Das Erleben der Weltvergangenheit
ELFTER VORTRAG, Penmaenmawr, 29. August 1923
Entwicklung künftigen Karmas mit den Mondenwesenheiten. 2160 Jahre ursprünglich vorgesetzte Zeit zwischen zwei Verkörperungen, entsprechend dem Vorrücken des Frühlingspunktes um ein Zeichen. Nach der Seelenwelt des Mondes das Geisterland der Sonne. Der Geistkeim der nächsten Inkarnation. Das Erleben der Erd- und Weltvergangenheit. Die Bodhisattvas. Das Mysterium von Golgatha. Die Gnosis (Pistis Sophia). Von der Mondenweisheit zur Sonnenweisheit. Spaltung der Menschheit in Ost und West. Zivilisationssymptome (Auto, Schreibmaschine, Grammophon).
| Seite | Text |
| 241 |
bewußt werden, wie der Mensch, indem er aufeinanderfolgend die
Zeiten durchlebt - des Ausdruckes «Zeit» muß man sich dabei
bedienen im Anklänge an die physischen Verhältnisse -, wenn er
die Zeiten durchlebt, die auf den irdischen Tod folgen, zunächst in
den Bereich der Mondenwesenheiten kommt, und dann überzutreten hat aus dem Bereich der Mondenwesenheiten in den Bereich
der Sonnenwesenheiten. Die Mondenwesenheiten gehören in einer
gewissen Beziehung durchaus noch zu dem irdischen Dasein. Und
die Erlebnisse, die der Mensch durchmacht unter dem Einflüsse der
Mondenwesenheiten in der Seelenwelt, sind ja auch kosmische
Erinnerungen an das Erdendasein. Man erlebt zurücklaufend das
Erdendasein in wirklichen Erlebnissen, aber verbunden mit dem,
was ich gestern charakterisiert habe als das Eindringen von kosmischen Urteilen. Diese kosmischen Urteile, die kommen dem Menschen nach dem Tode durch die geschilderten Mondwesenheiten
zu. Eigentlich sind es diese Mondwesenheiten, unter deren Einfluß
der Mensch kommt, und die gewissermaßen in sein Wesen hereinströmen lassen diese Urteile, so wie Mineralien, Pflanzen und Tiere
die Urteile in unser Wesen hereinströmen lassen, die wir hier auf
der Erde haben. Wir können daher sagen: Indem der Mensch das
geistig-kosmische Dasein nach seinem Tode betritt, gelangt er zuerst in solche kosmische Wahrnehmungen hinein, die noch ausgehen von Wesenheiten, welche mit der Erde Zusammenhänge einmal gehabt haben. Denn wir mußten ja erwähnen, wie jene Wesenheiten, die nachher wie in einer kosmischen Festung im Monde
ihren Aufenthalt genommen haben, einmal selber in urältesten Erdenmysterien die Lehrer der Menschen waren, sich nachher nur
nach dieser Mondenwohnung - wenn ich mich so ausdrücken darf
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:227 Seite:241
- zurückgezogen haben; so daß der Mensch das, was er einmal
unmittelbar auf der Erde erlebt hat in uralten Zeiten, heute erlebt
bei seiner Durchwanderung der Seelenwelt unter dem Einflüsse der
- wenn wir so sagen dürfen - zum Monde erhobenen Mondenbevölkerung. Diesen Ausdruck kann man im ganz eigentlichen Sinne
gebrauchen, wenn man jene Voraussetzungen ordentlich berücksichtigt, die ich in dem letzten Vortrage hier charakterisiert habe.
Diese Mondenbevölkerung unter jenen Führern, die einstmals
Menschheitsführer waren, hat ein ganz anderes Urteil, als die Erdenbevölkerung hat. Die Erdenbevölkerung macht eigentlich heute
erst dasjenige im irdischen Dasein zwischen der Geburt und dem
Tode durch, was diese Mondenbevölkerung in längst vergangenen
Zeiten durchgemacht hat.
Wenn wir irdische Jahreszahlen brauchen, so müssen wir sagen,
daß diese Mondenbevölkerung im Erdendasein vor reichlich mehr
als 15 000 Jahren dasjenige durchgemacht hat, was die Menschheit
noch durchzumachen hat. Und vor reichlich mehr als 15 000 Jahren
ist diese Mondenbevölkerung dazu gekommen, ein solches Urteil
zu haben, daß in diesem Urteile Naturalistisches und Moralisches
zusammenfließt.
Wir auf der Erde trennen heute noch die naturalistischen Urteile, die wir fällen über die Steine, über die Tiere [vom Moralischen].
Wenn wir über sie urteilen, so enthalten wir uns eines moralischen
Urteiles. Wir sagen: die Natur geht nur nach einer amoralischen
Notwendigkeit. Aber die ganze Welt geht nicht nach einer amoralischen Notwendigkeit. Wenn auch die einzelnen Tiere, die einzelnen Pflanzen, die einzelnen Mineralien, namentlich wenn sie betrachtet werden in ihrem abgesonderten Dasein, nicht so betrachtet
werden dürfen, daß man auf sie moralische Urteile anwendet, ihre
Schöpfung, die Tatsache, daß sie in der Welt da sind, ging durchaus
aus kosmisch-moralischen Urteilen hervor.
Jene Mondenbevölkerung hat nun schon diese kosmisch-moralischen Urteile. Daher müssen wir, wenn wir durch die Todespforte gegangen sind, im Zusammenhange mit dieser Mondenbevölkerung hören, was der Kosmos zu dem sagt, was wir hier auf der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 2 7 Seite: 24 2
Erde gedacht, gewünscht, empfunden, gewollt, getan haben. Unser
ganzes irdisches Leben wird gewissermaßen in das Licht des kosmischen Urteiles gestellt. Und wir erfahren, wieviel das, was wir
hier auf der Erde getan haben, wert ist für das ganze Weltenall.
