geistige Wesen, welche in
den Gesteinsmassen schlafen. Wir werden später sehen, wie diese
geistigen Wesenheiten entstanden sind durch Abspaltung von höheren geistigen Wesenheiten, von Wesenheiten mit einem hohen Bewußtsein, die aber diese andern Wesen, die in ihrem gegenwärtigen
Lebenszustande ein nur schlafendes Bewußtsein haben, von sich
abgespalten haben, und wie diese Elementarwesen in der leblosen
Welt überall draußen eben schlafen. Wir gehen also über das Gesteinsmassiv der Berge und sollten uns bewußt sein: da in dem Boden schläft überall geistiges Weben und Wesen in einzelnen konkreten Geistgestalten. Und wir werden gewahr, wenn wir dieses Schlafen der geistwebenden Gestalten in der leblosen Welt verfolgen, daß
in diesem Schlaf der Elementarwesen eine gewisse Stimmung lebt.
Die Imagination zeigt uns diese Wesen. Die Inspiration belehrt uns,
daß in diesen Wesen eine gewisse Stimmung lebt. Dasjenige an Stimmung lebt in diesen Wesen der Berge, der Felsen, des Erdbodens, auf
dem wir herumgehen, dasjenige lebt in der Stimmung dieser Wesen,
was wir in uns finden, wenn wir richtig auf etwas warten, erwartungsvolle Stimmung haben. Und so durchsetzt dieses seelischgeistige Weben und Wesen, das in den scheinbar leblosen Gesteinsmassen ist, eine Stimmung der Erwartung.
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Diese Wesen erwarten nämlich - das lehrt uns die Inspiration,
insbesondere die Intuition, wenn wir uns in das Innere dieser
Wesen versetzen - ihr Aufwachen in Träumen. Alles dasjenige, was
uns da als Gebirge anschaut, das erwartet, daß es später träumen
werde, und daß es die Erdenmaterie, die zerpulvert ist zu lebloser
Materie, einstmals wird ergreifen können im träumenden Bewußtsein, embryonisch keimhaft wird machen können, aus den Felsen,
aus den Bergen, die wir sehen, wiederum Pflanzliches wird herauszaubern können. Gerade diese Wesenheiten bringen uns vor das
Seelenleben eine wunderbare Magie der Natur, ein Schaffen aus der
Geistigkeit heraus.
Und so kann uns werden, nicht vor irgendeiner Bildhaftigkeit,
sondern vor wahrer wirklicher Erkenntnis, das Herumgehen unter
solchen Felsen oder über solchen Felsen, dasjenige selbst, was solche
Felsen in ihrem physischen Lichte zurückwerfen, das kann uns werden zu einer Offenbarung schlafender, in der Zukunft zum Träumen, später zum vollen Wachleben aufwachender elementarischer
Naturwesen, die einstmals eben reine Geistwesen sein werden.
Die physische Materie in der Pflanze ist noch so, daß das geistige Traumweben diese Materie durchdringen kann. Diese Materie
[der Felsen] zerbröckelt. Alles Leblose - wenn wir zurückblicken
in der Imagination und Inspiration, merken wir das - ist aus Lebendigem entstanden. Aber indem das Lebendige eben leblos wird,
wird hineinversenkt diese schlafende Geistigkeit. Und diese schlafende Geistigkeit wartet in dem Leblosen so lange, bis sie zum
Träumen erwachen und dieses Leblose in ein kosmisches Embryonalleben überführen kann.
Und die verschiedenen Orte, die verschiedenen Lokalitäten der
Erde, zeigen in verschiedener Art dieses Schlafen dieser geistigen
Wesenheiten in den Bergen, in der festen Erdrinde. Und da darf
man sagen: in andrer Art schlafen diese ihre Zukunft erwartenden
Wesen in solchen Gegenden der Erde, wie zum Beispiel hier eine
ist, als in anderen Gegenden der Erde.
Hier gerade in Penmaenmawr ist eine Gegend, wo durch besondere Erdenkonfiguration, durch die Art und Weise, wie das GeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 157
Steinsmaterial geworden ist, diese schlafenden Wesen bis zum Luftförmigen vordringen können, ja bis in das Licht sich hineinverweben können, während das in anderen Erdengegenden lange nicht so
der Fall ist. So daß man, wenn man hier das Weben nicht bloß der
äußeren materialistischen Luftatmosphäre nimmt, sondern das
Walten der seelischen Atmosphäre, die die Luft durchdringt wie
die Menschenseele den menschlichen Körper, dann gerade hier in
Penmaenmawr findet, daß dieses Seelische der Atmosphäre anders
ist als sonstwo. Ich will Ihnen dieses an einem einzelnen Beispiel
veranschaulichen.
