Hinweise
Zu dieser Ausgabe
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| 201 | Die in diesem Band enthaltenen Vorträge hielt Rudolf Steiner im Jahr 1911 auf Einladung von Prager Theosophen. In Prag - das damals als Hauptstadt des Königreiches Böhmen zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte - gab es in diesen Jahren vor dem ersten Weltkrieg drei verschiedene theosophische Gruppierungen. Neben der «Böhmischen Sektion Prag der Theosophischen Gesellschaft (Adyar)» hatte sich eine Gruppe von Tschechen unter der Leitung von Jan Bedrnicek schon seit dem Jahr 1906 direkt an den von Rudolf Steiner geleiteten Besant-Zweig in Berlin angeschlossen; sie führte offiziell den Namen «Abteilung Prag des Besant-Zweiges, Berlin». Außerdem gab es eine unabhängige theosophische Arbeitsgruppe etwa seit 1909, die «Bolzano-Gruppe», die sich im Jahr 1912 als «Bolzano-Zweig» ebenfalls der Deutschen Sektion und später der Anthroposophischen Gesellschaft anschloß. Die Leiterin dieser Gruppe war Berta Fanta. Die Initiative, Rudolf Steiner zu einem Vortragszyklus nach Prag zu bitten, ging von der tschechischen Gruppe aus. Am 25. Mai 1910 fuhr deren Leiter Jan Bedrnicek nach Hamburg, um mit Rudolf Steiner, der dort die Vortragsreihe über «Die Offenbarungen des Karma» hielt, Termin und Themen zu besprechen. Zwischen den verschiedenen theosophischen Gruppierungen hat es damals eine gute Zusammenarbeit gegeben. So trat als offizieller Veranstalter von Rudolf Steiners Vorträgen die «Böhmische Sektion» auf, die die Einladungen verschickte (siehe Seite 200) und die Vorträge im «Prager Tagblatt» Nr. 74 vom 15. März 1911 mit folgender Anzeige ankündigte: Die Theosophische Gesellschaft in Prag veranstaltet im laufenden Monate einen öffentlichen Vortragszyklus, gehalten von dem hervorragenden Philosophen und Okkultisten Dr. Rudolf Steiner über «okkulte Physiologie» und zwar vom 19. bis 28. März (präzise 8 Uhr abends) im Saale des kaufmännischen Vereins «Merkur», Niklasstraße. Anmeldungen an das Sekretariat der Sektion Prag, Weinberge, Bocelgasse 2, 2. St. Das Thema «Eine okkulte Physiologie» geht mit Sicherheit auf Rudolf Steiner selbst zurück, hatte er sich doch schon seit Jahren mit einer okkulten Betrachtung des menschlichen Organismus beschäftigt. So sagte er zum Beispiel in einem Vortrag, der anläßlich der 5. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten wurde (Berlin, 21. Oktober 1907 vormittags, in GA101): «Es ist… möglich, die Organe des Menschen zu studieren in ihrer verschiedenen Wertigkeit, wenn man zurückgeht auf die Urgründe, die in den geistigen Welten zu finden sind. Wir finden, daß Leber, Galle, Milz und so weiter etwas |
| 202 | ganz anderes sind, wenn man weiß, wie verschiedene Welten an ihrer Gestaltung beteiligt sind. … Sie sind Erbteile aus der geistigen Welt heraus. Es müssen alle Organe beim Menschen aus ihren geistigen Ursprüngen heraus von uns betrachtet werden, wenn wir deren Bedeutung richtig verstehen wollen. Da sehen wir hin auf eine zukünftige Behandlungsweise des menschlichen Leibes, wo man sich dieses geistigen Ursprunges der Organe bewußt sein wird und diese Erkenntnisse anwenden wird in der alltäglichen Medizin.» und in München - nachdem das Thema für den Prager Zyklus schon feststand - am 26. August 1910 (in GA125): «Es wäre im Sinne dessen, was ich selbst als geisteswissenschaftliche Bewegung ansehen muß, mein dringendster Wunsch, daß diejenigen, welche eine physiologisch-ärztliche Vorbildung haben, sich so weit mit den Tatsachen der Geisteswissenschaft bekanntmachen, daß sie in bezug auf