Das Schaffen des Seelischen am physischen Menschen. Das Luziferische und das Ahrimanische am Menschen und in der Natur. Vererbungsimpulse und Anpassungserscheinungen
ZWEITER VORTRAG, 24. November 1923
Die menschliche Temperamentsanlage als Merkmal der Vererbung. Die Anpassung des Menschen an umgebende Verhältnisse. Vom Leben des Menschen über die Todespforte hinaus. Der physiognomische Ausdruck der Geistgestalt im Hinblick auf ahrimanische und luziferische Wesenheiten. In Vererbungsanlagen wirken ahrimanische, in der Anpassung luziferische Kräfte. Die Gymnastik der Jugend in Athen und Sparta. Menschen des Südens und des Nordens in bezug auf Anpassung an äußere Verhältnisse. Der Vertrag zwischen den urweisen Lehrern der Menschheit mit ahrimanischen Mächten und luziferischen Wesenheiten. Ahrimanisches im aufsteigenden Nebel, Luziferisches im Farbenspiel der Wolken. Vom Bestreben im Menschen und in der Natur, Rhythmus und Ausgleich zwischen Gewalten des Ahrimanischen und des Luziferischen zu schaffen.
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auch gestern besprochen worden sind, so wird man nach zwei Richtungen hin geführt. Erinnerung weist ja zunächst die Seele zurück in
früheres Erleben; Denken weist die Seele, wie ich gestern gezeigt habe,
in das ätherische Dasein. Dasjenige, was dann den Menschen noch
stärker ergreift als Erinnerung, was ihn so stark ergreift, daß die inneren Impulse in seine Körperlichkeit übergehen, das habe ich dann gestern genannt Geste, Gestenhaftes. Und indem wir das Gestenhafte
betrachten, sind wir damit ja schon vorgerückt bis zu dem Offenbaren
des Seelisch-Geistigen im Physischen.
Nun ist ja das ganze Hereintreten des Menschen in das physische
Erdenleben ein Ergreifen des Physischen durch das Geistig-Seelische.
Und wenn wir uns zunächst an die Erinnerung halten, so besteht sie ja
darin, daß früher im irdischen Dasein Erlebtes herübergetragen wird
in ein späteres Lebensalter.
Es fragt sich nun, können wir vom menschlichen Leben aus - so,
wie die Erinnerung zurückweist nur auf Dinge im Laufe des Erdenlebens -, können wir vom menschlichen Leben aus weiter zurückweisen? Können wir zurückweisen auf dasjenige, was vor dem Eintritte
des Menschen in das Erdenleben liegt?
Nun kommen wir da zu zwei Dingen: einmal zu dem, was der
Mensch geistig-seelisch im vorirdischen Dasein durchgemacht hat.
Überlassen wir das zunächst einer späteren Betrachtung. Aber es ist ja
noch etwas anderes da, etwas mit der physischen Körperlichkeit Zusammenhängendes, das der Mensch als individuelles Wesen herein in
die physische Körperlichkeit trägt. Es ist alles das, was wir aus gewohnten naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus als Vererbung
bezeichnen. Der Mensch trägt in sich bis in seine TemperamentsanlaCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Veiwaltung Buch: 232 Seite: 24
gen hinein, die also schon stark ins Seelische heraufspielen, Eigentümlichkeiten, Impulse, die sich anschließen an dasjenige, was seinen physischen Vorfahren eigen war.
Allerdings, die heutige Menschheit geht mit solchen Dingen etwas
oberflächlich, man könnte sogar sagen, etwas gedankenlos um. Ich
habe gerade heute morgen ein Buch gelesen auf einer Fahrt, das über
einen Herrscher aus einem bekannten, jetzt vergangenen Herrscherhause handelte, und das sich mit der Frage der Vererbung in diesem
Herrscherhause befaßt. Da werden bis ins siebente Jahrhundert zurück
Eigenschaften angegeben, die sich immer wiederum vererbten. Nur
findet sich in diesem Buch dann bezüglich dieser Vererbung ein eigentümlicher Satz. Der lautet etwa folgendermaßen: In diesem Herrscherhause sind Leute, die auffällig zeigen, daß sie neigen zu Extravaganzen, daß sie neigen zu Paradoxien des Lebens, zu Ausschweifungen
und so weiter, aber es gibt auch noch Mitglieder dieses Herrscherhauses, die all das nicht haben. Sie sehen: eine eigentümliche Art, zu denken! Denn man sollte eigentlich voraussetzen, daß jemand, der so etwas bemerkt, sich sagen müßte: Aus solchen Voraussetzungen kann
man überhaupt nichts schließen. Wenn Sie aber durchgehen vieles von
dem, was in der Gegenwart zu sogenannten sicheren Ansichten führt,
da werden Sie vieles dergleichen finden.
Aber wenn auch die Anschauungen, die heute über die Vererbung
herrschen, sich ziemlich oberflächlich ausnehmen, so muß man doch
sagen: Der Mensch trägt einmal die vererbten Merkmale in sich. Das
ist die eine Seite. Der Mensch hat ja oftmals auch zu kämpfen mit diesen vererbten Merkmalen. Er muß sich herausschälen gewissermaßen
aus diesen vererbten Merkmalen, um zu demjenigen zu kommen, wozu
er veranlagt ist durch sein Leben, bevor er das irdische Dasein betreten
hat.
