Der Brand von Ephesus und der Brand des Goetheanum
ACHTER VORTRAG, 31. Dezember 1923
Der Ephesus-Brand und das aus der Antike überlieferte Wort vom Neid der Götter. Die Mysterien als Stätten der Begegnung und des Verstehens zwischen Menschen und den «guten Göttern». Der Neid luziferisch-ahrimanischer Götter. Die Tat von Golgatha durch den Gott, der der höchsten Liebe fähig ist. Was Angelegenheit von Göttern und Menschen war, wird im Zeitalter der Freiheit Angelegenheit des physischen Menschenlebens. Die Anspruchslosigkeit, mit der sich Götterweisheit im Mittelalter im Irdischen darstellt. Die Unterweisung eines RosenkreuzerMeisters an einen Schüler: das Verhältnis des physischen, Äther- und
Astralleibes zur Erde; ihre eigentliche Zugehörigkeit zu den Hierarchien; das besondere Verhältnis des Menschen zur Wärme. Die «Sprache» der neuen geistigen Offenbarung in den Formen und Bildinhalten des
Goetheanum. Die Statue der Göttin in Ephesus - die Statue des Menschheitsrepräsentanten im Goetheanum. Der Brand des Goetheanum und der Neid der Menschen. Verwandlung des Schmerzes in Treue und Tatkraft in bezug auf die geistigen Impulse des Goetheanum.
| Seite | Text |
| 134 |
und wir wollen dasjenige, was wir gerade heute zum Inhalte dieses
Vortrags zu nehmen haben, durchaus in das Zeichen dieser schmerzlichen Erinnerung stellen. Der Vortrag, den ich in unserem alten
Bau gerade vor einem Jahre halten durfte: diejenigen von Ihnen, die
anwesend waren, werden sich daran erinnern, wie er den Weg genommen hat, von der Schilderung irdischer natürlicher Verhältnisse
ausgehend, hinauf in die geistigen Welten und die Offenbarungen
dieser geistigen Welten aus der Schrift der Sterne; wie dann die
Möglichkeit vorhanden war, das menschliche Herz, die Menschenseele, den menschlichen Geist in Zusammenhang zu bringen ihrem
ganzen Wesen nach mit dem, was gefunden werden kann, wenn
man den Weg hinaus nimmt aus dem Irdischen nicht nur in die
Sternenweiten, sondern in dasjenige, was durch die Sternenweiten
wie eine Weltenschrift das Geistige abbildet. Und das letzte, was
ich hinschreiben durfte auf die Tafel in jenem Raum, der uns dann
bald darauf genommen ward, ging durchaus darauf hinaus, die
menschliche Seele hinaufzuheben in geistige Höhen. Damit war
eigentlich gerade an jenem Abend unmittelbar angeknüpft an dasjenige, dem ja unser Goetheanumbau durch seine ganze Wesenheit
gewidmet sein sollte. Und von dem, woran damals angeknüpft
worden ist, lassen Sie mich zunächst heute wie in einer Fortsetzung
gerade des Vortrages, der vor einem Jahre hier gehalten worden ist,
sprechen.
Wenn in der Zeit, die dem Brande von Ephesus vorangegangen
ist, die Rede war von den Mysterien, dann sprachen alle diejenigen,
welche in ihrem Gemüte etwas verstanden von dem Mysterienwesen,
so, daß ihre Rede ungefähr klang: Menschliches Wissen, menschliche
Weisheit hat eine Stätte, eine Heimstätte in den Mysterien. - Und
wenn in jenen alten Zeiten unter den geistigen Lenkern der Welt die
Rede von den Mysterien war, wenn also in übersinnlichen Welten
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite: 134
von den Mysterien gesprochen wurde - ich darf mich dieser Ausdrücke bedienen, obwohl sie natürlich nur in figürlicher Weise die
Art bezeichnen, wie von den übersinnlichen Welten herunter gedacht und wie gewirkt wird in die sinnlichen -, wenn also in den
übersinnlichen Welten gesprochen wurde von den Mysterien, da
klang ungefähr die Rede so: In den Mysterien errichten die Menschen Stätten, wo wir Götter die opfernden Menschen finden können, die uns verstehen im Opfer. Denn in der Tat, das war allgemeines Bewußtsein der alten Welt derer, die da wußten in der alten
Welt, daß sich in den Mysterienstätten Götter und Menschen begegneten und daß alles dasjenige, was die Welt trägt und hält, abhängt von dem, was sich abspielt in den Mysterien zwischen den
Göttern und zwischen den Menschen.
