Gedenkworte für Helmuth Graf von Moltke
Berlin, 20. Juni 1916
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| 322 | Meine lieben Freunde! Bevor ich heute zu dem Gegenstand unserer Betrachtungen zu kommen habe, drängt es mich, ein Wort zu sagen über jenen großen, schmerzlichen Verlust, den wir für den physischen Plan in diesen Tagen erfahren haben. Sie wissen es ja, Herrn von Moltkes Seele ist am vorgestrigen Tage durch die Todespforte gegangen. Dasjenige, was der Mann seinem Volke war, die überragende Rolle, die er gespielt hat innerhalb der großen schicksaltragenden Ereignisse unserer Zeit, und die bedeutsamen, tiefen Impulse aus dem Menschengeschehen heraus, von denen sein Tun, sein Wirken getragen war, das alles zu würdigen, wird zunächst die Aufgabe anderer sein, wird sein die Aufgabe der kommenden Geschichte. In unseren Tagen ist es ja unmöglich, über alle Dinge, die gerade diese unsere Tage betreffen, ein vollständig erschöpfendes Bild zu geben. Aber wie gesagt, in bezug auf dasjenige, was andere und die Geschichte sagen werden, soll heute hier nicht gesprochen werden, obwohl es die innigste Überzeugung desjenigen ist, der zu Ihnen hier spricht, daß die kommende Geschichte sehr viel gerade über diesen Mann zu sagen haben wird. Aber einiges von dem, was vor meiner Seele in diesem Augenblicke steht, das darf und soll hier gesagt werden, wenn es auch nötig ist, daß ich das eine oder das andere Wort so sage, daß es mehr sinnbildlich klingt als im eigentlichen Sinne, der erst nach und nach verständlich werden wird. Es steht vor meiner Seele dieser Mann und dieses Mannes Seele wie ein aus der Entwickelung unserer Zeit herausgeborenes Symbolum unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft selber, wahrhaftig ein Symbolum für dasjenige, was geschehen soll und geschehen muß in einem sehr, sehr wirklichen, sehr wahren Sinne des Wortes. Wir betonen es immer wieder und wiederum, daß es wahrhaftig nicht eine Willkür dieser oder jener Menschen ist, das der Gegenwarts- und nächsten Zukunftskultur einzuverleiben, was wir die Geisteswissenschaft nennen, daß diese Geisteswissenschaft eine Notwendigkeit |
| 323 | der Zeit ist, daß die Zukunft nicht wird bestehen können, wenn nicht die Substanz dieser Geisteswissenschaft in das Menschenwerden hineinfließt. Und hier, meine lieben Freunde, haben Sie das Große, Bedeutsame, das uns jetzt vor Augen treten soll, indem wir gedenken der Seele Herrn von Moltkes. Wir hatten mit ihm einen Mann, eine Persönlichkeit unter uns, welche im allerwirksamsten, im alleräußerlich-tätigsten Leben der Gegenwart stand, demjenigen Leben, das sich aus der Vergangenheit heraus entwickelt hat und in unserer Zeit zu einer der allergrößten Krisen gekommen ist, welche die Menschheit im Verlaufe ihrer bewußten Geschichte zu durchleben hat, einen Mann, der mit die Heere führte, mitten in den Ereignissen stand, die den Ausgangspunkt bilden unserer schicksaltragenden Gegenwart und Zukunft. Und zugleich haben wir in ihm eine Seele, einen Mann, eine Persönlichkeit, die das alles war, und Erkenntnis suchend, Wahrheit suchend hier unter uns gesessen hat mit dem heiligst-heißesten Erkenntnisdrang, der nur irgendeine Seele der Gegenwart durchseelen kann. Das ist dasjenige, was vor unsere Seele treten soll. Denn damit ist diese Seele der eben durch die Todespforte geschrittenen Persönlichkeit neben allem anderen, was sie geschichtlich