Das zweite, worauf wir verwiesen werden, das ist dasjenige, was der
Mensch sich aneignet durch Erziehung, durch den Umgang mit seinen
Mitmenschen, aber auch durch den Umgang mit der äußeren Natur.
Aus den Gewohnheiten der Betrachtung untergeordneter Naturreiche
heraus nennt man dieses die Anpassung des Menschen an die umliegenden Verhältnisse. Und Sie wissen ja, daß eine moderne NaturwisCopyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 232 Seite: 25
senschaft überhaupt für ein Lebewesen diese zwei Impulse, Vererbung
und Anpassung, als das Allerwichtigste betrachtet.
Aber gerade wenn man in diese Dinge hineinkommt, dann fühlt
man, wenn man unbefangen sich den Dingen hingibt, daß man ohne
den Weg in die geistige Welt hinein über solche Dinge überhaupt keinen Aufschluß gewinnen kann. Und so wollen wir denn heute gerade
diese Dinge, die einem im Leben auf Schritt und Tritt entgegentreten,
im Lichte der Geist-Erkenntnis einmal erfassen.
Da müssen wir zurückgreifen auf etwas, was uns in den vergangenen
Betrachtungen wiederholt beschäftigt hat. Wir haben ja hinweisen
müssen, auch wiederum in diesen Betrachtungen, auf den Austritt des
Mondes aus dem Erdenplaneten. Man kann hinweisen darauf, daß der
Mond einmal mit dem Erdenplaneten verbunden war und in einer bestimmten Zeit aus diesem Erdenplaneten herausgetreten ist, um diesen
Erdenplaneten von der Ferne aus zu beeinflussen. Ich habe aber auch
darauf hingewiesen, welch ein Geistiges hinter diesem Mondausgang
liegt. Ich habe darauf hingewiesen, wie einmal auf der Erde geradezu
übermenschliche Wesenheiten lebten, die die ersten großen Lehrer der
Menschheit waren, und von denen dasjenige herrührt, was auf dem
Grunde unseres menschlichen Denkens auf Erden als die Urweisheit
bezeichnet werden kann, was sich überall als ein ursprünglicher Einschlag findet, tief bedeutsam ist, Ehrfurcht erregt, was selbst in den
Trümmern, in denen es vorhanden ist, Ehrfurcht erregt, und was einstmals den Inhalt eben der Lehre übermenschlicher großer Lehrer am
Ausgangspunkte der irdischen Menschheitsentwickelung bildete.
Diese Wesenheiten haben ihren Weg gefunden hinauf in das Mondendasein, und sie sind nun heute mit dem Mondendasein verbunden.
Sie gehören gewissermaßen zu der Bevölkerung des Mondes. Nun handelt es sich darum, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes durchgegangen ist, ja etappenweise dasjenige durchmacht, was gebunden ist an die planetarische Welt, die zu unserer Erde gehört. Wir
haben ja auch das schon betrachtet, daß der Mensch zunächst, wenn er
durch das irdische Dasein durchgegangen ist, in den Bereich der Mondenwirkungen kommt, dann weiter in den Bereich der Venus-, Merkur-, Sonnenwirkungen und so fort. Heute mag uns zunächst interesCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 232 Seite: 26
sieren, wie der Mensch da in den Bereich der Mondenwirkungen
kommt.
Ich habe schon daraufhingedeutet auch von diesem Orte aus, daß ja
mit imaginativer Anschauung verfolgt werden kann das Leben des
Menschen über die Todespforte hinaus, und daß tatsächlich dasjenige,
was vom Menschen da ist, im Geistigen erscheint, nachdem er den
physischen Leib abgelegt hat, den Elementen der Erde übergeben hat.
Nachdem er seinen Ätherleib aufgenommen gesehen hat von der
Äthersphäre, die mit unserer Erde verbunden ist, bleibt vom Menscher übrig das Geistig-Seelische, Ich, astralischer Leib, dasjenige, was
sich an Ich und astralischen Leib dann angliedert. Aber wenn man mit
imaginativer Anschauung dieses durch des Todes Pforte Gegangene
betrachtet, stellt es sich immer noch in einer Gestalt dar. Es ist die Gestalt, die die physische Materie, die der Mensch in sich trägt, zur eigentlichen Form bringt. Diese Form bleibt der robusten physischen
Körperlichkeit gegenüber wie ein Schattenbild, dem seelischen Empfinden und Wahrnehmen gegenüber aber von kräftigem, intensivem Eindruck. Verblaßt ist das Haupt des Menschen an dieser Gestalt
für den seelischen Eindruck; stark ist das Übrige, das nach und nach
dann beim Durchgang durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt sich verwandelt in das Haupt der nächsten Inkarnation. Aber etwas ist zu sagen über diese Gestalt, die da von der imaginativen Anschauung erblickt werden kann, nachdem der Mensch durch die Pforte
des Todes gegangen ist: sie trägt einen gewissen physiognomischen
Ausdruck. Sie ist ein getreues Abbild gewissermaßen der Art und
Weise, wie der Mensch hier im physischen Erdenleben gut oder böse
war. Hier im physischen Erdenleben kann der Mensch verbergen, ob
in seiner Seele das Böse oder das Gute wirkt. Nach dem Tode kann er
das nicht verbergen. Schaut man auf die Geistgestalt, die geblieben ist
nach dem Tode, so trägt diese den physiognomischen Ausdruck desjenigen, was der Mensch auf der Erde war.
