Zwischen der Offenbarung Asiens und der gegenwärtigen Wirkungsgeschichte des Aristotelismus
SECHSTER VORTRAG, 29. Dezember 1923
Die Übergangszeit zwischen Alexander und Julian Apostata. Die Kultur davor: getragen von den Impulsen der Mysterien; danach: vom Persönlichkeitsprinzip. Der Zusammenhang der Weltengliederung nach Geisterland, Seelenwelt und physischer Welt mit der Gliederung des welthistorischen Prozesses. Die Verwandlung der Erinnerungsfähigkeit zum persönlichen Zeitgedächtnis; Geschichtsschreibung; Tradition. Das Mysterium von Golgatha und die Mysterien von Hybernia. Das Fortwirken der Impulse des Aristoteles: durch Alexander dringt das NaturgeistWissen in den Osten, erst im Mittelalter abgeschwächt in das Abendland;
durch Theophrast gelangen die logischen Schriften in den Westen. Der Charakter der aristotelischen Logik als geistiger Schulung. Fortleben des aristotelischen Naturgeist-Wissens in der Unscheinbarkeit der Volksweisheit. Paracelsus, Böhme u.a. Der Abstieg der geistigen Bildung seit Griechenland: Gymnast, Rhetor, Doktor. Die letzten Ausläufer des Aristotelismus im 19. Jahrhundert ermöglichen gerade noch ein Wiederanknüpfen an die alte Offenbarung. Der Brand von Ephesus und der Brand des Goetheanum.
| Seite | Text |
| 98 |
sechs bis acht Jahrhunderten gibt, diese Zeit ist für das Verständnis
der Geschichte des Abendlandes in ihrem Anschlüsse an das Morgenland ganz besonders wichtig. Das Wesentliche der Ereignisse,
von denen ich in den vergangenen Tagen gesprochen habe und die
da gipfelten im Auftreten des AristoteHsmus und in den Alexanderzügen von Makedonien nach Asien hinüber, das Wesentliche dieser
Ereignisse ist, daß sie eine Art von Abschluß bilden für jene Zivilisation des Orients, die noch ganz und gar getaucht war in die Impulse des Mysterienwesens.
Der letzte Abschluß sozusagen dieser noch echten, reinen Mysterienimpulse des Orients war ja der frevlerische Brand von Ephesus.
Und wir haben es dann zu tun mit demjenigen, was sozusagen für
Europa, für Griechenland, dann übrigbleibt an Mysterientradition,
an Schattenbildern, möchte ich sagen, der alten gottdurchdrungenen Zivilisation. Und vier Jahrhunderte nach dem Mysterium von
Golgatha können wir sozusagen sehen durch ein anderes Ereignis,
was noch vorhanden war von den Trümmern des Mysterienwesens.
Wir können es sehen an Julianus Apostata. Julianus Apostata, der
römische Kaiser, wird im 4. Jahrhundert in dasjenige eingeweiht, in
das man eben eingeweiht werden konnte, von einem der letzten
Hierophanten der eleusinischen Mysterien. Das heißt, Julianus Apostata erfuhr ebensoviel von dem, was die älteren Göttergeheimnisse
des Orients waren, als im 4. nachchristlichen Jahrhundert in den
Eleusinien noch zu erfahren war.
Damit haben wir an einem Punkt, dem Ausgangspunkt eines
gewissen Zeitalters, den Brand von Ephesus stehen. An dem Tage
des Brandes von Ephesus ist der Geburtstag Alexanders des Großen.
Wir haben am Ende dieser Epoche stehen, 363, den Todestag, den
gewaltsamen Tod Julianus Apostatas drüben in Asien. Man möchte
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Vei waltung Buch:233 Seite: 98
sagen: Mitten drinnen in diesem Zeiträume steht das Mysterium von
Golgatha. Und nun sehen wir uns einmal an, wie sich dieser Zeitraum, den ich eben begrenzt habe, eigentlich ausnimmt in der ganzen Entwickelungsgeschkhte der Menschheit. Wir haben ja jetzt die
merkwürdige Tatsache vor uns liegen, daß, wenn wir zurückschauen
wollen jenseits dieses Zeitraumes in die Entwickelung der Menschheit hinein, wir etwas tun müssen in unserem Anschauen, das sehr
ähnlich ist einem anderen. Nur bringen wir die beiden Dinge oftmals nicht zusammen.
Erinnern Sie sich, wie ich genötigt war darzustellen in meiner
«Theosophie» die Welten, die für uns in Betracht kommen: die physische Welt, daran grenzend eine Übergangswelt, die Seelenwelt,
und dann als die Welt, in die nur Eintritt gewinnen kann der
höchste Teil des Menschen, das Geisterland. Und wenn man absieht
von den besonderen Eigentümlichkeiten dieses Geisterlandes, das
gegenwärtig der Mensch durchmacht zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt, wenn man so auf die allgemeinen Eigentümlichkeiten des Geisterlandes sieht, dann ist es so, daß wir in ganz ähnlicher Weise, wie wir umorientieren müssen unsere Seelenverfassung, um dieses Geisterland zu begreifen, umorientieren müssen
unsere Seelenverfassung, um dasjenige zu begreifen, was jenseits
dieses Zeitpunktes liegt. Mit den Begriffen und Vorstellungen, die
auf die heutige Welt anwendbar sind, sollen wir nur ja nicht glauben, dasjenige verstehen zu können, was hinter dem Brande von
Ephesus liegt. Da muß man andere Begriffe und Vorstellungen ausbilden, die einem eben gestatten, hinzuschauen auf Menschen, die
noch wußten, daß sie, so wie der Mensch im Atmungsprozesse mit
der äußeren Luft, sie durch ihre Seele fortdauernd mit den Göttern
zusammenhängen.
