Religionsgeschichtliche Impulse des fünften nachatlantischen Zeitraums
ACHTER VORTRAG, Dornach, 2. November 1918
Kreuzung dreier Evolutionsströmungen in jedem Menschen. Das allmähliche Zurücktreten der körperlichen Entwicklungsfähigkeit des Menschen ergibt die eine, in welcher jetzt die Menschheit als ein Ganzes die Empfindungsseele zur Entwicklung bringt. Eine zweite Evolutionsströmung ist jene, in welcher der Einzelmensch die Bewußtseinsseele entwickelt. Und eine dritte ist jene, welche die einzelnen Volkselemente über die Erde hin in Entwicklung zeigt. In die Seele jedes Menschen greifen diese drei Strömungen ein. Differenzierungen des in der Zeit fortwirkenden Christus-Impulses. Christusvolk. Kirchenvolk. Auflehnung gegen die römischkatholische Kirche am Beginn des 15. Jahrhunderts. Dem Romanismus kommt der Jesuitismus zu Hilfe. Polarische Gegensätzlichkeit zum Jesuitismus im Goetheanismus.
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einiges Licht zu werfen auf die besonderen Eigentümlichkeiten der
Zeitepoche, welche wir eben charakterisieren müssen als den fünften
nachatlantischen Zeitraum, der mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts
seinen Anfang genommen hat, in dem wir jetzt drinnen stehen, und
der in der Mitte des vierten Jahrtausends sein Ende finden wird. Nun
ist in unserer gegenwärtigen Zeit sehr vieles in den symptomatischen
Geschehnissen der Geschichte, das innig zusammenhängt mit den Geschehnissen im Beginne dieses Zeitraumes. Aus Gründen, die, wenn wir
noch länger Zeit haben, in den folgenden Vorträgen herauskommen
werden, und die in der Entwickelung der ganzen Menschheit liegen,
kann man diesen fünften nachatlantischen Zeitraum im wesentlichen
in Fünftel teilen, und wir stehen in einem besonders wichtigen Punkte,
wo die Wende des ersten und des zweiten Fünftels dieses Zeitraumes
zur Entscheidung kommen muß.
Indem ich Ihnen eine Art Überblick gewissermaßen vor das geistige
Auge führen will über die religionsgeschichtlichen Impulse, insoferne
sie symptomatisch sind in diesem fünften nachatlantischen Zeiträume,
werde ich genötigt sein, mancherlei, was ich gerade bei dieser Betrachtung sage, hindeutend, andeutend zu sagen. Denn sobald man im Ernste
eingeht auf die Evolution der religiösen Impulse der Menschheit, in
dem Augenblicke werden die Wirklichkeiten, die man dabei im Auge
haben muß, so schwierig gegenüber dem Ausdrucke, der einem zur
Verfügung stehen kann in der menschlichen Sprache, daß eben nur eine
annäherungsweise, andeutungsweise Aussprache über die Dinge möglich ist. Daher werden Sie mancherlei von dem, was ich heute und morgen sagen werde, so zu nehmen haben, daß Sie wirklich versuchen,
auch hinter den Worten und in den Worten noch mancherlei zu sehen,
nicht aus dem Grunde, weil ich Geheimniskrämerei treiben will, sondern aus dem Grunde, weil die Sprache zu ohnmächtig ist, um die Vielgestaltigkeit der Impulse der Wirklichkeit tatsächlich zum Ausdrucke
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zu bringen. Vor allen Dingen aber muß ich Sie heute darauf aufmerksam machen, daß derjenige, der solche Dinge geisteswissenschaftlich
betrachtet, sich schon einmal darauf einlassen muß, wirklich zu denken. Das Denken hat sich ja die heutige Menschheit mehr oder weniger
abgewöhnt. Ich meine natürlich nicht jenes Denken, welches den Hochmut begründet der heutigen sogenannten Wissenschaft, sondern ich
meine jenes Denken, das auf genaue Wirklichkeitsunterscheidungen
einzugehen vermag. Ich muß, um das betrachten zu können, was uns
jetzt zu betrachten obliegen wird, Sie vor allen Dingen aufmerksam
darauf machen, daß ich zwei Strömungen innerhalb der Menschheitsentwickelung Ihnen vorgeführt habe. Ich weiß nicht, ob alle diejenigen,
die hier sitzen, so genau auf meine Satzprägungen im Laufe der Zeit
während dieser Betrachtungen werden hingehorcht haben, daß sie das
schon bemerkt haben, was ich aber heute besonders herausheben will,
damit in den folgenden Betrachtungen kein Mißverständnis entsteht.
Ich habe zunächst eines hervorgehoben mit Bezug auf die Evolution,
auf die Entwickelung der nachatlantischen Menschheit. Ich habe aufmerksam gemacht, daß die Menschheit der nachatlantischen Zeit, wenn
man so sagen darf, immer jünger und jünger wird. Das heißt, daß in
der ersten Epoche dieser nachatlantischen Zeit, in der sogenannten
urindischen Zeit, die Menschen körperlich entwickelungsfähig geblieben
sind bis in die fünfziger Jahre hinauf, daß sie also Entwickelungsstadien
durchgemacht haben bis in die fünfziger Jahre, dann bis in ein weniger
hohes Alter in der urpersischen Zeit, wieder bis in ein weniger hohes
Alter in der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Dann, in der griechisch-lateinischen Zeit, kam die Menschheit an in einer Epoche, in welcher sie nur
entwickelungsfähig war bis zu den Jahren vom 28. bis 35. Jahre. Und
jetzt stehen wir in der Epoche, in der die Menschheit entwickelungsfähig bleiben wird bis zum 27. bis 28. Lebensjahr; jetzt eben - ich habe
das öfter hervorgehoben - stehen wir darinnen in der Zeit, wo die
Menschen durch das, was ihnen die Welt gibt, nur entwickelungsfähig
bleiben bis zum 27. Lebensjahre. Dasjenige, was ihnen eine weitere Entwickelung geben kann, müssen sie sich aus den spirituellen Impulsen
herausholen. Dann wird eine Menschheit kommen, die gar nur entwickelungsfähig bleiben wird bis in das Lebensalter von 14 bis 21 JahCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 180
ren. Es wird dann der sechste nachatlantische Zeitraum sein. Und so
wird es weiter gehen. Die Menschheit wird, indem sie älter wird, in
diesem Sinne immer jünger und jünger werden. Das ist die eine Evolution der Menschheit.
