Vorbemerkung der Herausgeber zur Neuauflage 2003
| Seite | Text |
| 11 |
beziehungsweise sie machen lassen?» Diese Frage wurde bereits im allerersten Eurythmie-Kurs im Jahre 1912 (GA 277a, S. 21) an Rudolf Steiner
gestellt, woraufhin dieser eine liegende Lemniskate, erst langsam, dann
immer schneller werdend, zeichnete, «so wie sie das Kind der Nase nach
laufen sollte». Die erste heileurythmische Übung war geboren. Damit tat sich
für die Eurythmie ein Wirkungsfeld auf, das im April 1921 mit den in diesem
Band vorliegenden Vorträgen seine wissenschaftlichen Grundlagen erhielt
und seitdem - bei fortlaufender Weiterentwicklung - als eigenständige Therapierichtung zur Anwendung kommt.
Die Eurythmie, von Rudolf Steiner in enger Zusammenarbeit mit Marie
Steiner-von Sivers als «eine Art Raumbewegungskunst» intendiert, wurde
nach und nach zu einer eigenständigen Bühnenkunst ausgestaltet. Nach
ersten Auftritten im Rahmen von Rudolf Steiners Mysteriendramen in München sowie mit eigens hierfür gestalteten Programmen in Dornach und
Berlin, kam es am 24. Februar 1919 zur ersten öffentlichen Eurythmieaufführung im Zürcher Pfauentheater, die zum Ausgangspunkt für Gastspielreisen
in der Schweiz und in Deutschland wurde. Im gleichen Jahr, im September,
öffnete in Stuttgart die erste Waldorfschule ihre Pforten mit dem neuen
Pflichtfach Eurythmie. Da die Eurythmielehrerin, Elisabeth Baumann, bei
den ihr anvertrauten Kindern immer wieder erhebliche Schwächen physischer und psychischer Art feststellen mußte, hatte sie sich verschiedentlich
bei Rudolf Steiner Rat eingeholt, um ihre Arbeit wirkungsvoller gestalten zu
können. Ermutigt durch den Arzt H. A. R. van Deventer wandte sie sich,
zusammen mit der Eurythmistin Erna van Deventer-Wolfram, im Januar
1921 an Rudolf Steiner mit der Frage, «ob er nicht so etwas wie eine
therapeutische Eurythmie […] systematisch lehren wollte». Einige Wochen
später, nachdem sowohl brieflich als auch im persönlichen Kontakt Näheres
erörtert worden war, gab Rudolf Steiner seine Zusage und gliederte dem für
April 1921 schon geplanten zweiten Ärztekurs eine Vortragsreihe zum
Thema Heileurythmie an. Und so sprach er am Vormittag zu den Ärzten
und am Nachmittag zu Eurythmisten und Ärzten. Zur Entstehungsgeschichte siehe auch die im Anhang des vorliegenden Bandes veröffentlichten
Berichte.
Sinn und Zweck dieser Vorträge war, den Ärzten und Eurythmisten das
«empirische Material» in die Hände zu geben, das ihnen ermöglicht, auf der
Grundlage einer exakten Erkenntnis «des gesunden und kranken Menschen»
die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen zu ergreifen. Die Einbindung der Vorträge in den zweiten Ärztekurs macht deutlich, daß die Heileurythmie, die «eigentlich ausgeübt werden soll vom Arzte oder der Ärztin
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 11
selbst», nur in enger Zusammenarbeit von Arzt und Eurythmist, «nur im
Einklang mit der fachmännischen ärztlichen Wissenschaft ausgeübt werden
sollte.» (Siehe den Vortrag vom 28.10.1922 im vorliegenden Band.)
Die Vorträge über Heileurythmie waren von der Berufsstenografin Helene Finckh mitstenografiert worden. Stellt das exakte Mitschreiben über eine
Vortragsdauer von mehr als einer Stunde ohnehin schon große Anforderungen an das Können eines Stenografen, so kam bei diesem Kurs noch erschwerend hinzu, daß in die Vorträge immer wieder Demonstrationen einzelner
Übungen durch zwei Eurythmistinnen eingeschoben wurden, womit sich
jeweils der Duktus der Rede veränderte und verschiedentlich die Satzgefüge
nicht unbedingt verbal, sondern visuell, also im Hinschauen auf die eurythmischen Darbietungen, ihre Vollendung fanden. Dies alles erschwerte eine
kontinuierliche wortwörtliche Aufnahme durch die Stenografin, weshalb die
Herausgeber im Laufe der Jahre immer wieder bemüht waren, den Sinn zu
rekonstruieren und mal mehr, mal weniger intensiv die vorliegenden Textgrundlagen bearbeiteten. Daß hierbei unter Umständen feine Nuancen hinwegretouchiert wurden, wird nachvollziehbar, wenn man sich die Unterschiede der Textfassungen bereits im ersten Satz vergegenwärtigt. So war in
früheren Versionen die Rede von ersten Keimen «einer Heileurythmie«,
während es in der hier vorliegenden Fassung heißt, daß Rudolf Steiner die
ersten Keime «einer Art Heileurythmie» andeuten möchte.
Angesichts der unbefriedigenden Textlage vorangehender Auflagen, haben sich die Herausgeber entschlossen, die sechs Vorträge des Heileurythmie-Kurses anhand des Stenogrammes und der Übertragung in Langschrift
noch einmal Wort für Wort zu überprüfen. Das Ergebnis ist die hier
vorliegende Textgestalt, die zwar auf den ersten Blick nicht so flüssig wie in
vorangehenden Auflagen erscheint, jedoch dafür den ursprünglich festgehaltenen Wortlaut so exakt wie möglich wiedergibt und damit auch die Quellenlage für den Leser transparenter macht. Zugleich werden der Rhythmus
der Rede und die Hervorhebungen einzelner Begriffe oder Aussagen durch
ihre besondere Stellung im Satzbau sowie durch die wieder eingefügten
Wiederholungen deutlicher nachvollziehbar, was ein wenig von jener Atmosphäre erlebbar werden läßt, die das Wesen eines solchen Kurses ausmacht.
Einige wenige Texteingriffe seitens der Herausgeber waren dennoch
unumgänglich, veranlaßt entweder durch Lücken oder - trotz intensivster
Bemühungen - unklar gebliebener Stellen im Stenogramm. Sie sind, abweichend von früheren Editionsgepflogenheiten, jeweils in Fußnoten auf der
entsprechenden Textseite nachgewiesen.
Zeichenerklärung
(…) = Ergänzung der Stenografin
[…] = Ergänzungen der Herausgeber
T = Tafelzeichnung
ST = Zeichnung aus dem Stenogrammblock |