SECHSTER VORTRAG
1. Januar 1911
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menschlichen Entwickelung die verschiedensten historischen Mächte
eingreifen. Dadurch, und auch durch das Durchkreuzen einer mächtigen Strömung durch die andere, entstehen gewisse Zeiten des Aufganges in bestimmten Kulturrichtungen und ebenso Zeiten des Abflutens, und es spielt sich das so ab, daß, während noch alte Kulturen
abfluten, während sozusagen alte Kulturen in die Äußerlichkeit übergehen, langsam und allmählich sich dasjenige vorbereitet, was die
späteren Kulturen inaugurieren, was die späteren Kulturen eigentlich
beleben, gebären soll. So daß wir in der Regel den Verlauf des menschlichen Kulturlebens schematisch so darstellen könnten: Wir finden aus
unbestimmten Tiefen heraufgehend ein Aufsteigen der menschlichen
Kultur bis zu gewissen Höhepunkten, finden dann, wie dieses Kulturleben abflutet, und zwar langsamer als es anstieg. Dasjenige, was eine
bestimmte Kulturepoche gebracht hat, lebt lange nach, lebt sich ein in
die verschiedensten nachherigen Strömungen und Völkerkulturen, und
verliert sich, wie ein Strom sich verlieren würde, der sich nicht ins Meer
ergießt, sondern in der Ebene ausrieselt. Während aber noch das hier
verrieselt, bereiten sich die neuen Kulturen vor, die sozusagen während
des Niederganges der alten Kulturen noch nicht zu bemerken waren,
um dann ihrerseits ihre Entwickelung, ihren Aufstieg zu beginnen und
in derselben oder in ähnlicher Weise zum Fortschritte der Menschheit
beizutragen. Wenn wir uns einen im eminentesten Sinne charakteristischen Kulturfortschritt denken wollen, so können wir ja ahnen, daß es
ein solcher sein muß, in dem das Allgemein-Menschliche, das Weben
des Ich im Ich am auffallendsten herausgekommen ist. Das war der
Fall beim alten Griechentum, wie wir gezeigt haben. Nun, wenn wir
dies betrachten, dann kann sich uns gerade hier so recht zeigen, wie in
charakteristischem Sinne eine Kultur verläuft; denn was in den drei
vorhergehenden Kulturen sich vollzog, und dasjenige, was nachfolgt,
ist in ganz anderer Weise von dem, was außerhalb des Menschen liegt,
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modifiziert. Daher ist das, was im Menschen selber liegt, wodurch
sozusagen der Mensch auf der Welt wirkt, in allem, was von übersinnlichen Mächten sich in ihm am menschenähnlichsten ausdrücken kann,
uns im mittleren, im vierten Kulturzeitraume gegeben.
Nun müssen wir aber auch in bezug auf das Griechentum folgendes
sagen. Ihm ging der dritte Zeitraum voran; er flutete ab, und während
er abflutete, bereitete sich das Griechentum vor. Es steckt also während
des Abflutens der babylonischen Kultur, die sich vom Osten nach dem
Westen ergoß, auf dieser kleinen südlichen europäischen Halbinsel, die
wir die griechische nennen, sozusagen der Keim zu dem, was als der
Strom eines neuen Lebens sich in die Menschheit hineinsenken sollte.
Nun müssen wir ja zwar sagen, daß dieses griechische Leben das reine
Menschentum, das, was der Mensch ganz in sich selber finden kann, im
eminentesten Sinne zum Ausdruck brachte; aber man darf nicht glauben, daß solche Dinge nicht vorbereitet werden müssen. Auch das, was
wir als reines Menschentum bezeichnen, auch das mußte sozusagen erst
von übersinnlichen Mächten durch die Mysterien den Menschen gelehrt
werden, geradeso wie jetzt auch jene noch höhere Freiheit, die vorzubereiten ist für die sechste Kulturepoche, in übersinnlichen Welten
von den entsprechenden Führern der menschlichen Entwickelung getragen und gelehrt wird.