Derjenige, der durch des Todes Pforte ein moralisch Böses mit der
Seele verbunden trägt, der trägt einen physiognomischen Ausdruck,
durch den er äußerlich, wenn ich so sagen darf, ähnlich wird den ahrimanischen Gestalten. Und es ist für die erste Zeit nach dem Tode
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durchaus so, daß alles Empfinden und Wahrnehmen des Menschen gebunden ist an dasjenige, was der Mensch in sich nachbilden kann.
Wenn der Mensch nun an sich selber die Physiognomie Ahrimans trägt
dadurch, daß er das moralisch Böse in seiner Seele durch des Todes
•Pforte geführt hat, dann kann er auch nur dasjenige, was Ahriman ähnlich ist, nachbilden, das heißt wahrnehmen, und er ist gewissermaßen
seelisch blind gegen diejenigen Menschenseelen, die mit guter Stimmung, mit guter moralischer Stimmung durch des Todes Pforte hindurchgegangen sind. Das gehört sogar zu dem schärfsten Gericht, in
das der Mensch eingeführt wird, nachdem er den Durchgang gefunden
hat durch des Todes Pforte, daß er, insofern er böse ist, nur seinesgleichen sehen kann, weil er nur das in sich nachbilden kann, was die
Physiognomie von auch bösen Menschen ist.
Nun kommt der Mensch, indem er durch des Todes Pforte getreten
ist, in den Bereich des Mondes. Da gerät derjenige, der Böses durch des
Todes Pforte trägt, in die Gegenwart von übersinnlichen, überphysischen Wesenheiten, aber immer auch solchen, die ihm physiognomisch
ähnlich sind, also in die Nähe von ahrimanischen Gestalten. Dieses
Durchgehen durch eine ahrimanische Welt bei gewissen Menschen
hat eine ganz bestimmte Bedeutung im ganzen Zusammenhange des
Weltgeschehens. Und wir werden begreifen, was da eigentlich geschieht, wenn wir nun den eigentlichen Sinn der Hinauswanderung
der urweisen Lehrer nach der Mondenkolonie des Kosmos ins Auge
fassen.
Sehen Sie, mit der ganzen Weltentwickelung sind ja außer den Wesenheiten der höheren Hierarchien, die wir gewöhnlich mit den Namen Angeloi, Archangeloi und so weiter bezeichnen, durchaus auch
diejenigen Wesenheiten verbunden, die in das ahrimanische und in das
luziferische Reich gehören; diese Wesenheiten wirken im ganzen Weitenzusammenhange so, wie die normal sich entfaltenden. Die luziferischen Wesenheiten wirken fortwährend, indem sie dasjenige, was die
Tendenz in sich trägt, zur physischen Materialität vorzuschreiten, abbringen wollen von dem Vordringen zur physischen Materialität. Im
Bereiche des Menschen wirken die luziferischen Wesenheiten so, daß
sie jede Gelegenheit benützen, um den Menschen hinwegzuheben von
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seiner physischen Körperlichkeit. Die luziferischen Wesenheiten haben das Bestreben, aus dem Menschen ein rein geistig-seelisch-ätherisches Wesen zu machen. Die ahrimanischen Gestalten haben das Bestreben, alles dasjenige von dem Menschen auszusondern, was ihn
nach dem Seelisch-Geistigen, wie es nun einmal im Menschenreiche
sich entwickeln muß, hinträgt. Sie möchten das Untermenschliche, dasjenige, was in den Trieben, Instinkten und so weiter liegt, was sich in
der Körperlichkeit ausdrückt, ins Geistige verwandeln. Ins Geistige
den Menschen verwandeln, das ist der Trieb sowohl der luziferischen
wie der ahrimanischen Wesenheiten. Nur daß die luziferischen das Geistig-Seelische aus dem Menschen herausziehen wollen, so daß sich der
Mensch nicht mehr kümmern würde um seine irdischen Verkörperungen, sondern als geistig-seelisches Wesen leben wollte. Die ahrimanischen Wesenheiten möchten sich am liebsten gar nicht um das GeistigSeelische des Menschen kümmern, sondern dasjenige, was ihm als
Hülle, als Kleid, als Werkzeug im Physischen und Ätherischen gegeben ist, das möchten sie loslösen und in ihre Welt hineinbringen.
So steht der Mensch auf der einen Seite gegenüber den Wesenheiten
der normal sich entfaltenden Hierarchien, aber er steht, weil er einverwoben ist in das ganze, in das totale Dasein, auch gegenüber den luziferischen und ahrimanischen Gestalten.
Und nun handelt es sich darum, daß ja jedesmal, wenn die luziferischen Gestalten Anstrengungen machen, an den Menschen heranzukommen, dies damit verbunden ist, daß der Mensch eigentlich erdenfremd und erdenfern gemacht werden soll; dagegen, wenn die ahrimanischen Gestalten Anstrengungen machen, sich des Menschen zu bemächtigen, so möchten sie ihn immer irdischer und irdischer machen,
obwohl sie die Erde in dichter geistiger Substanz und mit dichten geistigen Kräften eben auch vergeistigen wollen.
Man muß, wenn man geistige Angelegenheiten bespricht, sich nun
gewissermaßen solcher Ausdrücke bedienen, die vielleicht grotesk erscheinen gegenüber diesen geistigen Angelegenheiten. Aber wir müssen ja uns zunächst der Menschensprache bedienen. Daher gestatten
Sie schon, meine lieben Freunde, daß ich für etwas, was sich im rein
Geistigen vollzieht, eben gewöhnliche Menschenworte gebrauche. Sie
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werden mich ja verstehen. Sie werden hinauf heben das, was ich in dieser Weise ausdrücke, in das Geistige.