Aber es gibt ein Wort, das ja auch äußerlich historisch überliefert
ist, das aus dieser historischen Überlieferung ja ergreifend sprechen
kann zum Menschenherzen, das aber besonders ergreifend spricht,
wenn man es sieht aus ganz besonderen Ereignissen heraus sich formen, wie mit ehernen, aber nur für den Augenblick im Geiste sichtbaren Lettern hineingeschrieben in die Geschichte der Menschheit.
Und ich meine, ein solches Wort ist immer zu sehen, wenn der geistige Blick hinzielt auf die Herostratos-Tat, den Brand von Ephesus.
Man kann in diesen Feuerflammen das alte Wort finden: der Neid
der Götter.
Ich glaube allerdings, daß unter den mancherlei Worten, die aus
alten Zeiten überliefert sind, die im Leben alter Zeiten auf die Weise
zu sehen sind, wie ich sie eben geschildert habe, in dieser physischen
Welt dieses eines der furchtbarsten ist: der Neid der Götter. In jenen alten Zeiten wurde alles mit dem Worte Gott bezeichnet, was
in übersinnlicher Wesenheit so lebte, daß es niemals nötig hatte, in
einem physischen Leib auf Erden zu erscheinen, und man unterschied in jenen alten Zeiten die mannigfaltigsten Göttergeschlechter. Und ganz gewiß, diejenigen göttlich-geistigen Wesenheiten,
welche so verbunden sind mit der Menschheit, daß der Mensch seinem innersten Wesen nach durch sie entstanden und durch den Lauf
der Zeiten geschickt ist, diese göttlich-geistigen Wesenheiten, die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 135
wir verspüren durch die Majestät und durch die kleinsten Erscheinungen der äußeren Natur, die wir verspüren durch dasjenige, was
in unserem Inneren lebt, diese göttlich-geistigen Wesenheiten können nicht neidisch werden. Aber in der alten Zeit meinte man mit
dem Neid der Götter dennoch etwas sehr Reales. Wenn wir die Zeit
verfolgen, in der sich das Menschengeschlecht bis gegen Ephesus hin
entwickelt hat, da finden wir, daß allerdings die fortgeschritteneren
menschlichen Individuen vieles von dem, was ihnen die guten Götter gern in den Mysterien gegeben haben, an sich genommen haben.
Denn wir treffen durchaus das Richtige, wenn wir sagen: Es besteht
zwischen den guten Menschenherzen und den guten Göttern ein inniges Verhältnis, das immer fester und fester gebunden wurde in
den Mysterien, so daß es gewissen anderen, luziferisch-ahrimanischen Götterwesenheiten vor die Seele getreten ist, daß der Mensch
immer näher und näher herangezogen wurde an die guten Gottheiten. Und es entstand der Neid der Götter auf den Menschen. - Und
wir müssen es immer wieder und wiederum in der Geschichte hören,
wie der nach dem Geist strebende Mensch, wenn er einem tragischen Geschick verfällt, in den alten Zeiten so bezeichnet wird, daß
man sein tragisches Geschick zusammenbringt mit dem Neid der
Götter.
Die Griechen wußten, daß dieser Neid der Götter besteht, und
sie leiteten manches von dem, was äußerlich vorging in der Menschheitsentwickelung, von diesem Neid der Götter her. Mit dem Brande
von Ephesus ist eigentlich offenbar geworden, daß eine gewisse geistige Weiterentwickelung der Menschheit nur möglich ist, wenn die
Menschen sich bewußt wurden: Es gibt Götter, das heißt übersinnliche Wesenheiten, die auf den weiteren Fortschritt der Menschen
neidisch sind. - Das gibt schließlich aller Geschichte, die da folgte
auf den Brand von Ephesus - ich kann auch sagen, auf die Geburt
des Alexander -, das besondere Kolorit. Und zu der rechten Auffassung des Mysteriums von Golgatha gehört auch dieses: Man schaue
hin auf eine Welt, die erfüllt ist von dem Neide gewisser Göttergeschlechter. -Ja, die seelische Atmosphäre, sie war eigentlich in Griechenland schon seit einer Zeit, die bald nach dem Perserkriege liegt,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 136
erfüllt von den Auswirkungen dieses Neides der Götter. Und dasjenige, was in der makedonischen Zeit dann getan worden ist, mußte im vollen Bewußtsein davon getan werden, daß der Neid der
Götter über die Erdoberfläche hin in geistiger Atmosphäre waltet.
Aber es wurde getan mutvoll, kühn, den Mißverständnissen der
Götter und Menschen trotzend.
