Zuletzt angesehen: 008_vortrag

Dornach, 18. April 1921, VORTRAG, Zweiter Ärztekurs : Vorträge über Heileurythmie gehalten für Ärzte und Medizinstudenten I

Dornach, 18. April 1921, VORTRAG, Zweiter Ärztekurs : Vorträge über Heileurythmie gehalten für Ärzte und Medizinstudenten I

Erdenbildung, Metallbildung. Vom Kosmos hereinstrahlende Bildungskräfte, um einen Mittelpunkt versammelt durch Kräfte des Befestigens. Schiebekräfte des Magnesiums, rundende Kräfte des Fluor. Die Absonderungsprozesse als Vermittelndes. Der Wahrnehmungsprozeß als Fortsetzung des Werdeprozesses (Bildungskräfte - Aussonderung - Befestigung) und die Umkehrung des Werdeprozesses im Hinaufsteigen zum Imaginieren, Inspirieren und Intuitieren. Hervorrufen unbewußter Imaginationskräfte durch konsonantierende Bewegungen. Fallbeispiele. Normalisierende Wirkung des vokalisierenden Eurythmisierens auf Deformierungen des rhythmischen Systems. Leuchteprozeß der Niere und okkultistisches Zeichnen. Mechthild von Magdeburg. Eurythmisieren von schönen Dichtungen, Wirkung auf angeborene Defekte. Änderungen des Atmungsrhythmus durch vokalisierende Eurythmie und Yoga-Atemübungen. Überzeugungsdurchschlagskraft gegenüber antagonistischen Kräften in der Medizin, Ablehnung der Kurpfuscherei innerhalb der anthroposophischen Bewegung.

Seite Text
95

habe, meine verehrten Freunde, das ist so, daß es durchaus wird im einzelnen immer durchschaut werden müssen mit den Kenntnissen, die Sie in physiologischer Beziehung und sonst haben. Wie das zu geschehen hat, das wird sich Ihnen schon, möchte ich sagen, wie von selbst ergeben. Aber gerade wenn wir in einen solchen geistig-leiblichen Prozeß hineinschauen wie den, der beim Eurythmisieren stattfindet, so können wir gar nicht anders, als auf tiefere geistig-physische Zusammenhänge auch hinweisen. Und, sehen Sie, da möchte ich Sie nun auf das Folgende aufmerksam machen. Wir müssen zunächst schauen auf den außermenschlichen Weltprozeß, auf jenen außermenschlichen Weltprozeß, den man gewöhnlich nur verfolgt in bezug auf seine Details, und den man nicht verfolgt in bezug auf dasjenige, was eigentlich innerlich tätig ist. Bedenken Sie doch nur, daß Erdenbildung in Wirklichkeit heißt: es geschieht eine Bildungstendenz von der Planetensphäre aus herein, und außerdem von demjenigen, was noch außerhalb der Planetensphäre liegt, geschieht eine Bildung in die Erde herein, fortwährende, strahlende, sich in den einzelnen Kraftentitäten ausdrückende, gegen die Erde her strahlende kosmische Kräfte. ST Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 9 5 Diese kosmischen Kräfte können wir jetzt in diesem Zusammenhange so auffassen - obwohl sie alles dasjenige, was ich früher über die Strahlen gesagt habe, wiederum in sich schließen können, so können wir sie aber doch so ins Auge fassen -, daß wir sagen, sie wirken gegen das Zentrum zu und bilden eigentlich dasjenige, was auf der Erde und in der Erde ist, von außen her. Es ist schon einmal so, daß zum Beispiel wirklich die gesamte Metallität der Erde, die gesamten Metalle nicht aus irgendwelchen Kräften aus dem Erdinneren heraus im wesentlichen gebildet werden, sondern daß sie wirklich von dem Kosmos herein in die Erde eingesetzt werden. Diese Kräfte, die da durch den Äther wirken - nicht etwa von den Planeten aus, da würden sie wiederum zentral wirken, die Planeten sind gerade dazu da, um sie zu modifizieren, die Planetensphäre ist es -, diese Kräfte können wir nennen die Bildungskräfte, die von außen her wirkenden Bildungskräfte. Gerade in diesem Zusammenhange bitte ich Sie, diese Sache zu fassen: Bildungskräfte. Ihnen stehen entgegen diejenigen Kräfte, welche beim Menschen und in der Erde diese Bildungskräfte aufnehmen und befestigen, sie gewissermaßen um einen Mittelpunkt herum versammeln, so daß eben die Erde entstehen kann. Also diese Kräfte, die da befestigen, wir können sie nennen die Kräfte des Befestigens ST •JVVLilfyW Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 