Dornach, 12. April 1921, ERSTER VORTRAG : Heileurythmie-Kurs gehalten in Dornach für Eurythmisten und Ärzte I
Das Verhältnis des hygienisch-therapeutischen Elementes zum pädagogisch-didaktischen und künstlerischen Element der Eurythmie. Der menschliche Kehlkopf und seine Metamorphose. Der Kehlkopf als ätherischer zweiter Mensch im Menschen. Vorderhirn und Schilddrüse. Eurythmisieren des Kehlkopfes beim Sprechen und
Singen. Statik des Kopfes und Dynamik des rhythmischen Menschen, Rhythmus und Arrhythmie im Zusammenhang mit dem Denken. Logik, Prosa und Poesie im Verhältnis zum eigentlich Menschlichen. Das-aus-den-Fugen-Kommen des Ineinanderpassens eines nach vorne und eines nach rückwärts strebenden Systems. Jambische und trochäische Übung. Zusammenhang zwischen Bewegung der Gliedmaßen und Denkart. Schreiben mit den Füßen. IAO-Übung. Das in dem Gliede Gefühlte als das Wesentliche der eurythmischen Bewegung. Ur-E in der Kreuzung der Augenachsen. Hygienisch-therapeutische Eurythmie in Gruppen. Organform und Bewegungsform.
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sagen - einer Art Heil-Eurythmie andeuten. Wir werden dazu heute eine
Art Einleitung haben, um dann dasjenige, was wir da gewinnen, überzuleiten in den nächsten Tagen in bestimmte Formen. Ich möchte einiges
Prinzipielle zunächst bemerken. Dasjenige, was bisher getrieben worden
ist als Eurythmie, ist Eurythmie als Kunst; und als eurythmische Kunst ist
sie zu gleicher Zeit dasjenige, was auch von der Pädagogik und Didaktik
als Eurythmie für Kinder akzeptiert werden muß. Denn dasjenige, was
bisher entwickelt worden ist als Eurythmie, das ist durchaus hervorgeholt
aus der Gestalt des gesunden Menschen. Und wir werden sehen, wie sich
ergeben werden gewisse Anhaltspunkte, um ein Hygienisch-Therapeutisches aus dem Eurythmischen heraus zu gewinnen, wie sich manche
künstlerische Formen werden nach der einen oder nach der andern Richtung metamorphosieren, um eben zu dem zu werden, was man eine Art
Heileurythmie nennen kann.
Es wird natürlich prinzipiell notwendig sein zu betonen, daß diese
künstlerische Eurythmie, die im wesentlichen ein Ausleben desjenigen ist,
was elementar in der Gestalt und in den Bewegungstendenzen des menschlichen Körpers liegt, daß diese künstlerische Eurythmie sowohl für den
Anblick, wie auch eben für die Ausbildung des gesunden menschlichen
Organismus, für das seelisch-geistig-körperliche Ausbilden des gesunden
menschlichen Organismus als das Richtige angesehen werden muß. Aber
man kann eben hinarbeiten nach einer Heileurythmie, welche sehr weit
gehen kann in der Behandlung von irgendwelchen chronischen und auch
akuten Zuständen, die aber namentlich auch in dem Fall sich als sehr
zweckmäßig und wichtig erweisen wird, wenn wir uns bemühen, heranrückende Krankheiten, Anlagen zu Krankheiten, gewissermaßen prophylaktisch eurythmisch zu behandeln. Da haben wir dann allerdings ein Element gegeben, wo das didaktisch-pädagogische Element der Eurythmie
wird übergehen müssen allmählich in das hygienisch-therapeutische.