Und es senkte sich hinein in diese Atmosphäre, die erfüllt war von
dem Neide der Götter, die Tat desjenigen Gottes, der fähig war der
größten Liebe, die in der Welt existieren kann. Man sieht das Mysterium von Golgatha nur im rechten Lichte, wenn man zu allem übrigen auch noch hinzufügen kann das Bild der Wolken in der alten
Welt, in Hellas, Makedonien, Vorderasien, Nordafrika, Südeuropa;
das Bild der Wolken, die da der Ausdruck sind des Neides der Götter. Und wunderbar wärmend, mild strahlend fällt hinein in diese
wolkenerfüllte Atmosphäre die Liebe, die da strömt durch das
Mysterium von Golgatha.
Das, was dazumal, wenn ich so sagen darf, eine Angelegenheit
war, die sich zwischen Göttern und Menschen abspielte, sie muß sich
ja in unserer Zeit, in der Zeitepoche der menschlichen Freiheit, mehr
unten im physischen Menschenleben abspielen. Und man kann
schon schildern, wie sie sich abspielt. In alten Zeiten, wenn man an
die Mysterien dachte, sprach man davon auf Erden: Menschliche Erkenntnis, menschliche Weisheit hat in den Mysterien eine Heimstätte. - Wenn man unter den Göttern war, so sagte man: Wenn wir
in die Mysterien hinuntersteigen, dann finden wir die Opfer der
Menschen, und im opfernden Menschen werden wir verstanden.
Im Grunde genommen war der Brand von Ephesus der Beginn
derjenigen Epoche, in der das Mysterienwesen allmählich in seiner
alten Form verschwand. Ich habe erzählt, wie es fortbestanden hat
da und dort, grandios zum Beispiel in den Mysterien von Hybernia,
wo im Kultus das Mysterium von Golgatha gleichzeitig gefeiert worden ist, während es physisch drüben in Palästina vor sich ging. Man
hatte Kenntnis davon nur aus der geistigen Vermittelung zwischen
Palästina und Hybernia, nicht durch physische Vermittelung. Aber
dennoch, das Mysterienwesen in der physischen Welt ging immer
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 23 3 Seite: 137
mehr und mehr zurück. Die äußeren Heimstätten, die Begegnungsstätten waren zwischen Göttern und Menschen, verloren immer
mehr und mehr ihre Bedeutung. Sie hatten sie fast vollständig verloren im 13., 14. nachchristlichen Jahrhundert. Denn wer den Weg finden wollte zum Beispiel zum Heiligen Gral, der mußte geistige
Wege zu gehen verstehen. Physische Wege war man gegangen in der
alten Zeit, vor dem Brande von Ephesus. Geistige Wege mußte man
gehen im Mittelalter.
Insbesondere aber mußte man geistige Wege gehen, wenn es sich
darum handelte, vom 13., 14. Jahrhundert, namentlich aber vom
15. Jahrhundert ab eine wirkliche Rosenkreuzer-Unterweisung zu erlangen. Denn die Tempel der Rosenkreuzer waren tief verborgen für
das äußere physische Erleben. Viele wirkliche Rosenkreuzer waren
Besucher der Tempel, aber kein äußeres physisches Menschenauge
konnte die Tempel finden. Schüler aber konnte es geben, die kamen
zu diesen alten Rosenkreuzern, die da und dort wie Eremiten des
Wissens und der heiligen Menschentat zu finden waren, zu finden
waren für denjenigen, der aus mildem Augenglanz Göttersprache
vernehmen kann. Ich sage damit nichts Uneigentliches. Ich will kein
Büd aussprechen, ich will durchaus eine Wirklichkeit aussprechen,
die in der Zeit, auf die ich deute, wirklich eine recht bedeutsame
Wirklichkeit war. Den Rosenkreuzer-Meister fand man, wenn man
sich erst die Fähigkeit erworben hatte, im physischen milden Augenglanz die Himmelssprache vernehmen zu können. Dann fand
man in anspruchslosester Umgebung, in anspruchslosesten menschlichen Verhältnissen, gerade im 14., 15. Jahrhundert in Mitteleuropa
diese merkwürdigen Persönlichkeiten, die in ihrem Inneren gotterfüllt waren, die in ihrem Inneren zusammenhingen mit den geistigen Tempeln, die vorhanden waren, zu welchen aber der Zugang
wirklich so schwierig war wie derjenige, der als Zugang zum Heiligen
Gral in der bekannten Legende geschildert wird.
