Ansprache bei der Kremation von Georga Wiese
** Basel, 11.Januar 1924**
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| 283 | Meine liebe Trauergemeinde! Zuerst habe ich mich zu wenden an die liebe Schwester und an den lieben Bruder der teuren Verstorbenen und dann an Euch alle, meine lieben Leidtragenden, die Ihr in treuer Liebe verbunden wäret mit derjenigen, die von der physischen Welt von uns gegangen ist. An den sterblichen Resten unserer Freundin Georga Wiese stehen wir, im Seelenauge den ewigen Geist in lichte Höhen von uns gehend. Liebe Georga Wiese!
Wir kennen, was Dich im Geiste bewegte, |
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Was wir für des Gemütes schönste Liebe halten,
Wie Du empfangen bist von den Geistern der lichten Höhen,
Wer da suchte |
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Sicher fand er sie kommen |
| 286 | Meine liebe Trauergemeinde! Tief bewegten Herzens und von Schmerz erfüllt stehen wir an den sterblichen Resten unserer lieben Freundin Georga Wiese, hinaufschauend zu ihrer enteilten Seele in jene Geistes reiche, die sie in so ernstem Streben während ihres irdischen Daseins gesucht hat. Und wir wissen sie in Zukunft vereint mit denjenigen Geisteskräften, mit denen sie aus so warmem und in so tätigem Streben sich während ihres Erdendaseins vereinigt hat. Wir schauen, wie ihr Geistesdasein sein wird die Fortsetzung desjenigen, was geistig in ihrem Herzen, in ihrer Seele, in ihrem Geiste schon hier auf Erden gelebt hat. Und wir gedenken, meine liebe Trauerversammlung, jeder lieben Stunde, die uns mit Georga Wiese vereint hat, denn diese lieben Stunden waren stets ausgefüllt von einer regen Teilnahme und von einem ernsten Sich-Hineinstellen in die geistige Welt. Es war stets ausgefüllt bei jedem einzelnen, so darf wohl gesagt werden, der Georga Wiese gegenüberstand, sie war stets ausgefüllt, diese Stunde des Beisammenseins mit Georga Wiese, von der innigen Überzeugung: Du stehst gegenüber einem lieben, einem treuen, einem herzerwarmenden Menschen. Und diese Liebe, diese Treue, diese herzensherrliche Wärme, sie strömte in so unendlich schönem Maße von Georga Wiese aus, daß jeder, der mit ihr zusammenkam, empfand, wie wohltätig und zu gleicher Zeit wie innig verständnisvoll gegenseitig dieses Zusammensein sein konnte. Wir haben Georga Wiese kennen lernen dürfen in ihrer heimatlichen Umgebung, der sie aus ihrer schönen Seele heraus mit einem solchen Eifer und mit einem solchen verständnisvollen Blicke das Geistesleben hat vermitteln wollen. Wir haben sie kennen gelernt in ihrer treuen Anhänglichkeit und Liebe zu dem Lande, zu dem uns alle, die wir oben sein durften im Norden, die innigste Liebe erfaßte, und wir haben es gesehen, und wir haben - wenigstens ein großer Teil von uns - wirken dürfen in diesem nordischen, felsendurchwachsenen, meerumbrandeten, götterdurchwirkten Lande, das so schön und so majestätisch einem entgegentritt, von dem man glauben kann, wenn man es betritt, daß die harten Felsen eine harte, aber innerlich durchgeistigte Sprache sprechen. Und man bekommt |
| 287 | dieses Land lieb. Und man bekommt es lieb insbesondere dann, wenn man vom Schicksal begünstigt ist, solche lieben Menschen in demselben zu finden, wie Georga Wiese und die um sie Seienden waren. Wir haben den innigsten Anteil genommen daran, wie die Hebe Mutter vorangegangen ist in geistige Lande, und wir möchten es miterleben, wie erwartungsvoll, verständnisvoll diese liebe Mutter die teure Tochter nunmehr empfangen wird. Wir sahen Georga Wiese liebend inmitten des uns lieb gewordenen nordischen Kreises. Wir sahen sie umgeben von einer Reihe von Gleichgesinnten. Und mein Auge konnte niemand entdecken, der nicht in inniger Liebe ergeben war der hingebungsvollen Seele Georga Wieses. Und vieles, vieles von dem, was uns möglich war zu wirken in jenem Lande, in dem so gern von uns gewirkt wird, ist uns durch die Aufopferung Georga Wieses möglich geworden. Brauchen wir da noch viel, um