DRITTER VORTRAG
29. Dezember 1910
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ja schon hinweisen darauf, daß der Verlauf der Inkarnationen, wie er
durch den individuellen Charakter und die individuelle Entwickelung
der Menschen selbst gegeben ist, durch das Eingreifen geistiger Kräfte
aus den höheren Hierarchien modifiziert wird. Reinkarnation ist eben
kein ganz so einfaches Geschehen in der Menschheitsentwickelung, wie
man es gerne aus einer gewissen theoretischen Bequemlichkeit heraus
annehmen möchte. Gewiß, die Tatsache liegt vor, daß der Mensch sich
immer wieder verkörpert, daß das, was wir seinen Wesenskern nennen,
in immer neuer Inkarnation erscheint; und ebenso ist es wahr, daß ein
Ursachenzusammenhang ist zwischen den Leben, die später als Inkarnationen auftreten, und den früheren Leben. Auch das Gesetz des
Karma liegt vor, das sozusagen der Ausdruck ist dieses Ursachenzusammenhanges. Darüber hinausgehend aber gibt es etwas anderes,
und dieses andere führt uns erst zum Verständnis des historischen Entwickelungsganges der Menschheit. Die Entwickelung der Menschheit
würde ganz anders ablaufen, wenn nichts anderes in Betracht käme als
die Ursachenzusammenhänge zwischen einer und der nächsten oder
zwischen vorhergehenden und nachfolgenden Inkarnationen des Menschen. Fortwährend aber greifen in das menschliche Leben in jeder Inkarnation mehr oder weniger - und insbesondere bei historisch führenden Persönlichkeiten - ganz bedeutsame andere Kräfte ein und bedienen
sich des Menschen als eines Werkzeuges. Daraus kann geschlossen werden, daß der eigentliche, rein im Menschen selbst liegende karmische
Verlauf des Lebens durch die Inkarnationen hindurch modifiziert wird;
und das ist auch der Fall.
Nun kann man von einer gewissen Gesetzmäßigkeit sprechen - wir
wollen uns zunächst nur auf die nachatlantischen Zeiten beschränken -,
von einer Gesetzmäßigkeit, wie in den nachatlantischen Zeiten bis in
unsere Gegenwart herein die Einflüsse anderer Welten und das indiviCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite: 4 5
duelle Karma des Menschen zusammenhängen. Und es geht nicht
anders, als durch eine schematische Zeichnung Ihnen klarzumachen,
wie diese Einflüsse sich gestalten und wie sie sich zu der Individualität
des Menschen stellen. Stellen wir uns einmal vor: Diese hier in der Mitte
der Tafel gezeichnete Fläche soll dasjenige sein, was wir gewöhnt sind,
das menschliche Ich zu nennen, unseren gegenwärtigen menschlichen
Wesenskern. (Siehe Zeichnung S. 47.) Und zeichnen wir nun die anderen Wesensglieder des Menschen ein, indem wir zunächst absehen
von der Gliederung der Seele in Empfindungsseele, Verstandesseele und
Bewußtseinsseele. Also haben wir hier schematisch dargestellt den
Astralleib, den Ätherleib, den physischen Leib.
Nun wollen wir, weil wir bei der nachatlantischen Entwickelung
bleiben wollen, uns klarmachen, worin denn die Zukunft des Menschen,
nach dem, was wir schon an den verschiedenen Orten besprochen
haben, zunächst bestehen wird. Wir wissen ja, daß wir mitten drinnenstehen in der nachatlantischen Entwickelung, die eigentliche Mitte
allerdings schon etwas überschritten haben. Es braucht hier nur kurz
wiederholt zu werden, was bei anderen Gelegenheiten gesagt worden
ist: daß innerhalb der griechisch-lateinischen Kulturepoche vorzugsweise dasjenige zu einer besonderen Entwickelung gekommen ist, was
wir nennen die Verstandes- oder Gemütsseele, und daß wir jetzt in der
Entwickelung der Bewußtseinsseele stehen. In der babylonisch-ägyptischen Kulturperiode ist die Empfindungsseele zur Entwickelung gekommen, vorher in der persischen Entwickelungsepoche der Empfindungs- oder Astralleib und in der uralt indischen Entwickelung der
Ätherleib des Menschen. Die Anpassung des physischen Leibes an unsere
nachatlantischen irdischen Verhältnisse ist schon in den letzten Epochen
vor der großen atlantischen Katastrophe geschehen. So daß, wenn wir
jetzt übergehen dazu, auch die anderen Glieder einzuzeichnen, wir
sagen können: Es entwickelt sich das Ich innerhalb unserer nachatlantischen Zeit so, daß die Entwickelung während der indischen
Periode vorzugsweise im Ätherleib verläuft, die der persischen im
Astralleib, die der ägyptisch-chaldäischen in der Empfindungsseele, die
der griechischen in der Verstandesseele und unsere Kultur in der Bewußtseinsseele - in dem fünften Gliede des Menschen, wenn wir die
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einzelnen Seelenglieder rechnen. In einem sechsten Kulturzeitraum
werden die Menschen sich weiter hinauf entwickeln, und es wird in gewisser Art hereinwachsen das Seelenhafte des Menschen in Manas. In
einer siebenten, der letzten nachatlantischen Kulturepoche, wird dann
zur Entwickelung kommen eine Art Hineinwachsen des Menschen in
den Lebensgeist oder die Buddhi, während das, was hineinwachsen
konnte in Atma, nach der großen Katastrophe, die unsere nachatlantische Zeit abschließen wird, erst in einem späteren Zeitalter sich entwickeln wird.
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Das sind Dinge, die bekannt sind aus dem Zyklus über die Apokalypse. Jetzt aber müssen wir darauf Rücksicht nehmen, daß für den
ersten Zeitraum, den indischen, der Mensch in bezug auf seine Entwickelung noch unterhalb dessen war, worin das Ich lebt; daß im
Grunde genommen die altindische, die vorvedische Kultur eine im
wesentlichen inspirierte Kultur war, das heißt also eine Kultur, welche
gleichsam in die menschliche Seele einfloß ohne jene Arbeit des Ich,
welche wir heute als unsere Gedanken- und Vorstellungsarbeit kennen.
