Ansprache bei der Kremation von Edith Maryon
Basel, 6. Mai 1924
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| 308 | Meine Hebe Trauergemeinde! Dies als letzter Gruß an Edith Maryon, unsere treue Mitarbeiterin:
Wer da blickt auf Deinen Karmaweg, |
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Der schauet Dein Leben hingegeben
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| 310 | voll zur Verfügung standen, die Arbeitsweise in der Kunst voll geläufig war. Sie hatte in England und in Italien Bildhauerkunst getrieben. Sie hatte es in dieser Kunst lange, bevor sie in die Anthroposophische Gesellschaft hereingekommen ist, zu schönen äußeren Erfolgen gebracht. Eine ganze Reihe von Porträts angesehener Persönlichkeiten, selbst sehr bekannter Persönlichkeiten in der Welt, sind von Edith Maryon. Sie hat in Italien sich innig vertieft in alles dasjenige, was groß, schön, erhaben und eindringlich ist in der Kunst. So trat sie unter uns als Künstlerin, als Esoterikerin. Zunächst suchte sie bei uns nichts anderes als die Vertiefung in der Betrachtung ihrer Seele durch eine esoterische Entwickelung. Aber das Karma brachte es so, daß sie sich genötigt fand, dasjenige, was in der Kunst ihr eigen war, in den Opferdienst unseres Goetheanums zu stellen, und ganz vom Anfange an war sie an dem Goetheanum mit alledem tätig, was sie aus ihrer Kunst und aus ihrem menschlichen Wesen heraus zu der Vollendung dieses Goetheanums und alles desjenigen, was damit zusammenhängt, hat beitragen können. Wenn man zurückblickt auf dieses ihr Arbeitsleben, war es nur unterbrochen im Jahre 1914, wo sie auf einer Reise nach England eine sehr schwere Krankheit durchmachte, eine Krankheit, von der man wohl sagen konnte, wenn sie sich in einer ernsten Weise einmal wiederholt, so wird Edith Maryon nicht weiter auf der Erde verweilen können. Dazumal hat sie sich aber durch die Bemühungen des ihr befreundeten Arztes Dr. Felkin doch wiederum erholt und ward uns wiedergegeben noch im Jahre 1914 zur weiteren Arbeit am Goetheanum. Von der Zeit an, in der sie ihre Arbeit hinlegen konnte auf den Opferaltar des Goetheanums, war dies dasjenige, was im Mittelpunkt all ihrer Pflichten und all ihres geistigen Lebens stand. Und sie hat gerade die Möglichkeit gefunden, ein richtiges, wirklich innerhalb der anthroposophischen Bewegung zum Ziele führendes Arbeiten haben zu können. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß innerhalb der anthroposophischen Bewegung dasjenige, was von mir als neue Impulse in die verschiedensten Gebiete der Kunst, der Wissenschaft, des Lebens einzufügen ist, daß diese Impulse in mannigfaltigster Weise in Widerstreit |
| 311 | kommen mit demjenigen, was hereingebracht werden kann, mit demjenigen, was mit äußerer Kunst, mit äußerer Wissenschaft und so weiter erworben werden kann. Aber es gibt eine Möglichkeit zu arbeiten, wenn über allem Widerstrebenden die edle Hingabe an die Arbeit selber da ist, wenn niemals in einer anderen Ansicht ein Hindernis gesehen werden darf zusammenzuarbeiten. Wenn die Arbeit zustande kommen soll, kommt sie auch zustande, wenn auch der eine von den Traditionen der älteren Kunst herkommt, und der andere genötigt ist, aus neuen Impulsen heraus die Kunst zu einer weiteren Entwickelung zu bringen. Ist wirklich echtes menschliches Zusammenwirken vorhanden, dann kann über allem Gegensatz die Gemeinsamkeit der Arbeit liegen. Diese Gesinnung, sie war im allerhöchsten Maße innerhalb ihres ruhigen Wirkens Edith Maryon eigen. Daß allerdings dabei mancherlei in Betracht kam gerade für das Zusammenarbeiten mit mir, darf heute, da wir uns von den irdischen Resten Edith Maryons zu trennen haben, und in der Zukunft nachzublicken haben ihrer in die lichte Ewigkeit, in das geistige Höhenreich hinaufstrebenden, dort weiterwirkenden Seele, es darf am heutigen Tag wohl auch einem größeren Kreis gesagt werden. Es war ziemlich im Anfange des bildhauerischen Wirkens am Goetheanum in Dornach, daß ich im äußeren Atelier, im vorderen großen Atelier an der dort im Modell vorliegenden ChristusStatue auf dem Gerüste oben zu arbeiten hatte. Dazumal passierte es, daß durch eine Öffnung des Gerüstes ich drohte hinunterzufallen, und ich wäre ganz gewiß nach Lage der Sache mit dem ganzen Körper aufgefallen auf einen Pfeiler mit einer scharfen Spitze, wenn Edith Maryon nicht meinen Fall aufgefangen hätte. Und so ist schon zu sagen, meine liebe Trauergemeinde, daß die Anthroposophische Gesellschaft in einer gewissen Weise, wenn sie meint, daß mein Wirken auch seit jener Zeit einen Wert innerhalb ihrer Gesellschaft hatte, wegen dieser Rettung dazumal dankbar zu sein hat. Es wurde wenig von solchen Dingen gesprochen, denn viel über ihr Wirken, namentlich über ihr menschliches Wirken zu sprechen, war nicht die Eigenart Edith Maryons. Dafür aber entfaltete sie in einer ganz besonderen Weise dasjenige, was man nennen kann Energie |
