IV DIE HYGIENE ALS SOZIALE FRAGE : ÖFFENTLICHER VORTRAG, Dornach, 7. April 1920
Ein Grundübel: Intellektualismus. Sehnsucht des Menschen nach demokratischer Ordnung aller Angelegenheiten. Im Hygienegebiet heute undemokratischer Autoritätsglaube. Öffentliche Gesundheitspflege. - Heutige wissenschaftliche Grundüberzeugung: Alles ist ein mechanischer, physischer oder chemischer Prozeß im Materiellen. Erklärung aus Atomen und Molekülen. Nur anthroposophische Geisteswissenschaft hilft bei der Verwirrung durch die Unterscheidung zwischen leiblichen, seelischen und geistigen Erkrankungen. Geistige Weltanschauung: Der materielle Leib ist ein Geschöpf des vorgeburtlich Seelischen. In den Organen gliedert sich das Seelische in konkrete Prozesse: Leber-, Atem-, Herz-, Gehirn-Wirkungen. Materie als Offenbarung des Geistes. Inhaltserfüllte Anschauung über den Geist. Abstrakte Begriffe als Gegenstände der heutigen Wissenschaft. Im Handbuch über das Nervensystem steht nichts über den Wert, das Wesen und die Würde des Menschen. Geisteswissenschaft führt zum ganzen Menschen. Abweichungen führen in Weltzusammenhänge. Tiefere Bedeutung des Lebens. Verständnis für den anderen Menschen. Das Gesunde und das Kranke im Mitmenschen. Soziale Wirkungen durch Sachkenntnis: Soziale Reform. Gesundheitspflege
führt zum Mitmenschen. Psychoanalyse ist materialistisch gedacht. Geistes- und Seelenkrankheiten beruhen auf Organstörungen. Seeleneindrücke treffen auf fehlerhafte Organe. Psychoanalyse = Diagnose ohne Therapie. Leibliche Kur nötig. Leibliche Seite der Temperamente. Erziehungsfehler bei Kindern führen später zu psychischen Erkrankungen. Bei physischen Erkrankungen das Geistige suchen. Soziale Einrichtungen wirken auf physische Gesundheitspflege. Kinder sollen laut und deutlich vokalisieren und konsonantieren. Das Spezialisierte zu einer Gesamtanschauung bringen. Kinder sollen lernen, beim Sprechen die Luft zu verbrauchen. Gesunde Seele baut gesunden Körper auf. Erziehungsfragen oft medizinische Fragen. Bei Geisteskrankheiten nur Hilfe mit Organheilungen. Imagination, Inspiration und Intuition wirken gesundend. Nicht nur Notizen sammeln. Geisteswissenschaft verbreitet soziale Hygiene. Gesundende Wirkung der Geisteswissenschaft durch den gesunden Menschenverstand. Disposition zu epidemischen Krankheiten durch zuviel Schlaf. 7 Stunden Schlaf genügend. Unabhängiges, freies Geistesleben auch in der Hygiene: Staatliche Normen sollten Einzelleistungen nicht hemmen, ebenso nicht wirtschaftliche Mächte. Hygiene aus sozialer Einsicht. Kernpunkte der sozialen Frage. Soziale Dreigliederung. Kreuzspinne, Bilsenkraut. Schlaf bei offenem Fenster. Abnorme Organdisposition bei Verbrechern. Emotionell-Gefühlsmäßiges wirkt auf Drüsentätigkeit. Defekte Organe bei Geisteskrankheit und Verbrechern. Theosophie und Anthroposophie. Entstehung von Epidemien. Parallelität der Prozesse im Geistig-Seelischen und in Organen. Atmosphäre für Klein-Organismen. Typhus abdominalis. Leiblich-organische Störung als Ursache eines geistig-seelischen Leidens. Hypochondrie, chronische Lungendefekte. Temperamente und Organe. Augendiagnose. Krankheiten beim Fortgang der Weltgeschichte: Geistige Strömung dahinter. Krankheiten muß man heilen. Karma wirken zu lassen, ohne zu helfen, ist falsch.
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| 221 | Daß die soziale Frage zu den die Gegenwart am meisten beschäftigenden Angelegenheiten gehören soll, das wird in weitesten Kreisen nicht bezweifelt, und überall, wo man nur ein wenig Herz hat für dasjenige, was sich in der Gegenwart aus der Entwickelung der Menschheitsgeschichte heraus ergibt, was da liegt an drohenden oder zu bearbeitenden Impulsen für die Zukunft, das faßt sich zusammen unter dem Namen der sozialen Frage. Man muß sich aber sagen, daß die Betrachtung, die Behandlung dieser sozialen Frage in der Gegenwart an dem Grundübel leidet, mit dem so vieles in unserem Erkenntnisleben, in unserem moralischen Leben, ja in unserem ganzen Zivilisationsleben, behaftet ist, nämlich an dem Intellektualismus unserer Zeit, daran leidet, daß ihre Probleme so häufig bloß in den Gesichtswinkel einer intellektualistischen Betrachtung gestellt werden. Es wird von diesem oder jenem mehr nach rechts oder links gelegenen Standpunkte über die soziale Frage verhandelt. Das Intellektualistische dieser Verhandlungen zeigt sich darinnen, daß man von gewissen Theorien ausgeht, davon ausgeht, das oder jenes müsse so oder so sein, das oder jenes müsse abgeschafft werden. Dabei nimmt man überall wenig Rücksicht auf den Menschen selbst. Man behandelt den Menschen so, wie wenn es etwas Allgemeines «der Mensch» gäbe, als ob es etwas gäbe, was nicht in einer gewissen Beziehung individuell bei jedem Menschen besonders ausgebildet wäre. Man wendet die Betrachtung nicht hin auf die Eigenart und Eigentümlichkeit des einzelnen Menschen. Daher gewinnt auch unsere ganze Betrachtung der sozialen Frage etwas Abstraktes, etwas, was heute so wenig übergeht in die sozialen Empfindungen, in die Gesinnungen, die spielen zwischen Mensch und Mensch. Man merkt dasjenige, was hier als ein Mangel der sozialen Betrachtung vorliegt, wohl am deutlichsten, wenn man auf ein bestimmtes Gebiet, auf ein solches, das vielleicht mehr als manche andere geeignet ist, einer sozialen Betrachtung unterworfen zu werden, wenn man zum Beispiel |