Dann, wenn man hinschaut auf dasjenige, was sich abspielte zwischen einem solchen Rosenkreuzer-Meister und seinem Schüler,
dann kann man manches Gespräch belauschen, welches auch in der
Form der neueren Zeit Götterweisheit auf Erden wandelnd darstellt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 33 Seite: 13 8
Die Unterweisungen waren durchaus tief konkret. Da wurde in seiner Einsamkeit ein Rosenkreuzer-Meister gefundjen von einem Schüler, der es sich hat heiß werden lassen, ihn zu sucjhen und zu finden.
Da schaute einer der Schüler in die mild blickenden Augen, aus
denen Göttersprache spricht, und da bekam er anspruchslos etwa die
folgende Unterweisung.
Schaue hin, mein Sohn, auf deine eigene Wesenheit. Du trägst
an dir jenen Körper, den deine äußeren physischen Augen sehen.
Der Mittelpunkt der Erde schickt diesem Körpej die Kräfte, die ihn
sichtbar machen. Das ist dein physischer Leib, ^.ber schaue dich um
in der Umgebung deiner selbst auf der Erde. Öu siehst die Steine,
sie dürfen für sich auf der Erde sein, sie sind heinfiatlich auf der Erde.
Sie können, wenn sie eine Gestalt angenommen haben, diese Gestalt behalten durch die Erdenkräfte. Sieh den Kjristall: er trägt seine
Form in sich, er behält diese Form seiner eigenen Wesenheit durch
die Erde. Das kann dein physischer Leib nicht]. Verlaßt ihn deine
Seele, dann zerstört ihn die Erde, dann löst sie iljin in Staub auf. Die
Erde hat keine Macht über deinen physischeiji Leib. Sie hat die
Macht, die durchsichtigen, wunderbar gestalteten Kristallgebilde zu
bilden und zu erhalten; sie hat keine Macht, die Gestalt deines physischen Leibes zu erhalten, sie muß ihn in Staub auflösen. Nicht von
der Erde ist dein physischer Leib. Dein physischer Leib ist von hoher
Geistigkeit. Seraphim, Cherubim, Throne, ihnen gehört dasjenige,
was Form und Gestalt deines physischen Leibes ist. Nicht der Erde
gehört dieser physische Leib, den höchsten dir zunächst zugänglichen geistigen Mächten gehört dieser physische Leib. Die Erde kann
ihn zerstören, niemals kann sie ihn aufbauen.
Und innerhalb dieses deines physischen Leibes wohnt dein ätherischer Leib. Es wird der Tag kommen, da dein physischer Leib von
der Erde zur Zerstörung angenommen wird. Dann wird dein ätherischer Leib in den Weiten des Kosmos sich auflösen. Die Weiten des
Kosmos können diesen ätherischen Leib zwar auflösen, aber nicht
aufbauen. Aufbauen können ihn nur jene göttlich-geistigen Wesenheiten, die der Hierarchie der Dynamis, Exusiai, Kyriotetes angehören. Ihnen verdankst du deinen ätherischen Leib. Du vereinigst
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 23 3 Seite: 13 9
mit deinem physischen Leib die physischen Stoffe der Erde. Was
aber in dir ist, wandelt die physischen Stoffe der Erde so um, daß es
in ihnen ungleich wird allem, was physisch in der Umgebung des
physischen Leibes ist. Dein ätherischer Leib bewegt alles dasjenige in
dir, was in dir Flüssigkeit, was in dir Wasser ist. Die Säfte, die da
kreisen, die da zirkulieren, sie stehen unter dem Einflüsse deines
ätherischen Leibes. Aber sieh dein Blut: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, sie sind es, die dieses Blut als Flüssigkeit durch deine Adern
kreisen lassen. Du bist nur als physischer Körper Mensch. In deinem Ätherleib bist du noch Tier, aber ein Tier, das durchgeistigt
wird von der zweiten Hierarchie.
Dasjenige, was ich Ihnen hier, allerdings jetzt in wenigen Worten
zusammenfasse, es war der Gegenstand eines langen Unterrichtes
jenes Meisters, in dessen mildem Augen-Blick der Schüler die Sprache
des Himmels vernahm. Dann wurde der Schüler hingewiesen auf das
dritte Glied der menschlichen Wesenheit, das wir den astralischen
Leib nennen. Dem Schüler wurde klargemacht, daß dieser astralische
Leib die Impulse enthält zum Atmen, zu alledem, was Luft im
menschlichen Organismus ist, zu alledem, was als Luft pulsiert im
menschlichen Organismus. Aber obwohl das Irdische sich bemüht,
durch eine lange Zeit, nachdem der Mensch durch die Pforte des
Todes gegangen ist, gewissermaßen zu rumoren im Luftartigen
und für einen hellsichtigen Blick in den atmosphärischen Erscheinungen der Erde jahrelang wahrzunehmen ist das Poltern der astralischen Leiber der Verstorbenen, so kann auch die Erde mit ihrem Umkreis doch nichts anderes tun gegenüber den Impulsen des astralischen Leibes als sie auflösen. Denn bilden können sie nur die Wesenheiten der dritten Hierarchie: Archai, Archangeloi, Angeloi.
