Stuttgart, 28. Oktober 1922, VORTRAG, Medizinische Woche : Vorträge über Heileurythmie gehalten für Ärzte und Medizinstudenten II
Über Sinn und Bedeutung der Heileurythmie. Das Zusammenwirken von Stoffwechselsystem und Nerven-Sinnessystem beim menschlichen Sprechen. Eurythmie als Metamorphose der gewöhnlichen Lautsprache durch Verstärkung des Willensmäßigen und Abschwächung des Vorstellungsmäßigen. Allgemein gesundende
Wirkung der eurythmisch-künstlerischen Tätigkeit. Nach-Innen-Reflektieren der eurythmischen Gestaltung bei der Heileurythmie durch die Wiederholung. Ausübung der Heileurythmie durch den Arzt oder im innigsten Einklang mit dem Arzt. Gesunde Diagnose. Zusammenwirken des Vokalischen und des Konsonantischen am
Beispiel des Zahnens: L, A, O; am Beispiel der Nierenaffektion: S, A, B, P. Menschliche Organe in ihrer Polarität von zentrifugaler und zentripetaler Dynamik, gegenseitige Regulierung durch Heileurythmie. Künstlerische Seelenverfassung. Heileurythmie und die eigentliche Therapie. Massage. Turnen. E-Bewegungen zum Stärkerwerden, I-Bewegungen zum Assoziieren der linken und rechten Seite des Organismus, mit Zeigefinger und Großzehe, mit dem Auge. Vollständige U-Form in der Heileurythmie, Strammstehen. O-Form, Spüren des ganzen Muskelsystems. Bewußtsein als Heilfaktor. E-Formen und U-Formen zur Regulierung des Verhältnisses der Tätigkeit von astralischem und ätherischem Organismus. Leisere Heileurythmie bei schwangeren Frauen, Unterleibskrankheiten, Lähmungen. Warnung vor Überschätzung der
Methode, Dilettantismus. Gesunde Physiologie als Grundlage für eine «im Lichte» arbeitende Therapie. Entgegentreten von Mißverständnissen.
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diese Heileurythmie ja von mir beim letzten Ärztekurs in Dornach entwickelt worden, dargestellt worden, und es ist kaum notwendig, über das
dazumal Gegebene hinauszugehen. Denn wenn es in entsprechender
Weise verwertet wird, dann kann es ja wirklich sehr weittragende Bedeutung haben. Ich möchte heute vielmehr zu Ihnen sprechen über den
ganzen Sinn und die Bedeutung der Heileurythmie.
Nicht wahr, sie gliedert sich ja in einer gewissen Weise heraus aus
einer rein künstlerischen Sache, die sich auch zuerst als künstlerische
Sache entwickelt hat, und in gewisser Beziehung muß sogar die künstlerische Eurythmie eine Art Grundlage abgeben für das richtige Verständnis der Heileurythmie. Nun werde ich vielleicht am klarsten sprechen,
wenn ich zunächst einmal versuche, den Unterschied zwischen der
künstlerischen Eurythmie und der Heileurythmie anzugeben. Eurythmie
im allgemeinen beruht darauf, daß man dasjenige, was im menschlichen
Organismus vor sich geht beim Sprechen, nach einer gewissen Seite hin
metamorphosieren kann. Daher ist Eurythmie zunächst künstlerisch
wirklich eine Art sichtbare Sprache. Wir müssen uns nämlich klar sein,
daß beim menschlichen Sprechen zwei Komponenten zusammenwirken.
Die eine Komponente geht aus von einer gewissen Benützung des plastischen Apparates - ich darf von diesem plastischen Apparate im Menschen sprechen nach den vorangehenden Vorträgen -, von einer weiter
nach innen gelagerten Schicht, möchte ich sagen, des Nervensystems. Da
spielt das Vorstellungsmäßige hinein. Im wesentlichen setzt sich der Vorstellungsapparat im Sprechapparate allerdings in einer etwas komplizierten Weise bis in den Bau des Nervensystems fort, und das ergibt dann
eben in der weiteren Ausstrahlung, möchte ich sagen, die eine Komponente, die im Sprechen wirkt. Die andere Komponente kommt eigentlich
aus dem Stoffwechselorganismus des Menschen herauf. Und wir haben
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in einer gewissen Weise ein Sich-Begegnen von einer Dynamik, die aus
dem Stoffwechselsystem des Menschen kommt, und einer Dynamik,
welche aus dem Nerven-Sinnessystem des Menschen kommt. Die beiden
treffen sich so, daß das Stoffwechselsystem sich zunächst metamorphosiert in den Zirkulationsvorgängen, und das Vorstellungsgemäße, das aus
dem Nerven-Sinnessystem kommt, sich metamorphosiert im Atmungssystem. Im Atmungssystem und Zirkulationssystem stoßen dann die beiden dynamischen Systeme zusammen, und indem das Ganze mit Hilfe
des Sprachorganismus auf die Luft übertragen wird, ist auch der astralische menschliche Organismus imstande, sich hineinzuergießen in dasjenige, was da als Luftbewegungen erzeugt wird. Und die Sprache kommt
zustande, wenn wir gewissermaßen die äußerste Peripherie des menschlichen Organismus betrachten, durch eine Verkörperung des Vorstellungsgemäßen auf der einen Seite und des Stoffwechselgemäßen auf der
andern Seite, was eigentlich, seelisch ausgedrückt, das Willensgemäße ist.
Wir haben also alles dasjenige, was seelisch seinen Ausdruck im Willen,
körperlich seinen Ausdruck im Stoffwechselsystem findet, insofern das
Nervensystem am Willen beteiligt ist: es ist ja beteiligt, insofern Stoffwechsel im Nervensystem stattfindet, nicht als Nerven-Sinnesfunktion.
