Zuletzt angesehen: 010_anhang

ANHANG

ANHANG

Entstehungsgeschichte und Bedeutung des Heileurythmie-Kurses

Berichte von Erna van Deventer-Wolfram, Elisabeth Baumann und Isahella de Jaager

Erna van Deventer-Wolfram

Seite Text
129

Vor mir liegen zwei etwas vergilbte Papiere: das eine ist eine kleine Zeichnung der Cassinischen Kurve, das andere eine Postkarte von Dr. Roman Boos [damals Leiter des Sekretariats in Dornach] aus Dornach vom Februar 1921. Zwei unscheinbare Stückchen Papier, und doch sind es beinahe die einzigen sichtbaren Zeugen noch der Ereignisse, die zum Heileurythmie-Kurs von Dr. Steiner geführt haben, der in Dornach im Frühjahr 1921 im Anschluß an den zweiten Ärztekurs gehalten wurde. Will ich in der Erinnerung zurückgehen bis dahin, wo Dr. Steiner die ersten therapeutisch-eurythmischen Übungen gegeben hat, so taucht eine viel frühere Zeit auf als 1921. Schon 1915 und noch früher hat Dr. Steiner mir und wahrscheinlich auch anderen Eurythmielehrern auf unsere Frage hin eurythmische Laut-Sprech-Übungen und Handgriffe gegeben für spezielle Fälle, denen wir in den verschiedensten Städten Deutschlands begegneten. Das Wort Heileurythmie gab es ja damals noch nicht einmal, sondern Dr. Steiner nannte diese Übungen «therapeutische» Eurythmie, sagte auch, daß diese Dinge noch aus den griechischen Mysterien stammten. Und diese Bemerkung wird vielleicht deutlich machen, wie ernst Dr. Steiner das Heilen mit eurythmischen Bewegungen schon damals war, und gleichzeitig, wie uns, damals noch so jungen Lehrern, tief ins Bewußtsein geprägt wurde, daß «Heilen» mit «heilig» zusammenhängt und daß unsere Bewegungen in dieser therapeutischen Eurythmie wirklich vom «Heüerwillen» getragen sein mußten, wollten wir Erfolg haben mit dieser Therapie. (Auch das Wort «Heilerwillen» ist ja erst später von Dr. Steiner geprägt worden, nämlich damals, als wir bei Dr. Steiner um Rat fragten, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 131 1923-24, er auf unsere Probleme einging und den Kurs für die Jungmediziner gab.) Alle diejenigen, die in irgendeiner Weise mit Dr. Steiner zusammengearbeitet haben, werden sich erinnern, daß er alles, was er gab, als Antwort gab auf eine Frage, einen Wunsch, manchmal auch auf ein noch recht ungeformtes Streben, das an ihn herangebracht wurde. So ist es auch mit der Heileurythmie gegangen. Da waren zum Beispiel zwei Kinder mit Sprachstörungen, die man zu ihm brachte: er gab, was wir später «Heil-Eurythmie-Übungen» genannt haben würden. Im Jahre 1919 war es, daß mir ein Kind mit Rückgratsverkrümmung begegnete. Dr. Steiner ging sehr gründlich auf meine Fragen ein und gab die Hilfe, die ich suchte. So könnte man viele Fälle aus jenen Jahren beschreiben. Gleichzeitig damit aber lernte auch ich selbst, beim Stundengeben, Menschen zu beobachten, lernte Erscheinungen am Menschen zusammenschauen, lernte sehen, wieviel hilfsbedürftige Menschen eigentlich in den vielen Eurythmiekursen um mich herum waren. […] Ich begegnete in jenen Jahren häufig Elisabeth Baumann-Dollfus, auch eine der ersten Eurythmisten, und eine tiefe Liebe zu unserer gemeinsamen Arbeit hat uns