Und so sagte, damit den Schüler tief ins Herz treffend, der Meister: Du gehörst deinem physischen Leibe nach, insofern du das
Mineralreich in dich aufnimmst und es veränderst, insofern du das
Menschenreich in dich aufnimmst und es verarbeitest, du gehörst
den Seraphim, Cherubim, Thronen an. Insofern du ein ätherischer
Leib bist, bist du im Ätherischen tierähnlich, aber du gehörst da den
Geistern an, die da bezeichnet werden als die der zweiten HierarCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite: 140
chie: Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, und insofern du im flüssigen
Elemente waltest, gehörst du nicht der Erde an, sondern dieser Hierarchie. Und indem du im luftförmigen Elemente waltest, gehörst du
nicht der Erde an, sondern der Hierarchie der Angeloi, Archangeloi,
Archai.
Und nachdem in genügender Weise der Schüler diese Unterweisung erhalten hatte, fühlte er sich nicht mehr als ein Angehöriger
der Erde. Er fühlte gewissermaßen von seinem physischen, ätherischen, astralischen Leib ausgehend die Kräfte, die ihn durch die
Mineralwelt verbinden mit der ersten Hierarchie, durch die wässerige
Erde verbinden mit der zweiten Hierarchie, durch den Luftkreis verbinden mit der dritten Hierarchie. Und klar war ihm: er lebt auf der
Erde lediglich durch dasjenige, was er als Wärmeelement in sich
trägt. Damit aber empfand der Rosenkreuzer-Schüler die Wärme,
die er in sich trägt, die physische Wärme, die er in sich trägt, als
das eigentliche Irdisch-Menschliche. Und immer mehr lernte er verwandt fühlen mit dieser physischen Wärme die Seelenwärme und
die Geisteswärme. Und während der spätere Mensch immer mehr
und mehr verkannt hat, wie mit dem Göttlichen zusammenhängen
sein physischer Inhalt, sein ätherischer Inhalt, sein astralischer Inhalt
durch Festes, Flüssiges, Luftförmiges, hat der Rosenkreuzer-Schüler
dies recht gut gewußt und hat gewußt: das wahrhaft Irdisch-Menschliche ist das Wärmeelement. In dem Augenblicke, wo dem Schüler
des Rosenkreuzer-Meisters dieses Geheimnis vom Zusammenhange
des Wärmeelementes mit dem Menschlich-Irdischen aufgegangen
war, in diesem Momente wußte er sein Menschliches an das Geistige
anzuknüpfen.
Und in jenen oftmals recht anspruchslosen Heimen, in denen solche Rosenkreuzer-Meister wohnten, da war es, daß vor dem Eintritt
auf eine oftmals ungesuchte, ja wunderbar erscheinende Weise die
Schüler vorbereitet wurden, indem sie aufmerksam gemacht wurden
- der eine auf diese, der andere auf jene Art, es schien oftmals äußerlich ein Zufall zu sein -, indem sie aufmerksam daraufgemacht wurden: Du mußt suchen, wo sich dein Geistiges an das Kosmisch-Geistige anschließen kann. - Und wenn der Schüler jene Unterweisung,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 33 Seite: 141
von der ich Ihnen eben gesprochen habe, erhalten hatte, dann, ja
dann konnte er seinem Meister sagen: Ich gehe jetzt von dir mit dem
größten Tröste, der mir auf Erden hat werden können. Denn dadurch, daß du mir gezeigt hast, daß der irdische Mensch sein Element wahrhaftig in der Wärme hat, dadurch hast du mir die Möglichkeit gegeben, mit meinem Physischen anzuknüpfen an das Seelische und Geistige. In die festen Knochen, in das flüssige Blut, in die
luftförmige Atmung bringe ich nicht hinein das Seelische. In das
Wärmeelement bringe ich es hinein.