Wir müssen also sagen: Da, wo das Griechentum der äußeren Betrachtung so erscheint, als ob bei ihm alles nur aus dem rein Menschlichen hervorspringt, da hat das Griechentum schon eine Zeit hinter
sich, in der es sozusagen unter dem Einfluß der Lehre höherer spiritueller Wesenheiten war. Diese höheren spirituellen Wesenheiten haben ihm
erst möglich gemacht, sich zu seiner rein menschlichen Höhe zu erheben.
Und deshalb verliert sich auch das, was wir heute die griechische Kultur
nennen, wenn wir sie zurückverfolgen, in Abgründe von vorhistorischen Zeiten, in denen als die Grundlage der griechischen Kultur in den
Tempelstätten der Mysterien das betrieben wurde, was dann in grandioser Weise wie ein Erbgut der alten Tempelweisheit in dichterische
Form gebracht worden ist von Homer, von Äschylos. Und wir müssen
also dasjenige, was so grandios uns entgegentritt in diesen unerreichten
Gestalten, so betrachten, daß diese Menschen zwar etwas in ihrer Seele
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verarbeiteten, was ganz Seeleninhalt, ganz Weben des Ich im Ich bei
ihnen war, was aber zuerst in den heiligen Tempelstätten von höheren
Wesenheiten in diese Seelen hineingetragen worden war. Daher erscheint es so unergründlich tief, so unergründlich groß, was in den
Dichtungen Homers, in den Dichtungen des Äschylos lebt. Man darf
diese Dichtungen des Äschylos dann nur nicht nach der Übersetzung
von Wilamowitz nehmen, sondern sich klar sein darüber, daß die volle
Größe dessen, was in Äschylos lebte, noch nicht ausgeschöpft ist in einer
modernen Sprache, und daß es der schlechteste Weg ist zum Verständnis
des Äschylos, der von einem dieser neuesten Übersetzer eingeschlagen
worden ist.
Wenn wir diese griechische Kultur also auf dem Grunde tiefer
Mysterienheiligtümer betrachten, dann können wir eine Ahnung von
dem Wesen dieser griechischen Kultur bekommen. Und indem die Geheimnisse des Lebens der übersinnlichen Welt in einer gewissen menschlichen Art den griechischen Künstlern überbracht wurden, konnte auch
die griechische Plastik das in Marmor oder in Erz gießen, was ursprünglich Tempelgeheimnis war. Ja, auch das, was uns in der griechischen
Philosophie entgegentritt, zeigt uns so recht mit Klarheit, wie das Beste,
was diese griechische Philosophie geben konnte, eigentlich nur in Intelligenz, in Verstandeserfassen umgesetzte alte Mysterienweistümer
waren. Symbolisch wird uns ja so etwas ausgedrückt dadurch, daß uns
gesagt wird: Der große Heraklit brachte sein Werk über die Natur dar
im Tempel der Diana von Ephesus. Das heißt nichts anderes als: Er
stellte das, was er sagen konnte aus eigenem Weben des Ich-im-Ich, so
hin, daß er es als Opfer zu bringen hatte den geistigen, den spirituellen
Mächten der vorhergehenden Zeit, mit denen er sich im Zusammenhange wußte. Und von einem solchen Gesichtspunkte aus verstehen wir
auch den tiefsinnigen Ausspruch des Plato, der eine so tiefe Philosophie
den Griechen hat geben können und trotzdem sich gezwungen sah, zu
sagen, daß alle Philosophie seiner Zeit nichts mehr sei gegenüber der
alten Weisheit, die von den Vorvätern noch empfangen worden ist aus
den Reichen der spirituellen Welten selber. Und bei Aristoteles erscheint
uns schon alles wie in logische Formen hinein, man kann in diesem Falle
nur sagen, verabstrahiertes altes Weisheitsgut, in Begriffe gebrachte
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lebendige Welten. Trotzdem atmet, weil Aristoteles sozusagen eben an
dem Schlußtor der alten Strömung steht, trotzdem atmet in Aristoteles
noch etwas von dem, was altes Weisheitsgut war. In seinen Begriffen,
in seinen Ideen ist, obwohl sie abstrakt sind, eben noch ein Nachklang
zu vernehmen der vollkommenen Töne, die aus den Tempelstätten