Also das Willensmäßige, das seinen körperlichen Ausdruck findet im
Stoffwechselsystem, und das Vorstellungsgemäße, das seinen körperlichen Ausdruck findet, ich möchte sagen, in einer Sektion, in einer
Schicht des Nerven-Sinnesmäßigen, die gliedern sich gewissermaßen zu
einer Resultierenden zusammen. Sie finden dann den physischen Ausdruck in dem, was als die gewöhnliche Lautsprache oder der Gesang
zum Ausdruck kommt. Beim Gesang ist es etwas anderes, aber es ist ja
etwas ähnliches. Nun handelt es sich bei der Eurythmie darum, daß man
ausschaltet das eigentlich Vorstellungsmäßige in möglichst hohem Grade, und zur Wirksamkeit bringt das Willensmäßige. Dadurch metamorphosiert sich die gewöhnliche Lautsprache in Bewegungen des gesamten
menschlichen Organismus, so daß man die eine Komponente, das Willensgemäße beziehungsweise das Stoffwechselgemäße verstärkt, das Vorstellungsgemäße beziehungsweise das Nerven-Sinnesgemäße abschwächt
und dadurch die Eurythmie herausbekommt. Dadurch ist man in der
Lage, wirklich für die einzelnen Laute, seien sie Vokale, seien sie KonsoCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 111
nanten, Korrelate in menschlichen Bewegungen zu schaffen. Und geradeso wie eine gewisse Luftformung und Luftbewegung einem A oder L
entspricht, kann eine äußerlich sichtbare Bewegungsform entsprechen
einem A oder L. Es liegt da eine durch sinnlich-übersinnliches Schauen
aus dem menschlichen Organismus herausgeholte Bewegung, Bewegungsstruktur möchte ich sagen, vor, die wirklich mit derselben Gesetzmäßigkeit aus dem menschlichen Organismus folgt wie die Lautsprache,
nur eine Metamorphose der Lautsprache ist, die eben mehr nach dem
Willensmäßigen hin orientiert ist. So daß man also das ganze Alphabet
zusammensetzen kann auch durch diese Sprache; so daß man alles
Sprachliche durch diese Eurythmie zum Ausdruck bringen kann. Wenn
nun künstlerisch Eurythmie ausgeführt wird, dann wendet sich die
menschliche Aufmerksamkeit und damit alle Vorgänge im menschlichen
physischen, ätherischen und astralischen Organismus, welche die Träger
der Aufmerksamkeit sind, zu dem entsprechenden Laut beziehungsweise der Wortgestaltung oder der künstlerischen Satzgestaltung, der metrischen Gestaltung, poetischen Gestaltung und so weiter. Der Mensch ist
gewissermaßen, wenn er künstlerisch-eurythmisch tätig ist, ganz hingegeben an dasjenige, was an künstlerischer Gestaltung des Lautlichen
möglich ist. Da man ja selbstverständlich bei der künstlerischen Eurythmie folgt jener Gestaltung, welche auch die Sprache hat, so ist der
Mensch, indem er künstlerisch-eurythmisch tätig ist, an die Außenwelt
hingegeben. Und wie man ja auch im Worte an einem A nicht hält, an
einem L nicht hält, sondern die Dinge vorübergehen, so haben wir es bei
dieser künstlerischen Eurythmie zu tun mit etwas, was durchaus innerhalb des normal funktionierenden menschlichen Organismus sich abspielen kann. Es tritt also für den menschlichen Organismus keine andere
physiologische Folge durch die gewöhnliche künstlerische Eurythmie ein
als diejenige, daß in einer energischen Weise schon durch die gewöhnliche künstlerische Eurythmie die innere Harmonisierung der menschlichen Funktionen hervorgerufen wird, der Funktionen, insofern sie
eine Totalität bilden im menschlichen Organismus.
Man kann daher sagen: Wenn in der richtigen Weise Einhalt getan
wird einem Übertreiben in eurythmisch-künstlerischer Tätigkeit, so ist
auch diese eurythmisch-künstlerische Tätigkeit ganz allgemein gesunCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 112
dend. Aber wie alles, was gesundend sein kann, krankmachend sein
kann, wenn es übertrieben wird, kann auch die Eurythmie als künstlerische Tätigkeit übertrieben werden. Der Professor Benedikt, der berühmte Kriminalpsychologe, hat, weil er die Antialkoholbewegung nicht
leiden konnte, immer wieder und wieder betont, daß viel mehr Leute
durch das Wasser sterben als durch den Alkohol. Das müssen die Statistiken auch zugeben, weil zu starker, nicht richtiger Wassergenuß zu
zahlreichen Krankheitserscheinungen führt. So kann Eurythmie natürlich in dem Maße, in dem sie getrieben werden soll - künstlerisch wird
das ja ohnedies einen gewissen Befriedigungs- oder Unbefriedigungszustand im menschlichen Organismus ergeben -, im allgemeinen nur
gesundend sein.
Was nun die Heileurythmie betrifft, so ist gewissermaßen dasjenige,
was bei der künstlerischen Eurythmie in der Hingabe lebt an Lautgestaltung, Wortgestaltung, Satzgestaltung, nach innen reflektiert. Es ist schon
dadurch nach innen reflektiert, daß bei der Heileurythmie, sagen wir, ein
Laut A oftmals hintereinander wiederholt werden muß. Dadurch geschieht etwas ganz anderes, als wenn ich vom Laut A übergehe zu einem
I oder dergleichen in künstlerischer Darstellung. Nun handelt es sich darum, hineinzuschauen in den eigentlichen Heilprozeß, der bei der Eurythmie stattfinden kann. Da möchte ich nicht vermeiden, eine gewisse Besorgnis auszusprechen, die eigentlich naheliegt gegenüber solchen Dingen.
Solcher Dinge bemächtigen sich sehr leicht Laien und Dilettanten. Ich
habe aber vom Anfange an betont, daß Heileurythmie eigentlich ausgeübt
werden soll vom Arzte oder der Ärztin selbst, oder wenigstens im innigsten Einklang mit dem Arzte nur vollzogen werden darf. Das aus dem
Grunde, weil auch solche Ausläufer, möchte ich sagen, desjenigen, was
Geisteswissenschaft in bezug auf Medizin will, weil auch solche Ausläufer
so betrachtet werden müssen wie die ganze Stellung der Geisteswissenschaft zur Medizin.