9 6 Im Menschen sind sie vorhanden als solche Kräfte, die plastisch die Organe bilden, während die andern Kräfte, die Bildungskräfte, diejenigen sind, die mehr die Organe aus der geistig-ätherischen Welt in die physische Welt hereinschieben. Das ist ein Prozeß, der ja in dem Gegensatz zwischen den Schiebekräften des Magnesiums, zwischen den Fluorkräften, die runden, ich möchte sagen, eben mit Händen zu greifen ist. Aber wiederum [ist es] so ein Prozeß, der sich in allen möglichen Wendungen [darlebt] - bei den Zähnen tritt er auf von unten nach oben und sich oben rundend, aber er tritt auch auf von vorn nach rückwärts, von rückwärts nach vorn, von oben nach unten, sich nach unten hin rundend —, ein Prozeß, der sich überallhin darlebt. Und Sie können ihn zum Beispiel, ich möchte sagen, wiederum mit Händen greifen, diesen Prozeß, wenn Sie sich vorstellen, daß sich mit der Tendenz, ein Kugeliges nach vorn zu schieben, von außen nach innen, da etwas sich bildet, und daß dem sich entgegenstellt ein Kugelbildungsprozeß, von unten nach oben. ST Und zwischen diesen beiden Prozessen drinnen liegt nun dasjenige, was das Vermittelnde ist, also Absonderungsprozesse, wiederum das Aufnehmen des Abgesonderten von andern und so weiter, dasjenige, was man im weitesten Sinne Absonderungsprozesse nennen kann; denn schließlich ist auch das Aufnehmen beruhend auf einer Absonderung nach innen, die wiederum resorbiert wird. Also dazwischen liegt wiederum dasjenige, was man Aussonderungsprozesse* am besten nennen kann. * Im Stenogramm deutlich unterscheidbar: bis hierher «Absonderungsprozesse», nun «Aussonderungsprozesse». Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 9 7 Solch einen Aussonderungsprozeß können Sie wiederum mit Händen greifen, wenn Sie sich hier denken, daß auf der einen Seite dasjenige liegt, was den Kohlenstoff fortwährend aussondern will (orange), und dasjenige, was ihn wiederum aufnimmt in der Kohlensäurebildung (weiß) durch die Atmung von vorne. T 7 orange weil Dann setzt sich dahinter„ ein solcher Aussonderungsprozeß fort. Und wenn Sie noch weiter herunterkommen in den Stoffwechsel-Gliedmaßenprozeß, dann haben Sie richtig einen Befestigungsprozeß. Aber dieser Befestigungsprozeß, der ist auch vorhanden nun nach der andern Richtung. Sie können das verfolgen da, wo Sie wiederum, ich möchte sagen, (es) mit Händen greifen können, wenn Sie darangehen, zu betrachten das Auge, es wird von außen herein gebildet, das zeigt Ihnen schon die Embryologie, aber es wird von innen her befestigt. Es wird verinnerlicht die Bildung. Darauf beruht ja die Entstehung des Auges. Es wird verinnerlicht. ST * Laut Stenogramm auch «da hinunter» möglich. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 9 8 So daß wir diesen Befestigungsprozeß, indem wir zu dem GeistigSeelischen vorschreiten im Menschen, also zu den Organen des GeistigSeelischen, zu den Sinnesorganen vorschreiten, daß wir diesen Befestigungsprozeß sich vergeistigend haben, sich wirklich verseelend, vergeistigend haben in der Wahrnehmung. Das ist gewissermaßen der heruntersteigende Prozeß, der bis zur Organbildung führt [siehe Schema S….]. Dann finden wir am untersten Ende den Wahrnehmungsprozeß, das gegenständliche Wahrnehmen. Bildet sich das weiter aus, entwickelt es sich so weiter, dann wird das Wahrnehmen gegen das Befestigen zu, wenn es bewußt wird am Befestigen, wird es zur Imagination. Wenn die Imagination sich weiter entwickelt und bewußt wird gegen den Aussonderungsprozeß zu, dann wird sie zum Inspirieren. Und wenn das Inspirieren sich weiter entwickelt gegen den Bildungsprozeß zu und da bewußt an den Bildungsprozeß heranstößt, also die Bildung durchschaut, dann wird sie zum Intuitieren. Man kann entwickeln diese Stufenfolge des seelischen Lebens von dem gegenständlichen Wahrnehmen zum Imaginieren, zum Inspirieren, zum Intuitieren. Aber diesem Prozeß, den man da entwickelt im Seelischen, dem liegt ja der Werdeprozeß