ihren Tatsachencharakter die Ergebnisse der Physiologie einmal durcharbeiten können. Ich werde selbst im nächsten Frühjahr nur höchstens die Grundlinien dieser geisteswissenschaftlichen Physiologie ziehen können…» Über die Teilnehmer an dem Prager Vortragszyklus ist nur wenig bekannt; insbesondere konnte bisher nicht herausgefunden werden, welche Ärzte teilgenommen haben. Nur einige wenige Namen sind dokumentarisch gesichert: Dr. Ludwig Noll aus Kassel, der während dieser Zeit die erkrankte Marie von Sivers behandelte (siehe «Marie Steiner-von Sivers - Ein Leben für die Anthroposophie», Seite 201 ff.), sowie die drei Münchner Ärzte Dr. Felix Peipers - der selbst in theosophischen Zusammenhängen schon Vorträge gehalten hatte über okkulte Anatomie und Medizin —, Dr. Max Hermann und Dr. Hanns Rascher. Ein Wiener Mitglied berichtet: «Ein finanziell glücklicher Zufall machte es mir damals möglich, verspätet zu dem Vortragszyklus Dr. Steiners über okkulte Physiologie nach Prag zu fahren. Die Vorträge, denen ein großer Teil der Prager Intelligenzkreise beiwohnen konnte, gaben den ersten Ausblick in eine neue Betrachtungsweise des Menschen. Die Stimmung dieses Neuen herrschte namentlich unter den anthroposophischen Wissenschaftlern und Ärzten (darunter Dr. Peipers und Dr. Hermann). An den öffentlichen Vorträgen «Wie widerlegt man Theosophie?» und «Wie verteidigt man Theosophie» nahmen auch viele Menschen der Zionistischen Bewegung teil und ich kam bei dieser Gelegenheit in nahen Kontakt zu dem jungen Philosophen Hugo Bergmann (jetzt Professor in Jerusalem), dessen Schwiegermutter und Tante (Frau Fanta und Frau Freund) im Mittelpunkt der theosophischen Bewegung in Prag standen. … Die Tage von Prag, an denen fast alle Wiener Theosophen teilnahmen, bekamen noch ihren besonderen Glanz durch den Eindruck einer in der Einheit des theosophischen Strebens gegründeten echten Verbindung zwischen Deutschen und Tschechen. Dies gab eine innere Wärme, in der auch Dr. Steiner sich besonders wohl zu fühlen schien. Unter den tschechischen Theosophen fiel besonders |
| 203 | ein greiser Musikprofessor auf, dessen Äußeres stark an Leo Tolstoi erinnerte.» (Aus einem undatierten Manuskript «Erinnerungen» von Dr. Ernst Müller, Wien.) Am Schluß der Veranstaltungen fand noch ein ursprünglich im Programm nicht vorgesehener Vortrag Rudolf Steiners statt über die Beziehung der Theosophie zur Philosophie. Dieser Vortrag liegt bereits gedruckt vor im Band der Gesamtausgabe «Die Mission der neuen Geistesoffenbarung», GA127, wird aber wegen seiner direkten Beziehung zu den Vorträgen über okkulte Physiologie in den hier vorliegenden Band mit aufgenommen. Die beiden öffentlichen Vorträge vom 19. und 25. März 1911 «Wie widerlegt man Theosophie?» und «Wie verteidigt man Theosophie?» sind in der Gesamtausgabe noch nicht erschienen, sie waren - nach einer mangelhaften Nachschrift - abgedruckt in «Mensch und Welt», Blätter für Anthroposophie 1968, Nrn. 1-4. Zu der Zeit, als Rudolf Steiner diese Vorträge hielt, stand er mit seiner Geisteswissenschaft noch innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Er verwendete die Worte «Theosophie» und «theosophisch» jedoch immer im Sinne seiner später «Anthroposophie» genannten Geisteswissenschaft. Die Ausdrücke «Theosophie», «Geisteswissenschaft» oder «Geistesforschung» sind hier jeweils so wiedergegeben, wie sie von den Stenographen festgehalten wurden. Der Titel des Vortragszyklus ist von Rudolf Steiner. Die Zeichnungen im Text wurden von Hedwig Frey und Leonore Uhlig nach den Skizzen der Stenographen