Die hybernischen und die ephesischen Mysterien. Alexander und Aristoteles
VIERTER VORTRAG, 27. Dezember 1923
Bewußtseinsverdunklung und Freiheitsbildung. Vorbereitung und Einweihungserlebnisse in den hybernischen Mysterien; die Art des Sich-Einlebens in den Kosmos, in das Wirken von Sonne und Mond. Der Einweihungsweg in den ephesischen Mysterien; das Einleben in den Weltenäther durch Einsicht in das Wesen der Sprache; das menschliche Sprechen als Abbild des schöpferischen Weltenlogos. Der Nachklang unmittelbarer Geistgegenwart in Ephesus; die Abbilder davon in der griechischen Kultur. Aristoteles und Alexander. Das «Alexanderlied» des Pfaffen Lamprecht. Verlust und Schicksal vieler Schriften des Aristoteles. Seine Lehre an den Schüler Alexander über die Erde und den Weltenäther, über die Beziehung des Menschen zu den Elementen und die Verwandtschaft des Menschen mit der Erde. Alexanders Erleben in bezug auf die Geistigkeit und die geographische Wirksamkeit der Elemente; sein Zug nach Osten aus Impulsen, die an Natürliches und Moralisches gleichermaßen anknüpfen.
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zeigen, wie die weltgeschichtliche Entwickelung sich abspielt. Man
kann, wenn man in geisteswissenschaftlicher Richtung vorwärtsschreiten will, auch gar nicht anders darstellen als so, daß man die
Folge der Ereignisse in ihrer Spiegelung in dem Menschen zeigt.
Denn bedenken Sie, daß nur unser Zeitalter aus Gründen, die wir
noch im Verlauf dieser Vorträge besprechen werden, so geartet ist,
daß der Mensch sich abgeschlossen von der übrigen Welt als ein
einzelnes Wesen fühlt. Alle vorangehenden Zeitalter und auch alle
folgenden Zeitalter, das muß ausdrücklich betont werden, sind so,
daß die Menschen sich fühlten und fühlen werden als Glied der
ganzen Welt, als hineingehörig in die ganze Welt. Wie ich oftmals
gesagt habe: So wie ein Finger an einem Menschen kein für sich
bestehendes Wesen sein kann, sondern nur am Menschen, während
er vom Menschen abgetrennt eben nicht mehr der Finger ist,
sondern zugrunde geht, etwas ganz anderes ist, ganz anderen
Gesetzen unterliegt als am Organismus, geradeso wie der Finger nur
Finger ist in Verbindung mit dem Organismus, so ist der Mensch nur
Wesen in irgendeiner Form, sei es in der Form des Erdenlebens, sei
es in der Form des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, im Zusammenhange mit der ganzen Welt. - Aber das Bewußtsein davon war eben in früheren Zeiten vorhanden, wird später
wieder vorhanden sein, ist nur heute getrübt, verdunkelt, weil, wie
wir hören werden, der Mensch diese Vertrübung, Verdunkelung
brauchte, um das Erlebnis der Freiheit in vollem Maße in sich ausbilden zu können. Und in je ältere Zeiten wir zurückkommen, um
so mehr finden wir, wie die Menschen ein Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit mit dem Kosmos haben.
Nun habe ich Ihnen zwei Persönlichkeiten dargestellt, die eine
Gilgamesch genannt in dem bekannten Epos, die andere Eabani in
demselben Epos, und ich habe Ihnen gezeigt, wie diese Persönlichcopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 61
keiten im alten chaldäisch-ägyptischen Zeitraum auf die Art leben,
wie man eben damals leben konnte, wie sie dann eine Vertiefung
erfahren durch die ephesischen Mysterien. Und ich habe schon
gestern darauf aufmerksam gemacht, wie dieselben Menschenwesen
dann in die weltgeschichtliche Entwickelung hineingestellt sind in
Aristoteles und Alexander. Aber damit wir völlig verstehen können,
wie in jenen Zeiten, in denen sich das für diese Persönlichkeiten
abspielte, was ich beschrieben habe, der Gang der Erdenentwickelung überhaupt war, müssen wir noch genauer hineinschauen in
dasjenige, was solche Seelen in diesen drei aufeinanderfolgenden
Zeitpunkten in sich aufnehmen konnten.
Ich habe Sie ja darauf aufmerksam gemacht, wie die hinter dem
Namen Gilgamesch sich verbergende Persönlichkeit einen Zug nach
dem Westen unternimmt und immerhin eine Art westlicher nachatlantischer Initiation durchmacht. Nun wollen wir uns, um das
Spätere zu verstehen, eine Vorstellung davon bilden, wie eine solche
späte Initiation war. Wir müssen da allerdings diese Initiation aufsuchen an derjenigen Stätte, wo Nachklänge der alten atlantischen
Initiation lange Zeit bestehen blieben. Und das war der Fall bei den
Mysterien von Hybernia, von denen ich ja zu den Freunden, die hier
in Dornach sind, in der letzten Zeit schon gesprochen habe. Ich muß
aber einiges von dem Besprochenen nachholen, damit wir das zum
vollen Verständnis bringen, was hier in Betracht kommt.