Nehmen Sie an, die imaginative Erkenntnis bemüht sich, in
einer bestimmten Gegend der Erde die Imagination, so wie das
eben geschieht, vor sich hinzustellen. Das bleibt mehr oder
weniger schwer oder leicht stehen im Bewußtsein. Man hat in
verschiedenen Gegenden verschiedene Möglichkeit, daß die Imaginationen stehenbleiben vor dem Bewußtsein oder sich schnell
auflösen. Hier ist eine Gegend, wo die Imaginationen merkwürdig lange stehenbleiben, so daß sie zu einer intensiven Bildlichkeit erwachsen.
Druidenweise oder ähnliche Leute haben sich gerade solche
Gegenden ausgesucht für ihre Tempel, für ihre Heiligtümer, in
denen diese Eigentümlichkeit vorhanden war, daß die Imaginationen nicht sogleich zerrinnen, den Wolken gleich, die gleich auseinandergehen, sondern daß die Imaginationen stehenbleiben können.
Und daher ist es in einer begreiflichen Weise geschehen, daß besonders solche Stätten für Druidenheiligtümer in verhältnismäßig
späten Zeiten wohl noch aufgesucht worden sind.
Man hat hier eben immer gefühlt, man habe nicht so große
Schwierigkeiten mit dem Stehenbleiben der Imaginationen. Natürlich hat alles seine Licht- und Schattenseiten. Die Inspiration ist
gerade durch die stehenbleibende Imagination wiederum schwieriger, aber dadurch auch kraftvoller. Dadurch auch ergießt sich hier
dasjenige, was aus der geistigen Welt zu sagen ist, ich möchte
sagen, mit großer Intensität, aber auch schwerer und auch gewichtiger in die Worte hinein.
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So kann man durchaus auch in geistiger Beziehung Differenzierungen merken über die Erde hin. Man könnte eine Landkarte
zeichnen und könnte diejenigen Stätten aufmalen, an denen die
Imaginationen besonders leicht stehenbleiben vor dem imaginativen Bewußtsein. Diejenigen Stätten der Erde, wo sie leicht vorüber
gehen, könnte man mit einer anderen Farbe bestreichen. Man würde dadurch eine außerordentlich interessante Landkarte der Erde
bekommen. Hier würde man eine besonders intensive Farbe für
dasjenige auftragen müssen, was in der seelischen Atmosphäre
waltet, eine glänzende, eine leuchtende, eine lebhafte Farbe.
Daher glaube ich wirklich, daß hier etwas empfunden werden
kann von den Menschen, die an diesem Kurse teilnehmen, von
einer, ich möchte sagen, elementar gegebenen esoterischen Stimmung. Die schaut zu den Fenstern herein, die begegnet uns hier auf
den Spaziergängen, die ist da in einer ganz anderen Weise als woanders.
Daher bin ich den Veranstaltern dieses Kursus außerordentlich
dankbar, daß wir auch einmal in einer solchen Gegend, wo einem
sozusagen das Esoterische auf der Straße begegnet - sonst begegnet
es einem ja auch, aber nicht so leicht im unmittelbaren Entgegentreten -, ich bin außerordentlich dankbar, daß unter mancherlei
Stätten, an denen schon solche Kurse abgehalten werden konnten,
auch diese ist, denn es stellt sich gerade dieser Kurs von dem Gesichtspunkte aus, den ich jetzt erörtert habe, in einer wunderschönen Weise auch in die Gesamtevolution der anthroposophischen
Bewegung hinein.
Durch Schilderungen, wie ich sie gegeben habe, zeigt sich, wie
zwischen der physisch-sinnlichen und der geistig-übersinnlichen
Welt eine Grenze liegt, eine Grenze, die man mit einem gewissen
Recht die Schwelle der geistigen Welt nennt (siehe Zeichnung S.