Gerade diejenigen Wesenheiten, die dem Menschen einstmals im
Beginne des Erdendaseins als die großen Lehrer die Urweisheit gebracht haben, die haben sich nach dem Monde aus dem Grunde zurückgezogen, um, so weit es in ihrem Bereiche möglich ist, das Luziferische und das Ahrimanische in das richtige Verhältnis zum Menschenleben zu bringen. Warum war das notwendig? Warum mußte von solchen erhabenen Wesenheiten, wie diese Urlehrer waren, die Tat gewählt werden, aus dem Irdischen, in dessen Bereich sie eine Zeitlang
gewirkt hatten, herauszugehen, nach dem außerirdischen Monde hinzugehen, um das Luziferische und das Ahrimanische in das rechte Verhältnis zum Menschen der Möglichkeit nach zu bringen?
Sehen Sie, wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein als seelisch-geistige Wesenheit heruntersteigt ins Irdische, so macht er ja jenen Weg durch, den ich in dem Kursus über «Kosmologie, Religion
und Philosophie » beschrieben habe. Er hat ein bestimmtes geistig-seelisches Dasein; das verbindet er mit dem, was ihm in der reinen Vererbungslinie durch Vater und Mutter gegeben wird, mit dem physischembryonalen Dasein. Die beiden, das Physisch-Embryonale und das
Geistige, dringen ineinander, vereinigen sich miteinander, und der
Mensch kommt auf diese Weise in das Erdendasein herein. Aber in
dem, was nun in der Vererbungslinie Hegt, in dem, was von den Vorfahren übergeht an Vererbungsmerkmalen auf die Nachkommen, in
dem ist dasjenige enthalten, was den ahrimanischen Wesenheiten gerade die Angriffspunkte auf die menschliche Natur gibt. In den Vererbungskräften liegen die ahrimanischen Kräfte. Und indem der Mensch
in sich viel von diesen Vererbungsimpulsen trägt, hat er eine Körperlichkeit, an die das Ich nicht gut herankann. Das ist sogar das Geheimnis mancher menschlichen Wesenheiten, daß sie zu viel der Vererbungsimpulse in sich tragen. Man nennt das heute «erblich belastet
sein ». Das hat dann zur Folge, daß das Ich nicht voll in die Körperlichkeit hineindringen kann, daß das Ich nicht voll ausfüllen kann alle die
einzelnen Organe der Körperlichkeit, und der Körper gewissermaßen
eine Eigenwirkung entfaltet neben der Impulsivität des Ich, die eigentCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 23 2 Seite: 3 0
lieh hineingehört in diese Körperlichkeit. So daß es den ahrimanischen
Mächten, indem sie ihre Anstrengungen machen, möglichst viel in die
Vererbung hineinzulegen, gelingt, das Ich nur lose sitzen zu machen in
der menschlichen Wesenheit. Das ist das eine.
Aber der Mensch unterliegt ja auch der Anpassung an die äußeren
Verhältnisse. Denken Sie nur, wie stark der Mensch der Anpassung an
die äußeren Verhältnisse unterliegt, indem Sie betrachten, was für Einflüsse Klima und andere geographische Verhältnisse auf den Menschen
haben. Dieser Einfluß der reinen Naturumgebung ist ja von außerordentlicher Bedeutung für den Menschen. Es gab sogar Zeiten, in denen dieser Einfluß der Naturumgebung in besonderer Weise durch die
Leitung der weisen Führer der Menschheit benutzt worden ist.
Wenn wir zum Beispiel hinschauen auf etwas ganz Merkwürdiges im
alten Griechentum, auf den Unterschied der Spartaner und Athener,
so müssen wir sagen: dieser Unterschied der Spartaner und Athener,
der eigentlich in unseren gebräuchlichen Geschichtshandbüchern in
einer recht äußerlichen Weise geschildert wird, er beruht auf etwas,
das zurückgeht auf Maßnahmen alter Mysterien, die Verschiedenes
wirkten für die Spartaner und die Athener.
In Griechenland gab man ja sehr viel auf Gymnastik. Die Gymnastik
war das Hauptsächlichste in der Erziehung des Kindes, weil man auf
dem Umwege durch die Körperlichkeit, indem man diese Körperlichkeit in einer bestimmten Weise lenkte und leitete, gerade in der griechischen Art auch auf das Geistig-Seelische wirkte. Aber in verschiedener Art geschah das bei den Spartanern, in verschiedener Art bei den
Athenern. Bei den Spartanern war es so, daß es vor allen Dingen darauf ankam, die Knaben so sich entwickeln zu lassen, daß sie durch ihre
gymnastischen Übungen möglichst dasjenige, was der Körper innerlich arbeitet, auch voll nur durch den Körper sich erarbeiteten. Daher
wurde der spartanische Knabe angehalten, unbesehen der Witterung
seine gymnastischen Übungen zu machen.