Und nun, sehen wir uns an diese Welt, die gewissermaßen ein
irdisches Devachan, ein irdisches Geisterland ist, denn die physische Tafel 9
Welt nützt nichts für diese Welt. Dann haben wir jene Zwischenzeit
von meinetwillen 356 vor Christus bis 363 nach Christus. Und was
liegt nun jenseits davon? Jenseits davon gegen Asien hin, jenseits
gegen Europa zu liegt die Welt, aus der die gegenwärtige MenschCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite: 99
Tafel 9
heit eben im Begriffe ist ebenso herauszukommen, wie die alte
Menschheit aus der orientalischen Welt über die griechische ins
Römerreich hineingekommen ist (siehe Zeichnung). Denn dasjenige,
was durch die Jahrhunderte des Mittelalters bis in unsere Zeiten herein sich als Zivilisation entwickelt hat, das ist eine Zivilisation, welche
sich gebildet, entfaltet hat, abgesehen von dem eigentlichen Inneren
des Mysterienwesens, welche sich entwickelt hat auf der Grundlage
dessen, was der Mensch mit seinen Begriffen und Vorstellungen ausbilden kann. In Griechenland hatte es sich schon vorbereitet seit
Herodot, der in äußerlicher Weise die Tatsachen der Geschichte beschrieben hat und nicht mehr an das Geistige oder wenigstens nur
höchst mangelhaft an das Geistige herangetreten ist. Dann bildet
sich das immer mehr und mehr aus. Aber in Griechenland bleibt
immer noch etwas von dem Hauche jener Schattenbilder, die an das
geistige Leben erinnern sollten. In Rom dagegen beginnt jenes Zeitalter, dem die Menschheit der Gegenwart noch verwandt ist, jenes
Zeitalter, das in einer ganz anderen Weise eine Seelenverfassung
hat, als selbst diejenige Griechenlandes noch war. Nur solch eine
Persönlichkeit wie Julianus Apostata empfindet etwas wie eine unbesiegliche Sehnsucht nach der alten Welt, und er läßt sich mit einer
gewissen Ehrlichkeit in die eleusinischen Mysterien einweihen. Aber
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Veiwaltung Buch: 233 Seite: 10 0
es hat keine Erkenntniskraft mehr, was er da bekommt. Und vor
allen Dingen, er entstammt einer Welt, die mit dem Inneren der
Seele nicht mehr voll ergreifen kann, was da an Traditionen aus dem
Mysterienwesen des Orients vorhanden war.
Die heutige Menschheit wäre nimmermehr entstanden, wenn
eben nicht auf Asien Griechenland, Rom gefolgt wäre. Die heutige
Menschheit ist jene Menschheit, die auf Persönlichkeit, auf die individuelle Persönlichkeit des Einzelnen gebaut ist. Die orientalische
Persönlichkeit, die orientalische Menschheit war nicht auf die individuelle Persönlichkeit des Einzelnen gebaut. Der einzelne fühlte sich
als ein Glied des fortlaufenden göttlichen Prozesses. Die Götter
hatten ihre Absichten mit der Erdenentwickelung, die Götter
wollten dies oder jenes; daher geschah dies oder jenes hier unten auf
der Erde. Im Willen der Menschen wirkten inspirierend die Götter.
Alles dasjenige, was die machtvollen Persönlichkeiten, auf die ich
Ihnen hingedeutet habe, im Orient getan haben, war Götterinspiration. Die Götter wollten, und die Menschen taten. Und die Mysterien
waren gerade dazu angetan in den älteren Zeiten, dieses Götterwollen und Menschentun in die richtigen Geleise zu bringen.
Erst in Ephesus war das anders geworden. Da waren, wie ich
Ihnen sagte, die Mysterienschüler auf ihre eigene Reife, nicht mehr
auf Jahreszeitenlauf angewiesen. Da war zuerst die erste Spur von
Persönlichkeit aufgetreten. Da hatten auch Aristoteles und Alexander der Große in früheren Inkarnationen den Impuls der Persönlichkeit empfangen. Aber nun kam die Zeit, die ihre Morgendämmerung da hat, wo Julianus Apostata die letzte Sehnsucht bekommt, ein Mensch des Mysterienwesens des Orients zu sein. Nun
kommt die Zeit, in der es in der menschlichen Seele ganz anders
wird, als es selbst in Griechenland war.