Und eine ungeheure Ruhe war es, mit der die also Unterwiesenen
in jenen Zeiten von ihren Meistern hinweggingen. Und aus der Ruhe
des Antlitzes, die ausdrückte das Ergebnis des großen Trostes, aus
der Ruhe des Antlitzes entwickelte sich allmählich jener milde Blick,
aus dem die Sprache des Himmels sprechen kann. Und so war eine
tief seelische Unterweisung im Grunde vorhanden bis in das erste
Drittel des 15. Jahrhunderts herein, verborgen gegenüber jenen Vorgängen, von denen die äußere Geschichte berichtet. Aber eine Unterweisung fand da statt, welche den ganzen Menschen ergriffen
hat, eine Unterweisung, welche die menschliche Seele an die Sphäre
des Kosmisch-Geistigen hat anknüpfen lassen ihr eigenes Wesen.
Diese ganze geistige Stimmung, sie ist im Laufe der letzten Jahrhunderte dahingegangen. Sie ist nicht mehr in unserer Zivilisation
enthalten. Und eine äußerliche, gottfremde Zivilisation hat sich
über die Stätten ausgebreitet, die einstmals solches gesehen haben,
wie ich es Ihnen jetzt eben geschildert habe. Man steht heute da mit
der Erinnerung, die ja nur im Geiste, im Astrallichte herauf erschaffen werden kann, an so manche Szene, die ähnlich derjenigen ist,
die ich Ihnen eben geschildert habe. Das gibt die Grundstimmung,
die man heute hat, wenn man zurückblickt in jene Zeiten, die oftmals als so finster geschildert werden, und dann blickt in unsere
Zeit. Aber bei diesem Blick geht im Herzen auf aus den geistigen
Offenbarungen, die seit dem letzten Drittel des 19-Jahrhunderts
dem Menschen werden können, die tiefe Sehnsucht, in geistiger
Art wiederum zu den Menschen zu sprechen. Und die geistige Art
läßt sich nicht bloß sprechen durch abstrakte Worte, die geistige Art
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite:142
fordert mancherlei Zeichen, um in der umfassenden Weise zu sprechen. Und eine solche Sprache, die gefunden werden sollte für jene
geistigen Wesenheiten, die 2u der modernen Menschheit sprechen
sollen, eine solche Sprachform waren die Formen unseres vor einem
Jahre verbrannten Goetheanums. Wahrhaftig, in diesen Formen
sollte weiter sprechen dasjenige, was vom Podium aus in Ideen zu
den Zuhörern gesprochen worden ist. Und damit war in einer gewissen Weise mit dem Goetheanum etwas vorhanden, was wirklich
an Altes in ganz neuer Form wieder erinnern konnte.
Wenn der Einzuweihende den Tempel von Ephesus betrat, dann
wurde sein Blick gelenkt auf jene Statue, von der ich in diesen Tagen
gesprochen habe, auf jene Statue, die ihm eigentlich die Worte in
Herzenssprache zurief: Vereinige dich mit dem Weltenäther, und
du schaust das Irdische aus Ätherhöhen. - So hat mancher Schüler
von Ephesus das Irdische aus Ätherhöhen geschaut. Und ein gewisses
Göttergeschlecht wurde neidisch. Aber gegen den Neid der Götter
haben Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha dennoch
mutvolle Menschen die Möglichkeit gefunden, fortzupflanzen -
wenn auch in Abschwächung, so doch nur in der Abschwächung, in
der es fortwirken konnte - dasjenige, was aus uralt heiligen Mensch -
heits-Entwickelungsjähren bis zum Brande von Ephesus gewirkt hat.
Und wäre unser Goetheanum ganz fertig geworden, dann wäre auch
vom Eintritte im Westen der Blick gefallen auf jene Statue, in der
der Mensch die Aufforderung gefunden hätte, sich selber als kosmisches Wesen zu wissen, hineingestellt zwischen die Mächte des Luziferischen und die Mächte des Ahrimanischen, in innerer, gottgetragener Wesensausgleichung. Und blickte man auf die Formen der
Säulen, der Architrave, so sprach das eine Sprache, eine Sprache,
welche die Fortsetzung der vom Podium aus in Ideen Geistiges wie
interpretierenden Sprache war. Die Worte klangen weiter entlang
den Formen, die plastisch ausgestaltet waren. Und oben in der Kuppel waren zu sehen jene Szenen, welche die Menschheitsentwickelung dem geistigen Blicke nahebringen konnten. Es war schon in
diesem Goetheanum für den, der empfinden konnte, eine Erinnerung an den Tempel von Ephesus zu sehen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 23 3 Seite: 143
Aber die Erinnerung wurde furchtbar schmerzlich, als auf eine
gar nicht unähnliche, der alten nicht unähnlichen Weise gerade in
dem Punkte der Entwickelung, in dem das Goetheanum hätte übergehen sollen durch es selbst, der Träger der Erneuerung des spirituellen Lebens zu werden, in dem Zeitpunkte nun auch die Brandfackel in dieses Goetheanum geworfen wurde.