herausgetönt haben und die das eigentlich Inspirierende waren nicht
nur der griechischen Weisheit, sondern auch der griechischen Kunst,
des ganzen griechischen Volkscharakters. Denn es ist das Eigenartige
einer jeden solchen Kultur beim Aufgange, daß sie nicht allein das
Wissen, nicht allein die Kunst ergreift, sondern den ganzen Menschen;
so daß der ganze Mensch ein Abdruck dessen ist, was als Weisheit, was
als Spirituelles in ihm lebt. Und wenn wir uns vorstellen, daß aus unbekannten Tiefen, noch während die babylonische Kultur abflutet,
hinansteigt die griechische Kultur, dann können wir das völlige Auswirken alles dessen erkennen, was die alten Tempel dem griechischen
Charakter gebracht haben im Zeitalter der Perserkriege. Denn in diesen
Perserkriegen sehen wir, wie die Helden des Griechentums in flammender Begeisterung für dasjenige, was sie empfangen hatten von ihren
Vorvätern, sich entgegenwerfen der Strömung, die sozusagen als die
verfallende Strömung des Morgenlandes sich ihnen entgegenwälzt. Und
was jenes damalige Entgegenwerfen bedeutet, wo die griechische Tempelweisheit, wo die Lehrer der alten griechischen Mysterien in den
Seelen der Helden der Perserkriege kämpften gegen die abflutende
Kultur des Morgenlandes, gegen die babylonische Kultur, wie sie die
späteren Perser übernommen hatten, was das bedeutet, das kann die
Menschenseele erfassen, wenn einmal die Frage aufgeworfen wird von
dieser Menschenseele: Was hätte werden müssen aus dem südlichen
Europa und damit aus dem ganzen späteren Europa, wenn dazumal der
Anprall der großen physischen Massen aus dem Orient nicht von dem
kleinen Griechenvolke zurückgeschlagen worden wäre? Mit demjenigen, was dazumal die Griechen getan haben, war der Keim gelegt
zu allem Späteren, was sich bis in unsere Zeiten herein innerhalb der
europäischen Kulturen entwickelt hat.
Und selbst das, was sich für das Morgenland aus dem entwickelt hat,
was Alexander dann wiederum zurücktrug - wenn auch in einer Art,
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die sich in gewisser Beziehung nicht rechtfertigen läßt - aus dem Okzident in den Orient, auch das hat sich nur entwickeln können, nachdem
zuerst das dem Verfall Geweihte auch in bezug auf seine physische
Kraft zurückgeschlagen war von dem, was als flammender Enthusiasmus für die Tempelschätze in den Seelen der Griechen lebte. Wenn wir
das erfassen, dann werden wir nicht nur nachwirken sehen die Weisheit
vom Feuer des Heraklit, die großen Ideen des Anaxagoras, wir werden
nicht nur nachwirken sehen die umfassenden Ideen des Thaies, sondern
auch die realen Lehren der Hüter der Tempelweisheit im vorhistorischen Griechentum. Das werden wir empfinden als ein Ergebnis spiritueller Mächte, die dem Griechentum das gebracht haben, was ihm
gebracht werden mußte. Wir werden das alles fühlen in den Seelen der
griechischen Helden, die gegen die Perser in den verschiedenen Schlachten standen. So muß man lernen Geschichte fühlen, meine lieben
Freunde, denn das, was uns sonst als Geschichte gegeben wird, ist ja nur
ein leeres Abstraktum von Ideen - wenn es hoch kommt. Was im
Späteren von dem Früheren wirkt, das kann man nur beobachten, wenn
man auf das zurückgeht, was den Menschenseelen vielleicht durch
Jahrtausende gegeben ist, und was dann reale Formen annimmt in einer
gewissen Zeit. Woran lag es, daß bei diesem Aufstieg die alten Tempelschätze so Großes den Griechen geben konnten? Das lag in dem Universellen, Umfassenden und in dem um alles andere unbekümmerten Charakter dieser Tempelschätze. Es war etwas, was als ein Ursprüngliches
gegeben war, was ausfüllen konnte den ganzen Menschen, was sozusagen eine unmittelbar richtunggebende Kraft hatte.