viele Jahre verbunden. Im Jahre 1919 nun, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, fanden wir uns wieder zusammen in der Vorbereitungszeit der Waldorfschule. Und nun begannen wir unsere Erfahrungen auszutauschen, sie als Lehrerin an der Waldorfschule, wo sie zusammenarbeitete mit der Hilfskiasse von Dr. Schubert, ich als Eurythmistin, die beinahe in allen großen Städten Deutschlands das Jahr hindurch Eurythmiekurse gab und bei Anwesenheit in Stuttgart Frau Baumann bei Krankheit an der Waldorfschule vertreten durfte. Und beide erlebten wir große Freude mit- und aneinander, weil wir merkten, daß das gleiche Suchen uns verband. Wonach suchen? Nach dem heilenden Element in oder hinter der Eurythmie! Dies war der eine Schicksalsfaden, in den wir verwoben wurden. Das andere war meine Verlobung und Heirat mit H. A. R. van Deventer, der ja selbst Mediziner war, und mit ebenso großer Begeisterung vom Medizinischen zum Eurythmischen hin suchte, wie wir vom Eurythmischen zum Medizinischen. Und der äußere Anstoß? Der kam im naturwissenschaftlichen Kursus in der Weihnachtszeit 1920/21 in Stuttgart. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 13 2 In diesem Kurs saßen Frau Baumann und ich - eigentlich ein bißchen auf Besuch -, denn wir verstanden lange nicht alles, was Dr. Steiner besprach, und wir gehörten als Eurythmisten ja eigentlich nicht einmal in jene erleuchtete Zuhörerschaft von Studenten und Gelehrten! Aber - wenn wir auch nicht alles begriffen mit dem Verstand - unsere Begeisterung für die astronomischen Zeichnungen half uns ein gut Stück weiter. Und eines Tages zeichnete Dr. Steiner an die Tafel etwas, was uns einander anstoßen ließ und beinahe aufspringen, nämlich die Cassinische Kurve. Das war das äußere Ereignis, das notwendig war, um uns nun bewußt zu machen: Sternenwege; Strömungen in uns - sie kommen aus der gleichen Quelle! Denn diese Cassinische Kurve, die Dr. Steiner hier in naturwissenschaftlich-astronomischem Zusammenhang erläuterte, die kannten wir Eurythmisten ja auch! Im Jahre 1915 schon hatte Dr. Steiner im Weißen Saal des alten Goetheanum vier bis sechs Eurythmielehrerinnen eine Reihe Unterrichtsstunden gegeben, und bei dieser Gelegenheit lehrte er uns «Kinderformen, gut für Kinder und junge Leute von drei bis achtzig Jahren, damit die Gedanken nicht verstruwelen». Dies waren seine Worte, und eine dieser Formen war die Cassinische Kurve, auf die Worte: Wir wollen suchen, wir fühlen uns nah, wir kennen uns wohl. Damals 1915, hatten wir jungen Menschen nicht das geringste Bewußtsein davon, warum er diese Form zur pädagogischen Übung gab, wie wir ja fast bei dem gesamten eurythmischen Lehrmaterial das «Warum» nicht durchschauten - und ehrlich gesagt: Durchschauen wir's heute soviel besser? Und doch ist es wohl unsere Aufgabe, den nach uns Kommenden nicht nur die Übungen, sondern auch das «Warum» zu lehren. Es scheint uns dies der einzige Weg, in Zukunft auf eurythmischem Gebiet Wahrheit von Irrtum, Ursprung von Verwässerung der Eurythmie zu scheiden. Dies Erleben nun, dies «Wiedererkennen» einer scheinbar so unbedeutenden Form, das war es, was mich