Die Seelengeschichte der Menschheit in bezug auf die Entwickelung des Gedächtnisses
ERSTER VORTRAG, Dornach, 24. Dezember 1923
Das Verständlichwerden der Weltgeschichte durch Einsicht in die Seelengeschichte. Heutiges Vorstellen und Erinnern, Fühlen, Wollen und ihre Entsprechungen bei vorgeschichtlichen orientalischen Völkern: Statt der
Gedankenbilder - das Erleben des Kopfes und damit verbunden der ganzen Erde; statt der Gefühlserlebnisse - das Erfahren des eigenen Brustraumes und des Herzens und damit verbunden des unmittelbaren Erdenumkreises und der Sonne; statt des individuellen Willens - das Erleben der Beweglichkeit der Glieder und darin wirkend das Verhältnis der Erde zur Gestirnswelt. Entwickelung des Gedächtnisses: lokalisierte Erinnerung, haftend an äußeren Merkzeichen; Ursprung des Denkmalwesens. Rhythmisierte Erinnerung, beginnend mit den Wanderungen nach Asien; Ursprung der Verskunst. Modernes Zeitgedächtnis, beginnend im
Aufgang des Griechentums. Weg der Verinnerlichung.
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ich Ihnen einen solchen Überblick der Menschheitsentwickelung auf
Erden geben, der dazu führen kann, dasjenige, was der Mensch in der
Gegenwart ist, intimer und intensiver in das Bewußtsein aufzunehmen. Gerade in dieser gegenwärtigen Zeit, in der sich so außerordentlich Bedeutsames, man darf schon sagen, für die ganze Kulturmenschheit vorbereitet, müßte es eigentlich jedem tiefer denkenden Menschen naheliegen, die Frage auf zuwerfen: Wie ist die gegenwärtige
Konfiguration, die gegenwärtige Verfassung der menschlichen Seele
aus einer Entwickelung langer Zeiten hervorgegangen? - Denn es
kann ja nicht geleugnet werden, daß das Gegenwärtige dadurch verständlich wird, daß man es in seinem Hervorgehen aus dem Vergangenen zu begreifen versucht.
Nun ist man aber gerade in der Gegenwart außerordentlich befangen in bezug auf die Entwickelung des Menschen und der Menschheit. Zunächst stellt man sich ja vor, daß der Mensch in bezug aufsein
seelisch-geistiges Leben so, wie er jetzt ist, im wesentlichen während
der ganzen geschichtlichen Zeit war. Gewiß, mit Bezug auf das eigentlich Wissenschaftliche stellt man sich vor, daß in alten Zeiten die Menschen kindlich waren, an allerlei Phantastereien geglaubt haben und
daß die Menschen eigentlich gescheit im wissenschaftlichen Sinne erst
in der allerletzten Zeit geworden sind. Aber wenn man davon absieht,
was das eigentlich Wissenschaftliche ist, so denkt man sich dann, daß
im allgemeinen die Seelenverfassung, die der heutige Mensch hat,
auch schon der Grieche, der Orientale, gehabt hat. Wenn man sich
auch im Kleinen Modifikationen im Seelenleben denkt, im großen
ganzen denkt man sich: während der historischen Zeit ist eben eigentlich alles so gewesen wie heute. Da nimmt man an, daß das geschichtliche Leben ins Vorgeschichtliche verläuft und sagt: Da weiß man
nichts Rechtes. - Dann aber geht man weiter zurück: Da war der
Mensch noch in seiner tierischen Gestalt. - Geht man also die GeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 11
schichte zurück, so stellt man sich das Seelenleben so ziemlich unverändert vor, dann, im Nebel verschwimmend, das Bild und dann
der Mensch in tierischer Unvollkommenheit, so ein besseres Affenwesen.
Das ist ja ungefähr die gebräuchliche Vorstellung von heute. Sie
beruht eben auf einer außerordentlichen Befangenheit, denn man
bemüht sich, indem man eine solche Vorstellung ausbildet, gar
nicht zu erkennen, welch tiefgehende Unterschiede schon vorhanden
sind in der Seelenverfassung zwischen dem Menschen der Gegenwart
und einer verhältnismäßig gar nicht so weit zurückliegenden Zeit,
sagen wir, dem 11., 10., 9- nachchristlichen Jahrhundert, oder wie
groß der Unterschied in der Seelenverfassung ist zwischen einem
heutigen Menschen und einem Zeitgenossen des Mysteriums von
Golgatha oder gar einem heutigen Menschen und einem Griechen.
Und gehen wir dann in die orientalische Welt zurück, von der gewissermaßen die griechische Zivilisation eine Art Kolonie war, eine
Spätkolonie, so kommen wir in Seelenverfassungen des Menschen
hinein, die total verschieden sind von der Seelenverfassung des gegenwärtigen Menschen. Und ich möchte gleich an Beispielen, an
wirklichen Fällen Ihnen zeigen, wie der Mensch, der vor, sagen wir,
zehntausend Jahren etwa oder fünfzehntausend Jahren im Oriente
gelebt hat, ganz anders geartet war als wieder der Grieche und als
wir selbst etwa.
