Zuletzt angesehen: 014_ansprache

VI ANSPRACHE UND BESPRECHUNGEN BEI ÄRZTEZUSAMMENKÜNFTEN I : ANSPRACHE bei einer Zusammenkunft mit praktizierenden Ärzten, Dornach, 21. April 1924

VI ANSPRACHE UND BESPRECHUNGEN BEI ÄRZTEZUSAMMENKÜNFTEN I : ANSPRACHE bei einer Zusammenkunft mit praktizierenden Ärzten, Dornach, 21. April 1924

Verlust der Wirklichkeitswerte. Die höheren Wesensglieder in der heutigen Medizin unbekannt. Astralleib und Ich-Organisation vorwiegend im menschlichen Kopf tätig. Physischer Leib und Atherleib tätigen im Kopf mehr Abbauprozesse, im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System mehr aufbauend. Bei Rückzug von Astralleib und Ich aus der Leber wird sie kopfähnlicher. Beim Kopf umgekehrt. Bei Erkrankungen im StoffwechselGliedmaßen-System zu viel vegetative Prozesse im Haupt. Heilmittelerkenntnis und kosmische Wirkungen. Blei, Antimon. Tellurische und kosmische Prozesse. Seelische Einheit beim Erwachen. Die Wesensglieder beim Gehen und bei der Denktätigkeit. Lebererkrankung und Therapie. Krankheitsprozesse liebevoll studieren. Religiöse Gesinnung für Heilungsprozesse. Erkenntnisprozesse für Diagnose und Therapie. Therapie von überreizten Nieren durch Kieselsäure. Statistiken oder Durchschauen des einzelnen Falles. Anregen des Astralleibes bei Syphilis mit Arsen. Gute Heilmittel außerhalb der Anthroposophie. Asthma-Therapie mit Meditation. Mut zum Heilen. Gedanken an den Tod fortschicken. Möglichst pflanzliche Medikamente.