Und da kommen wir an das eigentliche Charakteristikon derjenigen
Kulturen, die zunächst im Aufstiege begriffen sind bis zu ihrem Höhepunkt. In diesen Kulturen wird alles, was im Menschen lebendig tätig
ist, da wird Schönheit, da wird Tugend, da wird das Nützliche, das
Zweckmäßige, alles das, was der Mensch im Leben tun und realisieren
will, alles das wird gesehen als ein aus dem Weisheitsvollen, aus dem
Spirituellen unmittelbar Hervorgehendes. Und die Weisheit ist dasjenige, was die Tugend, die Schönheit, was alles übrige enthält. Wenn
der Mensch von den Tempelweistümern durchsetzt, inspiriert ist, dann
ergibt sich alles andere von selbst; so ist das Gefühl für solche aufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite:105
steigende Zeiten. In dem Augenblick aber, wo die Fragen, wo die
Empfindungen auseinanderfallen, wo zum Beispiel die Frage nach dem
Guten oder nach dem Schönen selbständig wird gegenüber der Frage
nach dem göttlichen Urgründe, da beginnen die Zeiten des Verfalls.
Daher können wir sicher sein, daß wir immer in einer Verfallszeit leben,
wenn betont wird, daß neben dem ursprünglich Spirituellen noch besonders gepflegt werden soll dieses oder jenes, daß dieses oder jenes die
Hauptsache sein soll. Wenn man nicht das Vertrauen hat zu dem Spirituellen, daß es alles das, was für das Menschenleben notwendig ist, aus
sich heraus gebären kann, dann zerfallen die einheitlichen Kulturströme, die beim Aufsteigen eine Einheit bilden, in Einzelströmungen.
Und das sehen wir da, wo sich außerhalb der Weisheit, außerhalb des
spirituellen Schwunges befindliche Interessen hineinmischen in das
griechische Leben; das sehen wir im staatlichen Leben, wir sehen es
auch in demjenigen Teile des griechischen Lebens, der uns besonders
interessiert, im Geistigen unmittelbar hinter Aristoteles. Da beginnt
neben der Frage: Was ist das Wahre? - in der enthalten ist die Frage:
Was ist das Gute und Zweckmäßige? - da beginnt die letztere Frage
eine selbständige zu werden. Man fragt: Wie soll unser Wissen beschaffen sein, damit man ein Mensch werden kann, der ein praktisches
Lebensziel erreicht? Und so sehen wir eine Strömung in der Verfallszeit
aufblühen, die wir den Stoizismus nennen. Bei Plato und Aristoteles
war in dem Weisen zugleich das Gute enthalten; aller Schwung für das
Gute konnte nur aus dem Weisen herauskommen. Die Stoiker fragen:
Was muß der Mensch tun, um ein für das Leben, für die Lebenspraxis
weiser, um ein zweckmäßig gut lebender Mensch zu werden? Praktische
Lebensziele mischen sich hinein in dasjenige, was universeller Schwung
der Wahrheit ehedem war.