| 222 | auf das Gebiet der Hygiene, insofern Hygiene eine öffentliche Angelegenheit ist, die nicht den einzelnen Menschen, sondern die Menschengemeinschaft angeht, seine Aufmerksamkeit wirft. Zwar fehlt es uns auch heute durchaus nicht an hygienischen Anweisungen, an Abhandlungen und Schriften über Gesundheitspflege auch als öffentliche Angelegenheit. Allein, man muß fragen: Diese Anweisungen, diese Betrachtungen des Hygienischen, wie stellen sie sich in das soziale Leben hinein? Da muß man eben sagen: Sie stellen sich so hinein, daß einzelne Reden über eine richtige Gesundheitspflege veröffentlicht werden als das Ergebnis ärztlicher, physiologischer, medizinischer Wissenschaft, gewissermaßen auch das Vertrauen, das man zu einem Fach hat, zu einem Fach, dessen innere Wesenheit man nicht zu prüfen in der Lage ist, die Grundlage bilden soll für die Annahme solcher Regeln. Rein auf Autorität hin können weiteste Kreise, die es doch angeht — denn es geht alle Menschen an —, das annehmen, was gewissermaßen aus den Studierkammern und Untersuchungszimmern, Untersuchungslaboratorien des Mediziners über Hygiene an die Öffentlichkeit tritt. Wenn man aber davon überzeugt ist, daß im Laufe der neueren Geschichte, im Laufe der letzten vier Jahrhunderte in der Menschheit die Sehnsucht heraufgezogen ist nach demokratischer Ordnung aller Angelegenheiten, so tritt einem, wenn das auch heute vielen als grotesk erscheint, doch entgegen dieses ganz Undemokratische des reinen Autoritätsglaubens, der auf hygienischem Gebiet gefordert wird. Das Undemokratische dieses Autoritätsglaubens tritt der Sehnsucht nach Demokratie gegenüber, wie sie, man möchte sagen, in der Gegenwart, wenn auch oftmals in sehr paradoxer Weise, bis zu einem Kulminationspunkt heraufgeschritten ist. Ich weiß sehr gut, daß der Satz, den ich eben ausgesprochen habe, von vielen als paradox empfunden wird, denn man stellt einfach nicht zusammen die Art und Weise, wie jemand das entgegennimmt, was auf Gesundheitspflege bezüglich ist, mit der demokratischen Forderung, daß über öffentliche Angelegenheiten, die jeden mündig gewordenen Menschen angehen, auch die Gemeinschaft dieser mündig gewordenen Menschen, sei es direkt oder sei es durch ihre Vertreter, |
| 223 | zu urteilen habe. Gewiß muß ja gesagt werden: Es kann vielleicht nicht in vollständig demokratischer Weise sich so etwas ausleben wie hygienische Anschauung, hygienische Pflege des öffentlichen Lebens, weil es abhängig ist von dem Urteil desjenigen, der auf einem gewissen Gebiete nach Erkenntnis sucht. Aber auf der anderen Seite muß doch die Frage auftauchen: Sollte nicht ein stärkeres Demokratisieren, als es heute unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich ist, auf einem solchen Gebiete angestrebt werden können, das so nahe, so unendlich nahe jeden einzelnen Menschen und damit die Menschengemeinschaft angeht, wie die Öffentliche Gesundheitspflege ? Es wird uns heute gewiß viel gesagt über die Art und Weise, wie der Mensch drinnenstehen soll im Leben in bezug auf Luft und Licht, in bezug auf Nahrung, in bezug auf die Ableitung der entweder durch den Menschen selbst oder durch seine Umgebung hervorgebrachten Abfallprodukte und so weiter und so weiter. Aber dasjenige, was da als Regeln über diese Dinge in die Menschheit geworfen wird, das ist meistens unprüfbar für diejenigen Menschen, auf die es angewendet werden soll. Nun möchte ich nicht mißverstanden werden; ich möchte dahin nicht mißverstanden werden, daß ich in diesem Vortrage, der ja gewidmet sein soll dem Thema «Die Hygiene als soziale Frage», für irgend etwas besonders Stellung nehme. Ich möchte gewissermaßen dasjenige, was heute vom Parteistandpunkte aus oder vom Standpunkte einer gewissen wissenschaftlichen Überzeugung aus einseitig behandelt zu werden pflegt, das möchte ich nicht einseitig behandeln. Ich möchte — vielleicht gestatten Sie dieses scheinbare Herausfallen aus der Rolle in der Einleitung —, ich möchte weder irgendwelche Partei nehmen für den alten Aberglauben, daß Teufel und Dämonen herumgehen als Krankheiten und in die Menschen ausund einziehen, noch möchte ich Partei nehmen für den modernen Aberglauben, daß die Bazillen und Bakterien in den Menschen einziehen und ausziehen und die Krankheiten bewirken. Ob man es zu tun hat mit einem spiritistischen, spirituellen Aberglauben von alther, ob mit einem materialistischen Aberglauben, das mag uns heute |
| 224 | weniger beschäftigen. Aber berühren möchte ich etwas, was unsere ganze Zeitbildung durchdringt, namentlich insofern diese Zeitbildung abhängig ist von den wissenschaftlichen Grundüberzeugungen unserer Zeit. Wenn auch heute von vielen Seiten versichert wird, daß wissenschaftlich der Materialismus, wie er sich in der Mitte und noch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geltend gemacht hat, überwunden sei, so kann doch diese Behauptung nicht gelten für denjenigen, der nun wirklich das Wesen von Materialismus und seinem Gegenteil durchschaut; denn es ist dieser Materialismus höchstens für einige Menschen überwunden, die sehen, daß die heutigen wissenschaftlichen Tatsachen nicht mehr zulassen, daß man in Bausch und Bogen erklärt: Alles, was es gibt, ist nur irgendein mechanischer, physischer oder chemischer Prozeß, der sich im Materiellen abspielt. — Damit ist es nicht getan, daß, gezwungen durch die Macht der Tatsachen, einige Menschen zu dieser Überzeugung gekommen sind. Denn gegenüber dieser Überzeugung steht die andere Tatsache da, daß nun trotz dieser Überzeugung auch diejenigen, die sie haben, und die anderen erst recht, wenn es darauf ankommt, irgend etwas konkret zu erklären, sich eine Anschauung über irgend etwas Konkretes zu bilden, dann doch in die Denkweise die materialistische Richtung aufnehmen. Man sagt ja auch, Atome, Moleküle sind unschädliche Rechnungsmünzen, von denen man nichts anderes behaupten wolle, als daß sie Gedankendinge seien. Aber die Betrachtung ist deshalb doch eine atomistische, eine molekularistische geblieben. Wir erklären die Welterscheinungen aus dem Verhalten und aus der gegenseitigen Beziehung der Atome oder der Molekularprozesse heraus, und es kommt da nicht darauf an, ob wir uns nun die Vorstellung machen: irgendein Gedanke, ein Gefühl oder irgendein anderer Prozeß hänge nur mit materiellen Vorgängen der Atome und Moleküle zusammen, sondern es kommt darauf an, welche Richtung unsere ganze Seelenverfassung, welche Richtung unser Geist annimmt, wenn er zu seinen Erklärungen nur das als Grundlage annimmt, was atomistisch gedacht ist, was aus dem Kleinsten, dem erfundenen Kleinsten hervorgeht. Nicht ob man wortwörtlich oder gedanklich die Überzeugung hat: es gibt noch etwas anderes |