Stellen wir uns einmal unser Seelenleben vor das Seelenauge hin.
Nehmen wir irgend etwas aus unserem eigenen Seelenleben heraus.
Wir haben irgendein Erlebnis. Wir bilden uns von diesem Erlebnis,
an dem wir durch unsere Sinne oder sonst durch unsere Persönlichkeit beteiligt sind, eine Idee, einen Begriff, eine Vorstellung. Wir
behalten diese Vorstellung in unserem Denken, und sie kann wiederum nach einiger Zeit als Erinnerung aus unserem Denken in das bewußte Seelenleben heraufkommen. Sie haben heute, sagen wir,
irgendwelches Erinnerungserlebnis, das Sie zurückführt in Ihre wahrgenommenen Erlebnisse vor vielleicht zehn Jahren. Und nun fassen
Sie ganz genau, was das eigentlich ist. Etwas haben Sie vor zehn
Jahren erlebt. Sagen wir, Sie haben vor zehn Jahren eine Gesellschaft
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von Menschen besucht, Sie haben die Vorstellung bekommen von
jedem einzelnen dieser Menschen, deren Antlitz und so weiter. Sie
haben erlebt, was diese Menschen zu Ihnen gesagt haben, was Sie
mit ihnen gemeinsam getan haben und so weiter. Das alles kann im
Bilde heute vor Ihnen auftauchen. Es ist ein innerliches Seelenbild,
das von dem Ereignis von vielleicht vor zehn Jahren in Ihnen vorhanden ist. Und nicht nur nach der Wissenschaft, sondern nach
einem allgemeinen Gefühl, das allerdings heute von den Menschen
schon außerordentlich schwach erlebt wird, aber das vorhanden ist,
lokalisiert man eine solche Erinnerungsvorstellung, die ein Erlebnis
wiederum heraufbringt, im menschlichen Haupte. Man sagt sich: Im
Kopfe ist dasjenige vorhanden, was als Erinnerung an ein Erlebnis
da ist.
Nun, machen wir jetzt einen ziemlich großen Sprung zurück in
der Menschheitsentwickelung, und sehen wir uns Bevölkerungen der
orientalischen Gegenden einmal an, von denen unsere historisch
geschilderten Chinesen, Inder und so weiter eigentlich erst die Nachkommen sind. Also gehen wir wirklich Tausende von Jahren zurück.
Wenn wir da einen Menschen dieser alten Zeiten ins Auge fassen,
dann lebte der nicht so, daß er sagte: Ich habe in meinem Kopfe die
Erinnerung an irgend etwas, was ich im äußeren Leben erfahren
habe, durchgemacht habe. - Solch ein inneres Erlebnis hatte er gar
nicht, das gab es für ihn nicht. Er hatte nicht Gedanken, Ideen, die
seinen Kopf anfüllten. Die Oberflächlichkeit des gegenwärtigen
Menschen meint: Heute haben wir Ideen, Begriffe, Vorstellungen;
das haben die Menschen in der historischen Zeit immer gehabt. - So
ist es aber nicht.
Wenn wir mit geistiger Einsicht weit genug zurückgehen, so
treffen wir eben auf Menschen auf, die ganz und gar nicht Ideen,
Begriffe, Vorstellungen im Kopfe hatten, die nämlich nicht einen
solchen abstrakten Inhalt ihres Kopfes erlebten, sondern, so grotesk
es Ihnen erscheinen mag, die den ganzen Kopf erlebten, die ihre
Köpfe einfach spürten, einfach empfanden. Mit Abstraktionen in
unserem Sinne haben sich diese Menschen nicht abgegeben. Im
Kopfe Ideen zu erleben, das kannten sie eben nicht, aber ihren eigeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 13
nen Kopf erleben, das kannten sie. Und so wie Sie, wenn Sie ein
Erinnerungsbild haben an ein Erlebnis, dieses Erinnerungsbild auf
das Erlebnis beziehen, wie eine Relation besteht zwischen Ihrem
Erinnerungsbild und dem Erlebnis, das da draußen war, so bezogen
diese Menschen das Erlebnis ihres Kopfes auf die Erde, auf die ganze
Erde. Und sie sagten: Es gibt in der Welt die Erde, es gibt in der
Welt mich und an mir meinen Kopf. Und mein Kopf, den ich auf
meinen Schultern trage, der ist die kosmische Erinnerung an die
Erde. Die Erde ist früher dagewesen, mein Kopf später. Aber daß ich
einen Kopf habe, das ist die Erinnerung, die kosmische Erinnerung
an das Erdendasein. Das Erdendasein ist noch immer da, aber dasjenige, was die ganze Konfiguration, die ganze Gestaltung des Menschenkopfes ist, das ist in Relation zu der ganzen Erde. - Und so
fühlte ein solcher alter Orientale in seinem eigenen Haupte das
Wesen des Erdenplaneten selber. Er sagte: Die Götter haben aus
dem allgemeinen kosmischen Dasein herauserschaffen, herauserzeugt die Erde mit ihren Reichen der Natur, die Erde mit ihren
Flüssen und Bergen. Aber ich selber trage auf meinen Schultern
mein Haupt. Dieses Haupt ist ein getreues Abbild der Erde selber.
