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V ZUR PSYCHIATRIE : VOTUM, Dornach, 26. März 1920

V ZUR PSYCHIATRIE : VOTUM, Dornach, 26. März 1920

Heutiges Psychiatriestudium. Wirkung der Geisteswissenschaft. Schwierigkeiten beim Übergang von relativ gesund zu relativ krank. Grundlegend: Ganze soziale Umgebung mitbetrachten. Verschiedene Erkrankungen bei robusten Bauern und bei schwächlichen Stadtmenschen. Übergänge vom Krankhaften zum Normalen. Reform bei der psychiatrischen Medizin nötig. Tobsucht, Schwachsinn, schwierige Grenze zwischen psychisch normal und unnormal.

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262 Es ist natürlich nicht möglich, heute noch über dieses Thema, das ja eine erschöpfende Behandlung erfordern würde, wenn man überhaupt darauf eingehen wollte, irgendwie anders als höchstens mit ein paar Andeutungen zu sprechen zu kommen, denn das psychiatrische Studium erfordert ja gerade in unserer Zeit ganz gewiß die allerdurchgreifendsten Reformen. Schon wenn man bloß darauf sieht, wie es heute eigentlich unmöglich ist, die Fragestellungen richtig zu machen, die in der Psychiatrie figurieren müssen, so wird man darauf kommen, wie notwendig eine solche Reform eines psychiatrischen Studiums ist. Allein eine solche Reform wird nicht eintreten können — denn das schien mir schon aus dem Vortrag von Dr. Husemann selbst hervorzugehen —, wenn nicht vorher Geisteswissenschaft wirklich die einzelnen Fachwissenschaften befruchtet. Denn jene Entwickelung, die ja heute Dr. Husemann so schön geschildert hat, die eingesetzt hat etwa um die Zeit Galileis und die dann kulminiert hat im 19. Jahrhundert, diese wissenschaftliche Entwickelung hat eigentlich in zwei schroff einander gegenüberstehenden Denkströmungen das ganze menschliche Gedankenleben auseinandergetrieben. Auf der einen Seite stehen die Vorstellungen, die man über das Materielle und seine Vorgänge hat, auf der anderen Seite steht das Gedankenleben selbst, das, ich möchte sagen, immer mehr und mehr einen rein abstrakten Charakter angenommen hat. So daß, da Abstraktionen keine Kräfte der Welt sein können, also auch im Menschen keine Kräfte sein können, die etwas bewirken, auch für den Menschen nicht die Möglichkeit vorliegt, vom Seelischen aus das Materielle, das Physische zu begreifen, vom Psychischen aus irgendeine Brücke zu schlagen zum Materiellen,
Der Mensch hat ja heute höchstens eine Vorstellung von einer Summe von Abstraktionen oder von abstrakten Empfindungen selbst und dergleichen, wenn der Mensch vom Seelischen redet. Diese Summe von Abstraktionen, die kann selbstverständlich einen Organismus
263 nicht in Bewegung setzen, kann nicht irgendwie eine Brücke schlagen zum Organismus hin. Daher kann man auch nicht davon sprechen, daß man etwa durch eine Einwirkung auf das Seelenleben, das ja nur eine Summe von Abstraktionen eben ist, irgendwie den äußeren physischen, realen Organismus beeinflussen könne. Auf der anderen Seite steht dasjenige, was man ja auch durch die Wissenschaft gewonnen hat über den physischen Organismus; denn man hat erdichtet, die Seelenerscheinungen seien nur Parallelerscheinungen oder gar Wirkungen des physischen Organismus. Es ist dasjenige, was man an konkreten Vorstellungen ausbildet über diesen physischen Organismus, nicht dazu angetan, daß man irgend etwas herauspressen könnte aus diesen Vorstellungen über das Psychische.
Und so stehen eigentlich heute nebeneinander eine Anschauung über das Seelenleben — ganz gleichgültig, ob man mehr oder weniger Materialist ist —, die nur auf Abstraktionen hinblickt, und eine Anschauung über das materielle Leben, auch das organische Leben, aus der sich nicht irgendwie etwas Geistiges herauspressen läßt.