Seite Text
271 Ich denke, die Hauptsache, die wir werden zu besprechen haben, soll besprochen werden in Anknüpfung an konkrete Fragen, die von Ihnen gestellt werden. Ich werde nur einiges, ich möchte sagen, Prinzipielles vorauszuschicken haben.
Es ist manches innerhalb der Entwickelung der Menschheit verlorengegangen an Wirklichkeitswerten dadurch, daß allmählich die Erkenntnis des Geistigen, das ja doch auch in allem Physischen lebt, verlorengegangen ist. Aber zu den Dingen, die am meisten verloren haben, gehört ja zweifellos die Medizin, und zwar aus dem Grunde, weil mit dem bloßen Sich-Beschränken auf Naturerkenntnis jegliche Einsicht in den Menschen und sein Leben überhaupt verlorengehen muß. Denn immer wieder und wiederum muß betont werden, daß alle Prozesse, die sich abspielen in der Natur, solche Prozesse sind, die sich nicht in gleicher Weise abspielen können innerhalb des menschlichen Organismus.
Wir wollen vom tierischen und pflanzlichen Organismus absehen. Es herrscht durchaus heute der Glaube, daß ein Prozeß, der äußerlich in der Natur beobachtet wird, auch innerhalb des menschlichen Organismus in irgendeiner Weise existieren kann. Man spricht von Verbrennung und allerlei anderen physikalischen Prozessen innerhalb des menschlichen Organismus. Solche gibt es eigentlich nicht in Wirklichkeit, und geradeso wie wir gegenüber einem Außernatürlichen den in sich geschlossenen menschlichen Organismus vor uns haben, der dem äußeren Anblick nach etwas anderes ist als draußen ein außermenschliches Naturobjekt, ebenso ist jeder einzelne Vorgang im menschlichen Organismus etwas durchaus durchgreifend anderes. Alle Prozesse, die außerhalb des Menschen in der Natur vorgehen, wirken auf den Menschen im Sinne des Abbaues und des Aufbaues. Und wir müssen eigentlich im Menschen, wenn wir ihn verstehen wollen, einen dreifachen Abbau anerkennen.
272 Der erste Abbau, er ist derjenige, welcher gewissermaßen von innen aus geschieht durch alles das, was von der Erde aus auf den Menschen wirkt. Die Erdenkräfte wirken so, daß sie den Menschen von innen aus abbauen. Die Kräfte, die aus der Luft wirken, vorzugsweise durch die Atmung, und übergeführt werden auf den Menschen, die wirken von dem Erdenumkreis heran abbauend. Und die Kräfte des Lichtes wirken von dem Kosmos herein auf den Menschen abbauend. So daß auf den Menschen die außermenschlichen Kräfte des Kosmos in dreifacher Art abbauend wirken, und der Abbau tritt sofort ein, wenn an der menschlichen Organisation nicht mitwirken Ich-Organisation und der astralische Leib. Astralleib und Ich-Organisation wirken entgegen den abbauenden Prinzipien im Menschen. In dem Augenblick also muß der Abbau durch die außermenschlichen Kräfte eintreten, in dem Ich und astralischer Leib im Menschen nicht mehr wirken. Das bezeugt uns aber zu gleicher Zeit, daß wir gar nicht auskommen können für eine Menschenerkenntnis, ohne daß wir uns immer mehr und mehr eine wirkliche Einsicht verschaffen in die höheren Glieder der Menschennatur, auch wenn wir das Medizinische ins Auge fassen.