Dieses Haupt mit seinem in ihm fließenden Blute ist ein getreues
Abbild der über die Erde fließenden Fluß- und Meeresströmungen.
Dasjenige, was auf der Erde an Gebirgskonfiguration ist, wiederholt
sich in meinem eigenen Haupte in der Konfiguration meines Gehirnes. Ich trage auf meinen Schultern ein mir zugehöriges Abbild
des irdischen Planeten. - Genau so, wie der moderne Mensch sein
Erinnerungsbild auf sein Erlebnis bezieht, so bezog dieser Mensch
seinen ganzen Kopf auf den Erdenplaneten. Sehen Sie, das war eine
beträchtlich andere Innenanschauung des Menschen.
Und weiter. Wenn der Mensch den Umkreis der Erde empfindet
und in seine Anschauung faßt, dann wird ihm dieser Umkreis, das
Luftige, das die Erde umgibt, erscheinen als von der Sonne und ihrer
Wärme und ihrem Lichte durchsetzt, und man kann in gewissem
Sinne sagen, daß die Sonne lebt im Luftumkreise der Erde. Die Erde
öffnet sich dem Weltenall, indem sie ihre Wirkungen, die sie von
sich aussendet, dem Luftkreis übergibt und sich den SonnenwirCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 14
kungen erschließt. Und jeder Mensch empfand in diesen alten
Zeiten diejenige Gegend der Erde, auf der er gerade lebte, als ganz
besonders wichtig, als ganz besonders wesentlich. Und so, sagen wir,
empfand ein alter Orientale irgendeinen Teil der Erdoberfläche als
seinen Teil, unten die Erde, oben den sonnenzugekehrten Umkreis.
Das andere der Erde, links und rechts und vorne und rückwärts, das
verschwamm im mehr Allgemeinen (siehe Zeichnung, linker Teil).
Tafel !•
Wenn also etwa ein alter Orientale, auf indischem Boden lebend,
diesen indischen Boden als für ihn besonders wichtig empfunden
hat, dann verschwand ihm dasjenige, was sonst auf der Erde war,
ostwärts, südwärts, westwärts, im Allgemeinen. Da kümmerte er sich
nicht viel um die Art und Weise, wie die Erde angrenzt an die
übrigen kosmischen Räume. Dagegen war ihm der Boden, auf dem
er gerade war, besonders wichtig (siehe Zeichnung, links, rot). Das
* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 165. 15
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Hinausleben der Erde in den Weltenraum in dieser Gegend wurde
ihm besonders wichtig. Wie er atmen durfte auf diesem besonderen
Boden, das empfand er als ein für ihn besonders wichtiges Erlebnis.
Heute fragen sich die Menschen nicht viel: Wie atmet man auf
einem bestimmten Boden? - Sie stehen allerdings unter dem Einfluß günstigerer oder ungünstigerer Atmungsbedingung, aber ins Bewußtsein wird das nicht so aufgenommen. Ein solcher alter Orientale
hat eigentlich gerade in der Art und Weise, wie er atmen durfte, ein
tiefes Erlebnis gehabt, und so in anderem, was damit zusammenhing, wie die Erde an den Weltenraum hinausgrenzt.
Dasjenige, was die ganze Erde war, das empfand der Mensch als
das, was in seinem Haupte lebt. Aber das Haupt, es ist abgeschlossen
durch feste Knochenwände nach oben, nach den Seiten, nach hinten.
Aber es hat gewisse Ausgänge, ein gewisses freies Öffnen nach unten,
Tafel 1 nach dem Brustkorb (siehe Zeichnung Seite 15, rechts). Das war
für den alten Menschen von ganz besonderer Wichtigkeit, zu fühlen,
wie das Haupt mit einer relativen Freiheit sich gegen den Brustkorb
hin öffnet. Es empfand dieser Mensch die innere Konfiguration des
Hauptes als ein Abbild des Irdischen. Mußte er die Erde in Relation
mit seinem Haupte setzen, so mußte er den Umkreis, dasjenige, was
über der Erde ist, mit dem, was nun an das Untere in ihm geht, in
Relation setzen. Das Sich-Öffnen nach unten, das Zugekehrtsein
dem Herzen, das empfand der Mensch als zugeordnet dem Umkreis,
als Bild, als Öffnung der Erde in den Kosmos hinaus. Und ein gewaltiges Erlebnis war es für den Menschen, wenn er sagte: In meinem Haupte fühle ich die ganze Erde. Dieses Haupt ist eine kleine
Erde. Aber diese ganze Erde Öffnet sich in meinen Brustkorb hinein,
der mein Herz trägt. Und dasjenige, was da sich abspielt zwischen
meinem Haupte und meinem Brustkorb, meinem Herzen, das ist
das Abbild dessen, was sich zuträgt von meinem Leben hinaus in
den Kosmos, hinaus zu dem sonnenzugekehrten Umkreis. - Und es
war ein wichtiges, gründliches Erlebnis, wenn der alte Mensch sagte:
Hier, in meinem Haupte, lebt in mir die Erde. Gehe ich tiefer, so
kehrt sich die Erde der Sonne zu (siehe Pfeile), und das Abbild der
Sonne ist mein Herz.