| 225 | als atomistische Wirkungen, materielle Atomwirkungen, nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob man die Möglichkeit hat, andere Weltenerklärungen zur Richtschnur seines Geistes zu machen als das Herleiten der Erscheinungen aus dem Atomistischen. Nicht was wir glauben, sondern wie wir erklären, wie wir uns in der Seele verhalten, darauf kommt es an. Und hier an diesem Orte muß die Überzeugung vertreten werden, daß über das Übel, das man in dieser Weise charakterisieren kann, wie ich es eben jetzt getan habe, nur wirkliche, echte Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientierte, hinweghelfen kann. Daß dies nun der Fall sein kann: ich möchte es auch im Konkreten belegen. Es gibt wohl kaum etwas, was uns verwirrender entgegentritt, als die heute vielfach geltend gemachten Unterschiede zwischen der menschlichen Leiblichkeit und dem menschlichen Seelischen oder dem menschlichen Geistigen, zwischen demjenigen, was physische Erkrankungen sind, und dem, was sogenannte Seelen- oder Geisteskrankheiten sind. Gerade die sachgemäße Unterscheidung und die sachgemäße Aufeinanderbeziehung solcher Tatsachen des menschlichen Lebens wie die des kranken Leibes oder der scheinbar kranken Seele, die leiden in bezug auf die Einsicht unter der materialistischatomistischen Vorstellungsart. Denn was ist denn eigentlich das Wesen desjenigen Materialismus, der sich als neuere Weltanschauung vieler Menschen allmählich herausgebildet hat, und der durchaus nicht überwunden, sondern heute geradezu in seiner Blüte ist? Was ist das Wesen? Das Wesen ist nicht, daß man auf die materiellen Vorgänge hinsieht, daß man hinsieht auf dasjenige, was sich auch an materiellen Vorgängen in der menschlichen Leiblichkeit abspielt, und daß man hingebungsvoll den Wunderbau und die Wundertätigkeit des menschlichen Nervensystems und der anderen menschlichen Organe oder des Nervensystems der Tiere oder der Organe anderer Lebewesen studiert. Nicht das macht einen zum Materialisten, daß man diese Dinge studiert, sondern das macht einen zum Materialisten, daß man bei dem Studium der materiellen Vorgänge vom Geiste verlassen ist, daß man in die Welt der Materie hineinschaut und nur Materie und materielle Vorgänge sieht. |
| 226 | Das ist dasjenige aber, was Geisteswissenschaft geltend machen muß — ich kann heute über diesen Punkt nur zusammenfassend sprechen —, daß überall, wo uns äußerlich für die Sinne materielle Vorgänge erscheinen, jene Vorgänge, welche die heutige Wissenschaft allein als beobachtbar und exakt gelten lassen will, daß überall da diese materiellen Vorgänge nur die äußere Erscheinung, die äußere Offenbarung von hinter ihnen und in ihnen wirksamen geistigen Kräften und Mächten sind. Es ist nicht Kennzeichen der Geisteswissenschaft, daß man auf den Menschen hinschaut und sagt: Ach, da hat er seinen Leib; dieser Leib ist eine Summe von materiellen Vorgängen, aber darinnen kann der Mensch nicht allein bestehen, er hat unabhängig davon seine unsterbliche Seele —, und daß man jetzt anfängt, in recht mystischer Weise über diese von dem Leib unabhängige, unsterbliche Seele allerlei abstrakte Theorien, allerlei abstrakte Anschauungen auszubilden. Darin charakterisiert sich gar nicht eine geistige Weltanschauung. Man kann durchaus sagen: Der Mensch hat außer seinem Leib, der in materiellen Prozessen besteht, auch eine unsterbliche Seele, die nach dem Tode in irgendein Geisterreich entführt wird. Man ist deshalb im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft nicht ein Geisteswissenschafter. Man ist erst dann ein Geisteswissenschafter, wenn man sich klar darüber wird, daß dieser materielle Leib mit seinen materiellen Prozessen ein Geschöpf des Seelischen ist. Wenn man im einzelnen versteht einzugehen darauf, wie das Seelische, das vor der Geburt oder sagen wir vor der Empfängnis des Menschen da war, wirkt, wie dieses Seelische gestaltet, wie es plastiziert an dem Aufbau, ja an der Substantiierung des menschlichen Leibes, wenn man überall die unmittelbare Einheit dieses Leibes und des Seelischen wirklich durchschauen kann, und wenn man durchschauen kann, wie durch die Wirksamkeit des Geistig-Seelischen im Leibe dieser Leib als solcher abgebraucht wird, dieser Leib in jeder Minute partiell stirbt, und wie dann im Momente des Todes nur, ich möchte sagen, die radikale Ausgestaltung desjenigen geschieht, was durch die Einwirkung des Seelisch-Geistigen auf den Leib in jedem Augenblick vor sich geht, wenn man dieses lebendige Wechselspiel, dieses fortwährende |
| 227 | Wirken der Seele im Leibe durchschaut, wenn man das im einzelnen Konkreten durchschaut, wenn man bestrebt ist, zu sagen: Das Seelische gliedert sich auseinander in ganz konkrete Prozesse, so geht es über in die Prozesse des Leberwirkens, so geht es über in die Prozesse der Atemwirkung, so in die der Herzwirkung, so in die der Gehirnwirkung, kurz, wenn man bei der Schilderung des Materiellen im Menschen das Leibliche des Menschen als das Ergebnis eines Geistigen darzustellen versteht, dann ist man Geisteswissenschafter. Geisteswissenschaft kommt gerade dadurch zur wirklichen Schätzung des Materiellen, daß sie in dem einzelnen konkreten materiellen Vorgang nicht bloß dasjenige sieht, was die heutige Wissenschaft sieht, was das Auge konstatiert oder was dann als Ergebnis in abstrakten Begriffen durch die äußere Beobachtung festgehalten wird, sondern Geisteswissenschaft ist dadurch allein Geisteswissenschaft, daß sie überall zeigt, wie der Geist im Materiellen wirkt, daß sie gerade hingebungsvoll auf die materiellen Wirkungen des Geistes hinschaut. Das ist dasjenige, worauf es auf der einen Seite ankommt. Auf der anderen Seite kommt es darauf an, daß man gerade dadurch bewahrt wird von all dem abstrakten, geschwätzigen Herumreden über eine vom Menschen unabhängige Seele, über die man, insofern sich abspielt das Leben zwischen Geburt und Tod, doch nur phantasieren kann. Denn zwischen Geburt und Tod ist, mit Ausnahme des Schlafes, das Geistig-Seelische so an die leiblichen Wirkungen hingegeben, daß es in ihnen lebt, durch sie lebt, in ihnen sich darstellt. Man muß dazu kommen, das Geistig-Seelische außerhalb des menschlichen Lebenslaufes studieren zu können und den menschlichen Lebenslauf zwischen Geburt und Tod als ein Ergebnis des Geistig-Seelischen hinzunehmen. Dann schaut man hin auf die wirkliche konkrete Einheit des Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Leiblichen. Dann treibt man anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, denn dann hat man in Aussicht, daß dieser Mensch mit allen seinen einzelnen Gliederungen dasteht vor einem als ein Ergebnis des GeistigSeelischen auch für die Erkenntnis. Die mystische theosophische Anschauung, die von allerlei leibfreien Geistigkeiten schöne Theorien aufstellt, die kann nicht dienen den konkreten Wissenschaften des |