zugrunde. Er ist nur, wie Sie hier auch sehen, die Umkehrung des Werdeprozesses. Man tritt dem Gewordenen entgegen und steigt wiederum hinauf ins Werden in umgekehrter Richtung. Das Bilden ist in absteigender Richtung. Man steigt in umgekehrter Richtung hinauf, man schreitet dem Werden entgegen. So daß das, was man als Wahrnehmen und Erkenntniskräfte in Imagination, Inspiration, Intuition ausbildet, daß das immer seine Gegenwirkung hat in den schöpferischen Kräften, in den schöpferischen Kräften, die sich in den Bildekräften, in den Aussonderungsprozessen, in den Befestigungsprozessen ausdrücken. Und Sie werden daraus ersehen, daß im menschlichen Organismus dasjenige in umgekehrter Richtung tätig ist beim Schaffen, beim Entstehen, in das man hineinsteigt, wenn man sich im Erkennen aufschwingt. Sie werden daraus sehen, daß es wirklich so ist, daß dasjenige, was wir in der Imagination erreichen, dieselben Kräfte sind, die da ohne unser Bewußtsein in den Wachstumserscheinungen sich geltend machen, in den plastischen Wachstumserscheinungen sich geltend machen. Wenn wir aufsteigen zur Inspiration, so kommen wir an die Kräfte heran, die von außen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 9 9 herein bei der Atmung den Menschen inspirieren, beim Atmen den Menschen durchbilden, die sich da in die plastischen Kräfte, als sie gewissermaßen durcharbeitend, hineingestalten. Und wenn wir zum Intuitieren aufsteigen, so steigen wir eigentlich zu dem Agens auf, das sich in unseren plastischen Formen als die substantielle Wesenheit von der Außenwelt herein begibt. Sie sehen also, wir fassen da den Menschen, aus dem Kosmos heraus sich gestaltend, und wenn wir jetzt unsere Kenntnisse anwenden, die wir uns erworben haben in irgendeiner Weise durch Anatomie oder durch Physiologie, und sie durchleuchten mit dem, was uns da gegeben ist, dann fangen wir an, die Organe und ihre Funktionen zu verstehen. Es ist das also ein Hinweis auf das Verstehen der Organe und ihrer Funktionen. So daß in demjenigen, was plastisch immer wirkt am Menschen, was den Menschen normal, ich möchte sagen durchplastiziert, daß das auf der andern Seite - nehmen Sie jetzt den gestrigen Vortrag zu Hilfe -, daß das auf der andern Seite lebt in den konsonantierenden Bewegungen, die da ja gerade unbewußte Imaginationskräfte, wie ich gestern sagte, nämlich eine Art Durchträumen“ des Organismus hervorrufen. Sie durchschauen da also, wie das konsonantierende Eurythmisieren mangelnde Bildekräfte im Menschen, mangelnde plastische Kräfte ergreift und sie in die richtige Plastik überführt. Nehmen wir also ein Kind und sehen wir, daß eine mangelhafte Plastik vorliegt, daß die Plastik zu stark wuchert. Was heißt das: die Plastik wuchert zu stark? Das heißt, die Plastik wirkt zentrifugal, macht den Kopf groß, indem sie zentrifugal wirkt, und läßt ihn, weil er zu groß wird, nicht dazu kommen, sich in der richtigen Weise mit imaginierenden Kräften zu durchdringen. Die muß man zuführen. Also lasse man das Kind eurythmisieren in konsonantischer Weise. Frage: Ein zwei Jahre alter Knabe, mit großem Kopf, jedoch kein Wasserkopf, sonst scheinbar gesund. Sie haben tatsächlich im konsonantierenden Eurythmisieren, das richtig angewendet wird, das Gegenmittel, um dem beizukommen. Hier kom- * Im Stenogramm nicht eindeutig zu entziffern, «Durchströmen» wäre auch möglich. Siehe auch den Hinweis S. 152. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:100 men wir eben auf die Stelle, wo eine gründliche Beobachtung des Morphologischen, des tieferen Morphologischen gerade hinweist auf die eurythmisierende Behandlung. Oder: Ein zwölfdreiviertel Jahre alter Knabe, dessen Längenwuchs auffallend zurückgeblieben ist, organisch ohne Befund, jedoch Würmerbesitzer …*, intelligent, aber geistig schnell ermüdbar. Ein außerordentlich interessanter Symptomenkomplex, alles darauf hinweisend, daß nicht genügend imaginative Kräfte da sind, daß die plastischen Organkräfte wuchern, weil nicht genügend innere plastische Kräfte, seelisch plastische Kräfte da sind. Die seelisch plastischen Kräfte sind es ja nun auch, die die Parasiten zerstören. Es ist also kein Wunder, wenn sie zu wenig da sind, daß das ein Würmerbesitzer ist. Also lasse man ihn konsonantierend eurythmisieren, und man hat das Gegenmittel gegeben. Diese Zusammenhänge, die weisen Sie ja direkt darauf hin, wo Sie mit der Eurythmie einzugreifen haben. Denn wenn diese Erscheinungen etwas, ich möchte sagen, kaschiert auftreten, nun, dann kann man selbst noch bei solchen kaschierten Fällen außerordentlich günstig mit Eurythmie wirken, insbesondere, wenn man dann noch in einer materiell therapeutischen Weise der Sache entgegenkommt. So zum Beispiel ist mir eine interessante Frage vorgelegt worden. Es ist natürlich, daß ich diese Frage im Prinzip zu beantworten habe. Wenn irgendwelche Komplikationen eintreten, so könnten dann bei der speziellen Sache diese Komplikationen besonders berücksichtigt werden; aber wenn auch irgend etwas anderes kombiniert werden muß mit der Sache, so ist dennoch die Sache von der einen Seite her mit dem, was da charakterisiert werden kann, durchaus getroffen: Ich habe ein fünfjähriges Kind als Patient, das bei den Unruhen durch Schußverletzung viel Blut verloren hat; vor zwei Jahren stellte sich eine Deformierung der Gelenke ein …„“. (Dinge, die später zu Bleichsucht und dergleichen bei Erwachsenen führen.) Wie wäre dem therapeutisch beizukommen? * Lücke im Stenogramm. :r„„f Von Helene Finckh wurde die Lücke im Stenogramm wie hier wiedergegeben gekennzeichnet und in der Übertragung der nachfolgende Satz in runden Klammern beigefügt, obwohl er nicht im Stenogramm festgehalten ist. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 101 Ja sehen Sie, da haben Sie Gelenkdeformation. Das ist ein schon nach außen Wirken der plastischen Kräfte, die nicht mehr im Inneren bleiben können, die also schon nach außen strahlen, so daß sie den Menschen verlassen, statt daß sie im Inneren wirken würden. Die werden im eminentesten Sinne zurückgestrahlt gerade durch die Anwendung des konsonantischen Eurythmisierens. Denn Sie rufen ja im konsonantischen Eurythmisieren eben die wirksamen, die objektiv wirksamen Imaginationen hervor, die Deformierungen ausgleichen. In der Zukunft - darauf ist schon bei der Fragestellung ganz richtig hingewiesen worden - in der Zukunft werden die Menschen überhaupt in der mannigfaltigsten Weise zu Deformierungen neigen, weil sie nicht mehr auf den unwillkürlich wirksamen Kräften die normalisierende Gestalt werden bilden können. Der Mensch wird frei; er wird sogar frei werden nach und nach in bezug auf die Bildung seiner eigenen Gestalt, aber er muß dann mit der Freiheit etwas anfangen können. Er muß also übergehen zu dem Erzeugen von Imaginationen, meine lieben Freunde, die dem Deformieren immer entgegenwirken. Nun das andere, sehen Sie, hier haben wir es zu tun mit mangelhafter objektiver Imagination; wir können es auch zu tun haben mit mangelhafter objektiver Inspiration, was sich dann äußert durch - wenn ich so sagen darf - Deformierung des rhythmischen Systems. Diese Deformierung des rhythmischen Systems, die drückt sich ja ganz besonders dadurch aus, daß die objektive Inspiration, die nach innen geht, nicht in der richtigen Weise entgegenkommt dem Zirkulationsrhythmus. Und da wirkt man normalisierend, wenn man das vokalisierende Eurythmisieren anwendet. Dieses vokalisierende Eurythmisieren, das wirkt ebenso auf solche Unregelmäßigkeiten im Inneren, die eben nicht von morphologischen Veränderungen begleitet sind, wie das konsonantierende Eurythmisieren eben auf Deformierungen oder auf Neigungen zu Deformierungen wirkt. Ich sagte früher, daß es ja allerdings notwendig sein kann, so etwas zu unterstützen, wenn es in besonders radikaler Weise auftritt, wie bei der Deformierung der Gelenke, die wir gerade jetzt besprochen haben. Da ist es dann notwendig, daß man therapeutisch zu Hilfe kommt dem Prozeß des konsonantierenden Eurythmisierens, der also so wirkt, daß er nament- * Im Stenogramm möglicherweise auch «in». Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 102 lieh anregt durch diese Imagination die innere Atmung der von außen nach innen gehenden, jenseits der Darmwände nach innen zu gelegenen Organe: Lunge, Nieren, Leber und so weiter, daß man diesem Prozeß zu Hilfe kommt. Es ist ja schon einmal so, wenn man konsonantierend eurythmisiert, dann beginnen besonders der Hinterkopf, die Lunge, die Leber, die Nieren ein Funkeln und Funkensprühen, das tatsächlich etwas ist, was zeigt, wie die Reaktion ist, die geistig-seelische Reaktion ist auf dasjenige, was im Konsonantieren außen gemacht wird. Der ganze Mensch wird in diesen Organen ein leuchtendes Wesen, und den Bewegungen, die ausgeführt werden, setzen sich immer Leuchtebewegungen im Inneren entgegen, und insbesondere bei gewissen konsonantierenden Bewegungen entsteht, ich möchte sagen, eine ganze Leuchtenachbildung des Absonderungsprozesses der Niere. Man bekommt gewissermaßen ein Bild des ganzen Absonderungsprozesses der Niere in diesem Leuchteprozeß, der da auftritt durch das konsonantierende Eurythmisieren. Und das wirkt dann hinüber in die unbewußten Imaginationen, und der ganze Prozeß, wo diese Partie so zu leuchten beginnt, das ist ja derselbe Prozeß, den ich speziell als den unter dem Einflüsse des Cuprum geschildert habe; es ist derselbe Prozeß. Und hier ist auch der Ort, wo man gerade den Arzt darauf hinweisen kann, daß es ja auch Menschen gibt, die gewisse Krankheitsformen haben. Diese Krankheitsformen, gestern nach dem Abendvortrag wurden sie mir erst wiederum, ich möchte sagen, entgegengetragen, diese Krankheitsformen, indem mir jedenfalls von einer gewissen Seite her außerordentlich bewunderte Zeichnungen gebracht wurden, bemalte Zeichnungen, von denen gefragt worden ist, ob sie nun ganz besonders okkultistisch sind. Sie sind natürlich okkultistisch in einer gewissen Weise, aber es ist außerordentlich schwer, zu den Leuten über diese Dinge zu reden, denn solche Dinge, die sind objektiv fixiertes Nierenleuchten, sie sind objektiv fixierter Ausharnungsprozeß. Dieser objektiv fixierte Ausharnungsprozeß wird, wenn er in abnormer Weise bei gewissen krankhaft angelegten Menschen zum Leuchteprozeß wird, wenn also eine gewisse Stockung der Harnabsonderung eintritt, also eine reine Stoffwechselkrankheit, dann beginnen die Nieren zu leuchten. Und wenn dann dieses besondere, nach innen gewendete Hellsehen eintritt, dann fangen die Leute an, wild zu zeichnen. Das wird immer schön, äußerlich im formalen Sinne immer Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:103 schön. Die aufgetragenen Farben werden immer schön. Natürlich sind die Leute nicht zufrieden, wenn man ihnen sagt: Ja, du hast da etwas sehr Schönes gemalt, das ist nämlich deine abgestaute Harnabsonderung. - Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß abgestaute Harnabsonderung und verhaltene Geschlechtssehnsuchten, die ja auch in einer gewissen Weise in Unregelmäßigkeiten des Stoffwechsels münden, daß die einem entgegengehalten werden von besonders mystischen Naturen als tief mystische Zeichnungen und Malereien, und daß man in vielem, was in dieser Art in der Welt auftritt, Symptome sehen soll für gerade noch erträgliche Krankheitsabnormitäten der Menschen. Sie sehen, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist nicht in dem Sinne Mystik, wie viele Menschen das verstehen, denn sie gibt sich keinen Illusionen hin über solche Dinge, wie sie eben charakterisiert worden sind. Sie erforscht im Gegenteil gerade solche Dinge. Aber die Leute nehmen einem das übel. Sie nehmen mir schon übel, daß ich in den öffentlichen Vorträgen so weit gegangen bin, anzudeuten, daß zum Beispiel — wenn auch die Sachen nicht gezeichnet wurden, sondern poetisch sich auslebten -, die schöne Poesie der Mechthild von