Es ist wirklich so, daß Geisteswissenschaft nicht arbeitet auf medizinischem Gebiete nach so etwas hin, wie es mir einmal begegnet ist vor
zwanzig Jahren. Da waren auch anwesend bei anthroposophischen Versammlungen, ja, Naturheilärzte nannten sie sich, und da wurde mir einmal eine Abhandlung übergeben, in der stand eigentlich nur in verschieCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 113
denen Wiederholungen dieses: Alle Heilung beruht darauf, daß man das
im Organismus Unharmonische wiederum harmonisiert. - Auf sechs
Seiten wurde dieser Satz in der mannigfaltigsten Weise variiert, daß man
das Unharmonische harmonisieren soll. Es ist gegen diesen Satz nicht
das geringste einzuwenden, es handelt sich nur darum, daß man es im
einzelnen Fall, ganz im Speziellen kann. Und da wird es dann unangenehm für Menschen, die eine solche Gesinnung haben, wie sie sich im
Schlußsatze aussprach: Alles dasjenige, was jetzt geschrieben worden ist,
das zeigt, daß man die ungeheuer komplizierte Medizin verlassen kann
und daß man sich beschränkt auf das Harmonisieren des Unharmonischen, und das wäre - so stand es wörtlich da - von «berauschender
Einfachheit». - So etwas von der berauschenden Einfachheit kann ich
Ihnen nicht bieten. Sondern es ist schon so, daß durch die Geisteswissenschaft die Medizin nicht zu einer solchen berauschenden Einfachheit
hingetrieben werden soll, sondern eigentlich zu einer größeren Komplikation, wie Sie schon aus Verschiedenem entnommen haben werden. So
daß Sie nun nicht weniger zu lernen haben werden durch die Geisteswissenschaft, sondern mehr zu lernen haben werden, aber mit dem
Wenigerlernen wird es durchaus etwas hapern, wenn auch alle Dinge
übersichtlicher und überschaubarer werden und das Lernen interessanter wird dadurch. Wer darauf reflektiert, daß das Heilen bequemer gemacht werden soll durch die Geisteswissenschaft, der wird schon aus
den Auseinandersetzungen, die ich hier gepflogen habe, gesehen haben,
daß das nicht der Fall ist.
Und, ich möchte sagen, so ist es auch bei dem, was Heileurythmie
ist. Es ist durchaus so, daß eigentlich Heileurythmie ohne eine gesunde
Diagnose nicht angewendet werden sollte, daß es sich durchaus darum
handelt, daß sie nur im Einklang mit der fachmännischen ärztlichen
Wissenschaft ausgeübt werden sollte. Denn man hat es eigentlich zu tun
mit der Anwendung einer ungeheuer feinen Kenntnis des menschlichen
Organismus.
Dadurch, daß zusammenstoßen im menschlichen Organismus, schon
bei der gewöhnlichen Sprache, die Stoffwechseltätigkeit und die plastische Tätigkeit aus dem Nerven-Sinnessystem, dieses Zusammenstoßen
in der Resultierenden sich aber entlädt in der Luftbewegung, die verCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 114
hältnismäßig von der menschlichen Organisation sich in Abgesondertheit vollzieht, so daß die Sprache sich loslöst vom Organismus, wird
alles dasjenige, was von der Heileurythmie ausgestaltet wird, zurückgeschlagen in den Organismus, und man hat es mit folgendem zu tun:
Denken Sie sich, Sie setzen zum Beispiel eine A-Bewegung mit einer
L-Bewegung zusammen. Also erstens lassen Sie die Bewegungen wiederholen, damit sich nicht die Sache nach außen entlädt, sondern die
Wiederholung sich ergießt in innere Vorgänge des menschlichen Organismus. Sie haben aber immer, indem Sie das Vokalische oder das Konsonantische, sagen wir, in der A-Bewegung oder L-Bewegung zusammenwirken lassen, Sie haben immer dadurch den menschlichen Organismus in ein Funktionieren gebracht, welches ein Zusammenwirken
bedeutet des Stoffwechselmenschen und des Nerven-Sinnesmenschen.
Gewiß, es ist die Tätigkeit des Nerven-Sinnessystems in der Eurythmie
überhaupt abgeschwächt, aber auch in diesem besonderen Verhältnis der
beiden Komponenten, in der abgeschwächten Nerven-Sinnestätigkeit
mit der verstärkten Stoffwechseltätigkeit, die durch die eurythmische
Bewegung zustande kommen, auch in dieser Weise wirken doch die
beiden Komponenten zusammen. Und man hat einfach, indem man
zum Beispiel eine L-Bewegung machen läßt in Wiederholungen, ein
Heranschlagen des Stoffwechselmenschen an den Nerven-Sinnesmenschen, wenn man die L-Bewegung assoziiert mit einer A-Form. So daß
man also sagen kann: In diesem Erregen von notwendigen Formen oder
Bewegungen liegt ein Mitnehmen des gesamten Funktionierens des
menschlichen Organismus. Wenn Sie zum Beispiel eine konsonantische
Bewegung ausführen lassen, so wirkt die konsonantische Bewegung zunächst so, daß sie im wesentlichen ihre ganze Kraft ablädt, ihre innere
Dynamik ablädt auf den Einatmungsvorgang, so daß Sie dadurch den
ganzen Einatmungsvorgang eigentlich in die Hand bekommen. Je nach
dem Konsonanten, den Sie erregen, bekommen Sie den Einatmungsvorgang in die Hand. Sie verstärken den Einatmungsvorgang durch jede
konsonantische Betätigung.
Nun wissen Sie ja vielleicht aus dem, was aus der Heileurythmie
schon mitgeteilt worden ist, wie Bewegungen dann etwas modifiziert
werden für die Heileurythmie, die sonst in der künstlerischen EurythCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 115
mie zum Ausdruck kommen. Und so kann man sagen: Führt man eine
A- oder L-Bewegung aus, sie ist immer verbunden mit einer Verstärkung oder Abschwächung des Stoßes, der in der Einatmung ausgeführt
wird. Nun müssen Sie bedenken, daß die Einatmung dabei in ihrer Totalität genommen werden muß. Wir haben ja doch, wenn wir die Einatmung betrachten, zunächst den Einatmungsweg zu verfolgen in seiner
Ausbreitung zunächst im mittleren Teile des menschlichen Organismus,
dann aber durch den Medialkanal, Rückenmarkskanal in das Gehirn
hinein, und die Gehirntätigkeit ist ja im wesentlichen ein Zusammenklingen der in das Gehirn hinein verfeinerten Atmungstätigkeit mit der
Nerven-Sinnestätigkeit. Es gibt keine Gehirntätigkeit, die für sich betrachtet werden kann, sondern es ist immer eine Resultierende da aus
der eigentlichen Nerven-Sinnestätigkeit und aus der Atmungstätigkeit.