| 228 | Lebens, die kann überhaupt nicht dienen dem Leben, die kann nur dienen der intellektualistischen oder seelischen Wollust, die das Leben, das äußere Leben so schnell wie möglich abmachen will und dann, um eine innerliche Befriedigung zu haben, um einer innerlichen Wollust sich hingeben zu können, sich allerlei Phantasien über das Geistig-Seelische webt. Hier in dieser anthroposophisch orientierten Geistesbewegung handelt es sich darum, durchaus ernst zu arbeiten, eine Geisteswissenschaft zu pflegen, welche in der Lage ist, Physik, Mathematik, Chemie, Physiologie, Biologie, Anthropologie durchaus zu beleben. So daß es sich hier nicht darum handelt, religiös oder philosophisch auf der einen Seite zu konstatieren: Der Mensch trägt in sich eine unsterbliche Seele — und dann Anthropologie, Biologie, Physik und Chemie zu treiben, so, als ob man nur materielle Prozesse vor sich hätte, sondern es handelt sich hier darum, dasjenige, was man an Erkenntnis über das Seelisch-Geistige gewinnen kann, auf die Einzelheiten des Lebens anzuwenden, hineinzuschauen in den Wunderbau des Leibes selber. Man kann durchaus sagen, wenn es auch für manchen paradox klingt: Da wollen manche gute Mystiker oder gute Theosophen sein und wollen alles mögliche schwätzen darüber, wie der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich und so weiter, aber sie haben nicht einmal eine Ahnung davon, welche Seelenäußerung das ist, wenn man sich schneuzt. Es kommt darauf an, eben die Materie nicht als Materie, sondern die Materie als die Offenbarung des Geistes zu sehen. Dann bekommt man auch gesunde, inhaltserfüllte Anschauungen über den Geist. Dann aber bekommt man auch eine Geisteswissenschaft, welche fruchtbar sein kann für die Wissenschaften des Lebens. Damit aber wird auch noch etwas anderes erreicht. Damit wird erreicht, daß man überwinden kann wiederum das, was in der neueren Zeit, gerade wegen des Materialistischwerdens der wissenschaftlichen Erkenntnisse, ins Spezialistentum hineingetrieben hat. Ich will wahrhaftig nicht irgendeine Philippika gegen das Spezialistentum halten, denn ich kenne sehr gut seine Berechtigung. Ich weiß, daß gewisse Dinge heute einfach deshalb, weil man zu ihnen |
| 229 | eine spezialisierte Technik braucht, auch aus dem Spezialistentum heraus getrieben werden müssen. Aber es handelt sich darum, daß niemals derjenige, der an dem Materiellen haftet, wenn er zum Spezialisten wird, eine im Leben anwendbare Weltanschauung gewinnen kann. Denn die materiellen Vorgänge sind ein unendliches Feld. Sie sind ein unendliches Feld draußen in der Natur, sie sind ein unendliches Feld im Menschen. Wenn man nur das menschliche Nervensystem studiert nach alledem, was bis heute vorliegt, so kann man lange Zeit damit zubringen, jedenfalls so viel Zeit, als Fachleute gewöhnlich zubringen wollen für ihr Fachstudium. Aber wenn man in dem, was im Nervensystem geschieht, eben nur das vor sich hat, was die materiellen Prozesse sind, was ausgesprochen wird in den abstrakten Begriffen, die heute Gegenstand der Wissenschaft sind, dann leitet einen nichts hin zu irgend etwas Universellem, das Grundlage einer Weltanschauung werden kann. In dem Augenblicke, wo Sie anfangen, geisteswissenschaftlich zu betrachten, sagen wir, das menschliche Nervensystem, da können Sie dieses Nervensystem gar nicht betrachten, ohne daß dasjenige, was Sie in ihm wirksam finden als Geist, daß dieses Sie sogleich hinführt zu dem, was nun dem Muskeisystem, zu dem, was dem Knochensystem, zu dem, was dem Sinnessystem als Geistig-Seelisches zugrunde liegt, denn das Geistige ist nicht etwas, was sich in einzelne Teile auseinanderlegt wie das Materielle, sondern das Geistige ist etwas — im geringsten ist es damit nur charakterisiert —, was wie eine Gliedgestalt, wie ein Organismus sich ausbreitet. Und wie ich einen Menschen nicht betrachten kann, indem ich bloß seine fünf Finger betrachte und ihn sonst zudecke, so kann ich auch geisteswissenschaftlich nicht eine Einzelheit betrachten, ohne daß dasjenige, was ich in dieser Einzelheit als Geistig-Seelisches wahrnehme, mich zu einer Ganzheit führt. Werde ich dann zu einer solchen Ganzheit geführt, allerdings kann es vielleicht nur ein Spezialist für die Gehirn- oder Nervenforschung sein, aber so werde ich doch an der Betrachtung dieses einzelnen Gliedes des menschlichen Organismus ein Gesamtbild vom Menschen zu bekommen vermögen. Dann werde ich in die Lage geführt, nun wirklich etwas Universelles für eine Weltanschauung |
| 230 | zu bekommen, und dann liegt das Eigentümliche vor, daß ich dann beginnen kann, auch von etwas vom Menschen zu sprechen, was allen Menschen, die überhaupt gesunden Sinn und gesunden Verstand haben, begreiflich sein kann. Das ist der große Unterschied zwischen dem, wie Geisteswissenschaft über den Menschen sprechen kann, und wie spezialisierte materialistische Wissenschaft über den Menschen sprechen muß. Sehen Sie, nehmen wir den einfachen Fall, wie spezialisierte, materialistische Wissenschaft Ihnen vorliegt in irgendeinem der heute gebräuchlichen Handbücher. Wenn Sie als gewöhnlicher Mensch, der nicht viel gelernt hat über das Nervensystem, ein Handbuch über das Nervensystem in die Hand nehmen: Nun, Sie werden wahrscheinlich bald wieder zu lesen aufhören, oder Sie werden jedenfalls nicht viel gewinnen, was Ihnen eine Grundlage abgeben kann dafür, daß Sie den Menschen als wirkliches Menschenwesen in seinem Wert, in seiner Würde anschauen können. Hören Sie aber dasjenige, was aus dem Fond der Geisteswissenschaft über das menschliche Nervensystem gesprochen werden kann, so schließt sich überall an eine solche Besprechung dasjenige an, was dann zum ganzen