ANHANG
Einführende Worte über Eurythmie München, 28. August 1913, nachmittags
anläßlich der ersten Eurythmie- Vorführung1)
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Als einmal der Professor Capesius zu Frau Felicia kam, da sagte er,
daß er immer eine so große Erfrischung fühle durch alles das, was
ihm die gute Frau Bälde an Märchen und Geschichten und so weiter
erzählen könne.
Frau Bälde ist nun eine gerade Dame und daher sprach sie zu
ihm genau, wie sie dachte, und zwar so: Ja, es macht mir immer eine
recht große Freude, wenn ich sehe, wie Sie das erfrischt, was ich Ihnen erzählen kann, aber Sie können nur so schlecht zuhören, und
das macht mir große Schwierigkeiten!
Sie war, wie erwähnt, eine gerade Dame, die geradeaus sagte, was
ihr auf dem Herzen lag.
CAPESIUS: Ja, aber ich höre doch mit aller meiner Fassungskraft zu!
FELICIA: Das ist es ja eben, daß Sie die Fassungskraft gar nicht haben, mit der Sie auch noch zuhören sollten.
CAPESIUS: Ja, was fehlt denn an meinem Zuhören?
FELICIA: Ich glaube, Sie werden mich gar nicht richtig verstehen!
CAPESIUS: Ich möchte es aber doch gerne verstehen.
FELICIA: Ja, wissen Sie, wenn Sie mir richtig zuhören würden,
dann würde Ihr Ätherleib tanzen, aber er tanzt nicht!
CAPESIUS: Und warum sollte denn mein Ätherleib tanzen? Und wie
soll ich das machen?
FELICIA: Ja, sehen Sie, da müssen Sie erst verstehen, wie ich eigentlich zu all den Märchen komme, die ich Ihnen erzähle.
„
;:Aus: «Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie», GA Bibl.-Nr. 277a
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Da war der gute Professor Capesius ein wenig verlegen und sagte:
Sie haben mir so oft gesagt, daß Sie die Märchen aus der
geistigen Welt empfangen, und… ich getraue mich eigentlich gar nicht das auszusprechen, was ich nun sagen
möchte. Ich kann nicht begreifen, warum diese Wesenheiten, die sich Ihnen da mitteilen, immer gerade die
Sprache haben sollten, welche jene reden, die ihnen zuhören und dann die Märchen nacherzählen.
FELICIA: Das ist es ja eben! Da müssen Sie noch gescheiter werden
gerade in diesem Punkt. Die Wesenheiten erzählen eben
in gar keiner Sprache, sondern sie bewegen sich. Und alles, was an ihnen Bewegung ist, das muß man verstehen.
CAPESIUS: Wie machen Sie das?
FELICIA: Ja, sehen Sie, da muß man die Kunst verstehen, das Herz
eine Weile in den Kopf hinauffahren zu lassen. Dann
kriegt man eine eigentümliche Empfindung von all den
Bewegungen, welche die Elfenwesenheiten, die Märchenprinzen und Feen da machen. Und was man so fühlt, das
geht dann wie Ströme in den Kehlkopf hinein: da kann
man dann erzählen. Und wenn Sie recht zuhören würden,
dann würde auch Ihr Ätherleib nachtanzen. Da Sie das
aber nicht können, so können Sie auch nicht alles verstehen, und vieles geht Ihnen verloren von dem, was ich Ihnen sage.
Nun hat man diese Mitteilungen der Frau Bälde an Capesius aufgefangen und hat versucht - wenigstens so haben wir es gemacht -,
einmal diese Bewegungen, diese Elfen-, Gnomen- und auch sonstigen Engeltänze systematisch herauszubilden zu einer Art von Bewegungssprache.
In einer ganz wunderbaren Weise hat sich herausgestellt in vielen Konferenzen mit Frau Felicia, daß man eine intime Sprache,
eine Ausdruckssprache - man darf es schon gebrauchen, das Wort -
tanzen kann. Kurz, es ist ein Ausdruckstanzen möglich, gewissermaßen eine Kunst der Bewegung, die wir uns erlaubt haben, die Kunst
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der Eurythmie zu nennen: eine Art Sprache durch Bewegung, eine
solche Sprache, welche in einem gewissen sehr schönen Verhältnis
stehen kann zu den Vorgängen, welche in der geistigen Welt sich
abspielen. Denn Frau Felicia konnte nämlich, wenn auch unbewußt,
aus der Welt der Formen, welche die Welt des physischen Planes
ist, dann wenn sie ihr Herz in das Gehirn hineinstrahlen ließ, auch
Blicke in die Welt der Geister der Bewegung tun. Und da empfing
sie ihre Märchen.
Nun wäre es recht schön, meine lieben Freunde, wenn man auch
noch dieses Verständnis mitbringen könnte, das dem Capesius fehlt!