164). Und ich habe ja schon in der verschiedensten Art darauf aufmerksam gemacht, wie es geschehen muß, daß diese Schwelle überschritten werden kann. Nun, wir werden darüber noch im Genaueren zu sprechen haben. Aber Sie werden schon aus meinen VorträCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 2 7 Seite: 15 9
gen ersehen haben, daß das Überschreiten dieser Schwelle in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung doch etwas anderes war
als heute im gegenwärtigen historischen Augenblicke. Die Menschen konnten in älteren Epochen der Menschheitsentwickelung
diese Schwelle deshalb in anderer Weise überschreiten, weil sie ein
traumhaftes Bewußtsein auch während des Tages hatten, dadurch
aber auch ein intensiveres Bewußtsein für das Übersinnliche, und
so in der Art, wie ich es gekennzeichnet habe, beim Einschlafen
und Aufwachen in einer halbbewußten, traumhaften Weise den
Hüter der Schwelle passierten.
Darinnen besteht ein Übergang, den ich später noch zu schildern haben werde, von der älteren, mehr unfreien Menschheit zu
der immer freier und freier werdenden Menschheit: daß die Determiniertheit, die für die Menschen damit verbunden war, daß sie bei
jedem Einschlafen und Aufwachen etwas von dem Hüter der
Schwelle wahrnahmen, der ihnen als Mahner dastand, daß diese
Unfreiheit der Menschen, in der sie damals waren, übergegangen ist
in ein Nichthineinschauen in die geistige Welt für das Gegenwartsbewußtsein, dadurch aber in ein Freier- und Freierwerden; darinnen liegt ein Prinzip des menschlichen Fortschrittes.
Man kann also sagen, daß die Menschen von der geistigen Welt
aus gesehen manches verloren haben, gerade deshalb, weil sie in
ihrer Evolution zur Freiheit geführt werden mußten. Nun, das
Verlorene muß in der Art, wie es zum Beispiel auch die Anthroposophie zeigen will, wieder gewonnen werden. Und es ist heute der
historische Zeitpunkt, wo das Streben nach dieser Wiedergewinnung einsetzen muß.
Aber überall ragen noch bei den verschiedensten Menschen Erbschaften aus der alten Zeit, in der die Menschen eben ein anderes
Verhältnis zu der übersinnlichen Welt hatten, in unsere Gegenwart
herein. So daß bei dem Menschen, der heute von den intellektualistischen Kräften ganz ergriffen worden ist, in der Regel im Bewußtsein eine scharfe Grenze dasteht zwischen demjenigen, was er
in der sinnlichen Welt erlebt, und demjenigen, was drüben in der
geistigen Welt liegt. Die Grenze ist so scharf, daß ja gerade aufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 160
geklärte Geister der Gegenwart überhaupt nicht zugeben wollen,
daß der Mensch diese Grenze überschreiten könne.
Ich habe ja schon angedeutet, indem ich wenigstens skizzenhaft
die Wege hinein in diese übersinnliche Welt charakterisiert habe,
daß diese Grenze überschritten werden kann, daß in vollbewußter
Art der Mensch hineinkommen kann in diese Welt. Aber es ragen
eben noch aus derjenigen Zeit, wo der Mensch in instinktiverer,
unbewußterer Art hinübergekommen ist in die geistige Welt, wo er
auch im Tagesbewußtsein noch mehr von dieser geistigen Welt in
sich getragen hat, alte Erbgüter in die gegenwärtige Menschheitsentwickelung hinein. Und wir finden sie so, daß wir sie vor allen
Dingen durch bewußte Geisteserkenntnis verstehen müssen. Denn
versteht man sie nicht in der richtigen Weise, so zeigen sie sich in
der mannigfaltigsten Weise den Menschen irrtümlich. Und dann
kann der Irrtum gerade diesen Dingen gegenüber sehr gefährlich
werden. Ich muß daher auf dem Wege dieser Vorträge, die die
Menschheits- und Weltentwickelung zeigen wollen, auch diese
Grenzfragen besprechen, in denen dasjenige, was einer älteren
Menschheit das Selbstverständlich-Natürliche war, hereinragt in
die Gegenwart, aber hier, wenn es nicht mit der entsprechenden
klaren Erkenntnis behandelt wird, in gefährliche Illusionen hineinführen kann.