ist, ein überragendes geschichtliches Symbolum. Daß er unter denjenigen war, die im äußeren Leben unter den ersten stehen, daß er diesem äußeren Leben diente und doch die Brücke fand zu dem Geistesleben, das durch diese Geisteswissenschaft gesucht wird, das ist ein tiefgehend bedeutsames historisches Symbolum; das ist das, was die Empfindung eines Wunsches in unsere Seele legen kann, der aber nicht ein persönlicher Wunsch ist, sondern der herausgeboren ist aus dem Drange der Zeit, der die Empfindung, die wünschende Empfindung in unsere Seele legen kann: Mögen viele und immer mehr, die in seiner Lage sind, es so machen wie er! Darinnen liegt das bedeutsam Vorbildliche, das Sie fühlen sollen, das Sie empfinden sollen. Wie wenig auch im äußeren Leben von dieser Tatsache gesprochen werden mag, darauf kommt es nicht an, am besten, wenn gar nichts davon gesprochen wird; aber eine Realität ist sie, und auf die Wirkungen kommt es an, nicht auf dasjenige, was gesprochen wird. Eine Realität des geistigen Lebens ist |
| 324 | diese Tatsache. Denn diese Tatsache führt uns dazu, einzusehen: Diese Seele hatte in sich die Empfindung der richtigen Deutung der Zeichen der Zeit. Mögen viele dieser Seele folgen, die vielleicht heute in der einen oder in der anderen Richtung noch sehr fern stehen demjenigen, was wir hier Geisteswissenschaft nennen. Deshalb ist es wahr, daß dasjenige, was fließt und pulsiert durch diese unsere geisteswissenschaftliche Strömung, von dieser Seele ebensoviel empfangen hat, als wir ihr geben konnten. Und das sollten wir gut im Gedächtnis behalten, denn oftmals habe ich hier gesprochen davon. Es bedeutet, daß jetzt in unserer Zeit in die geistige Welt Seelen gehen, die dasjenige in sich tragen, was sie hier in der Geisteswissenschaft aufgenommen haben. Wenn nun eine im tätigsten Leben stehende Seele durch die Todespforte zieht und nunmehr oben ist in der lichten Welt, die uns durch unsere Erkenntnis ermittelt werden soll, wenn wir sie da oben wissen, wenn mit anderen Worten dasjenige, was wir suchen, durch eine solche Seele durch die Todespforte getragen wird, dann ist es durch die Vereinigung, die es eingegangen ist gerade mit einer solchen Seele, eine tief bedeutsame, wirkende Macht in der Geisteswelt. Und diejenigen Seelen, die hier sind und mich verstehen in diesem Augenblick, werden niemals wieder vergessen dasjenige, was ich hier in diesem Augenblicke gemeint habe über die Bedeutung der Tatsache, daß diese Seele dasjenige, was durch Jahre durch unsere Geisteswissenschaft geflossen ist, nun mit hinaufnimmt in die geistige Welt, daß das in ihr Kraft und Wirksamkeit wird. Das alles kann selbstverständlich nicht dazu da sein, den Schmerz, den wir empfinden über einen solchen Verlust auf dem physischen Plane, in trivialem Sinne hinwegzudämpfen. Leid und Schmerz sind in solchem Falle berechtigt. Aber Leid und Schmerz werden erst groß und gewichtig und selber wirksame Kräfte, wenn sie durchzogen sind von vernünftigem Begreifen desjenigen, was dem Schmerz und dem Leide zugrunde liegt. Und so nehmen Sie dasjenige, was ich gesprochen habe, als den Ausdruck des Schmerzes über den Verlust auf dem physischen Plane, den das deutsche Volk und die Menschheit erfahren hat. |
| 325 | Noch einmal, meine lieben Freunde, erheben wir uns1):
Geist Deiner Seele, wirkender Wächter! |
1)
Auch zu Beginn der Gedenkworte sprach Rudolf Steiner dieses Gebet.