uns heute in diesen Trauertagen im Herzen zurückzurufen alle die Liebe, die wir durch lange Zeit hindurch empfinden mußten für die teure Dahingegangene, weil Erdenliebe ja nur der Reflex sein konnte von demjenigen, was an inniger Liebe, an tätiger, an opferwilliger Liebe von ihr kam. Die Vereinigung mit Georga Wiese war schön, und die Schönheit dieser irdischen Vereinigung, sie wird der Keim sein zu der geistigen Vereinigung, wo wir hintreten müssen, da Georga Wiese vor uns in das Geistesland eingetreten ist. Denn es ist ein schönes Bild, das vor die Seele tritt, wenn wir uns versetzen nach dem nordischen Lande. Wir fanden Wärme, die wärmenden Sonnenstrahlen im Herzen durch Georga Wiese. Und es war immer ein schöner Gedanke, es war immer ein warmes Gefühl, sich sagen zu können, innerhalb des Wirkens im nordischen Lande wird an der Seite stehen mit all dem, was sie nur sein kann, Georga Wiese. Das, meine liebe Trauergemeinde, wird hier auf Erden nicht mehr sein; aber wir wissen, wir erhoffen, wir ersehnen es in unsere Herzen herein, daß wir um so tiefer, inniger für alle Zeiten vereinigt bleiben mit der Seele derjenigen, die sich uns aus einem so freien, hingebungsvollen Willen in Geistfreundschaft vereinigt hat. Und wir gedenken heute in Trauer, in tiefem Leid, in tiefem |
| 288 | Schmerz, daß wir nicht mehr werden schauen können in diese liebenden Augen, daß wir nicht mehr werden fühlen können die beglückende Nähe. Aber wir schauen auf zu dem Lichte der Höhen, zu den Welten des geistigen Lebens, mit denen sich Georga Wiese vereinigt hat, und in die wir oft und oft und immer wieder und wiederum unsere empfindungswarmen Gedanken senden wollen, damit sie finden dasjenige, was ganz gewiß aus diesen lichten Geisteshöhen herabsendet an uns schützenden, wärmenden, helfenden Gedanken Georga Wiese. Und wir schweifen ab von dem Bilde, das uns hinaufgeführt hat in die nordische Heimat, und wir schauen hin zu dem Bau, den wir versuchten, dem Geistesleben zu errichten hier in der Nähe, den uns ein schlimmes, trauriges Schicksal entrissen hat; wir wissen, wie viel damit auch unserer teuren Freundin entrissen worden ist. Aber wir sahen sie im Laufe der Jahre, in denen sie immer wieder und wiederum, wie ihre Heimat suchend, ans Goetheanum in Dornach kam, wir sehen sie an allem möglichen, was da zu arbeiten war, in treuem, in innigem Verständnisse mitarbeiten. Wir sehen die Hunderte von Händen, die Hunderte von Herzen, die da arbeiteten und schlugen für dasjenige, was am Goetheanum wurde, und wir sahen darunter aus milder Seele, aus einer ganzen, milden Persönlichkeit im Liebeslicht die schöne Begeisterung, die aus Georga Wiese mitarbeitend an dem Dornacher Goetheanum wiederkam. Ein Schönes, ein Herrliches, ein schier Bewunderungswertes. Und wo etwas fehlte, wo Hilfe gebraucht wurde, im großen, im kleinen, Georga Wiese war da. Und sie war da, da sie glaubte, in voller Freiheit dasjenige, was zu tun war, aus ihrem liebenden Herzen heraus tun zu sollen. Und wir, wir können heute nur mit schwerem, mit trauerndem, mit leiderfülltem Herzen dastehen und der enteilenden, das Geistesland suchenden Seele zusenden herzinnigen Dank, Dank, der warm bleibe in unserer Seele, wie alles dasjenige seelenwarm war, was in unsere Reihen, was in unser Tun Georga Wiese hereingebracht hat. Und sie wußte es zu tun so anspruchslos, so innig bescheiden. Man merkte, sie gab erst dann, wenn sie's von der Persönlichkeit losgelöst hatte. Stets trat zurück hinter dem, was sie für so viele war, die Persönlichkeit |