Die Mysterien von Hybernia, die irischen Mysterien, haben ja
lange Zeit bestanden. Sie haben bestanden noch zur Zeit der Begründung des Christentums, und sie sind diejenigen, welche von
einer gewissen Seite her die alten Weisheitslehren der atlantischen
Bevölkerung am treuesten bewahrt haben. Nun möchte ich Ihnen
ein Bild geben zunächst über die Erlebnisse, die jemand hatte, der
in die irischen Mysterien in der nachatlantischen Zeit eingeweiht
worden ist. Derjenige, der diese Weihe, diese Initiation empfangen
sollte, mußte dazumal in einer strengen Art vorbereitet werden, wie
überhaupt die Vorbereitungen in die Mysterien in alten Zeiten von
einer außerordentlichen Strenge waren. Der Mensch mußte eigentlich innerlich in seiner Seelenverfassung, in seiner ganzen menschCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 62
heitlichen Verfassung umgestaltet werden. Dann handelte es sich
darum, daß bei den Mysterien von Hybernia der Mensch zunächst so
vorbereitet wurde, daß er aufmerksam wurde, in starken inneren
Erlebnissen aufmerksam wurde auf dasjenige, was trügerisch ist in
dem den Menschen umgebenden Sein, in allen den Dingen, die den
Menschen so umgeben, daß er ihnen zunächst der Sinneswahrnehmung nach das Sein zuschreibt. Und der Mensch wurde ferner aufmerksam gemacht auf all die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die
sich ihm gegenüberstellen, wenn er nach der Wahrheit, nach der
wirklichen Wahrheit strebt. Der Mensch wurde aufmerksam gemacht, daß im Grunde genommen alles, was uns in der Sinneswelt
umgibt, eine Illusion ist, daß die Sinne ein Illusionäres geben und
daß sich die Wahrheit verbirgt hinter der Illusion, daß also eigentlich das wahre Sein vom Menschen durch die Sinneswahrnehmung
nicht zu erreichen ist.
Nun werden Sie sagen, das ist eine Überzeugung, die Sie in Ihrer
langen anthroposophischen Zeit ja schon immer hatten. Das wissen
Sie ganz gut, werden Sie sagen. Aber jenes Wissen, das überhaupt in
dem gegenwärtigen Bewußtsein ein Mensch haben kann von dem
illusionären Charakter der sinnlichen Außenwelt, das ist eben gar
nichts gegen die inneren Erschütterungen, gegen die innere Tragik,
die durchgemacht wurde von den Menschen, die damals vorbereitet
wurden für die hybernische Einweihung. Denn wenn man so theoretisch sich sagt: Alles ist Maja, alles ist Illusion -, so nimmt man das
eigentlich sehr leicht. Aber die Vorbereitung der hybernischen
Schüler wurde so weit getrieben, daß sie sich sagten: Es gibt keine
Menschenmöglichkeit, durch die Illusion durchzudringen und zu
dem wirklichen, wahrhaftigen Sein zu kommen.
Die Schüler wurden dadurch vorbereitet, daß sie sich, gewissermaßen zunächst aus Verzweiflung, innerlich seelisch zufriedenstellten mit der Illusion. Sie kamen in die verzweiflungsvolle Stimmung hinein, daß der illusionäre Charakter ein so aufdringlicher, ein
so gewaltiger ist, daß man über die Illusion überhaupt nicht hinauskommen kann. Und es gab im Leben dieser Schüler immer wieder
die Stimmung: Nun, dann muß man eben in der Illusion bleiben -,
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das heißt aber: Dann muß man den Boden unter den Füßen verlieren, denn auf der Illusion ist nicht festzustehen. - Ja, von der
Strenge der Vorbereitung in den alten Mysterien, von der macht
man sich heute im Grunde kaum eine Vorstellung. Die Menschen
schrecken eben zurück vor demjenigen, was innere Entwickelung
wirklich fordert.
Und ebenso, wie es mit dem Sein und seinem illusionären Charakter war, so war es für diese Schüler mit dem Streben nach Wahrheit. Und alles lernten sie kennen, was den Menschen verhindert in
seinen Emotionen, in seinen dunklen, ihn überwältigenden Empfindungen und Gefühlen, zur Wahrheit zu kommen, was trübt das
klare Licht der Erkenntnis. So daß sie auch da wiederum in einen
Zeitpunkt hineinkamen, in dem sie sich sagten: Wenn wir also nicht
in der Wahrheit leben können, dann müssen wir eben im Irrtum, in
der Unwahrheit leben! - Es heißt ja geradezu, seine Menschheit aus
sich selber herausreißen, wenn man eine Zeit seines Lebens dazu
kommt, zu verzweifeln an Sein und Wahrheit.
Das alles war dazu da, damit der Mensch durch das Erleben des
Gegenteiles von dem, was er zuletzt als das Ziel erreichen soll,
diesem Ziele die richtig tiefe menschliche Empfindung entgegenbringt. Denn wer nicht kennengelernt hat, was es heißt, mit Irrtum
und Illusion zu leben, der weiß eben das Sein und die Wahrheit
nicht zu schätzen. Und schätzen lernen sollten die Schüler von
Hybernia die Wahrheit und das Sein.
Und dann, wenn die Schüler solches durchgemacht hatten, wenn
sie gewissermaßen den Gegenpol absolviert hatten von dem, wozu
sie zuletzt kommen mußten, dann wurden sie - und ich muß das,
was nun geschah, in solcher Bildlichkeit darstellen, wie sie dazumal
in der Tat in den hybernischen Mysterien real war - in eine Art
Heiligtum geführt, in dem zwei Bildsäulen waren, Bildsäulen von
einer ungeheuer starken suggestiven Gewalt. Und die eine dieser
Bildsäulen von gigantischer Größe, sie war so, daß sie innerlich hohl
war; die Außenfläche, die den Hohlraum umgab, also die Gesamtsubstanz, aus der die Bildsäule bestand, war ein durchaus elastischer
Stoff, so daß überall, wo man drückte, man hineindrücken konnte
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in die Bildsäule. Aber in dem Augenblicke, wo man mit dem
Drücken nachließ, da stellte sich die Form wieder her. Die ganze
Bildsäule war so gemacht, daß vorzugsweise das Haupt ausgebildet
war und daß man, indem man ihr entgegentrat, das Gefühl
hatte: vom Haupte aus strahlen die Kräfte in den übrigen kolossalen Körper, denn den hohlen Innenraum sah man natürlich
nicht, nahm ihn nicht wahr, merkte ihn nur, wenn man drückte.
Und man wurde angehalten zu drücken. Man hatte das Gefühl,
daß der ganze übrige Körper außer dem Kopfe von den Kräften
des Kopfes ausgestrahlt wird, daß der Kopf alles tut an dieser
Bildsäule.