Anders war das bei den Athenern. Die Athener sahen viel darauf,
daß die gymnastischen Übungen angepaßt wurden den Witterungsverhältnissen; sie sahen viel darauf, daß der Knabe, der seine gymnastischen Übungen machte, dem Sonnenlichte in entsprechender Weise
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ausgesetzt wurde. Den Spartanern war es gleichgültig, ob bei Regen
oder Sonnenschein die Übungen durchgeführt wurden. Die Athener
forderten, daß auf den Menschen Anregendes wirkte, insbesondere das
Anregende der Sonnenwirkungen.
Der spartanische Knabe wurde so behandelt, daß seine Haut geradezu dicht gemacht wurde, damit alles, was er an sich entwickelte, vom
inneren Körperlichen kam. Der athenische Knabe wurde in bezug auf
seine Haut nicht nur mit Sand und Öl bearbeitet, sondern er wurde
ausgesetzt der Sonnenwirkung.
Dadurch ist übergegangen in den athenischen Knaben dasjenige,
was von außen, von den Sonnenwirkungen in den Menschen hereinkommen kann. Der athenische Knabe wurde angeregt, gesprächig zu
werden, der athenische Knabe wurde angeregt, sich in schönen Worten auszudrücken. Der spartanische Knabe wurde geradezu abgeschlossen durch alle möglichen öleinreibungen, ja sogar durch Bearbeitung
der Haut mit Sand und öl, alles in sich zu entwickeln, es zu entwickeln
unabhängig von der äußeren Natur. Dadurch wurde der spartanische
Knabe dazu veranlaßt, alles, was an Kräften die menschliche Natur
entwickeln kann, in das Innere zu treiben, nicht es herauszubringen.
Dadurch wurde er nicht gesprächig, wie der athenische Knabe; dadurch wurde er gerade dazu gebracht, mit Worten zu kargen, wenig
auszusprechen, still zu sein. Und wenn er etwas aussprach, dann mußte
es bedeutsam sein, dann mußte es Inhalt haben. Spartanische Redensarten - nur wenige wurden ausgesprochen - waren bekannt durch ihr
Inhaltsvolles, athenische Redensarten durch das Schöne der Sprachformungen. Das hing zusammen mit der Anpassung des Menschen an
die Umgebung durch das entsprechende Erziehungssystem.
Sie können das auch sonst sehen in dem Verhältnis, das sich herstellt
zwischen dem Menschen und seiner Umgebung. Menschen des Südens,
an die überhaupt herantritt, was äußere Sonnenwirkung ist, sie werden gebärdenreich, sie werden auch gesprächig; es entwickelt sich bei
ihnen eine Sprache, die Wohlklang hat, weil sie in ihrer Wärme-Entwickelung mit der äußeren Wärme-Entwickelung zusammenhängen.
Menschen des Nordens, sie entwickeln sich so, daß sie nicht gesprächig werden, weil sie im Innern die Körperwärme als Impulse bei sich
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behalten müssen. Sehen Sie sich Menschen des Nordens an. Sie sind
bekannt durch ihr Schweigen; sie sitzen ganze Abende miteinander zusammen, ohne daß sie sich gedrängt fühlen, viele Worte zu machen.
Der eine fragt; der andere antwortet ihm mit einem Nein oder Ja nach
zwei Stunden oder erst am nächsten Abend. Das hängt durchaus damit
zusammen, daß diese Menschen des Nordens genötigt sind, stärkere
innere Impulse für die Erzeugung des Wärmehaften in sich zu haben,
weil das Wärmehafte nicht von außen an sie herandringt.
Da haben wir dasjenige, was man Anpassung des Menschen an die
äußeren Verhältnisse schon im Naturhaften nennen kann. Sehen Sie
dann, wie das alles in der Erziehung, im sonstigen geistig-seelischen Leben wirkt. Gerade wie auf dasjenige, was in der Vererbung liegt, die
ahrimanischen Wesenheiten ihren wesentlichen Einfluß haben, so haben auf dasjenige, was Anpassung ist, die luziferischen Wesenheitenihren
wesentlichen Einfluß. Da können sie an den Menschen heran, wenn
der Mensch seine Beziehungen zur Außenwelt herstellt. Sie verstricken
das menschliche Ich in die Außenwelt. Dadurch aber bringen sie dieses
Ich oftmals in eine Verwirrung gegenüber dem Karma hinein.
Während also die ahrimanischen Wesenheiten den Menschen in eine
Verwirrung hineinbringen in bezug auf sein Ich gegenüber seinen physischen Impulsen, bringen ihn die luziferischen Wesenheiten in eine
Verwirrung hinein gegenüber seinem Karma. Denn dasjenige, was da
von der Außenwelt kommt, liegt durchaus nicht immer im Karma, sondern muß erst ins Karma durch mancherlei Fäden und Verbindungen
hineingefügt werden, damit es in der Zukunft einmal im Karma liegen kann.