Meine lieben Freunde, unser Schmerz war tief. Unser Schmerz
war unbeschreiblich. Aber wir faßten den Entschluß, ungehindert
um das Traurigste, Tragischste, das uns hat passieren können, unsere
Arbeit für die geistige Welt fortzusetzen. Denn man konnte sich in
seinem Herzen sagen: Schaut man hin auf die Flammen, die aus
Ephesus aufsteigen, so erscheint in die Flammen hineingeschrieben
der Neid der Götter in einer Zeit, in der die Menschen noch unfrei
mehr dem Willen guter und böser Götter folgen mußten.
In unserer Zeit sind die Menschen organisiert zur Freiheit hin.
Und vor einem Jahre, in der Silvesternacht, schauten wir hin auf die
verzehrenden Flammen. Die rote Lohe ging gegen den Himmel.
Dunkelbläuliche, rötlich-gelbe Flammenlinien züngelten durch das
allgemeine Feuermeer, von den metallischen Instrumenten herrührend, die das Goetheanum barg, ein Riesenfeuermeer mit den
mannigfaltigsten farbigen Inhalten. Und man mußte, wenn man in
dieses Flammenmeer sah mit den farbigen Linien darinnen, sprechend zum Schmerze der Seele, lesen: der Neid der Menschen.
So gliedert sich dasjenige, was von Epoche zu Epoche in der
Menschheitsentwickelung spricht, zusammen, selbst im größten
Unglücke. Es geht ein Faden von dem Worte, das da ausdrückt ein
größtes Unglück aus der Zeit, wo die Menschen noch in Unfreiheit
zu den Göttern aufsahen, aber sich freimachen sollten von der
Unfreiheit, es geht ein Faden der geistigen Entwickelung von jenem
Unglücke, da man eingeschrieben sah in die Flammen: der Neid der
Götter - herüber zu unserem Unglücke, wo der Mensch in sich selber
die Kraft der Freiheit finden soll und wo in die Flammen eingeschrieben war: der Neid der Menschen. In Ephesus die Götterstatue;
hier im Goetheanum die Menschenstatue, die Statue des Menschheits-Repräsentanten, des Christus Jesus, in dem wir gedachten, uns
Copyrigh t Rudol f Steine r Nachlass-Verwaltun g Buch : 23 3 Seite : 14 4
mit ihm identifizierend, in aller Demut so in der Erkenntnis aufzugehen, wie einstmals in ihrer Art auf eine heute der Menschheit
nicht mehr völlig verständliche Art die Schüler von Ephesus in der
Diana von Ephesus aufgingen.
Der Schmerz wird nicht geringer, wenn man im historischen
Lichte schaut dasjenige, was uns der Silvesterabend im vorigen Jahre
brachte. Es hat ja sollen, als ich zum letzten Mal auf dem Podium
stehen durfte, das im Einklänge mit dem ganzen Bau dort aufgerichtet war, es hat ja sollen der Blick der damaligen Zuhörer, der
Seelenblick, hingelenkt werden auf den Aufstieg aus irdischen
Gebieten in Sternengebiete, die ausdrücken den Willen und die
Weisheit, das Licht des geistigen Kosmos. Ich weiß, Pate standen
dazumal manche von den Geistern, die im Mittelalter also ihre
Schüler lehrten, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Und eine
Stunde, nachdem das letzte Wort gesprochen war, wurde ich geholt
zum Brande des Goetheanums. Und am Brande des Goetheanums
verbrachten wir die Silvesternacht des vorigen Jahres.