Für diejenigen aber, die künstlerische Eurythmie treiben wollen,
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möchte ich ausdrücklich betonen, daß sie in intensivster Weise, wenn sie
eurythmische Kunst treiben wollen, das werden vergessen müssen, was sie
sich in diesen Stunden hier aneignen. Denn gerade auf diesem Gebiet wird
man im strengsten Sinne auseinanderhalten müssen dasjenige, was zu
hygienisch-therapeutischem Ziel angestrebt wird, und dasjenige, was in
der Eurythmie als das Künstlerische angestrebt werden muß. Und wer
beides wird durcheinanderwerfen wollen, wird sich erstens seine eurythmische Künstlerschaft zerstören und zweitens in bezug auf das therapeutisch-hygienische Element nichts Besonderes erreichen können. Es wird ja
ohnedies, wie die folgenden Stunden zeigen werden, notwendig sein, daß
man, um das hygienisch-therapeutische Element der Eurythmie anzuwenden, dazu gewisse Kenntnisse, die wie in eine Art Gefühl für die Bildung
des menschlichen Organismus übergehen, daß man solche physiologischen Kenntnisse beim Anwenden, beim praktischen Anwenden, durchaus wird haben müssen.
Nun, nachdem ich das vorausgeschickt habe, möchte ich, wie es sich
mir angemessen erweist, gerade für die Ziele, denen wir hier entgegenstreben, etwas genauer eingehen auf dasjenige, was nun der menschlichen
Eurythmie überhaupt zugrunde zu legen ist. Wenn man verstehen will,
was Eurythmie nach ihren verschiedensten Inhalten ist, muß man zunächst
sich ein gewisses Verständnis erwerben für den menschlichen Kehlkopf.
Die andern Sprachorgane werden wir gerade im Verlaufe unserer Übungen im Zusammenhang mit dem menschlichen Kehlkopf kennenlernen.
Aber das erste, das wir uns aneignen müssen, wird sein müssen eine gewisse Kenntnis des menschlichen Kehlkopfes und seiner ganzen Bedeutung
für die menschliche Organisation überhaupt. Man ist viel zu sehr geneigt,
ein einzelnes menschliches Organ wie eine Sache für sich zu betrachten.
Das ist es aber nicht. Das ist kein menschliches Organ. Jedes menschliche
Organ ist ein Glied der Gesamtorganisation und zu gleicher Zeit eine
metamorphosische Umänderung gewisser anderer Organe. Im Grunde
genommen ist jedes für sich abgeschlossene menschliche Organ eine Metamorphose der andern für sich abgeschlossenen menschlichen Organe.
Da haben wir allerdings die Sache so, daß gewisse menschliche Organe
und Organgruppen sich erweisen als, genauer, präziser möchte ich sagen,
den Charakter der Metamorphose mehr in sich tragend, andere weniger.
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Aber ein solches Beispiel, wo wir nur durch eine richtig verstandene
Metamorphose eindringen können von einem Organ aus in das Wesen des
menschlichen Organismus, das ist der Kehlkopf. Erinnern Sie sich nur
einmal aus Ihren anatomischen und physiologischen Erkenntnissen, wie
eigenartig dieses Organ des menschlichen Kehlkopfes gestaltet ist.
Es ist dasjenige, was ich sagen will, nur durch ein, ich möchte schon
sagen, goethehaftes Anschauen dieses menschlichen Kehlkopfes zu gewinnen. Aber wenn Sie sich bemühen, dieses goethehafte Anschauen der betreffenden Organe, auf die wir jetzt rekurrieren wollen, anzustreben, so
werden Sie sehen, daß es damit geht. Wenn Sie den Kehlkopf zunächst
nehmen als eine nach oben gerichtete Fortsetzung der Luftröhre, so werden
Sie als Charakteristisches finden, wenn Sie ihn seinen Formen nach studieren, daß er ist ein umgewendetes, von vorne nach rückwärts gewendetes
Stück der menschlichen Organisation; von einem andern Orte ein anderes
Stück menschlicher Organisation umgewendet. Stellen Sie sich vor: das
Hinterhaupt des Menschen, mit Einschluß der Gehörpartie; und denken
Sie sich das, was Sie sich da vorstellen als Hinterhaupt des Menschen mit
Einschluß der Gehörpartie, insofern sie in diesem Teil des Menschen lokalisiert ist, mit Ausschluß des Vorderhirns zunächst, und fortgesetzt nach
unten so, daß es übergeht in den menschlichen Brustkorb mit seinen Rükkenwirbeln, aber mit dem Ansatz der Rippen, die vorne das viel weichere
Brustbein haben, das überhaupt unten ganz wegfällt. Also, Sie stellen sich
dieses Organsystem vor, das weniger genau abgegrenzt ist, das ich jetzt angeführt habe: der rückwärtige Teil des Kopfes, einschließlich der Gehörpartie, hinunter erweitert zum Brustkorb.