Aus diesen Erfahrungen heraus entwickeln wir in uns dann die
Impulse, das, was wir in solcher Weise entweder im Sinne der
Weltenentwickelung oder entgegen der Weltenentwickelung getan
haben, im nächsten Erdenleben zu ergänzen, zu korrigieren, in
dieser oder jener Weise richtigzustellen. Und wir nehmen auf,
während wir also unter dem Einflüsse der Mondenbevölkerung
sind, die Impulse für unser Schicksal in den aufeinanderfolgenden
Erdenleben, für das, was man in der orientalischen Weisheit immer
das Karma genannt hat.
Die Impulse für das Karma also, sie werden aufgenommen während der Zeit, da der Mensch unter dem Einflüsse der Mondenbevölkerung steht, die ihm sagen kann, wieviel seine Erdentaten, seine Erdengedanken wert sind für den ganzen Kosmos.
Diejenigen geistigen Wesenheiten der höheren Welt nun, welche
in der Umgebung des Menschen leben, während er unter dem Einflüsse der Mondenbevölkerung ist, das sind die Wesenheiten, die
ich in meiner «Geheimwissenschaft» zusammengefaßt habe als die
Wesen der Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai. Das ist die
erste Reihe der Wesenheiten, in deren Bereich der Mensch kommt,
die nicht in einer irdischen Verkörperung eine Lebensphase durchzumachen haben. Diese Wesenheiten stehen ihrerseits in einer innigen Verbindung mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien.
Aber während seines Mondendaseins nach dem Tode kommt der
Mensch im wesentlichen zu dieser Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai in Beziehung, und er merkt gewissermaßen noch
nichts von den höheren Hierarchien.
Insbesondere sind es die Urteile der Angeloi, welche für den
Wert der Taten des einzelnen Menschen wichtig sind, so daß der
Mensch nach dem Tode von den Angeloi erfährt, was seine eigenen
individuellen Taten im ganzen Kosmos für einen Wert haben. Von
den Archangeloi erfährt er mehr, was seine Taten für einen Wert
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 243
haben, insofern er diese oder jene Sprache spricht, diesem oder
jenem Volke angehört. Das sind auch Dinge, die sich dann in die
Impulse für das weitere Schicksal, für das weitere Karma hineinmischen. Und von den Archai erfährt der Mensch das, was seine
Taten, die er ja in einem bestimmten Zeitalter vollbracht hat, wert
sind für dasjenige Zeitalter, zu dem er wiederum heruntersteigen
muß aus geistigen Höhen in das irdische Dasein.
Durch alles das, womit sich der Mensch da durchdringen kann,
wenn er sich - und ich bitte, diesen Nebensatz sehr scharf ins Auge
zu fassen -, wenn er sich in der richtigen Weise vorbereitet hat für
das außerirdische Dasein, durch alles das, was er da an Impulsen
aufnehmen kann, namentlich, wie wir dann später sehen werden,
durch die Art, wie er sich zu den großen geistigen Führern der
Menschheit gestellt hat, kann dann der Mensch den Übergang
finden aus der Sphäre der Mondenbevölkerung in die Sphäre der
Sonnenbevölkerung. So daß wir sprechen müssen, wenn wir von
den Welten sprechen, in die der Mensch zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt eintritt, von einer Mondenbevölkerung, von
einer Sonnenbevölkerung.
Die Mondenbevölkerung ist diejenige, die wir nun schon kennengelernt haben als eine solche, die einmal ihren Wohnsitz auf
Erden gehabt hat, mit der Erde verbunden war. Aber in einer viel,
viel früheren Zeit war auch die Sonnenbevölkerung noch mit der
Erde verbunden, lebte die Angelegenheiten der Erde mit.
Wenn der Mensch in den Bereich der Mondenbevölkerung
kommt, so ist es ihm ganz klar, daß er da eben in eine Bevölkerung
eingetreten ist, die einmal mit ihm die Erde bewohnt hat. Tritt er
dann in den Bereich der Sonnenbevölkerung ein, so ist das wie das
Überkommen einer mächtigen kosmischen Erinnerung an eine uralte Zeit. Ich habe sie in dem Buche «Die Geheimwissenschaft im
Umriß» von einem anderen Gesichtspunkte aus beschrieben. Es
überkommt ihn etwas wie eine Erinnerung an eine uralte Zeit, in
der auch die Sonne noch mit der Erde, die Sonnenbevölkerung
noch mit der Erde verbunden war. So daß wir hineinwachsen in
den geistigen Kosmos nach dem Tode so, daß wir gewissermaßen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 22 7 Seite: 24 4
in zwei geistige, kosmische Länder hineinwachsen, wo wir auf
Bevölkerungen auf treffen, mit denen wir einmal, als wir noch ganz
andere Wesen auf Erden waren, auf Erden verbunden waren.
Man sieht also, indem man die Erlebnisse durchmacht, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließen, in der gegenwärtigen Menschheitsepoche in großen, gewaltigen Erinnerungen
zurück auf die Erdenentwickelung im Weltenall. Und während der
Mensch hier im wesentlichen auf Erden nur einen Teil der Menschheitsentwickelung durchmacht während seines Erdendaseins,
macht er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt einen Teil
der gesamten kosmischen, der gesamten Weltentwickelung durch.
Es ist also im wesentlichen die Sonnenbevölkerung eine solche, die
in viel älterer Zeit schon hinaufgestiegen ist über die Erfahrungen,
die man als Erdenwesen machen kann, und die auch schon hinaufgestiegen ist über dasjenige an Erfahrungen, was man als Mondenwesenheit machen kann.