Da ist es doch eigentlich ziemlich selbstverständlich, daß man gerade für die Psychiatrie keine irgendwie in Betracht kommende Methode leicht finden kann. Daher ist es ja auch gekommen, daß man in der neuesten Zeit Abstand schon davon genommen hat, überhaupt noch von dem Zusammenhang des physisch Organischen im Menschen mit dem im Bewußtsein als Prozeß ablaufenden Psychischen zu reden.
Und da man eigentlich in Wirklichkeit zwischen diesen zwei Stühlen, zwischen dem Physisch-Materiellen und dem AbstraktPsychischen, eigentlich fortwährend in der Gefahr steht, auf die Erde hinunter sich zu setzen, so ist es notwendig, eine ganz unbewußte Welt, eine merkwürdige und unbewußte Welt zu erfinden. Und das hat man ja nun reichlich getan in der Psychoanalyse, der analytischen Psychologie, einem wissenschaftlichen Objekt, das eigentlich außerordentlich interessant ist. Es wird nämlich dieses wissenschaftliche Objekt, wenn es einmal zu einer Reform der Psychiatrie gekommen ist, so daß man wiederum eine ordentliche Psychiatrie haben wird, vor allen Dingen von diesem neuen psychiatrischen
264 Standpunkte aus ordentlich geprüft werden müssen, denn sie ist ein Objekt für die Psychiatrie eigentlich.
Also man hat versucht, damit man sich nicht ganz auf die Erde setze zwischen diesen zwei Stühlen, eine unbewußte Welt auszumalen. Ich sage nichts gegen die unbewußte Welt selbstverständlich, aber die muß erforscht werden, die muß durch dasjenige, was Geisteswissenschaft als Schauung einführt, wirklich erkannt werden, die kann nicht in der Weise phantasiert werden, wie sie die Freudianer oder ähnliche Leute erphantasieren.
Die Geisteswissenschaft wird dasjenige für eine Reform der Psychiatrie bringen, daß sie wiederum von den bloß abstrakten Begriffen, die kein innerliches Leben haben, zu wirklichkeitsgemäßen Begriffen führen wird, zu solchen Begriffen, die als Begriffe schon in der Welt leben, die gewonnen sind dadurch, daß man mit seinen Methoden in die Wirklichkeit untertaucht. Dann wird man, indem man zu solchen geistigen Methoden aufsteigt, die wiederum wirklichkeitsgemäße Begriffe liefern, von solchen Begriffen, die jetzt nicht bloße Abstraktionen sind, den Übergang finden zu dem, was Wirklichkeit ist. Das heißt, man wird eine Brücke schlagen können zwischen dem Psychischen und dem Physischen im Menschen. Es muß das Psychische und das Physische in der Vorstellung anders aussehen als es heute aussieht, wenn man eine Psychiatrie im Ernste will. Die heutige Summe von Abstraktionen, auch diejenige, welche die abstrakten Naturgesetze in sich faßt — sie werden ja immer filtrierter und filtrierter diese Naturgesetze —, diese Summe von Abstraktionen ist nicht fähig, in einen wirklichen Prozeß unterzutauchen.
Stellen Sie sich nur einmal vor, wie man mit den Abstraktionen, die heute in den Wissenschaften figurieren, so etwas finden könnte wie die zwei wichtigen, ich kann sagen, Tatsachen — denn es sind Tatsachen —, die ich im ersten Vortrage dieser Serie von Vorträgen angeführt habe: die geisteswissenschaftlich begründete Herzlehre und die geisteswissenschaftlich begründete Lehre von dem umgekehrten biogenetischen Grundgesetz für den historischen Ablauf des Erdgeschehens.
265 An solchen Beispielen können Sie ersehen, daß die geisteswissenschaftlichen Methoden in der Lage sind, den Weg aus dem inneren Seelenleben heraus in die Tatsachenwelt wirklich zu finden, eine Brücke zu schlagen zwischen dem sogenannten Psychischen und dem sogenannten Physischen.