zu Elisabeth Baumann hintrieb und sie und meinen Mann stundenlang zusammensitzen ließ und diskutieren über das Problem: Wenn diese Form, die Dr. Steiner so im naturwissenschaftlichen Kurs beleuchtet, so wichtig ist gleichzeitig für den Makrokosmosund den Mikrokosmos-Mensch: Sind dann nicht alle eurythmischen Gegebenheiten aus gleicher Quelle und müßten zum Heilen zu gebrauchen sein! ? Denn so wie von der Cassinischen Kurve hatten wir im Lauf der Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:133 Jahre auch von Vokalen, zum Beispiel A U M die kosmisch und menschlich heilende Wirkung kennengelernt. Das Erleben der Cassinischen Kurve war ja nur wie der Schlußstein an unserem Gebäude von Ahnungen und Erfahrungen auf eurythmischem Gebiet! Aber wie? Wie mußten wir nun zu einem Wissen um die «therapeutische Eurythmie» kommen? Was wir bisher kannten, E. Baumann und ich, waren ja nur kleine Bausteine, von Dr. Steiner bei Gelegenheit gegeben. Dadurch, daß nun mein Mann, als Mediziner, uns stützte in unsern Ideen - er hatte ziemlich viel Eurythmie selbst geübt und konnte unser Suchen von der medizinischen und der eurythmischen Seite her begreifen und stützen -, dadurch faßten wir Mut, noch in Stuttgart Dr. Steiner zu fragen, ob er nicht so etwas wie eine therapeutische Eurythmie uns systematisch lehren wollte, so wie er uns die gewöhnliche Eurythmie ja auch gelehrt hatte. Dr. Steiner war sehr wohlwollend, schaute uns ein wenig verwundert an ob unserer kühnen Pläne und sagte, er würde die Sache in Holland mit meinem Mann weiterbesprechen, dann würden wir davon hören. Und so geschah es: Im Beginn des Jahres 1921 war Dr. Steiner in Holland, und da mein Mann durch sein medizinisches Studium sehr mit unserer Arbeit verbunden war, hatte er viel Gelegenheit, Dr. Steiner zu sprechen. Frau Baumann war in der Zeit in Stuttgart und ich in Breslau, aber brieflich hatten wir beide unsere Wünsche wohl sehr deutlich nochmals festgelegt und an meinen Mann (damals noch mein Verlobter) gesandt. Jedenfalls fragte Dr. Steiner ihn eines Tages in Holland: Ja, haben Sie denn auch Eurythmisten, die sich wirklich für eine therapeutische Eurythmie einsetzen würden? - worauf mein Mann antwortete: Ja, vorläufig zwei, Frau Baumann und meine zukünftige Frau. «Dann können wir damit beginnen», sagte Dr. Steiner, und beauftragte meinen Mann, die weiteren organisatorischen Dinge zu übernehmen. Damit komme ich zurück zum Anfang, die kleine Zeichnung war die «Cassinische Kurve» aus einer Arbeitsbesprechung mit Dr. Steiner, und die vergilbte Postkarte von Roman Boos war der Bericht von ihm aus Dornach, daß der «Heil-Eurythmie-Kurs» (nun hatte Dr. Steiner zum ersten Mal den Namen geprägt) Anfang April in Dornach sein sollte und zwar in der Zeit des zweiten Ärztekurses, der auch dann gegeben werden sollte. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:134 In ihrem Aufsatz «Heil-Eurythmie: 1921-1971. Ihre Entstehung, Entwicklung und Aufgabe», erschienen in «Beiträge zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen» (1971, Heft 4), schildert sie u.a. noch folgendes: Vom 12. bis 17. April 1921, während des zweiten Arztekursus gab Dr. Steiner nun den Heileurythmie-Kurs in sechs Vorträgen für Mediziner und solche Eurythmisten, die länger als zwei Jahre im Studium waren. Niemand von uns ahnte, wie sich dieser Kursus gestalten würde! Dr. Steiner stand auf dem Podium, Frau Baumann und ich auf zwei Stühlen davor sitzend, fühlten uns sehr «unheimlich», denn wir hatten ja die Situation «angezettelt», und in der Zwischenzeit von Februar bis April kein Wort von Dr. Steiner gehört, wie er diesen neuen Zweig der medizinischen Wissenschaft mit uns, die wir nicht die mindeste Vorbildung auf medizinischem Gebiete hatten, verwirklichen würde! Das nötige Wissen zur heileurythmistischen Arbeit brachten wir bestimmt nicht mit - wäre es da nicht viel praktischer und sinnvoller gewesen, wenn Dr. Steiner eine kleine Gruppe von Ärzten ausgesucht hätte für diese Arbeit? Oder brachten Frau Baumann und ich als Eurythmisten doch etwas mit aus unserer Vergangenheit, das ihm wichtig schien? In seinen Angaben an mich über die Ausbildung, die für die Heil-Eurythmie nötig ist, gab er kurz nach dem Kursus die Antwort. Auf unsere Frage antwortete er: «Die Vorbedingung zum HeilEurythmie-Beruf ist, daß Sie erst die ganze Kunst-Eurythmie in ihrem Unterbau kennen und können. Sie müssen imstande sein, kunst-eurythmisch auf der Bühne ein dramatisches Gedicht darzustellen, zum Beispiel der «Zauberlehrling» von Goethe, mit allen eurythmischen Gesetzmäßigkeiten für Wort-Sinn und der Satzbildung, mit Formen und Körperhaltungen, wie Sie sie gelernt haben. Dann erst, wenn Sie alle Aspekte der Kunst-Eurythmie beherrschen, können Sie zur Heileurythmie übergehen.» - Er lehrte uns, daß wir erst alle Möglichkeiten der Kunst-Eurythmie beherrschen müßten, sie zu finden im Kosmos als Planeten- und Fixsternkräfte, dann als Spiegelung in der menschlichen Sprache und Musik, dann durch Bewegungen des menschlichen Körpers selbst und so den Menschen, also uns selbst kennen lernend als das Wesen, das Makrokosmos und Mikrokosmos in seinem eigenen Leib spiegelt. Erst wenn wir diese Stellung und Aufgabe des Menschen begriffen hätten, könne man Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 13 5 vom Umkreis der Eurythmie zum Zentrum des Heil-Aspektes der Eurythmie vordringen. Aber «erst müsse man eben den Umkreis kennen, dann erst könne man zum Zentrum des Menschen vordringen!» - Welch eine Perspektive für uns, die wir zwar schon acht Jahre aktiv in der Kunstund pädagogischen Eurythmie tätig waren, aber doch mehr ausübend und durch die Praxis lernend, als mit Bewußtsein durchdringend. Die Vokale, die Konsonanten, die Wortarten, die Rhythmen - wie viel bedeutender erschienen sie uns! […] Auch das Wissen der Eurythmistin wurde genau umschrieben dadurch, daß Dr. Steiner mir beschrieb, was und wieviel ich aus den Lehrbüchern meines Mannes, dem «Spalteholz» [W. Spalteholz, Prof. an der Universität Leipzig] und dem Lehrbuch von Professor Broesicke, Breslau [Dr. Gustav Broesicke, Breslau 1920], lernen müßte! Dies wurde uns kurz nach dem Heileurythmie-Kurs von Dr. Steiner erzählt, so daß wir mit tiefer Verantwortlichkeit wieder von Dornach weggingen. |