Alle Gehirnvorgänge müssen auch so studiert werden, daß die Atmungstätigkeit dabei in Betracht gezogen wird. Nun haben Sie es durch
die Erregung gewisser Konsonanten, der verschiedenen Konsonanten,
tatsächlich in der Hand, in einer ganz eklatanten Weise zu beeinflussen,
auf dem Umwege durch die Atmung, die plastische Tätigkeit des Menschen, die plastizierende Tätigkeit des Menschen. Sie brauchen zum
Beispiel aus einem gewissen künstlerischen Erfassen des menschlichen
Organismus heraus bloß zu wissen, sagen wir, bei einem Kinde, das
eben die zweiten Zähne bekommt, die oberen Zähne: wie werden sie
denn aus der plastischen Tätigkeit, die von oben nach unten geht, gebildet? Sie werden so gebildet, daß bei den oberen Zähnen vorzugsweise
die plastische Tätigkeit von vorne nach rückwärts wirkt. Wie werden
die unteren Zähne gebildet? Bei den Zähnen des Unterkiefers wirkt die
plastische Tätigkeit von rückwärts nach vorne; so daß eigentlich, wenn
ich schematisch ausdrücken will die Tätigkeit, die beim Zähnekriegen
ausgeübt wird, es diese ist: Die oberen Zähne werden von vorne nach
hinten gebildet, und es werden also die hinteren Flächen gebildet, die
vorderen werden abgesetzt. Die unteren Zähne werden von rückwärts
nach vorne gebildet. So wirken die Kräfte zusammen.
Wenn Sie nun bemerken, das Kind hat Schwierigkeiten mit dem Zahnen, so können Sie das Zahnen in der oberen Kinnlade einfach dadurch
unterstützen, indem Sie zum Beispiel eine A-Bewegung machen lassen;
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das Zahnen in der unteren Kinnlade können Sie unterstützen, indem Sie
eine O-Bewegung machen lassen. Sie bekommen tatsächlich die plastizierenden Kräfte durch gewisse Einwirkungen in die Hand. Sie müssen
aber, um überhaupt dieser plastizierenden Tätigkeit Nahrung zu geben,
sozusagen das Hauptaugenmerk darauf legen, zunächst den Einatmungsstoß zu unterstützen, müssen also zu der plastizierenden Tätigkeit, die von der A- und O-Bewegung auf diese Weise ausgeführt wird,
hinzufügen dasjenige, was Ihnen ja nun folgt aus der gesamten Konstitution des Menschen. Sagen wir, Sie haben einen Menschen, der eine
schwache Peristaltik hat, der neigt zu leisen Verstopfungen. In der Lebensepoche, wo das Zahnen stattfindet, hängt auch die Darmtätigkeit
durchaus zusammen mit der Zahnbildung, und man muß das Augenmerk darauf richten, wo bei Unregelmäßigkeiten im Zahnen die Ursprünge liegen. Kommen Sie dem Atemstoß zu Hilfe, der durch den
Rückenmarkskanal in das Gehirn geht, und von da aus jene plastischen
Kräfte erst fördert, die man durch die Vokalbewegungen in die Hand
bekommt, dann können Sie das tun, wenn Sie gerade diesen Fall vor
sich haben, indem Sie das Kind eine L-Bewegung ausführen lassen. Es
ergibt sich, wenn Sie einfach die Heileurythmie studieren, aus der Diagnose, wie Sie sie anwenden sollen. Ohne Diagnose sollte man sie eigentlich nicht anwenden, weil man unter Umständen das ganz Verkehrte machen kann. Aber es ist das wirklich so, daß man sich, ich möchte
sagen, ein Gefühl erwecken muß für das Künstlerische in der Dynamik
des ganzen Menschen. Man muß einen intuitiven Blick sich erwerben
für das Künstlerische. Nehmen wir zum Beispiel an, das Kind zeigt in
der Zeit, in der es eben beginnt zu zahnen, Schwierigkeiten; es zeigt
Unpäßlichkeiten oder dergleichen, die nicht da sein sollten. Man findet
nun, daß da unregelmäßige, nicht genügende Darmbewegungen stattfinden. Nun kommt man mit L-Bewegungen, bereitet vor. Nachdem man
eine Zeitlang diese L-Bewegungen gemacht hat, kommt man entgegen
demjenigen, was man nach dem plastizierenden Zentrum hingeleitet hat,
indem man A- oder O-Bewegungen ausführen läßt. Denn die vokalischen Bewegungen wirken auf die Ausatmung. Und zwar beginnen die
Vokale zu wirken schon im Gehirn. Der Atemstrom arbeitet im Gehirn. Und alles dasjenige, was im umfassenden, im totalen Sinn mit der
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Einatmung zusammenhängt, drückt sich im Konsonantischen aus. Das
kann unterstützt, gefördert werden durch konsonantisches Eurythmisieren. Alles dasjenige, was mit der Ausatmung zusammenhängt, kann unterstützt werden durch vokalisches Eurythmisieren. Aber da arbeitet unmittelbar, indem Sie vokalisch eurythmisieren lassen - die Wiederholungen, die stattfinden müssen in dem Laute, müssen Sie abschätzen, je
nachdem die Anwendung der Kraft notwendig ist -, da arbeitet unmittelbar das plastizierende Element mit dem ausstrahlenden Element zusammen. Sagen wir zum Beispiel, Sie haben es zu tun mit irgendeiner
Nierenaffektion, da können Sie sich sagen, die Nierenaffektion ist in
einem gewissen Stadium, sagen wir in einem frühen Stadium. In dem
Augenblick, wo ich gewisse Bewegungen machen lasse, zum Beispiel
A*-Bewegungen, fördere ich die Nierenaffektion in einem frühen Stadium. Ist aber die Nierenaffektion schon lange da und hat das mangelnde
Funktionieren bereits zu einer Deformation geführt, so muß ich erst
vorbereiten mit dem konsonantischen Eurythmisieren und dann das
vokalische Eurythmisieren nachfolgen lassen, damit ich durch das Vokalische auf die Formierung wirken kann gegenüber der Deformierung,
die eingetreten ist. Kurz, so wenig theoretisch als möglich muß man das
machen, sondern ganz aus der Erkenntnis des menschlichen Organismus im gesunden und kranken Zustande das herausfinden, was ich in
den Regeln angegeben habe, die ich damals in Dornach dargelegt habe,
und die Ihnen übertragen sind.