Und nun denken Sie sich diese Partie etwas ummetamorphosiert;
denken Sie sich namentlich sehr klein geworden den Durchmesser der Rippen. Denken Sie sich dasjenige, was sehr weit ist an den Rippen, am Brustkorb, hier zu einer Röhre verwandelt, das Knochige ins Knorpelige umgesetzt. Und denken Sie sich für dasjenige, was ich als Kopfpartie abgesondert habe, denken Sie sich ersetzt dasjenige, was im Kopf wirklich ausgefüllt ist mit einer flüssig-festen Masse. Das denken Sie sich ausgefüllt so,
daß die weniger ausgefüllten Partien des Hauptes, daß die dort mehr
löcherig gebliebenen Partien des Hauptes, daß diese ausgegossen wären
und dann dasjenige wegbliebe, was jetzt ausgefüllt ist mit etwas dickerer
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 17
Gewebemasse. Dann, wenn Sie sich diese Ummetamorphosierung denken
dieses Teiles des menschlichen Organismus, dann bekommen Sie die Kehlkopfmetamorphose: ein umgedrehtes Hinterhaupt mit daran angesetztem
Brustkorb. Die Fortsetzung in den Kehlkopf nach oben ist wirklich eine
Art Hinterkopf, metamorphosiert. Es ist so, daß die Bildekräfte, die ätherischen Bildekräfte für den Kehlkopf tatsächlich ein Umwenden vollziehen, wenn wir sie vergleichen mit denjenigen, die die Bildekräfte sind
für die angezeigte Partie des Hinterhauptes mit dem Brustkorb daran. Wir
tragen gewissermaßen in unserer Brust, mit dem Kehlkopf, wenn wir die
Sache ätherisch betrachten, einen zweiten Menschen, der allerdings in
einer gewissen Weise verkümmert ist, aber die Ansätze, das Verkümmerte
doch in einer gewissen Ausbildung zu haben, sogar in sich trägt.
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Würde dasjenige, was ich Ihnen geschildert habe, wiederum zurückgewendet und als Hinterkopf erscheinen, so würden ja nach den Bildungskräften sich nach vorne ansetzen müssen die Vorderhirnpartien. Diese
Tendenz, so etwas anzusetzen, ist beim Kehlkopf auch vorhanden. Deshalb hat der Kehlkopf in seiner Nachbarschaft die Schilddrüse. Und dasjenige, was Ihnen in der neueren Physiologie entgegentritt als die eigentümlichen Bedingungen der Schilddrüse, das werden Sie metamorphosisch
verstehen, wenn Sie in der Schilddrüse sehen können eine Art dekadentes
Vorderhirn, das gewissermaßen Funktionen hat, die es beim sprechenden
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Menschen dem Vorderhirn abnimmt. Es muß mittun die Schilddrüse mit
dem Vorderhirn im Zusammenwirken. Wenn sie also in irgendeiner Weise
krankhaft ist, so können Sie sich leicht vorstellen, was da für Zustände
eintreten müssen, weil der Mensch, indem er eben die Schilddrüse hat,
einfach daraufhin organisiert ist, sie als ein mehr dem Brustmenschen
angehöriges Denkorgan mitzuverwenden.
Nun ist dasjenige, was ich als die ätherischen Bildekräfte bezeichnet
habe, die da wirken, um diesen zweiten Menschen, der sich so umgekehrt
in uns hineinsetzt, um diesen zweiten Menschen zustande zu bringen, -
diese ätherischen Bildekräfte, die sind in der Tat sehr differenziert. Und es
ist so, daß, wenn in uns zustande kommt die Atmung und sich auslebt die
Atmung im Sprechen oder Singen, wenn also diese - von einem gewissen
Standpunkte aus muß man es durchaus so nennen - modifizierte Atmung
im Sprechen und Singen, wenn sich diese auslebt, dann ist das ganze Organsystem des Menschen, das ich zuerst gezeichnet habe, im Hinterhaupte
und so weiter bis in die Brust hinein in einer solchen inneren Bewegung,
daß diese Bewegung ihre Reflexe erlebt in der Kehlkopforganisation. Und
wir haben dann uns vorzustellen, daß dasjenige, was durch dieses ganze
System - das ist auch nichts anderes mit dem Ohr zusammen als ein Kehlkopf, nur metamorphosiert, da ist ein Vorderhirn - daß dieses ganze
System hier gewisse Wirkungen hervorruft, die sich reflektieren. So daß
unser Kehlkopf dasjenige als Kräfte nach rückwärts eurythmisiert, was
wir denken, fühlen und so weiter. Diese Eurythmie ist tatsächlich in uns
vorhanden.