So hängt mit dem menschlichen Leben das Ahrimanische, das Luziferische intim zusammen. Das muß geregelt werden; es muß geregelt
werden in der Gesamtentwickelung des Menschen. Daher war es notwendig geworden, daß diese urweisen Lehrer der Menschheit von der
Erde, auf der sie diese Regelung nicht hätten vornehmen können, weil
sie nicht während des menschlichen Erdenlebens vorgenommen werden kann, und der Mensch außerhalb des Erdenlebens eben nicht auf
der Erde ist - deshalb war es notwendig, daß diese urweisen Lehrer
der Menschheit von der Erde weggehen mußten, auf dem Monde ihr
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Dasein weiterfanden. Denn jetzt, nachdem sie nach dem Monde gezogen waren - und hier komme ich dazu, eben die Menschensprache gebrauchen zu müssen für etwas, was man eigentlich in andere Wortbilder kleiden möchte, - kamen diese Wesenheiten, also diese urweisen
Lehrer, dazu, während ihres Mondendaseins Verträge zu suchen mit
den ahrimanischen und mit den luziferischen Mächten. Und dem Menschen wäre besonders schädlich das Auftreten der ahrimanischen
Mächte in seinem Dasein nach dem Tode; wenn diese ahrimanischen
Wesenheiten da wirklich auf ihn einen Einfluß nehmen könnten. Denn
sehen Sie, wenn da der Mensch durch des Todes Pforte geht und irgend etwas Böses in den Nachwirkungen in seiner Seele trägt, so befindet er sich ja, wie ich Ihnen gesagt habe, ganz in ahrimanischer Umgebung, ja sogar in ahrimanischen Anschauungen. Er selber hat eine
ahrimanische Physiognomie. Er hat nur eine Wahrnehmung für diejenigen menschlichen Wesenheiten, die auch eine ahrimanische Physiognomie an sich tragen. Das muß so bleiben, daß es bloß seelisches Erleben des Menschen ist. Könnte Ahriman jetzt eingreifen, könnte er den
astralischen Leib beeinflussen, dann würde dies eine Kraft werden, die
da Ahriman in den Menschen hineinimpulsieren könnte, die nicht nur
nach und nach karmisch sich ausgleichen würde, sondern die den Menschen ganz nahe verwandt der Erde machen würde, die den Menschen
in zu starken Zusammenhang mit dem Irdischen bringen würde. Das
streben auch die ahrimanischen Mächte an. Sie möchten bei denjenigen
menschlichen Wesen, bei denen es anginge, durch das, was sie an bösen Impulsen durch die Pforte des Todes tragen, nach dem Tode einsetzen, wo der Mensch noch in seiner Geistgestalt ähnlich ist der irdischen Gestalt. Da möchten sie diese Geistgestalt mit Kräften durchdringen, möglichst viele solche Wesenheiten nahe ans Erdendasein
heranziehen und sozusagen eine ahrimanische Erdenmenschheit begründen.
Deshalb haben die urweisen Lehrer der Menschheit, die jetzigen Bewohner des Mondes, einen Vertrag geschlossen mit den ahrimanischen
Mächten, der von den ahrimanischen Mächten eingegangen werden
mußte aus Gründen, die ich noch später auseinandersetzen werde, einen
Vertrag, daß sie in vollem Sinne des Wortes, so weit es nur möglich
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ist, den ahrimanischen Mächten einen Einfluß auf das menschliche Leben überlassen, bevor der Mensch zum irdischen Dasein heruntersteigt. Wenn der Mensch also im Heruntersteigen zum irdischen Dasein wiederum die Mondensphäre passiert, dann dürfen nach den Abmachungen zwischen den urweisen Lehrern der Menschheit und den
ahrimanischen Mächten diese Mächte auf den Menschen einen bestimmten Einfluß haben. Und dieser Einfluß äußert sich eben darin,
daß die Vererbung möglich geworden ist. Dagegen mußten, nachdem
ihnen dieses Vererbungsgdbiet gewissermaßen durch die Bemühungen
der urweisen Lehrer der Menschheit zugewiesen worden war, die ahrimanischen Wesenheiten verzichten auf dasjenige, was in der menschlichen Entwickelung nach dem Tode lebt.
Umgekehrt wiederum ist ein Vertrag zustande gekommen mit den
luziferischen Wesenheiten, daß diese luziferischen Wesenheiten nur
einen Einfluß haben dürfen auf den Menschen, wenn er durch des Todes Pforte gegangen ist, und nicht, bevor er heruntersteigt zum irdischen Dasein.
Dadurch kam eine Regelung in die außerirdischen Einflüsse des Ahrimanischen und des Luziferischen gerade durch die großen urweisen
Lehrer der Menschheit zustande. Aber wir haben ja schon gesehen und
brauchen uns die Sache nur zu überlegen, so tritt es gleich zutage: da
wird der Mensch an die Natur herangeführt. Dadurch, daß die ahrimanischen Wesenheiten auf ihn wirken können vor dem Heruntersteigen
auf die Erde, wird der Mensch ausgesetzt den Einwirkungen der Vererbungsimpulse. Dadurch, daß die luziferischen Wesenheiten auf ihn
wirken können, wird der Mensch ausgesetzt denjenigen Impulsen, die
in der physischen Umgebung liegen, im Klima und dergleichen, auch
in der geistig-seelisch-sozialen Umgebung durch Erziehung, Leben
und so weiter. Der Mensch kommt also mit seiner Naturumgebung in
ein Verhältnis, und in diese Naturumgebung kann hineinwirken das
Ahrimanische und das Luziferische.
Nun möchte ich von einer ganz anderen Seite her über das Dasein dieser ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten gerade auch in der
Naturumgebung sprechen. Ich habe bei der Besprechung des Michaelproblemes schon auf die Dinge hingewiesen. Jetzt will ich es noch geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 23 2 Seite:35
nauer machen. Stellen Sie sich einmal vor jenen Wechsel in der uns
umgebenden Natur, der dadurch eintritt, daß wir vor aufsteigenden
Nebeln stehen können. Die wäßrigen Dünste der Erde steigen auf.