Die Medizin ist zum bloßen Probieren, Experimentieren nur dadurch gekommen, daß sie eben in neuerer Zeit nicht mehr gewagt hat, mit den höheren Gliedern der Menschennatur, mit dem Übersinnlichen zu rechnen. Nun kann aber der Krankheitsprozeß nicht begriffen werden, wenn er nicht erfaßt wird als im Zusammenhang stehend mit den höheren Gliedern der Menschennatur. Und es kann der Gesundungsprozeß, der Heilungsprozeß auch nicht begriffen werden, ohne in solche Zusammenhänge mit den höheren Gliedern der Menschennatur hineingestellt zu werden. Denn, beachten wir einmal das Folgende: Im menschlichen Haupte, im menschlichen Kopfe sind im wesentlichen tätig Abbauprozesse des physischen Leibes und des Ätherleibes. Diese Abbauprozesse, die da tätig sind, die machen es geradezu möglich, daß im menschlichen Haupte das Astralische und das Ich für sich tätig sind. Dagegen haben wir esin der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation, in all dem, was mit dem motorischen System und dem Soffwechsel zusammenhängt, mit
273 aufbauenden Prozessen des menschlichen Organismus zu tun, sowohl des Ätherleibes wie des physischen Leibes. In diesen aufbauenden Prozessen sind nur für das Stoffwechsel- und motorische System Ich und astralischer Leib im eminentesten Sinne tätig. In allem, was im Stoffwechsel vorgeht, sind astralischer Leib und Ich tätig. In allem, was Bewegung ist, da ist die Ich-Organisation tätig. So daß wir haben im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem: Ich und astralischer Leib engagiert; im menschlichen Haupte sind sie gewissermaßen freigelegt, da sind Ich und astralische Organisation durchaus frei. So daß wir, wenn wir schematisch zeichnen wollten, zeichnen könnten:

Tafel 7

physisches Haupt, ätherisches Haupt, aber jetzt frei astralischer Leib und Ich, nicht engagiert im physischen und ätherischen. Dagegen — wenn wir jetzt zunächst auslassen den mittleren Menschen, den rhythmischen, den Blutmenschen —, wenn wir den Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen in Betracht ziehen, so ist da erstens der ätherische Leib vollständig daran betätigt. Das ist er im Kopfe auch, aber außerdem sind hier daran betätigt — innerlich nicht freigelassen, sondern die Prozesse bewirkend — astralischer Leib und Ich-Organisation.
Wir haben nun, wenn wir das Kind betrachten, einen vollständigen Zusammenhang zwischen all dem, was frei im Haupte als astralischer Leib und Ich-Organisation ist, und dem, was gebunden ist an die physische Organisation wie in dem Körper, während wir bei dem Erwachsenen einen solchen innerlichen Zusammenhang nicht haben und daher nicht so sehr der ganze Körper abhängig ist von dem, was im Kopfe vorgeht, wie bei dem Kinde. Bei dem Kinde ist durchaus der ganze Körper abhängig noch von dem, was im ganzen Kopfe vorgeht.
Es ist ganz unmöglich, eine Menschenkenntnis sich zu erwerben, ohne auf die höheren Glieder der Menschennatur wirklich Rücksicht zu nehmen. Denn niemand kann eigentlich verstehen, was im motorischen, im Stoffwechselsystem des Menschen vorgeht, wenn er nicht das Geistige und Seelische zu Hilfe nimmt. Man kann allenfalls die Kopfesorganisation zu Hilfe nehmen, sie ist sehr stark innerlich physisch nachgebildet dem, wie die außermenschlichen Gesetze verlaufen.