Stellen Sie sich noch solch einen Menschen vor, der in den ephesischen Mysterien etwa seine Schulung erlangt hat. Nicht durch die
ephesischen Mysterien, sondern dadurch, daß er in jener Zeit lebte,
war es so in seiner Seele. Sehen Sie, wenn heute ein Mensch sich
besinnt, wie man sagt, auf was kann er sich besinnen? Er kann sich
besinnen auf irgend etwas, was er persönlich seit seiner Geburt erCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 3 3 Seite: 101
lebt hat. Da ist ein Mensch von einem bestimmten Alter; er besinnt
sich auf dasjenige, was er vor zwanzig, dreißig Jahren erlebt hat. Die
innere Gedankenbesinnung führt nicht weiter als in das persönliche
Leben. So war es nicht bei den Menschen, die zum Beispiel noch die
ephesische Zivilisation mitmachten. Wenn diese nur eine Spur jener
Schulung hatten, die in Ephesus zu erlangen war, dann kam es, indem sie sich besannen, daß auftauchten in ihrer Seele, wie heute die
Erinnerungen an das persönliche Leben auftauchen, die Ereignisse
des vorirdischen Daseins und auch die Ereignisse, die der Erdenentwickelung in den einzelnen Reichen der Natur vorangegangen
sind: Mondenentwickelung, Sonnenentwickelung. Da konnte man
in sich hineinschauen, und man schaute Kosmisches, Verbindung
des Menschen mit Kosmischem, gleichsam das Hängen des Menschen
an dem Kosmischen. Das, was in der menschlichen Seele lebte, war
Selbsterinnerung.
Wir können also sagen: Wir haben da ein Zeitalter, jenes Zeitalter, in dem man in Ephesus erleben konnte die Weltgeheimnisse.
Da war ein Erinnern der Menschenseele an die Vorzeit im Kosmos.
Diesem Erinnern ging voran ein wirkliches Drinnenleben in der Vorzeit. Es blieb davon einfach ein Hineinschauen in die Vorzeit. In
der Zeit, von der das Gilgamesch-Epos erzählt, da können wir nicht
sagen: Erinnern der Menschenseele an die Vorzeit im Kosmos; da
müssen wir sagen: ein Erleben der Vorzeit in der Gegenwart. - Nun
kommt jener Zeitraum von Alexander bis Julianus Apostata. Wir
wollen ihn zunächst auslassen. Und dann kommen wir zu dem Zeitalter, aus dem die abendländische Zivilisation des Mittelalters und
der Neuzeit herausgewachsen ist. Da gab es nicht mehr ein Erinnern
der Menschenseele an die Vorzeit im Kosmos, nicht mehr ein Erleben der Vorzeit in der Gegenwart, sondern da gab es nur noch
Tradition.
Tafel 10 Erstens: Erleben der Vorzeit in der Gegenwart.
Zweitens: Erinnern der Menschenseele an die Vorzeit
im Kosmos.
Drittens: Tradition.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite:102
Man konnte dasjenige aufschreiben, was geschehen ist. Geschichte entstand. Diese Geschichte beginnt mit dem römischen Zeitalter.
Denken Sie sich den gewaltigen Unterschied! Denken Sie sich die
Zeit, die mitgemacht wurde von den älteren ephesischen Schülern.
Die brauchten keine Geschichtsbücher. Aufschreiben dasjenige, was
geschehen ist, wäre ihnen lächerlich erschienen. Denn man mußte
nachdenken, genügend tief nachdenken, dann kam herauf aus dem
Untergrunde des Bewußtseins dasjenige, was geschehen ist. Und
kein moderner Medikus war da, der das als Psychoanalyse darstellte,
sondern es war gerade das Entzücken der Menschenseele, in dieser
Weise heraufzuholen aus einem lebendigen Erinnern dasjenige,
was einstmals da war.
Dann kam die Zeit, in der die Menschheit als solche vergessen
hatte und notdürftig aufschreiben mußte dasjenige, was geschehen ist. Aber während die Menschheit das verkümmern lassen
mußte, was früher in der Menschenseele kosmische Erinnerungskraft
war, während die Menschheit stümperhaft anfangen mußte aufzuschreiben die Weltereignisse, Geschichte zu schreiben und so weiter,
während der Zeit entwickelte sich im menschlichen Inneren das persönliche Gedächtnis, die persönliche Erinnerung. -Jedes Zeitalter
hat seine besondere Mission, seine besondere Aufgabe. - Sie haben
hier die andere Seite desjenigen, was ich schon in den allerersten
Vorträgen so dargelegt habe, daß das Zeitengedächtnis auftrat.
Dieses Zeitengedächtnis hatte seine erste Wiege in Griechenland,
entwickelte sich aber dann eben durch die römisch-romanische Kultur in das Mittelalter herein bis in die Neuzeit herauf. Und daß zur
Zeit des Julianus Apostata schon durchaus die Keime gelegt waren
zu dieser Persönlichkeitskultur, dafür ist eben ein Beweis, daß es
Julianus Apostata im Grunde genommen nichts mehr genützt hat,
daß er sich in die eleusinischen Mysterien einweihen ließ.