Das aber ist vor allen Dingen für die Psychiatrie notwendig, denn da wird man erst auf einen grünen Zweig kommen, wenn man in der Lage sein wird, die entsprechenden Tatsachen richtig zu beobachten. Und die Tatsachen der Psychiatrie, die sind im Grunde genommen noch schwieriger zu beobachten, weil sie eine größere Vorurteilslosigkeit erfordern als die Tatsachen der physischen Gesetzwirkung. Denn in dem Menschenleben gibt es eigentlich im Grunde genommen, sobald man vom sogenannten Gesunden, relativ Gesunden, zu dem relativ Kranken übergeht, fast keine Möglichkeit, den Menschen vollständig zu isolieren. Der Mensch entwickelt sich gewiß zu einer völligen Individualität, zu einem isolierten Leben. Das tut er gerade durch sein Psychisches, aber durch dasjenige, was im Psychischen abweicht von der geradlinigen Entwickelung. Was im Physischen abweicht von der geradlinigen, sogenannten normalen Entwickelung, das ist nicht so. Ich kann das nur andeuten natürlich, man müßte sonst stundenlange Ausführungen machen, wenn man es im einzelnen belegen wollte, es ist nicht so, daß man es isoliert betrachten kann; der Mensch ist viel mehr ein, auch im tieferen Sinne genommen, soziales Wesen, als man gewöhnlich meint. Und insbesondere lassen sich eigentlich psychische Erkrankungen in den seltensten Fällen bloß beurteilen nach, sagen wir, der Biographie des einzelnen, isolierten Individuums. Das ist fast ganz unmöglich.
Ich möchte Ihnen lieber durch ein hypothetisches Beispiel als durch Theorien das andeuten, was ich eigentlich meine. Sehen Sie, es ist zum Beispiel möglich, daß in irgendeiner Gemeinschaft, sei es eine Familien- oder sonst irgendeine Gemeinschaft, zwei Menschen nebeneinander leben. Der eine hat nach einiger Zeit das Unglück, einen Anfall zu bekommen, den man also in das Gebiet des Psychiatrischen versetzt. Man kann nun selbstverständlich diesen Menschen isoliert behandeln. Aber wenn man es tut, namentlich wenn man sich die
266 Anschauung bildet aus der isolierten Betrachtung dieses Menschen, dann wird man in vielen Fällen eigentlich nur einer Gedankenmaske zum Opfer fallen. Denn der Fall kann durchaus so liegen und liegt in zahlreichen Fällen so, daß ein anderer, der mit dem Krankgewordenen, dem psychisch Krankgewordenen eben zusammenlebt, sagen wir, in der Familie oder in irgendeiner anderen Gemeinschaft, eigentlich in sich den, sagen wir Kräftekomplex hat, der bei seinem Mitmenschen zur psychischen Erkrankung geführt hat. Also wir gehen zunächst von diesen zwei Menschen aus: der eine Mensch A hat den — psychiatrisch betrachtet — Anfall; der Mensch B hat einen Kräftekomplex in sich, psychisch organischer Natur, der vielleicht, wenn man ihn so für sich betrachten würde, dasjenige, was man bei dem Individuum A die Ursache seiner Erkrankung nennt, in viel stärkerem Maße zeigt. Das heißt, der B, der nun gar nicht psychisch erkrankt ist, der hat eigentlich diese Ursache der psychischen Erkrankung in sich in viel stärkerem Maße als der Mensch A, den man ins Sanatorium bringen mußte.
Das ist etwas, was durchaus im Bereich der Wirklichkeit, nicht bloß der Möglichkeit liegt. Denn es beruht darauf, daß der Mensch A, abgesehen von dem Kräftekomplex, den man als die Ursache seiner psychischen Erkrankung bezeichnet, eine schwache Konstitution hat und diesen Kräftekomplex nicht erträgt. Der andere, B, der den Kräftekomplex auch in sich hat, vielleicht sogar stärker, hat, abgesehen von diesem Kräftekomplex, eine wesentlich stärkere Konstitution als der andere; dem schadet es nicht. Der B verträgt es, der A nicht. Der A hätte die Krankheit aber auch gar nicht bekommen, wenn er nicht durch den Einfluß des Menschen B, der neben ihm lebt, und der in diesem Falle außerordentlich beträchtlich sein kann, weil der B robuster ist als der A, wenn er nicht durch den Menschen B fortwährend psychisch beeinflußt wäre.