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Da war der Mensch bei dem angekommen, was in der alten Zeit
entspricht unserem Gefühlsleben. Wir haben noch das abstrakte Gefühlsleben, aber wir wissen ja unmittelbar nichts von unserem Herzen. Durch die Anatomie, durch die Physiologie glauben wir etwas
davon zu wissen. Aber was da gewußt wird, das ist ja ungefähr ebensoviel wie dasjenige, was wir von einem in Papiermache nachgebildeten Herzen wissen. Das aber, was wir als Gefühlserlebnis der Welt
haben, das hatte der alte Mensch nicht. Er hatte dafür sein Herzerlebnis. Und wie wir unser Gefühl hinausbeziehen auf die Welt,
die mit uns lebt, wie wir empfinden, ob wir einen Menschen lieben,
ob wir einem Menschen antipathisch begegnen, diese oder jene
Blume lieben, dieser oder jener abgeneigt sind, wie wir unser Gefühl
auf die Welt beziehen, aber auf eine Welt, die, man möchte sagen,
in luftiger Abstraktion herausgerissen ist aus dem soliden festen
Kosmos, so bezog der alte Orientale sein Herz auf den Kosmos, das
heißt auf dasjenige, was von der Erde in den Umkreis ging, der
Sonne zu.
Und wir, wir sagen zum Beispiel heute, wenn wir gehen: Wir
wollen gehen. - Wir wissen, unser Wille lebt in unseren Gliedern.
Der Mensch des alten Orients, der hatte ein wesentlich anderes Erlebnis. Das, was wir heute Wille nennen, kannte er ja nicht. Es ist
ein bloßes Vorurteil, wenn man meint, daß dasjenige, was wir
Denken, Fühlen, Wollen nennen, bei den alten orientalischen Völkern vorhanden war. Das war es gar nicht. Sie hatten Kopferlebnisse,
die die Erdenerlebnisse waren, Brusterlebnisse oder Herzenserlebnisse, die die Erlebnisse des unmittelbaren Umkreises bis zur Sonne
waren. Die Sonne entspricht dem Herzenserlebnis. Aber sie hatten
dann das Sich-Dehnen und -Strecken in die Glieder, das Wahrnehmen der eigenen Menschlichkeit im Bewegen der Beine und
Füße, im Bewegen der Arme und Hände. Sie waren dadrinnen.
Aber in diesem das Innenwesen Hineindehnen in die Glieder empfanden sie doch nicht bloß ein Bild des Umkreises der Erde, sondern
sie empfanden direkt ein Bild des Zusammenhanges des Menschen
mit den Sternen weiten (siehe Zeichnung Seite 15). In meinem
Kopfe habe ich ein Bild der Erde. In dem, was sich im Kopfe frei
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nach unten dehnt in die Brust hin zum Herzen, habe ich ein Bild
dessen, was im Umkreise der Erde ist. In dem, was ich als die Kräfte
meiner Arme und Hände, meiner Füße und Beine empfinde, habe
ich das, was abbildet das Verhältnis der Erde zu den weit im Weltenraum draußen lebenden Gestirnen.
So daß der Mensch, der in jenen alten Zeiten seine Erlebnisse ausdrückte, die er hatte als, wie wir es heute nennen würden, wollender
Mensch, nicht gesagt hat: Ich gehe. - Schon in den Worten lag das
nicht. Er hat auch nicht gesagt: Ich setze mich. - Wenn man die
alten Sprachen auf diese feinen Inhalte prüfen würde, würde man
überall finden, daß für die Tatsache, die wir bezeichnen als: Ich
gehe -, das alte Orientalische hatte: Mars impulsiert mich, Mars ist
in mir tätig. - Das Vorwärtsgehen, das war das Empfinden der Marsimpulse in den Beinen. Das Angreifen von irgend etwas, das Gefühl
mit den Händen war so ausgedrückt, daß man sagte: Venus wirkt in
mir. - Das Zeigen von etwas, das Weisen, auch wenn ein grober
Mensch einem anderen etwas dadurch weisen wollte, daß er ihm
einen Tritt gab, alles Weisen wurde so ausgedrückt, daß man sagte,
Merkur wirke in dem Menschen. Das Niedersetzen war die Jupitertätigkeit in dem Menschen. Und das Niederlegen, ob es nun im
Ausruhen war, ob es aus Faulenzerei war, das war ausgedrückt dadurch, daß man sagte, man gebe sich den Impulsen des Saturn hin.