Indem der Mensch eintritt in den Bereich der Sonnenbevölkerung, tritt er in eine Sphäre höchster Weisheit ein, in eine Sphäre,
in der er nur leben kann, wenn er sich auf Erden in einer genügenden Weise dazu vorbereitet hat.
Nun, ich habe gestern gesagt, daß der Mensch, indem er übertritt aus der Seelenwelt in das Geisterland, wie wir heute sagen
müssen, aus der Sphäre der Mondenbevölkerung in die Sphäre der
Sonnenbevölkerung, daß der Mensch da im wesentlichen das
Tempo seines Wandels im Kosmos verlangsamt.
Während also der Umkreis um den Mond in einer Zeit verläuft
von ungefähr einem Drittel der irdischen Lebenszeit, werden die
nächsten Kreise, Marskreis, Jupiterkreis, Saturnkreis - daß sie nicht
vollständig durchwandert werden, habe ich gestern erwähnt - langsamer durchlaufen, und zwar werden sie zwölfmal langsamer
durchlaufen als der Mondenkreis.
Wenn wir uns nun ausrechnen, was herauskommt an Zeit, so
gewinnen wir folgendes. Wir müssen eigentlich ausgehen von dem,
was ursprünglich dem Menschen vorgesetzt war, wozu er ursprünglich durch die Ratschlüsse des Kosmos bestimmt war. Und da kÖnCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 2 7 Seite: 2 4 5
nen wir annehmen, daß der Mensch die Mondenzeit in einem Drittel
der Erdenzeit durchläuft. Nehmen wir die längeren Schlafzeiten der
ersten Kindheit und die späteren Schlafzeiten des Menschen während der Erdenzeit zusammen, so bekommen wir ungefähr dreißig
Jahre - approximativ als Mittel -, die der Mensch braucht, um den
ersten Zyklus, den Mondenzyklus, zu durchlaufen. Jeder der
folgenden Zyklen wird so durchlaufen, daß die Zeit eine zwölfmal
längere wird, und wir bekommen 360 Jahre für jeden Zyklus. Wir
bekommen dann, wenn wir den Menschen weiter auf seiner Weltenwanderung verfolgen, drei Zyklen, die er durchgemacht hat. Er
kommt nicht bis zum Saturn, aber die Zyklen sollte er durchmachen
nach seiner ursprünglichen Bestimmung. So daß wir sagen können:
Der Mensch durchläuft den ersten Zyklus, zweiten Zyklus, dritten
Zyklus, muß dann wiederum zurückgehen durch die drei Zyklen, so
daß er also dreimal den Umkreis hin, und bei seiner Rückwärtswanderung zum nächsten Erdendasein dreimal den Umkreis zurück
durchmacht. Das gibt sechs Zyklen. Und wir bekommen dann als
diejenige Zeit, die dem Menschen eigentlich vorgesetzt war - ich
werde noch zu erwähnen haben, daß er sie nicht immer so absolviert, daß die Dinge für den heutigen Menschen noch ganz anders
liegen -, als dasjenige, was dem Menschen durch den ursprünglichen
Ratschluß des Kosmos vorgesetzt war, 2160 Jahre.
2160 Jahre, was bedeutet das? Sie brauchen sich nur daran zu
erinnern, daß jedes Jahr der Frühlingspunkt der Sonne an einem
anderen Ort eines Tierkreiszeichens liegt. Der Frühlingspunkt der
Sonne rückt vor. Er rückte vor in den letzten Jahrhunderten in der
Richtung so, daß er ursprünglich im Widder stand, dann etwas
weiterrückte im Widder, dann in die Fische gekommen ist, und in
25920 Jahren ungefähr, also in einer Zeit, die gegen die 26000 Jahre
geht, vollendet die Sonne den ganzen Umkreis um den Tierkreis.
Davon sind 2160 Jahre ein Zwölftel. Während 2160 Jahren rückt
die Sonne von einem Tierkreiszeichen zum anderen vor. Es war
also dem Menschen ursprünglich vorgesetzt, daß er wieder zurückkomme auf die Erde, wenn die Sonne von einem Tierkreiszeichen
in das andere vorgerückt ist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 22 7 Seite: 2 4 6
Sehen Sie, wenn man aus den inneren Gründen diese Zahl 2160
berechnet und sie vergleicht mit dem, was ich von einem ganz
anderen Gesichtspunkte angegeben habe in dem Buche «Geheimwissenschaft» - diejenigen, die das gelesen haben, werden sich erinnern, ich habe die Zeit des Vorrückens der Sonne von einem
Tierkreiszeichen zum anderen angegeben als die Zeit, die als die
Zwischenzeit dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt ursprünglich vorgesetzt war - in der «Geheimwissenschaft» habe ich
es mehr vom Kosmos, von außen herein, heute haben wir es mehr
vom inneren Menschenleben aus gemacht - wenn man von diesen
zwei Seiten her die Zahl der Jahre angibt, so bekommt man genau
dieselbe Zahl. Das sind eben diejenigen Dinge, die die Menschheit
bemerken sollte: daß, wenn man irgendwo in der Geisteswissenschaft beginnt, richtige Urteile zu fällen von einem Gesichtspunkte
aus, und dann von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus wiederum richtige Urteile fällt, diese Urteile innerlich zusammenstimmen.
Derjenige, der nach den heutigen Urteilen die Geisteswissenschaft beurteilt, hat sehr leicht, zu sagen: Worauf stützt sich denn
deine Geisteswissenschaft? Unsere Wissenschaft stützt sich auf die
Beobachtung, die Experimente; davon gehen wir aus, das ist fester
Grund!