Nun ist besonders ins Auge zu fassen - wie gesagt, ich weiß nicht,
ob Sie alle das bemerkt haben -, daß diese Evolution, die ich jetzt auseinandergesetzt habe, die ganze Menschheit betrifft. Die Menschheit
also macht diese Evolution durch. So daß wir sagen können: Mit Bezug
auf diese - ich will sie die erste Evolution nennen -, mit Bezug auf
diese erste Evolution steht die Menschheit in einer Phase darinnen, die
zwischen dem 28. und 21. Jahre liegt. Das sind aber die Jahre, in denen
die Empfindungsseele besonders zur Entwickelung kommt. Also wir
stehen heute in einer Entwickelungsepoche drinnen, in der die ganze
Menschheit die Empfindungsseele besonders zur Entwickelung bringt.
Das ist die eine Evolution.
Nun habe ich Ihnen aber auch von einer anderen Evolution erzählt.
Diese andere Evolution besteht darinnen, daß in der ersten nachatlantischen Epoche, in der urindischen, die Menschheit durchgemacht hat
diejenige Zeit, in welcher der einzelne Mensch sich entwickelte durch
den Ätherleib durch. In der zweiten nachatlantischen Zeit, in der urpersischen, entwickelte sich der einzelne Mensch durch den Empfindungsleib durch, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit der einzelne Mensch
durch die Empfindungsseele durch, in der griechisch-lateinischen Zeit
der einzelne Mensch durch die Verstandes- oder Gemütsseele, und im
jetzigen Zeiträume der einzelne Mensch durch die Bewußtseinsseele.
Das ist also die zweite Evolution. Während eine Evolution läuft, die
die ganze Menschheit betrifft, läuft die andere Evolution einher, welche
den einzelnen Menschen in der ganzen Menschheit betrifft. Der einzelne
Mensch, wenn ich wieder unseren Zeitraum in Betracht ziehe, der Einzelmensch in der Menschheit bringt die Bewußtseinsseele zur Entwickelung.
Die dritte Evolutionsströmung, die in Betracht kommen würde, das
ist jene, die ich auch öfter erwähnt habe, welche die einzelnen Volkselemente über die Erde hin in Entwickelung zeigt. Mit Bezug darauf
habe ich Ihnen ausgeführt, wie das einzelne Volk, wie zum Beispiel das
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italienische Volk, sich so entwickelt, daß, was durch das Volk kommt,
gerade besonders die Empfindungsseele anregt, das französische Volk
so sich entwickelt, daß besonders die Verstandes- oder Gemütsseele angeregt wird, die englischsprechenden Völker dasjenige, was besonders
die Bewußtseinsseele anregt, und so weiter. Das ist die dritte Evolution.
Sie sehen, das geht durcheinander, da kann ich nicht für unseren besonderen Zeitraum einen einzelnen Satz herausheben.
Erste Evolution: Die ganze Menschheit bringt die Empfindungsseele zur Entwickelung.
Zweite Evolution: Der einzelne Mensch in der Menschheit bringt
die Bewußtseinsseele zur Entwickelung.
Dritte Evolution: die der Völker.
Diese drei Evolutionen aber, die kreuzen sich in jedem Menschen,
die greifen in die Seele eines jeden Menschen ein. Ja, meine lieben
Freunde, einfach ist die Weltenordnung wahrhaftig nicht! Wenn Sie
wollen, daß für Sie die Weltenordnung sich in den allereinfachsten
Gedanken ausdrückt, dann müssen Sie entweder Professor oder spanischer König werden. Denn man braucht nur zu erinnern an jene Sage
von dem spanischen König, der da meinte, als man ihm eine viel weniger komplizierte Weltenordnung auseinandersetzte als diejenige ist,
die hier in Betracht kommt: wenn Gott es ihm überlassen hätte, die
Welt einzurichten, so würde er sie so kompliziert nicht eingerichtet
haben, sondern viel einfacher. Und gewisse Lehrbücher oder auch sonstige populäre Erkenntnisbücher haben immer wieder und wiederum
das Prinzip verfolgt: Oh, die Wahrheit muß einfach sein! - Dieses
Prinzip wird selbstverständlich nicht verfolgt aus irgendeiner Wirklichkeitsgrundlage heraus, sondern einzig und allein aus der Grundlage der Bequemlichkeit, ich könnte auch sagen, der allgemeinen menschlichen Faulheit heraus. Mit einem bloßen Schematismus, unter dem
sich alles registrieren läßt, ist der Wirklichkeit gegenüber wahrhaftig
nichts getan. Und jene glatten, ich könnte auch sagen, aalglatten Begriffe, welche man heute besonders liebt bei dem Betrieb der offiziellen
Wissenschaften, die sind, ich könnte wiederum sagen, Lichtjahre weit
entfernt - um diese astronomische Bezeichnung zu gebrauchen - von
der wahren Wirklichkeit.
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Das aber, was da eingreift in die Voll-Evolution der Menschheit als
Teil-Evolution, das muß man bedenken, wenn man verstehen will,
was eigentlich alles hereinspielt in die Menschenseelen dieses fünften
nachatlantischen Zeitraums. Denn langsam und allmählich spielt es
herein. Und wir werden, wenn wir einen Blick werfen wollen auf die
religiöse Evolution dieses Zeitraumes, nötig haben, diese dreifache
Evolution der Menschheit immer gewissermaßen im Hintergrunde zu
halten. Es ist ja in der Tat so, daß um jenen Zeitpunkt herum, in dem
der fünfte nachatlantische Zeitraum seinen Anfang nimmt, nicht nur
vieles andere, sondern auch das religiöse Leben der zivilisierten Menschheit in eine tiefgehende, viele Wogen aufwerfende Bewegung kommt,
in eine Bewegung, die heute keineswegs abgeschlossen ist, die aber verstanden werden muß in ihren Tiefen, wenn die Menschen wirklich
zum Gebrauch der Bewußtseinsseele kommen wollen. Denn nur dadurch, daß die Menschen, wie ich gestern gesagt habe, zur Einsicht kommen desjenigen, was geschieht, werden sie fähig werden, an der weiteren Evolution dieser Menschheit auf der Erde wirklich teilzunehmen.