Also man fühlte in seinen Gliedmaßen die Weiten des Kosmos draußen. Der Mensch wußte: wenn er von der Erde aus in die Weltenweiten geht, dann kommt er von der Erde in den Umkreis, in die
Gestirnsphäre. Wenn er von seinem Haupte nach abwärts geht,
macht er dasselbe in seiner eigenen Wesenheit durch. In seinem
Haupte ist er in der Erde, in seinem Brustkorb und Herzen im Umkreise, in seinen Gliedmaßen im Sternenkosmos draußen.
Ich möchte sagen, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus
kann man das durchaus sagen: Ach, wir armen Menschen der Gegenwart, wir erleben die abstrakten Gedanken. Was sind sie viel? Wir
sind ja sehr stolz darauf, aber wir vergessen über den selbst gescheitesten abstrakten Gedanken unseren Kopf. Und unser Kopf ist viel
inhaltsreicher als unsere allergescheitesten Gedanken. Eine einzige
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Gehirnwindung - Anatomie und Physiologie wissen ja nicht viel von
dem wunderbaren Geheimnis der Gehirnwindungen - ist etwas
Großartigeres, Gewaltigeres als die genialste abstrakte Wissenschaft
irgendeines Menschen. - Und es gab eben einmal eine Zeit auf der
Erde, wo der Mensch sich bewußt war nicht bloß seiner armseligen
Gedanken, sondern seines Kopfes, wo er den Kopf empfand, wo er
empfand, meinetwillen sagen wir, den Vierhügelkörper oder die
Sehhügel, wo er sie empfand in ihrer Nachbildung einer gewissen
physischen Gebirgskonfiguration der Erde; wo der Mensch nicht
bloß aus irgendeiner abstrakten Lehre heraus das Herz auf die Sonne
bezog, sondern wo er empfand: Wie mein Haupt zu meiner Brust,
zu meinem Herzen, so steht die Erde im Verhältnis zur Sonne.
Es war das die Zeit, in welcher der Mensch mit seinem ganzen
Leben eben mit dem Weltenall, mit dem Kosmos zusammengewachsen war. Aber dieses Zusammengewachsensein, das drückte sich
in seinem ganzen Leben aus. Wir sind ja gerade dadurch, daß wir
an die Stelle unseres Kopfes das armselige Denken setzen, allerdings
in die Lage versetzt, gedankliche Erinnerungen zu haben. Wir
bilden uns Gedankenbilder von dem, was wir durchlebt haben, als
abstrakte Erinnerungen unseres Kopfes. Das konnte derjenige, der
nicht die Gedanken hatte, sondern noch seinen Kopf empfand,
nicht. Der konnte sich nicht Erinnerungen bilden. Kam man daher
nach jenen Gegenden des uralten Orients, in denen die Leute sich
noch ihrer Köpfe bewußt waren, aber keine Gedanken hatten, also
auch keine Erinnerungen hatten, dann findet man in besonderer
Ausbildung etwas, was wir wiederum gerade beginnen, nötig zu
haben. Eine lange Zeit hatten es die Menschen nicht nötig, und es
ist ja eigentlich auch nur eine kleine Schlamperei unseres Seelenlebens, daß wir es wieder nötig haben. Wenn man in jener Zeit, von
der ich spreche, in die Gegenden kam, wo die Menschen lebten, die
sich ihres Kopfes, ihrer Brust, ihres Herzens, ihrer Gliedmaßen so
bewußt waren, wie ich es geschildert habe, dann sah man überall: da
ist irgendein kleiner Pflock in die Erde hineingesetzt und irgendein
Zeichen daraufgesetzt, da ist an irgendeine Wand irgendein Zeichen gemacht. Alle Lebensgebiete, alle Lebensörtlichkeiten der
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Menschen waren mit lauter Merkzeichen übersät, denn man hatte
noch nicht ein Gedankengedächtnis. Wo irgend etwas geschah, da
stellte man gewissermaßen ein kleines Denkmal auf, und wenn man
wieder hinkam, dann erlebte man an dem Merkzeichen, das man
machte, die Sache wieder. Der Mensch war eben zusammengewachsen in seinem Haupte mit der Erde. Heute macht er bloß eine Notiz
in seinem Kopfe - und ich sagte ja schon, wir beginnen schon wiederum damit, Notizen nicht nur im Kopfe zu machen, sondern in
unseren Notizbüchern und dergleichen, aber ich sagte auch, das ist
ja bloß eine Schlamperei der Seele, aber wir werden es immer mehr
und mehr brauchen; aber dazumal gab es das nicht, Notizen im
Kopfe zu machen, weil die Gedanken, die Ideen eben nicht vorhanden waren; da wurde alles übersät von Merkzeichen. Und aus
dieser naturgemäßen Anlage der Menschen entstand ja das Denkmalwesen.
Alles, was in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit aufgetreten ist, ist ja aus dem Inneren der menschlichen Natur heraus
bedingt. Man sollte nur ehrlich sein und sich gestehen: Die eigentliche tiefere Grundlage des Denkmalwesens, die kennt ja der gegenwärtige Mensch gar nicht. Er macht aus Gewohnheit Denkmäler.