Unser Kehlkopf eurythmisiert, und wir haben dann die Aufgabe, dasjenige, was sinnlich-übersinnlich da durch diese Reflexion des Kehlkopfes
zustande kommt, das wiederum umzudrehen und zu übertragen nun ins
Sichtbare, so daß durch unsere Arme dasjenige zum Ausdruck kommt,
was wiederum das Zurückübertragene ist. Wir haben es also da tatsächlich
zu tun mit etwas, was aus der menschlichen Organisation unmittelbar
hervorgeholt ist.
Man muß sich nun bewußt werden, daß damit hingedeutet ist auf dasjenige Organ, welches gewissermaßen wie ein anderer Kopf mit seiner
Fortsetzung nach unten in die rhythmische Organisation hineinverlegt ist.
Unser gewöhnlicher Kopf, der mehr oder weniger denkerische Kopf,
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unser gewöhnlicher Kopf, der hat die Eigentümlichkeit, dasjenige, was als
Rhythmisches in ihn heraufschlägt, namentlich durch den Arachnoidalraum, was eine Fortsetzung der Atmung ist, was da in ihn heraufschlägt,
das zur Ruhe zu bringen, das in Ruhe zu verwandeln. Dadurch, daß das in
Ruhe verwandelt wird, was unten Bewegung ist im rhythmischen System,
daß also Gleichgewichtslage entsteht, Statisches entsteht aus dem Bewegten, sich gegenseitig in der Bewegung Bedingenden, aus dem Dynamischen, daß also Statisches entsteht in unserem Haupt aus dem Dynamischen, dadurch ist das Denken bedingt.
Und umgekehrt wiederum, umgekehrt ist es so, daß dasjenige, was wir
in der Ruhe des Hauptes entwickeln, in der Statik des Hauptes entwickeln,
daß das zurückwirkt auf die Dynamik des rhythmischen Menschen und
zwar im wesentlichen zunächst verlangsamend. Es ist in der Tat so, daß
unnatürliche Anstrengung des Seelisch-Geistigen durch das Haupt verlangsamend wirkt auf die Zirkulation. Und eine weitere Folge davon ist,
daß chaotisches Denken, schlampiges Denken, daß das die Rhythmie in
Arhythmie verwandelt, den natürlichen Rhythmus, der sich im rhythmischen System des Menschen abspielen soll, in Arhythmisches verwandelt,
sogar dann, wenn es ausartet, eben in Antirhythmisches. Und beobachten
muß man den Zusammenhang, wenn man den Menschen verstehen will,
zwischen dem Zirkulations- und Atmungssystem und dem schlampigen,
chaotischen Denken und auch dem logischen Denken. Denn das logische
Denken als solches hat in sich die Tendenz, den Rhythmus zu verlangsamen, träge zu machen. Das logische Denken hat den Eigensinn, aus dem
Rhythmus herauszufallen. Daher wird dasjenige Seelenleben, das wiederum in den Rhythmus hineinfallen will, das wird über die bloße Logik hinausstreben und wird versuchen, Sätze, Verse so zu gestalten, daß sie nicht
im Sinne der Syntax, sondern im Sinne des Rhythmus ablaufen. Indem
man von der Prosa, die die Feindin des Rhythmus ist, wenn sie nicht
gerade rhythmische Prosa ist, in der Poesie wiederum zurückstrebt zum
Rhythmus, versucht man wiederum menschlicher zu werden. Ich behaupte ja nicht, daß man nach der Tierseite hin durch das Logische sich entwikkelt. Sie können sich immerhin, wenn Sie wollen, vorstellen, daß man sich
zum Engelhaften entwickele. Aber eben, wenn man wiederum vom Logischen zurückstrebt zum Menschlichen, so handelt es sich darum, daß man
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in die Aufeinanderfolge der Silben, in die Silbenbewegung, in die Lautbewegung, in die Satzgestaltung wiederum das hineinbringt, was nicht die
Logik, nicht die Syntax fordert, sondern was der Rhythmus fordert. Wir
müssen hören auf den rhythmischen Menschen, wenn wir in die Poesie
zurück wollen, wir müssen hören auf den Kopfmenschen, wenn wir in
die Prosa rücken wollen.