| 312 | in der Ruhe, Energie im ruhigen Arbeiten. Und die zwei Eigenschaften, die dabei als menschlich schöne Eigenschaften, wertvolle Eigenschaften hervortraten, das waren die in allen Fällen, wo es nötig war, wirkende Zuverlässigkeit von Edith Maryon auf der einen Seite und ihr praktischer Sinn auf der anderen Seite. Im geistigen Streben, das genötigt ist, hinauszuwirken in die Welt, ist nun schon einmal nötig, meine liebe Trauergemeinde, daß auch Menschen darinnen stehen, welche einen wirklich praktischen Sinn haben, so daß dasjenige auch vor die Welt hintreten kann, vor der Welt verkörpert werden kann, was aus den Absichten des Geistes heraus verwirklicht werden soll. Und von Edith Maryon kann man sagen, ihre Zuverlässigkeit war etwas unbedingt treu Wirkendes. - Man kann sagen, sagte sie etwas, so konnte man darauf bauen. Nahm sie sich etwas vor, wozu ihr praktischer Sinn notwendig war, so stand es nach einiger Zeit vollendet da, wenn auch dasjenige, was zu tun war, recht fernab lag von demjenigen, was ihre eigentliche Berufstätigkeit war. Außer der Zusammenarbeit für die bildhauerische Arbeit am Goetheanum, die wirklich noch mehr in Anspruch nahm als dasjenige, was dann äußerlich sichtbar geworden ist selbst in der MittelpunktsStatue, in der Mittelpunkts-Gruppe, - für die bildhauerische Arbeit am Goetheanum war sie die im aller eminentesten Sinne geeignete Kraft. Sie beherrschte die bildhauerische Kunst, und sie war geneigt, alles dasjenige aufzunehmen, wovon diese Kunst durchzogen werden soll. Aber dazu war noch etwas anderes notwendig. Es war ein fortwährendes Ineinanderwirken zwischen Altem und Neuem in der Kunst notwendig, und mancherlei, was am Goetheanum entstanden ist, ohne daß es gerade von uns selbst gemacht worden ist, birgt ja den Geist, der mit Edith Maryon zusammen gerade in dem Ausbau der plastischen Kunst vom Goetheanum gewirkt hat. Aber sie ging hinaus; ihre Energie in der Ruhe wirkte in weiterem Sinne für das Gedeihen in der Entwickelung der anthroposophischen Sache. Wenn in den letzten Jahren es möglich geworden ist, in Stratford, in Oxford, in London, in Penmaenmawr, in Ilkley Vorträge zu halten und für Anthroposophie und Eurythmie zu wirken, so ist dem stillen Arbeiten |
| 313 | in der Vermittelung zwischen dem Goetheanum und der englisch sprechenden Bevölkerung von Edith Maryon das Hauptverdienst zuzuschreiben. Sie war es, die zuerst die Anregung gegeben hat zu dem vor Jahren um die Weihnachtszeit abgehaltenen Weihnachtskurs, den englisch sprechende Lehrer und Lehrerinnen besucht haben. Sie war es auch, welche die Anregung gegeben hat zur künstlerischen Darstellung der eurythmischen Bewegungen und den Eurythmie-Figuren. Und ich würde wohl noch vieles zu sagen haben, wenn ich auf alles dasjenige hinweisen möchte, was aus stiller energischer Ruhe heraus Edith Maryon mit bewirkt hat. Aber es kommt ja weniger darauf an. Es kommt darauf an, diesen im Wirken so schön sich offenbarenden Zug ihres Lebens heute vor unsere Gedanken zu bringen. Und herausgerissen ward sie aus diesem Leben dadurch, daß ihr altes Leiden durch die Aufregungen der Brandnacht, in der uns das Goetheanum genommen worden ist, sich wiederum zeigte, und daß durch alle sorgsame Pflege dieses Leben für das irdische Sein zuletzt doch nicht zu erhalten war. Wir glaubten im letzten Sommer, als Edith Maryon wenigstens einige ganz kleine Ausgänge machen konnte, daß dieses Leben zu erhalten sei. Aber schon im Herbste zeigte sich, wie sehr hier zerstörende Kräfte in dieses Leben eingegriffen haben. Es ist ja wahrhaftig aus dem Bewußtsein jenes karmischen Zusammenhanges heraus gesprochen, der von mir dadurch ausgedrückt worden ist, daß ich auf