Aber diese Denkmäler sind die Überreste jener alten Merkzeichen,
wo der Mensch noch nicht ein solches Gedächtnis hatte wie heute,
sondern wo er darauf angewiesen war, an der Stelle, an der er etwas
erlebt hatte, ein Merkzeichen anzubringen, und wenn er wieder hinkam, eben das aufleben zu lassen in seinem Kopfe, der alles das aufleben läßt, was irgendwie mit der Erde in Verbindung ist. Der Erde
übergeben wir dasjenige, was der Kopf erlebt hat - das war Prinzip
in alten Zeiten.
Und ich möchte sagen: Wir haben im alten Oriente eine uralte
Zeit zu verzeichnen, die Zeit der lokalisierten Erinnerungen, wo
eigentlich alles Erinnerungsmäßige gebunden ist daran, daß man
Erinnerungszeichen auf die Erde hinstellte. Die Erinnerung war
nicht dadrinnen, die war draußen, überall waren Denkzettel und
Denksteine. Man stellte Erinnerungszeichen auf die Erde hin. Das
war das lokalisierte Gedächtnis, die lokalisierte Erinnerung.
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Für eine spirituelle Entwickelung des Menschen ist es heute noch
außerordentlich gut, wenn er etwas anknüpft an dieses nicht im
Inneren des Menschen befindliche Erinnerungsvermögen, sondern
an jenes Erinnerungsvermögen, das eben eigentlich im Zusammensein des Menschen mit der irdischen Außenwelt sich entfaltet und
gestaltet; wenn er sich zum Beispiel sagt: Ich will mich nicht erinnern
an dies oder jenes, sondern ich mache mir da oder dort ein Merkzeichen - oder: Ich will überhaupt über gewisse Dinge nur in
Gemäßheit von Merkzeichen innere seelische Empfindungen entwickeln. Ich will in meinem Zimmer in einer Ecke ein Madonnenbild aufstellen, und ich will, indem das Madonnenbild vor meine
Seele tritt, dasjenige erleben, was ich eben in der Hinlenkung
meiner Seele zur Madonna erleben kann. - Denn es ist eine feine
Beziehung zu solchen Einrichtungen wie dem Madonnenbilde, das
wir in den Wohnungen antreffen, wenn wir nur ein wenig nach dem
Osten kommen. Nicht nur in Rußland ist es so, es ist ja überall schon
auch im mittleren Osteuropa. Das alles sind im Grunde genommen
Überreste aus der Zeit der lokalisierten Erinnerungen. Die Erinnerung
haftet außen an dem Orte.
Aber ein zweites Stadium ist das andere, wo der Mensch übergeht
von der lokalisierten Erinnerung zu der rhythmisierten Erinnerung.
Wir haben also erstens die lokalisierte Erinnerung, zweitens die rhythmisierte Erinnerung. Da hatte der Mensch nun nicht aus irgendeiner
schlauen bewußten Finessp heraus, sondern aus seiner inneren Wesenheit heraus das Bedürfnis entwickelt, im Rhythmus zu leben. Er
hatte das Bedürfnis entwickelt, wenn er irgend etwas gehört hatte,
das so in sich zu reproduzieren, daß ein Rhythmus herauskam. Wenn
er die Kuh erlebte - Muh - , dann nannte er sie nicht Muh allein,
sondern Muhmuh oder meinetwillen sogar in älteren Zeiten
Muhmuhmuh. Das heißt, er türmte das Wahrgenommene so übereinander, daß ein Rhythmus herauskam. In manchen Wortbildungen können Sie das heute noch verfolgen, zum Beispiel der
Gaugauch oder Kuckuck. Oder auch dann, wenn die Wortbildungen nicht unmittelbar hintereinander stehen, sehen Sie wenigstens, wie bei Kindern das Bedürfnis noch vorhanden ist, diese
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Wiederholungen auszubilden. Das ist noch eine Erbschaft aus der
Zeit, wo die rhythmisierte Erinnerung Platz gegriffen hat, wo man
nichts erinnerte, was man nur einfach erlebte, wo man nur dasjenige
erinnerte, was man in Rhythmisierung, also in Wiederholungen, in
rhythmischer Wiederholung erlebte. Und so mußte wenigstens
zwischen dem, was aufeinanderfolgte, eine Ähnlichkeit sein: Mann
und Maus, Stock und Stein. Diese Rhythmisierung des Erlebten, das
ist ein letzter Rest einer hochgradigen Sehnsucht, überall zu
rhythmisieren, denn was nicht rhythmisiert wurde in dieser zweiten
Epoche, nach dem lokalisierten Gedächtnisse, das behielt der
Mensch nicht. Und aus diesem rhythmisierten Gedächtnisse hat
sich dann eigentlich die gesamte ältere Verskunst herausgebildet,
überhaupt die versifizierte Dichtung. Und erst als dritte Stufe hat
sich dasjenige gebildet, was wir heute noch kennen: die .zeitliche Erinnerung, wo wir nicht mehr räumlich in der Außenwelt den Angriffspunkt der Erinnerung haben, wo wir auch nicht mehr angewiesen sind auf den Rhythmus, sondern wo dasjenige, was sich
in die Zeit hineinstellt, später wieder hervorgerufen werden kann.