Sehen Sie, einer, der so spricht, nimmt sich gegenüber den Tatsachen, die wir angeführt haben, so aus wie einer, der sagt: Wenn
ich als Mensch auf der Erde stehe, so stehe ich auf einem festen
Boden. Wenn ein Felsklotz draußen liegt, liegt er auf festem Boden.
Alles auf Erden liegt auf einem festen Boden. Ihr Astronomen seid
eigentlich Phantasten, denn ihr erzählt uns, daß die Erde frei im
Himmelsraum schwebe. Ihr müßtet uns davon erzählen, daß sie
auch irgendwo wie ein Felsklotz auf einem festen Boden ruht,
wenn ihr vernünftig sprechen sollt. - So ungefähr ist auch die
Meinung derer, die von der Anthroposophie sprechen [und sagen],
daß sie auf keinem festen Boden ruhe. Sie würden sich natürlich
lächerlich vorkommen, wenn sie sagen würden, daß die Erde wie
ein Felsklotz auf einem festen Boden aufruhen sollte; aber sie kommen sich gar nicht lächerlich vor, wenn sie nicht wissen, daß das,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:227 Seite:247
was innerlich sich tragen muß, wie sich die Himmelskörper selber
innerlich tragen, nicht auf einem Boden des Experimentes oder der
Erklärung aufsitzen kann. Würden die Menschen nur ihre Urteile
wirklich konsequent ausbilden, sie würden schon sehen, wie gerade
die hier gemeinte Geisteswissenschaft jeden Schritt in der allerexaktesten Weise macht und sich bei jedem Schritt volle Rechenschaft
gibt über dasjenige, was sie eigentlich als Urteil über die Welt und
die Weltenwesen aufstellen will.
So tritt der Mensch also nach dem Tode in eine Welt ein, in der er
zunächst erlebt die Gemeinschaft derjenigen Seelen, die ebenso wie
er selbst ein Erdendasein durchgemacht haben und dann durch die
Entkörperung beim Durchgehen durch die Pforte des Todes in jene
geistigen Welten versetzt sind, die eben geschildert wurden. Der
Mensch lebt sich also ein in die Sphäre der entkörperten Menschen,
setzt dort diejenigen Verhältnisse fort, die er mit ihnen zusammen
auf der Erde durchlebt hat, in den geistigen Nacherlebnissen.
Aber wir haben auch gesehen, wie der Mensch in die Gemeinschaft anderer Geistwesen kommt, in die Gemeinschaft der Mondenbevölkerung, die einmal mit ihm Erdenbevölkerung war, und
dann auch aufsteigt in die Gemeinschaft der Sonnenbevölkerung,
die ebenfalls, nur m viel älteren Zeiten, mit ihm zusammen Erdenbevölkerung war. Da kommt er in die Gemeinschaft zunächst derjenigen Wesenheiten, die die Wesenheiten der zweiten Hierarchie
ausmachen. Ich habe sie in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben als Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. Es sind diejenigen Wesenheiten, mit denen der Mensch zusammen arbeiten muß, damit er in
die Lage kommt, in einem nächsten Erdenleben dasjenige gewissermaßen kosmisch ausgearbeitet wiederum darzustellen, wiederum
zu offenbaren, was er in früheren Erdenleben als sein Schicksal, als
sein Karma zubereitet hat.
Wenn man durchgegangen ist durch den Bereich der Mondenbevölkerung, weiß man, allerdings nicht mit irdischen Gedanken,
sondern mit kosmischen Gedanken, was man gewissermaßen nicht
richtig gemacht hat im kosmischen Sinne, man weiß den Wert desCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 22 7 Seite: 24 8
jenigen, was man getan und gedacht und gefühlt hat, für die ganze
kosmische Evolution. Man kann aber nicht ein neues Erdendasein
vorbereiten, wenn man das nur mit kosmischen Gedanken weiß.
Innerhalb der Mondensphäre also kommt man zu einem Wissen,
was man werden soll im nächsten Erdendasein. Aber man kann
dieses nächste Erdendasein noch nicht zubereiten. Da muß man
aufrücken in die Sonnensphäre, wo die Wesenheiten leben, die es
nun gar nicht mehr mit dem Erdendasein zu tun haben, sondern
welche die Angelegenheiten unseres ganzen Planetensystems
besorgen.
So birgt also der Kosmos im Bereich dessen, was der Mensch in
diesem Kosmos zu durchleben hat, ich möchte sagen, zwei geistige
Länder mit ihren geistigen Bevölkerungen. Er birgt die Seelenwelt
der Mondenbevölkerung, und die umfassendere Bevölkerung des
Geisterlandes, des Sonnenlandes. Während die Mondenbevölkerung noch dadurch, daß sie vor verhältnismäßig - kosmisch aufgefaßt - nicht zu langer Zeit mit der Erde verbunden war, die Interessen mit der Erdenbevölkerung vereinigt hat, während der Mond
gewissermaßen nur eine kosmische Kolonie ist, um mit die Erdenangelegenheiten zu bewirken, zu orientieren, zu tun, ist das Sonnenall, wo die Sonnenbevölkerung lebt unter der Führung der
Exusiai, Dynamis und Kyriotetes, ein All im Kosmos, das die
Angelegenheiten des ganzen Planetensystems, Mars, Saturn, Jupiter, Venus und so weiter mit der Erde und dem Monde mit zu
besorgen hat.