Beim Epikureismus mischt sich dann etwas hinein, was wir so bezeichnen können: Die Menschen fragen, wie muß ich mich einrichten
intellektuell, damit dieses Leben möglichst beseligend, möglichst innerlich harmonisch verlaufen kann? Auf diese Frage würden Thaies, Plato,
bis zu Aristoteles geantwortet haben: Suche nach der Wahrheit, und
diese wird dir geben, was die größte Seligkeit ist, was der Keim der
Liebe ist. Jetzt aber trennt man die eine Frage von der Wahrheitsfrage
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ab, und es entsteht eine Strömung des Niederganges. So ist das, was man
Stoizismus und Epikureismus nennt, Strömung des Niederganges. So
etwas hat dann immer im Gefolge, daß die Wahrheit fragwürdig wird
für die Menschen, daß sie alle Kraft verliert. Daher tritt gleichzeitig mit
dem Stoizismus und Epikureismus in der Verfallszeit der Skeptizismus,
die Zweifelsucht gegenüber der Wahrheit auf. Und wenn Skeptizismus,
Zweifelsucht, wenn Stoizismus, wenn Epikureismus ihr Wesen eine
Zeitlang getrieben haben, dann fühlt sich der Mensch, der doch nach
dem Wahren strebt, sozusagen wie aus der Weltenseele herausgeworfen
und auf die eigene Seele zurückgewiesen. Dann schaut er sich um und
sagt sich: Jetzt ist keine Weltepoche da, wo durch den fortwirkenden
Strom der geistigen Mächte selber die Impulse in die Menschheit einströmen. Dann ist der Mensch auf sein eigenes inneres Leben, auf sein
Subjekt zurückgewiesen. Das tritt uns im weiteren Verlaufe des griechischen Lebens im Neuplatonismus entgegen, in jener Philosophie, die
keinen Zusammenhang mehr hat mit dem äußeren Leben, die in sich
hineinblickt und im mystischen Aufstiege des Einzelnen zum Wahren
hinaufstreben will. So haben wir eine ansteigende Kultur, so haben wir
eine stufenweis absteigende. Und das, was sich herausgebildet hat im
Aufstiege, das verrinnt und verrieselt dann langsam und allmählich,
bis gegen das Heranrücken des Jahres 1250 eine allerdings nicht leicht
bemerkbare, aber deshalb nicht minder große Inspiration für die
Menschheit beginnt, die ich ja gestern in gewisser Weise charakterisiert
habe und deren Abrieseln wir jetzt wieder seit dem 16. Jahrhundert
haben. Denn seit jener Zeit treten im Grunde genommen wiederum alle
die Spezialfragen auf neben den Wahrheitsfragen; da wird wiederum
ein Standpunkt genommen, der die Frage nach dem Guten, die Frage
nach dem äußerlich Zweckmäßigen abtrennen will von der einen großen Wahrheitsfrage. Und während diejenigen geistigen führenden Persönlichkeiten, die unter den Impulsen des Jahres 1250 standen, alle
menschlichen Strömungen innerhalb der -Wahrheit geschaut haben,
sehen wir, wie jetzt im ganz eminenten Sinne auftritt das prinzipielle
Trennen der praktischen Fragen des Lebens von den eigentlichen Wahrheitsfragen. Und an der Eingangspforte der neuen Verfallszeit, derjenigen Zeit, welche so recht bedeutet für das spirituelle Leben das
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Hinuntersausen - an der Eingangspforte steht Kant, In seiner Vorrede
zu der zweiten Auflage der «Kritik der reinen Vernunft» sagt er ausdrücklich: Ich mußte das Streben nach der Wahrheit auf seine Grenzen
zurückweisen, damit ich frei bekam das Feld für das, was die praktische
Religion will. Und deshalb jene strenge Trennung der praktischen Vernunft von der theoretischen Vernunft. In der praktischen Vernunft die
Postulate von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, rein hingeordnet auf
das Gute; in der theoretischen Vernunft die Zertrümmerung jeder
Erkenntnismöglichkeit, um in irgendeine spirituelle Welt hineinzukommen. So stellen sich die Dinge welthistorisch. Und gewiß, auf den
Spuren Kants wird noch lange das, was Weisheitsstreben unserer Zeit
ist, verlaufen. Und wenn hingewiesen wird von unserer wirklich spirituellen Strömung auf jene Erweiterung des Erkenntnisvermögens, auf
jene Erhöhung des Erkenntnisvermögens über sich selbst hinaus, durch
die es eindringen kann in übersinnliche Welten, dann wird man noch
lange, lange hören können, daß es von allen Seiten tönt: «Ja, aber Kant
sagt…!» In solchen Antithesen spielt sich in der Tat der historische
Werdegang des Menschen ab. Und in dem, was instinktiv hervortritt
wie eine Ahnung, da zeigt sich dann, daß unter dem, was eine bloße
Maja ist und was hingenommen wird wie die Wahrheit, daß da unter
dem Strome der Maja für die Menscheninstinkte doch das Richtige zu
einem großen Teil fließt. Denn es ist außerordentlich interessant, daß
wir den absteigenden Gang der menschlichen Entwickelung bis zu der
griechisch-lateinischen Zeit und das von uns geforderte WiederumHinaufsteigen in gewissen Ahnungen sehen, welche aus den Volksinstinkten heraus für das praktische Leben gegeben worden sind.
