ANHANG
Entstehungsgeschichte und Bedeutung des Heileurythmie-Kurses
Berichte von Erna van Deventer-Wolfram, Elisabeth Baumann und Isahella de Jaager
Erna van Deventer-Wolfram
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Vor mir liegen zwei etwas vergilbte Papiere: das eine ist eine kleine Zeichnung der Cassinischen Kurve, das andere eine Postkarte von Dr. Roman
Boos [damals Leiter des Sekretariats in Dornach] aus Dornach vom
Februar 1921. Zwei unscheinbare Stückchen Papier, und doch sind es beinahe die einzigen sichtbaren Zeugen noch der Ereignisse, die zum Heileurythmie-Kurs von Dr. Steiner geführt haben, der in Dornach im
Frühjahr 1921 im Anschluß an den zweiten Ärztekurs gehalten wurde.
Will ich in der Erinnerung zurückgehen bis dahin, wo Dr. Steiner die
ersten therapeutisch-eurythmischen Übungen gegeben hat, so taucht eine
viel frühere Zeit auf als 1921. Schon 1915 und noch früher hat Dr. Steiner
mir und wahrscheinlich auch anderen Eurythmielehrern auf unsere Frage
hin eurythmische Laut-Sprech-Übungen und Handgriffe gegeben für spezielle Fälle, denen wir in den verschiedensten Städten Deutschlands begegneten. Das Wort Heileurythmie gab es ja damals noch nicht einmal, sondern Dr. Steiner nannte diese Übungen «therapeutische» Eurythmie, sagte
auch, daß diese Dinge noch aus den griechischen Mysterien stammten.
Und diese Bemerkung wird vielleicht deutlich machen, wie ernst Dr. Steiner das Heilen mit eurythmischen Bewegungen schon damals war, und
gleichzeitig, wie uns, damals noch so jungen Lehrern, tief ins Bewußtsein
geprägt wurde, daß «Heilen» mit «heilig» zusammenhängt und daß unsere
Bewegungen in dieser therapeutischen Eurythmie wirklich vom «Heüerwillen» getragen sein mußten, wollten wir Erfolg haben mit dieser Therapie. (Auch das Wort «Heilerwillen» ist ja erst später von Dr. Steiner geprägt worden, nämlich damals, als wir bei Dr. Steiner um Rat fragten,
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1923-24, er auf unsere Probleme einging und den Kurs für die Jungmediziner gab.)
Alle diejenigen, die in irgendeiner Weise mit Dr. Steiner zusammengearbeitet haben, werden sich erinnern, daß er alles, was er gab, als Antwort
gab auf eine Frage, einen Wunsch, manchmal auch auf ein noch recht ungeformtes Streben, das an ihn herangebracht wurde. So ist es auch mit der
Heileurythmie gegangen. Da waren zum Beispiel zwei Kinder mit Sprachstörungen, die man zu ihm brachte: er gab, was wir später «Heil-Eurythmie-Übungen» genannt haben würden. Im Jahre 1919 war es, daß mir ein
Kind mit Rückgratsverkrümmung begegnete. Dr. Steiner ging sehr gründlich auf meine Fragen ein und gab die Hilfe, die ich suchte. So könnte man
viele Fälle aus jenen Jahren beschreiben. Gleichzeitig damit aber lernte
auch ich selbst, beim Stundengeben, Menschen zu beobachten, lernte
Erscheinungen am Menschen zusammenschauen, lernte sehen, wieviel
hilfsbedürftige Menschen eigentlich in den vielen Eurythmiekursen um
mich herum waren.