Ich gebe Ihnen gern zu, daß wenn ein heutiger Mensch in der
gegenwärtigen Prosa des Lebens vor die Bildsäule hingeführt würde,
er ja auch kaum etwas anderes als Abstraktes empfinden würde.
Gewiß, aber es ist eben etwas anderes, mit seinem ganzen Inneren,
mit seinem Geist, mit seiner Seele, mit seinem Blute, mit seinen
Nerven erlebt zu haben die Macht der Illusion und die Macht des
Irrtums und dann die suggestive Gewalt einer solchen gigantischen
Gestalt zu erleben.
Diese Bildsäule hatte einen männlichen Charakter. Neben ihr
stand eine andere, die einen weiblichen Charakter hatte. Sie war
nicht hohl. Sie war aus einem nicht elastischen, aber plastischen
Stoff. Wenn man an ihr drückte - und man wurde wieder angehalten, an ihr zu drücken -, zerstörte man die Form. Man grub ein
Loch ein in den Körper.
Aber nachdem der Schüler an der einen Bildsäule erfahren hatte,
daß durch Elastizität sich alles wieder herstellte in der Form, nachdem er an der anderen Bildsäule erfahren hatte, daß er sie deformiert
hatte mit seinem Drücken, verließ er nach einigem anderen, von dem
ich gleich sprechen werde, den Raum, und er wurde erst wiederum
in diesen Raum geführt, wenn alle die Fehler, die Deformationen,
die er vollbracht hatte an der plastischen, nicht elastischen Bildsäule,
die einen weiblichen Charakter hatte, wieder ausgeglichen waren. Er
wurde erst wiederum hineingeführt, wenn die Bildsäule intakt war.
Und durch alle diese Vorbereitungen - ich kann die Sache nur
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skizzenhaft schildern -, die der Schüler durchgemach hatte, bekam
er bei der Bildsäule, die einen weiblichen Charakter hatte, in seinem
ganzen Menschenwesen nach Geist, Seele und Leib ein inneres Erlebnis. Dieses innere Erlebnis war ja auch schon früher bei ihm vorbereitet, aber es stellte sich in vollstem Maße ein durch die suggestive
Wirkung der Bildsäule selber. Er bekam in sich ein Gefühl einer
inneren Erstarrung, einer inneren frostigen Erstarrung. Und diese
frostige Erstarrung wirkte so in ihm, daß er seine Seele mit Imaginationen aufgefüllt sah, und diese Imaginationen waren Bilder des
Erdenwinters, Bilder, die darstellten den Erdenwinter. Also der
Schüler wurde dazu geführt, von innen heraus das Winterliche zu
schauen im Geiste.
Bei der anderen Bildsäule, der männlichen, war es so, daß der
Schüler etwas empfand, wie wenn all sein Leben, das er sonst in
seinem ganzen Leibe hatte, in sein Blut ginge, wie wenn das Blut
durchdrungen würde von Kräften und an die Haut drückte.
Während er also vor der einen Bildsäule glauben mußte, zum
frostigen Skelett zu werden, mußte er vor der anderen Bildsäule
glauben, daß sein ganzes inneres Leben in Hitze zugrunde gehe und
er lebe in seiner ausgespannten Haut. Und dieses Erleben des
ganzen Menschen, an dessen Oberfläche gedrückt, das führte den
Schüler dazu, die Einsicht zu bekommen, sich zu sagen: Du verspürst dich, du empfindest dich, du erlebst dich so, wie du wärest,
wenn von allem im Kosmos allein die Sonne auf dich wirkte. - Und
der Schüler lernte auf diese Weise die kosmische Sonnenwirkung in
ihrer Verteilung erkennen. Er lernte erkennen die Beziehung des
Menschen zur Sonne. Und er lernte erkennen, daß der Mensch nur
deshalb in Wirklichkeit nicht so ist, wie er sich jetzt unter der
suggestiven Wirkung der Sonnenstatue vorkam, weil andere Kräfte
von anderen Weltenecken aus diese Wirkung modifizieren. In
solcher Art lernte sich der Schüler einleben in den Kosmos. Und
wenn der Schüler die suggestive Wirkung der Mondenstatue empfand, wenn er also innerlich das Frostige hatte der Erstarrung, die
winterliche Landschaft erlebte - bei der Sonnenstatue erlebte er
sommerliche Landschaft im Geiste, wie aus sich selbst erzeugt -,
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dann fühlte der Mensch, wie er wäre, wenn nur die Mondenwirkungen da wären.
Sehen Sie, in der Gegenwart, was weiß man denn eigentlich davon
der Welt? Man weiß von der Welt, daß die Zichorie blau ist, daß die
Rose rot ist, der Himmel blau ist und so weiter. Aber das sind ja keine
erschütternden Eindrücke. Die berichten nur von dem Allernächsten,
das in der menschlichen Umgebung ist. Der Mensch muß in einem
intensiveren Maße mit seiner ganzen Wesenheit zum Sinnesorgan
werden, wenn er die Geheimnisse des Weltenalls kennenlernen will.
Und es wurde eben durch die suggestive Wirkung der Sonnenstatue
sein Wesen in seinem ganzen Blutumlauf konzentriert. Der Mensch
lernte sich als Sonnenwesen kennen, indem er diese suggestive
Wirkung in sich erlebte. Und der Mensch lernte sich als Mondenwesen
kennen, indem er die suggestive Wirkung der weiblichen Statue
erlebte. Und dann konnte er aus diesen seinen inneren Erlebnissen
heraus sagen, wie Sonne und Mond auf den Menschen wirken, sowie
heute der Mensch nach dem Erlebnis seines Auges sagen kann, wie die
Rose wirkt, nach dem Erlebnis seines Ohres, wie der Ton eis wirkt und
so weiter. Und so erlebten die Schüler dieser Mysterien noch in den
nachatlantischen Zeiten das Eingegliedertsein des Menschen in den
Kosmos. Das wurde für sie eine unmittelbare Erfahrung.