Mit dem Eintritt also in das Sonnenall treten wir in eine Sphäre,
wo unsere Interessen wesentlich erweitert werden, wo wir aber im
Zusammenarbeiten mit Exusiai, Dynamis und Kyriotetes in der
Lage sind, so vorzuarbeiten, daß der Geistkeim eines physischen
Leibes entstehen kann, den dann für uns ein Elternpaar gebären
kann. Niemals würde einen für uns geeigneten physischen Leib ein
Elternpaar gebären können als physischen Leib, wenn dieser physische Leib nicht vorbereitet wäre durch lange Zeiten, durch eine
Arbeit mit höchsten, erhabenen geistigen Wesenheiten im Geistkosmos. Und unsere Arbeit im Geistkosmos besteht im wesentCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 249
liehen darinnen - und sie ist wahrlich größer, umfangreicher als
dasjenige, was wir im kleinen Erdendasein tun -, all das zu besorgen mit den Wesen höheren Grades zusammen, was in diesen
Wesenheiten als Geist-Ereignisse sich abspielt wie hier die Naturereignisse, als Geistkunst sich abspielt wie hier die Naturkunst,
und was uns zuletzt in den Stand bringt, all dasjenige, was da gearbeitet ist, zusammenzuschließen in einem mächtigen geistigen
Urbilde, das aber der Geistkeim, gewissermaßen der vorhergeworfene Schatten ist desjenigen, was dann als unser physischer Leib auf
Erden geboren wird.
Wenn der Mensch die drei Zyklen durchgemacht hat und den
Rückgang beginnt, so beginnt wiederum sein Interesse an den Erdenangelegenheiten; und dann schaut er hinunter, viele Jahre, bevor
er geboren wird, auf die Generationen, die in der Erdenentwickelung sich ergeben, und an deren Ende sein Vater, seine Mutter
stehen. Schon in dem Momente, wo der Mensch diese große Umkehrung im Kosmos macht, beginnt er seine Aufmerksamkeit auf
die Erde herunter zu richten. Da schaut er die fern zurückliegende
Ahnenschaft, von der dann abstammen Söhne, Töchter, von denen
wieder Söhne, Tochter, wieder Söhne, Töchter abstammen und so
weiter, bis nach Jahrhunderten das Elternpaar geboren wird, zu
dem er heruntersenden kann dasjenige, verkleinert, was als mächtiger, umfassender Geistkeim für den physischen Leib geformt
worden ist in der geistigen Welt, damit dieser Geistkeim sich dann
mit dem physischen Keim im Mutterleibe verbinden kann.
Dieser Geistkeim ist zuerst majestätisch und groß wie das Weltenall selber. Während der Mensch den Rückzug antritt in die physische
Welt und die Generationen, von denen dann seine Eltern stammen
werden, überschaut, von der geistigen Welt aus mittätig ist an dieser
Generationenfolge, während dieser Zeit wird der Keim immer
kleiner und kleiner, bis er wiederum zurückkommt in die Mars-,
die eigentliche Sonnensphäre, und dann schnell durch die Mondensphäre wiederum zur Erde zum nächsten Leben heruntersteigt.
Schon einige Zeit, bevor der Mensch als Seelenwesen selber
heruntersteigt, schickt er diesen Geistkeim voraus. So daß der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 2 7 Seite: 25 0
Mensch dasjenige, was er vorbereitet hat für seinen physischen
Leib, eine Zeitlang, bevor er selber heruntersteigt in die physische Welt, voraussendet. Indem er gewissermaßen seine Arbeit
für das nächste Erdenleben abgelegt hat, kommt er in die Lage,
ein anderes Verhältnis zum Kosmos einzugehen, als das vorher
war; dadurch kommt er in die Lage, sich in ein Verhältnis zum
ganzen kosmischen Äther zu bringen. Und er zieht als den
letzten Akt dieses Herabsteigens aus den geistigen Welten die
Kräfte aus dem gesamten Weltenäther heraus, aus denen er
seinen Ätherleib formt.
Wenn der Mensch schon den Geistkeim für seinen physischen
Leib heruntergeschickt hat, wenn also der Geistkeim schon zum
Elternpaar nach einer langjährigen Strömung aus den geistigen
Welten für das Physische des Leibes heruntergeschickt worden ist,
so weilt der Mensch selber noch in der geistigen Welt, sammelt in
der geistigen Welt den Äther um sich, so daß er für eine kurze Zeit
ein Wesen wird aus Ich, astralischem Leib und Äther; der Äther ist
zusammengezogen aus dem gesamten Weltenäther. Und erst während der Embryonalzeit, in der dritten, vierten Woche nach der
Empfängnis, vereinigt der Mensch dasjenige, was sich in den ersten
drei bis vier Wochen aus der Vereinigung von Geistkeim und physischem Keim gebildet hat. Was also schon früher als er auf der
Erde angekommen ist, das vereinigt er mit seiner Wesenheit und
begabt es mit demjenigen, was er an Ätherleib gewonnen hat durch
Anziehung aus dem Weltenäther. Und so wird der Mensch ein
Wesen aus dem, was schon früher entstanden und heruntergeschickt ist, aus dem [Geistkeim des] physischen Leib[es], aus dem
Ätherleib, den er gewissermaßen im letzten Augenblick seines kosmischen Daseins um sich angesammelt hat, aus dem astralischen
Leib und dem Ich, die durchgegangen sind durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
So steigt der Mensch hinunter, nachdem er die rein geistigen
Erlebnisse gehabt hat, zu einem neuen Dasein in der physischen
Welt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 27 Seite: 2 51
Aus dem Gesagten wird Ihnen hervorgehen, daß der Mensch,
indem er die Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
durchlebt, sie erlebt in Erinnerung an die Vorzeit der Erdenentwikkelung, ja an die Vorzeit desjenigen, was wir Weltenentwickelung
nennen können. Das, was der Mensch da durchlebt als Welterinnerungen, die aber seine Taten werden - denn er «tut» etwas mit
diesen Erinnerungen im Verein mit jenen höheren Wesenheiten,
von denen ich gesprochen habe und von denen noch weiter gesprochen werden muß -, was er da, im Erinnern tätig seiend, und im
Tätigsein sich erinnernd, ausführt, das ist eine bedeutsame Perspektive in die Erden- und Weltvergangenheit.