Nun, handelt es sich zum Beispiel darum, daß eine unterdrückte
Herz-Lungenfunktion da ist, die dann auf die Nieren nur hinüberwirkt,
dann kommt man sehr weit, wenn man B- oder P-Bewegungen ausführen läßt, namentlich in den Anfangsstadien. Sie können daraus ersehen,
daß man wirklich das ganze Funktionieren eigentlich in der Hand hat
dabei, und daß alles davon abhängt, daß man versteht, wie in jedem
einzelnen menschlichen Organ eine Art zentrifugale Dynamik vorhanden ist, die plastisch gerundet wird durch eine von außen nach innen
wirkende, also nicht ganz zentripetal, aber ähnlich wie zentripetal zu
nennende Dynamik, die in jedes menschliche Organ hineinwirkt. Man
wird überhaupt erst in die Lage kommen, richtige Physiologie zu trei-
* In einer andern Nachschrift ist hier S statt A angegeben.
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ben, wenn man jedes einzelne menschliche Organ in seiner Polarität
wird betrachten können. Denn es sind diese Polaritäten darinnen, eine
zentrifugale und zentripetale Dynamik in jedem menschlichen Organ.
Und da spielt ja eine große Rolle für alles, was plastizierend ist, die
Verteilung, die Differenzierung der Wärmeverhältnisse im menschlichen
Organismus und die Organisierung der Luftverhältnisse. Für alles dasjenige, was zentrifugal ist, ausstrahlend ist, spielt eine große Rolle alles
dasjenige, was erstens im menschlichen Organismus aus der Eigendynamik der Substanzen der Welt kommt, und dasjenige, was in der Überwindung der Eigenvitalität der äußeren Wesenheit im menschlichen
Organismus entwickelt wird. Diese beiden Dynamiken, die müssen
durchaus gegenseitig reguliert werden, und man kann hoffen, daß sich
Heileurythmiker ausbilden, welche geradezu ein feines Gefühl entwikkeln werden für dasjenige, was im einzelnen Falle geschehen kann. Es
wird natürlich gerade da auf eine künstlerische Seelenverfassung außerordentlich viel ankommen.
Nun, wenn Sie dabei noch bedenken, daß das ganze System des Heileurythmischen noch unterstützt werden kann durch das eigentlich Therapeutische, so hat man zwei Faktoren, die zusammenwirken. Man kann
sich sagen, irgend etwas wirkt in dieser oder jener Weise besonders aufs
Herz, und Sie unterstützen das noch besonders durch eine heileurythmische Übung: dann fördern sich diese beiden Dinge gegenseitig, und es
ist das etwas, was wirklich ganz große Aussichten eröffnet, was eine
außerordentlich große Zukunft haben kann. Denken Sie sich doch nur
einmal, was es schon in mancher Beziehung für eine Wirkung gehabt
hat, daß massiert wird. Aber dieses äußerliche Herumkrabbeln an dem
Menschen, das ist nämlich - ich will gar nichts dagegen sagen, ich kritisiere es nicht ab, erkenne es in seiner Bedeutung an -, aber das ist doch
ein sehr Unbedeutendes gegen jene Massage, die Sie anwenden, wenn
Sie einfach durch die heileurythmischen Faktoren zum innerlichen Andersbewegen bringen die ganzen Organsysteme, die da zusammenwirken. Es ist das ja ein innerlichstes Durchkneten des ganzen Organismus,
was verbunden ist mit einer Wirkung im ätherischen, im astralischen, im
Ich-Organismus. So daß man sagen kann: Dasjenige, was man als richtig
anerkennen kann für die Massage, das wird da in unendlich starker
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Weise verinnerlicht durch diese Heileurythmie. - Und man wird tatsächlich auch über die heilgemäßen Folgen des Turnens erst einen Aufschluß gewinnen können, wenn man auf die Ähnlichkeit hinschaut,
welche die Freiübungen mit eurythmischen Übungen haben. Denn dasjenige, was beim Turnen heilsam ist, ist nur ein sekundäres Analogon zu
dem, was heileurythmisch seine Bedeutung hat. Ich habe damals in
Dornach gesagt: Wenn man E-Bewegungen in rhythmischer Folge ausführen läßt in einer gewissen Weise, wie es dazumal vorgeführt worden
ist, so kann man außerordentlich viel tun, um schwächlich aussehenden
Kindern, solchen Kindern, welche in schwächlicher Weise ihre Körperfunktionen ausführen, zur Gesundheit zu verhelfen, zum wünschenswerten Stärkerwerden zu verhelfen; nur ist auch bei solchen Dingen
durchaus notwendig, daß man eben den ganzen Menschen berücksichtigt. Es kommt doch immer wieder und wiederum vor, daß das zu wenig geschieht, daß der ganze Mensch berücksichtigt wird. Ich weiß, daß
ich Ihnen damit eine Trivialität sage, weil Sie sagen werden: Das wissen
wir ja. - Gewiß, aber in der Praxis kommt es doch immer wieder vor,
daß es nicht berücksichtigt wird. Wie oft sagt einem jemand: Dieser
Mensch hat ein unregelmäßig funktionierendes Herz; da muß man abhelfen. - Ja, aber bei Berücksichtigung des totalen Menschen muß man
sagen: Gott sei Dank, daß der ein solches Herz hat, denn ein normales
verträgt sein Organismus nicht. Gerade wie man zum Beispiel unter
Umständen bei jemandem, der sich in einem bestimmten Fall das Nasenbein gebrochen hat, sagen muß, daß der von einem günstigen Schicksal betroffen worden ist, denn atmete er die Luft in vollständig ausgebildeten Kanälen ein, so wäre das für seinen Organismus zu viel Luft, die
er zu verarbeiten hat. Es ist überall zu berücksichtigen in der sorgfältigsten Weise, was in der Gesamtorganisation begründet ist.