274 Die Kopf Organisation ist von einem ätherischen Leib durchzogen und unterscheidet sich von den außermenschlichen Organisationen, aber am ehesten ist sie noch ähnlich der außermenschlichen Organisation.
Was heißt es nun eigentlich, die Krankheit verstehen? Nehmen Sie an, Sie haben es mit irgendeinem Organ des Stoffwechsels zu tun, Sie müssen eine ganz bestimmte Verbindung voraussetzen zwischen dem physischen und dem ätherischen und dem, wie astralischer Leib und Ich-Organisation eingreifen in dieses Organ, sagen wir in die Leber. In einer ganz bestimmten Weise müssen astralischer Leib und Ich-Organisation eingreifen. In dem Augenblick, wo Ich und astralischer Leib sich etwas zurückziehen von diesem Organ, in dem Augenblick wird dieses Organ ähnlich dem Hauptesorgane, und man muß immer gewärtig sein, daß, wenn irgendein Stoffwechselorgan und auch das, was mit dem Stoffwechsel zusammenhängt, eine Unregelmäßigkeit zeigt, zu wenig an der Organisation dieses Organs beteiligt sind astralischer Leib und Ich-Organisation; und im Kopfe ist es umgekehrt. Wenn da der astralische Leib und das Ich zu stark eingreifen, dann tritt der krankhafte Zustand im menschlichen Haupte auf; so daß eigentlich das menschliche Haupt dasjenige ist, was am stärksten beim Menschen vegetabilisch-mineralisch innerlich veranlagt ist, und die motorischen und Stoffwechselorgane diejenigen sind, die am stärksten animalisch-menschlich veranlagt sind. Man sieht davon eigentlich nur das Gegenteil. Man glaubt, daß gerade die Hauptesorganisation die sei, welche als Organisation am geistigsten ist. Wenn aber die Hauptesorganisation am geistigsten wird, dann trübt sich das Bewußtsein. In dem Augenblick, wo zu starke vegetative Prozesse in die Hauptesorganisation eingreifen, in dem Augenblicke tritt vom Haupte das Erkranken ein. In dem Augenblicke, wo im Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus zu wenig Prozesse eingreifen, die vom Ich oder Astralleib ausgehen, in dem Augenblicke, wo das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem ähnlich wird dem Kopfsystem, wird dieses System krank.
Die Anschauung des Arztes muß also darauf hinausgehen, zu fragen: Wie bringe ich es dahin, wenn ich sehe, daß irgendeine
275 Krankheit mit Trübung des Bewußtseins verbunden ist, wie bringe ich es dahin, dies zu verhindern? Ich muß das zu starke Eingreifen von Ich und astralischem Leib verhindern. — Oder, wie bringe ich es dahin, den astralischen Leib stärker zum Eingreifen zu bringen, wenn er zu schwach eingreift? — Und sehen Sie, da kommen wirklich die Dinge, die uns darauf hinweisen, wie gerade in der Medizin die Denkweise, die Denkungsart eine außerordentlich große Rolle spielt. Denn gewiß, man muß die Heilstoffe, die Heilmittel kennenlernen. Aber natürlich werden Sie mit Recht fragen, wie kommt man dazu, die Heilmittel kennenzulernen? Und man kann sie nicht kennenlernen, wenn man nicht zuerst im Geistigen erlebt das, was im Menschen wirklich vorgeht. Nun sehen Sie, um das zu erleben, was im Menschen wirklich vorgeht, dazu ist notwendig eine gewisse Denkungsweise. Und das wollte ich prinzipiell einleitungsweise sagen, daß eine gewisse Denkweise schon den Arzt durchdringen muß. Man muß zunächste zum Beispiel, ich möchte sagen, von mehr Äußerlich-Natürlichem ausgehen. Es muß zunächst dem Arzte klar sein: Ja, all das, was man Wärme, Licht und so weiter nennen kann, das ist eigentlich in zweifacher Weise vorhanden. — Sehen Sie, zunächst, wenn Sommer ist, kommt von der Sonne Licht und Wärme zur Erde hernieder, da ergreift Sonnenlicht und Sonnenwärme das, was auf der Erde sprießt, sproßt, ins Blütenhafte, ins Fruchtende geht. Und eigentlich sind uns das Blühende und Fruchtende im wesentlichen interessant dadurch, daß sie die Träger sind für Sonnenlicht und Sonnenwärme.
Aber wie ist es im Winter? Im Sommer geht Sonnenlicht und Sonnenwärme in den Erdboden hinein, in der Erde hält sich das auf, wirkt weiter Sonnenlicht und Sonnenwärme, die darinnen sind, den Winter hindurch. Und so kommen von zwei Seiten her Licht und Sonne in Betracht.
Aber wenn wir hinschauen auf das, was Sonne und überhaupt der Erdenumkreis, das Kosmische auf der Erde bewirkt von diesem Umkreis herein, so kommen wir darauf, daß das alles seine Wirkung hat auf das Stoffwechsel- und Gliedmaßensystem des Menschen. Das ganze Stoffwechsel- und Gliedmaßensystem wird bereits beeinflußt