Das, was der Mensch während seiner Beziehungen zur Mondenbevölkerung durchmacht, das bringt wieder herauf in der Menschenseele eine Zeit, die der Mensch durchgemacht hat in früheren
Erdenleben so, daß er in diesen früheren Erdenleben schon in
einem solchen Verhältnisse zu ihnen gestanden hat wie jetzt. Der
Mensch schaut über eine Reihe von Erdenleben, die ähnlich sind
dem gegenwärtigen. Dann aber blickt der Mensch weiter zurück
auf eine Erdenzeit, in der er auf Erden selbst der heutigen Mondenbevölkerung noch nähergestanden hat. Er blickt zurück in eine
Zeit, von der ihn im äußeren physischen Dasein trennt das, was die
Geologen die Eiszeit nennen. Er blickt zurück auf eine Form der
Erdenentwickelung, die Sie in meiner Literatur als die atlantische
Zeit beschrieben finden. Aber er blickt auch weiter zurück auf das,
was Sie als lemurische Zeit beschrieben finden. Da war er zur Erde
noch in einem ganz anderen Verhältnisse. Da lebte der Mensch
noch nicht in der Weise erdgebunden, daß er mit seinen Füßen auf
der Erde herumging. Da lebte er noch mehr in dem Umkreis der
Erde, in der Atmosphäre der Erde selber als ein ätherisches Wesen.
Er konnte das, weil die Atmosphäre noch in sich aufgelöst enthielt
vor allen Dingen alles Wasser, das sich heute in den Meeren und
Kontinenten abgesetzt hat; aber auch andere Stoffe, die heute feste
Erde geworden sind, waren dazumal in der Atmosphäre aufgelöst.
Der Mensch lebte mehr in dem Umkreis während einer Zeit -
wiederum kommt es nicht auf die Terminologie an -, die man die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 252
lemurische Zeit im Anklang an das, was die Naturforscher als die
älteste Erdenzeit benennen, eben auch nennen kann.
Dann aber blickt man zurück in eine Zeit, wo der Mensch noch
mit den Sonnenwesen selber vereint war, mit der Sonnenbevölkerung, bevor sich die Sonne in der kosmischen Entwickelung von
der Erde getrennt hat. Man blickt nicht zurück in diejenige Zeit,
die ich in dem Buche «Geheimwissenschaft» beschrieben habe als
die Sonnenzeit der Erde selber, als die zweite der Erdenentwickelungszeiten; aber man blickt zunächst zurück auf die Wiederholung
dieser kosmischen Entwickelung nur im Erdendasein. Aber auf
diese Wiederholung blickt man eben zurück. Und es wird gewissermaßen, wenn sich die Menschenerkenntnis durch das, was der
Mensch erleben kann zwischen dem Tode und einer neuen Geburt,
ergänzt, die Menschheitserkenntnis zur kosmologischen Erkenntnis. Dasjenige, was Erdenentwickelung war, steigt, verbunden mit
den Ergebnissen der wiederholten Erdendaseinsstufen in den
menschlichen Taten, die er mit höheren Wesen zusammen vollbringt, auf. Die Vergangenheit der Erde in ihrem Zusammenhange
mit dem ganzen Planetensystem, Sonne, Mond und den von ihnen
abhängigen Planeten, tritt in den Taten der Menschen wiederum
auf. Und aus dem, was da auftritt, formt sich der Mensch dann das
Stück Zukunft, das er zunächst zu formen hat, sein nächstes Erdendasein. Aber er ist zu gleicher Zeit verwoben in das Vorbereiten all
derjenigen Zukunft, die für die Welt vorbereitet wird: Jupiterdasein, Venusdasein, Vulkandasein, in die das Erdendasein übergehen wird.
Wenn wir in diese Dinge hineinschauen, so kann es uns begreiflich werden, wie ein Stück der Weltentwickelung der Erde gewissermaßen in den alten kosmischen Zeiten war. Wir blicken da eben
zurück in eine Zeit, in der die heutige Mondenbevölkerung den
Erdenmenschen ihre Lehrer gab. Dann hat sich diese Mondenbevölkerung mit diesen spätesten großen Lehrern der Menschheit
zurückgezogen in die Mondenfestung des Kosmos.
Aber es wurden immer wieder und wiederum auf der Erde
Menschen geboren, welche in ihrem ganzen karmischen Leben die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 22 7 Seite: 2 53
Möglichkeit hatten, mit den Erlebnissen der Mondbevölkerung in
einem innigen Zusammenhange zu bleiben. So daß diese Wesen, die
im Laufe der Erdenentwickelung immer wieder und wiederum
geboren wurden, wie Abgesandte der großen Versammlung innerhalb der Mondbevölkerung denjenigen erschienen, die in der
ersten, zweiten, dritten nachatlantischen Kulturepoche die Erde
bevölkert haben und im Oriente eine höhere Zivilisation entwickelt
haben. Bodhisattvas wurden diese gewissermaßen Abgesandten des
Mondes genannt. Es waren Menschen auf der Erde, aber in ihnen
lebte dasjenige nach, was Geistiges unmittelbar durch die großen
Mondenlehrer auf der Erde gegenwärtig war.