Nun, dasjenige, was ich Ihnen erzählt habe, ist eine kurze Skizze
dessen, was in ganz grandioser Weise bis in die ersten Jahrhunderte
der christlichen Entwickelung herein an den Mysterien in Hybernia von den Schülern erlebt worden ist als kosmisches Erlebnis, indem man an das Sonnen- und an das Mondenerlebnis herangeführt
wurde.
In ganz anderer Weise waren die Erlebnisse, welche die Schüler
durchzumachen hatten in den ephesischen, den kleinasiatischen
ephesischen Mysterien. In diesen ephesischen Mysterien erlebte man
in ganz besonders intensiver Weise mit seinem ganzen Menschen
dasjenige, was dann später einen paradigmatischen Ausdruck gefunden hat in den Anfangsworten des Johannes-Evangeliums: «Im
Urbeginne war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und ein Gott
war das Wort.»
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In Ephesus wurde der Schüler nicht vor zwei Statuen geführt,
sondern vor eine, vor die eine Statue, die ja bekannt ist als die
Artemis von Ephesus. Und indem der Schüler sich identifizierte mit
dieser Statue, die voller Leben war, die überall von Leben strotzte,
lebte sich der Schüler in den Weltenäther ein. Er hob sich hinaus mit
seinem ganzen inneren Erleben und Empfinden vom bloßen Erdenleben, er hob sich in das Erleben des Weltenäthers hinein. Und ihm
wurde das Folgende klar. Ihm wurde zunächst vermittelt, was
eigentlich die menschliche Sprache ist. Und an der menschlichen
Sprache, also dem menschlichen Abbild, dem menschlichen abbildlichen Logos gegenüber dem Welten-, dem kosmischen Logos, an
dem wurde ihm klargemacht, wie das Weltenwort schöpferisch
durch den Kosmos webt und wallt.
Ich kann wiederum die Sache nur skizzieren. Sie ging so vor sich.
Der Schüler wurde besonders aufmerksam daraufgemacht, wirklich
zu erleben, was da geschieht, wenn der Mensch spricht, wenn er
dem Atmungsaushauch das Wort einprägt. Der Schüler wurde zum
Erleben dessen geführt, wie dasjenige, was er da durch seine eigene
innere Tat in Leben überführt, in dem luftigen Elemente geschieht,
daß aber mit dem, was im luftigen Elemente geschieht, zwei andere
Vorgänge verbunden sind.
Stellen wir uns vor, dies sei der Aushauch (siehe Zeichnung,
Tafel 6 rechter Teil, hellblau mit roter Linie), dem eingeprägt würden gewisse Wortgebilde, die der Mensch spricht. Während dieser Aushauch, zu Worten geformt, aus unserer Brust nach außen strömt,
geht nach unten die rhythmische Schwingung über in das ganze
wäßrige, in das flüssige Element, das den menschlichen Organismus
durchzieht (hell; Wasser). So daß der Mensch beim Sprechen in der
Höhe seines Kehlkopfes, seiner Sprachorgane, die Luftrhythmen
hat; parallel aber geht mit diesem Sprechen ein Durchwellen und
Durchwogen des Flüssigkeitsleibes in ihm. Die Flüssigkeit, die
unterhalb der Sprachregion ist, kommt in Schwingungen, schwingt
mit im Menschen. Und das ist es ja im wesentlichen, daß wir das,
was wir sprechen, begleiten vom Fühlen. Und würde nicht mitschwingen das wäßrige Element im Menschen, die Sprache ginge
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neutral nach außen, gleichgültig nach außen; der Mensch würde
nicht mitfühlen mit dem Gesprochenen. Nach oben aber, nach dem
Kopf, geht das Wärmeelement (rot), und es begleiten die Worte,
die wir dem Aushauche einprägen, die nach oben strömenden
Wärmewellen, die unser Haupt durchdringen und die da bewirken,
daß wir die Worte mit Gedanken begleiten. So daß, wenn wir
sprechen, wir es zu tun haben mit dreierlei: mit Luft, Wärme,
Wasser oder Flüssigkeit.
II »1,
Tafel 6
Dieser Vorgang, der erst ein Gesamtbild dessen gibt, was im
menschlichen Sprechen webt und lebt, dieser Vorgang wurde zum
Ausgangspunkt genommen bei dem Schüler von Ephesus. Und
dann wurde ihm klargemacht, wie dieses, was da im Menschen sich
abspielt, ein vermenschlichter Weltenvorgang ist, daß in einer gewissen älteren Zeit die Erde selber so gewirkt hat, daß in ihr nun
nicht das luftförmige, aber das wäßrige, das flüssige Element (linker Teil der Zeichnung, blau), jenes flüssige Element, von dem ich
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gestern gesprochen habe als flüchtig-flüssiges Eiweiß, in einer
solchen Wellenbewegung war. So wie dann im Menschen im Kleinen
die Luft beim Aushauche ist, wenn er spricht, so war dereinst das die
Erde als Atmosphäre umgebende flüchtig-flüssige Eiweiß. Und das
ging dann über, so wie hier das Luftförmige in das Wärmeelement,
in eine Art Luftelement (links, hellblau), und unten in eine Art
erdigen Elementes (hell). So daß, wie bei uns in unserem Körper
durch das flüssige Element die Gefühle entstehen, so entstanden in
der Erde die Erdenbildungen, die Erdenkräfte, alles dasjenige, was
in der Erde wirkt und wellt an Kräften. Und es entstand darüber im
luftigen Element dasjenige, was webende kosmische Gedanken sind,
die da schaffend wirken im Irdischen.
Das war ein majestätischer, gewaltiger Eindruck, den der Mensch
in Ephesus bekam, wenn er aufmerksam daraufgemacht wurde, daß
in seiner Sprache der mikrokosmische Nachklang dessen lebt, was
einmal makrokosmisch war. Und der Schüler von Ephesus fühlte,
indem er sprach, in dem Erlebnis des Sprechens eine Einsicht in das
Wirken des Weltenwortes, wie es einstmals sinnvoll das flüssigflüchtige Element bewegte, wie es oben gren2te an die schaffenden
Weltengedanken, unten an die entstehenden Erdenkräfte.