Menschen führt, was so Aufklärung gibt über den ganzen Menschen, daß einem in der Idee, die einem aufgeht, etwas vorliegt von Wert, Wesen und Würde des Menschen, mit dem man es zu tun hat. Und bei nichts mehr macht sich das geltend, als wenn wir nun nicht bloß den gesunden Menschen betrachten in bezug auf irgendeines seiner Glieder, sondern es macht sich insbesondere dann geltend, wenn wir den kranken Menschen betrachten, diesen kranken Menschen mit seinen so vielen Abweichungen von dem sogenannten Normalen, namentlich wenn wir in der Lage sind, den ganzen Menschen zu betrachten, wenn er unter dem Einflüsse dieser oder jener Erkrankungen steht. Dasjenige, was uns da die Natur vor die Seele stellt in dem kranken Menschen, das ist geeignet, uns tief in die Weltenzusammenhänge hineinzuführen, uns hinzuführen darauf, wie dieser Mensch organisiert ist, und wie wegen seiner Organisation die atmosphärischen, ja die außerirdischen Einflüsse auf diesen Menschen wirken können, wie diese menschliche Organisation zusammenhängt mit diesen oder jenen Stoffen der Natur, die sich dann als Heilmittel |
| 231 | herausstellen und so weiter. Wir werden da in weite Zusammenhänge hineingeführt, und man darf sagen: Wenn man dasjenige ergänzt, was in dieser Art über den gesunden Menschen erkannt werden kann, durch das, was man erkennen kann durch den kranken Menschen, dann geht einem dadurch eine tiefe Einsicht auf in den ganzen Zusammenhang und die tiefere Bedeutung des Lebens. Aber alles dasjenige, was einem so aufgeht, ist Grundlage für eine Menschenkenntnis, ist Grundlage für etwas, was dann in Ausdrucksformen gebracht werden kann, die zu allen Menschen gesprochen werden können. Wir sind heute natürlich nicht so weit, weil Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier gemeint ist, erst kurze Zeit arbeiten kann. Deshalb können die Vorträge, die hier gehalten werden, wie eben vorhin in den einleitenden Worten des Dr. Boos gesagt worden ist, vielfach nur als ein Anfang dastehen. Aber es ist die Tenenz dieser Geisteswissenschaft, dasjenige, was in den einzelnen Wissenschaften vorliegt, zu einer solchen Gestalt herauszuarbeiten, daß dasjenige, was jeder Mensch über den Menschen wissen sollte, auch wirklich an jeden Menschen herangebracht werden kann. Und nun denke man sich, wenn erst Geisteswissenschaft so umgestaltend auf die Wissenschaft wirkt, und wenn es dann dieser Geisteswissenschaft gelingt, Erkenntnisformen für das gesunde und kranke Menschenwesen auszugestalten, die man dem allgemeinen menschlichen Bewußtsein zugänglich machen kann, wenn das gelingt, wie anders Mensch zu Mensch steht im sozialen Leben, wie anders verständnisvoll der einzelne Mensch dem anderen Menschen entgegengestellt ist als heute, wo jeder an dem anderen vorbeigeht und kein Verständnis für die besondere Individualität dieses anderen hat! Die soziale Frage wird erst dann aus ihrem Intellektualismus heraus geholt, wenn sie auf den verschiedensten Gebieten des Lebens aus der Sachkenntnis heraus geholt wird, wenn ihr zugrunde liegen die konkreten Erfahrungen des Lebens. Das zeigt sich insbesondere auf dem Gebiete der Gesundheitspflege. Denn man denke sich die soziale Wirkung davon, daß an den Menschen ein Verständnis für dasjenige, was am anderen Menschen gesund, was am anderen Menschen krank ist, herangebracht wird; man denke sich, was es heißt: |
| 232 | durch die ganze Menschheit wird die Gesundheitspflege mit Verständnis in die Hand genommen. Gewiß, hier soll nicht etwa ein wissenschaftlicher oder ärztlicher Dilettantismus gepflegt werden — das muß schon gelten —, aber denken Sie sich, es wird einfach für das Gesunde und Kranke in unseren Mitmenschen teilnahmsvolles, nicht bloß Gefühl, sondern Verständnis erweckt, Verständnis aus einer Anschauung über den Menschen. Denken Sie sich die soziale Wirkung einer solchen Sache, und Sie werden sich sagen müssen: Da sieht man, daß aus der Sachkenntnis auf den einzelnen Gebieten die soziale Reform, der soziale Neuaufbau hervorgehen muß, nicht aus allgemeinen, seien sie marxistische, seien sie Oppenheimersche, seien sie so oder so geartete Theorien, die hinwegschauen über den Menschen, die aus abstrakten Begriffen heraus eine Weltgestaltung machen wollen. Nicht daraus kann das Heil hervorgehen, sondern aus dem hingebungsvollen Erkennen der einzelnen Gebiete. Und die Gesundheitspflege, die Hygiene, ist ein solches ganz besonderes Gebiet, denn sie führt uns, ich möchte sagen, am nächsten an alles dasjenige heran, was unser Mitmensch an Freude hat durch seine gesunde, normale Lebensart, oder an Schmerzen und Leiden, an Einschränkungen durch dasjenige, was als mehr oder weniger Krankes in ihm ruht. Das ist so etwas, was uns gleich hinweist auf die besondere soziale Art, wie Geisteswissenschaft sie auf dem hygienischen Gebiete schaffen kann. Denn wenn in einer solchen Art der Pfleger der Menschheitskunde, der Kunde von dem gesunden und kranken Menschen, auch derjenige, der sich nun zum Arzt spezialisiert, mit einer solchen Erkenntnis in die menschliche Sozietät hineingestellt ist, dann wird er in der Lage sein, innerhalb dieser menschlichen Gesellschaft Aufklärung zu schaffen, denn er wird Verständnis finden. Und es wird sich nicht nur das Verhältnis des Arztes zur Sozietät herausstellen, daß man, wenn man nicht gerade sein Freund oder sein Verwandter ist, an seinem Hause vorbeigeht und ihn holen läßt, wenn einem etwas weh tut oder wenn man sich das Bein gebrochen hat, sondern es wird sich ein Verhältnis zum Arzte so herausstellen, daß der Arzt der fortwährende Lehrer und Anweiser der prophylaktischen Gesundheitspflege ist, daß in der Tat ein fortwährendes Eingreifen des Arztes |