276 von dem, was vom Kosmos hereinkommt. All das, was im Kopfe ist, wird beeinflußt von dem, was schon in der Erde konserviert war von den kosmischen Kräften. Der Mensch -stellt in dieser Beziehung umgekehrt auf der Erde. Es wird sein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem beeinflußt von dem, was Außerirdisch und Kosmisch ist. Das aber können Sie ausdehnen auf jeden einzelnen Stoff. Nehmen Sie zum Beispiel Blei, weil Blei gerade ein ausgesprochenes Heilmittel für gewisse Dinge ist. Blei, wie es in der außermenschlichen Natur da ist, finden wir so, wie es durch die totalen kosmischen Kräfte entstanden ist; so wirkt es im eminentesten Sinne, wenn es durch die kosmischen Kräfte da ist, da wirkt es im eminentesten Sinne durch das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem hinauf in den Kopf. Zerschmelzen wir das Blei, wenden wir also einen Erdprozeß an und haben es also in dieser Weise einem irdischen Prozeß unterworfen, dann wirkt es unmittelbar auf das Kopfsystem. Daher ist dieser große Unterschied vorhanden.
Wir haben unter unseren Medikamenten ein wesentliches Mittel, das Antimon, Grauspießglanz. Wenn wir es so nehmen, wie es als fasnges Erz draußen vorhanden ist — das Spießige ist aus dem Kosmos heraus gebildet —, dann haben wir im Antimon ein Mittel, um auf den Stoffwechsel zu wirken. Unterwerfen wir das Antimon einem irdischen Prozeß, so daß es zum Antimonspiegel wird, dann wirken wir im spezifischen Sinne auf das menschliche Haupt.
Und sehen Sie, es handelt sich darum, überall mit dieser Denkungsart einzudringen nicht bloß in die Substanz, sondern in die Prozesse, in das was geschieht. Es ist nicht richtig, zu sagen, Blei ist ein Heilmittel für dies oder jenes. Es handelt sich darum, zu wissen, wie der Prozeß sich abgespielt hat, ob wir ein Rohmittel haben oder ob wir die Substanz irgendeinem Prozeß unterworfen haben. Die Behandlungsart der Stoffe, das ist im Grunde genommen das Wesentliche. Und die Denkungsweise müßte aufhören, im Stoffe als solchem das Heilmittel zu suchen. Man müßte sich immer mehr sagen: Liegt eine Krankheit vor, so liegt ein Prozeß vor, der nicht umspannt wird von dem Ganzen des menschlichen Organismus. Will man ein Heilmittel, dann muß man ihn stärken, man muß den Menschen solchen
277 Prozessen unterwerfen, die man genau durchschaut. Darauf kommt es an.
Ich möchte Ihnen nun etwas sagen, worauf diese ganze Einleitung hinauslaufen soll, was Ihnen vielleicht zunächst etwas paradox erscheint, aber was doch notwendig ist, wirklich erfaßt zu werden im ganzen medizinischen Leben. Das ist, wenn man alle diejenigen Prozesse, welche man zu studieren hat im Weltenall, darnach zu studieren hat, ob sie kosmische oder tellurische Prozesse sind oder solche, die aus beidem ineinanderschwingen. Wir haben keine Möglichkeit, wirklich an diese Prozesse heranzukommen, wenn wir nicht verstehen können, wie in diesem dreigliedrigen Menschen das Seelische sich nun auch nach drei verschiedenen Regionen hin gliedert. Ohne das Verstehen des Seelischen ist es unmöglich eigentlich, an den Menschen wirklich heranzukommen.
Und sehen Sie, da muß man schon das Folgende berücksichtigen. Das Seelische ist beim lerwiachsenen Menschen eigentlich eine viel stärkere Einheit als der physische Organismus. Der physische Organismus ist deutlich gegliedert in die drei Teile: Nerven-Sinnessystem, rhythmisches System und Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Die sind voneinander zu unterscheiden. Aber das Seelische füllt sowohl das Kopfsystem, das Nerven-Sinnessystem, wie das rhythmische System, wie das Stoffwechsel-Gdiedmaßensystem /aus. Es ist nur sdhr schläfrig, träumerisch in dem unteren System, aber es füllt den ganzen Menschen nach seinen drei Gliedern aus. Wenn nun aber der Mensch ein System besonders entwickeln soll, wenn also das Seelische in ein System besonders die Tätigkeit hineinergießen soll, was geschieht da eigentlich? Nicht wahr, der Mensch kann sich denkend beschäftigen, der Mensch kann sich gehend beschäftigen, mit den Händen, den Beinen arbeitend beschäftigen — von dem mittleren System müssen wir dann getrennt sprechen. Aber was geschieht denn mit dem Seelischen, wenn der Mensch sich tätig beschäftigt, wenn der Mensch sich gehend beschäftigt? Wenn der Mensch geht oder mit den Händen arbeitet, so ist es wirklich so, daß dieselbe Kraft da zum Ausdruck kommt bei all dem in der Welt, was man bezeichnet als Liebe, die bleibt in Armen und Händen, in Beinen
278 und Füßen (Lücke im Text). Der Mensch muß bis zu der Grenze seiner Haut kommen, wenn er sich in Regsamkeit bringt, was dann, wenn es über den Menschen hinausflutet, sich als Liebe entfaltet.