Zu diesen Dingen, die durchaus für das gewöhnliche Bewußtsein schon an der Grenze zwischen sinnlicher und übersinnlicher
Welt stehen, gehören zum Beispiel die menschlichen Visionen,
Visionen, wo in einer Art Halluzination, die mehr oder weniger
aber von dem Menschen noch beherrscht wird, Bilder auftreten, die
sich in einer ganz bestimmten Weise gestalten, die sogar farbig,
hörbar werden können, die auch inhaltlich anderes in sich schließen können, denen aber zunächst so, wie sie sich vor das Bewußtsein hinstellen, nicht so äußere Dinge entsprechen, daß das Ding
draußen wäre in derselben Art und Weise wie die Vision, die im
Innern lebt. Für dasjenige, was man im Alltag wahrnimmt, ist draußen der Gegenstand; das Bild, sehr schattenhaft aber, im Innern.
Und der Mensch ist sich vollbewußt, wie sich sein schattenhaftes
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 27 Seite: 161
Vorstellungsbild im Innern bezieht auf die äußere Welt. Die Vision
tritt auf zunächst für sich, macht den Anspruch, in sich eine Realität zu tragen. Der Mensch kommt auch in eine Seelenlage, in der
er nicht mehr fähig ist, nun den Realitätswert des Bildes, das auftritt, auftritt ohne sein Zutun, in der richtigen Weise zu beurteilen.
Die erste Frage, die hier nun auftritt, gerade an dem Punkte der
Vorträge, bei dem wir jetzt stehen, ist diese: Wie kommen Visionen
zustande? Nun, Visionen kommen dadurch zustande, daß der
Mensch noch in sich die Fähigkeit trägt, dasjenige, was er im Schlafe erlebt, hinüberzutragen in die wachende Welt, in der wachenden
Welt es zur Vorstellung zu erheben, wie er sonst das zur Vorstellung erheben kann, was er von außen durch die Sinne wahrnimmt.
Ob ich eine Uhr anschaue, die physisch-sinnliches Dasein hat, und
mir ein inneres Bild mache, oder ob ich im Schlafe erlebt habe die
Konfiguration, die innere Realität eines Außendinges und mir dann
nach dem Erwachen ein Bild mache von dem, was ich erlebt habe,
das sind in einer Beziehung zwei Vorgänge, die gar keinen anderen
Unterschied haben, als daß ich den einen Vorgang beherrsche,
daher das Bild abschatte, matt mache; in dem anderen Falle beherrsche ich den Vorgang nicht, ich trage nicht etwas Gegenwärtiges in
mein Vorstellungsleben herein, sondern etwas, was ich im vorigen
oder vorvorigen oder noch weiter zurückliegenden Schlaf erlebt
habe, als die Seele draußen war; und ich bilde mir die Vision.
Solche Visionen waren für eine ältere Zeit der Menschheitsentwickelung, die instinktiv das Verhältnis zu der physischen, zu der
geistigen Welt beherrscht hat, etwas ganz Natürliches, und sie sind
durch den Fortschritt der Menschheit das geworden, was sie heute
sind: etwas Unbeherrschtes, etwas Illusionäres. Daher muß man
dem ganzen verständnisvoll gegenüberstehen, denn der heutige
Mensch hat etwas nicht: wenn er in der geistigen Welt schlafend
etwas erlebt und zurückgeht durch das Wachen in die physische
Welt, so hört er nicht den Mahner, den Hüter der Schwelle: Du
sollst alles dasjenige, was du in der geistigen Welt erlebt hast, dir
merken und in die physische Welt hinübertragen. - Trägt man es
hinüber, dann weiß man, was in der Vision enthalten ist. Tritt die
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Vision nur in der physischen Welt auf, ohne daß man weiß, wie
man sie herüber getragen und was man herübergetragen hat aus der
geistigen Welt, so ist man zunächst unbeherrscht und dadurch
leicht in Illusionen befangen gegenüber dem visionären Erleben. So
daß man sagen kann: Visionen entstehen dadurch, daß der Mensch
unbewußt Erlebnisse des Schlafes herüberträgt in das Tagleben und
daß ihm das Tagleben diese Schlaferlebnisse zu Vorstellungen gestaltet, die dann innerlich viel gesättigter, viel inhaltsvoller sind als
die gewöhnlichen Vorstellungen, die schattenhaft sind; indem der
Mensch solche Vorstellungen herüberträgt, macht er sie zu solchen
lebhaften, farbtönenden Vorstellungen.
Eine andere Art ist diese, daß der Mensch dasjenige, was er hier
im physischen Leben fühlt und empfindet, die Art und Weise, wie
er hier fühlt und empfindet, herüberträgt in das Schlafesleben.