[…] Ich begegnete in jenen Jahren häufig Elisabeth Baumann-Dollfus,
auch eine der ersten Eurythmisten, und eine tiefe Liebe zu unserer gemeinsamen Arbeit hat uns viele Jahre verbunden. Im Jahre 1919 nun, nach
dem Ende des Ersten Weltkrieges, fanden wir uns wieder zusammen in
der Vorbereitungszeit der Waldorfschule. Und nun begannen wir unsere
Erfahrungen auszutauschen, sie als Lehrerin an der Waldorfschule, wo sie
zusammenarbeitete mit der Hilfskiasse von Dr. Schubert, ich als Eurythmistin, die beinahe in allen großen Städten Deutschlands das Jahr hindurch
Eurythmiekurse gab und bei Anwesenheit in Stuttgart Frau Baumann bei
Krankheit an der Waldorfschule vertreten durfte. Und beide erlebten wir
große Freude mit- und aneinander, weil wir merkten, daß das gleiche
Suchen uns verband. Wonach suchen? Nach dem heilenden Element in
oder hinter der Eurythmie!
Dies war der eine Schicksalsfaden, in den wir verwoben wurden. Das
andere war meine Verlobung und Heirat mit H. A. R. van Deventer, der
ja selbst Mediziner war, und mit ebenso großer Begeisterung vom Medizinischen zum Eurythmischen hin suchte, wie wir vom Eurythmischen
zum Medizinischen. Und der äußere Anstoß? Der kam im naturwissenschaftlichen Kursus in der Weihnachtszeit 1920/21 in Stuttgart.
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In diesem Kurs saßen Frau Baumann und ich - eigentlich ein bißchen
auf Besuch -, denn wir verstanden lange nicht alles, was Dr. Steiner besprach, und wir gehörten als Eurythmisten ja eigentlich nicht einmal in
jene erleuchtete Zuhörerschaft von Studenten und Gelehrten! Aber -
wenn wir auch nicht alles begriffen mit dem Verstand - unsere Begeisterung für die astronomischen Zeichnungen half uns ein gut Stück weiter.
Und eines Tages zeichnete Dr. Steiner an die Tafel etwas, was uns einander
anstoßen ließ und beinahe aufspringen, nämlich die Cassinische Kurve.
Das war das äußere Ereignis, das notwendig war, um uns nun bewußt
zu machen: Sternenwege; Strömungen in uns - sie kommen aus der gleichen Quelle! Denn diese Cassinische Kurve, die Dr. Steiner hier in naturwissenschaftlich-astronomischem Zusammenhang erläuterte, die kannten
wir Eurythmisten ja auch! Im Jahre 1915 schon hatte Dr. Steiner im Weißen Saal des alten Goetheanum vier bis sechs Eurythmielehrerinnen eine
Reihe Unterrichtsstunden gegeben, und bei dieser Gelegenheit lehrte er
uns «Kinderformen, gut für Kinder und junge Leute von drei bis achtzig
Jahren, damit die Gedanken nicht verstruwelen». Dies waren seine Worte,
und eine dieser Formen war die Cassinische Kurve, auf die Worte: Wir
wollen suchen, wir fühlen uns nah, wir kennen uns wohl.
Damals 1915, hatten wir jungen Menschen nicht das geringste Bewußtsein davon, warum er diese Form zur pädagogischen Übung gab, wie wir
ja fast bei dem gesamten eurythmischen Lehrmaterial das «Warum» nicht
durchschauten - und ehrlich gesagt: Durchschauen wir's heute soviel besser? Und doch ist es wohl unsere Aufgabe, den nach uns Kommenden
nicht nur die Übungen, sondern auch das «Warum» zu lehren. Es scheint
uns dies der einzige Weg, in Zukunft auf eurythmischem Gebiet Wahrheit
von Irrtum, Ursprung von Verwässerung der Eurythmie zu scheiden.