Nun kommt also die Zeit, in der der Mensch im Abendlande vom
3., 4. nachchristlichen Jahrhundert an bis in unsere Zeit herein
während seines Erdenlebens ganz außerhalb der geistigen Welt lebt,
die Zeit, in der er in bloßen Begriffen und Ideen, in Abstraktionen
lebt. In Rom werden selbst die Götter zu Abstraktionen. Es kommt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 103
die Zeit, in der die Menschheit nichts mehr weiß von dem lebendigen Zusammenleben mit der geistigen Welt. Die Erde ist nicht
mehr Asia, das unterste Gebiet der Himmel, die Erde ist eine Welt
für sich, und die Himmel sind ferne, sind abgedämpft im menschlichen Anschauen. So daß man sagen kann: Die Persönlichkeit entwickelt der Mensch unter dem Einflüsse desjenigen, was als römische
Kultur über das Abendland gekommen ist.
Geradeso wie an die Geisteswelt, das Geisterland, das oben ist,
unten eine Seelenwelt angrenzt, so grenzt nun auch der Zeit nach
dasjenige an diese geistige orientalische Welt an, was die Zivilisation
des Abendlandes ist: eine Art Seelenwelt. Und diese Seelenwelt
zeigt sich eigentlich direkt bis in unsere Tage herein. Aber die
Menschheit merkt heute in ihren meisten Exemplaren noch nicht,
daß tatsächlich ein mächtiger Umschwung im Gange ist. Einzelne
der Freunde, die mich öfter hören, werden wissen, daß ich nicht
gern davon spreche, daß ein Zeitalter ein Übergangszeitalter ist,
denn es ist eben jedes Zeitalter ein Übergangszeitalter, nämlich vom
Früheren zum Späteren. Es kommt nur darauf an, von was zu was
der Übergang stattfindet. Aber gerade mit dem, was ich Ihnen gesagt habe, ist hingedeutet darauf, daß dieser Übergang so ist, wie
wenn man vom Geisterland in die Seelenwelt und von da erst in die
physische Welt kommt. Oh, es gab noch immer in der Zivilisation,
die bisher sich entwickelt hat, gewisse geistige Anklänge! Selbst im
Materialismus verrieten sich gewisse geistige Anklänge. Der eigentliche Materialismus auf allen Gebieten, er ist erst seit der Mitte des
19. Jahrhunderts da, und er wird noch von den wenigsten Menschen
in seiner vollen Bedeutung verstanden. Aber er ist da mit einer
riesigen Kraft, und es ist heute eine Übergangszeit zu einer dritten Welt, die wirklich von der vorhergehenden so verschieden ist,
wie diese vorhergehende römische von der orientalischen verschieden ist.
Nun, ich möchte sagen, es ist gewissermaßen ein Zeitraum ausgespart worden zwischen Alexander und Julianus, und in die Mitte
dieses Zeitraumes hinein fällt das Mysterium von Golgatha. Dieses
Mysterium von Golgatha wird von der Menschheit nicht mehr so
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 104
empfangen wie zur Zeit, da die Menschen die Mysterien begriffen
haben, sonst würde man ja ganz andere Vorstellungen von dem
Christus gehabt haben, der in dem Menschen Jesus von Nazareth gelebt hat. Aber nur wenige Menschen, die in die Mysterien eingeweihten Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha, hatten noch
solche Vorstellungen. Die weitaus größte Zahl der abendländischen
Menschheit hatte keine Vorstellungen, um spirituell das Mysterium
von Golgatha zu begreifen. Daher war die erste Art, wie das Mysterium von Golgatha auf Erden Platz gegriffen hat, die durch äußere
Tradition, durch die äußere Überlieferung. Nur in Eingeweihtenkreisen in den allerersten Jahrhunderten war es so, daß man auch
spirituell begreifen konnte, was mit dem Mysterium von Golgatha
geschehen war.
Aber etwas anderes war noch da, wovon ich schon zu einigen von
Ihnen in kurz vorangegangenen Vorträgen gesprochen habe. Drüben in Hybernia, m Irland, waren die Nachklänge der alten atlantischen Weisheit. In den Mysterien von Hybernia, die ich Ihnen vorgestern skizziert habe, waren für den Schüler in den zwei suggestiven
Gestalten die Möglichkeiten vorhanden, scharf so die Welt zu sehen,
wie sie die alten Atlantier gesehen haben. Und streng in sich abgeschlossen, in eine Atmosphäre von ungeheurem Ernst gehüllt, waren
diese Mysterien von Hybernia. Sie waren da in den Jahrhunderten
vor dem Mysterium von Golgatha, sie waren auch da zur Zeit des
Mysteriums von Golgatha. Drüben in Asien ging vor sich das Mysterium von Golgatha, in Jerusalem spielte sich dasjenige ab, was dann
traditionell historisch mitgeteilt wird in den Evangelien. Aber ohne
daß irgendein menschlicher Mund eine Nachricht überbracht hätte,
ohne daß irgendeine andere Verbindung dagewesen wäre, wußte
man hellsichtig in den Mysterien von Hybernia in dem Momente,
als das Mysterium von Golgatha sich tragisch vollzog, daß in
Palästina das reale Mysterium von Golgatha vor sich ging. In den
Mysterienstätten von Hybernia vollzog sich das symbolische Bild
gleichzeitig. Man lernte dort nicht durch Tradition, man lernte
dort kennen das Mysterium von Golgatha auf spirituelle Art. Und
während sich das großartigste, majestätischste Ereignis in Palästina
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 2 33 Seite: 10 5
in äußerer physischer Tatsächlichkeit zugetragen hat, hatten sich in
den Mysterien von Hybernia jene Kulthandlungen vollzogen, durch
die dort im Astrallichte ein lebendes Bild des Mysteriums von Golgatha da war.