Um den Beginn des 15. Jahrhunderts herum rumoren eigentlich wirklich die religiösen Impulse der zivilisierten Menschheit. Wir wollen sie
zunächst über Europa hin betrachten, denn sehen wir sie über Europa
hin, wird sich uns ein Bild, ich möchte sagen, des ganzen Erdenrundes
ergeben. Das, was da rumorte, es hat sich eigentlich lange vorbereitet;
es hat sich mehr oder weniger vorbereitet schon seit dem 10. Jahrhunderte, sogar schon seit dem 9. Jahrhundert des europäischen und vorderasiatischen Geisteslebens. Und diese Vorbereitung, sie geschah dadurch, daß in einer ganz besonderen Weise die Nachwirkung des
Christus-Impulses innerhalb der zivilisierten Welt sich abspielte. Wir
wissen ja, dieser Christus-Impuls ist etwas Fortwirkendes in der Zeit.
Aber mit dem abstrakten Satze, dieser Christus-Impuls sei etwas Fortwirkendes, ist eigentlich sehr, sehr wenig gesagt. Man muß auch durchschauen, in welcher Weise sich dieser Christus-Impuls differenziert, in
welcher Weise er sich in seinen Differenzierungen dann in der verschiedensten Art modifiziert, besser gesagt, metamorphosiert.
Betrachtet man, wie dasjenige, was dazumal im Beginne des 15. Jahrhunderts anfing in Bewegung zu geraten, was heute tief, tief nachwirkt
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in den Menschen — vielfach unbewußt, ohne daß sie eine Ahnung davon
haben -, wie das zusammenhängt mit dem gegenwärtigen Katastrophalen der Ereignisse, so drückt es sich dadurch aus, daß vom 9.,
10. Jahrhundert an auf einem Gebiete der zivilisierten Welt die Möglichkeit geschaffen wurde, daß das eigentliche Christus-Volk entstand,
jenes Volk, welches gewissermaßen die besondere innere Volksbefähigung empfing, die Christus-Offenbarung in die künftigen Jahrhunderte
hineinzutragen. Man redet ganz im ureigentlichsten Sinne, wenn man
für diese Zeit davon spricht, daß als Vorbereitung späterer Zeiten ein
Volk durch die Weltereignisse besonders geeignet gemacht worden ist,
das Christus-Volk zu werden.
Das geschah dadurch, daß schon im 9. Jahrhunderte dasjenige, was
als Christus-Impuls fortwirkte, sich in Europa gewissermaßen differenzierte, und jene Differenzierung des Christus-Impulses sich dadurch
darstellt, daß Seelen sich geeignet erweisen, den Christus-Impuls in
seiner Offenbarung unmittelbar in sich einfließen zu lassen, und daß
dieser Teil, diese Differenzierung des Christus-Impulses nach dem
Osten Europas abgeschoben worden ist. Was dazumal unter dem Patriarchen Photius, unter dem Papst Nikolaus I. geleistet worden ist,
das war ein Zurückschieben des Christus-Impulses in seiner besonderen
Intensität nach dem europäischen Osten hin.
Sie wissen, das hat ja dann zu der berühmten Streitigkeit geführt, ob
man den Heiligen Geist ausgehend denken soll vom Vater und vom
Sohn, oder sich das anders zu denken hat. Doch auf dogmatische Streitigkeiten will ich nicht eingehen; auf dasjenige will ich eingehen, was
eine fortdauernde Wirksamkeit hat. Und so ist diejenige Differenzierung gekommen, diejenige Metamorphose des Christus-Impulses,
welche sich eben dadurch charakterisiert, daß die Angehörigen dieses
Gebietes, des europäischen Ostens, ihre Seelen offen hielten für das
fortdauernde Einfließen des Christus-Impulses, für die immerwährende, fortdauernde Gegenwart des Christus-Hauches. Es kam eben
dazu, daß diese besondere Metamorphose nach dem Osten abgeschoben
wurde und das russische Volk im weitesten Sinne des Wortes innerhalb
der europäischen Zivilisation dadurch zu dem Christus-Volk geworden ist.
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Dies zu wissen, ist ganz besonders wichtig in der heutigen Zeit. Sagen
Sie ja nicht, daß eine solche Wahrheit gegenüber den heutigen Ereignissen sich merkwürdig ausnimmt. Sie würden, indem Sie so etwas
sagten, nur verkennen das Allergrundsätzlichste der spirituellen Weisheit: daß oftmals die äußeren Ereignisse geradezu in paradoxer Weise
der inneren Wahrheit der Vorgänge widersprechen. Es kommt gar
nicht darauf an, ob da oder dort in der Welt die äußeren Ereignisse
der inneren Wahrheit der Vorgänge widersprechen; darauf kommt es
an, daß man auch einsehe, welches die inneren Vorgänge, die eigentlichen
geistigen Wirklichkeiten sind. Diese eigentlichen geistigen Wirklichkeiten sind so, daß, wenn wir uns hier das Gebiet von Europa denken,
nach dem Osten hinüber eine solche Welle (es wird gezeichnet, Pfeil)
sich schon seit dem 9. Jahrhundert ergießt, welche dazu geführt hat,
daß da das Christus-Volk entstand.
Was meint man nun eigentlich damit, wenn man davon spricht, daß
da das Christus-Volk entstand? Damit meint man - Sie können das ja
alles dann mit der äußeren Geschichte in ihren Symptomen nachprüfen, Sie werden schon sehen, wenn Sie die inneren Vorgänge und
nicht die äußeren, oftmals gerade der Wirklichkeit widersprechenden
Tatsachen ins Auge fassen, daß das vollständig stimmt; ich habe mich
ja in der Einleitung des heutigen Vortrages darüber ausgesprochen,
was ich vor das Seelenauge stellen will -, man meint damit, daß da
ein Territorium geschaffen worden ist in diesem Osten von Europa, auf
welchem immerzu Menschen lebten, welche mit dem Christus-Impuls
unmittelbar zusammenhängen, solche Menschen, in deren Seelen in
einer gewissen Weise der Christus-Impuls fortwährend hereinträufelt.