Wir leben vielleicht sogar innerhalb der Atmosphäre, die erfüllt ist von
diesem Aufsteigen der wäßrigen Dünste der Erde. In diesem Aufsteigen der wäßrigen Dünste der Erde entdeckt derjenige, der es zum geistigen Schauen gebracht hat, daß in dieser Naturerscheinung etwas leben kann, was Irdisches in zentrifugaler Richtung nach aufwärts trägt,
hinaufträgt.
Sehen Sie, nicht umsonst werden Menschen leicht melancholisch,
wenn sie im Nebel leben, denn es ist etwas im Erleben des Nebeligen,
was unseren Willen belastet. Wir erfahren Belastung des Willens im
Nebeligen.
Nun kann man unter anderen Übungen seine Imaginationen so herstellen, daß man von sich aus seinen Willen belastet. Man kann das
durch Übungen machen, die darin bestehen, daß man durch innerliche
Konzentration auf bestimmte körperliche Organe, Muskeln namentlich, eine Art inneren Muskelgefühls, Muskelspürens hervorruft. Wenn
man so den Willen belastet, indem man dieses innerliche Muskelspüren
hervorruft - es ist etwas anderes, wenn man geht und man spürt den
Muskel, als wenn man durch Konzentration beim Stehen die Muskeln
spannt -, wenn das eine ständige Übung wird, wenn es so gemacht
wird, wie andere Übungen, die ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse
der höheren Welten? » beschrieben habe, dann belastet man den Willen
durch seine eigene Tätigkeit. Und dann wird man ansichtig desjenigen,
was im aufsteigenden Nebel vorhanden ist, was im aufsteigenden Nebel einen moros und melancholisch machen kann, dann wird man ansichtig, geistig-seelisch ansichtig, wie im aufsteigenden Nebel gewisse
ahrimanische Geister leben. So daß man mit Geist-Erkenntnis sagen
muß: im aufsteigenden Nebel erheben sich von der Erde in den Weltenraum hinaus ahrimanische Geister, die da auf diese Art ihr Dasein
weiten in bezug auf das Irdische.
Wieder etwas anderes ist es, wenn man - wozu man ja gerade hier
am Goetheanum so viel schöne Gelegenheit hat - den Blick des Abends
oder des Morgens wendet in die Weiten und sieht in den Weiten die
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Tafel 3
dunkelrot ;=: violett hellgelb
Wolken, aber lagerndüber diesen Wolken das Sonnenlicht. Vor einigen
Tagen konnten Sie hier sehen, so in den späteren Nachmittagsstunden,
wie geradezu eine Art roten Sonnengoldes in Wolken sich verkörperte
und die verschiedensten Gestaltungen in einer ganz wunderbaren Art
hervorrief. Es war derselbe Abend, an dem dann der Mond von einer
besonderen Intensität seines Scheinens war. Aber auch sonst können
Sie sehen, wie die Wolken dastehen und über den Wolken sich lagert,
man möchte sagen, das Leuchten in einem wunderbar erglänzenden
Farbenspiel. Natürlich kann man es überall sehen, aber ich weise eben
auf das hin, was gerade hier in Dornach besonders schön gesehen werden kann.
In dem, was in der Atmosphäre sich an flutendem Lichte über die
Wolken hinlagert, da leben nun ebenso die luziferischen Geister, wie im
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aufsteigenden Nebel die ahrimanischen Geister. Und im Grunde genommen ist es für denjenigen, der nun in der richtigen Weise bewußt
mit Imagination so etwas anschauen kann, so, daß er, wenn es ihm gelingt, das gewöhnliche Denken mitgehen zu lassen mit den die Gestalten und Farben verwandelnden Wolken, wenn er sozusagen seinen
Gedanken die Möglichkeit gibt, statt scharfe Umrisse zu haben, sich zu
metamorphosieren, sich zu wandeln, wenn die Gedanken selber so
weit und wieder eng werden, wenn sie mitgehen mit den Wolkengebilden, wenn sie Gestalt und Farben der Wolkenbildungen mitmachen: dann ist es so, daß der Mensch wirklich beginnt, dieses Farbenspiel über den Wolken, insbesondere des Abend- und Morgenhimmels, anzusehen wie ein Farbenmeer, in dem sich luziferische Gestalten
bewegen. Und wenn beim Menschen durch den aufsteigenden Nebel
Stimmungen der Melancholie angeregt werden, dann ist es hier so, daß
seine Gedanken, damit aber auch sein Gemüt gewissermaßen in einer
übermenschlichen Freiheit atmen lernen beim Anblicke dieses luziferisch flutenden Lichtmeeres. Das ist eine besondere Beziehung, die der
Mensch zu der Umgebung eingehen kann, denn da kann er tatsächlich
bis zu dem Gefühle sich aufschwingen, daß sein Denken ist wie ein
Atmen im Lichte. Der Mensch fühlt das Denken wie ein Atmen, aber
wie ein Atmen im Lichte. Gerade wenn Sie dies durchmachen wollen,
werden Sie besser verstehen die eine Stelle in meinen Mysteriendramen, wo gesprochen wird von den Wesen, die Licht atmen dürfen.
Der Mensch kann schon ein Vorgefühl bekommen von dem, was solche Wesen sind als Atmungswesen des Lichtes, wenn er so etwas, wie
ich es beschrieben habe, durchmacht.