Das wird Ihnen andeuten, wie in der Tat ein Zusammenhang ist zwischen dem ganz offenbaren Menschenteil, den ich Ihnen geschildert habe,
und dem, der sich als eine Metamorphose dieses Menschenteiles etwas verbirgt. Aber in uns ist er, dieser Eurythmiker, der als Ätherleib des Kehlkopfes eine ganz deutliche Eurythmie ausführt, was aber, wie Sie aus alledem entnehmen können, das ich Ihnen dargestellt habe, innig nun zusammenhängt mit der normalen Ausbildung unseres Atmungssystems,
unseres ganzen Zirkulationssystems und damit natürlich sogar auf dem
Umwege durch das Zirkulationssystem mit dem Stoffwechselsystem.
Nun handelt es sich darum, daß alle möglichen Anlässe gegeben sind,
daß diese ganz komplizierte Einrichtung, auf die ich Sie hier hingewiesen
habe, auf dieses Ineinanderpassen eines nach vorne strebenden und eines
nach rückwärts* strebenden Systems, daß diese Einrichtung sehr leicht aus
den Fugen kommen kann. Man kann eigentlich sagen, sie ist bei den wenigsten Menschen unserer heutigen Kultur in den Fugen, und es wird nötig
sein, sich in dieser Richtung eine gewisse Beobachtungsgabe anzueignen
aus dem Grunde, weil, wenn zum Beispiel im kindlichen Alter die obere,
die Kopforganisation des Menschen so gehandhabt wird, daß die Sünde
wider die rhythmische Organisation zu groß wird, weil dann tatsächlich
dadurch, indem sich in der menschlichen Organisation, ich möchte sagen,
lawinenartig die kleinen Anlässe zu großen Wirkungen ausbilden, weil
dadurch tatsächlich alles mögliche im späteren Alter entstehen kann,
einfach durch eine Unregelmäßigkeit im Zusammenhang desjenigen, was
ich jetzt geschildert habe.
Es ist zum Beispiel von einer außerordentlichen Bedeutung, wenn man
einmal Kinder daraufhin ansieht, inwiefern sie das mehr unbewußte Leben
in Rhythmen in ihrem ganzen Seelenleben vorherrschend haben gegen-
* «rückwärts» in Wien üblich für «hinten».
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über dem beruhigenden Element der Kopforganisation. Haben sie das,
herrscht vor das rhythmische System, prädominiert es, dann muß man
wirklich darauf aufmerksam werden, ob nicht da in der Erziehung des
Kindes etwas zu geschehen habe. Zeigt sich das nach und nach wie habituell, dann ist es notwendig, daß etwas geschieht; nämlich dann ist notwendig, daß man mit dem Kind, das durch die Anomalie, auf die ich eben
hingedeutet habe, immer aufgeregter und aufgeregter wird - wenn es
immer zappeliger und zappeliger wird, wenn man nichts anfangen kann
mit ihm -, dann ist es notwendig, daß man versucht, in seine ganze Organisation etwas Jambisches hineinzubringen. Und man kann das dadurch,
daß man das Kind gehen läßt so, daß es immer mit vollem Bewußtsein - es
muß dazu angeleitet werden - als erstes nach vorne bewegt den linken
Arm und die linke Hand, nachher den rechten Arm, so daß das bewußter
wird. Aber es muß das Bewußtsein haben: das ist der erste und ist der erste
gewesen. Während der ganzen Übung muß das Bewußtsein vorherrschen:
das war der erste und bleibt der erste; es hat angefangen mit dem Linken.