Der Mensch muß sich seit der ägyptischen Kulturperiode sozusagen
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aktiv verhalten mit seinem Ich. Er muß sein Ich durch die Sinne herumwenden in dem Umkreis der Außenwelt, damit er Eindrücke empfängt;
er muß gewissermaßen bei dem Sich-Fortarbeiten mit seinem eigenen
Anteil aktiv dabei sein. Die altindische Kultur war eine mehr passive
Kultur, eine Kultur, die sozusagen errungen wurde durch eine Hingabe
an das, was wie eine Inspiration in die menschliche Wesenheit hereinfloß. Daher wird es auch begreiflich erscheinen, daß wir diese altindische Kultur auf eine andere Tätigkeit zurückzuführen haben als
diejenige, die heute das menschliche Ich ausführt; daß sozusagen die
heutige Tätigkeit des Ich für die damalige indische Seele dadurch
ersetzt werden mußte, daß sich in die menschliche Wesenheit höhere
Wesenheiten hineinsenkten und die menschliche Seele inspirierten.
Wenn wir fragen, was damals sozusagen von außen her in diese
menschliche Seele hineingebracht wurde, was hineingesenkt wurde von
Wesenheiten der höheren Hierarchien, dann können wir sagen: Es ist
dasselbe, was später einmal der Mensch erringen wird als seine eigene
Tätigkeit, als seine eigene Aktivität, wenn er sich emporgehoben haben
wird zu dem, was wir als Atma oder Geistesmensch bezeichnen. Mit
anderen Worten, es wird sich in der Zukunft die menschliche Individualität zu einem Einarbeiten in Atma emporheben. Dieses Einarbeiten
wird eine Eigenarbeit der menschlichen Seele, des menschlichen Wesenskernes sein, etwas, was mit dem innersten Wesen unmittelbar verbunden ist. Und so wie dann der Mensch selbst in sich arbeiten wird, so
arbeiteten Wesenheiten höherer Hierarchien an der indischen Seele.
Wenn wir beschreiben wollen, was in den Ätherleibern der indischen
Seelen vorging, so können wir sagen: Es arbeitete gleichsam noch ein
verdunkeltes, im Dämmerschlummer liegendes Ich-Bewußtsein, es
arbeitete Atma im Ätherleib. Wir können ganz gut sagen, daß die alte
indische Seele ein Schauplatz war, auf dem sich im Grunde genommen
eine übermenschliche Arbeit abspielte: ein Arbeiten höherer Wesenheiten innerhalb des Ätherleibes der alten Inder. Und das, was da hineinverwoben wurde in den Ätherleib, war eine Arbeit, wie sie der
Mensch später in der angedeuteten Weise erreichen wird, wenn Atma
am Ätherleib arbeitet. - In der persischen Kultur war es dann so, daß
Buddhi oder der Lebensgeist im Astralleib, im Empfindungsleib arbeiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite: 4 8
tete. - Und in der chaldäisch-babyIonisch-ägyptischen Kultur arbeitete
dann Manas oder Geistselbst in der Empfindungsseele. So also ist in der
ägyptisch-babylonisch-chaldäischen Kultur immer noch nicht ausgeprägt ein volles aktives Arbeiten des Ich innerhalb der Seele selbst. Der
Mensch ist, wenn auch in geringerem Grade als vorher, doch noch ein
passiver Schauplatz für eine Arbeit des Manas in der Empfindungsseele.
Erst in der griechisch-lateinischen Zeit tritt sozusagen der Mensch voll
aktiv in sein eigenes Seelenleben ein. Wir wissen ja, daß es die Verstandesseele ist, in der sich das Ich als selbständiges inneres menschliches
Glied zuerst geltend macht, und wir können deshalb sagen: Innerhalb
der griechischen Kultur arbeitet in der Tat das Ich im Ich, das heißt,
der Mensch als solcher im Menschen. Wir werden noch sehen im Verlaufe dieser Vorträge, daß innerhalb der griechischen Epoche das Eigenartige der damaligen Kultur gerade dadurch hervortritt, daß das Ich
im Ich arbeitet.
Jetzt aber sind wir schon seit geraumer Zeit über diese Kulturepoche
hinaus; und während es in der vorgriechischen Zeit so war, daß gewissermaßen höhere Wesenheiten sich hineinversenkten in den menschlichen Wesenskern und darin arbeiteten, haben wir in unserer Zeit eine
entgegengesetzte Aufgabe zu erfüllen. Wir müssen das, was wir durch
unser Ich erarbeitet haben, was wir imstande sind, durch unsere Aktivität aus den Eindrücken der Außenwelt in uns aufzunehmen, zunächst
auf ganz menschliche Art erwerben können. Dann aber dürfen wir
nicht stehenbleiben bei dem Standpunkte, bei dem die Menschen der
griechisch-lateinischen Zeit stehengeblieben sind, indem wir nur das
Menschliche, das reine Menschentum als solches herausarbeiten. Sondern
das, was wir uns erarbeiten, müssen wir hinauftragen und es einverweben dem, was da kommen soll, wir müssen sozusagen die Richtung
hinauf nehmen nach dem, was später kommen soll: Manas oder Geistselbst. Das ist aber erst in der sechsten Kulturperiode zu erwarten. Jetzt
stehen wir zwischen der vierten und sechsten. Die sechste verspricht der
Menschheit, daß die Menschheit in der Lage sein werde, hinaufzutragen in höhere Regionen das, was erarbeitet wird durch die äußeren
Eindrücke, die das Ich durch seine Sinne empfängt. In unserer fünften
Kulturepoche sind wir nur in der Lage, sozusagen den Ansturm zu
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unternehmen, alles das, was wir uns erarbeiten an äußeren Eindrücken
und was wir erlangen durch Verarbeitung dieser Eindrücke, so auszuprägen, daß es die Richtung nach oben empfangen kann. Wir leben in
dieser Beziehung wahrhaftig in einer Übergangsepoche, und wenn Sie