So lebte sich der Schüler ein in das Kosmische, indem er in richtiger Weise sein eigenes Sprechen verstehen lernte: In dir ist der
menschliche Logos. Der menschliche Logos wirkt aus dir während
deiner Erdenzeit, und du bist als Mensch der menschliche Logos. -
Denn in der Tat, durch dasjenige, was nach unten strömt im
flüssigen Elemente, werden wir als Mensch geformt aus der Sprache
heraus; durch dasjenige, was nach oben strömt, haben wir unsere
menschlichen Gedanken während unserer Erdenzeit. - Aber ebenso,
wie in dir das Menschlichste der mikrokosmische Logos ist, so war
einstmals der Logos im Urbeginn und war bei Gott und war selber
ein Gott.
Das wurde in Ephesus gründlich, weil durch den Menschen und
am Menschen selber, verstanden.
Sehen Sie, wenn Sie sich nun solch eine Persönlichkeit anschauen
wie diejenige, die sich hinter dem Namen Gilgamesch verbirgt,
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dann müssen Sie das Gefühl bekommen, daß diese ja lebte in dem
ganzen Milieu, in der ganzen Umgebung, die ausstrahlte von den
Mysterien. Denn alle Kultur, alle Zivilisation war in früheren Zeiten
Ausstrahlung der Mysterien. Und wenn ich Ihnen Gilgamesch
nenne, so war er, als er noch in seiner Heimat Erek war, zwar nicht
in die Mysterien von Erek selber eingeweiht, wohl aber in einer Zivilisation drinnen, die substantiell durchsetzt war von dem, was man
empfinden konnte durch diese Beziehung zum Kosmos. Und dann
wurde von ihm etwas erlebt bei dem Zug nach dem Westen, was ihn
direkt bekannt machte allerdings nicht mit den hybernischen Mysterien, soweit kam er nicht, aber gewissermaßen mit dem, was gepflegt wurde in einer Kolonie der hybernischen Mysterien, ich sagte
Ihnen, im heutigen Burgenlande war diese Kolonie. Das lebte in der
Seele dieses Gilgamesch. Das bildete sich weiter aus in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt, das nun folgte und für das dann
beim nächsten Erdenleben in Ephesus selber die Vertiefung der
Seele stattfand.
Nun, für beide Persönlichkeiten, von denen ich gesprochen
habe, fand eine solche Vertiefung der Seele statt. Da brandete
gewissermaßen aus der allgemeinen Zivilisation an die Menschenseelen dieser Persönlichkeiten etwas in Realität heran, in starker,
intensiver Realität noch, was seit der homerischen Zeit in Griechenland im wesentlichen schon nur noch schöner Schein war.
Gerade in Ephesus drüben, an jener Stätte, an der ja auch Heraklit lebte und an der noch so viel von alter Realität empfunden
wurde bis in die spätere griechische Zeit herein, bis ins 6., 5. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit, gerade in Ephesus konnte man
noch nachempfinden die ganze Realität, in der einstmals die
Menschheit gelebt hat, als sie noch in unmittelbarer Beziehung zu
dem Göttlich-Geistigen stand, als noch Asia nur der unterste der
Himmel war, in dem man noch in Verbindung stand mit den oberen
Himmeln, die daran grenzten, weil in Asia die Naturgeister erlebt
wurden, darüber die Angeloi, Archangeloi und so weiter, darüber
die Exusiai und so weiter. Und so kann man sagen: Während schon
in Griechenland selbst die Nachklänge nur sich herausbildeten an
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dasjenige, was einstmals Realität war, während dasjenige, was Wirklichkeit war, sich umwandelte in die Bilder der Heroensagen, an
denen noch deutlich zu merken ist, daß sie hinweisen auf ursprüngliche Realitäten, während in Griechenland das dramatische Element
ursprünglicher Realitäten in Äschylos Leben gewann, war es eigentlich in Ephesus noch immer so, daß man, in das tiefe Dunkel der
Mysterien getaucht, Nachklänge jener alten Realitäten empfand, in
denen der Mensch in unmittelbarem Zusammenhange mit der
göttlich-geistigen Welt lebte. Und das ist ja das Wesentliche des
Griechentums, daß der Grieche in die dem Menschen näherliegenden Mythen und in die dem Menschen näherliegende Schönheit und
Kunst getaucht hat, also ins Abbild getaucht hat dasjenige, was
einstmals im Zusammenhange mit dem Kosmos eben vom Menschen
erlebt werden konnte.
Und nun müssen wir uns vorstellen, wie, als nun schon auf der
einen Seite diese griechische Zivilisation auf ihrem Höhepunkte angelangt war, als sie stolz zurückgewiesen hatte sogar dasjenige, was,
wie in den Perserkriegen, noch nachstoßen wollte von alter asiatischer Realität, als sie auf der einen Seite auf ihrem Höhepunkte
angelangt war, aber auf der anderen Seite schon im Sturze war, wie
das Persönlichkeiten erlebten, die in ihren Seelen deutlich die Nachklänge desjenigen trugen, was einstmals göttlich-geistige irdische
Realität in Geist, Seele und Leib des Menschen war.