Dann wird er ja, wenn er es sozusagen in das offene Meer des
Schlafeslebens hinüberträgt, drüben schon ermahnt werden, daß er
keinen Unfug treibt. Wenn aber der Schlaf ein ganz leiser ist, wie
man ihn viel mehr hat, als man glaubt - wenn man durchs gewöhnliche Leben geht, schläft man manchmal ein bißchen, ganz ein bißchen; dies sollte man überhaupt mehr beachten, dieses Ein-bißchen-Schlafen -, wenn man so ein bißchen schläft, dann trägt man,
auch ohne daß man es bemerkt, über die Schwelle das alltägliche
Empfinden. Und dann entstehen jene dunklen Gefühle, als ob man
irgend etwas, was in der Zukunft mit einem selbst oder mit einem
anderen Menschen geschieht, innerlich merkte. Die Ahnung, sie
entsteht auf diesem Wege. Während also die Vision dann entsteht,
wenn man herüberträgt in das wache Tagesleben das Schlaferlebnis,
indem man unbewußt herüber über die Schwelle geht mit dem
Schlaferleben, so entsteht die Ahnung, wenn man im ganz leisen,
unbemerkten Schlaf ist, so daß man glaubt, man sei wach, und,
wiederum ignorierend den Hüter der Schwelle, dasjenige hinüberträgt, was man eigentlich schon im gewöhnlichen Tageserleben
trägt. Aber es liegt das so tief unter dem Bewußtsein, daß man es
nicht merkt. Man steht nämlich immer mit der ganzen Welt in
Verbindung. Und würde man das heraufholen können, daß man
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mit der ganzen Welt in Verbindung steht, so würde man manches
heraufholen können.
Wenn man hier dasjenige hinüberträgt, was drüben über der
Schwelle liegt, ignorierend den Hüter der Schwelle, so entsteht die
Vision:
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So kann man also sagen: Wenn hier [durch eine gelbe Linie angedeutet] die Schwelle ist, an der der Hüter steht, dann kommt die
Vision zustande, wenn man herüberträgt aus dem Übersinnlichen
dasjenige, was man drüben erlebt hat. Und wenn man dasjenige,
was man hier erlebt in der Sinneswelt, hinüberträgt in die geistige
Welt in diesem leisen Schlafe, dann entsteht das, was man im Deutschen Ahnung nennt.
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Und nun sehen Sie, daß mit diesen Erbgütern, die der Mensch
erleben kann, herüberkommend aus der alten Evolution, er dasteht
hier herüben mit der Vision, und hier drüben mit der Ahnung. Er
kann aber auch gerade an der Grenze stehen, an der Schwelle, und
nicht bemerken den Hüter der Schwelle. Diese Momente, die können auch auftreten, wo der Mensch innerlich seelisch, ich möchte
sagen, wie gebannt ist; aber «gebannt» ist hier nicht ein sehr glücklicher Ausdruck, weil man nicht so gebannt ist, wie man sich das
Bannen gewöhnlich vorstellt, sondern man ist nur mit der Seele in
einer bestimmten Seelenlage drinnen. Wenn man hier an der
Schwelle steht, so daß man gewissermaßen noch dasjenige empfindet, was in der physischen Welt ist, schon dasjenige empfindet, was
in der übersinnlichen Welt ist, dann lebt man in dem, was ja auch
in gewissen Lokalitäten der Erde sehr verbreitet ist, was man nennen kann die Deuteroskopie oder das zweite Gesicht: second sight.
Das wird gerade an der Schwelle erlebt in einem halbbewußten
Zustande. So daß man sagen kann: Diese alten Erbgüter sind entweder solche Erscheinungen im Menschenleben im herabgedämpften Bewußtsein, die auftreten diesseits der Schwelle als Vision, jenseits der Schwelle als Ahnung, gerade an der Schwelle als zweites.
Gesicht.
Über die genauere Charakteristik dieser drei Gebiete werde ich
dann noch morgen zu sprechen haben, um von da aus zu einer
Charakteristik derjenigen Welten zu kommen, auf welche in einer
dunklen Weise gerade durch Vision, Ahnung, zweites Gesicht hingedeutet wird, die aber durch eine neuere Erkenntnis zu voller
Klarheit eines erhöhten Bewußtseins gebracht werden müssen. |