Magdeburg oder der heiligen Therese die Abbilder sind, also die Inspirationsreflexe sind von demjenigen, was Prozesse sind, die durch zurückgehaltene Sexualität entstehen. Natürlich ist es den Leuten dann nicht angenehm, wenn man ihnen eine Mechthild von Magdeburg oder eine heilige Therese schildert: Nun ja, das sind eben Persönlichkeiten mit einer starken Sexualität, die sie aber gerade deshalb, weil sie ihnen zu stark wurde, zurückgehalten haben; dadurch entstehen gewisse Stoffwechsel-Zirkulationsprozesse, auf diese hin finden Reaktionen statt, die so auftreten, daß sie dann fixiert werden in sehr schönen Dichtungen. Ja, das Phänomen, in einem höheren Sinne betrachtet, führt außerordentlich tief hinein in die Geheimnisse des Daseins. Aber man muß sich eben hinaufschwingen können zu einer solchen Auffassung. Und deshalb muß man schon auch etwas wenigstens ahnen von diesen eigentümlichen Prozessen, die als innere Prozesse aufleuchten, wenn äußerlich eurythmisiert wird, und namentlich dann, wenn dasjenige, was nun innerlich in die Dichtung hineingeheimnißt ist, wenn das eurythmisiert wird, so wie ich Ihnen das gestern gezeigt habe, wenn vorgelesen wird ein schönes Gedicht, danach eurythmisiert wird in entCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 10 4 sprechender Weise, so wie wir es gestern gesehen haben, konsonantierend oder vokalisierend; dann kreuzt sich das eben noch mit dem andern, dann tritt hinzu zu dem, was da äußerlich in Bewegungen ausgeführt wird, auch beim Eurythmisierenden ein innerliches stummes Sprechen. Und wenn der Prozeß nun nicht ausgeschwült wird in schwülen Dichtungen, sondern wenn der Prozeß einfach so verläuft, daß er der Begleiter, der eurythmische Begleitprozeß ist von schönen Dichtungen, dann ist dasjenige, was im Menschen vorgeht, eben nicht ein solches Aufzeichnen von Mystischem, sondern es ist ein durchaus den Menschen gesundmachender Prozeß. So daß man sagen kann, wenn man eurythmisieren läßt geradeso, daß man immer den Patienten aufmerksam macht: Höre gut zu, bringe dir stark zum Bewußtsein den gehörten Laut, den gehörten Satzzusammenhang, nach dem du die Eurythmie machst -, dann wird man ihn aufsteigen lassen gerade zu den äußeren Bildungskräften, zu den objektiv intuitierenden Kräften. Und man wird gut tun, wenn man auf alles dasjenige wirken will, was sich im Menschen findet als Rest von dem, was nicht mehr sich abgespielt hat zwischen Geburt und Tod, sondern was der Materialismus Vererbung nennt, wovon aber ein großer Teil eben aus dem präexistenten geistig-seelischen Leben mitgebracht ist, wenn man also wirken will auf dasjenige, was man angeborene Fehler, Defekte und so weiter nennen kann, dann wird man gut tun, insbesondere im jugendlichen Alter immer wieder und wiederum so durch die Eurythmie zu wirken, daß man den Eurythmisierenden immer wieder auffordert: Mache dir ganz klar dasjenige, was du im Äußeren hörst. - Dadurch werden ja auch vertrieben alle diejenigen Tendenzen, die das innerlich fixieren wollen, was etwa da entstehen will in so etwas wie das mystische Zeichnen oder mystische Dichten. Es wird ja gerade das angeschlossen an das äußere schöne Gedicht. Es ist der umgekehrte Prozeß. Ein richtiger Mystiker, der weiß, daß dasjenige, was der Mensch an Schönem reflektiert als gerade Abnormes, daß das immer eine bedenkliche Seite hat. Dagegen wenn dasjenige, was in der Außenwelt schön ist, innerlich erlebt wird, dann kann man nicht sagen, daß es sich einem als besonders großartig schönes Gebilde darstellt; im Gegenteil, es schematisiert sich, es wird abstrakt dadurch, aber abstrakt als Zeichnung, so wie eine Zeichnung abstrakt ist. Aber das ist gerade das Gesunde, das ist das Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 105 Erleben. Und nicht wahr, es wäre ja dieser schöne historische Prozeß nicht hervorgetreten: aber wenn zum Beispiel die Mechthild von Magdeburg veranlaßt worden wäre, nach guten Gedichten zu eurythmisieren, dann