Sie sehen, wie die Dinge verkettet sind, wie tatsächlich, ich
möchte sagen, eine Art Weltentales da ist, indem der alte Zusammenhang mit den Göttern schwindet.
Im Morgenlande korrumpiert diese alte Götteranschauung nach
dem Brande von Ephesus. In Hybernia ist sie vorhanden, bleibt sie
vorhanden, bis sie, aber da erst in der nachchristlichen Zeit, auch da
verschwindet. Und es entwickelt sich alles, was vom Mysterium von
Golgatha ausstrahlt, durch Tradition, durch mündliche Überlieferung. Es entwickelt sich überhaupt im Abendlande eine Zivilisation,
die nur auf mündliche Überlieferung rechnet oder aber später auf
eine äußere Naturforschung, auf eine rein sinnliche Naturforschung,
was ja auf dem Gebiete der Natur entspricht der bloßen Überlieferung, der schriftlichen oder mündlichen Überlieferung auf geschichtlichem Gebiete.
So daß man sagen kann: Hier ist die Zivilisation der Persönlichkeit. Das Spiritualistische, das Mysterium von Golgatha wird noch
historisch überliefert, nicht mehr geschaut (siehe Zeichnung, Seite
109). Man stelle sich das nur lebhaft vor, stelle sich vor, wie in der
Zeit nach Julianus Apostata sich da eine Kultur mit Ausschluß des
Spirituellen ausbreitet. Erst am Ende des 19- Jahrhunderts, vom
Ende der siebziger Jahre an, kam sozusagen ein neuer Ruf aus geistigen Höhen an die Menschheit heran. Es begann jenes Zeitalter,
das ich oftmals als das Michael-Zeitalter charakterisiert habe. Heute
will ich es von dem Gesichtspunkte aus charakterisieren, daß ich
sage: Es kam jenes Zeitalter, wo der Mensch, wenn er bleiben will
beim alten Materialismus - und ein großer Teil der Menschheit
will zunächst dabei bleiben -, dann aber in furchtbare Abgründe
hineinkommen wird. Der Mensch, wenn er bleiben will beim alten
Materialismus, kommt unbedingt ins Untermenschliche hinunter,
kann sich nicht auf der menschlichen Höhe erhalten. Um sich aber
auf der menschlichen Höhe zu erhalten, muß der Mensch seine
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 3 3 Seite: 10 6
Sinne eröffnen. Das ist unbedingte Notwendigkeit vom Ende des
19. Jahrhunderts ab, daß der Mensch eröffne seine Sinne den spirituellen Offenbarungen, die seither wiederum zu haben sind.
Es waren gewisse geistige Mächte am Werke, die in der Persönlichkeit des Herostrat, ich möchte sagen, nur ihren äußeren Ausdruck gefunden haben. Herostrat war sozusagen der letzte Degen,
den vorstreckten gewisse geistige Mächte von Asien. Und als Herostrat die Brandfackel in den Tempel von Ephesus hineinschleuderte,
waren hinter ihm, gewissermaßen ihn nur haltend als das Schwert
oder als die Fortsetzung der Brandfackel, dämonische Wesenheiten,
welche im Grunde genommen vorhatten, kein Spirituelles hinüberzulassen in diese europäische Zivilisation.
Dem, sehen Sie, widersetzen sich Aristoteles und Alexander der
Große. Denn was geschah denn nun eigentlich? Durch die Alexanderzüge wurde nach Asien hinübergetragen dasjenige, was Naturwissen des Aristoteles war, und überall breitete sich aus ein gründliches Naturwissen. Alexander hatte überall, nicht nur in Alexandria,
in Ägypten, sondern überall drüben in Asien Akademien gegründet, in denen er die alte Weisheit festsetzte, so daß diese alte Weisheit da war und lange Zeit gepflegt wurde. Immerzu konnten die
griechischen Weisen kommen und fanden dort ihre Zufluchtstätte.
Naturwissen wurde durch Alexander nach Asien getragen.
Europa konnte dieses tiefere Naturwissen zunächst in aller Ehrlichkeit nicht vertragen. Es wollte nur äußeres Wissen, äußere Kultur, äußere Zivilisation. Daher nahm von dem, was im Aristotelismus war, sein Schüler Theophrast dasjenige, was man dem
Abendlande übergeben konnte. Aber in dem steckte noch immer
außerordentlich viel. Die mehr logischen Schriften des Aristoteles
bekam das Abendland. Aber das ist nun eben das Eigentümliche
des Aristoteles, daß er sich doch anders liest, selbst da, wo er abstrakt
und logisch ist, als andere Schriftsteller. Man versuche es nur einmal
mit innerer, spiritueller, auf Meditation gegründeter Erfahrung, den
Unterschied herauszufinden zwischen dem Lesen des Plato und dem
Lesen des Aristoteles. Wenn ein moderner Mensch mit einer wirklichen, richtigen geistigen Empfindung und Grundlage einer gewisCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 3 3 Seite: 10 7
sen Meditation Plato liest, dann fühlt er nach einiger Zeit so, wie
wenn sein Kopf etwas höher als der physische Kopf wäre, wie wenn
er etwas herausgekommen wäre aus seinem physischen Organismus.