| 289 | Georga Wieses. Und wenn man durch Jahrhunderte hindurch das Wort gebraucht hat, meine liebe Trauergemeinde, für Seelen, die also geartet waren, dann hatte man den heute nicht mehr gebräuchlichen, einstmals viel in sich schließenden Ausdruck: eine schöne Seele. Goethe hat die liebste Person im Geistesland, die er kennen gelernt hat, eine schöne Seele genannt, und wir wollen in all dem Sinn, den einstmals die Vorzeit mit diesen Worten verband, heute aufblicken zu der schönen Seele Georga Wieses. Und unser Seelenauge kommt an das dritte Bild. Wir riefen die Freunde, die sich mit uns vereinigen wollten, um die Anthroposophische Gesellschaft zu dieser Weihnachtszeit in einer neuen Form zu gestalten, an das Goetheanum in Dornach. Und unter denjenigen, die begeisterten Herzens kamen, war Georga Wiese. Und kaum angekommen, erwartend das Festliche, das sie mitmachen wollte, hatte sie einen Unfall, durch den sie den Arm an einer ungünstigen Stelle des Oberarms brach. Und sie mußte, was uns wirklich den allerallertiefsten Schmerz nur bereiten konnte, die Tage, da wir versammelt waren, zu begründen die neue Form der Anthroposophischen Gesellschaft, zu legen den Grundstein zu ihr, sie mußte im Krankenhaus die Tage, die sie im festlichen Zusammensein mit dem, was sie liebte, verbringen wollte, zubringen. Sie war an dem Orte angelangt, zu dem sie oftmals so gern gekommen war, und sie war wieder gern gekommen, und das Schicksal hatte sie ferngehalten von dem, an dem sie teilnehmen wollte. ieder wirkte die schöne Seele Georga Wieses. Äußerlich, sie hatte in dem Krankenhause und durch den verständnisvollen Arzt ja getreueste Pflege, und nach dieser Richtung hin konnte ich tief befriedigt sein, als ich selbst bei einem Besuche kurz vor ihrem Tode ihren Arzt sprechen konnte. Aber es war doch tief zu Herzen gehend, Georga Wiese nun in schwerer Krankheit liegen zu sehen und den Gedanken haben zu müssen, wie gerne sie gerade in diesen Tagen an anderer Stätte gewesen wäre. Aber wiederum überstrahlte sie der Glanz desjenigen, was ich eben genannt habe, meine liebe Trauergemeinde, die schöne Seele. Sie trug alles dasjenige, was sie zu finden hoffte innerhalb unserer festlichen Weihnachtsgemeinschaft, in ihrer |
| 290 | Seele, in ihrem Herzen. Und von ihrer Lagerstatt strahlte mir entgegen aus ihrem treuen, liebenden Herzen in einer fast himmlischen Verklärung all dasjenige wiederum am Ende der Tage vor dem Tode Georga Wieses, da wir das Fest begangen hatten, zu dem sie auch gekommen war. Sie trug wahrhaftig dieses Fest in ihrem Herzen, sie trug wahrhaftig dieses Fest in ihrer Seele. Denn in ihr war alles in ihrer Seele von Kräften erfüllt, die ihr ohne Ende - damit tief bekräftigend das eigene Sein - aus geistig lichten Höhen die Worte sagten: Ex deo nascimur, aus dem Göttlichen ist alles Menschliche geboren. Und Georga Wiese, sie wußte sich aus dem Göttlichen geboren. Sie wußte sich herausgetragen in irdisches Sein aus göttlich weiten Daseinskräften. Sie wußte wirkend dieses Göttliche in der eigenen Seele. Sie fühlte diese Gotteskräfte im eigenen Herzen. Sie wollte ohne Ende strömen lassen in den eigenen Willen diese sie licht durchströmende Gottes wärme. Ihre Seele selber lebte in dem Lichte der Worte: Ex deo nascimur. - Und sie wußte, wie hineinverschwindet dasjenige, was in göttliche Höhen reichte, in irdisches Dasein, und wie hingenommen wird der Mensch, dessen äußere physische Körperlichkeit, von dem irdischen Dasein. Aber sie wußte auch, daß, wenn auch der Mensch in jedem Augenblicke hineinerstirbt in den Stoff, in der Erde die durch Gnade mitgeteilte große Kraft wirkt, die in dem lebendigen Christus ist. Sie fühlte, sie lebte in ihrem Herzen, sie lebte in ihrer Seele, sie lebte in ihrem Geiste: In Christo morimur. Liebe Trauergemeinde! Wie wenn ich hätte lesen können in dem Herzen, das ich noch an dem wenige Stunden vor dem Tode vorangehenden schweren Tag sah, wie wenn ich es hätte sehen können, das Licht, das aus diesem «In Christo morimur» strahlte, so war es aufrichtig, so war es tief geist-ehrlich in der Seele dieser treuen, dieser an alles Schöne, Große und Liebe in der Welt so echt hingegebenen Seele. Oh, es war ein großer Kontrast in diesen letzten Stunden zwischen dieser Seele, die aus den müden Augen, aber in unendlicher Leuchtkraft hineinblickte in Unbestimmtes, die klagte, wie wenig ihr Leib noch vertrug von irdischen Stoffen, und die so sichtlich erfüllt war von dem, was der Geist der Seele mitteilte. Es war eine tiefe Sorge, in der ich Georga Wiese verlassen mußte. |