sich daran erinnern, was gestern über die in der Jungfrau von Orleans
wirksame geistige Macht gesagt worden ist, so werden Sie sehen, daß
schon in der Jungfrau von Orleans etwas von dem wirkte, was sich in
entgegengesetzter Richtung bewegt als die Einwirkungen höherer
Mächte in der vorgriechischen Zeit. Wenn, sagen wir, irgendein Angehöriger der persischen Kultur den Einfluß einer übersinnlichen Macht
empfing, die sich seiner als Werkzeug bediente, so wirkte eben diese
Macht in seinen menschlichen Wesenskern herein; sie lebte sich da aus,
und der Mensch schaute, erlebte das, was ihm diese geistige Macht einpflanzte, womit sie ihn inspirierte. Der Mensch unserer Zeit kann, wenn
er zu solchen geistigen Mächten in Beziehung tritt, das, was er in der
physischen Welt durch die Arbeit seines Ich, durch die Eindrücke seines
Ich erlebt, sozusagen hinauftragen, er kann ihm die Richtung nach oben
geben. Daher ist es bei solchen Persönlichkeiten wie bei der Jungfrau
von Orleans so, daß sich die Kundgebungen, die Manifestationen jener
geistigen Mächte, die zu ihr sprechen wollen, zwar in der Sphäre befinden, bis zu welcher sie aufragt, daß sich aber vor diese Offenbarung
etwas hinstellt, was zwar nicht die Realität dieser Offenbarungen
beeinträchtigt, was ihnen aber eine bestimmte Gestalt gibt; es ist das,
was das Ich hier in der physischen Welt erlebt. Mit anderen Worten:
die Jungfrau von Orleans hat Offenbarungen, aber sie kann sie nicht
so unmittelbar sehen wie die Alten, sondern es stellt sich zwischen sie
in ihrer Ichheit und diese objektiven Mächte die Vorstellungswelt hinein, welche die Jungfrau von Orleans aufgenommen hat in der physischen Welt: das Bild der Jungfrau Maria, des Erzengels Michael, so wie
sie sie aufgenommen hat aus ihren christlichen Vorstellungen; die stellen
sich dazwischen.
Da haben wir zu gleicher Zeit ein Beispiel, wie wir unterscheiden
müssen, wenn es sich um spirituelle Dinge handelt, zwischen der Objektivität einer Offenbarung und der Objektivität eines Bewußtseinsinhaltes. Die Jungfrau von Orleans sah die Jungfrau Maria und den
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Erzengel Michael in einem gewissen Bilde. Diese Bilder dürfen wir uns
nicht unmittelbar in die spirituelle Realität hineindenken; der Gestalt
dieser Bilder dürfen wir nicht unmittelbare Objektivität zuschreiben.
Wenn aber jemand sagen würde, es sei nur eine Einbildung, so ist das
Unsinn. Denn es kommen der Jungfrau Offenbarungen aus der geistigen Welt entgegen, die der Mensch in der Gestalt, wie er sie sehen soll
in der nachatlantischen Periode, allerdings erst in der sechsten Kulturepoche, wird sehen können. Aber wenn auch die Jungfrau von Orleans
die wahre Gestalt nicht sieht, so senkt sich diese wahre Gestalt doch auf
sie nieder. Die Jungfrau von Orleans bringt ihr die religiösen Vorstellungen ihrer Zeit entgegen, sie deckt sie gleichsam zu; es wird aus ihr
herausgefordert ihre Vorstellungswelt durch die spirituelle Macht. So
ist also die Offenbarung als objektiv anzusprechen. Wenn auch in
unserer Zeit irgend jemand nachweisen kann, daß bei einer Kundgebung aus der geistigen Welt subjektive Elemente einfließen, wenn wir
das Bild, das sich der Betreffende macht von der spirituellen Welt, nicht
als objektiv ansehen können, wenn das auch ein Schleier ist, so dürfen
wir deshalb doch nicht die objektiven Offenbarungen als solche Schleier
deuten. Sie sind objektiv. Sie zaubern aus unserer eigenen Seele den
Inhalt heraus. Wir müssen unterscheiden zwischen der Objektivität des
Inhaltes und der der Tatsachen, die aus der geistigen Welt kommen. -
Ich mußte das insbesondere deshalb betonen, weil auf diesem Felde
sowohl von denen, welche die spirituelle Welt anerkennen, wie auch
von den Gegnern zwar entgegengesetzte, aber doch überall Fehler
gemacht werden.
So also stellt uns die Jungfrau von Orleans gleichsam eine historische
Persönlichkeit dar, die schon ganz in dem Sinne unserer Epoche wirkt,
wo ja zum Geistigen hinaufgerichtet sein muß alles das, was wir sozusagen produzieren können auf Grundlage unserer äußeren Eindrücke.
Was heißt das aber, wenn wir es anwenden auf unsere Kultur? Das
heißt: Wir mögen den Blick hinauswenden zunächst naiv auf unsere
Umgebung. Wenn wir aber dabei bleiben, das Auge bloß auf die äußeren
Eindrücke zu richten, dann tun wir nicht unsere Schuldigkeit. Wir tun
sie nur dann, wenn wir uns bewußt sind, daß wir die äußeren Eindrücke
beziehen müssen auf hinter ihnen stehende geistige Mächte. Wenn wir
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Wissenschaft treiben und machen es so wie die Gelehrsamkeit, dann
tun wir nicht unsere Schuldigkeit. Wir müssen alles das, was wir
erfahren können über die Gesetze der Naturerscheinungen, über die
Gesetze der Seelenerscheinungen so betrachten, daß wir es wie eine
Sprache anschauen, die uns hinaufführen soll in eine göttlich-geistige
Offenbarung. Wenn wir das Bewußtsein haben, daß wir alle physikalischen, chemischen, biologischen, physiologischen, psychologischen
Gesetze so betrachten sollen, daß wir sie auf etwas Geistiges beziehen,
was sich uns offenbart, dann tun wir unsere Schuldigkeit.