ausgeführt. Originaltafelzeichnungen sind nicht erhalten. Textunterlagen: Eine wortwörtliche stenographische Mitschrift dieser Prager Vorträge Rudolf Steiners gibt es nicht. Wohl haben verschiedene Teilnehmer mitgeschrieben, doch reichten ihre stenographischen Fähigkeiten nicht aus, um einen ganzen Vortrag durchgehend wörtlich festhalten zu können. Von den vorliegenden Unterlagen - es sind insgesamt neun verschiedene Textfassungen - sind acht sogenannte Ausarbeitungen (die neunte besteht nur aus stichwortartigen Notizen), das heißt, sie geben nicht nur die ursprünglich stenographisch oder handschriftlich festgehaltenen Wortlaute wieder, sondern sie sind von den jeweiligen Schreibern mehr oder weniger bearbeitet worden (stilistisch zu einem lesbaren Text formuliert, Interpunktion eingefügt, gelegentlich inhaltlich ergänzt, Lücken nach eigenem Verständnis oder Gedächtnis ausgefüllt und anders mehr). Da sich keinerlei Originalstenogramme erhalten haben, iüt es schwierig, den Grad der «Bearbeitung» im einzelnen festzustellen. Deshalb wurden bei den Vorarbeiten für die Neuausgabe 1991 zunächst alle vorliegenden Textfassungen Satz für Satz miteinander verglichen, woraus sich folgendes Bild ergibt: Vier Stenographen (Walter Vegelahn, Fritz Mitscher, Wilhelm Friedrich und ein unbekannter) haben sich bemüht - entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten -, die Vorträge weitgehend wörtlich mitzuschreiben. Ihre Klartextübertragungen |
| 204 | wurden in unterschiedlicher Weise und zum Teil mehrmals bearbeitet und zwar von den Nachschreibern selbst. Die übrigen Nachschriften sind Zusammenfassungen der Vortragsinhalte. Im einzelnen liegen vor: - Nachschrift Walter Vegelahn in zwei stark voneinander abweichenden Fassungen: a) Erstübertragung des Stenogramms, geringfügig bearbeitet (maschinegeschrieben) b) von Vegelahn selbst überarbeitete Fassung von a), durch dessen eigene Einfügungen oft stark verändert (maschinegeschrieben) - Nachschrift Fritz Mitscher in zwei Fassungen: a) Erstübertragung des Stenogramms (handschriftlich) b) bearbeitete Fassung, zum Teil unter Berücksichtigung des Vegelahntextes (maschinegeschrieben) - Nachschrift Wilhelm Friedrich (handschriftliche Übertragung des Stenogrammtextes) - Nachschrift eines unbekannten Stenographen (handschriftlich) - Kurznachschrift (referatartig) von Jan van Leer (maschinegeschrieben) - Kurznachschrift (referatartig) von Fritz Rascher (maschinegeschrieben) - Kurznotizen von unbekannter Hand (handschriftlich). Als offizieller Stenograph war der Berliner Walter Vegelahn, der schon mehrjährige Erfahrungen im Mitschreiben von Vorträgen hatte, mit nach Prag gereist. Jedoch gelang es ihm diesmal nicht - aus welchen Gründen auch immer -, die Vorträge wirklich wörtlich mitzuschreiben. Vielleicht waren ihm die Thematik und das Vokabular ungewohnt, vielleicht waren die räumlichen oder akustischen Verhältnisse ungünstig, vielleicht lag auch eine persönliche Indisposition vor - all das läßt sich heute nicht mehr feststellen. Das Ergebnis seiner Mitschrift, die Übertragung des Stenogramms, war jedenfalls sehr unbefriedigend. Am 2. Mai 1911 schrieb Marie von Sivers aus Portorose, wo sie und Rudolf Steiner sich damals aufhielten, an die Leiterin des Phüosophisch-Theosophischen Verlages, Johanna Mücke: «Der Doktor möchte doch gern alle Vorträge über <Okkulte Physiologie haben. Schicken Sie sie also bitte, so wie Sie es beabsichtigen, und auch den zweiten öffentlichen in Prag.» - Doch obgleich Rudolf Steiner ausdrücklich schon so bald um die Nachschriften gebeten hatte, sind die Vorträge zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt worden. Man darf annehmen, daß er die Druckerlaubnis nicht gegeben hat, weil er mit der Qualität des Vegelahnschen Textes unzufrieden war und für eine Bearbeitung nicht die erforderliche Zeit hatte. Vegelahn, der sich über die Mangelhaftigkeit seiner Nachschriften wohl selbst klar war, hat diese später noch einmal überarbeitet und so eine zweite Textfassung erstellt, die sich von der ersten dadurch unterscheidet, daß er dem Wortlaut seines ursprünglichen Stenogrammtextes alle möglichen Zutaten beifügte (Füllworte, Wiederholungen vorangegangener Satzpassagen oder Gedankengänge, Nachahmung bestimmter Eigentümlichkeiten von Rudolf Steiners Sprechstil |
| 205 | und so weiter). Die auf diese Weise entstandenen Satzkonstruktionen sind häufig so unklar gegliedert, daß ihr Sinn nur schwer verständlich ist. Solche Satzkonstruktionen stammen also nicht von Rudolf Steiner, sondern sind durch die nachträgliche Bearbeitung Vegelahns entstanden. Erst im Jahr 1927 wurden die Vorträge erstmals gedruckt und zwar als Manuskriptdruck für Mitglieder, bezeichnet als «Zyklus OP». Sowohl dieser Erstdruck wie auch die folgenden Auflagen innerhalb der Gesamtausgabe basierten auf der oben beschriebenen Textbearbeitung Vegelahns, können also nicht als die authentische Wiedergabe des Wortlautes Rudolf Steiners angesehen werden. «erfordert Theosophie … das genaueste, präziseste logische Formulieren», so sagt Rudolf Steiner im Vortrag vom 28. März 1911 (siehe Seite 181/182), und nach Ausführungen über «Wortfüllsel» und «rhetorische Verbrämungen» fügt er hinzu: «Wenn man das Vorgetragene ganz genau nimmt, so darf man in den Sätzen nicht nur nichts ändern, sondern man muß auch genau auf die Grenze achten, die in die Formulierungen mit aufgenommen ist.» - Bald nach dem Erscheinen von «Zyklus OP» im Jahr 1927 meldeten sich eine Reihe von Ärzten, die auf Fehler in den Texten aufmerksam machten und entsprechende Korrekturen vorschlugen. Für die späteren Auflagen 1957 und 1971 konnte der Herausgeber Dr. med. H. W. Zbinden durch Prüfung der damals vorliegenden Nachschriften einige sachliche Korrekturen durchführen; die Vegelahnsche Textbearbeitung wurde dadurch jedoch nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Die Tatsache, daß es sich bei dieser keineswegs um den originalen Wortlaut Rudolf Steiners handelt, konnte erst in jüngster Zeit festgestellt werden durch einen genauen Vergleich mit den anderen, auf Stenogramme zurückgehenden Nachschriften. Einige dieser Unterlagen hat die Nachlaßverwaltung erst in den letzten Jahren erhalten. Trotz der zahlreichen Differenzen in den einzelnen Wortlauten der verschiedenen Nachschriften sind Inhalt, Aufbau und Verlauf der Vorträge von allen Nachschreibern gleich wiedergegeben. Diese Tatsache ermöglichte es, nunmehr für die Neuausgabe 1991 eine neue Textfassung zu erarbeiten, deren Grundlage die am wenigsten bearbeiteten Niederschriften der Stenographen sind: - die Erstausschriften von Walter Vegelahn und Fritz Mitscher, sowie die handschriftlichen Stenogrammübertragungen von Wilhelm Friedrich und von Unbekannt. Die Referate von van Leer und von Fritz Rascher wurden inhaltlich mit beigezogen. Auch diese verbesserte Textfassung enthält Unklares und Lükkenhaftes, das mangels eines wortgetreuen Stenogrammes nicht rekonstruiert werden kann. Inhalt und Aufbau der Vorträge sind jedoch durch die zahlreichen Unterlagen gesichert. |
Hinweise zum Text
| 206 | Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
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