Aber was heißt es sachlich: Der Mensch geht? Das heißt, er belebt liebend innerhalb seiner Haut den menschlichen Organismus, das heißt, er strengt sein Astralisches oder die Ich-Organisation in entsprechender Weise an. Und wenn er geht, strengt er seine Ich-Organisation in der Weise an, daß er sie bis zu einem gewissen Grade herauszieht aus physischem und ätherischem Organismus. Wenn der Mensch denkt, strengt er sie so an, daß er sie hineinergießt in die physische und ätherische Organisation. Der Mensch zieht seine Astralgliedmaßen und Ich-Gliedmaßen zurück, wenn er geht; während er die Beine ausstreckt, zieht er im Gehen den Astralleib und das Ich zurück. Wenn er denkt, strahlt er sie hinein, natürlich nur bis zur Haut. Und wenn man dies berücksichtigt, so kann man sagen, wir haben einfach im Betätigen des Organismus den Anfang des Krankwerdens. Denn wenn, ohne daß der Mensch liebend seinen Organismus ausfüllt, sich zurückziehen astralischer Leib und Ich-Organisation von dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, dann entstehen krankhafte Zustände. Wenn im Haupte ätherischer Leib und physischer Leib ausgefüllt werden, ohne daß es durch Willkür entsteht, treten wieder krankhafte Zustände ein. So daß das, was der Mensch willkürlich tut, sich gleich hinterher ausbessert. Das tägliche Leben in Denken und Bewegen: es ist fortwährendes SichKrankmachen. Nur kann der menschliche Organismus sich gleich wieder gesund machen.
Und ein Verständnis für diese Dinge zu haben, ist eben davon abhängig, daß man nun wirklich für das, was im Krankheitsfalle vor sich geht, so viel Liebe aufbringen kann, daß man es anschauen kann als das, was eigentlidh einem zeigt auf physische Art, was das Geistige im Menschen ist. Sehen Sie, wenn der Mensch leberkrank wird, sagen wir irgendwie Abnormitäten in der Leber bekommt, so ist sein astralischer Leib in der Leber nicht genügend beschäftigt. Welches ist die entsprechende geistige Tätigkeit, wo etwas ähnliches
279 geschieht? Sie tritt dann auf, wenn ich mich für irgend etwas Äußerliches besonders stark innerlich interessiere. In dem Augenblicke, wo einer mit gespannter Aufmerksamkeit etwas betrachtet, ist er eigentlich in diesem Augenblicke leberkrank. In diesem Augenblick zieht sich der astralische Leib von der Leber zurück, aber es gleicht sich sofort wieder aus. Und man kann, wenn man die verschiedenen Krankheitsprozesse im menschlichen Organismus durchmacht, immer studieren, was geschieht im gesunden Menschen durch seine Willkür, durch sein willkürliches Leben. Würden nicht die Willkürprozesse fortwährend ausgeglichen werden, so würde der Mensch sich fortwährend durch die Willkürprozesse krank machen. Man kann also lernen, wie das Seelische, das Geistige ist, wenn man die Krankheitsprozesse als Studienprozesse gerne hat, sie wirklich liebt.
Und dieses Lieben der Krankheiten, das muß natürlich verbunden sein mit einem anderen. Man will ja nicht bloß die Krankheit studieren; das ist das weniger Bedeutende. Wenn man aber wieder heilen kann, was hat man dann? Dann hat man einen Einblick in die Art und Weise, wie nun aus den verschiedensten geistigen Betätigungen und Wesenheiten die göttliche Welt zustande gekommen ist, wie die Welt geschaffen wonden ist. Und das ist der Anfang in der Arzttätigkeit, erstens sich zu sagen: Krankheitsprozesse führen einen in Menschenerkenntnis hinein. Sie sind wirkliche Erkenntnisprozesse. Die Heilungsprozesse können aber nur mit religiöser Gesinnung erfaßt werden. Wirklich sich der Welt gegenüber verhalten mit religiöser Gesinnung, das muß diese ganze Arzttätigkeit durchziehen. Ohne das wird auch nicht jemals die Erkenntnis im einzelnen zustande kommen.
Sie werden natürlich immer sagen können: Nun ja, da haben wir die Heilmittel, da kommt auch die Anthroposophie und gibt Heilmittel an, aber zu durchschauen ist das Ganze nicht! — Es Ist zu durchschauen, wenn man solche Dinge berücksichtigt, wie sie jetzt charakterisiert worden sind, wenn man einen wirklichen Erkenntnisprozeß mit der Diagnose und einen wirklichen Prozeß mit der Therapie durchdringen kann. Diese Dinge müssen ganz ernst genommen
280 werden. Heraus nun aus dieser Gesinnung ist zu verstehen, was jemals vorgebracht wurde als das, was Anthroposophie für die Medizin zu sagen hat. Die Einzelheiten sind natürlich erst das, was man praktisch verwerten kann. Aber notwendig ist es, mit dieser Gesinnung, von der wir gesprochen haben, all das zu durchdringen, was an ärztlicher Tätigkeit entfaltet wird.
Nun hätte ich gerne, daß Sie die eine oder andere Frage noch stellten, so daß wir zu konkreten Betrachtungen morgen noch fortschreiten können. Ich wollte nur das Qualitative anschlagen.