Der Christus bleibt fortwährend gegenwärtig als eine das Denken
dieses Volkes, das Fühlen dieses Volkes durchsetzende innere Aura.
Man kann vielleicht keinen stärkeren äußeren Beweis, der aber
unmittelbar ein Beweis ist, finden für dieses, was ich eben jetzt gesagt
habe, als eine solche Persönlichkeit wie Solowjow, den größten Philosophen des russischen Volkes in neuerer Zeit. Lesen Sie ihn und fühlen
Sie, wie trotz all der Eigenschaften, die ich ja von anderen Gesichtspunkten her bei Solowjow besprochen habe, in ihn unmittelbar alles
einfließt, was man Christus-Inspiration nennen könnte; wie dieses so
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stark in seiner Seele wirkt, was Christus-Inspiration ist, daß er sich
das ganze Gefüge auch des äußeren sozialen Lebens des Menschen so
angeordnet denkt, daß Christus der König ist, der unsichtbare Christus
der König ist der menschlichen sozialen Gemeinschaft; daß alles durchchristet ist, daß jede einzelne Handlung, die der Mensch vollführt,
eigentlich dadurch getan wird, daß der Christus-Impuls bis in die
Muskeln herein sich betätigt. Der reinste, der schönste Repräsentant
des Christus-Volkes ist der Philosoph Solowjow.
Von daher floß diese ganze russische Evolution bis zum heutigen
Tage, bis zur heutigen Stunde. Und gerade wenn man das weiß, daß
das russische Volk das Christus-Volk ist, dann wird man, wie wir später sehen werden, auch die heutige Evolution bis zu der gegenwärtigen
Gestalt verstehen können. Das ist die eine Metamorphose, die das
Christus-Volk vorbereitet hat, der Christus-Impuls in der einen Differenzierung.
In einer zweiten Differenzierung bildete sich der Christus-Impuls
so aus, daß Rom, welches die eigentliche, fortdauernd wirkende Christus-Metamorphose nach dem Osten abgeschoben hatte, umgestaltete
die Geist-Herrschaft des Christus zur weltlichen Herrschaft der Kirche.
Rom verfuhr so, daß es dekretierte: Alles das, was mit dem Christus
zusammenhängt, alles das ist Sache einer einmaligen Offenbarung im
Beginne unseres Zeitraums gewesen - einer einmaligen Offenbarung,
und der Kirche ist diese Offenbarung übergeben, die Kirche hat diese
Offenbarung äußerlich fortzutragen. - Mit dem aber wurde zu gleicher
Zeit die Offenbarung des Christus zu einer weltlichen Machtfrage,
wurde einbezogen von der Kirchenverwaltung, der Kirchenherrschaft.
Das ist wichtig ins Auge zu fassen. Dadurch wurde nichts Geringeres
erzeugt, als daß ein Stück aus dem Christus-Impuls herausgebrochen
wurde. Der vollständige Christus-Impuls ist ja bei dem Christus-Volk,
welches ihn so fortpflanzt, daß der Christus-Impuls tatsächlich in unmittelbarer Gegenwart fortwirkt. Die römische Kirche hat ausgebrochen dieses Fortwirken, hat den Christus-Impuls konzentriert auf den
Beginn unserer Zeitrechnung und alles spätere auf die Tradition oder
die Schriftüberlieferung gelegt, so daß das nun fortgehen soll, verwaltet von der Kirche.
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Dadurch wurde in einer gewissen Weise bei denjenigen Völkern, auf
welche die römische Kirche ihren Einfluß ausdehnte, der ChristusImpuls heruntergeleitet von den spirituellen Höhen, in denen er doch
immer im Osten geblieben ist, und übergeführt in politische Machinationen, in jene Konfundierung von Politik und Kirche, die ich Ihnen
von anderen Gesichtspunkten schon als charakteristisch für das Mittelalter dargestellt habe. In Rußland war die Konfundierung, trotzdem
der Zar Papst der russischen Kirche genannt worden ist, wie wir später
sehen werden, doch in Wahrheit nicht vorhanden, nur äußerlich in den
Scheintatsachen vorhanden. Da verbirgt sich gerade ein bedeutungsvolles Geheimnis der europäischen Entwickelung. Die wirkliche Konfundierung von realen Machtfragen und kirchlichen Verwaltungsfragen, die fand von Rom aus statt.
Diese Konfundierung von politischen Machtfragen und kirchlichen
Verwaltungsfragen für den Christus-Impuls war zu einer gewissen Krisis gekommen durch innere Wirklichkeitsgründe der geschichtlichen Evolution gerade um den Zeitpunkt des Beginnes der fünften nachatlantischen Zeit herum. Wir wissen ja aus dem, was wir in diesen Tagen
betrachtet haben, daß dieser fünfte nachatlantische Zeitraum eben der
Zeitraum der Bewußtseinsseele ist, daß da die Persönlichkeit sich besonders geltend macht, daß die Persönlichkeit sich auf sich selbst stellen
will. Dadurch ist es besonders schwierig, als die Morgendämmerung
dieses Sich-auf-sich-selbst-Stellens der Persönlichkeit da war, zurechtzukommen mit der Frage der Persönlichkeit des Christus Jesus selber.