Elisabeth Baumann

136

Daß die bewegte, sichtbare Sprache der Eurythmie eine solche ist, die in wahrhafter Harmonie mit den Gesetzen und Bedürfnissen des GeistigSeelischen und des Leiblich-Physischen steht, das erlebten wir ja täglich an der Selbstverständlichkeit, mit der sie von den Kindern aller Altersstufen erfaßt und wiedergegeben wurde. Wir erlebten auch täglich, wie Hemmungen, seien sie im Gebiet des Willens oder im Bereich des Vorstellungslebens, der Denktätigkeit, durch Eurythmie bei den Kindern gelöst, ja beseitigt werden können. Wir hatten es ja an der Waldorf schule fast von Anfang an mit manchen Kindern zu tun, bei denen solche Hemmungen vorhanden waren, oft nur schwach zutage tretend, oft jedoch auch so stark das Wesen des Kindes beherrschend, daß sein Mitkommen im Unterrichtsgang der Klasse nicht möglich war und für diese Kinder eine besondere Hilfskiasse eingerichtet wurde, um die von Rudolf Steiner gegebenen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:136 Anweisungen und Ratschläge zur Seelenpflege dieser Kinder ausüben zu können. Aus manchen Beobachtungen zeigte sich, daß man für solche Kinder in der Eurythmie etwas gegeben hatte, das mehr als alles andere zu ihnen drang, von ihnen unmittelbar ergriffen werden konnte. Und es entstand die Überlegung: Wäre es nicht möglich, Übungen zu finden, die jenem Geistigen, das sich so schwer in seinen Leib hineinverkörpern kann, dem aus dem Leiblichen so große Widerstände erstehen, entgegenkommen und ihm die physisch-leibliche Hülle besser formen, Bewegungs-Übungen, die die ätherischen Bildekräfte besser eindringen lassen und die plastisch-aufbauende Kraft des Organismus unterstützen? Aus dem innigen Konnex mit den sogenannten schwierigen Fällen, mit den zurückgebliebenen, den seelenpflegebedürftigen Kindern entstand der intensivste Wunsch, das hygienische, das heilende Element der Eurythmie zu suchen und zu erfassen. In wiederholten Gesprächen mit der an verschiedenen Orten Deutschlands als Eurythmistin tätigen Erna van Deventer-Wolfram ergab es sich, daß auch sie durch ihre Arbeit in stärkster Weise zu dieser heilenden Seite der Eurythmie hingeführt worden war. Nach einiger Überlegung entschlossen wir uns, Dr. Steiner um Anweisungen für eine solche HeilEurythmie zu bitten. Rudolf Steiner ging mit großer Bereitwilligkeit darauf ein und versprach uns, sich die Sache zu überlegen. Nach kurzer Zeit schon erhielten Frau van Deventer und ich die Aufforderung, im April nach Dornach zu kommen, wo er dem Ärztekursus am Goetheanum Vorträge über Heileurythmie anschließen wollte. Und so wurde nun von Rudolf Steiner in den Tagen vom 12. bis 17. April 1921 das dritte Element der Eurythmie geschenkt und die anwesenden Ärzte und Eurythmisten durften erleben, wie sich ihnen eine ganze neue Welt von Heilmöglichkeiten erschloß, deren Fülle und Wirkungskraft, durch die Art wie Rudolf Steiner es darstellte, sich wohl jedem Zuhörer unvergeßlich einprägte. Denn da, wo wir nur um einige Anleitung und Hinweise gebeten hatten, wurde eine geschlossen aufgebaute eurythmische Heilkunde gegeben, bei der man unmittelbar erlebte, wie auch heute noch im Wort Schöpferkraft, Heilkraft wirkt, die der menschliche Leib in seinen Bewegungstendenzen erfassen kann. Es war oft nicht leicht sich hineinzufinden, denn auch für die, die sich seit Jahren mit der eurythCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 137 mischen Bewegungskunst vertraut gemacht hatten, war das, was Rudolf Steiner an Übungen teils selbst vormachte, teils von Frau van DeventerWolfram und mir vormachen ließ, durchaus neu und überraschend. Für die anwesenden Ärzte war es besonders schwierig, da die wenigsten bis dahin sich überhaupt mit Eurythmie befaßt hatten. Es wurden zwei Eurythmiekurse eingerichtet, in denen wir mit den Ärzten grundlegend Eurythmisches und das jeweils an dem Tage von Dr. Steiner im Heileurythmie-Vortrag Gegebene besprachen und praktisch übten. Nun setzte ein geregeltes heileurythmisches Arbeiten an den verschiedensten Orten ein. Rudolf Steiner gab in den Kliniken in Ariesheim und Stuttgart und auch an der Waldorfschule noch manche Hinweise für das Anwenden der Heileurythmie in speziellen Fällen, er variierte selbst diese und jene Übung, er gab bestimmte Lautfolgen, die mit einzelnen Kranken geübt werden sollten, die seiner besonderen Beobachtung unterlagen. Diese Angaben bieten eine reiche Anregung für den Arzt und die Heileurythmistin, um aus ihnen das methodische, individuell gegliederte und auf sorgfältigster Beobachtung des Patienten beruhende Vorgehen im Behandeln des kranken Menschen zu erlernen. Die eigentliche fest fundierte Grundlage des heileurythmischen Arbeitens ist in dem hier vorliegenden Kursus gegeben, wie dies ja aus Rudolf Steiners eigenen Worten eindeutig hervorgeht. Er wurde im Oktober 1922, diesmal von Ärzten, anläßlich einer medizinischen Woche in Stuttgart, gebeten, auch über Heileurythmie zu sprechen. Dieser Vortrag ist zusammen mit dem Kursus vom Jahre 1921 hier veröffentlicht. Rudolf Steiner sagt da gleich zu Beginn: «Es ist gewünscht worden, daß ich noch einiges in bezug auf unsere Heileurythmie sage. Im Grunde genommen ist das empirische Material für diese Heileurythmie ja von mir beim letzten Ärztekurs [siehe «Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie», GA 313] in Dornach entwickelt worden, dargestellt worden, und es ist kaum notwendig, über das dazumal Gegebene hinauszugehen. Denn wenn es in entsprechender Weise verwertet wird, dann kann es ja wirklich sehr weittragende Bedeutung haben». |