Dies Erleben nun, dies «Wiedererkennen» einer scheinbar so unbedeutenden Form, das war es, was mich zu Elisabeth Baumann hintrieb und sie
und meinen Mann stundenlang zusammensitzen ließ und diskutieren über
das Problem: Wenn diese Form, die Dr. Steiner so im naturwissenschaftlichen Kurs beleuchtet, so wichtig ist gleichzeitig für den Makrokosmosund den Mikrokosmos-Mensch: Sind dann nicht alle eurythmischen Gegebenheiten aus gleicher Quelle und müßten zum Heilen zu gebrauchen
sein! ? Denn so wie von der Cassinischen Kurve hatten wir im Lauf der
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Jahre auch von Vokalen, zum Beispiel A U M die kosmisch und menschlich
heilende Wirkung kennengelernt. Das Erleben der Cassinischen Kurve
war ja nur wie der Schlußstein an unserem Gebäude von Ahnungen und
Erfahrungen auf eurythmischem Gebiet!
Aber wie? Wie mußten wir nun zu einem Wissen um die «therapeutische Eurythmie» kommen? Was wir bisher kannten, E. Baumann und ich,
waren ja nur kleine Bausteine, von Dr. Steiner bei Gelegenheit gegeben.
Dadurch, daß nun mein Mann, als Mediziner, uns stützte in unsern Ideen
- er hatte ziemlich viel Eurythmie selbst geübt und konnte unser Suchen
von der medizinischen und der eurythmischen Seite her begreifen und
stützen -, dadurch faßten wir Mut, noch in Stuttgart Dr. Steiner zu fragen,
ob er nicht so etwas wie eine therapeutische Eurythmie uns systematisch
lehren wollte, so wie er uns die gewöhnliche Eurythmie ja auch gelehrt
hatte. Dr. Steiner war sehr wohlwollend, schaute uns ein wenig verwundert an ob unserer kühnen Pläne und sagte, er würde die Sache in Holland
mit meinem Mann weiterbesprechen, dann würden wir davon hören.
Und so geschah es: Im Beginn des Jahres 1921 war Dr. Steiner in Holland, und da mein Mann durch sein medizinisches Studium sehr mit unserer Arbeit verbunden war, hatte er viel Gelegenheit, Dr. Steiner zu sprechen. Frau Baumann war in der Zeit in Stuttgart und ich in Breslau, aber
brieflich hatten wir beide unsere Wünsche wohl sehr deutlich nochmals
festgelegt und an meinen Mann (damals noch mein Verlobter) gesandt.
Jedenfalls fragte Dr. Steiner ihn eines Tages in Holland: Ja, haben Sie denn
auch Eurythmisten, die sich wirklich für eine therapeutische Eurythmie
einsetzen würden? - worauf mein Mann antwortete: Ja, vorläufig zwei,
Frau Baumann und meine zukünftige Frau. «Dann können wir damit
beginnen», sagte Dr. Steiner, und beauftragte meinen Mann, die weiteren
organisatorischen Dinge zu übernehmen.
Damit komme ich zurück zum Anfang, die kleine Zeichnung war die
«Cassinische Kurve» aus einer Arbeitsbesprechung mit Dr. Steiner, und
die vergilbte Postkarte von Roman Boos war der Bericht von ihm aus
Dornach, daß der «Heil-Eurythmie-Kurs» (nun hatte Dr. Steiner zum
ersten Mal den Namen geprägt) Anfang April in Dornach sein sollte und
zwar in der Zeit des zweiten Ärztekurses, der auch dann gegeben werden
sollte.
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In ihrem Aufsatz «Heil-Eurythmie: 1921-1971. Ihre Entstehung, Entwicklung und
Aufgabe», erschienen in «Beiträge zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen» (1971, Heft 4), schildert sie u.a. noch folgendes:
Vom 12. bis 17. April 1921, während des zweiten Arztekursus gab Dr.
Steiner nun den Heileurythmie-Kurs in sechs Vorträgen für Mediziner
und solche Eurythmisten, die länger als zwei Jahre im Studium waren.
Niemand von uns ahnte, wie sich dieser Kursus gestalten würde! Dr. Steiner stand auf dem Podium, Frau Baumann und ich auf zwei Stühlen davor
sitzend, fühlten uns sehr «unheimlich», denn wir hatten ja die Situation
«angezettelt», und in der Zwischenzeit von Februar bis April kein Wort
von Dr. Steiner gehört, wie er diesen neuen Zweig der medizinischen
Wissenschaft mit uns, die wir nicht die mindeste Vorbildung auf medizinischem Gebiete hatten, verwirklichen würde!