So ist es in bezug auf die Wissenschaften unserer Zeit, und so ist es
mit der Kunst. Diejenige Kunst, die wir charakterisieren als die griechische Kunst, die sozusagen einfacher auf den Menschen reflektierte,
die ganz und gar darstellte das bloß Menschliche, das Arbeiten des Ich
mit dem Ich, insoweit sich das Ich im sinnlich-physischen Material ausdrückt, diese Kunst hat ihre Epochen gehabt. In unserer Zeit ist bei den
wirklich großen künstlerischen Persönlichkeiten wie instinktiv der
Drang entstanden, die Kunst zu einer Art von Opferdienst für die
göttlich-geistigen Welten zu gestalten, das heißt das, was zum Beispiel
in Töne gekleidet wird, anzusehen als eine Interpretation geistiger
Mysterien. So wird man kulturhistorisch-okkult einmal anzuschauen
haben bis in alle Einzelheiten hinein Richard Wagner. So wird man
gerade ihn anzusehen haben als einen repräsentativen Menschen unseres,
des fünften Kulturzeitraumes, der den Drang immer gefühlt hat, auszudrücken in dem, was in ihm in Tönen lebte, den Zug nach der spirituellen Welt, der das Kunstwerk als eine äußere Sprache der spirituellen
Welt betrachtete. Und da stehen im Grunde genommen die Überbleibsel
der alten Kultur und die Morgenröte einer neuen Kultur scharf, schroff
selbst, in unserer Zeit sich gegenüber. Haben wir doch gesehen, wie
sozusagen das rein menschliche Weben in den Tönen, die rein formale
Musik, die Richard Wagner überwinden wollte, in heftiger Weise von
den Gegnern Richard Wagners verteidigt wurde, weil sie nicht imstande
waren, zu fühlen, daß gerade bei Richard Wagner ein neuer Impuls
instinktiv wie eine Morgenröte aufging.
Ich weiß nicht, ob die meisten von Ihnen wissen, daß Richard Wagner lange Zeit hindurch die herbsten, die furchtbarsten Kritiker und
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Ablehner gefunden hat. Diese Kritiker und Ablehner haben eine gewisse
Art von Anführung gehabt in dem außerordentlich geistvollen musikalischen Schaffen Eduard Hanslicks in Wien, der das interessante
Büchelchen «Vom musikalisch Schönen» geschrieben hat. Ich weiß
nicht, ob Sie wissen, daß damit dem Neuaufgehen einer historischen
Morgenröte das Alte sozusagen entgegengestellt war. Dieses Buch «Vom
musikalisch Schönen» kann ein historisches Denkmal für die spätesten
Zeiten werden. Denn was wollte Hanslick? Er sagt: Man kann nicht in
dieser Weise Musik machen wie Richard Wagner; das ist gar keine
Musik, denn da nimmt die Musik sozusagen den Anlauf, auf etwas hinweisen zu wollen, was außerhalb des Musikalischen steht, auf etwas
Übersinnliches. Musik sei aber «Arabeske in Tönen» - das war ein
Lieblingswort des Hanslick. Das heißt, eine arabeskenartige Aneinanderfügung von Tonen, und der musikalisch-ästhetische Genuß kann
darin bestehen, sich rein menschlich zu erfreuen an der Art und Weise,
wie die Töne ineinander und nacheinander erklingen. Hanslick sagte,
Richard Wagner sei überhaupt kein Musiker, er verstehe gar nicht das
Wesen des Musikalischen. Das Wesen der Musik müsse liegen in einer
bloßen Architektonik des Tonmaterials. - Was kann man über eine
solche Erscheinung sagen? Nichts anderes, als daß Hanslick im eminentesten Sinne ein Nachzügler, ein Reaktionär der vierten Kulturepoche
war. Da hatte er recht - für diese Kulturepoche; aber was für eine Kulturepoche richtig ist, gilt nicht mehr für die nächste. Man kann von
seinem Standpunkt aus sagen, Richard Wagner sei kein Musiker. Dann
aber müßte man weiter sagen: Es ist diese Epoche jetzt vorbei, wir
müssen uns nun mit dem zufriedengeben, was aus dieser Epoche stammt,
wir müssen uns versöhnen damit, daß sich das im Hanslickschen Sinne
Musikalische erweitert über sich selbst hinaus zu einem Neuen.
Und so könnten wir auf mancherlei Gebieten diesen Zusammenstoß
des Alten und des Neuen gerade in unserer Kulturepoche studieren.
Außerordentlich interessant ist das insbesondere in den einzelnen
Zweigen der Wissenschaft. Es würde viel zu weit führen, wenn wir
zeigen wollten, wie es da überall Reaktionäre gibt und solche, die herausarbeiten aus den einzelnen Wissenschaften, was die Wissenschaft
werden soll: der Ausdruck eines hinter den Erscheinungen stehenden
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Göttlich-Geistigen. Das Grundelement, von dem sich die Gegenwart
durchdringen muß, um immer bewußter das Göttlich-Geistige zum
Zielpunkte, zum Perspektivpunkt für unsere Arbeit zu machen, das soll
eben die Geisteswissenschaft sein, und die Geisteswissenschaft soll überall erwecken die Impulse von unten nach oben; sie soll überall die
menschlichen Seelen auffordern zum Opfer, das heißt zum opfern
dessen, was wir durch die äußeren Eindrücke erwerben, gegenüber
dem, was wir erreichen sollen im Hinaufarbeiten in die Regionen des
Geistselbstes, Lebensgeistes und Geistesmenschen.
Wenn wir dieses Bild der menschlichen Geschichte, der okkulten
Geschichte uns vor Augen stellen, dann werden wir es begreiflich finden, daß eine Seele, die in der indischen und dann in der persischen
Epoche inkarniert war, durchdrungen sein konnte von dem inspirierenden Elemente einer Individualität der höheren Hierarchien; daß dann
aber, als sie eintrat in die griechisch-lateinische Zeit, diese Seele mit sich
allein war, daß diese Seele so arbeitete, daß das Ich im Ich eben arbeitete.