Man kann dann das Ganze unterstützen dadurch, daß man es eben gehen
läßt und ausschreiten läßt mit dem linken Bein und das rechte nachziehen
läßt, so daß sich die Handübung - es kann ja das dann morgen noch hier
geübt werden im Zusammenhang mit etwas anderem - so daß sich die
Handübung und Armübung in der Tat anschließen der Beinübung und
Fußübung*, die dann nur eine Unterstützung ist. Das Wesentliche, worauf
es ankommt, das ist schon die Armübung. Man kann das Kind in dieser
Weise jambisch, wie man es nennen kann, üben lassen, dann wird man
sehen, wenn man solche Übungen lange genug fortsetzt, daß sie beruhigend wirken auf ein zappeliges Kind, auf ein aufgeregtes Kind und dergleichen.
Aus Ihren eurythmischen Kenntnissen heraus könnten Sie etwa sagen:
Sie lassen das Kind mit dem linken Arm ein halbes A machen und dann
dieses halbe A abschließen zu einem ganzen A mit dem rechten Arm, und
so fort, indem das Kind dabei in Bewegung ist und das A nicht auf einmal
zustande kommt, sondern es eben nach und nach, aus Mitbewegendem
bestehend, nacheinander zustande kommt.
* Bisher: «… so daß sich der Handübung und Armübung in der Tat anschließen die
Beinübung und Fußübung …».
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Haben Sie aber ein Kind, welches phlegmatisch ist, welches nichts
auffassen will - unsere Waldorflehrer kennen diese Kinder sehr gut, sie
können einen manchmal ganz leise zur Verzweiflung bringen, sie hören
eigentlich alles nicht, was man ihnen sagt, es geht alles an ihnen vorbei -,
dann würden wir gut tun, wenn man dieses Kind trochäisch behandelt,
nämlich jetzt umgekehrt. Natürlich kann man nicht gleich vom Anfange
an alles machen; das ist ein Element, das schon in die Waldorfpädagogik
auch noch hineinkommen wird. - Man läßt dieses A entstehen so, daß das
Kind weiß: Zuerst rechter Arm, linker Arm, rechter Arm, linker Arm, und
dann wiederum: Rechtes Bein vorsetzen, linkes nachziehen, also die Armbewegung, die sich zum A formt, aber zum nacheinander entstehenden A
formt, diese durch die Beinbewegung, Fußbewegung unterstützen lassen.
Es ist ganz besonders darauf zu achten, daß diese Dinge so gemacht werden, daß sie im Bewußtsein des Kindes leben, daß das Kind also wirklich
das Bewußtsein hat das eine Mal: der linke Arm war der erste, das andere
Mal: der rechte Arm war der erste.
Sie werden finden, daß diese Dinge für einen dann schwer verständlich
werden, für das innere Begreifen Schwierigkeiten bieten, wenn man ganz
und gar im heutigen Sinne Physiologe ist. Wenn man im heutigen Sinne
Physiologe ist und glaubt, alles Seelenleben des Menschen wäre durch das
Nervensystem vermittelt, wenn man also nicht weiß, daß das Fühlen durch
das rhythmische System vermittelt wird und nur das Vorstellen durch das
Nerven-Sinnessystem, und durch das Stoffwechselsystem vermittelt wird
das Wollen, wenn man diese Dinge nicht kennt, dann kann man sehr
schwer sich zu der Vorstellung durchringen, was es für das ganze seelischgeistige Wesen und auf der andern Seite auch für das leiblich-physische
Wesen beim Menschen für eine Bedeutung hat, was an irgendeiner Stelle
des menschlichen Leibes geschieht. Derjenige, der auf einem solchen Felde
wirklich sich Beobachtungsgabe aneignet, der weiß: Wenn einer ungeschickt ist in irgend einer Hand, daß er, wenn er ungeschickt ist in der
Fingerbewegung und dergleichen, auch zeigt eine ganz bestimmte Denkart, die man vergleichen kann mit dem, was in den Fingern geschieht. Und
sehr interessant ist wirklich, den Zusammenhang zu studieren zwischen
der Art und Weise, wie jemand den Armmechanismus und die Fingerphysiognomie beherrscht, mit dem, wie er denkt. Denn dasjenige, was der