Wenn man immer bei Mitteilungen - auch bei Mitteilungen, wie
Frau Felicia sie aus der geistigen Welt geben konnte -, bei vollständigem Ruhigsein des physischen Leibes seinen Ätherleib tanzen lassen könnte. Dazu aber muß man erst sich ein wenig hineinfinden in
das Bewegungsspiel, welches in einer gewissen Harmonie steht mit
den Bewegungen, die der Ausdruck sind der Weltentöne, der Weltenworte. Was man da feststellen konnte in den Konferenzen mit
Frau Felicia, das soll jetzt unserer Kunst der Eurythmie zugrunde
liegen.
Es soll einmal der Anfang gemacht werden mit einer Kunst, die
an einem Grenzgebiet steht und deshalb so bedeutend ist. Man
kann mit dem Tanzen sozusagen das Alleralltäglichste haben, das,
was menschlichen Trieben und Leidenschaften am nächsten liegt;
man kann aber auch das dionysische Element in der Menschheitsentwickelung verkörpern.
Eine kleine Probe soll Ihnen vorgeführt werden. Sie sollen aufmerksam gemacht werden auf das, was in der Bewegung selbst verstanden werden soll, wie auch auf das, was in Anlehnung an
menschliche Worte und Gedanken übersetzt werden kann in die
hier gemeinte Bewegung, damit man immer mehr und mehr lerne,
daß man zuhören kann auch dem, was in einer solchen Sprache
zum Ausdruck kommt. Beachten Sie dabei, daß wir es zu tun haben
mit etwas, was im Anfang steht. Beachten Sie zunächst das Wollen,
das dahinterliegt und aus dem wir glauben, daß sich im Laufe der
Zeit noch viel Bedeutungsvolleres entwickeln kann, als jetzt da ist.
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Beachten Sie aber auch, daß ein dreifaches Wollen hinter dieser Eurythmie Hegt.
Erstens ein ästhetisches Element, ein Element, das man als das
Element der Schönheit bezeichnen könnte. Schönheit ist ein unmittelbarer Ausdruck desjenigen, was in den höheren Welten bewegungsmäßig vorgeht. Verstärkte Bewegungen der höheren Welten
sind also ein künstlerisches Element.
Aber damit soll sich zugleich verbinden als zweites ein pädagogisch-didaktisches Element. Die menschliche Seele in ihrer Verbindung mit dem Leiblichen wird zu einer Entfaltung kommen, die
mit den Welten, zu denen sie gehört, angemessen ist den Vokalismen und Konsonantismen, die als Weltenwort durch die Welt strömen. Und umgesetzt wird das in sichtbare Bewegungen des physischen Leibes. Dadurch wird etwas ganz anderes erreicht werden,
wenn unsere Anfänge einmal zu größerer Vollendung gekommen
sein werden, als durch gewöhnliches Turnen und ähnliche Übungen, die in der Jetztzeit gemacht werden und die nur auf physiologischen Gesetzen aufgebaut sind.
Drittens das hygienische Element. Indem der menschliche Leib
angemessen wird der Welt der Bewegungen, und in die Didaktik
hineingegossen wird die durchaus gesunde Beweglichkeit des Menschen, wird auch in gesunder Weise auf den menschlichen Organismus und auf die menschliche Seelenverfassung gewirkt werden können. Denn vieles, was heute in der äußeren Welt unhygienisch ist,
rührt davon her, daß so wenig Harmonie ist zwischen dem, was der
physische Leib in Anpassung an die äußere Welt tut, und dem, was
eigentlich der Ätherleib durch seine innere Beweglichkeit von dem
physischen Leibe verlangt. Dieses Nicht-Zusammenstimmen möchten wir aufheben durch eine Bewegungsfähigkeit des physischen
Leibes, die dem Ätherleib entspricht.
Und so wäre es schön, wenn namentlich unsere Jugend - bis
zum sechzigsten, siebzigsten Lebensjahr - Verständnis erwerben
würde für diese Eurythmie, welche in immer anderer Weise die geistige Welt auf den physischen Plan heruntertragen möchte. Wenn
sich diese unsere Jugend nach und nach gewöhnt, Verständnis zu
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haben für diese Ausdruckskunst, so werden immer mehr und mehr
Leute unter uns sein, zu denen Frau Bälde sagen kann: «Sie hören
mir nicht mehr so schlecht zu, Sie verstehen mich schon besser.»
Sie ist eine gerade Frau, und damit sie sich aus ihrer Gradheit heraus
nicht nur ein negatives Urteil zu machen braucht, damit wir ihr Verständnis entgegenbringen, wollen wir uns auch Verständnis aneignen für das, was sie erschaut in der Märchenwelt, und was sie dadurch, daß ihr das Herz in den Kopf zu steigen vermag, in Worte
umsetzen kann. |
Zeittafel der Vortragszyklen und Uraufführungen München