Alles das, was in der vorgriechischen Epoche für alle einzelnen Zyklen
der nachatlantischen Kulturen wie eine göttliche Eingebung, wie eine
Offenbarung von oben erscheint - und es gilt das auch noch im Beginne
der griechischen Kulturperiode für das 9., 10., 11. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit -, was sich uns darstellt als eine inspirierte Kultur, in
die von außen einfließt, was sie geistig erhalten soll, das gestaltet sich
immer mehr und mehr dazu, rein menschlich-persönlich sich darzuleben. Und am stärksten findet das seinen Ausdruck gerade eben im
Griechentum. Einen solchen Ausdruck des äußeren Menschen, wie er
sich in der physischen Welt darlebt, für das, was der Mensch als auf sich
gestellte Ich-Wesenheit ist, hat keine Zeit vorher gesehen und wird
keine Zeit nachher wieder sehen können. Das rein Menschlich-Persönliche, das ganz in sich abgeschlossene Menschlich-Persönliche tritt in
der antiken Lebensweise des Griechen und in seinen Schöpfungen
historisch zutage. Vergleichen wir, wie in seine Göttergestalten der
griechische Plastiker hineingeheimnißt hat das Menschlich-Persönliche!
Wir können sagen: So wie uns ein griechisches plastisches Kunstwerk
entgegentritt, soweit es durch physische Mittel zu erkennen ist, so steht
der Mensch ganz als Persönlichkeit vor uns. Und wenn wir bei den
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Kunstwerken der Griechen nicht vergessen könnten, daß dieser Inkarnation, die uns da ausgedrückt wird, andere Inkarnationen vorangingen
und andere folgen werden, wenn wir nur einen Augenblick denken
würden, daß der Apollogestalt und Zeusgestalt nur eine einzelne Inkarnation aus vielen zugrundeliegt, so würden wir nicht richtig empfinden
dem griechischen Kunstwerk gegenüber. Da müssen wir vergessen können, daß der Mensch in aufeinanderfolgenden Inkarnationen sich verkörperte. Da ist die Persönlichkeit ganz hineingegossen in die Form der
einen Persönlichkeit. Und so war das ganze Leben der Griechen.
Gehen wir dagegen weiter zurück, da werden die Gestalten symbolisch; da deuten die Gestalten etwas an, was nicht rein menschlich ist,
da drücken sie etwas aus, was der Mensch noch nicht in sich selber
fühlt. Da konnte er nur in Symbolen ausdrücken, was hereinkam aus
göttlich-geistigen Welten. Daher die alte symbolisierende Kunst. - Und
sehen wir wiederum, wie die Kunst heraufkommt gerade zu dem Volk,
welches das Material hergeben soll zu unserem, zum fünften Kulturzeitraum - wir brauchen uns da nur die ältere deutsche Kunst zu vergegenwärtigen -, da sehen wir, wie wir es nicht mit einer Symbolik,
aber auch nicht mit einer Ausprägung des rein Menschlichen zu tun
haben, sondern mit dem in sich vertieften Seelischen; wir sehen, wie da
das Seelische sozusagen nicht ganz hineinkann in die Menschengestalt.
Wer könnte gerade die Gestalten Albrecht Dürers anders charakterisieren, als daß bei ihnen dasjenige, was nach der übersinnlichen Welt im
Menschen verlangt, man möchte sagen, im griechischen Sinne genommen nur einen unvollkommenen Ausdruck findet in der äußeren Ausgestaltung der Körperlichkeit. Daher die Vertiefung nach dem Seelischen, je weiter die Kunst heraufkommt.
Und jetzt werden Sie es nicht mehr unbegreiflich finden, daß ich in
der ersten Stunde sagte: Es erscheint in der physischen Welt das, was
früher verkörpert war, wie ein Abbild; in die Individualität flössen
herein Wesenheiten der höheren Hierarchien. So daß, wenn wir von
einem Menschen der griechischen Welt in früheren Zeiten sagen müssen,
er war inkarniert, wir nicht nur diese in sich geschlossene Wesenheit
sehen müssen, sondern hinter ihr stehend die Individualität einer höheren Hierarchie. So tritt uns in der griechisch-lateinischen Periode
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Alexander; so tritt uns Aristoteles gegenüber. Wir verfolgen ihre Individualitäten nach rückwärts. Da müssen wir von Alexander zurückgehen zu Gügamesch und sagen: Bei Gilgamesch ist diese Individualität,
die dann wie auf den physischen Plan herausprojiziert als Alexander
erscheint; hinter ihr müssen wir einen Feuergeist sehen, der sich seiner
als Werkzeug bedient. Und bei Aristoteles sehen wir, zurückgehend in
der Zeit, die Mächte des alten Hellsehens wirken in dem Freunde des
Gilgamesch. So also sehen wir sowohl junge wie alte Seelen, hinter
denen früher Hellsichtigkeit stand, ganz herausgestellt in der griechischen Zeit auf den physischen Plan. Und so tritt uns das ganz besonders
bei der großen Mathematikerin Hypatia entgegen, bei der sozusagen die
ganze mathematische und philosophische Weisheit ihrer Zeit als persönliches Können, als persönliche Wissenschaft und Weisheit lebte. Das
war abgeschlossen in der Persönlichkeit der Hypatia. Und wir werden
noch sehen, wie diese Individualität gerade die weibliche Persönlichkeit
annehmen mußte, um eine so weiche Zusammengeschlossenheit alles
dessen auszuprägen, was sie früher aufgenommen hatte in den orphischen Mysterien, um alles das als persönliche Wirkungsweise auszuprägen, was sie dort vermittels der Inspiratoren als ein Schüler der
orphischen Mysterien aufgenommen hatte.
So sehen wir also, wie in aufeinanderfolgende Menschheitsinkarnationen Einflüsse aus der geistigen Welt modifizierend eintreten. Und
nur hinweisen kann ich darauf, daß gerade eine solche Individualität
wie diejenige, die als Hypatia inkarniert war, die also mitbrachte die
Weisheit der orphischen Mysterien und sie persönlich auslebte, dann in
einer nachfolgenden Inkarnation berufen war, nun den umgekehrten
Weg einzuschlagen: alle persönliche Weisheit wiederum hinaufzutragen
zum Göttlich-Geistigen. Daher erscheint Hypatia ungefähr um die
Wende des 12. zum 13. Jahrhundert als ein bedeutender, umfassender,
universeller Geist der neueren Geschichte, der einen großen Einfluß hat
auf das, was Zusammenfassung des naturwissenschaftlichen und auch
des philosophischen Erkennens ist. So also sehen wir, wie hineindringen
in die aufeinanderfolgenden Inkarnationen der einzelnen Individualitäten die historischen Mächte.