Das nötige Wissen zur heileurythmistischen Arbeit brachten wir bestimmt nicht mit - wäre es da nicht viel praktischer und sinnvoller gewesen, wenn Dr. Steiner eine kleine Gruppe von Ärzten ausgesucht hätte für
diese Arbeit? Oder brachten Frau Baumann und ich als Eurythmisten
doch etwas mit aus unserer Vergangenheit, das ihm wichtig schien? In
seinen Angaben an mich über die Ausbildung, die für die Heil-Eurythmie
nötig ist, gab er kurz nach dem Kursus die Antwort.
Auf unsere Frage antwortete er: «Die Vorbedingung zum HeilEurythmie-Beruf ist, daß Sie erst die ganze Kunst-Eurythmie in ihrem
Unterbau kennen und können. Sie müssen imstande sein, kunst-eurythmisch auf der Bühne ein dramatisches Gedicht darzustellen, zum Beispiel
der «Zauberlehrling» von Goethe, mit allen eurythmischen Gesetzmäßigkeiten für Wort-Sinn und der Satzbildung, mit Formen und Körperhaltungen, wie Sie sie gelernt haben. Dann erst, wenn Sie alle Aspekte der
Kunst-Eurythmie beherrschen, können Sie zur Heileurythmie übergehen.» - Er lehrte uns, daß wir erst alle Möglichkeiten der Kunst-Eurythmie beherrschen müßten, sie zu finden im Kosmos als Planeten- und Fixsternkräfte, dann als Spiegelung in der menschlichen Sprache und Musik,
dann durch Bewegungen des menschlichen Körpers selbst und so den
Menschen, also uns selbst kennen lernend als das Wesen, das Makrokosmos und Mikrokosmos in seinem eigenen Leib spiegelt. Erst wenn wir
diese Stellung und Aufgabe des Menschen begriffen hätten, könne man
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vom Umkreis der Eurythmie zum Zentrum des Heil-Aspektes der
Eurythmie vordringen. Aber «erst müsse man eben den Umkreis kennen,
dann erst könne man zum Zentrum des Menschen vordringen!» - Welch
eine Perspektive für uns, die wir zwar schon acht Jahre aktiv in der Kunstund pädagogischen Eurythmie tätig waren, aber doch mehr ausübend und
durch die Praxis lernend, als mit Bewußtsein durchdringend. Die Vokale,
die Konsonanten, die Wortarten, die Rhythmen - wie viel bedeutender
erschienen sie uns!
[…] Auch das Wissen der Eurythmistin wurde genau umschrieben
dadurch, daß Dr. Steiner mir beschrieb, was und wieviel ich aus den Lehrbüchern meines Mannes, dem «Spalteholz» [W. Spalteholz, Prof. an der
Universität Leipzig] und dem Lehrbuch von Professor Broesicke, Breslau
[Dr. Gustav Broesicke, Breslau 1920], lernen müßte!
Dies wurde uns kurz nach dem Heileurythmie-Kurs von Dr. Steiner
erzählt, so daß wir mit tiefer Verantwortlichkeit wieder von Dornach
weggingen. |
Elisabeth Baumann
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Daß die bewegte, sichtbare Sprache der Eurythmie eine solche ist, die in
wahrhafter Harmonie mit den Gesetzen und Bedürfnissen des GeistigSeelischen und des Leiblich-Physischen steht, das erlebten wir ja täglich an
der Selbstverständlichkeit, mit der sie von den Kindern aller Altersstufen
erfaßt und wiedergegeben wurde. Wir erlebten auch täglich, wie Hemmungen, seien sie im Gebiet des Willens oder im Bereich des Vorstellungslebens, der Denktätigkeit, durch Eurythmie bei den Kindern gelöst, ja
beseitigt werden können. Wir hatten es ja an der Waldorf schule fast von
Anfang an mit manchen Kindern zu tun, bei denen solche Hemmungen
vorhanden waren, oft nur schwach zutage tretend, oft jedoch auch so stark
das Wesen des Kindes beherrschend, daß sein Mitkommen im Unterrichtsgang der Klasse nicht möglich war und für diese Kinder eine besondere Hilfskiasse eingerichtet wurde, um die von Rudolf Steiner gegebenen
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Anweisungen und Ratschläge zur Seelenpflege dieser Kinder ausüben zu
können.