| 233 | dasteht, nicht nur um den Menschen, bei dem das Erkranktsein so weit geht, daß er es bemerkt, zu heilen, sondern um die Menschen, so weit das angängig ist, gesund zu erhalten. Ein lebendiges soziales Wirken wird stattfinden zwischen dem Arzte und der ganzen übrigen Menschheit. Dann aber wird auf die Medizin selber ausstrahlen die Gesundheit einer solchen Erkenntnis. Denn wir sind ja gerade dadurch, daß der Materialismus sich auch über die medizinische Betrachtung des Lebens ausgedehnt hat, wahrhaftig in merkwürdige Anschauungen hineingerannt. Da haben wir auf der einen Seite die physischen Erkrankungen. Sie werden studiert, indem man die Organentartungen oder dasjenige, was sonst an physisch wahrnehmbaren oder an physisch gedachten Vorgängen, die innerhalb der menschlichen Leibeshaut sein sollen, findet, und es wird das Augenmerk darauf gelenkt, daß man Schädigungen, die man da findet, ausbessern kann. In dieser Richtung wird nun ganz materialistisch über das Leibliche des Menschen in seinem normalen und in seinem abnormen Zustande gedacht. Daneben treten die sogenannten Seelen- oder Geisteskrankheiten auf. Diese Seelen- oder Geisteskrankheiten nun hat man auf der einen Seite, weil man materialistisch dachte, zu bloßen Gehirnkrankheiten gemacht, oder zu Erkrankungen des Nervensystems sonst, hat wohl auch Grundlagen dafür in dem sonstigen Organsystem des Menschen gesucht. Aber weil man überhaupt keine Anschauung ausbildete über die Art, wie schon in der menschlichen Leiblichkeit der Geist und die Seele wirken, konnte man keine Anschauung gewinnen über das Verhältnis der Geisteskrankheit, der sogenannten Geisteskrankheit zu dem, was der Mensch sonst ist. Und so stehen, ich möchte sagen, die Geisteskrankheiten auf der einen Seite da, sind sogar heute erfaßt von einer merkwürdigen Zwitterwissenschaft, von der Psychoanalyse, die materialistisch denkt, aber das Materialistische ganz und gar nicht versteht, sie stehen da, diese Geistes- und Seelenkrankheiten, ohne daß man irgendwie in vernünftiger Weise sie zusammenbringen kann mit dem, was im menschlichen Organismus eigentlich vor sich geht. Geisteswissenschaft kann nun zeigen — und ich habe darauf aufmerksam gemacht —, daß dasjenige, was ich hier ausspreche, |
| 234 | nicht bloß Programm ist, sondern daß es in Einzelheiten verfolgt wird, gerade bei den Gelegenheiten, die sich jetzt dargeboten haben bei der Abhaltung eines Kursus für Ärzte, der in diesen Wochen hier stattgefunden hat. Geisteswissenschaft kann ja durchaus im einzelnen zeigen, wie alles dasjenige, was sogenannte Geistes- und Seelenkrankheit ist, durchaus auf Organstörungen beruht, auf Organentartungen, Organvergrößerungen, Organverkleinerungen im menschlichen Organismus. Irgendwo im Herzen, in der Leber, in der Lunge, irgendwo ist etwas nicht in Ordnung, wenn zur selben Zeit oder später dasjenige auftritt, was eine sogenannte Geisteskrankheit ist. Eine Geisteswissenschaft, welche dazu durchdringt, den Geist im normalen Herzen in seiner Wirksamkeit zu erkennen, eine solche Geisteswissenschaft ist auch imstande — und braucht sich dessen nicht zu schämen —, in der Entartung des Herzens, in den Fehlern des Herzens eine Ursache für den sogenannten kranken Geist oder die kranke Seele zu suchen. Der hauptsächlichste Fehler nämlich des Materialismus besteht nicht darinnen, daß er den Geist ableugnet. Da könnte ja die Religion dann dafür sorgen, daß der Geist noch anerkannt wird. Der Hauptfehler des Materialismus besteht darinnen, daß er die Materie nicht erkennt, weil er nur ihre Außenseite beobachtet. Gerade das ist der Mangel des Materialismus, daß er keinen Einblick in die Materie gewinnt, zum Beispiel bei der bloß psychoanalytischen Behandlung, bei der bloßen Beobachtung von irgend etwas, was in der Seele vorgegangen ist, und das er als Seeleninsel bezeichnet, also ein Abstraktum, während man verfolgen muß, wie gewisse Seeleneindrücke, die der Mensch zu dieser oder jener Zeit seines Lebens erhalt, und die in normaler Weise gebunden sind an den normalen Organismus, auf fehlerhafte Organe auftreffen, statt zum Beispiel auf eine gesunde Leber auf eine kranke, welches Auftreffen sich vielleicht in einer ganz anderen Zeit zeigen kann als die, wo der Defekt organisch bemerkbar ist. Geisteswissenschaft braucht nicht davor zurückzuschrecken, dies zu zeigen, wie die sogenannte Geistes- oder Seelenkrankheit immer zusammenhängt mit irgend etwas im menschlichen Leibe. Die |
| 235 | Geisteswissenschaft muß geradezu streng darauf hinweisen, daß man da nichts hat als höchstens eine einseitige Diagnose, wenn man bloß das Seelische, den seelischen Komplex studiert, die Abweichungen des Seelischen von dem sogenannten normalen seelischen Leben. Daher kann Psychoanalyse niemals etwas anderes sein als höchstens etwas Diagnostisches, kann niemals zur wirklichen Therapie auf diesem Gebiete führen. Aus diesem Grunde, weil die Therapie gerade einsetzen muß bei Geisteskrankheiten mit der leiblichen Kur, muß man bis in die einzelnen Teile hinein die Verzweigungen des Geistigen kennen, wenn man wissen will, wo man einzusetzen hat im materiellen Leib, der aber durchgeistigt ist, wo man einzusetzen hat, um dasjenige zu kurieren, was sich in abnorm seelischen Verhältnissen eben nur symptomatisch zeigt. Gerade das muß Geisteswissenschaft am entschiedensten betonen, daß die sogenannten Geistes- und Seelenkrankheiten bis hinein verfolgt werden müssen in die Organologie des Menschen. In die abnorme Organologie des Menschen kann man aber nur hineinsehen, wenn man den Geist bis in die kleinsten Teile der Materie hinein verfolgen kann. Und umgekehrt dasjenige, was scheinbar bloß auf das Seelische oder im Seelischen wirkende Lebenserscheinungen sind, sagen wir dasjenige, was in den Temperamenten und in der Betätigung der Temperamente des Menschen hervortritt, was hervortritt in der ganzen Art und Weise, wie der Mensch als kleines Kind spielt, wie er geht, was er tut, das alles, was heutzutage nur geistig-seelisch verstanden wird, hat auch seine leibliche Seite. Und ein Verfehltes in bezug auf manches in der Erziehung des Kindes kann in späterer Zeit in einer ganz gewöhnlichen physischen Erkrankungsform zum Vorschein kommen. Ja man wird geradezu in gewissen Fällen dazu geführt, wenn man Geisteskrankheiten vor sich hat, auf das Leibliche zu sehen, um da zu erforschen dasjenige, worauf es ankommt, und bei physischen Erkrankungen auf das Geistige zu sehen und da zu erforschen, worauf es ankommt. Denn das ist das Wesentliche der Geisteswissenschaft, daß sie nicht in Abstraktionen von einem nebulosen Geistigen spricht, wie die Mystiker, wie die einseitigen Theosophen tun, sondern daß sie den Geist verfolgt in seine materiellen |