Und so müssen wir uns vorstellen, daß eigentlich Alexander der
Große und Aristoteles in einer Welt lebten, die ihnen doch nicht
ganz konform war, die eigentlich tragisch für sie war. Das Eigentümliche ist, daß in Alexander und in Aristoteles Menschen lebten, die
eine andere Beziehung zum Geistigen hatten als ihre Umgebung,
die, trotzdem sie sich nicht viel kümmerten um die samothrakischen
Mysterien, dennoch in ihrer Seele eine große Verwandtschaft hatten
mit dem, was in den samothrakischen Mysterien mit den Kabiren
vorging. Das hat man lange Zeit gefühlt, im Mittelalter noch nachgefühlt. Und man muß schon sagen - darüber machen sich die Menschen heute ganz falsche Vorstellungen -, wie noch im Mittelalter,
bis herein ins 13., 14. Jahrhundert, bei einzelnen Menschen aller
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Stände ein deutliches geistiges Anschauen wenigstens auf dem
Gebiete war, das man einstmals im alten Oriente drüben Asia
genannt hat. Und das im Mittelalter von einem Priester gedichtete
«Alexanderlied» ist immerhin ein sehr bedeutsames Dokument des
späteren Mittelalters. Gegenüber dem, was heute in der Geschichte
entstellt lebt von demjenigen, was sich abgespielt hat durch Alexander und Aristoteles, erscheint das, was der Priester Lamprecht
als Alexanderlied etwa im 12. Jahrhundert gedichtet hat, noch als
eine großartige, mit der alten verwandte Auffassung dessen, was
durch Alexander den Großen geschehen ist.
Sie brauchen nur das Folgende sich vor die Seele zu stellen. Wir
haben im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht ja eine wunderbare
Schilderung, eine wunderbare Schilderung etwa der folgenden Art:
Jedes Jahr, wenn der Frühling kommt und man geht nach einem
Wald hinaus und kommt an den Waldesrand, da wo an diesem
Waldesrand Blumen wachsen und wo zu gleicher Zeit die Sonne so
steht, daß von den Waldesbäumen der Schatten fällt auf die am
Waldesrande wachsenden Blumen, da sieht man, wie im Schatten
der Waldesbäume im Frühling aus den Blumenkelchen hervorkommen die geistigen Blumenkinder, die an den Waldesrändern
Tänze und Reigen vollführen. - Und man erkennt ganz deutlich,
daß in dieser Schilderung des Pfaffen Lamprecht durchschimmert
etwas von einer wirklichen Erfahrung, von einer Erfahrung, die
Menschen der damaligen Zeit noch machen konnten; daß sie nicht
in die Wälder hinausgingen, um in prosaischer Weise zu sagen: Da
ist Gras, da sind Blumen, da fangen die Bäume an -, sondern wenn
sie sich dem Walde näherten, dann trat ihnen, wenn die Sonne
hinter dem Walde stand und der Schatten über die Blumen her fiel,
im Schatten der Waldesbäume von den Blumen aus entgegen die
ganze Welt von Blumengeschöpfen, die da waren für sie, bevor sie
den Wald betraten, wo sie ja dann im Walde die anderen Elementargeister wahrnahmen. Aber dieser Blumenreigen, der erschien
dem Pfaffen Lamprecht als das, was er besonders gern schildern
wollte. Und es ist immerhin bedeutsam, daß, als der Pfaffe Lamprecht die Alexanderzüge schildern wollte, er diese Schilderung
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durchsetzte und durchströmte - noch im 12. Jahrhundert, Anfang
des 12. Jahrhunderts -, durchsetzte und durchströmte mit Schilderungen der Natur, die überall das Sich-Offenbaren der Elementarreiche in sich schließen. Das Ganze ist getragen von dem Bewußtsein:
Wenn man schildern will, was da vorging einstmals in Makedonien,
als die Alexanderzüge nach Asien begannen und als Alexander
von Aristoteles unterrichtet wurde, wenn man das schildern will,
so kann man es nicht schildern, indem man die prosaische Erde
ringsherum beschreibt, sondern man kann es allein schildern,
wenn man hinzunimmt zu der prosaischen Erde die Reiche der
elementarischen Wesenheiten.
Aber sehen Sie, wenn Sie heute ein Geschichtswerk lesen - es ist
ja ganz berechtigt für die gegenwärtige Zeit -, nun ja, dann lesen Sie
eben: Alexander hat gegen den Rat seines Lehrers Aristoteles, dem
er ungehorsam war, die Mission sich eingebildet, er müsse die Barbaren mit den zivilisierten Menschen versöhnen und müsse eine
Durchschnittskultur etwa hervorrufen, die bestehen sollte aus den
zivilisierten Griechen, aus den Hellenen, aus den Makedoniern und
den Barbaren. Das ist zwar für die heutige Zeit richtig, aber dennoch, gegenüber der Wahrheit, der wirklichen Wahrheit ist es eben
läppisch. Und man empfängt den Eindruck des Großartigen, wenn
man sieht, wie der Pfaffe Lamprecht, indem er die Alexanderzüge
schildert, diesen Alexanderzügen ein ganz anderes Ziel setzt. Und es
kommt einem vor, als ob dasjenige, was ich eben geschildert habe als
das Hereinragen der Natur-Elementarreiche, des Geistigen der Natur in das Physische der Natur, als ob dies eben bloß die Introduktion sein sollte. Denn was ist das Ziel der Alexanderzüge im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht?
Alexander kommt bis an die Pforte des Paradieses! Das ist zwar
ins Christliche der damaligen Zeit umgesetzt, aber es entspricht eigentlich in einem hohen Maße, wie ich weiter ausführen werde, der
Wahrheit. Denn die Alexanderzüge waren nicht bloß gemacht, um
Eroberungen zu vollziehen oder, gar gegen den Rat des Aristoteles,
um die Barbaren mit den Hellenen zu versöhnen, sondern die Alexanderzüge waren durchsetzt von einem wirklichen hohen geistigen
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Ziel, und sie waren impulsiert aus dem Geiste heraus. Und wir lesen
dann beim Pfaffen Lamprecht, der also, man kann sagen, fünfzehn
Jahrhunderte, nachdem Alexander gelebt hat, in seiner Art mit
großer Hingebung diese Alexanderzüge schildert, wir lesen, daß
Alexander bis an die Pforte des Paradieses kommt, aber in das Paradies selber nicht hineinkommt, weil, wie der Pfaffe Lamprecht
meint, nur derjenige in das Paradies hineinkommt, der die rechte
Demut hat. Aber Alexander konnte in der vorchristlichen Zeit noch
nicht die rechte Demut haben, denn die rechte Demut konnte erst
das Christentum in die Menschheit hineinbringen. Immerhin, wenn
man nicht in engherzigem, sondern in weitherzigem Sinn so etwas
auffaßt, so sehen wir, wie der christliche Pfaffe Lamprecht etwas
von dem Tragischen der Alexanderzüge empfindet.