wäre sie bewahrt geblieben vor ihrem ganzen mystischen Schicksal. Man kann natürlich, wenn man an diesen Punkt kommt, sagen: Da kommt man an einen Punkt, wo gewissermaßen das Gute und das Böse in einer gewissen Weise aufhört. Da kommt man in die amoralische Nietzsche-Sphäre, in das «Jenseits von Gut und Böse», und man kann ja natürlich nicht so philiströs sein, daß man sagt, es sollen alle Mechthilds von Magdeburg mit Stumpf und Stiel ausgetilgt werden. Aber auf der andern Seite können Sie schon sicher sein, daß wiederum von den übersinnlichen Welten aus gut gesorgt wird, daß, wenn auch der Mensch nicht gerade das wuchern läßt, daß dann eben trotzdem die entsprechenden Zusammenhänge mit der übersinnlichen Welt bleiben. Nun möchte ich noch auf ein paar Dinge eingehen, die vielleicht doch noch einiges aufklären können, trotzdem ja unsere Zeit schon sehr vorgeschritten ist. Ich möchte da zunächst namentlich auf die Frage eingehen: Könnten die therapeutischen Eurythmieübungen nicht durch rationelle Atemübungen unterstützt werden? Es braucht ja nicht gleich Hatha-Yoga zu sein. Nun, dazu habe ich das Folgende zu bemerken: Rationelle Atemübungen zur Unterstützung der Eurythmieübungen, die sind für unsere Zeit bei der gegenwärtigen, und auch in der nun einmal eingeschlagenen Richtung immer weitergehenden Menschennatur nur in der folgenden Weise zu behandeln. Man wird nämlich bemerken, daß unter dem Einflüsse namentlich des vokalisierenden Eurythmisierens von selbst eine Tendenz zur Änderung des Atmungsrhythmus entsteht. Das wird man bemerken. Und nun steht man eben vor der Unbequemlichkeit, daß man hier nicht schabionisieren soll, nicht irgend etwas im Allgemeinen sagen soll, sondern daß man dasjenige, was man tun soll, erst beobachten soll. Man soll sich im einzelnen individuellen Fall damit befassen, die Atmung eines Menschen, dem man nach sonstigem Befunde mit vokalisierendem Eurythmisieren heilend helfen will, diese Atmungsänderung zu beobachten, und dann soll * Schlecht leserlich im Stenogramm, in der Umschrift von Helene Finckh «das Erwünschte». Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite:106 man ihn darauf aufmerksam machen, daß er bewußt diese Tendenz nun fortsetzt. Denn wir sind nicht mehr Menschen, wie es die alten Orientalen waren, die den umgekehrten Weg gehen können, durch vorgeschriebenes Atmen den ganzen Menschen wiederum zu beeinflussen. Das ist etwas, was unter allen Umständen, wenn es so oder so vorgeschrieben wird, zu inneren Schocks führt, und was eigentlich vermieden werden sollte. Wir sollten, wir müssen eben lernen, dasjenige zu beobachten, was uns die Eurythmie lehrt, namentlich die vokalisierende Eurythmie lehrt über ihren eigenen Einfluß auf den Atmungsprozeß. Und dann können wir bewußt fortsetzen dasjenige, was im einzelnen Falle eurythmisch auftritt. Sie werden da nämlich durchaus sehen, daß dieser Prozeß, dieser Atmungsprozeß in einer gewissen Weise individuell, das heißt, verschieden für die verschiedenen Menschen eben fortgesetzt wird. Nun, das, meine verehrten Freunde, sind ungefähr diejenigen Dinge, die sich noch beantworten lassen. Es ist keine rechte Möglichkeit vorhanden, auf einiges, was ja allerdings noch steckengeblieben ist, einzugehen wegen der Kürze der Zeit. Am Schlüsse möchte ich Ihnen nur mit ein paar Worten sagen, meine lieben Freunde, daß Sie sich darauf gefaßt machen müssen, daß von Ihren medizinischen Kollegen in der Welt nicht minder der Kampf ausgehen wird, sobald sie in einer starken Weise gewahr werden, daß sich da irgend etwas von unserer Art geltend macht, und daß Sie schon brauchen die Überzeugungs-Durchschlagskraft, welche wird dasjenige, was Ihnen entgegentreten wird, ablähmen können. Es darf einen natürlich niemals dasjenige, was sich da entgegensetzt, dazu veranlassen, die Dinge zu unterlassen, aber wir dürfen uns auch über all diejenigen Kräfte, die wir als antagonistische aufrufen, eben durchaus keinen Illusionen hingeben. Auch