Isabella de Jaager

139

Dem Leser wird bald klar werden, daß ohne ein gründliches Sichauseinandersetzen mit der Anthroposophie man mit diesem Heileurythmiekurs nicht sehr weit kommen kann. Ebenso wie bei der Kunsteurythmie ist auch die Quelle der Heileurythmie in der Anthroposophie zu suchen. Das lebendige Erfassen von Mensch und Welt ist die notwendige Grundlage zu ihrer Anwendung. Unter dieser Voraussetzung nur wird sie nie zum System werden oder zu etwas, was man abstrakt-intellektuell auffaßt und anwendet: eine Gefahr, die in unserer Zeit immer vorhanden ist. Die Heileurythmie erfordert ferner eine weitgehende Kenntnis der künstlerischen Eurythmie. Die Phantasiekräfte, das lockere Fließendwerden des ganzen Menschen sind die Vorbedingungen zur Anwendung dieser Therapie, bei der es gilt, den zu behandelnden Menschen künstlerisch zu erfassen. All die feinen und minutiösen Nuancen, die man braucht, um dem kranken Kind oder dem Erwachsenen zu helfen, fließen uns aus der Kunsteurythmie zu. Dort findet man immer neue Anregungen. Es sei auch darauf aufmerksam gemacht, daß ein junger Mensch nicht ausschließlich Heileurythmie treiben sollte. Bis zum 28. Jahr muß der Mensch seiner Phantasie und seinen schöpferischen Kräften freien Lauf lassen können. Je mehr dies geschieht, desto besser wird er dann in der Heileurythmie Hingabe, Geduld und Einfühlungsvermögen entwickeln können. Es gilt hier, sich ganz dem kranken Menschen zu widmen und ihn mit künstlerischer Herzenswärme zu tragen. Wie Rudolf Steiner auch im Kurs des öfteren erwähnt, sollte die Heileurythmie nie angewendet werden ohne eine gründliche ärztliche Diagnose. Je mehr ein Zusammenarbeiten mit dem behandelnden Arzt möglich ist, desto wirksamer wird die Heileurythmie sein. |


Zur Übersicht