Wenn man in einer gewissen Weise die I-Bewegungen ausführen läßt,
dann wirken diese I-Bewegungen namentlich harmonisierend auf das Assoziieren der linken und rechten Seite des menschlichen Organismus. Man
kann bei allen Asymmetrien, die im menschlichen Organismus auftreten,
durch die I-Bewegungen helfen. Sogar bei Schielen kann man durch
I-Bewegungen, die man vorsichtig anwendet, sehr gute heileurythmische
Erfolge erzielen. Nur würde ich dann raten, beim Schielen nicht so vorzuCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:120
gehen, wie wenn zum Beispiel jemand asymmetrisch geht oder zu stark
asymmetrisch den rechten und linken Arm benützen kann. Ich würde für
das Schielen nicht die gewöhnlichen I-Bewegungen, sondern I-Bewegungen mit dem Zeigefinger nur ausführen und möglichst oft im Tag wiederholen lassen. Im wachstumsfähigen Alter kann das einen guten Erfolg
haben, insbesondere dann, wenn man diese I-Bewegungen auch noch ausführen läßt mit der großen Zehe. Und den größten Erfolg wird man erzielen, wenn man den Patienten dazu haben kann, sie mit der kleinen Zehe
auszuführen. Gerade für Asymmetrien, die auf das Sehen sich beziehen,
werden auch diese an der Peripherie verlaufenden eurythmischen Übungen von einem ganz guten Erfolg sein. Dagegen wird umgekehrt, wenn es
sich darum handelt, irgendwelche Ungeschicklichkeiten im Gehen auszugleichen, es sogar von gutem Erfolg sein können, wenn Sie den Betreffenden - aber natürlich ohne daß es ihm schadet - I-Bewegungen mit dem
Auge ausführen lassen, so daß Sie mit der Sehlinie, mit der Visierlinie
I-Bewegungen ausführen lassen. Es ist da so, daß man wirklich eine Art
Gesetz aufstellen kann: Für alles dasjenige, was im unteren Menschen
abnorm ist, wirkt normalisierend dasjenige, was im oberen Menschen
als Ausgleich geschaffen wird, und umgekehrt.
Wenn Sie Steh-Unsicherheiten haben, die ja wiederum in der verschiedensten Weise bewirkt werden können, dann sind die U-Formen
von besonderer Wichtigkeit, wobei Sie aber dann sehen müssen, daß die
U-Form vollständig zustande kommt, so daß wirklich ein Aneinanderlegen stattfindet der betreffenden Glieder; ein wirkliches Aneinanderlegen, daß das eine Glied das andere spürt, das ist von besonderer
Wichtigkeit. Dann ist ja die U-Form erst vollständig. Das braucht bei
der künstlerischen Eurythmie nur angedeutet zu werden; bei der
Heileurythmie muß aber ausgeführt werden, daß das eine Glied an dem
andern anliegt, so daß, wenn es entsprechend ausgeführt wird, das sogenannte Strammstehen zustande kommt, wobei die Beine aneinandergedrückt werden. Das ist eine außerordentlich heileurythmische Übung
für Leute, welche etwas Zuckungen im Kopfe haben.
Wenn es angemessen ist, daß man namentlich dickliche Kinder heileurythmisch behandelt, so sind die O-Formen dafür ganz besonders
passend. Aber alle diese Formen, die heileurythmischen Erfolg haben
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sollen, müssen verbunden sein mit einem deutlichen Spüren des betreffenden Muskelsystems. Wenn Sie die O-Form einfach so machen, wie
es viele Eurythmisten machen, so kann das ja genügen für die äußerliche
Andeutung; aber heileurythmischen Erfolg hat es erst, wenn Sie tatsächlich beim Ausführen der Übung die Muskeln durch den ganzen Arm
hindurch spüren. Die lose, schlenkerische Form hat nicht die Wirkung,
sondern das Spüren des ganzen Muskelsystems bis in die Einzelheiten
hinein, das hat erst die entsprechende heileurythmische Wirkung. Besonders wichtig ist es, daß Sie auch beachten, daß eine Unterstützung
der heileurythmischen Übung in ihrer Fortsetzung in das Bewußtsein
hinein stattfindet. Nun, wenn Sie die O-Bewegung machen, wie ich sie
eben vorgemacht habe, so ist ja ein starkes Hineinprojizieren in das
Bewußtsein damit verbunden. Sagen Sie also einem Dickling, den Sie
behandeln wollen mit O-Formen: Während du die O-Form machst,
denke du an deine Dickheit, an dein Breitsein -, so daß Sie geradezu
konzentrieren lassen das Bewußtsein auf dasjenige, dem abgeholfen
werden soll. Dadurch unterstützen Sie im wesentlichen das, was beabsichtigt wird: wie man den Bewußtseinsfaktor überhaupt nicht unterschätzen soll beim Heilen.
In dieser Beziehung wird sich, wie ich denke, sobald man auf solche
Dinge sieht, noch ein gewisser Kampf mit den Orthopäden abspielen.
Die sind heute, trotzdem sie auf dem Gebiet, auf dem sie sich betätigen,
große Erfolge haben, noch ganz stramm darauf aus, den menschlichen
Organismus als eine Art Mechanismus zu behandeln und darauf sich
einzustellen. Während zum Beispiel solche Apparate, die angelegt werden in der Absicht, daß der Betreffende die Sache fortwährend spürt,
also in sein Bewußtsein hereinkommt - sagen wir, wenn ich bei jemandem günstig finde, daß er seine Schultern zurücklege und ihm Bandagen
gebe, durch die er tatsächlich das Bewußtsein hat, das soll zurückgehalten werden, so daß das nicht im Unbewußten verläuft -, so ist dieses
Bewußtsein der Sache ein ausgezeichneter Heilfaktor. Das ist dasjenige,
was dann eben auch für die Heileurythmie die Folge hat, daß, wie ich
schon gesagt habe, die Dinge durchaus zum Bewußtsein gebracht werden, so daß also dieses Konzentrieren eine wesentliche Unterstützung
des Heileurythmischen gibt.