Wenn wir so den Verlauf der Geschichte betrachten, dann sehen wir
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wirklich eine Art Niederstieg aus geistigen Höhen bis in die griechischlateinische Zeit und dann wiederum einen Aufstieg: ein Aufsammeln
des rein vom physischen Plan zu gewinnenden Materials während der
griechischen Zeit - das dauert natürlich herein bis in unsere Zeit - und
ein Wiederhinauftragen in die geistige Welt, zu dem ein Impuls geschaffen werden soll durch die Geisteswissenschaft, und wozu schon
einen instinktiven Impuls gehabt hat eine solche Persönlichkeit wie
Hypatia, die im 13. Jahrhundert wieder verkörpert war.
Ich möchte an dieser Stelle, meine lieben Freunde, weil die allgemeine
Theosophische Gesellschaft in gewisser Beziehung ein Tummelplatz ist
von Mißverständnissen, ich möchte hinweisen darauf, daß wirklich
unendlich viel von diesen Mißverständnissen wie rein aus den Fingern
gesogen ist. So will man gerne dasjenige, was zum Beispiel hier vorgetragen wird innerhalb unserer deutschen Bewegung, in einen gewissen Gegensatz bringen zu dem, was ursprünglich die Offenbarung
der theosophischen Bewegung in der neueren Zeit war. Deshalb ergreife
ich gerne die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie das, was hier aus
ursprünglich rosenkreuzerischem Quell gegeben wird, in Harmonie
steht mit mancherlei von dem, was gerade ursprünglich der theosophischen Bewegung gegeben worden ist. Und wir haben ja in diesem
Augenblick gerade Gelegenheit, auf etwas hinzuweisen, was von dieser
Art ist. Es ist also von mir gesagt und ganz unabhängig von Traditionen
entwickelt worden, daß gewisse spätere historische Persönlichkeiten
gleichsam die Schattenbilder sind von früheren, durch die Mythen dargestellten Persönlichkeiten, hinter denen höhere Hierarchien stehen.
Solches darf man nicht in Widerspruch bringen mit denjenigen Manifestationen, die durch H. P. Blavatsky in die Theosophische Gesellschaft hineingebracht worden sind. Denn sonst könnte man durch ein
reines Mißverständnis sich sehr wohl in einen Widerspruch versetzen
zu den guten alten Lehren, die durch das außerordentliche, brauchbare
Instrument von H. P. Blavatsky der theosophischen Bewegung zugeflossen sind. Aber in bezug auf das, was hier entwickelt worden ist,
mochte ich Ihnen eine Stelle aus den späteren Schriften der Blavatsky
vorlesen, wo sie auf die «Entschleierte Isis», ihr ältestes okkultes Werk,
hinweist. Da möchte ich die folgende Stelle Ihnen vorlesen, damit Sie
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sehen, wie das, was von solchem Widerspruch gesagt wird, im Grunde
genommen, ich kann nicht anders sagen, aus den Fingern gesogen ist:
«Außer dem beständigen Wiederholen der alten stets bestehenden
Tatsache von Reinkarnation und Karma — und zwar in der Art, wie
es die älteste Wissenschaft der Welt, nicht der Spiritismus von heute,
gelehrt hat - sollten die Okkultisten eine zyklische und mit der Evolution Schritt haltende Reinkarnation lehren: jene Art der Wiedergeburt, geheimnisvoll und noch unverständlich für die vielen, die nichts
wissen von jener Geschichte der Welt, auf welche wir vorsichtig hingewiesen haben in der <Entschleierten Isis>. Eine allgemeine Wiedergeburt für jedes Individuum mit Zwischenpausen von Kama Loca und
Devachan, und eine zyklische bewußte Inkarnation mit einem großen
und göttlichen Ziel für Wenige. Jene großen Charaktere, die in der
Geschichte der Menschheit gleich Riesen emporragen, wie Siddharta
Buddha und Jesus auf geistigem Gebiet, wie Alexander von Mazedonien
und Napoleon der Große auf dem Gebiete physischer Eroberungen,
sind nichts als widergespiegelte Bilder großer Urbilder, welche existierten - nicht vor zehntausend Jahren, wie in der <Entschleierten Isis> vorsichtig erwähnt wurde -, sondern während Millionen von aufeinanderfolgenden Jahren, vom Beginne des Manvantara an. Denn wie oben
erklärt wurde - mit Ausnahme der wirklichen Avataras sind diese
Abbilder ihrer Urbilder, ein jedes entsprechend seiner eigenen ElternFlamme, dieselben ungebrochenen Strahlen (Monaden), genannt Devas,
Dhyan Chohans oder Dhyani Buddhas oder auch Planetengeister und
so weiter, die durch äonenlange Ewigkeit gleich ihren Urbildern leuchten. Nach ihrem Bilde werden einige Menschen geboren, und wenn
irgendein besonderes humanitäres Ziel in Aussicht genommen ist, werden diese letzteren hypostatisch beseelt von ihren göttlichen Urbildern,
die immer wieder hervorgebracht werden durch die geheimnisvollen
Mächte, welche die Schicksale der Welt leiten und lenken.»