Man braucht ja diese Worte nur auszusprechen, und unsägliches
geht vor in allen unseren Herzen, in allen unseren Seelen. Aber
wenn so etwas über ein Heiliges in der Menschheitsentwickelung
hinweggezogen ist, dann gab es immer einige, die gelobten, nach
der Auflösung des Physischen weiterzuwirken in dem Geiste, dem
das Physische gewidmet war. Und ich denke, da wir versammelt sind
in dem Augenblicke, da sich jährt unser Goetheanum-Unglück, so
dürfen wir gedenken, daß unsere Seelen die rechte Stimmung für
dieses unser Zusammensein haben, wenn wir uns alle geloben, das
im Geiste weiter durch die Fortschrittswelle der Menschheit zu tragen, was durch physische Form, physisches Bild, physische Gestaltung mit dem Goetheanum hingestellt war auch vor das physische
Auge und dem physischen Auge durch eine Herostratos-Tat entzogen worden ist. Am alten Goetheanum haftet unser Schmerz. Würdig werden wir nur durch dasjenige, das uns immerhin auferlegt ist
dadurch, daß wir dieses Goetheanum bauen durften, wenn wir uns
heute in der Erinnerung das Gelöbnis ablegen, jeder vor dem
göttlich Besten, das er in der Seele trägt, treu zu bleiben den geistiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:233 Seite: 145
gen Impulsen, die ihre äußere Form in jenem Goetheanum gehabt
haben. Dieses Goetheanum konnte uns genommen werden. Der
Geist dieses Goetheanums kann uns, wenn wir wirklich ehrlich und
aufrichtig wollen, nicht genommen werden. Und er wird uns am
wenigsten genommen, wenn wir in dieser ernst-feierlichen Stunde,
die uns nur noch kurze Zeit trennt von dem Zeitpunkte, da vor
einem Jahre herausloderten die Flammen aus unserem geliebten
Goetheanum, wenn wir in diesem Augenblicke nicht nur den
Schmerz erneut empfinden, sondern aus diesem Schmerze heraus
uns geloben, jenem Geiste treu zu bleiben, dem wir diese Stätte
durch zehn Jahre hindurch aufbauen durften. Dann, meine lieben
Freunde, wenn dieses innere Gelöbnis uns ehrlich, aufrichtig heute
aus dem Herzen quillt, wenn wir den Schmerz, das Leiden verwandeln können in den Impuls der Tat, dann werden wir auch das traurige Ereignis verwandeln in Segen. Der Schmerz kann dadurch nicht
geringer werden, aber es obliegt uns, gerade aus dem Schmerze heraus den Antrieb zur Tat, zur Tat im Geiste zu finden.
Und so, meine lieben Freunde, schauen wir zurück auf die
furchtbaren Feuerflammen, die uns mit so unsäglicher Trauer erfüllten. Fühlen wir aber heute, den besten göttlichen Kräften in uns
selbst uns angelobend, die heilige Flamme in unseren Herzen, die
geistig leuchten und erwärmen soll dasjenige, was mit dem Goetheanum gewollt war, indem wir diesen Willen forttragen durch die
Fortschrittswellen der Menschheit. So wiederholen wir in diesem Augenblicke vertieft die Worte, die ich vor einem Jahre drüben ungefähr in diesem selben Zeitpunkte sprechen durfte. Damals sprach ich
ungefähr: Wir leben in einem Silvester, wir müssen entgegenleben
einem neuen Weltenjahr. - Oh, stünde das Goetheanum noch
unter uns, diese Aufforderung könnte in diesem Momente erneut
werden! Es steht nicht mehr unter uns. Sie darf gerade, weil es nicht
mehr unter uns steht, wie ich glaube, mit vielfach vermehrter Kraft
am heutigen Silvesterabend ausgesprochen werden. Tragen wir die
Seele des Goetheanums in das neue Weltenjahr hinüber, und versuchen wir, zu errichten in dem neuen Goetheanum dem Leibe des alten ein würdiges Monument, ein würdiges Denkmal.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 233 Seite: 146
Das, meine lieben Freunde, knüpfe unsere Herzen an das alte
Goetheanum, das wir den Elementen übergeben mußten. Das
knüpfe aber unsere Herzen an den Geist, an die Seele dieses
Goetheanums. Und mit diesem Angelöbnis an unser bestes Wesen
in uns selber wollen wir hinüberleben nicht bloß in das neue Jahr,
wollen hinüberleben, tatkräftig, geisttragend, seelenführend in das
neue Weltenjahr.
Meine lieben Freunde, Sie haben mich empfangen, indem Sie sich
in der Erinnerung an das alte Goetheanum erhoben haben. Sie leben
in der Erinnerung an dieses alte Goetheanum. Erheben wir uns jetzt
zum Zeichen, daß wir uns angeloben, in dem Geiste des Goetheanum
weiterzuwirken mit den besten Kräften, die wir im Bilde unseres
Menschenwesens finden können. Ja, so sei es. Amen.
Und so wollen wir es halten, meine lieben Freunde, so lange wir
es können, nach dem Willen, der unsere Menschenseelen verbindet
mit den Götterseelen, denen wir treu bleiben wollen in dem Geiste,
aus dem heraus wir diese Treue zu ihnen suchten in einem bestimmten Zeitpunkte unseres Lebens, da wir die Geisteswissenschaft des
Goetheanums suchten. Und verstehen wir, diese Treue zu halten. |