Es geschieht nun immer wieder und wiederum, daß im Weltenall Zeiten eintreten, wo die Mondenbevölkerung, da sie näher
der Sonnenbevölkerung steht als der Erdenbevölkerung, ganz
besonders innige Beziehungen zur Sonnenbevölkerung knüpft, so
daß auf diesem Umwege durch die Mondenabgesandten, die im
Oriente Bodhisattvas genannt worden sind, eben die Sonnenweisheit auch zu den Menschen der Erde in den älteren orientalischen Zivilisationen hat kommen können. Dann war es aber
durch den Fortschritt, den die Erdenentwickelung nahm, notwendig, daß nicht mehr bloß von den Wesen des Mondes die
Erdenzivilisation gewissermaßen gespeist wurde. Die ganze Erdenentwickelung hätte einen ganz anderen Gang nehmen müssen, der ihr nicht vorgezeichnet war in der kosmischen Weisheit,
wenn es nur immer so fortgegangen wäre, daß diese Mondenabgesandten in der Erdenentwickelung aufgetreten waren. Daher
ist das große, das bedeutsame Ereignis eingetreten, das wir als
das Mysterium von Golgatha bezeichnen.
Während es Mondenabgesandte in einer gewissen Weise waren,
die die Sonnenweisheit auf die Erde gebracht haben in älteren Zeiten, so ist das führende Sonnenwesen selber, dasjenige Wesen also,
das führend ist in der Reihe der Sonnengeister, durch das Mysterium von Golgatha heruntergestiegen auf die Erde, hat sich in dem
Menschen Jesus verkörpert. Dadurch sind für die Erdenentwickelung ganz andere Verhältnisse eingetreten. Das, was Weisheit der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 2 7 Seite: 25 4
Sonnenbevölkerung geworden ist, das ist durch den Christus Jesus
als Impuls in die Erdenentwickelung selber hineingetragen worden.
Daher muß die weitere Erdenentwickelung unter dem Impulse des
Christus Jesus verlaufen.
Als das Mysterium von Golgatha da war, war auf der Erde verbreitet noch so viele Mondenweisheit, daß die alte Mondenweisheit
als Gnosis, als Pistis Sophia - es ist ja alte Mondenweisheit - verstehen konnte, was der Christus bedeutet. Die alte Mondenweisheit war noch da, trat als Gnosis auf. Und die Gnosis war ja wesentlich ein Bestreben, den Christus in seiner ganzen Geistigkeit zu
begreifen. Nun, die Gnosis ist ausgerottet worden. Der erste Akt
zu jener Evolution, die hinging auf das temporäre Nichtverstehen
des Mysteriums von Golgatha, ist die Ausrottung der Gnosis,
fast - bis auf die [Darstellungen in den] Schriften der Gegner.
Nun stellen Sie sich vor, wenn von der heutigen Anthroposophie nur dasjenige bleiben würde, was die Gegner darüber geschrieben haben, dann werden Sie eine Vorstellung davon bekommen, was die Menschen durch äußere Erkenntnisse von der Gnosis
eigentlich wissen. Sie wissen ja nichts als dasjenige, was die Gegner
gesagt haben, und noch einiges in der Pistis Sophia-Schrift und so
weiter, was sie nicht verstehen. Das wissen die Menschen über die
Gnosis. Die Gnosis war eben noch, man möchte sagen, aus der
alten Zeit eine Mondengabe an die ersten Jahrhunderte, vor allen
Dingen an die vier ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung; denn vom vierten Jahrhunderte ab wurde die Gnosis schon
gar nicht mehr verstanden. Es war also dasjenige, was, wie man
sagen könnte, aus der alten Mondenweisheit, aus dem Mondenlogos zu dem Sonnenlogos, der auf Erden angekommen war, zu
dem Christus gesagt werden konnte. Wer diesen Zusammenhang
kennt, kann eigentlich die Gnosis, die so viel verkannt wird, über
die so sonderbare Dinge eigentlich gesagt werden in der Gegenwart, wirklich verstehen.
Aber dabei kann es nicht bleiben, denn die Erdenentwickelung
muß weitergehen. Wir müssen wirklich vorrücken von der alten
Mondenweisheit in eine neue Sonnenweisheit. Wir müssen die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 255
Sonnenweisheit unmittelbar verstehen lernen. Ich werde Ihnen
morgen zu schildern haben, wie die alte Mondenweisheit - nachdem sie im wesentlichen zu einem gewissen Abschluß gekommen
war - noch zum Menschen sprach durch eine Art Yoga-Atmen,
durch eine Umwandlung des Atmungsprozesses. Durch diese
Umwandlung rang man sich durch zu der alten Mondenweisheit.
Der abendländischen Bevölkerung ist diese Yoga-Art nicht
mehr angemessen. Sie muß unmittelbar zur Imagination kommen.
Das ist auch die nächste Stufe, die für die allgemeine Zivilisation
angestrebt werden muß: zur Imagination zu kommen. Aber es sind
mancherlei Hindernisse. Und deshalb kann die Entwickelung in
einer aufsteigenden Weise für die Menschheitszivilisation nur weitergehen, wenn die Menschheit wiederum einen geistigen, einen
spirituellen Impuls aufnimmt.
Das hängt zusammen mit ihren intimsten Schicksalen. In all den
Zeiten, in denen die Bodhisattvas erschienen sind, haben sie im
ganzen und großen keine widerwillige Menschheit gefunden. Wenn
auch die alten Zeiten uns im Äußeren oftmals grausam, furchtbar,
schrecklich erscheinen, es hat immer die Möglichkeit gegeben,
guten Willen den Impulsen aus der spirituellen Welt entgegenzubringen. So sind die Bodhisattvas auf getroffen auf eine Menschheit,
bei der sie immerhin Aufnahme gefunden haben für dasjenige,
was alter Mondenlogos, der Abglanz des Sonnenlogos, war. Aber
in dieser alten Weise wird niemals wiederum zur Menschheit gesprochen werden können.