«Mehr durfte nicht gesagt werden zu der Zeit, als die < Entschleierte
Isis> geschrieben wurde; deshalb blieb das Gesagte beschränkt auf die
bloße Bemerkung, daß es keinen hervorragenden Charakter in den
Annalen der heiligen oder profanen Geschichte gibt, dessen Urbild wir
nicht finden könnten in den halb sagenhaften und halb realen Übercopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite: 5 8
lieferungen vergangener Religionen und Mythologien. So wie der Stern,
der in der schrankenlosen Unendlichkeit des Himmels in unermeßlicher
Entfernung über unseren Häuptern strahlt, sich spiegelt in den stillen
Gewässern eines Sees, so wird widergespiegelt das Bild der Menschheit
vorsintflutlicher Zeiten in jenen Perioden, die wir mit einem geschichtlichen Rückblick umfassen können…»
Wie gesagt, ich ergreife gerne die Gelegenheit, um die Übereinstimmung dessen, was wir in unmittelbarer Gegenwart erforschen können,
mit dem, was in gewisser Beziehung ursprüngliche Offenbarung war,
hervorzuheben. Sie wissen ja, daß es Grundsatz hier ist, in gewisser
Hinsicht treu festzuhalten an den Traditionen der theosophischen Bewegung; daß aber auch nichts ungeprüft hier wiederholt wird, das
betone ich ausdrücklich; darauf kommt es an. Wo eine Übereinstimmung des Erkannten mit anderem betont werden kann, soll es wegen
der Kontinuität der Theosophischen Gesellschaft scharf hervorgehoben
werden, der Gerechtigkeit gemäß; aber ungeprüft soll nichts einfach
wiederholt werden. Das hängt mit der Mission zusammen, die wir
gerade innerhalb unserer deutschen theosophischen Bewegung haben -
eben den eigenen Einschlag hineinzutragen, den individuellen Einschlag
in diese theosophische Bewegung. Aber gerade solche Beispiele können
Ihnen ein Bild davon geben, wie unbegründet das Vorurteil ist, das da
und dort hervorwächst, als ob wir durchaus in den Dingen immer etwas
anderes haben wollten. Wir arbeiten treu weiter, wir kramen nicht
sozusagen immerfort die alten Dogmen aus, wir prüfen auch das, was
heute von anderer Seite geboten wird. Und wir vertreten das, was mit
dem besten okkulten Gewissen gesagt werden kann auf Grundlage der
ursprünglichen okkulten Forschungen und der Methoden, die uns überliefert sind durch unsere eigenen heiligen Überlieferungen des Rosenkreuzes.
Es ist nun außerordentlich interessant, an einer einzelnen Persönlichkeit zu zeigen, wie gewissermaßen das Alte, das in die Menschheit
hereininspiriert worden ist unter dem Einfluß höherer Mächte, sozusagen einen auf den physischen Plan hingeordneten Charakter bei den
Menschen des griechisch-lateinischen Zeitalters angenommen hat. Da
können wir als ein Beispiel anführen, wie Eabani in derjenigen seiner
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Inkarnationen, die zwischen der Persönlichkeit des Eabani und des
Aristoteles liegt, unter dem Einfluß der alten Mysterienlehren mit ihren
aus den übersinnlichen Welten herabkommenden Kräften aufnehmen
konnte das, worauf eigentlich in gewissen Mysterienschulen die Fortentwickelung der menschlichen Seele beruht. Wir wollen jetzt nicht
wiederholen, was Charaktereigentümlichkeit der verschiedenen Mysterienschulen war, wir wollen auf eine Art derselben unseren geistigen
Blick richten, auf jene, wo durch die Erregung ganz bestimmter Gefühle
die Seele fortentwickelt wurde, so daß sie eindringen lernte in die überphysische Welt. In solchen Mysterien wurden in der Seele namentlich
jene Empfindungen, jene Impulse erregt, die geeignet waren, von Grund
aus allen Egoismus auszurotten aus der Seele. Es wurde der Seele klargemacht, wie sie im Grunde genommen immer egoistisch sein muß,
wenn sie im physischen Leibe verkörpert ist. Es wurde der ganze Umfang und die ganze Bedeutung des Egoismus für den physischen Plan
sozusagen in Impulsen auf die entsprechende Seele abgeladen. Und tief,
tief zerknirscht fühlte sich eine solche Seele, die sich sagen mußte: Ich
habe bisher nichts anderes gekannt als den Egoismus, ich kann ja im
physischen Leibe gar nichts anderes sein als ein Egoist. Ja, weit ist eine
solche Seele entfernt worden von dem billigen Standpunkte solcher
Menschen, die als jedes zweite Wort im Munde führen: Ich will ja die
Sache nicht für mich, sondern für einen anderen. Den Egoismus zu
überwinden und den Zug nach dem Allgemein-Menschlichen und Kosmischen sich anzueignen, ist nicht so leicht, wie mancher sich vorstellt.
Diesem Aneignen muß vorangehen eine völlige Niederschmetterung
der Seele über den Umfang des Egoismus in den Impulsen dieser Seele.
Mitleid mit allem Menschlichen, mit allem Kosmischen mußte die Seele
lernen in den Mysterien, die ich da meine, Mitleid durch die Überwindung des physischen Planes. Dann konnte man von ihr hoffen, daß sie
wieder heruntertragen würde aus den höheren Welten das wahrhafte
Mitgefühl für alles Lebendige und alles Seiende.
Aber noch ein anderes Gefühl sollte namentlich entwickelt werden
als ein Hauptgefühl neben mancherlei anderem. Wenn der Mensch eindringen soll in die geistige Welt, dann muß er sich klar sein, daß dort
alles anders ist als in der physischen Welt. Wie vor einem völlig UnCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 12 6 Seite: 6 0
bekannten muß man stehen, wenn man der geistigen Welt Auge in Auge
gegenübertritt. Da ist wirklich das Gefühl vorhanden, durch das man
in Gefahr gerät, das Gefühl der Furcht vor dem Unbekannten. Und
deshalb mußte die Seele in solchen Mysterien durchleben alles, was die
Seele des Menschen überhaupt an Furcht und Angst und Schreck und
Grauen erleben konnte, um sich abzugewöhnen die Gefühle von Furcht
und Angst und Schreck und Grauen. Dann war der Mensch gewappnet,
hinaufzusteigen in die ihrem Inhalte nach ihm unbekannte geistige Welt.