Das Mittelalter hatte bis zum 15. Jahrhundert hindurch seine Dogmen
über die Verbindung des Göttlich-Geistigen in dem Christus mit dem
Menschlich-Physischen. Diese Dogmen hatten natürlich verschiedene
Formen angenommen. Aber so tiefgehende Wogen innerer Seelenkämpfe waren eigentlich gerade früher nicht da mit Bezug auf diese
Frage; sie kamen in jenen Gegenden auf, in denen der römische Katholizismus sich bis dahin ausgebreitet hatte, als die Persönlichkeit in sich
selbst sich erfassen wollte und daher auch Erklärung fordern wollte
über das, was die Persönlichkeit des Christus Jesus ist. Und im Grunde
genommen drehte sich um diese Frage der ganze Streit schon des Hus,
des Wiclif, der Streit des Luther, des Zwingli, des Calvin, der Streit,
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den dann geführt haben die Wiedertäufer, den geführt haben zum Beispiel Kaspar Schwenckfeld, Sebastian Franck und viele andere; dieser
Streit ging immer darum, Aufklärung haben zu wollen, wie die göttlich-geistige Natur des Christus mit der weltlich-menschlichen Natur
des Jesus im Zusammenhange steht. Um diese Frage drehte es sich. Das
wirbelte natürlich vieles auf. Das wirbelte viele Zweifel auf gegenüber derjenigen Evolutionsströmung, in der abgestumpft war der
immer fortwirkende Christus-Impuls, so abgestumpft war, daß er nur
da sein sollte am Beginne unserer Zeitrechnung, und daß er dann nur
fortgepflanzt werden sollte durch die Kirchenverwaltung. So daß man
sagen kann: Alles dasjenige, was von Rom aus beeinflußt worden
ist , das wurde zum Kirchenvolk.. v Kirchen, Sekten und so weiter
wurden begründet, die eine gewisse Bedeutung haben. [Lücken].
Sagen Sie nicht: In Rußland wurden auch Sekten begründet. - Gerade mit solchen Begriffen verdirbt man sich alle Wirklichkeitsbetrachtung, wenn man ein Wort anwendet da und dort für dasjenige, was
auf einem Gebiete etwas ganz anderes ist als auf dem anderen Gebiete.
Wer das russische Sektenwesen studiert, wird finden, daß es in Wahrheit nicht die geringste Ähnlichkeit hat mit demjenigen, was das Sektenvolk in all den Gebieten war, auf welche die römisch-katholische
Kirche einmal einen Einfluß gehabt hat. Nicht darauf kommt es an,
ob die Dinge gleich zu benennen sind, sondern darauf kommt es an,
was in ihnen als Wirklichkeitsfaktor pulsiert.
Auflehnung aus den Gründen, die ich schon angeführt habe, und
auch aus dem Grunde, den ich jetzt wiederum angeführt habe, gegen
die einheitliche, mit unterbewußten Suggestionen wirkende römischkatholische Kirche, zeichnet gerade das Leben und Streben der Menschen aus um den Beginn des 15. Jahrhunderts herum.
Und wiederum als Gegenstoß gegen dieses Anstürmen der Persönlichkeit sehen wir etwas anderes: Wir sehen, wie dem Romanismus der
Kirche zu Hilfe kommt dasjenige, was Jesuitismus wurde, der in
seiner Urbedeutung, wenn auch heute alles - verzeihen Sie den harten
Ausdruck - verquatscht wird und von Jesuitismus überall gesprochen
wird, eben nur innerhalb des römisch-katholischen Kirchenwesens möglich ist. Denn worauf beruht er? Der Jesuitismus beruht im wesentlichen
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auf folgendem: Wenn bei dem eigentlichen Christus-Volk jene Offenbarung des Christus-Impulses, ich mochte sagen, in der übersinnlichen
Wolke drinnenbleibt, nicht herunterdringt in die physisch-sinnliche
Welt - Solowjow will gewissermaßen das weltliche Reich in das Gottesreich hinaufheben, aber er will nicht heruntertragen das Gottesreich
in das weltliche Reich -, so beruht der Jesuitismus gerade darauf, daß
das Gottesreich in das weltliche Reich heruntergetragen werde und in
den Seelen Impulse so angeschlagen werden, daß innerhalb des physischen Planes das Gottesreich wirke, wie die Gesetze dieses physischen
Planes sind. Also der Jesuitismus strebt ein weltliches Herrschaftsreich
an und will es so einrichten, daß es erscheint wie ein Königreich - aber
ein weltliches Königreich ~ des Christus. Das will er vor allen Dingen
dadurch erreichen, daß er seine Angehörigen, die Angehörigen des
Jesuitenordens selber, so präpariert, als ob sie eine Heeres-, eine Soldatengemeinschaft waren. Der einzelne Jesuit fühlt sich als ein geistiger
Soldat, und er fühlt Christus nicht als den geistigen Christus, der mit
geistigen Mitteln die Welt beeinflußt, sondern er fühlt und soll in seinen Gedanken, in seinen Empfindungen alles so richten, daß er den
Christus wie einen weltlichen König fühlt, daß er dem Christus dient,
wie man einem weltlichen König dient, daß er so dient, wie ein Soldat
seinem Generalissimus dient. Die Kircheneinrichtungen werden natürlich dadurch, daß man es mit Geistigem zu tun hat, andere als im weltlichen Militarismus, aber es soll eben in die geistige Ordnung eine
streng militärische Ordnung hineinkommen. Alles soll so angeordnet
werden, daß der echte Christ ein Soldat des Generalissimus Jesus ist.
Dies ist ja im wesentlichen - wenn wir heute eine Sache, die ich einstmals in Karlsruhe schon auseinandergesetzt habe, von einem anderen
Gesichtspunkte charakterisieren wollen - der Zweck jener Übungen,
die jeder Jesuit macht, um in sich jene ungeheure Kraft heranzubilden,
die gerade im Jesuitenorden durch lange Zeit gelegen hat und die in
ihren Dekadenzerscheinungen schon nachwirken wird in jener Zeit des
Chaos, in die wir eintreten. Den Jesuiten selber zunächst zu einem
Soldaten zu machen für den Generalissimus Jesus Christus, das bezwecken alle die Meditationen, die Ignatius von Loyola vorgeschrieben
hat, und die getreulich gerade von Jesuiten beobachtet werden.
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Ich will einige Proben dafür geben. Nehmen Sie zum Beispiel einmal
unter den geistlichen Übungen, die der Jesuit zu pflegen hat, durch die
er sich seine Kraft erwirbt, diejenige der zweiten Woche, die für ihn
immer damit zu beginnen hat, daß er in einer Einleitungsbetrachtung
in Imaginationen sich vorführt das Reich Christi. Aber er hat sich dieses
Reich Christi so zu denken, daß Christus vorne als oberster Feldherr
anführt seine Legionen, welche die Welt zu erobern haben. Darauf
folgt ein vorbereitendes Gebet. Dann die erste Vorübung.