am Ende dieses Kursus wiederum möchte ich sagen, daß es durchaus von mir überall eingehalten wird, daß ich, um die Bewegung so, wie sie jetzt inauguriert werden soll auf dem medizinischen Felde, möglich zu machen, daß ich selber mich Patienten gegenüber nicht unmittelbar in Heilungsprozesse einmischen werde, sondern nur besprechend, diskutierend, ratend mit Ärzten selber, so daß Sie ja immer in der Lage sein können, zurückzuweisen dasjenige, was etwa darauf hinginge, daß ich selber in irgendeiner Weise in das Kurieren eingreifen wollte in unberechtigter Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 107 Art. Das ist dasjenige, was ich schon am Schlüsse des letzten Kursus gesagt habe. Es wird einen ja auch das, namentlich - das kann schon nicht verschwiegen werden - von anthroposophischer Seite, außerordentlich schwer gemacht, weil die Menschen natürlich mit allen möglichen Zumutungen nach dieser Richtung kommen. Es ist ja durchaus auch das der Fall, daß in Anthroposophen auch die Tendenz liegt, nicht etwa über den Egoismus hinauszukommen, sondern manchmal noch egoistischer zu werden, als die normalen Menschen sind, und dann wird es einem gegebenenfalls wirklich ganz gleichgültig, höchst gleichgültig, was das Heil der Bewegung ist, daß das Heil der Bewegung darauf beruht, daß nicht im einzelnen Fall dasjenige ausgeführt werden soll, was die Außenwelt eben als «Kurpfuscherei» bezeichnet, sondern daß der Gesundungsprozeß der ganzen Medizin vor sich gehen soll, und daß der nicht gestört werden soll durch dasjenige, was der einzelne vielleicht manchmal aus seinen persönlichen Aspirationen heraus eben für Anforderungen stellt. Es wird einem das sehr schwer, aber es muß in dieser Richtung durchgeführt werden, denn wir werden nur dann gerade auf diesem Gebiete durchkommen können, wenn wir der Außenwelt entgegenhalten können - was auch sonst in unserer anthroposophischen Bewegung der Fall ist, insofern sie mit Verständnis getrieben wird, nicht verballhornt wird von den Unverständigen -, wir müssen in der Lage sein, einfach dadurch, daß wir wissen, was in der anthroposophischen Bewegung vorgeht, zu sagen: Das, was da gesagt wird, ist ganz gewiß eine Lüge, ist ganz gewiß erfunden. - Das müssen wir in gewissen Fällen eben einfach immer sagen können. Das können wir aber sagen, wenn wir innerlich in all dasjenige, ich möchte sagen, eingeweiht sind, was in solchen Dingen besteht, auf die ich hier aufmerksam gemacht habe, daß ich nicht in Heilungsprozesse direkt eingreife, sondern daß zum Heilen gegenüber den Patienten eben diejenigen da sind, die als Ärzte innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung funktionieren. Indem ich das noch sagen mußte, möchte ich nichts anderes mehr hinzufügen als das, meine lieben Freunde, daß gerade in Ihnen diese Anregungen, die ja gerade bei diesem Kurse oftmals nur in Andeutungen steckenbleiben mußten wegen der kurzen Zeit, daß diese Anregungen in Ihnen sich weiter verarbeiten mögen, und daß sie wirksam werden in der entsprechenden Weise zum Heile der Menschheit. Wir werden hoffentlich Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 10 8 Gelegenheit haben, dasjenige, was wir jetzt zweimal begonnen haben, auf irgendeine Art weiterzuführen und wollen uns wenigstens bemühen, es in irgendeiner Art weiterzuführen. Mit diesem Wunsche schließe ich diese Betrachtungen ab, meine lieben Freunde, und ich hoffe, daß nach all diesen Richtungen hin unsere Taten unseren Wünschen entsprechen mögen. Es war ein sehr befriedigendes Gefühl, Sie hier zu sehen. Es wird ein befriedigendes Gefühl sein, zurückzudenken an die Tage, die Sie hier gerade zur Bereicherung der medizinischen Wissenschaft haben verbringen wollen, und die Gedanken, die uns zusammenhalten sollen, werden Sie auf den Wegen begleiten, meine lieben Freunde, auf denen Sie wandeln werden, um dasjenige in die Tat umzusetzen, was wir hier versuchten, in Gedanken zunächst anzuregen. |


Zur Übersicht