Dieses unser ganz abstraktes Gedächtnis ist erst die dritte Stufe in
der Gedächtnisentwickelung.
Und nun fassen Sie den Zeitpunkt genau ins Auge, wo in der
Menschheitsentwickelung gerade übergeht die rhythmische Erinnerung in die Zeiterinnerung, wo das zuerst auftritt, was uns in unserer
jämmerlichen Abstraktheit des modernen Menschen ganz selbstverständlich ist: das Zeitgedächtnis, wo wir im Bilde das hervorrufen,
was wir hervorrufen; wo wir nicht mehr so erleben, daß wir in halb
oder ganz unbewußter Tätigkeit etwas in rhythmischer Wiederholung wachgerufen haben müssen, wenn es wieder aufsteigen sollte.
Nehmen Sie diesen Zeitpunkt des Überganges der rhythmischen
Erinnerung in die zeitliche Erinnerung, dann haben Sie jenen Zeitpunkt, wo der alte Orient eben nach Griechenland herüber kolonisiert, jenen Zeitpunkt, der Ihnen in der Geschichte geschildert wird
als die Entstehung der von Asien herüber nach Europa begründeten
Kolonien. Was die Griechen erzählen von jenen Heroen, die von
Asien oder Ägypten gekommen sind und sich auf griechischem
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Boden niedergelassen haben, das ist eigentlich die Erzählung, die da
heißen müßte: Es zogen aus einmal aus dem Lande, wo da war das
rhythmische Gedächtnis, die großen Helden und suchten ein Klima
auf, wo das rhythmische Gedächtnis übergehen konnte in das zeitliche Gedächtnis, in die zeitliche Erinnerung.
Damit haben wir den Zeitpunkt des Aufganges des Griechentums streng bezeichnet. Denn was im Oriente als das Mutter- und
Stammland des Griechentums dagestanden hat, das ist im Grunde
genommen ein Menschengebiet mit ausgebildetem rhythmischem
Gedächtnis. Da hat der Rhythmus gelebt. Und eigentlich ist der alte
Orient nur dann richtig begriffen von dem Menschen, wenn er ihn
vorstellt als das Land des Rhythmus. Und wenn das Paradies nur so
weit zurückversetzt wird, als die Bibel es zurückversetzt, dann würden wir, wenn wir das Paradies nach Asien verlegen, es uns vorzustellen haben als das Gebiet, wo die reinsten Rhythmen durch den
Kosmos erklangen und im Menschen wiederum anfeuerten das, was
sein rhythmisches Gedächtnis war, wo der Mensch als RhythmusErleber in einem Kosmos als Rhythmus-Erzeuger lebte.
Fühlen Sie einmal in der Bhagavad Gita noch etwas nach von
dem, was einstmals jenes grandiose Rhythmus-Erleben war, fühlen
Sie es nach in der Vedenliteratur, fühlen Sie es selbst in vielem
nach, was auch westasiatische Dichtung und westasiatisches Schrifttum ist, wenn wir dieses moderne Wort gebrauchen dürfen: da
leben die Nachklänge des einstmals ganz Asien mit majestätischem
Inhalt durchgreifenden Rhythmus, der sich widerspiegelte als das
Geheimnis des Umkreises der Erde in dem menschlichen Brustkorb,
in dem menschlichen Herzen. Und dann kommen wir in noch ältere
Zeiten, wo die rhythmische Erinnerung nach rückwärts zurückverläuft in das lokalisierte Gedächtnis, wo die Menschen noch nicht
rhythmische Erinnerungen hatten, wo die Menschen darauf angewiesen waren, da, wo sie etwas erlebt hatten, das Merkzeichen hinzustellen. Wenn sie nicht an diesem Orte waren, brauchten sie das
nicht; wenn sie an diesen Ort kamen, mußten sie sich erinnern. Aber
nicht sie erinnerten sich, das Merkzeichen, die Erde erinnerte sie.
Wie die Erde überhaupt dasjenige ist, was den menschlichen Kopf
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als sein Abbild hat, so hat nun das Merkzeichen in der Erde für diese
Menschen der lokalisierten Erinnerungen im Kopfe sein Abbild
wiederum hervorgerufen. Der Mensch lebt ganz mit der Erde, der
Mensch hat sein Gedächtnis ganz in seiner Verbindung mit der
Erde. Das Evangelium erinnert daran nur noch an einer Stelle, wo es
mitteilt, daß der Christus etwas in die Erde hineinschreibt.