So finden wir, wie das Ahrimanische und Luziferische auch eingegliedert ist den Erscheinungen der äußeren Natur. Und wenn wir auf
die Vererbung und auf die Anpassungserscheinungen in der Menschenwesenheit hinschauen, so trägt in ihnen der Mensch sein geistig-seelisches Wesen an die Natur heran. Wenn wir solche Naturerscheinungen
betrachten, wie den aufsteigenden Nebeldunst und die Wolken, überzogen von flutendem Lichte, dann sehen wir, wie ahrimanische und
luziferische Wesenheiten mit dem Naturhaften sich verbinden. Aber
das Herankommen des menschlichen Geistig-Seelischen in Vererbung
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und Anpassung an die Natur ist ja, wie ich Ihnen gezeigt habe heute,
auch nur ein Herankommen an das Luziferische und Ahrimanische.
Und so finden wir im Menschen, wenn wir auf sein Naturhaftes hinschauen, das Luziferische und Ahrimanische, und wir finden in denjenigen Naturerscheinungen, die etwas in sich tragen, was den Physiker
nichts anzugehen braucht, wiederum das Luziferische und Ahrimanische. Und sehen Sie, das ist der Punkt, wo wir hingeführt werden können zu einer über das irdische Dasein hinausgehenden Wirkung des
Naturhaften auf den Menschen.
Halten wir zunächst heute das fest: wir finden Ahriman und Luzifer
in der menschlichen Vererbung und in der menschlichen Anpassung.
Wir rinden Ahriman und Luzifer im aufsteigenden Nebel und in dem
auf die Wolken herabflutenden und von ihnen aufgehaltenen, aufgefangenen Lichte. Und wir finden im Menschen ein Streben, Ausgleich,
Rhythmus zu schaffen zwischen Vererbung und Anpassung. Wir finden aber auch in der Natur draußen das Bestreben, Rhythmus zu schaffen zwischen den beiden Gewalten, die ich jetzt im Naturhaften als die
ahrimanischen und luziferischen aufgezeigt habe.
Verfolgen Sie den ganzen Hergang im Naturhaften draußen, so haben Sie im Grunde ein wunderbares Schauspiel. Verfolgen Sie den aufsteigenden Nebel, verfolgen Sie darinnen, wie ahrimanische Geister in
diesem aufsteigenden Nebel hinausstreben in die Weltenweiten. In
dem Augenblicke, wo der aufsteigende Nebel oben sich zur Wolke
ballt, müssen sie absehen von ihren Bestrebungen, müssen wiederum zurück auf die Erde. In der Wolke findet das anmaßende Aufwärtsstreben Ahrimans seine Grenzen. In der Wolke hört das Nebelhafte
auf, damit aber auch das Heimische des Ahriman für das Nebelhafte.
In der Wolke aber beginnt die Möglichkeit, daß sich das Lichthafte
über die Wolke oben lagert: Luzifer, oben über die Wolken gelagert.
Fassen Sie das in seiner vollen Bedeutung. Fassen Sie den aufsteigenden Nebel mit den gelbfahlen Ahrimangestalten, in sich zu Wolken
geballt; in demjenigen, was sich als das flutende Licht über der Wolke
bildet, die luziferischen Gestalten nach abwärts strebend, dann haben
Sie in die Natur hineingezeichnet das Ahrimanische und das Luziferische.
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Und dann werden Sie auch begreifen, daß Zeiten, in denen man ein
Gefühl hatte für dasjenige, was jenseits der Schwelle Hegt, für das, was
webt und lebt in der Leuchte-Wolke, was lebt und webt in dem sich
auf ballenden Nebel, daß in diesen Zeiten zum Beispiel die Maler in
einer ganz anderen Lage waren als später. Da trug für sie auch das, was
sie als das Geistige kannten, die Farbe, damit diese Farbe hinkam an ihre
rechte Stelle auf die Leinwand, Der Dichter konnte sagen, indem er
sich bewußt war, daß die Göttlichkeit, die Geistigkeit in ihm sprach:
«Singe, o Muse, vom Zorn des Peleiden Achilles» oder: «Singe mir,
o Muse, vom Manne, dem Vielgereisten»; so beginnen die Homerischen Dichtungen. Klopstock hat dann, da damals nicht mehr rege
war der Sinn für das Göttlich-Geistige, an die Stelle gesetzt: «Singe,
unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung» ;ich habe das öfter
besprochen. So wie das der Dichter in alten Zeiten gesagt hatte - er
konnte das in Worte kleiden und seine Dichtungen damit beginnen -,
so hätten aber auch die alten Maler, selbst noch diejenigen der Leonardo- und Raffael-Zeit sagen können und haben es auch empfunden in
ihrer Art: Male mir, o Muse, male mir, o göttliche Kraft, trage mir die
Hände, trage mir die Seele in die Hände, damit du in meinen Händen
den Pinsel führen kannst.
Es handelt sich wirklich darum, daß man dieses Verbundensein des
Menschen mit dem Geistigen in allen Lebenslagen begreift, und am
meisten eben in den wichtigsten Lebenslagen,
Das halten wir also fest, daß wir auf der einen Seite in der Vererbung und Anpassung das Menschliche selbst an das Ahrimanische und
Luziferische heranbringen, daß wir aber auch in einem Durchschauen
der Natur das Luziferische und Ahrimanische an die äußere Natur heranbringen können. Dann fahren wir morgen in unseren Betrachtungen
von diesem Gesichtspunkte aus fort. |