jenen Unfall im Atelier wies, wenn ich sage: Edith Maryon war vorbestimmt, in die anthroposophische Bewegung hineinzukommen, und mit ihrem Tod ist der anthroposophischen Gesellschaft, der ganzen anthroposophischen Bewegung viel entrissen. Viel von demjenigen, was ihr eigen war, hat sich insbesondere in den letzten Wochen, wo das Leiden ein so außerordentlich bedrükkendes und schmerzvolles geworden ist, in schönster Weise geoffenbart, teils durch die Art des Ertragens dieses Leidens, teils durch die volle, ganz aus dem Geiste der Anthroposophie heraus getragene Gesinnung gegenüber der geistigen Welt, in welche hineinzugehen Edith Maryon sich dennoch seit Wochen vorbereitete. Es war mir dann nicht gegönnt durch andere Verpflichtungen, die |
| 314 | ich hatte, in der Todesstunde selbst anwesend zu sein. Edith Maryon hat dann an der Seite ihrer treu befreundeten Ärztin, unserer lieben Dr. Ita Wegman, die Seele aus dem Leibe herausgeführt, um sie hinaufzuführen in die geistige Welt. Sie war bis in ihre letzten Stunden von der treuen Pflege nicht nur der Ärztin, sondern auch derjenigen, die ihr liebe und sie betreuende Krankenschwestern geworden sind, gepflegt worden, und unter der Pflege dieser Krankenschwestern verbrachte sie dann in der Tat in der letzten Zeit oftmals qualvolle Stunden, die aber immer erhellt werden konnten in einer außerordentlich schönen und geistigen Weise. Arzneien waren zuletzt ja nicht mehr wirksam, was aber noch wirksam war, waren die Vorlesungen, die ihr geboten werden konnten, entweder aus demjenigen, was als Sprüche gegeben war zur Weihnachtstagung, oder auch aus dem Neuen Testament. Dazumal, zur Weihnachtstagung, wo noch Hoffnung vorhanden war, daß wir Edith Maryon halten können hier in der physischen Welt, wurde ihr ja die Leitung der Sektion für bildende Künste übergeben. Mit einer ungeheuren Innigkeit hat sie sich auf dem Krankenbette noch bemüht, ihre Gedanken fortwährend hinzulenken auf die Art, wie nun diese Sektion zustande kommen soll, wie sie wirken soll. Aus diesem Leben, meine liebe Trauergemeinde, geht nun die Seele Edith Maryons hinauf in die geistigen Welten, voll durchdrungen von demjenigen, was aus dem Kennen anthroposophischer Geisteshoffnung, anthroposophischen Geisteslebens gewonnen werden kann. Sie trug wie wenige das lebendige Bewußtsein in ihrer Seele, mit ihrem besten Sein hervorgegangen zu sein aus dem ewigen Vatergeistquell der Welt: Ex deo nascimur. Sie lebte in inniger Liebe hinschauend zu demjenigen Wesen, das der Erden-Entwickelung ihren Sinn gegeben hat. Sie ließ sich in den letzten Tagen noch Christi Spruch: «Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid » an der Seite des Bettes befestigen. Sie wußte sich im Tode vereinigt mit dem Geiste Christi: In Christo morimur. Und so ist ihr in der schönsten Weise gewiß die Auferweckung in der geistigen Welt: Per spiritum sanctum reviviscimus, in der wir mit ihr vereinigt sein wollen, in die wir hinaufschicken wollen unsere Gedanken, auf daß sie sich mit den ihrigen vereinigen. |
| 315 | Dann können wir sicher sein, meine liebe Trauergemeinde, ihre Gedanken, ihre Seelenblicke, sie werden ruhen, nein, sie werden nicht bloß ruhen auf den Taten, die etwa noch getan werden können für die anthroposophische Sache vom Goetheanum aus, sie werden treulich und kraftvoll, energisch mitarbeiten, sie werden unter uns sein, wenn wir Kraft brauchen, sie werden unter uns sein, und wir werden ihren stillen Trost in den Herzen empfinden können, wenn wir einen solchen Trost brauchen in den mancherlei Anfechtungen, denen ja die anthroposophische Sache ausgesetzt ist. In rührender Weise ist abgefaßt dasjenige, was Edith Maryon als ihren letzten Willen über ihre wenigen Habseligkeiten verfaßt hat. Dabei hat sie all derer in außerordentlich liebender Weise gedacht, die ihr irgendwie nur nahestehen. Und so blicken wir hinauf in jene Sphären, in denen Du weiter das Leben, das über das Sterben siegt, führen willst, wollen bei Dir sein, vereint mit Dir in jener Einheit, die nimmer erstirbt, die da ist unvergänglich durch alle Kreise der durch die Welt webenden und wellenden Ewigkeit.
Wer da blickt auf Deinen Karmaweg, |
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Den sanft ertragenen:
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