Es ist das unbedingt bei demjenigen, der nicht nur ganz grob Plato
liest, durchaus der Fall.
Bei Aristoteles ist das anders. Bei Aristoteles wird man niemals
die Empfindung gewinnen können, daß man durch die Lektüre ausser den Körper kommt. Aber wenn man den Aristoteles auf Grundlage einer gewissen meditativen Vorbereitung liest, dann wird man
das Gefühl haben: er arbeitet gerade in dem physischen Menschen.
Der physische Mensch kommt gerade durch Aristoteles vorwärts. Es
arbeitet. Es ist nicht eine Logik, die man bloß betrachtet, sondern es
ist eine Logik, die innerlich arbeitet. Aristoteles ist doch noch um ein
Stück höher als alle die Pedanten, die hinterher gekommen sind
und Logik aus dem Aristoteles gebildet haben. Aristoteles' logische
Werke sind in einer gewissen Beziehung nur dann richtig aufgefaßt,
wenn sie als Meditationsbücher aufgefaßt werden. So daß ein Merkwürdiges vorliegt. Denken Sie sich einmal: Wenn auf das Abendland einfach übergegangen wären von Makedonien nach dem Westen, nach Mitteleuropa und Südeuropa, die naturwissenschaftlichen
Schriften des Aristoteles, sie würden in einer Weise aufgenommen
worden sein, die unheilvoll geworden wäre. Gewiß, die Menschen
hätten manches aufgenommen, aber es wäre unheilvoll geworden.
Denn dasjenige, was naturwissenschaftlich - ich habe eine Probe davon gegeben - Aristoteles zum Beispiel dem Alexander zu überliefern hatte, das mußte aufgefaßt werden mit Seelen, die doch noch
berührt worden waren von dem Wesen der ephesischen Zeit, der vor
dem Brande von Ephesus liegenden Zeit. Die konnte man nur drüben in Asien finden oder im ägyptischen Afrika. So daß durch die
Alexanderzüge hinübergegangen war nach Asien die Naturwesenheits-Erkenntnis und -Einsicht (es wurde am Tafelbild - siehe Tafel
IV - weitergezeichnet; orange nach rechts), und in abgeschwächter
Gestalt kam sie später durch alle möglichen Züge über Spanien herüber nach Europa, aber m einem sehr durchgesiebten, abgeschwächten Zustande (gelb von rechts nach links).
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 108
ftm
Tafel 9
Dasjenige aber, was direkt herübergekommen war, das waren die
logischen Schriften des Aristoteles, war das Denkerische des Aristoteles. Und das lebte fort, lebte fort in der mittelalterlichen Scholastik.
Ja, und jetzt haben wir diese zwei Strömungen. Immer haben wir
auf dem Grunde der mitteleuropäischen Einsichten dasjenige, was,
ich möchte sagen, unansehnlich in weiten Kreisen von sogar etwas
primitiven Menschen sich weiter fortpflanzt. Sehen Sie nur einmal,
wie die Saat, die Alexander einstmals nach Asien hinübergetragen
hat, die auf allen möglichen Wegen erst über Arabien und so weiter,
dann aber auch auf den Landwegen durch die Kreuzfahrer nach
Europa gekommen war, wie das überall lebt, aber unansehnlich, an
verborgenen Stätten. Dahin kommen Leute wie Jakob Böhme, wie
Paracelsus, wie zahlreiche andere, die das aufnehmen, was auf solchen Umwegen in die breiten primitiven Kreise Europas gekommen
ist. Wir haben eine volkstümliche Weisheit hier übermittelt, viel
mehr, als man gewöhnlich glaubt. Die lebt. Und sie rinnt manchmal
in solche Reservoirs wie Valentin Weigel, wie Paracelsus, wie Jakob
Böhme, wie viele andere, deren Namen viel weniger genannt werCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 109
den; reichlich glänzt auf dasjenige, was da in Europa spät erst angekommener Alexandrinismus war oder ist, in Basilius Valentinus
und so weiter. In Klöstern lebte eine wirkliche alchimistische Weisheit, die aber nicht bloß aufklärte über einige Verwandlungen der
Stoffe, die aufklärte über innerste Eigentümlichkeiten der menschlichen Verwandlungen selber im Weltenall. Und die anerkannten
Gelehrten beschäftigen sich mit einem allerdings entstellten, durchgesiebten, verlogisierten Aristoteles; aber dieser Aristoteles, mit dem
sich die Scholastik und später die Wissenschaft beschäftigen als Philosophie, dieser Aristoteles wird doch dem Abendlande zum Segen.
Denn erst im 19. Jahrhundert, als man nichts mehr verstand von
Aristoteles, als man den Aristoteles nur noch studiert, als ob man
ihn lesen sollte, als ob man nicht ihn üben sollte, als ob er nicht ein
Meditationsbuch wäre, erst im 19. Jahrhundert kommt es dahin, daß
die Menschen nichts mehr haben von Aristoteles, weil er nicht mehr
in ihnen wirkt und lebt, sondern weil sie ihn bloß noch studieren,
weil er nicht ein Übungsbuch ist, sondern ein Studienobjekt. Bis ins
19- Jahrhundert herein war er ein Übungsbuch. Aber sehen Sie, im
19. Jahrhundert geht ja alles so, daß dasjenige, was früher Übung
war, was Können war, daß das sich umwandelt in abstraktes Wissen.