Erste Frage: Man ist heute manchmal als Arzt gezwungen Mittel zu verwenden, die man nicht gerne verwendet, und manche dieser Mittel sind doch sicher so, daß man sie nicht anwenden dürfte. Könnte nichts gesagt werden über Mittel, die man nicht anwenden dürfte?

Dr. Steiner: Ich möchte zu dieser Frage das Folgende ganz prinzipiell sagen: Es ist ein großer Unterschied, ob man bei einem Mittel sagen kann, ich durchschaue, wie dieses Mittel im menschlichen Organismus wirkt, oder ich durchschaue das nicht. Das ist ein großer Unterschied. Gewiß, dieser Unterschied ist zunächst für die äußere Praxis relativ, solange wir nicht medizinische Fakultäten haben, wo man einen solchen Lehrgang durchmacht, wie er von Anthroposophie gelehrt werden kann. So lange wird es immer vorkommen, daß der praktische Arzt sich notieren wird auch von dem, was von Anthroposophie angeraten wird: Das ist ein Heilmittel für dieses oder jenes. Uns hier wäre es natürlich am allerliebsten, wenn wir beginnen könnten damit, Menschenkenntnis zu geben, so daß man dann weiß dadurch, daß man eine Zwiebel anschaut, wie der Zwiebelprozeß im menschlichen Organismus wirkt unter diesen oder jenen Antezedenzien. Das wäre uns natürlich das allerliebste. Aber zunächst ist das relativ, und es kann vorerst nur so sein, daß ein Heilmittel für dieses oder jenes gegeben wird. Aber es wird doch von hier aus kaum ein Heilmittel gegeben, dessen innerliches Fortwirken in der menschlichen Natur nicht bekannt wird. Es wird zum Beispiel nicht gesagt, man nehme Kieselsäure von Equisetum, ohne daß man genau weiß, es wird damit ein Nierenprozeß hervorgerufen. Die gereizte Niere wird in ihrer Überreizbarkeit herabgesetzt. Es
281 wird also die Oberreizbarkeit der Niere herabgesetzt, wenn man der Niere zufügt Kieselsäure von Equisetum. Das wird also durchschaut, und man müßte wissen (Lücke im Text). Aber nun frage ich Sie auf das Vertrauen: Wie geschehen draußen die Untersuchungen? — Sie geschehen ganz äußerlich mit Hilfe der Statistiken, sie geschehen so, daß man so und so vielen Patienten das Mittel gibt. Man weiß eigentlich gar nicht, was da vorgeht, und vor allen Dingen ist der große Unterschied zwischen einem wirklichen Heilmittel und einem solchen der, daß ma.n bei einem wirklichen Heilmittel den Prozeß durchschaut und weiß, wie er auf das ganze menschliche Leben wirkt. Wenn Sie heute durch irgendein Mittel irgend etwas abheilen: Sie können ja nicht wissen, was daraus in fünf Jahren wird. Wenn Sie aber den Prozeß ganz durchschauen, so brauchen Sie vor allem keine Statistik. Bei unseren Mitteln handelt es sich niemals um eine Statistik. Sie werden es aus dem Buche, das demnächst erscheint, sehen, wie es nicht von der Statistik abhängt, ob ein Heilmittel wirkt oder nicht, sondern von dem Studium des einzelnen Falles. Wenn Sie eine Zündholzschachtel haben und probieren das Zündholz, so werden Sie nicht alle Zündhölzchen abbrennen, sondern Sie wissen, wenn Sie ein Zündholz abgebrannt haben, daß jedes brennen kann. Ebenso wissen Sie, daß jeder Prozeß so ablaufen muß, wie Sie ihn kennen. Es handelt sich also nicht um Statistik, sondern um Durchschauen des einzelnen Falles. Daher werden wir immer große Schwierigkeiten haben, wenn man sagt: Gebt euere Mittel heraus, sie sollen probiert werden! — Aber damit ist nichts getan, dadurch entsteht nicht das Vertrauen zu den Mitteln. Gewiß, es wird sich ein außerordentlich günstiges Resultat statistisch mit unseren Mitteln ergeben, aber die üblichen Fälle sind entweder nicht richtig diagnostiziert, oder es sind Fälle, wo noch Hilfsmittel dazu eintreten müssen. Nun meine ich, das Wesentliche, worum es sich handelt, ist bei solchen Mitteln, die heilen, ohne daß man sie durchschaut, vor allen Dingen wirklich zu durchschauen, wie die Dinge sich vollziehen. Sehen Sie, es ist merkwürdig, daß schon das Probieren zu allerlei Interessantem führt. Es treten heute ja allerlei Heilmittel gegen Syphilis auf. Überall spielt da Arsen eine Rolle.
282 Warum das? Bei uns hören Sie: Arsen ist etwas, was den Astralleib anregt dazu, wenn er träge ist mit seinem Eingreifen in den physischen Leib, ihn so anzuregen, daß er mehr eingreift in den physischen Leib. Dieser astralische Leib wird regsam gemacht dadurch, daß man Arsen in den Menschen hineinbringt. Auf dieser Wirkung auf den astralischen Leib beruhen eigentlich Jen« durch Probieren erkundschafteten Mittel. Natürlich können Sie da auch seihen, wie man sich täuscht, wie sie durch eine Illusion hervorgerufen werden. Man verläßt sich auf die eindringliche Wirkung des Arsens in den Fällen, wo der Astralleib wirklich so stark werden kann durch das Arsen. Und bei Syphilis heilt eigentlich nur bloß das Arsen. So muß man bei allen solchen Mitteln immer die Wirksamkeit des Mittels durchschauen. Darnach müßte gestrebt werden, immer die Wirksamkeit eines Mittels zu durchsohauen. Unsere Denkweise muß deshalb immer mehr und mehr bekannt werden, und das wollen wir gerade durch das Buch erreichen, eben in die hier zu pflegende medizinische Denkweise hineinzuführen und nicht so sehr auf die Heilmittel hinzuweisen. Es wird auch wichtig sein, auf die Denkweise hinzuweisen für Heilmittel, die nicht von uns angegeben werden. Es gibt ja auch außer unserem Bereich gute Heilmittel, und wenn es notwendig ist, gibt man diese oder jene.