Wie mußten denn die Menschen, die ein Gefühl hatten für so etwas,
denken? Wenn sie zurückschauten auf die großen führenden Gestalten
der Menschheitsgeschichte in der vorchristlichen Zeit, oder, sagen wir
besser, in der vorgriechischen Zeit, wie mußten sie zurückschauen auf
alle diejenigen, die wir charakterisieren konnten als die Instrumente für
die Wesenheiten höherer Hierarchien? Sie mußten sich sagen, selbst
noch die Griechen: Das ist uns gekommen durch Menschen, in die eingeflossen sind übermenschliche göttliche Kräfte. - Und das sehen wir
im Bewußtsein aller alten Zeiten leben: Die führenden Persönlichkeiten,
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bis zu den Heroengestalten herunter, ja bis zu Plato, wurden als Söhne
der Götter angesehen, das heißt hinter diesen Persönlichkeiten, die in
der Geschichte auftreten, sahen die Menschen, wenn sie hinaufschauten
in die Vorzeit, wenn sie den Blick immer weiter und weiter erhoben, sie
sahen das Göttliche; und was da auftritt als Plato und in den Heroengestalten, das sahen sie an als heruntergestiegen, ja selbst als geboren aus
göttlichen Wesenheiten. Das war so recht die Anschauung, wie sich die
Söhne der Götter mit den Töchtern der Menschen verbinden, um herunterzubringen das Spirituelle auf den physischen Plan. Göttersöhne,
Göttermenschen, das heißt solche, die eine Verbindung ihres Wesens
mit dem Göttlichen hatten, sah man in diesen alten Zeiten. Dagegen in
dem Moment, wo die Griechen fühlten: Jetzt können wir von dem
Weben des Ich-im-Ich reden, von dem, was innerhalb der menschlichen
Persönlichkeit liegt -, da reden sie von ihren höchsten Führern als von
den sieben Weisen, und bezeichnen damit dasjenige, was sozusagen aus
den Göttersöhnen zum rein Menschlichen geworden ist.
Wie mußte es nun weiter werden in den Instinkten der Völker in
den nachgriechischen Zeiten? Da müßte dargestellt werden, was der
Mensch ausbildet auf dem physischen Plan, und wie er das mit seiner
vollen Frucht hinaufträgt in die spirituelle Welt. Wenn also ganz früher
empfunden wurde: Man muß das Spirituelle vor dem physischen Menschen sehen und den physischen Menschen als Schattenbild -, wenn man
während der griechischen Zeit Weise gesehen hat, die sozusagen als
Ich-im-Ich lebten, so mußte man in der nachgriechischen Zeit Persönlichkeiten sehen, die auf dem physischen Plan leben und dann sich
hinaufleben in das Spirituelle durch das, was im Physischen lebt. Dieser
Begriff ist aus dem Instinkte eines Wissens herausgebildet. So wie die
vorgriechische Zeit Göttersöhne und die Griechen Weise hatten, so
haben die nachgriechischen Völker Heilige, die sich hinaufleben in das
spirituelle Leben durch das, was sie im physischen Plane erwirken. Da
lebt etwas im Volksinstinkte, und da können wir hineinschauen, wie
allerdings hinter der Maja etwas ist, was historisch doch die Menschheit
vorwärtstreibt.
Und wenn wir das erkennen, dann leuchtet das, was in diesen Zeiten
lebt, herein in die einzelne Menschenseele, und wir begreifen, wie sich
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modifizieren muß das Gruppenkarma dadurch, daß die Menschen zugleich Werkzeuge des historischen Werdeganges sind. Und wir können
so begreifen, was die Akasha-Chronik zeigt: Wie wir in Novalis zum
Beispiel etwas zu sehen haben, was zurückgeht bis zum alten Elias. Es
ist das eine außerordentlich interessante Inkarnationenfolge. Da sehen
wir, wie in Elias auftaucht das prophetische Element, denn die Hebräer
hatten die Mission, vorzubereiten dasjenige, was später kommen sollte.