Aus manchen Beobachtungen zeigte sich, daß man für solche Kinder in
der Eurythmie etwas gegeben hatte, das mehr als alles andere zu ihnen
drang, von ihnen unmittelbar ergriffen werden konnte. Und es entstand
die Überlegung: Wäre es nicht möglich, Übungen zu finden, die jenem
Geistigen, das sich so schwer in seinen Leib hineinverkörpern kann, dem
aus dem Leiblichen so große Widerstände erstehen, entgegenkommen und
ihm die physisch-leibliche Hülle besser formen, Bewegungs-Übungen, die
die ätherischen Bildekräfte besser eindringen lassen und die plastisch-aufbauende Kraft des Organismus unterstützen? Aus dem innigen Konnex
mit den sogenannten schwierigen Fällen, mit den zurückgebliebenen, den
seelenpflegebedürftigen Kindern entstand der intensivste Wunsch, das hygienische, das heilende Element der Eurythmie zu suchen und zu erfassen.
In wiederholten Gesprächen mit der an verschiedenen Orten Deutschlands als Eurythmistin tätigen Erna van Deventer-Wolfram ergab es sich,
daß auch sie durch ihre Arbeit in stärkster Weise zu dieser heilenden Seite
der Eurythmie hingeführt worden war. Nach einiger Überlegung entschlossen wir uns, Dr. Steiner um Anweisungen für eine solche HeilEurythmie zu bitten. Rudolf Steiner ging mit großer Bereitwilligkeit darauf ein und versprach uns, sich die Sache zu überlegen. Nach kurzer Zeit
schon erhielten Frau van Deventer und ich die Aufforderung, im April
nach Dornach zu kommen, wo er dem Ärztekursus am Goetheanum
Vorträge über Heileurythmie anschließen wollte.
Und so wurde nun von Rudolf Steiner in den Tagen vom 12. bis 17.
April 1921 das dritte Element der Eurythmie geschenkt und die anwesenden Ärzte und Eurythmisten durften erleben, wie sich ihnen eine ganze
neue Welt von Heilmöglichkeiten erschloß, deren Fülle und Wirkungskraft, durch die Art wie Rudolf Steiner es darstellte, sich wohl jedem Zuhörer unvergeßlich einprägte. Denn da, wo wir nur um einige Anleitung
und Hinweise gebeten hatten, wurde eine geschlossen aufgebaute eurythmische Heilkunde gegeben, bei der man unmittelbar erlebte, wie auch
heute noch im Wort Schöpferkraft, Heilkraft wirkt, die der menschliche
Leib in seinen Bewegungstendenzen erfassen kann. Es war oft nicht leicht
sich hineinzufinden, denn auch für die, die sich seit Jahren mit der eurythCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 137
mischen Bewegungskunst vertraut gemacht hatten, war das, was Rudolf
Steiner an Übungen teils selbst vormachte, teils von Frau van DeventerWolfram und mir vormachen ließ, durchaus neu und überraschend.
Für die anwesenden Ärzte war es besonders schwierig, da die wenigsten
bis dahin sich überhaupt mit Eurythmie befaßt hatten. Es wurden zwei
Eurythmiekurse eingerichtet, in denen wir mit den Ärzten grundlegend
Eurythmisches und das jeweils an dem Tage von Dr. Steiner im Heileurythmie-Vortrag Gegebene besprachen und praktisch übten.