Und wir haben einen Zeitpunkt festgehalten, wo die lokalisierte
Erinnerung übergeht in die rhythmische Erinnerung. Das ist der
Zeitpunkt, wo während des Unterganges der alten Atlantis von westwärts nach ostwärts, nach Asien hinüber, die uralten nachatlantischen Völker wandern. Denn wir haben, wenn wir von Europa
nach Asien hinübergehen, erst die Wanderung von der alten Atlantis, die ja heute der Boden des Atlantischen Ozeans ist, hinüber
nach Asien (siehe Zeichnung), und die Zurückwanderung der Kultur wiederum nach Europa. Beim Herüberwandern der atlantischen
Völker nach Asien haben wir den Übergang der lokalisierten Erinnerung in die rhythmisierte Erinnerung, die ihre Vollendung im asiatischen Geistesleben hat. Dann haben wir bei der Kolonisation nach
Griechenland herüber den Übergang von der rhythmischen Erinnerung zu der Zeiterinnerung, die wir heute noch in uns tragen.
Tafd 2 fi$iet>tc
Und in dieser Ausbildung der Erinnerung liegt die ganze Zivilisation zwischen der atlantischen Katastrophe und der Entstehung der
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griechischen Zivilisation, liegt alles das, was mehr legendenhaft,
mehr sagenhaft als historisch vom alten Asien zu uns herübertönt.
Nicht dadurch lernen wir die Entwickelung der Menschen auf der
Erde kennen, daß wir das Äußere vor allen Dingen ins Auge fassen,
daß wir die äußeren Dokumente prüfen, sondern daß wir die Entwickelung dessen, was im Inneren des Menschen lebt, ins Auge
fassen, daß wir ins Auge fassen, wie so etwas wie das Erinnerungsvermögen, die Erinnerungsfähigkeit sich von außen nach dem
Inneren entwickelt hat.
Sie wissen ja alle, was diese Erinnerungsfähigkeit für den heutigen Menschen bedeutet. Sie werden schon gehört haben von Menschen, die plötzlich in krankhafter Weise irgendeinen Teil ihres
Lebens, an den sie sich erinnern sollten, ausgelöscht haben. Jemand,
mit dem ich befreundet war, hat vor seinem Tode ein furchtbares
Schicksal dadurch erfahren, daß es ihm passierte, daß er eines Tages
sich aus seinem Heim entfernte, sich auf der Bahnstation ein Billett
kaufte bis zu einem bestimmten Punkt, dann ausstieg, sich wieder
eins kaufte; das alles, indem die Erinnerung an sein Leben bis zum
Kaufen dieses Billetts momentan in ihm ausgelöscht war. Er tat alles
klug, der Verstand war ganz intakt; das Gedächtnis war ausgelöscht.
Und er fand sich dann wiederum, indem das Gedächtnis wieder anknüpfte an früher, in einem Obdachlosenasyl in Berlin, in welchem
er sich eingefunden hatte. Man konnte nachher konstatieren, daß er
in der Zwischenzeit in halb Europa herumgereist ist, ohne daß er
dieses Erlebnis verbinden konnte mit seinen früheren Erlebnissen.
Das Gedächtnis dämmerte erst wieder auf, nachdem er auf ihm ganz
unbekannte Weise in dieses Berliner Asyl für Obdachlose gekommen
ist. Das ist nur ein Beispiel für zahlreiche Fälle, die uns im Leben ja
entgegentreten, wo wir sehen, wie das seelische Leben des modernen
Menschen eben einfach nicht intakt ist, wenn nicht der Erinnerungsfaden bis zu einem gewissen Zeitpunkt nach unserer Geburt unabgerissen ist.
Das war bei denjenigen Menschen, bei denen die lokalisierte Erinnerung ausgebildet war, nicht der Fall. Die kannten überhaupt
diesen Erinnerungsfaden nicht. Aber sie wären unglücklich in ihrem
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Seelenleben gewesen, sie wären so geworden, wie wir werden, wenn
etwas in uns das Selbst auslöscht, wenn sie nicht überall auf ihrem
Boden umgeben gewesen wären von Denkzeichen, die sie an das
erinnerten, was sie selbst erlebt haben, von Denkzeichen, die sie
selber überall errichtet hatten, aber auch von Denkzeichen, die ihre
Väter, ihre Schwestern, Brüder und so weiter errichtet hatten, die in
ihrer Konfiguration ähnlich schauten ihren eigenen Denkzeichen,
und die sie daher zu Verwandtem hinbrachten. Aber dasjenige, was
wir innerlich als die Bedingung unseres intakten Selbstes empfinden,
das war für diese Menschen ein Äußerliches.
Nur dadurch, daß wir diesen Seelenwandel in der Menschheit vor
unserer Seele vorüberziehen lassen, kommen wir auf die ganze Bedeutung dieses Seelenwandels in der historischen Entwickelung der
Menschheit. Dadurch, daß man so etwas betrachtet, bekommt die
Geschichte erst ihr Licht. Und ich wollte zunächst einmal an einem
besonderen Beispiel aufweisen, wie die Seelengeschichte der Menschheit in bezug auf das Erinnerungsvermögen ist. Wir wollen dann in
den nächsten Tagen sehen, wie sich die historischen Ereignisse in
ihrer wahren Gestalt erst zeigen werden, wenn wir sie beleuchten
können mit dem Lichte, das so von der menschlichen Seelenkunde
her genommen ist. |