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Als besonders wichtig möchte ich Ihnen dieses noch sagen, daß alles,
was E-Formen sind, im wesentlichen regulierend wirkt, wenn der astralische Organismus zu stark oder zu schwach den ätherischen Organismus beeinflußt. Also in allen denjenigen Fällen, wo man sagen kann, es
ist vorhanden entweder eine übertriebene Tätigkeit des astralischen Organismus oder eine zu geringe Tätigkeit, kann man unter Umständen
mit E-Formen, mit der Wiederholung der E-Formen sehr viel machen.
Bei den beiden Symptomkomplexen, die ich vorhin in der andern Stunde dargelegt habe, werden E-Formen heilsam wirken können. Das, was
ich jetzt gesagt habe, ist besonders dann der Fall, wenn der astralische
Organismus vom ätherischen beeinflußt ist, wenn er also zu schwach
ist, wenn er sich vom ätherischen beeinflussen läßt, wenn er durch eine
Unregelmäßigkeit in dem astralischen Organismus des Kopfes zu stark
ist. Dagegen kann der umgekehrte Fall eintreten, wenn das Ätherische
vom Astralischen zu stark beeinflußt wird; das ist dann der Fall, wenn
sich das Astralische sehr stark in der Darmorganisation zum Ausdruck
bringt, wenn man also bei jeder Gelegenheit, wo man ein bißchen Angst
hat, gleich Durchfälle kriegt. Da werden dann die U-Formen von
besonders günstiger Wirkung sein.
Nun ist ja gestern die Frage aufgetaucht, die ich zum Schluß noch
kurz besprechen will: Ob man bei Persönlichkeiten, welche schwanger
sind oder welche Unterleibskrankheiten haben, gewisse heileurythmische Bewegungen ausführen lassen kann. Aber prüfen Sie einmal dasjenige, was in Dornach als Regel gegeben worden ist, dann werden Sie
durchaus das einhalten können, daß Sie, trotzdem Sie darauf sehen müssen, daß bei schwangeren Frauen oder bei unterleibskranken Menschen
der Unterleib in Ruhe gelassen werden muß - er muß nämlich da in
Ruhe gelassen werden, er darf nicht irritiert werden durch Heileurythmie -, trotzdem er in Ruhe gelassen wird, können Übungen mit den
Armen auch im Sitzen, im Liegen, bei vollständigem Ruhen desjenigen,
was Ruhe haben muß, mit dem Kopfe durchaus ausgeführt werden.
Und Sie werden noch immer genügend finden in den Angaben, die gemacht worden sind, um in allen Fällen mit der Eurythmie eingreifen zu
können. Natürlich, wenn der betreffende Mensch sich überhaupt nicht
rühren kann, dann wäre ihm die Eurythmie am allergesündesten: zum
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Beispiel bei Lähmungserscheinungen; aber er kann sie unter Umständen
eben nicht ausführen. Sie wäre schon da am allergesündesten. Nicht
wahr, solche Lähmungserscheinungen sind ja auch im wesentlichen ein
abnormes Funktionieren des astralischen Leibes, der nicht eingreift in
die ätherische und physische Organisation, und man kann da sehr viel
mit E-Bewegungen erreichen. Namentlich ist ja eine sehr günstige EBewegung - für Störungen des Unterleibes selbst - das nicht übertriebene, aber immerhin doch sorgfältig ausgeführte künstliche Schielen. Also
das ist durchaus wahr, daß jene etwas dekadenten Jogis, die gewisse
Übungen machen, indem sie ihre Augen auf ihre Nasenspitze konzentrieren, daß die eigentlich darauf bedacht sind, eine möglichst harmonische Tätigkeit ihres Unterleibes hervorzurufen, weil sie sehr wohl wissen, was die Tätigkeit des Unterleibes auch für dasjenige, was diese Leute geistige Betätigung nennen, bedeutet. So daß man schon sagen kann:
diese Dinge sind so, daß man manches eben, was man bei dem Menschen, der einen gesunden Unterleib hat, selbst mit Sprüngen ausführen
muß, einfach ersetzen kann durch eine leisere Heileurythmie der Arme,
der Finger, selbst der Augen, wenn es eben nötig ist. Und unter allen
Umständen darf nicht etwa eine schwangere Frau zu heileurythmischen
Springübungen veranlaßt werden. Das geht natürlich nicht.
Sie sehen, es handelt sich auch da wirklich nicht darum, daß man
etwa ein Universalheilmittel hat fabrizieren wollen, das man in einem
halben Tag sich aneignen kann; sondern es handelt sich darum, daß auch
die Heileurythmie in ernster Arbeit erworben werden muß, und sogar
ist da notwendig, daß sie in übender Arbeit erworben wird. Denn fast
jedesmal, wenn man aus seinen Heilinstinkten heraus ein bißchen wird
angewendet haben die heileurythmischen Übungen, wird man die Sache
besser können. Es ist durchaus so: im Üben wird man gerade in der
Heileurythmie ganz besonders gut vorwärtskommen.