Da haben Sie ein Beispiel, das eben durchaus in zahlreichen Fällen eine Wirklichkeit darstellt, aus dem Sie ersehen, wie wichtig einfach die psychiatrische Betrachtungsweise ist, wenn sie im Ernste auf Wirklichkeiten ausgehen will, wenn sie nicht spielt in der Weise, wie oftmals heute auf diesem Gebiete gespielt wird. Da handelt es
267 sich wirklich darum, daß man den Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern daß man ihn in seiner ganzen sozialen Umgebung betrachtet.
Allerdings, es wird das, was ich hier meine, auf eine recht breite Basis gestellt werden müssen. Denn schließlich liegt es auch für das übrige Krankheitswesen so, daß ein großer Unterschied ist, ob von irgendeinem Komplex ein schwaches Individuum befallen wird oder ein starkes, robustes Individuum. Nehmen wir an, zwei Menschen leben von einem bestimmten Lebensalter an nebeneinander, haben miteinander zu tun. Der eine aber hat von seiner Jugend und Abstammung her noch eine robuste Bauernnatur, der andere stammt drei Generationen her von lauter Stadtmenschen ab. Da kann derjenige, der die gesunde Bauernnatur in sich hat und etwas verträgt von inneren Schädigungen, unter Umständen einen Komplex von viel stärkerem Maße in sich tragen, aber er verträgt es, er wird nicht krank. Der andere, der ihn eigentlich nur ganz durch eine psychische Ansteckung, durch eine Imitation, durch das, was immer von Mensch zu Mensch vorhanden ist, hat, der verträgt schon die Wirkung nicht.
Hier sehen Sie, was alles in Betracht kommt, wenn Sie nicht von Theorie und Programmen, sondern von der Wirklichkeit aus über Psychiatrie reden wollen, wie in der Tat heute in Betracht kommt, daß man sich schon hinwendet zu dem Ernste, der hervorgeht aus der Einsicht, wie im Grunde genommen gerade seit der Galilei-Zeit unsere Wissenschafter sich so vereinseitigt haben, und wie es notwendig ist, auf allen Gebieten Neues befruchtend aufzunehmen. Sonst muß das menschliche Erkennen, inbesondere auf jenen Gebieten, die in die Praxis, in die Lebenspraxis hineinführen sollen, völlig in die Dekadenz kommen.
So könnte ich sagen: Im Grunde gilt in der Psychiatrie dasselbe, was wir dann, wenn wir über die Waldorfschule sprechen, von der pädagogischen Kunst sagen, daß man nicht mit irgendwelchen neuen Formulierungen theoretischer Art nur kommen soll, sondern daß man die lebendige Geisteswissenschaft selber hineintragen soll in dieses Gebiet. Das, was man da vom pädagogischen Gebiete zu sagen hat, man hat es auch zu sagen vom psychiatrischen Gebiete. Man wird gar
268 niemals in einseitiger Weise davon ausgehen können, daß man sagt: Dies oder jenes ist auf dem Gebiete des Psychiatrischen zu verbessern. Sondern man wird sich mit dem Gedanken vertraut machen: Entweder man nimmt auf dem Gebiete des Erkennens überhaupt die geisteswissenschaftliche Grundlage an, dann wird diese geisteswissenschaftliche Grundlage die Psychiatrie schon umgestalten, dann wird sie aus der Psychiatrie ganz besonders etwas machen, was heute eigentlich von zahlreichen Menschen ersehnt wird, was aber gar nicht da sein kann durch die neuesten naturwissenschaftlichen Methoden, die Ihnen ja gestern und heute genügend auseinandergesetzt worden sind.