| 236 | Wirkungen hinein, daß sie nirgends das Materielle so begreift, wie es die heutige äußere Wissenschaft begreift, sondern überall bei der Betrachtung des Materiellen zum Geiste vordringt und so auch dasjenige beobachten kann, wo sich ein abnormes Seelenleben dadurch äußern muß, daß ein, wenn auch vielleicht äußerlich verborgenes, abnorm körperliches Leben vorliegt. Man macht sich in weitesten Kreisen heute über die ernsthaft gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ganz falsche Vorstellungen, vielleicht manchmal mit Recht, wenn man diejenigen reden hört, die nicht wahrhaftig eingehen wollen auf dasjenige, um was es sich eigentlich handelt, die nur reden von abstrakten Theorien: Der Mensch besteht aus dem und dem, und es gibt wiederholte Erdenleben und so weiter. Diese Dinge sind ja selbstverständlich allerwichtigst und sehr schön. Aber wenn es sich darum handelt, besonders ernsthaft zu arbeiten in dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung, dann handelt es sich darum, daß eingegangen werde auf die einzelnen Kapitel, auf die einzelnen Gebiete dieses Lebens. Und im allerweitesten Sinne führt das wiederum zu einem sozial gesinnten Zusammensein der Menschen. Denn wenn man so sieht, wie die krank erscheinende Seele ihre Impulse hineinstrahlt in den Organismus, wenn man diesen Zusammenhang zwischen dem Organismus und der krank erscheinenden Seele fühlen kann — fühlen mit Verständnis —, wenn man auf der anderen Seite weiß, wie die Lebenseinrichtungen auch auf die physische Gesundheit des Menschen wirken, wie das Geistige, das in sozialen Einrichtungen scheinbar nur äußerlich besteht, hineinwirkt in die physische Gesundheitspflege des Menschen, wenn man das überschaut, dann ist man in einer ganz anderen Weise drinnenstehend in der menschlichen Sozietät. Man beginnt dadurch ein richtiges Menschenverständnis zu gewinnen, und man behandelt den anderen Menschen ganz anders. Man verfolgt seinen Charakter ganz anders. Man weiß, gewisse Eigenschaften hängen mit diesem oder jenem zusammen, man weiß sich diesen Eigenschaften gegenüber zu benehmen, man weiß, besonders wenn man Aufgaben damit verbunden hat, in der richtigen Weise die Temperamente der Menschen in die menschliche Sozietät hineinzustellen |
| 237 | und namentlich in der richtigen Weise zu entwickeln. Ein soziales Gebiet wird insbesondere intensiv beeinflußt werden müssen in hygienischer Beziehung von einer errungenen Menschenkenntnis, das ist das Gebiet der Erziehung, das Gebiet des Unterrichts. Man kann gar nicht eigentlich, ohne wirklich umfassend den Menschen zu kennen, ermessen, was es heißt: die Kinder sitzen in der Schule mit gebückten Rücken, so daß fortwährend ihre Atmung in Unordnung ist, oder Kinder werden nicht angehalten, laut und deutlich, deutlich vokalisierend, deutlich konsonantisierend zu sprechen. Das ganze spätere Leben hängt im wesentlichen davon ab, ob das Kind in der Schule in der richtigen Weise atmet und ob es angehalten wird, laut und deutlich und artikuliert zu sprechen. In solchen Dingen — ich reiße nur Beispiele heraus, denn auf andere Gebiete ließe sich ein Ähnliches anwenden — zeigt sich die Spezialisierung der Gesamthygiene auf das Schulwesen, und gerade darinnen zeigt sich die ganze soziale Bedeutung der Hygiene, zeigt sich aber auch, wie das Leben fordert, daß wir nicht weiter spezialisieren, sondern daß wir zusammenbringen das Spezialisierte zu einer Gesamtanschauung. Wir brauchen nicht nur dasjenige, was den Lehrer befähigt, zu wissen, nach gewissen pädagogischen Normen soll man ein Kind so oder so erziehen, sondern wir brauchen dasjenige, was den Lehrer befähigt, ein Urteil darüber zu haben, was es heißt, wenn er diesen oder jenen Satz von dem Kind artikuliert klar aussprechen läßt, oder wenn er das Kind, nachdem es einen halben Satz gesagt hat, schon wieder Luft schnappen läßt und so weiter und nicht dafür sorgt, daß die Luft verbraucht wird, während der Satz ausgesprochen wird. Gewiß, es gibt auch darüber viele Anhaltspunkte und Regeln. Aber die richtige Anerkennung und Anwendung dieser Dinge zieht erst in unser Herz herein, wenn wir die ganze Bedeutung für das Menschenleben und die soziale Gesundheit ermessen. Denn dann erst wird die Sache ein sozialer Impuls. Diese Erwägungen waren es, die zugrunde lagen, als ich beim Ausgangspunkte der Gründung der Waldorfschule in Stuttgart vorher den Lehrern dort den pädagogisch-didaktischen Kurs gehalten habe, diese Erwägung, daß man Lehrer braucht, die aus der ganzen |
| 238 | Tiefe einer menschenverstehenden Weltanschauung arbeiten können für die Erziehung und für den Unterricht der Kinder. Dasjenige, was da in die Sätze, die als pädagogisch-didaktische Kunst ausgesprochen worden sind, hineingelegt worden ist, das strebt alles darauf hin, aus den Kindern, die erzogen und unterrichtet werden, Menschen zu machen, bei denen später dadurch, daß sie angehalten werden, als Kind die Funktionen des Lebens in der richtigen Weise zu vollziehen, daß Lunge und Leber und Herz und Magen in Ordnung seien, weil die Seele in der richtigen Weise gearbeitet hat daran. Niemals wird diese Weltanschauung in materialistischer Weise das alte Wort deuten: In einem gesunden Körper lebt eine gesunde Seele. — Materialistisch gedeutet hieße das, wenn man den Körper gesund hat, wenn man ihn mit allen möglichen physischen Mitteln gesund gemacht hat, dann wird er von selber der Träger einer gesunden Seele. Unsinn ist das. Sinn hat das: In einem gesunden Körper lebt eine gesunde Seele — nur, wenn man in der folgenden Weise vorgeht, ich meine, wenn man sich sagt: Da habe ich einen gesunden Körper vor mir, der zeigt mir dann, daß ihn aufgebaut hat, plastisch ausgestaltet hat, gesund gemacht hat die Kraft einer gesunden Seele. Ich erkenne aus diesem Körper, daß eine autonome gesunde Seele in ihm gearbeitet hat. P is ist der Sinn des Ausspruchs. Aber nur so kann dieser Ausspruch auch einer gesunden Hygiene zugrunde liegen. Mit anderen Worten: Wir brauchen nicht etwa neben den Lehrern, die nur aus einer pädagogisch abstrakten Wissenschaft heraus arbeiten, noch einen Schularzt, der alle vierzehn Tage einmal, wenn es hoch kommt, durch die Schule geht und auch nichts Gescheites anzufangen weiß, nein, wir brauchen eine lebendige Verbindung der medizinischen Wissenschaft mit der pädagogischen Kunst. Wir brauchen eine pädagogische Kunst, die in allen ihren Maßnahmen in hygienisch richtiger Weise die Kinder erzieht und unterrichtet. Das ist dasjenige, was die Hygiene zu einer sozialen Frage macht, denn die soziale Frage ist im wesentlichen eine Erziehungsfrage, und die Erziehungsfrage ist im wesentlichen eine medizinische Frage, aber eine Frage nur derjenigen Medizin, die geisteswissenschaftlich |