Nun, ich wollte Ihnen diese, ich mochte sagen, mehr theoretische
Auseinandersetzung über die Heileurythmie geben, weil ja alles andere,
soweit wie die Heileurythmie heute ist, damals in Dornach gegeben
worden ist, und von unseren ärztlichen Freunden weitergegeben wird,
so daß Sie sie immer haben können, und weil ich eben wollte, daß Sie
gerade den ganzen physiologischen und therapeutischen Sinn der HeilCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 12 4
eurythmie auch einsehen können. Es darf selbstverständlich so etwas
wie diese Heileurythmie nicht wieder überschätzt werden. Sie wird in
vielen Fällen ein außerordentlich wichtiges Hilfsmittel sein, aber man
darf sie nicht überschätzen. Und man muß sich durchaus klar sein, daß
wirklich mit der berauschenden Einfachheit nichts getan ist, und daß,
ebensowenig wie durch die «berauschende Einfachheit», daß man das
«Disharmonische harmonisieren» muß, ein Karzinom geheilt werden
kann, man auch durch heileurythmische Übungen ein gebrochenes Bein
oder einen gebrochenen Arm nicht zur Heilung bringen kann. Man muß
sich klar sein darüber: Nicht eine Vermehrung des Dilettantismus und
ärztlichen Laientums, sondern durchaus eine Bereicherung des medizinischen Fachkönnens soll auf dem Wege durch die Geisteswissenschaft
erreicht werden. - Verzeihen Sie, daß ich das so oft betone; aber ich
möchte gerade, um Mißverständnissen vorzubeugen, immer wieder ganz
besonders hervorheben, daß die Methoden nicht etwa, wie das häufig
bei fanatischen Bewegungen der Fall ist, in einer laienhaften Opposition
gegenüber der offiziellen Medizin auftreten, sondern durchaus rechnen
mit dem Stande der gegenwärtigen Medizin, und den nur auf dem Wege
weiterführen wollen, auf dem er weitergeführt werden muß, aus dem
einfachen Grunde, weil es nicht wahr ist, daß der Mensch bloß dasjenige ist, was die heutige Physiologie und Anatomie sagt. Er ist das, aber
er ist auch etwas anderes, er muß auch noch nach seiner seelisch-geistigen Seite erkannt werden. Und dann werden solche sonderbaren Vorstellungen verschwinden, die heute immer wiederkehren, wo man zum
Beispiel im Gehirn eine Art telegraphischen Mittelpunktapparates sieht,
zu dem hinlaufen die sogenannten Sinnesnerven, von dem auslaufen die
Willensnerven. Während das Ganze überhaupt gar keinen Tatbestand
trifft, wie Sie aus dem heutigen Vortrage gesehen haben; sondern man
hat es zu tun mit dem Nerven-Sinnessystem als einer plastizierenden
Dynamik, der gewissermaßen etwas abgerungen wird, dem sich dann
anpaßt die Seelentätigkeit. Es ist eben sehr viel zu tun, um wiederum
zurückzugeben so etwas an eine gesunde Physiologie, was ihr abgenommen worden ist dadurch, daß man in einer unrichtigen Weise in dem
physischen Organismus ein Korrelat für die seelischen Funktionen sah.
Es ist schon für jede seelische Funktion etwas Physisches da während
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des menschlichen physischen Erdenlebens; aber nichts wird für die Seele
benützt, was nicht andererseits eine viel größere Bedeutung hätte in der
Wechselwirkung mit andern Organen für die körperliche Organisation.
Nichts wird für die Seele bloß als seelisches Organ benützt. Unser gesamtes Seelisches und Geistiges ist abgerungen dem Körperlichen, wird
herausgeholt aus dem Körperlichen. Und wir dürfen nicht anerkennen
besondere seelische Organe. Wir können nur sagen: Seelenfunktionen
sind solche, welche herausgegliedert werden aus den organischen Wirkungen und besonders angepaßt werden der Seelentätigkeit. Erst wenn
wir wirklich ernst machen damit, daß begriffen wird dasjenige, was
eigentlich im physischen Organismus des Menschen wirkt, wenn wir
nicht in einer so äußerlichen Weise vorgehen, daß wir das ganze Nervensystem nur für eine dem Seelenleben dienende Einlagerung ansehen,
dann können wir hoffen, daß wir die menschliche Organisation durchschauen. Aber nur so durchschaute menschliche Organisation kann auch
die Grundlage abgeben für eine im Lichte arbeitende und nicht in der
Finsternis rein probierende Physiologie und Therapie. Dieses möchte
ich Ihnen eben auch noch zuletzt gesagt haben, damit Sie nicht mit
einem Mißverständnis fortgehen und damit Sie Mißverständnissen
entgegnen können, die immer wieder und wiederum auftauchen.
Es ist zum Beispiel für unser Karzinommittel mit einer «berauschenden Einfachheit» die Kritik in die Welt gesetzt worden, was man
dadurch erreicht hat, daß man überhaupt nicht weiß, aus welchen
Erkenntnissen dieses Karzinommittel gewonnen ist; sondern man hat
irgendwelche leichte Analogie konstruiert und glaubt, indem man diese
leichten Analogien abtut, die Sache abzutun. Das ist dasjenige, was als
eine Bedingung für das Gedeihen nach der geisteswissenschaftlichen Seite der Medizin durchaus da ist: daß man Mißverständnissen ein wenig
in den Weg tritt. Denn die Leute werden schon bemerken, daß, wenn
sie nicht mehr Mißverständnisse verbreiten können, sie dann überhaupt
nicht mehr viel sagen können, weil die Hauptsache der Gegnerschaft
das Verbreiten von Mißverständnissen über die ganze Anthroposophie
ist. Versuchen Sie nur einmal herauszubekommen, wie viele Gegner etwas anderes sagen, als lediglich Mißverständnisse. Ich muß sagen, ich
lese oftmals gegnerische Artikel oder Schriften, und wenn da nicht mein
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Name stünde, so könnte ich es auf etwas ganz anderes beziehen. Es
bezieht sich nämlich gar nicht auf dasjenige, was hier gepflegt wird, es
macht sich nämlich mit ganz anderem zu tun. Ich werde manchmal ganz
überrascht, mochte aufsuchen, wo das ist, was da widerlegt werden soll;
hier ist es jedenfalls nicht. Hier wird es auch in der Medizin so gemacht
wie gegenüber der Theologie, da begegnet man derselben Sache. Man
kann zum Beispiel einem auf der Höhe der Wissenschaft stehenden
Theologen sagen: Was du über den Christus sagst, sagen wir ja auch,
nur noch etwas dazu! - Er ist aber nicht zufrieden, daß man das sagt,
was er sagt und noch etwas dazu; er sagt: Man darf nichts dazu sagen. -
Er kritisiert nicht dasjenige, was seinen Behauptungen widerspricht,
sondern er kritisiert dasjenige, worüber er gar nichts sagt. Er kritisiert
es, bloß weil man über dasjenige etwas sagt, worüber er nichts weiß.
Er betrachtet es als einen Fehler, etwas über etwas zu wissen, worüber
er nichts weiß. In diesen Fehler darf die Medizin nicht verfallen. Wir
müssen uns die Dinge genau ansehen und nicht widersprechen, aber wir
müssen auch da nur allerlei hinzufügen aus einer schon ganz gut
begründeten Erkenntnis des gesunden und kranken Menschen. |