Und sie bereiteten es vor in dem Übergang von ihren Patriarchen zu
den Propheten, durch die Gestalt des Moses hindurchgehend. Während
wir in Abraham noch sehen, wie der Hebräer das Nachwirken des
Gottes in sich, in seinem Blute fühlt, sehen wir bei Elias den Übergang
zur Entrückung in die spirituellen Welten. Alles bereitet sich nach und
nach vor. In Elias lebt eine Individualität, die sich in den alten Zeiten
schon erfüllt mit dem, was da in der Zukunft kommen soll. Und dann
sehen wir, wie diese Individualität ein Werkzeug sein soll, um vorzubereiten das Verständnis für den Christus-Impuls. Wir sehen, wie die Individualität des Elias in Johannes dem Täufer wiedergeboren wird; dieser
ist das Werkzeug für ein Höheres. Es lebt in ihm eine Individualität, die
Johannes den Täufer zum Werkzeuge macht; aber notwendig war die
hohe Individualität des Elias, um dann als solches Instrument zu dienen.
Wir sehen dann später, wie diese Individualität geeignet ist, das, was
in die Zukunft hineinwirken soll, in Formen zu gießen, welche nur
möglich waren unter dem Einflüsse des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes. So taucht denn diese Individualität, so merkwürdig uns
das erscheint, in Raffael wieder auf und verbindet das, was als christlicher Impuls für alle Zeiten wirken soll, mit den wunderbaren Formen
des Griechentums in der Malerei. Und da können wir erkennen, wie
sich das individuelle Karma dieser Entelechie verhält zu der äußeren
Inkarnation. Für die äußere Inkarnation wird verlangt, daß eine
Zeitenmacht in Raffael sich aussprechen kann; für diese Zeitenmacht
ist die Elias-Johannes-Individualität die geeignete. Aber die Zeit kann
nur einen physischen Leib hergeben, der unter solcher Macht zerbrechlich sein muß; daher stirbt er so früh.
Die andere Seite ihres Wesens muß diese Individualität ausprägen
in einer Zeit, wo schon wieder die einzelnen Strömungen auseinanderCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite: 110
fallen, da taucht sie wieder auf als Novalis. Da sehen wir, wie in diesem
Novalis wirklich schon alles das in einer eigenartigen Gestalt lebt, was
uns jetzt durch die Geisteswissenschaft gegeben wird. Denn so treffende
Aussprüche über das Verhältnis des astralischen zum ätherischen und
physischen Leib, von Wachsein und Schlafen, sind außerhalb der Geisteswissenschaft von keinem gegeben worden als von Novalis, dem
wiederauferstandenen Raffael. Das sind die Dinge, die uns zeigen, wie
die Individualitäten die Werkzeuge sind des fortfließenden Stromes der
Menschheitsentwickelung. Und wenn wir das menschliche Werden
sehen, wenn wir hinschauen auf diesen rätselvollen Wechsel in dem,
was historisch geschieht, dann können wir dasjenige ahnen, was von
tiefen spirituellen Mächten in ihm lebt. In einer merkwürdigen Weise
geht das Frühere in das Spätere über.