In Griechenland - nehmen wir diese andere Linie, durch die sich
die Sache auch charakterisiert -, in Griechenland hat man Vertrauen
dazu, daß aus dem ganzen Menschen heraus noch das kommt, was
der Mensch als Einsicht hat. Der Lehrer ist der Gymnast. Aus dem
ganzen Menschen in seiner körperlichen Bewegung, in der die
Götter wirken, kommt das zustande, was dann gewissermaßen heraufkommt und zu menschlicher Einsicht wird. Der Gymnast ist der
Lehrer. In Rom tritt später an die Stelle des Gymnasten der Rhetor.
Das ist schon etwas abstrahiert vom ganzen Menschen, aber es ist
wenigstens noch etwas da, was zusammenhängt mit einem Tun des
Menschen in einem Teil des Organismus. Was wird alles bewegt,
wenn wir reden! Wie lebt das Reden in unserem Herzen, in unserer
Lunge, wie in unserem Zwerchfell und weiter hinunter! Es lebt nicht
mehr so intensiv im ganzen Menschen wie dasjenige, was der Gymnast getrieben hat, aber es lebt immerhin in einem großen Teil des
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite: 110
Menschen. Und die Gedanken sind dann nur ein Extrakt aus dem,
was im Reden lebt. Der Rhetor tritt an die Stelle des Gymnasten.
Der Gymnast hat es mit dem ganzen Menschen zu tun. Der Rhetor
hat es nur noch zu tun mit dem, was gewissermaßen die Gliedmaßen
schon ausschließt und also aus einem Teil des Menschen herauf in
den Kopf dasjenige schickt, was Einsicht ist. Und die dritte Stufe,
die kommt erst in der Neuzeit herauf: das ist der Doktor, der nichts
mehr abrichtet als den Kopf, der nur mehr auf die Gedanken sieht.
Es ist ja so geworden, daß sozusagen noch im 19. Jahrhundert an
einzelnen Hochschulen Professoren der Eloquenz ernannt worden
sind, aber sie haben diese Professur nicht mehr ausüben können,
weil es nicht mehr üblich war, etwas zu geben auf das Reden, weil
alles nur noch denken wollte. Die Rhetoren starben aus. Diejenigen,
die nur noch das Geringste am Menschen vertraten, die Doktoren,
die nur noch den Kopf vertraten, die wurden die Führer der Bildung.
Und so war es wirklich, als der echte Aristoteles lebte, Übung,
Askesis, Exerzitium, was aus dem Aristoteles folgte. Und diese zwei
Strömungen verblieben sogar. Derjenige, der nicht ganz jung ist
und der bewußt mitgemacht hat, was sich abspielte ab Mitte bis in
die letzten Jahrzehnte des 19- Jahrhunderts, der weiß schon, wenn
er etwas herumgekommen ist in der Art, wie etwa der Paracelsus
unter dem Landvolke herumgegangen ist, der weiß schon, daß
schließlich die letzten Überreste mittelalterlichen Volkswissens, aus
dem Jakob Böhme, aus dem Paracelsus geschöpft hat, da waren bis
in die siebziger, achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein. Und
schließlich, auch das ist wahr: Namentlich innerhalb gewisser Orden
und im Leben gewisser enger Kreise hat sich ein gewissser Aristotelismus der Praxis, der inneren Seelenpraxis auch noch erhalten bis in
die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts herein. Und man darf
schon sagen: Man konnte noch kennenlernen auf der einen Seite die
letzten Ausläufer desjenigen, was von Alexander vom Aristotelismus
hinüber nach Asien getragen worden war, was auf der anderen Seite
durch Vorderasien, Afrika, über Spanien herübergekommen ist und
in solchen Leuten wie Basilius Valentinus und in Späteren auflebte
als volkstümliche Weisheit, aus der ja auch Jakob Böhme, Paracelsus
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 111
und zahlreiche andere geschöpft haben. Es ist auf anderem Wege
auch wiederum zurückgekommen durch die Kreuzfahrer. Aber es
war da in den breiten Massen des Volkes, und man konnte es noch
finden. Man konnte noch in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sagen: Gott sei Dank, daß da noch, wenn auch kaum erkennbar, wenn auch korrumpiert, die letzten Ausläufer desjenigen
lebten, was als alte Naturwissenschaft durch die Alexanderzüge nach
Asien hinübergetragen worden ist. Was da noch von alter Alchimie,
von alter Erkenntnis und den Zusammenhängen der Natursubstanzen und Naturkräfte auf ganz merkwürdige Weise im primitiven
Volkstume lebte, das waren die letzten Nachklänge. Heute sind sie
erstorben, heute sind sie nicht mehr da, sind nicht mehr zu finden,
ist in ihnen nichts mehr zu erkennen.