«1. Sie besteht in einer anschaulichen Vorstellung des Ortes; hier
soll ich mit den Augen der Einbildungskraft schauen die Synagogen,
die Städte und Flecken, die Christus unser Herr predigend durchzog.»
Das alles muß im vollen Bilde vorgestellt werden, so daß der Zögling, der Schüler die Situation und alle einzelnen Vorstellungen darinnen hat wie etwas, was er sinnlich gegenwärtig hat.
«2. Ich bitte um die Gnade, die ich begehre. Hier soll ich unsern
Herrn um die Gnade anflehen, daß ich nicht taub sei für seinen Ruf,
sondern bereit und beflissen, seinen heiligsten Willen zu erfüllen.»
Dann der andere Teil, die eigentliche Übung. Das, was ich bis jetzt
angeführt habe, waren Vorübungen. Der erste Teil umfaßt wieder
einige Punkte. Die Seele wird sehr sorgfältig präpariert.
«Punkt 1. Ich stelle mir einen irdischen König vor Augen, von Gott
unserem Herrn selbst auserwählt, dem alle Fürsten und alle Christen
Ehrfurcht und Gehorsam erweisen.»
Das alles muß er aber so unmittelbar in der Einbildungskraft vor
sich haben wie eine sinnliche Vorstellung, mit derselben Stärke.
«2. Ich habe acht, wie dieser König alle die Seinigen anredet und
also spricht: <Mein Wille ist es, das ganze Land der Ungläubigen zu
unterwerfen. Wer deshalb mit mir ziehen will, muß mit derselben
Speise zufrieden sein wie ich, und ebenso mit demselben Trank und
mit derselben Kleidung und so weiter. Ebenso muß er gleich mir bei Tag
sich anstrengen und bei Nacht wachen und so fort, damit er so später
mit mir am Siege Anteil habe, wie er an den Mühen Anteil hatte.>»
Das stärkt dann den Willen, indem sinnliche Bilder unmittelbar in
diesen Willen hineingehen, ihn durchglühen, ihn durchgeistigen.
«3. Ich erwäge, was die guten Untertanen einem so edelmütigen und
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so leutseligen König antworten müssen, und folglich auch, wie sehr
jemand, der die Aufforderung eines solchen Königs nicht annehmen
sollte, verdienen würde, von der ganzen Welt getadelt und als schlechter Soldat angesehen zu werden.»
Das muß er sich also ganz fest klarmachen: wenn er nicht ein ordentlicher Soldat, Kriegsmann dieses Generalissimus ist, so muß er als ein
entarteter Mensch in der ganzen Welt angesehen werden.
Nun kommt der zweite Teil der zweiten Woche.
«Der zweite Teil dieser Übung besteht in der Anwendung des vorhin
erwähnten Gleichnisses vom irdischen König auf Christus unsern Herrn
gemäß den drei angeführten Punkten.
Punkt 1. Wenn wir schon eine derartige Aufforderung des irdischen
Königs an seine Untertanen für beachtenswert ansehen, um wieviel
mehr ist es dann der Betrachtung würdig, Christus unsern Herrn, den
ewigen König, zu sehen und vor ihm die gesamte Welt, wie er diese
insgesamt und jeden einzelnen im besondern beruft und spricht: <Mein
Wille ist es, die ganze Welt und alle Feinde zu unterwerfen und so
in die Herrlichkeit meines Vaters einzugehen. Wer deshalb mit mir
kommen will, muß mit mir sich abmühen, damit er, wie er mir in der
Mühsal folgte, so auch in der Herrlichkeit folgo
2. Ich erwäge, wie alle, die Urteil und Vernunft haben, sich gänzlich
zu jenen Mühen anbieten werden.
3. Jene, die von Verlangen beseelt sind, eine noch größere Hingabe
zu bekunden und sich in jeglichem Dienste ihres ewigen Königs und
allerhöchsten Herrn auszuzeichnen, werden nicht nur sich ganz zu
jenen Mühen anbieten, sondern auch gegen ihre eigene Sinnlichkeit
und gegen ihre Liebe zum Fleische und zur Welt angehen und so Anerbieten von höherem Werte und größerem Gewicht darbringen, indem sie sprechen:
<Ewiger Herr aller Dinge, ich bringe mich selbst zum Opfer dar mit
deiner Gunst und Hilfe, vor deiner unendlichen Güte und in Gegenwart deiner glorreichen Mutter und aller Heiligen des himmlischen
Hofes, und beteure, daß ich wünsche und danach verlange und daß es
mein wohlüberlegter Entschluß ist, wofern es nur zu deinem größeren
Dienste und Lobe gereicht, dich nachzuahmen in Ertragung jeglicher
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 191
Unbilden, jeglicher Schmach und jeglicher Armut, der wirklichen sowohl wie der geistlichen, wenn deine heiligste Majestät mich zu solchem Leben und Stande erwählen und aufnehmen will.>
Diese Übung finde zweimal am Tage statt, nämlich morgens nach
dem Aufstehen und eine Stunde vor dem Mittag- oder vor dem
Abendessen.
Für die zweite Woche und die folgenden ist es sehr förderlich, zuweilen aus den Büchern der Nachfolge Christi oder der Evangelien und
der Leben der Heiligen zu lesen»
- zu lesen mit solchen Betrachtungen, die aus der Imagination heraus den Willen besonders schulen. Man muß wissen, wie der Wille
wird, wenn diese Imaginationen in ihn hineinwirken, dieser soldatische
Wille im Geiste, der den Christus Jesus eben zum Generalissimus
macht! Er spricht vom «himmlischen Hofe, dem gedient wird in allen
Formen der Unterwürfigkeit und Untertänigkeit». Verbunden mit solchen Übungen ist wiederum etwas, was ungeheuer stark wirkt, wenn
es in immerwährender Wiederholung in den Willen hineingegossen
wird. Denn Jesuitenschulung ist vor allen Dingen Willensschulung.