Dasjenige, was einmal war, geht aber weiter, so daß nicht etwa
die alte Mondenweisheit, der alte Mondenlogos aufhören kann,
sondern daß er fortgehen muß; nur wird er erfaßt werden müssen
von dem Sonnenwort, das nun auch, nach Verlust der letzten Erbschaft in der Gnosis, wieder gefunden werden muß. Aber nicht
vorher kann in der eigentlichen Sonnensprache zu der Menschheit
gesprochen werden, bevor die Menschheit guten Willen dem Sonnenworte entgegenbringt. Daher wird die Menschheit auch vergeblich warten auf die Ankunft eines der Nachfolger der alten Bodhisattvas. Denn ob ein Bodhisattva da ist oder nicht für die Menschcopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 256
heit, hängt ja davon ab, ob die Menschheit ihm Verständnis entgegenbringt oder nicht.
Heute ist die Menschheit tief gespalten in eine östliche und in
eine westliche Menschheit. Und derjenige, der nicht in diese Verhältnisse tief genug hineinsieht, der beurteilt eben nicht in richtiger
Weise, wie die Menschheit in Osten und Westen gespalten ist, wie
in einer ganz anderen Weise der Osten etwas erwartet von einem
neuen Bodhisattva in seiner Art, als der Westen auch nur ahnen
kann. Es ist noch nicht genügend über das heutige nationalistische
Streben jenes allgemeine Menschheitsbewußtsein gekommen über
die ganze Erde hin, das im wesentlichen gerade ein Ergebnis des
Christus-Impulses sein muß. Aber die Menschheit wird auch nicht
den Aufstieg finden zu diesem allgemein menschlichen, zu diesem
wahrhaft christlichen Impuls, daher auch nicht früher verstehen
können, was ein etwaiger Bodhisattva zu ihr zu sagen hätte, bis sie
in sich selber wiederum spirituelle Sehnsucht in genügendem Maße
entwickelt hat, bis sie gerade durch diese spirituelle Sehnsucht die
Brücke haben wird über die ganze Erde hin zum Verständnisse
zwischen dem Osten und dem Westen.
Ich schlage damit jenes Thema an, das morgen weiter ausgeführt
werden muß und das umschreiben wird im wesentlichen, wie es
heute nicht so ist, daß etwa die Menschen auf den Bodhisattva zu
warten hätten, sondern daß der Bodhisattva warten muß auf das
Verständnis, das ihm die Menschheit entgegenbringt, bevor er zu
ihr in seiner Sprache sprechen kann; denn die Menschheit ist in die
Epoche der Freiheit eingezogen.
Gerade über dieses Einziehen in die Epoche der Freiheit im
Zusammenhang mit dem eben angeschlagenen Thema werden wir
dann morgen die Betrachtungen fortsetzen. Aber all das, was die
Menschheit wird durchmachen müssen, um wirklich hinaufzufinden den innersten Impuls in die geistige Welt, das hängt zusammen
mit mancherlei scheinbar unbedeutenden Kulturzivilisationssystemen und -Symptomen.
Verzeihen Sie, daß ich Großes, das ich eben ausgesprochen habe,
mit Kleinem zusammenbringe, aber man sieht an den kleinen SymCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 2 7 Seite: 2 5 7
ptomen das Große. Ich habe vor einigen Tagen gesagt: Gerade hier,
wo sich die Imaginationen wie fest hinstellen schon im Geiste,
bekomme man die Autos störend hinein. Ich spreche nicht gegen
die Autos, das habe ich schon erwähnt; Anthroposophie kann
nichts Reaktionäres aussprechen. Ich fahre selbstverständlich leidenschaftlich gern im Auto, wenn es notwendig ist, denn man darf
nicht die Welt zurückschrauben wollen, sondern man muß demjenigen, was auf der einen Seite auftritt, eben das andere entgegensetzen können, so daß das Im-Auto-Fahren ganz richtig ist. Aber
neben dem Autofahren mit allem, was damit zusammenhängt, muß
auftreten ein Herz, das hinneigt zur spirituellen Welt. Und dann
wird sich die Menschheit, auch wenn noch andere Sachen kommen
werden als das Autofahren, gerade durch ihre eigene Kraft und
Freiheit, die entstehen mußte, die aber auch wiederum zum Bodhisattva führen muß, weiter durchringen können.
Den Dingen gegenüber, die für die mechanische Verrichtung der
Menschendienste in die Welt eintreten, wird sich die Menschheit
selber helfen können. Und so kann man schon sagen: gegen all das,
was von Auto, Schreibmaschine und so weiter auftritt, wird sich
die Menschheit selber helfen können.
Anders liegt die Sache - verzeihen Sie, daß ich mit diesem
scheinbar Trivialen abschließe - beim Grammophon. Beim Grammophon ist es so, daß die Menschheit in das Mechanische die
Kunst hereinzwingen will. Wenn die Menschheit also eine leidenschaftliche Vorliebe für solche Dinge bekäme, wo das, was als
Schatten des Spirituellen in die Welt herunterkommt, mechanisiert
würde, wenn die Menschheit also Enthusiasmus für so etwas, wofür das Grammophon ein Ausdruck ist, zeigen würde, dann könnte
sie sich davor nicht selber helfen. Da müßten ihr die Götter helfen.
Nun, die Götter sind gnädig, und heute liegt die Hoffnung ja
auch vor, daß in bezug auf das Vorrücken der Menschheitszivilisation die gnädigen Götter selbst über solche Geschmacksverirrungen, wie sie beim Grammophon zum Ausdrucke kommen, weiter
hinweghelfen. |