Nun, ich wollte Sie mit dieser Schilderung des Alexanderliedes
nur aufmerksam daraufmachen, daß es nicht überraschend zu sein
braucht, wenn man gerade an diesem Beispiel der Alexanderzüge
einsetzt, um das Vorhergehende und Nachherige der Menschheitsgeschichte des Abendlandes in seiner Angliederung an das Morgenland zu schildern. Denn dasjenige, was dabei als Empfindung zugrunde liegt, war noch, wie Sie sehen, bis zu einer verhältnismäßig
späten Zeit des Mittelalters nicht nur als eine allgemeine Empfindung vorhanden, sondern in so konkreter Weise vorhanden, daß
dieses Alexanderlied entstehen konnte, das nun eigentlich wirklich
in einer großartig dramatischen Weise schildert, was nun durch die
beiden Seelen, die ich Ihnen charakterisiert habe, sich abgespielt
hat. Durchaus weist dieser Punkt der makedonischen Geschichte auf
der einen Seite weit in die Vergangenheit zurück, auf der anderen
Seite weit in die Zukunft hinein. Und man muß vor allen Dingen
dabei berücksichtigen, daß über all dem, was bei Aristoteles und
Alexander vorhanden ist, weltgeschichtliche Tragik schwebt. Schon
äußerlich verrät sich diese weltgeschichtliche Tragik. Sie verrät sich
dadurch, daß ja durch die besonderen Verhältnisse, durch die besonderen weltgeschichtlichen Schicksalsverhältnisse von Aristoteles nur
der kleinste Teil der Schriften in das europäische Abendland gekommen sind und dann von der Kirche weiter gepflegt worden sind.
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Es sind eigentlich im wesentlichen nur die logischen und die ins
Logische gekleideten Schriften. Wer aber heute noch sich vertieft in
das Wenige, was von den naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles erhalten ist, der wird bei Aristoteles sehen, wie gewaltig
seine Einsicht noch war in den Zusammenhang des Kosmos mit dem
Menschen. Ich möchte Sie da nur auf eines aufmerksam machen.
Wir sprechen heute ja auch vom irdischen Elemente, vom
wäßrigen Elemente, vom luftigen Elemente, vom feurigen oder
Wärmeelemente und dann von dem anderen, dem Äther. Wie
stellt Aristoteles die Sache dar? Er stellt die Erde dar, die feste
Erde (siehe Zeichnung, heller Kern), die flüssige Erde, Wasser
Tafel 7
(hellrot), die Luft (blau), das Ganze mit dem Feuer durchdrungen
und vom Feuer umgeben (tiefrot). Aber so reicht für Aristoteles
die Erde bis zum Monde hinauf. Und vom Kosmos herein, von
den Sternen herein bis zum Monde - also nicht mehr in den irdiCopyright Rudolf Steinet Nachlass-Veiwaltung Buch: 233 Seite: 76
sehen Bereich, aber bis zum Monde, bis hierher -, vom Tierkreis,
von den Sternen herein reicht räumlich-kosmisch der übrige Äther
(hell außen). Der Äther reicht bis zum Monde herunter.
Das lesen ja auch heute noch die Gelehrten in den Büchern, die
über Aristoteles geschrieben werden. Aristoteles selber aber sagte
seinem Schüler Alexander immer wieder und wiederum: Jener
Äther, der da außerhalb des Irdisch-Wärmehaften ist, also der
Lichtäther, chemische Äther, Lebensäther, war auch einstmals mit
der Erde verbunden. Das alles ging bis zur Erde herein. Als aber der
Mond sich zurückzog in der alten Entwickelung, da zog sich der
Äther von der Erde zurück. Und - so meinte Aristoteles zu seinem
Schüler Alexander - so ist dasjenige, was äußerlich räumlich tote
Welt ist, auf der Erde zunächst nicht vom Äther durchzogen. Aber
wenn zum Beispiel der Frühling naht, dann bringen die Elementargeister von dem Monde für diejenigen Wesen, die entstehen - die
Pflanzen, die Tiere, die Menschen -, den Äther aus dem Mondenbereiche gerade wiederum in diese Wesen hinein, so daß der Mond
das Gestaltende ist.
Stand man vor der einen, der weiblichen Gestalt in Hybernia, so
empfand man das ganz lebhaft, wie der Äther eigentlich nicht der
Erde angehört, sondern von den Elementargeistern alljährlich, soweit er notwendig ist zur Entstehung der Wesen, auf die Erde
heruntergebracht wird.
Es gab auch für Aristoteles tiefe Einsichten in den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos. Die Schriften, die davon
handelten, hat der Schüler Theophrast nicht nach dem Westen
kommen lassen. Nach dem Orient ging einiges von diesen Schriften
zurück, wo noch Verständnis für solche Dinge war. Und da kam es
dann durch Nordafrika und Spanien, durch Juden und Araber kam
es nach dem Westen von Europa und stieß in der Weise, wie ich das
noch schildern will, mit den Ausstrahlungen, mit den Zivilisationsausstrahlungen der Mysterien von Hybernia zusammen.