| 291 | Man darf, meine liebe Trauergemeinde, wenn man die Untergründe des Geistigen versteht, solange der Mensch hier auf Erden weilt, nur mit starken, kräftigen Gedanken hinstreben, zu sagen, er wird, er wird gesund. Denn solche Gedanken sind es oftmals, die mit den geheimnisvollen Kräften, die bestehen zwischen Menschenseele und Menschenseele und zwischen Weltengeist und Menschengeist, manche Seele noch hinwegtragen über den Todesakt. Aber die Sorge lebte doch durch jene schwere Schädigung, die nur Bedrohliches ahnen ließ, die ausging von der geschädigten Stelle und sich wie dunkle Strahlen über den ganzen Körper hinbewegten. Aber die Hoffnung lebte. Die Hoffnung durfte schon am nächsten Tage nicht mehr leben. Es kam die Kunde, daß uns unsere liebe Freundin am Morgen für das irdische Leben entrissen war. Tief verbunden, liebe Trauergemeinde, ist nun diese Seele dem, was wir alle hier erstrebt haben, dem, was uns so tief bewegte in den Weihnachtstagen, wie tief verbunden ist für uns alle, da sie hinweggegangen ist, zu sterben in unserer Mitte in diesen unseren Festestagen, mitmachte noch im Geiste hier auf Erden, was wir durchmachten, dann den Weg suchte hinauf in geistige Höhen. Ich darf, meine liebe Trauergemeinde, versichert sein, daß ich zu aller Herzen spreche, wenn ich diese der Christus-Kraft so tief ergebene Seele diejenige nenne, die sich für alle Ewigkeit im Allertiefsten mit uns durch diese Tragik des Todes in einer für uns so ernsten Zeit verbunden hat. Gedenket dieser Christus ergebenen Seele immer mit all jener Kraft, die den Schmerz zuletzt verklären wird in Euren eigenen Seelen, wenn Ihr die tiefe Tragik wirken lasset, die mit diesem uns mit solchem Leid erfüllenden Tod verbunden ist. Oh, aus diesem Tode soll aufkeimen ein Geistesleben, das uns für alle Ewigkeit innig vereint mit Georga Wiese. Und dieses geistige Leben, sie hat es immer geführt. Aus dem «Ex deo nascimur - In Christo morimur» ging für sie die selbstverständliche Überzeugung hervor, daß des Menschen Seele, wenn sie die Kraft des Vater-Wortes, wenn sie den Willen des Sohnes-Gottes und seine Liebe in sich hegt, im Geiste auferstehen wird, um im Geiste zu erfassen das Leben, das |
| 292 | dem endelosen Geist des Lichtesreiches selber angehört: «Per spiritum sanctum reviviscimus». Das ist sicher der Zauberhauch, der als der lebendige Hauch sich entrungen hat, als der irdische Hauch bei Georga Wiese aufhörte. Und mit diesem alles Tote ständig erweckenden Geiste wollen wir uns vereinen, die Kraft zu gewinnen, vereint zu bleiben im geistesewigen Zukunfts-Dasein mit Georga Wiese. Unvergeßlich mögen denjenigen, die sie kennen gelernt haben, die drei Bilder sein: Die Liebende inmitten ihrer geliebten Heimat, die wir selber so lieb gewonnen haben; die Treue, Tätige, die begeistert mit dem Herzen Enthusiasmierende, selber in Treue Tätige, mit dem Herzen enthusiastisch Anteilnehmende, arbeitend, wirkend, lebend am Bau des Goetheanum in Dornach; die Sterbende, dem Tode zu ewigem Leben sich mit uns Vereinigende bei unserem so bedeutungsvollen Weihnachts dasein im Übergange von 1923 auf 1924. Die Kraft dieser drei Bilder, sie muß leben in Euren Herzen! Und leben in Euren Herzen wird, wenn Ihr die Kraft dieser Bilder mit all dem, was dieser schönen Seele im Vereine mit Euch an sich eigen war, auf Euch wirken lasset, vereint wird sein in dem schönen, lichtvollen Leben diejenige, die im Tode nunmehr von uns ging.
Wir kennen, was Dich im Geiste bewegte,
Wie Du mit uns dachtest, |
| 293 | Neben der Erinnerung an Irdisches steht die Geistesschau - hinauf in lichte Höhen:
Wie Du empfangen wirst von den Geistern der lichten Höhen,
Ich war mit Euch vereint. |
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Wer da suchte
Du schenktest uns |
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Ihr Geister in lichten Höhen,
Ex deo nascimur |