Zweite Frage: Als wir das letzte Mal hier waren, sprachen wir über Asthma bronchiale. Sie gaben als Heilmittel an, daß man über das Atmen meditieren soll. Sind wir berechtigt, in solchen Fällen eine Meditation zu geben? Ich wußte mir nicht anders zu helfen, ich fand bei Goethe einen Spruch:

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen,
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.


Ich wußte nicht, ob das richtig war.

Dr. Steiner: Sehen Sie, bei solchen Dingen muß man schon auch hinnehmen, daß Sie, weil Sie auf meinetwillen halb Seelisches oder Dreiviertelseelisches gehen, auch in der Beantwortung etwas Seelisches haben, wenn die Gesinnung, von der ich heute gesprochen

283 habe, vorliegt. Dieses Darin nenstehen des Menschen im Irdischen, dann durch das Haupt im Kosmischen, wenn der Arzt gelernt hat, spirituell zu denken und zu fühlen, sich dem Kranken gegenüber auch so zu verhalten, dann kann man so etwas verantworten. Wenn Sie aber mit der Gesinnung, die vielfach heute durch die materialistische Weltanschauung geht, wenn Sie mit dieser für den Kranken gleichgültigen Gesinnung irgend etwas, was gar nicht direkt mit Seelischem etwas zu tun hat, an den Kranken herantreten, dann können Sie zumeist mit solchen Dingen das Gegenteil von dem erreichen, was man eigentlich erreichen will. Sehen Sie, es kommen wirklich viele Mensdhen immer und immer wieder — und es wird ja heute bei Ärzten auch nicht ganz ausgeschlossen —, die mit solchen Dingen arbeiten. Sie werden manchmal Linderung bewirken, wenn auch keine Heilung. Wird der Kranke dadurch stark gemacht, dann kann ihn diese Linderung wirklich zur Heilung führen. Wenn aber die Leute fragen, ob man so wirklich zu so etwas kommen kann, so muß ich sagen, wenn ihr den Kranken wirklich Hebt, dann wird es möglich sein. Wenn ihr aber gleichgültig dem Patienten gegenübersteht, dann wird es nicht helfen.
Man sollte denn wirklich den Mut haben zu heilen. Deshalb habe ich immer mit unserem Institut hier, wo das der Fall ist, auch immer den Mut des Heilens erwähnt. Es ist das AllerschLimmste, wenn man bei irgendeinem Kranken, auch wenn er noch so schwer krank ist und man ihn 'heilen will, an den Tod denkt. Man müßte sich geradezu als Arzt verbieten, an den Tod des Patienten als an irgendeine Möglichkeit zu denken. Es wirken ja die Imponderabilien so stark. Es ist eine ungeheure stärkende Kraft, wenn Sie unter allen Umständen bis zuletzt den Gedanken an den Tod — bis zuletzt! — fortschicken und nur denken, was tue ich, um an Lebenskraft zu retten, was zu retten ist. Wenn solche Gesinnung entfaltet wird, werden viel mehr Menschen gerettet, als wenn die andere Gesinnung entfaltet wird, die aus diesen oder jenen Dingen irgendwie den Tod prognostiziert. Das soll man niemals tun. Und auf solche Dinge muß man schon auch recht Rücksicht nehmen. Dann ist man berechtigt, den Mut des Heilens zu haben.
284 Frage: Wenn man als Assistent an einem Krankenhaus tätig ist und den Kranken Morphium und andere Präparate verordnen muß, kann das, was man Verkehrtes an ihm tut, durch irgend etwas anderes, gerade durch die Gesinnung dem Kranken gegenüber, etwa aufhalten, was da wirkt?

Dr. Steiner: Man kann schon durch die Gesinnung vieles erreichen. Aber wenn die Eingriffe notwendig sind mit physischen Substanzen, dann sollte man diese womöglich unmittelbar aus dem Pflanzenreich entnehmen, nicht abgeleitete Präparate, je nachdem man es für notwendig hält, also meinetwillen d«n Saft der Mohnpflanze direkt verwenden. Und zwar nidit mit dem Bewußtsein des inneren Prozesses, im Gegenteil, mit dem Hinlenken auf die äußere Form der Pflanze, auf das Erfreuende der Pflanze. Es ist in solchen Dingen schwierig, Regeln zu geben, weil auch, wenn man genötigt ist das Mittel zu geben, diie Gesinnung eine große Bedeutung hat, ob man auffängt das, was beim Kranken zutage tritt. Man muß aufpassen, welche Stimmung auftritt bei dem Kranken durch das Mittel, dann kann man eingreifen. Der Kranke ist durch das Heilmittel in bezug auf das Helfen durchsichtiger geworden. Wir werden morgen fortsetzen, indem ich Sie bitte, alles, was Sie auf dem Herzen haben, zu fragen.




Zur Übersicht

ablage/offen/rudolf_steiner/medizin/004_ga_314_physiologisch_therapeutisches/014_ansprache.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:17

Impressum Datenschutzerklärung