Für einige von Ihnen habe ich es ja schon gesagt, daß man einen
merkwürdigen historischen Ausblick konstatieren kann beim Übergang
von Michelangelo zu Galilei. Und ein sonst sehr gescheiter Mann -
wohlgemerkt, ich sage nicht, daß es sich hier um eine Reinkarnation
handelt, sondern um einen historischen Fortgang —, eine sehr gescheite
Persönlichkeit machte darauf aufmerksam, wie es doch sonderbar ist,
wenn wir beim Anblick der wunderbaren Architektonik der Peterskirche sehen, wie der menschliche Geist in sie hineinverwoben hat das,
was er mechanische Wissenschaft nennt. Oh, in diesen grandiosen Formen der Peterskirche sehen wir verkörpert die mechanischen Gedanken,
die der menschliche Intellekt fassen konnte, noch dazu umgesetzt ins
Schöne, ins Grandiose: Michelangelos Gedanke! Wie der Anblick der
Peterskirche wirken kann, meine lieben Freunde, das tritt in den mannigfaltigsten Beziehungen auf, und vielleicht hat ein jeder so ein bißchen von dem erlebt, was der Wiener Bildhauer Natter erlebte - oder
was mit ihm erlebt worden ist. Er fuhr mit einem Freunde gegen die
Peterskirche hin; sie hatten sie noch nicht erblickt, plötzlich hört der
andere, daß Natter, indem er von seinem Sitze aufspringt, ganz außer
sich kommt und sagt: Mir wird angst! Denn in diesem Augenblick hat
er die Peterskirche erblickt - er wollte sich später daran gar nicht
erinnern. Etwas Ähnliches kann ja schließlich jeder Mensch erleben,
wenn er so etwas Grandioses sieht. Und nun machte ein sehr gescheiter
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite:111
Mann, der Professor Müllner, in einer Rektoratsrede darauf aufmerksam, daß der große Denker mechanischer Gedanken, Galilei, intellektuell für die Menschheit das gelehrt hat, was hineingebaut hat in die
räumlichen Formen Michelangelo in die Peterskirche. So daß uns in
Galileis Gedanken intellektuell das wieder entgegentritt, was wie kristallisiert als Mechanik, als menschliche Mechanik in der Peterskirche
dasteht. Aber sonderbar ist es dabei, daß derselbe Mann in diesem Vortrag darauf aufmerksam machen mußte, der Todestag des Michelangelo
sei der Geburtstag des Galilei. Das heißt, daß das Intellektuelle, die
Gedanken, die mechanisch durch Galilei in Intellektualität geprägt
worden sind, aufgetaucht sind in einer Persönlichkeit, die geboren ist an
dem Todestage dessen, der sie in den Raum hineingestellt hat. Und so
sollte man fragen: „Wer hat durch Michelangelo die Mechanik, welche
die Menschheit erst durch Galilei nachher bekommen hat, in die Peterskirche hineingebaut?
Wenn durch die ja ganz aphoristischen und vereinzelten Gedanken,
die in Anlehnung an den historischen Werdegang der Menschheit hier
vorgebracht werden durften, wenn aus diesen in ihrem Zusammenschluß in Ihren Herzen ein Gefühl davon hervorgeht, wie die wirklichen, die realen geistigen Mächte durch ihre Werkzeuge in der Geschichte wirken, dann werden Sie in richtiger Weise diese Ausführungen
entgegengenommen haben. Und dann könnte man dieses Gefühl als das
bezeichnen, was aus der okkult-historischen Betrachtung als ein rechtes
Gefühl für das Werden in der Zeit, für den Fortgang in der Zeit in
unsere Herzen kommen kann. Und heute, an einem kleinen Wendepunkt der Zeit, mag es angemessen sein, einmal die Meditation hinzulenken auf solches Fühlen des Menschenfortganges und des Götterfortganges in der Zeit. Und wenn von Ihnen, meine lieben Freunde, jedes
Herz das aufnehmen möchte - dieses Gefühl für die Umsetzung der
Wissenschaft vom okkulten Fortschritte in der Zeit - in Empfindung
für das Weben und Schaffen im Werden, im Menschenfortschritt, in
den wir hineingestellt sind, wenn jede Seele von Ihnen das aufnehmen
mochte als ein lebendiges Gefühl, so dürfte vielleicht in diesem Gefühl
auch ein Neujahrswunsch in der Seele von Ihnen allen leben. Und diesen Neujahrswunsch möchte ich am Schlüsse dieses Zyklus von dieser
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 126 Seite:112
Stätte hier in Ihre Seelen hineingesenkt sein lassen: Betrachten Sie das,
was gesprochen worden ist, als etwas, was den Ausgang bilden soll für
ein Zeitgefühl. Und in gewisser Weise mag es symbolisch sein, daß wir
einen kleinen Übergang von einem Zeitabschnitt zu einem anderen
dazu benutzen konnten, um solche die Zeitenübergänge umspannenden
Ideen in unserer Seele einmal wirken zu lassen. |