Es wird empfohlen, die eben dargelegte Betrachtung in den folgenden
Wochen als eine grundlegende täglich zu wiederholen, womöglich in
derselben Form, vor der «Wahlbetrachtung» des Tages, der «Beschauung». Nehmen wir zum Beispiel den vierten Tag. Da haben wir «das
Vorbereitungsgebet wie gewöhnlich», dann eine erste Vorübung.
«1. Sie bietet den geschichtlichen Vorgang, hier: wie Christus alle
unter seine Fahne ruft und sammeln will, und Luzifer dagegen unter
die seinige.»
Man muß sich genau die Fahne vorstellen. Und man hat sich zwei
Heere vorzustellen, welche die zwei Fahnen vorantragen, die LuziferFahne und die Christus-Fahne.
«2. Anschauliche Vorstellung des Ortes; hier schaue man eine Ebene
der gesamten Gegend von Jerusalem, wo als höchster einziger Oberfeldherr der Guten Christus unser Herr steht; eine andere Ebene aber in
der Gegend von Babylon, wo als Haupt der Feinde Luzifer auftritt.»
Nun stehen die beiden Heere einander gegenüber, die Fahne Luzifers und die Fahne Christi.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Veiwaltung Buch: 185 Seite: 192
«3. Ich bitte um das, was ich begehre, und zwar werde ich hier bitten
um Erkenntnis der Trugwerke des bösen Anführers und um Hilfe,
damit ich mich davor bewahre, sowie um Erkenntnis des wahren Lebens, das der höchste und wahre Heerführer zeigt, und um die Gnade,
ihn nachzuahmen.»
Nun kommt der erste Teil der eigentlichen Übung, die Fahne Luzifers. Der Übende richtet also den geistigen Blick der Imagination hin
auf das Heer, welches unter der Fahne Luzif ers ist.
«Punkt 1. Ich stelle mir vor, ich sähe den Anführer aller Feinde in
jener großen Ebene von Babyion gleichsam auf einem hohen Stuhle von
Feuer und Rauch sitzen in schreckenerregender und furchtbarer Gestalt.
2. Man betrachte, wie er unzählige böse Geister zusammenruft und
wie er sie aussprengt, die einen in diese Stadt und die andern in eine
andere und so über die ganze Welt hin, ohne irgend ein Land, einen
Stand oder irgend einen Menschen im einzelnen zu übergehen.»
Also dieses Aussenden muß im einzelnen und konkret vorgestellt
werden.
«3. Man betrachte die Ansprache, die er an sie hält und wie er sie
auffordert, Netze und Ketten auszuwerfen, und zwar sollen sie die
Menschen zuerst versuchen durch die Begierde nach Reichtümern, wie
er es selbst bei den meisten zu tun pflegt, auf daß sie desto leichter zur
eitlen Ehre der Welt und dann zu einem unbändigen Hochmut gelangen.
Demnach ergeben sich als erste Stufe die Reichtümer, als zweite die
Ehre, als dritte der Hochmut, und von diesen drei Stufen aus verführt
Luzif er zu allen übrigen Lastern.»
Zweiter Teil: Die Fahne Christi.
«In ähnlicher Weise soll man sich auf der entgegengesetzten Seite
den höchsten und wahren Heerführer vorstellen, der da ist Christus
unser Herr.
Punkt 1. Man betrachte, wie Christus unser Herr auf einer großen
Ebene jener Umgegend von Jerusalem an einem einfachen Platze Stellung nimmt, schön und liebenswürdig.
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2. Man betrachte, wie der Herr der ganzen Welt so viele Personen
auserwählt, Apostel, Jünger und so weiter, und sie über die ganze
Welt hin entsendet, auf daß sie den Samen seiner heiligen Lehre unter
den Menschen aller Stände und in allen Lebenslagen ausstreuen.
3. Man betrachte die Ansprache, die Christus unser Herr an alle
seine Diener und Freunde hält, die er zu solchem Unternehmen aussendet; wie er ihnen empfiehlt, sie möchten allen zu helfen suchen,
indem sie dieselben zuerst zur größten geistlichen Armut bewegen und,
wenn seine göttliche Majestät sich darin gefiele und sie dazu auserwählen wollte, nicht minder auch zur wirklichen Armut; zweitens zum
Verlangen nach Schmähungen und Verachtung, weil aus diesen beiden
Dingen, der Armut und Verachtung, die Demut hervorgeht.
Es gibt demnach drei Stufen, erstens die Armut gegen den Reichtum,
zweitens Schmach und Verachtung gegen die weltliche Ehre, drittens
die Demut gegen den Hochmut; und von diesen drei Stufen aus sollen
die Gesandten Christi die Menschen zu allen übrigen Tugenden anleiten.»
In dieser Art werden die Übungen gepflogen. Worauf es ankommt,
ist das, was ich Ihnen gesagt habe, eigentlich ein weltliches Reich, das
eben als weltliches Reich organisiert sein soll, aber so vorgestellt sein
soll, daß es der Heerbann des Christus Jesus ist. Dieses Jesuitentum
ist eben nur die konsequenteste, beste, außerordentlich gut organisierte Ausprägung desjenigen, was ich als zweite Strömung angegeben
habe: des Impulses des Kirchenvolkes. Im wesentlichen wird man finden: Der Impuls des Kirchenvolkes besteht also darinnen, daß hinuntergetragen werden soll die einmalige Offenbarung, die zu Jerusalem geschehen ist, in ein weltliches Reich. Denn die ganzen Übungen
laufen darauf hinaus, daß zur Fahne Christi als Soldat zuletzt sich
selber wählt derjenige, der die Übungen macht, daß der sich fühlt als
einen richtigen Soldaten Christi. Das war ja auch der Sinn, welcher
durch eine Offenbarung besonderer Art sich dem Ignatius von Loyola
erschlossen hat, der ja zunächst alle möglichen Taten als Soldat getan
hat, dann nach seiner Verwundung auf dem Krankenbette durch
Meditationen in einer solchen Weise geführt wurde - ich will nicht
sagen von welcher Macht -, daß sich in seiner Seele alles das, was früher
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als soldatischer Impuls in ihm lebte, umgestaltete zu dem Impuls des
Christus-Soldaten, des Jesus-Soldaten. Es ist eines der interessantesten
Phänomene der Weltgeschichte, daß ein ausgeprägt tapferer Soldat
verwundet wird und durch Meditationen das, was er als Soldat war,
umgeprägt erhält in den geistlichen Soldaten.