Sehen Sie, dasjenige, was schließlich vor allen Dingen herauskommen muß aus einem — lassen Sie mich das triviale Wort gebrauchen — Populärwerden der Geisteswissenschaft, das ist eine viel, viel bessere Menschenerkenntnis, als Sie sie heute finden können. Die Menschen stehen sich ja so gegenüber heute, daß von einer Menschenerkenntnis gar nicht gesprochen werden kann. Die Menschen gehen aneinander vorbei, jeder lebt nur in sich. Geisteswissenschaft wird die Menschen aufschließen füreinander. Und dann wird vor allen Dingen vieles von dem, wovon man heute vielleicht noch glaubt, daß es auf dem Gebiete der psychischen Pathologie liege, gerade dadurch hinübergetrieben werden in das Gebiet der psychischen Hygiene. Denn die Sachen liegen gerade durchaus so, daß, ich möchte sagen, durchaus überall sich gradlinige Strömungen von den Symptomkomplexen des gestörten psychischen Lebens ziehen lassen zu den gerade heute im öffentlichen Leben vielfach Gang-und-GäbeVorstellungen, die nun gar nicht als krankhaft gelten, sondern die eben allgemein angenommen sind. Und würde man manchen sehr allgemein angenommenen Begriffen nachgehen, dann würde man finden, daß zwar langsamer, aber schließlich doch derselbe Weg genommen worden ist, der sich zeigt bei der Verfolgung eines psychisch abnormen Symptomkomplexes, der allerdings mit Schnelligkeit dann abläuft bei einem, den man heute psychisch abnorm findet.
Alle diese Dinge zeigen, daß doch schließlich alles Reden über Einzelheiten in den Reformen der einzelnen Wissenschaften zu nicht
269 viel führt, daß aber, wenn man sich entschließt — allerdings sind heute die Seelen, viele Seelen, zu schläfrig —, nach einer Befruchtung des wissenschaftlichen Lebens im Sinne der Geisteswissenschaft zu suchen, dann die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft, aber insbesondere dasjenige Gebiet der Wissenschaft, das es zu tun hat mit den verschiedenen Abweichungen vom normal psychischen Leben, der psychiatrischen Medizin, dadurch eine notwendige, ich möchte sagen, selbstverständliche Reform erleiden werden. Selbst wenn diese Fälle bis zur äußersten Rebellion, der Tobsucht, des Schwachsinnes und so weiter hingehen: man wird erst finden, was eigentlich diese psychischen Abirrungen vom normalen Leben im Ganzen der normalen Entwickelung bedeuten. Und in vieler Beziehung wird man finden, daß, wenn immer mehr und mehr gesundet unser Weltanschauungsleben, dann wird vieles von dem gesunden, was hineinleuchtet aus dem öffentlichen Irrtum in die krankhaften Verirrungen der psychisch Kranken.
Denn es ist ja durchaus merkwürdig, wie schwierig eine richtige Grenze zu ziehen ist zwischen dem sogenannten normalen Leben und dem psychischen unnormalen Leben. Es ist zum Beispiel schwer zu sagen, ob eine psychische Normalität vorliegt, sagen wir in dem Falle, der sich ja nicht weit von hier, vor nicht allzulanger Zeit in Basel zugetragen hat, wo ein Mann eine große Summe dafür testamentarisch ausgesetzt hat, daß irgend jemand sich einschließt in völlige Einsamkeit so lange, bis es ihm gelungen ist, die Unsterblichkeit der Seele wirklich zu beweisen. Das ist testamentarisch von einem Manne in Basel gemacht worden, und ich weiß nicht, was das weitere Schicksal der Sache war. Ich glaube, es haben die Erben dagegen Einspruch erhoben und haben dazumal — allerdings nicht psychiatrisch, sondern juristisch — die Sache zu entscheiden versucht, inwieweit sie ins Psychiatrische hineinspielt oder nicht. Aber wenn Sie sich nun wirklich, jeder einzelne, auf den Weg begeben, zu untersuchen, ob das psychiatrisch zu beurteilen oder ob es eine Mucke ist oder ob es nun wirklich eine übergroße Religiosität ist oder was schon immer, da werden Sie kaum in einer vollen Exaktheit zurechtkommen.
270 Es handelt sich durchaus darum, daß unsere Begriffe allmählich schwach geworden sind gegenüber der Wirklichkeit; sie müssen wiederum stark werden. Stark aber werden sie nur durch Geisteswissenschaft. Und das wird unter vielem anderen namentlich auch die Psychiatrie zu spüren bekommen.




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