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Mensch geistig-seelisch darlebt, geht eben nicht bloß aus dem Gehirn und
seinem Nervennetz hervor, sondern tatsächlich aus dem ganzen Menschen. Und man muß verstehen lernen: Man denkt nicht bloß mit dem
Gehirn, man denkt auch mit seinem kleinen Finger und mit der großen
Zehe. Es hat eine gewisse Bedeutung, Leichtigkeit gerade in den Gliedmaßen sich anzueignen; denn das gibt Leichtigkeit auch in bezug auf das
Seelenleben. Aber diese Dinge können -wir werden das schon in den weiteren Stunden sehen - im Grunde genommen eigentlich nur dann getrieben werden, wenn man für die Schule die nötigen Mittel hat, um wirklich
vollständig Schulhygiene neben dem Unterricht zu treiben. Es kann zum
Beispiel durchaus vorkommen, daß ein Kind die besondere Eigentümlichkeit zeigt, daß es, sagen wir, nicht zu der Auffassung geometrischer Figuren kommt. Es kann nicht in der Anschauung zu der Auffassung geometrischer Figuren kommen. Sie werden dem Kinde dann einen großen
Dienst tun, wenn Sie es, so schwer es geht, dazu veranlassen, zwischen der
großen Zehe und der nächsten Zehe einen kleinen Bleistift zu nehmen, den
zu halten und mit dem wirklich richtige Buchstaben aufzuschreiben. Das
ist etwas, was eine gewisse Bedeutung hat, und was auf einen Zusammenhang im Menschen durchaus in ganz berechtigter Weise hinweist.
Nun kann es sich gerade beim Kinde darum handeln, daß man sieht: Es
schnappen gewissermaßen die drei Glieder des menschlichen Organismus
nicht ordentlich ineinander ein. Es ist ja ein großer Teil der Anomalien des
Lebens eigentlich beruhend auf einem solchen Nicht-ordentlich-Einschnappen. Vor allen Dingen: Die Kinder haben Kopfschmerzen; gleichzeitig merkt man, daß in der Verdauung etwas nicht in Ordnung ist, und
so weiter. Die mannigfaltigsten Zustände können da auftreten. Wir werden noch weiter Andeutungen darüber zu machen haben anhand weiterer
Übungen, die in den nächsten Tagen gezeigt werden sollen. Aber man
kann, wenn man vor einer solchen Tatsache steht wie die eben angedeutete, man kann schon mit dem Kinde oder mit Kindern viel erreichen, wenn
man sie die folgende Übung machen läßt: Ein eurythmisches - wie Sie es
ja schon kennen - ein eurythmisches I, ein eurythmisches A und ein
eurythmisches O, aber so, daß man mit den Kindern das I machen läßt mit
dem ganzen Oberkörper. Ich möchte hier ausdrücklich betonen, damit
namentlich unsere ärztlichen Freunde es wissen: Dasjenige, was in der
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Eurythmie das Wesentliche ist und wodurch auch für die Kunsteurythmie
das Wesentliche bewirkt wird, das ist nicht die bloß von außen angeschaute Form des gestellten Gliedes, sondern das ist dasjenige, was zustande
kommt, wenn in dem gestellten Gliede die Streckung des Gliedes oder
Beugung des Gliedes gefühlt wird. Das in dem Gliede Gefühlte ist es,
worauf es ankommt. Nehmen Sie also an, Sie machen durch beide Arme
ein I, so erscheint auch nach außen dieses I nicht richtig, wenn Sie etwa
bloß auf die Zeichnung schauen, auf den Formgehalt, sondern Sie müssen
zugleich - und Sie sehen es dem Menschen an - das Gefühl haben: Er fühlt,
während er das macht, die Streckekräfte. Ebenso wenn ein Mensch zum
Beispiel das E macht, so kommt es nicht darauf an, daß er bloß dieses
macht (kreuzen), sondern daß er fühlt, hier legt sich das eine Glied an das
andere an. In dem Fühlen des einen Gliedes auf dem andern, darin liegt das
E in Wirklichkeit. Und dasjenige, was man sieht, ist eben der Ausdruck für
dieses Fühlen des einen Gliedes durch das andere. Denn das, was Sie da
vollziehen, ist nichts anderes, als was Sie vollziehen, indem Sie schauen.