Aber das, was ich Ihnen bis jetzt charakterisiert habe, war ja nur
der Ausgangspunkt für die Lehren, die Aristoteles dem Alexander
gab. Die bezogen sich durchaus auf inneres Erleben. Und wenn ich,
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ich möchte sagen, in etwas kohlezeichnender Darstellung die Sache
gebe, so muß ich folgendes sagen: Alexander lernte durch Aristoteles
gut kennen, daß dasjenige, was draußen in der Welt lebt als das
irdische, das wäßrige, das luftige, das feurige Element, auch im
Menschen drinnen lebt, daß der Mensch in dieser Beziehung ein
wirklicher Mikrokosmos ist, daß in ihm, in seinen Knochen, das
irdische Element lebt, daß in seiner Blutzirkulation und in alle dem,
was Säfte in ihm sind, Lebenssäfte sind, das wäßrige Element lebt;
daß in ihm das luftige Element in der Atmung und Atmungserregung wirkt, in der Sprache wirkt, daß das feurige Element in den
Gedanken lebt. Alexander wußte sich noch in den Elementen der
Welt lebend. Aber indem man sich in den Elementen der Welt
lebend fühlte, fühlte man auch noch seine innige Verwandtschaft
mit der Erde. Heute reist der Mensch nach Ost, nach West, nach
Nord, nach Süd: er empfindet nicht, was da eigentlich alles auf ihn
einstürmt, denn er sieht ja nur dasjenige, was seine äußeren Sinne
wahrnehmen, und er sieht ja nur, was die irdischen Substanzen in
ihm wahrnehmen, nicht was die Elemente in ihm wahrnehmen.
Aber Aristoteles konnte den Alexander lehren: Wenn du auf der
Erde nach dem Osten ziehst, ziehst du immer mehr und mehr
hinein in ein dich austrocknendes Element. Du ziehst in das
Tafel 6 Trockene hinein (siehe Zeichnung).
Sie müssen sich das nicht so vorstellen, daß, wenn man nach
Aisen hinüberzieht, man ganz austrocknet. Es ist natürlich das so,
daß es feine Wirkungen sind, aber Wirkungen, die durchaus nach
den Anleitungen des Aristoteles Alexander in sich empfand. Er
konnte sich in Makedonien sagen: Ich habe einen gewissen Grad von
Feuchtigkeit in mir; der vermindert seine Feuchtigkeit, indem ich
nach Osten hinüberziehe. - So fühlte er mit der Wanderung auf der
Erde die Konfiguration der Erde, wie man fühlt, sagen wir, wenn
man einen Menschen berührt, über irgendeinen Teil seines Körpers
streichelnd fährt, wie der Unterschied ist zwischen Nase und Augen
und Mund. So nahm eine solche Persönlichkeit, wie die geschilderte,
noch wahr, wie der Unterschied ist, wenn man sich erlebt, indem
man immer mehr und mehr in das Trockene hineinkommt, und wie
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man sich erlebt, wenn man nach der anderen Seite, nach dem
Westen, in das Feuchte hineinkommt.
Tafel 6
rme
Die anderen Differenzierungen, die erleben die Menschen, wenn
auch grob, noch heute. Gegen Norden erleben sie ja das Kalte,
gegen Süden das Warme, das Feurige. Aber jenes Zusammenspiel
von feucht-kalt, wenn man nach dem Nordwesten hinüberkam, das
fühlen die Menschen nicht mehr. Aristoteles machte rege in Alexander, was Gilgamesch erlebt hat, als er den Zug nach dem Westen
hinüber unternommen hatte. Und die Folge davon war, daß im unmittelbaren inneren Erleben der Schüler das wahrnehmen konnte,
was nun eben erlebt wird in der Zwischenzone zwischen feucht und
kalt nach Nordwesten hin: Wasser. Und es war durchaus nicht nur
eine mögliche, sondern eine sehr wirkliche Redensart für einen
solchen Menschen wie Alexander, daß er nicht sagte: Dahin geht der
Zug, nach Nordwesten -, sondern: Dahin geht der Zug, wo das
Element des Wassers die Oberherrschaft führt. - In der Zwischenzone zwischen feucht und warm liegt das Element, wo die Luft die
Oberherrschaft führt. So war es in den alten griechisch-chthonischen
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Mysterien gelehrt, so war es in den alten samothrakischen Mysterien
gelehrt, so war es von Aristoteles seinem unmittelbaren Schüler
gelehrt. Und in der Zwischenzone zwischen kalt und trocken, also
gegen Sibirien zu von Makedonien aus, wurde die Region der Erde
erlebt, wo die Erde selbst, das Irdische die Oberherrschaft führte,
das Element Erde, das Feste. In der Zwischenzone zwischen warm
und trocken, also gegen Indien hin, wurde jene Region der Erde
erlebt, wo vorherrschte das Feuerelement. Und so war es, daß der
Schüler des Aristoteles nach Nordwesten zeigte und sagte: Da empfinde ich herwirkend auf der Erde die Wassergeister. - Daß er nach
Südwesten zeigte und sagte: Da her empfinde ich die Luftgeister. -
Daß er nach Nordosten zeigte, und da die Geister der Erde vorzugsweise heranschweben sah. Daß er nach Südosten zeigte, gegen
Indien zu, und die Geister des Feuers heranschweben oder in ihrem
Elemente sah.
Und Sie empfinden jene tiefe Verwandtschaft gegenüber dem
Natürlichen und gegenüber dem Moralischen, wenn ich jetzt am
Schlüsse sage, es entstand in Alexander die Redensart: Ich muß aus
dem kaltfeuchten Elemente heraus mich ins Feuer stürzen, den Zug
nach Indien unternehmen! - Das war eine Redensart, die ebenso an
Natürliches anknüpfte, wie sie anknüpfte an Moralisches, wovon wir
dann morgen sprechen wollen. Aber ich wollte Sie hineinführen
anschaulich in dasjenige, was da lebte. Denn in dem, was da verhandelt wurde zwischen Alexander und Aristoteles, sehen Sie zu
gleicher Zeit sich spiegeln den ganzen Umschwung in der weltgeschichtlichen Entwickelung. Man konnte noch im intimen Unterricht in der damaligen Zeit sprechen von den großen Mysterien der
vergangenen Zeit. Dann nahm die Menschheit nur mehr das Logische, das Abstrakte, die Kategorien auf, während sie das andere
zurückstieß. Daher deuten wir damit zugleich auf einen ungeheuren
Umschwung in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit, auf einen allerwichtigsten Punkt in dem ganzen Hergang der
europäischen Zivilisation in ihrem Zusammenhange mit dem Orient.
Davon dann morgen weiter. |