So mußte also die Seele des Schülers der Mysterien durchgehen durch
die Erziehung zum umfassenden universellen Gefühl des Mitleids und
zum universellen Gefühl der Furchtlosigkeit. Das machte jede Seele in
denjenigen alten Mysterien durch, an denen Eabani teilnahm, als er
wieder erschienen war in der Inkarnation, die zwischen Eabani und
Aristoteles steht. Das machte auch er durch. Und nun trat das wie eine
Erinnerung an frühere Inkarnationen in Aristoteles zutage. Er konnte
deshalb die Theorie der Tragödie geben, weil er aus solchen Erinnerungen heraus beim Anschauen der griechischen Tragödie darauf kam,
wie in dieser ein Nachklang ist, gleichsam ein äußeres, auf den physischen Plan herausgetragenes Nachspiel der Mysterienerziehung, wo die
Seele durch Mitleid und Furcht geläutert wird. So sollte der dramatische
Held und der ganze Aufbau einer Tragödie vor den Zuschauern etwas
darleben, woran der Zuschauer abgeschwächt erleben kann Mitleid mit
dem Schicksal des tragischen Helden und Furcht vor dem Ausgang
seines Schicksals, vor dem schauervollen Tod, der ihm winkt. So war
hineinverwoben in den dramatischen Fortgang der Tragödie, in das
Weben und Leben der Tragödie, was in der Seele des alten Mysten vorging: die Läuterung, die Reinigung, die Katharsis durch Furcht und
Mitleid. Und wie ein Nachklang sollte auf dem physischen Plan der
Angehörige der griechischen Kulturperiode empfinden den Durchgang
durch Furcht und Mitleid. Künstlerisch sollte man erleben, ästhetisch
genießen das, was früher ein großes Erziehungsprinzip war. Und als
das, was Aristoteles in früheren Inkarnationen gelernt hatte, in seine
Persönlichkeit kam, da war er der geeignete Mann, diese eigenartige
Definition der Tragödie zu geben, die so klassisch geworden ist und so
großartig gewirkt hat, daß sie im 18. Jahrhundert noch von Lessing aufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite: 61
genommen wurde und durch das 19. Jahrhundert hindurch eine solche
Rolle gespielt hat, daß über diese Definition ganze Bibliotheken geschrieben worden sind. Man würde übrigens nicht viel verlieren, wenn
der größte Teil dessen, was in den Bibliotheken liegt, verbrannt würde,
denn es wurde mit einem vollständigen Verkennen dessen geschrieben,
was vorhin gesagt worden ist, daß wir es nämlich damit zu tun haben,
daß in die Kunst etwas herunterprojiziert wird, was im Geistigen liegt.
Und die das schrieben, ahnten nicht, daß Aristoteles ein altes Mysteriengeheimnis gab, wenn er sagte: Eine Tragödie ist eine Zusammenfügung aufeinanderfolgender Handlungen, die gruppiert werden um
einen Helden und die geeignet sind, im Zuschauer das Gefühl von
Furcht und Mitleid zu erregen, damit eine Läuterung in der Seele des
Zuschauers eintreten könne.
So sehen wir, daß in einer einzelnen Persönlichkeit, in dem, was sie
will und sagt, abschattiert ist, was uns nur dann verständlich wird,
wenn wir durch die Persönlichkeit durchblicken auf denjenigen, der
dahintersteht, auf den Inspirator. Erst wenn Sie die Geschichte so
betrachten, können Sie sehen, was die Persönlichkeit und was die überpersönlichen Mächte für das geschichtliche Leben bedeuten, wie da
etwas hereinspielt in die individuellen Inkarnationen, was Frau Blavatsky nennt das Zusammenspiel von persönlichen individuellen Inkarnationen, und dem, was sie schildert, indem sie sagt: «Aber neben der
alten stets bestehenden Tatsache von Reinkarnation und Karma sollten
die Okkultisten eine zyklische und mit der Evolution Schritt haltende
Reinkarnation verkünden» und so weiter. Sie nennt das eine bewußte
Reinkarnation, weil für die meisten Menschen doch heute die aufeinanderfolgenden Inkarnationen für das Ich unbewußt bleiben, während
die geistigen Mächte, die da von oben hereinwirken, in der Tat mit
Bewußtsein ihre Kraft von einem Zeitalter in das andere zyklisch hinübertragen.
Das also, was da steht als eine Offenbarung dessen, was Blavatsky
in ihrer ersten Zeit aus den Rosenkreuzermysterien heraus sagte, das
ist durchaus zu kontrollieren und festzustellen durch ursprüngliche Forschungen. Daraus aber werden Sie sehen, daß jene bequeme Art, die
eine Inkarnation immer nur als die Wirkung einer vorhergehenden VerCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite: 6 2
körperung auffaßt, wesentlich modifiziert wird. Und Sie werden begreifen, daß Reinkarnation eine viel kompliziertere Tatsachenwelt ist,
als man gewöhnlich annimmt, und daß wir sie vollkommen nur dann
verstehen, wenn wir den Menschen angliedern an eine höhere überphysische Welt, die fortwährend in unsere Welt hereinwirkt. Wir können sagen, daß in jenem Zwischenraum, den wir als die griechischlateinische Kultur bezeichnen, dem Menschen Zeit gelassen wurde, alles
das, was aus höheren Welten in die Seele durch lange Inkarnationenreihen hindurch gelegt worden war, nachzuempfinden, nachklingen zu
lassen einmal über einem rein menschlichen Ich. Was die griechischlateinische Welt auslebte, war wie ein menschlich-persönliches Ausleben unendlicher Erinnerungen, die früher von höheren Welten in
dieselben Individualitäten hineingelegt worden waren. Dürfen wir uns
deshalb wundern, wenn die bedeutendsten Geister gerade der griechischen Welt das sich besonders zum Bewußtsein bringen? Sie sagten
sich, wenn sie hineinschauten in ihre Innenwelt: Da strömt es heraus,
da dehnen sich Welten in unsere Persönlichkeit hinein; die sind aber
Erinnerungen an das, was früher von den geistigen Welten hineingegossen worden ist in uns. - Lesen Sie bei Plato, wie er das, was der
Mensch erleben kann, zurückführt auf eine Erinnerung der Seele an
ihre vergangenen Erlebnisse. Da sehen Sie, wie aus einem tief realen
Bewußtsein der vierten nachatlantischen Epoche heraus ein solcher
Geist wie Plato geschöpft hat. Wir lernen erst verstehen, was solch ein
einzelner Ausspruch einer so markanten Persönlichkeit bedeutet, wenn
wir okkult hineinschauen können in den Geist der Epochen. |