Ein E führen Sie fortwährend aus, indem Sie die rechte Augenachse mit
der linken kreuzen, um nun eine […]* Das ist eigentlich das Ur-E. Und
dasjenige, was hier ausgeführt wird, ist ja im Grunde genommen die Nachahmung der Sache, aber es ist ja alles im Menschen Metamorphose, und es
ist durchaus eine gerechtfertigte Nachahmung, die man in diesem E vollzieht; denn der Kehlkopf macht nach hinten beim E-Sprechen ganz genau
dieselbe Form im Ätherischen.
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Also es ist notwendig, sage ich, daß Sie dann die Übung mit dem Kinde
machen, daß Sie das I mit dem Oberkörper machen lassen, das heißt, daß
das Kind anfängt, den Oberkörper in Strecklage zu versetzen. Es fühlt den
ganzen Oberkörper gestreckt. Es macht so, daß es mit den Beinen das A
macht, und es macht das O, indem es die Arme so bewegt. Das aber lassen
* Unleserliche Stelle im Stenogramm. Von Helene Finckh in der Übertragung mit
Fragezeichen hinzugefügt: «… gekreuzte Linie zu bekommen?».
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 2 5
Sie das Kind möglichst rasch hintereinander machen: Strecken des Oberkörpers vertikal in die Höhe, Auseinander der Beine, O-Bewegung mit
den Armen (vorne), wiederum ab, an, ab, an. Und man kann solch eine
Sache durchaus auch im Chor mit den Kindern machen. Es ist natürlich
dann festzuhalten, daß es ja im Grunde genommen nötig wäre, daß man,
um solche Übungen auszuführen, nicht klassenmäßig die Übungen treibt.
Die Kunsteurythmie und die Eurythmie, die wir sonst aus pädagogischdidaktischen Gründen betreiben, die sollen klassenmäßig betrieben werden. Das gehört sich so; da gehören die Kinder gleichen Alters und so
weiter zusammen. Aber man müßte, um nun übergehen zu lassen die gewöhnliche Klasseneurythmie in diese schon an die hygienisch-therapeutische Eurythmie anknüpfenden Sachen, man müsste nun aus den verschiedenen Klassen diejenigen herausnehmen, die man gerade durch ihre Besonderheiten, die ich vorhin charakterisiert habe, durch ihr Nichtzusammenstimmen der drei Glieder der menschlichen Wesenheit, für nötig
befindet, daß sie eine solche Übung durchmachen. Man kann sie dann aus
den verschiedensten Klassen herausnehmen und man kann dann mit
diesen besonders dafür Geeigneten diese Übung machen. Aber das müßte
eigentlich dann gemacht werden, wenn man tatsächlich hygienische
Eurythmie, therapeutische Eurythmie in der Schule treiben wollte. Aber
schon das, nicht wahr, bringt uns eigentlich im Grunde genommen auf den
Weg, der in seiner weiteren Verfolgung eben dazu führen soll, daß wir hier
durch bestimmte Bewegungen, die nur Metamorphosen sind des gewöhnlichen Eurythmischen, daß wir die studieren und in ihrer Wirkung auf die
menschliche Organisation verfolgen werden. Sehen Sie, tatsächlich ist es
so, daß wir im Inneren Organe haben [und] diese Organe haben gewisse
Formen. In diesen Formen können Anomalien liegen. Jede Organform
steht in einem gewissen Zusammenhang mit einer möglichen Bewegungsform des äußeren Menschen, so daß Sie sagen können: Nehmen wir an,
irgendein Organ, meinetwillen die Galle, neigt zum Deformieren, zum
Annehmen einer anomalen Form. Es gibt eine Bewegungsform, welche
dem entgegenwirkt; und so für jedes Organ.
Nach dieser Richtung hin wollen wir dann das Weitere gestalten. Ich
wollte dieses heute als Einleitung geben, um Sie zunächst auf den Weg
zu bringen in dieser Sache. |