Da wo der Christus-Impuls so wirkte, daß ihm abgestumpft war das
fortdauernde Wirken, welches er innerhalb des Christus-Volkes selbst
hatte, ist es selbstverständlich, daß dieses die äußerste Ausprägung des
Christus-Impulses sein mußte. Man kann sich nun fragen: Gibt es nicht
auch eine andere, die gegenteilige Ausprägung desjenigen, was im
Jesuitismus da ist? - Dann müßte etwas entstehen auf dem Territorium, welches durchsetzt ist von dem Kirchenvolk. Es müßte sich aus
diesen verschiedenen Reaktionen des Luthertums, des Zwinglianismus,
Calvinismus, Schwenckfeldismus, der Wiedertäufer und so weiter, aus
diesem Chaos, das ja doch atomisiert wird, etwas ergeben, was nicht
nur in der Linie des Jesuitismus läuft - denn, nicht wahr, Jesuitismus
ist die äußerste Ausprägung, es läuft vieles in seiner Linie -, es müßte
sich etwas ergeben, was dem Jesuitismus vollständig entgegengesetzt
ist, was gewissermaßen, geradeso wie der Jesuitismus immer tiefer und
tiefer in die Kirchenvolkheit hinein will, heraus will aus dieser Kirchenvolkheit. Der Jesuitismus will den Christus-Impuls umgestalten
zu einer rein weltlichen Herrschaft, will gewissermaßen den Erdenstaat begründen, jenen Erdenstaat, der aber zugleich der Jesuitenstaat
ist und der so regiert wird, wie regiert werden kann, wenn man sich
zum Soldaten des Generalissimus Christus gemacht hat. Was wäre das
Entgegengesetzte?
Das Entgegengesetzte wäre, wenn man nicht das, was oben ist, herunterträgt, sondern wenn man versucht, immerzu das, was hier unten
ist, hinaufzuheben in die geistige Welt. Beim eigentlichen ChristusVolk ist es wie eine Naturanlage da; bei Solowjow kam es, wenn auch
oft stammelnd, zum Ausdruck. Innerhalb des Gebietes des eigentlichen
Kirchenvolkes gibt es nun etwas, was diametral entgegengesetzt ist
dem Jesuitismus, was unmittelbar in äußeren Herrschaftsverhältnissen, in äußerem Zusammenhange gar nichts haben will von dem
Spirituellen, was will, daß der Christus-Impuls immer in die Seelen
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hereinwirkt, und nur auf dem Umwege durch die Seelen in der äußeren Welt wirkt. Solch ein Impuls würde zwar - weil in der Zeit manches sich so einstellen würde - auftreten innerhalb des Kirchenvolkes;
aber er würde immerzu die Evolution so führen wollen, daß das, was
spiritueller Christus-Impuls ist, nur in die Seelen hereinwirkt, gewissermaßen esoterisch bleibt, wenn auch im besten, edelsten Sinne
esoterisch bleibt. Während der Jesuitismus alles in ein weltliches Königreich umwandeln will, würde diese Weltenströmung alles weltliche
Königreich immer nur betrachten als etwas, was zur Not da sein muß
auf dem äußeren physischen Plane, was aber die Menschen vereinigt,
damit sie in ihren Seelen sich hinaufheben können in die höheren Welten. Dieser diametrale Gegensatz, dieses, was sich zum Jesuitismus
polarisch entgegengesetzt verhält, ist nun Goetheanismus.
Goetheanismus will das genaue Gegenteil von dem, was Jesuitismus
will, und Sie verstehen wiederum von einem anderen Gesichtspunkte
aus den Goetheanismus, wenn Sie ihn in dieser polarischen Gegensätzlichkeit zu dem Jesuitismus betrachten. Daher die ewige Feindschaft,
welche der Jesuitismus geschworen hat und immer mehr schwören
wird dem Goetheanismus. Die können nicht miteinander sein. Das eine
weiß vom andern gut Bescheid. Der Jesuitismus weiß gut Bescheid bei
Goethe: der Jesuitenpater Baumgartner hat das beste Buch über Goethe
geschrieben - selbstverständlich vom jesuitischen Standpunkte aus.
Was die verschiedenen deutschen Professoren oder der Engländer
Lewes über Goethe geschrieben haben, das sind alles die reinsten Stümpereien gegenüber dem, was der Jesuitenpater Baumgartner in seinen
drei Bänden über Goethe geschrieben hat, denn der weiß, warum er
schreibt! Es schärft der Blick des Gegners alles dasjenige, was er bei
Goethe sieht. Er schreibt auch nicht wie ein deutscher Professor mit
mittlerem Bourgeoisverstand, oder gar wie der Engländer Lewes, der
einen Menschen schildert, der allerdings 1749 in Frankfurt geboren
ist, dieselben Dinge durchgemacht haben soll, die Goethe durchgemacht
hat, der aber nicht Goethe ist. Sondern der Jesuit Baumgartner, der
schildert mit all dem, was sich in seinen Willen hinein ergossen hat von
seinen Meditationen aus. Und so schließt sich in diesem einen Punkt
schon etwas, was in die Zukunft hineinspielen soll, der Goetheanismus,
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mit etwas zusammen, was sich auch unmittelbar an den Zeitpunkt angeschlossen hat, der mit dem 15. Jahrhundert beginnt, der mit der
Reformation zum Jesuitismus heraufführt.
Das dritte werde ich dann morgen schildern.
Ich habe Ihnen heute also das Christus-Volk und das Kirchenvolk
geschildert und das dritte, was da hineinspielt, und dann die Wechselwirkung davon, um zu einem inneren Einblick in die neuzeitliche Religionsentwickelung ihren Symptomen nach zu kommen, das werde ich
dann morgen schildern. |