Nun setzte ein geregeltes heileurythmisches Arbeiten an den verschiedensten Orten ein. Rudolf Steiner gab in den Kliniken in Ariesheim und
Stuttgart und auch an der Waldorfschule noch manche Hinweise für das
Anwenden der Heileurythmie in speziellen Fällen, er variierte selbst diese
und jene Übung, er gab bestimmte Lautfolgen, die mit einzelnen Kranken
geübt werden sollten, die seiner besonderen Beobachtung unterlagen. Diese Angaben bieten eine reiche Anregung für den Arzt und die Heileurythmistin, um aus ihnen das methodische, individuell gegliederte und auf
sorgfältigster Beobachtung des Patienten beruhende Vorgehen im Behandeln des kranken Menschen zu erlernen.
Die eigentliche fest fundierte Grundlage des heileurythmischen Arbeitens ist in dem hier vorliegenden Kursus gegeben, wie dies ja aus Rudolf
Steiners eigenen Worten eindeutig hervorgeht. Er wurde im Oktober 1922,
diesmal von Ärzten, anläßlich einer medizinischen Woche in Stuttgart,
gebeten, auch über Heileurythmie zu sprechen. Dieser Vortrag ist zusammen mit dem Kursus vom Jahre 1921 hier veröffentlicht. Rudolf Steiner
sagt da gleich zu Beginn: «Es ist gewünscht worden, daß ich noch einiges
in bezug auf unsere Heileurythmie sage. Im Grunde genommen ist das
empirische Material für diese Heileurythmie ja von mir beim letzten Ärztekurs [siehe «Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie»,
GA 313] in Dornach entwickelt worden, dargestellt worden, und es ist
kaum notwendig, über das dazumal Gegebene hinauszugehen. Denn wenn
es in entsprechender Weise verwertet wird, dann kann es ja wirklich sehr
weittragende Bedeutung haben». |
Isabella de Jaager
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Dem Leser wird bald klar werden, daß ohne ein gründliches Sichauseinandersetzen mit der Anthroposophie man mit diesem Heileurythmiekurs
nicht sehr weit kommen kann. Ebenso wie bei der Kunsteurythmie ist
auch die Quelle der Heileurythmie in der Anthroposophie zu suchen. Das
lebendige Erfassen von Mensch und Welt ist die notwendige Grundlage
zu ihrer Anwendung. Unter dieser Voraussetzung nur wird sie nie zum
System werden oder zu etwas, was man abstrakt-intellektuell auffaßt und
anwendet: eine Gefahr, die in unserer Zeit immer vorhanden ist. Die Heileurythmie erfordert ferner eine weitgehende Kenntnis der künstlerischen
Eurythmie. Die Phantasiekräfte, das lockere Fließendwerden des ganzen
Menschen sind die Vorbedingungen zur Anwendung dieser Therapie, bei
der es gilt, den zu behandelnden Menschen künstlerisch zu erfassen. All
die feinen und minutiösen Nuancen, die man braucht, um dem kranken
Kind oder dem Erwachsenen zu helfen, fließen uns aus der Kunsteurythmie zu. Dort findet man immer neue Anregungen.
Es sei auch darauf aufmerksam gemacht, daß ein junger Mensch nicht
ausschließlich Heileurythmie treiben sollte. Bis zum 28. Jahr muß der
Mensch seiner Phantasie und seinen schöpferischen Kräften freien Lauf
lassen können. Je mehr dies geschieht, desto besser wird er dann in der
Heileurythmie Hingabe, Geduld und Einfühlungsvermögen entwickeln
können. Es gilt hier, sich ganz dem kranken Menschen zu widmen und ihn
mit künstlerischer Herzenswärme zu tragen.
Wie Rudolf Steiner auch im Kurs des öfteren erwähnt, sollte die Heileurythmie nie angewendet werden ohne eine gründliche ärztliche Diagnose. Je mehr ein Zusammenarbeiten mit dem behandelnden Arzt möglich
ist, desto wirksamer wird die Heileurythmie sein. |