Ebenso war da bei gewissen einzelnen Leuten, die man kennenlernen konnte, aristotelische Geistesschulung. Heute ist sie nicht
mehr da. Es war bewahrt dasjenige, was dazumal nach dem Osten
hinübergetragen war (Fortsetzung der Tafelzeichnung; rot von rechts
nach links), und dasjenige, was auf dem Umwege von Aristoteles'
Schüler Theophrastus nach dem Westen hinübergetragen war (blau
von der Mitte nach links). Dasjenige aber, was nach dem Osten
hinübergetragen war, das war wiederum zurückgekommen. Und
man kann sagen: In den siebziger, achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnte angeknüpft werden mit neuem, unmittelbarem
spirituellem Erkennen an dasjenige, was in den letzten Ausläufern
anknüpfte an jene Ereignisse, die ich Ihnen geschildert habe. Das ist
ein wunderbarer Zusammenhang, denn man sieht daraus, daß die
Alexanderzüge und der Aristotelismus da waren, um den Faden mit
dem alten Spirituellen aufrechtzuerhalten, um Einschläge zu haben
in dasjenige, was materielle Kultur werden sollte, Einschläge zu
haben, die gerade reichen, bis neue spirituelle Offenbarungen kommen sollten.
Sehen Sie, unter solchen Gesichtspunkten nimmt es sich ja wirklich so aus, und es ist dies wahr, daß scheinbare Unfruchtbarkeiten
sich gerade als außerordentlich bedeutungsvoll im geschichtlichen
Werden der Menschheit erweisen. Man kann leicht davon sprechen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite: 112
''s -y / / /s'i' * « *'/„i/A
Tafel 9
daß die ganze Alexander-Expedition nach Asien und Ägypten hinüber dennoch verflutet wäre. Sie ist nicht verflutet. Man kann sagen,
daß der Aristotelismus im 19. Jahrhundert aufgehört hat. Er hat
nicht aufgehört. Beide Strömungen haben gereicht bis dahin, wo es
möglich ist, ein neues spirituelles Leben zu beginnen.
Ich habe Ihnen ja an verschiedenen Orten öfter gesagt, daß dieses
neue spirituelle Leben gerade am Ende der siebziger Jahre des 19.
Jahrhunderts begonnen werden konnte in den ersten Andeutungen
und dann mit dem Ende des Jahrhunderts immer mehr und mehr.
Heute haben wir die Aufgabe, den vollen Strom des geistigen Lebens, der, ich möchte sagen, von den Höhen zu uns kommt, aufzufangen. Und so stehen wir heute drinnen in einem wirklichen Übergang der geistigen Menschheitsentfaltung. Und werden wir uns
nicht bewußt dieser merkwürdigen Zusammenhänge und dieser
Anknüpfung an Früheres, dann schlafen wir eigentlich gegenüber
den wichtigsten Ereignissen, die sich um uns herum im geistigen
Leben abspielen. Und wieviel wird eigentlich heute wirklich geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite:113
schlafen gegenüber den allerwesentlichsten Ereignissen! Anthroposophie sollte aber dasein, um den Menschen zu erwecken.
Und ich glaube, für alle diejenigen, die jetzt hier bei dieser Weihnachtstagung versammelt sind, gibt es einen Impuls einer möglichen
Erweckung. Sehen Sie, wir stehen ja unmittelbar vor dem Tage und
werden uns in dieser Tagung eben bis zu dem Jähren dieses traurigen Ereignisses hindurchfinden müssen, wir stehen vor jenem
Tage, da die furchtbaren Feuergarben aufloderten, die das Goetheanum verzehrten. Und mag nun die Welt denken, wie sie will, über
dieses Feuerverzehren des Goetheanum, in der Entwickelung der
anthroposophischen Bewegung bedeutet dieser Brand etwas Ungeheures. Aber man beurteilt ihn doch nicht in seiner vollen Tiefe,
wenn man nicht hinschaut auf der einen Seite, wie diese physischen
Feuerflammen dazumal aufschlugen, als in merkwürdiger Art - ich
werde davon noch sprechen in den nächsten Tagen - von den Orgelpfeifen, von anderem Metallischem das sengende Metallische in die
Flammen hineinloderte, so daß diese merkwürdigen Färbungen der
Flammen entstanden. Dann mußte man die Erinnerung mit hinübernehmen in das verflossene Jahr. Aber in dieser Erinnerung muß
leben die Tatsache, daß Physisches Maja ist, daß wir die Wahrheit aus
den Feuerflammen in dem geistigen Feuer zu suchen haben, das wir
nunmehr anzufachen haben in unseren Herzen, in unseren Seelen.
Aufgehen sollte uns in dem physisch brennenden Goetheanum das
geistig wirksame Goetheanum.
Ich glaube nicht, daß das in vollem weltgeschichtlichem Sinne
geschehen kann, wenn man nicht sieht auf der einen Seite das uns
teuer gewordene Goetheanum in der furchtbaren gigantischen
Flamme auflodern und im Hintergrunde den anderen frevelhaften
Brand von Ephesus, wo Herostrat die Brandfackel hineinwarf, geleitet von dämonischen Mächten. In dem Zusammenempfinden desjenigen, was da im Vordergrunde, und desjenigen, was im Hintergrunde steht, wird man vielleicht doch ein Bild gewinnen können,
das tief genug in unser Herz hineinschreiben kann, was wir vor
einem Jahre verloren haben und was wir mit allen Kräften wieder
erbauen müssen. |