| 239 | befruchtet ist, einer Hygiene, die geisteswissenschaftlich befruchtet ist. Diese Dinge, die weisen dann noch auf etwas hin, was außerordentlich bedeutungsvoll ist gerade mit Bezug auf das Thema «Hygiene als soziale Frage». Denn wenn Geisteswissenschaft gepflegt wird, und wenn Geisteswissenschaft etwas Konkretes für den Menschen ist, dann weiß er, daß in dem, was er in der Geisteswissenschaft erhält, etwas ruht, was sich unterscheidet von dem, was er im bloßen Intellektualismus — und auch die Naturwissenschaft der Gegenwart ist bloßer Intellektualismus —, was er in dem bloßen Intellektualismus oder in der bloß intellektualistisch ausgebildeten Naturwissenschaft oder in der bloß intellektualistisch ausgebildeten Historie von heute oder der Rechtswissenschaft erhält. Alle Wissenschaften sind heute intellektualistisch; wenn sie behaupten, Erfahrungswissenschaften zu sein, so beruht das nur darauf, daß sie die sinnlich beobachteten Erfahrungsergebnisse intellektualistisch ausdeuten. Von diesen intellektualistisch ausgedeuteten naturwissenschaftlichen oder sonstigen Resultaten unterscheidet sich dasjenige, was in der Geisteswissenschaft gegeben ist, ganz wesentlich. Denn es wäre sogar recht traurig, wenn dasjenige, was in unserer intellektualistischen Kultur lebt, nicht bloß Bild wäre, sondern eine reale Macht, die auf den Menschen tiefer wirkt. Alles Intellektualistische bleibt nämlich nur an der Oberfläche des Menschen. Dieser Satz ist ganz umfassend gemeint. Derjenige, der Geisteswissenschaft nur intellektualistisch betreibt, das heißt, der sich nur Notizen macht: es gibt einen physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, ein wiederholtes Erdenleben, ein Karma und so weiter — und das so notiert, wie man in der Naturwissenschaft oder in der heutigen Sozialwissenschaft notiert —, der treibt nicht im Ernste Geisteswissenschaft, denn er verpflanzt die Denkweise, die er sonst hat, nur auf dasjenige, was ihm in der Geisteswissenschaft entgegentritt. Das Wesentliche bei der Geisteswissenschaft ist, daß sie in anderer Weise gedacht, in anderer Weise empfunden, in ganz anderer Weise als der intellektualistischen seelisch erlebt werden muß. Deshalb ist Geisteswissenschaft etwas, was durch sich selbst einen lebendigen Bezug |
| 240 | zum gesunden und kranken Menschen erhält, allerdings in etwas anderer Weise, als man es sich oftmals träumen läßt. Es werden sich doch wohl die Menschen genügend überzeugt haben, wie machtlos man mit dem ist, was man, sei es als Ermahnung, sei es als Zureden, mit der rein intellektualistischen Kultur anfängt gegenüber dem sogenannten Geisteskranken. Der Geisteskranke behauptet, zu ihm sprechen Stimmen; Sie sagen ihm alles mögliche, was Sie aus Ihrer intellektuellen Vernunft heraus finden: vergeblich, denn er weiß Ihnen alle möglichen Einwände und so weiter. Schon das könnte darauf hinweisen, wie man es nicht mit einer Erkrankung des bewußten Seelenlebens oder auch des unterbewußten Seelenlebens, sondern mit einer Erkrankung des Organismus zu tun hat. Geisteswissenschaft lehrt erkennen, daß man allerdings auch nicht auf solchem Wege, der ein sogenannter spiritueller sein soll, auf dem man zum Beispiel zu Hypnose und Suggestion greift und den sogenannten Geistes- oder Seelenkrankheiten beikommen kann, sondern daß man ihnen auf sogenanntem physischem Wege beikommen muß, das heißt durch Organheilungen, zu denen man aber auch eine Geist-Erkenntnis des Menschen erst recht braucht. Geist-Erkenntnis weiß, daß sie gar nicht eigentlich eingreifen sollte gerade in das Gebiet der sogenannten Geisteskrankheiten mit bloßen geistigen oder seelischen Prozeduren, weil die Geisteskrankheit ja gerade darinnen besteht, daß das geistige Glied des Menschen herausgedrängt ist, wie es sonst nur im Schlafe ist, und schwach ist in diesem Ausgedrängtsein, sondern daß man das Organ kurieren muß, damit es die Seele und den Geist wiederum in gesunder Art zurücknimmt. Dagegen greift dasjenige, was nicht aus dem Intellekt, aus dem Kopfe, sondern aus dem ganzen Menschen als geisteswissenschaftliches Ergebnis hervorgeht, wenn es auftritt als Imagination, Inspiration, Intuition, und wenn es vom Menschen aufgenommen wird, in seinen ganzen Organismus ein. Es greift wirklich in die physische Organisation des Menschen gesundend ein, was Geisteswissenschaft wirklich ist. Dagegen ist kein Beweis, daß manche Träumer sich krank fühlen innerhalb der Geisteswissenschaft oder eben das Gegenteil von dem zeigen, was ich eben ausgesprochen habe. Es gibt eben so unendlich |
| 241 | viele, die nicht Geisteswissenschafter sind, sondern die intellektualistische Notizensammler der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse sind. Aber Geisteswissenschaft wirklich in ihrer Substanz verbreiten, ist selber eine soziale Hygiene, denn sie wirkt auf den ganzen Menschen, sie normalisiert wiederum seine Organologie, wenn sie droht, nach Träumen oder nach der anderen Seite diese oder jene Tendenz zu einer Abweichung ins Abnorme zu entwickeln. Das ist der gewaltige Unterschied desjenigen, was im Geisteswissenschaftlichen gegeben wird, von dem, was in der bloßen intellektualistischen Wissenschaft auftritt, daß die auf dem Gebiete des Intellektualismus hervortretenden Begriffe viel zu schwach, weil bloß bildhaft, sind, um einzugreifen in den Menschen, um gesundend auf ihn wirken zu können. Die geisteswissenschaftlichen Begriffe dagegen sind so, daß sie herausgeholt sind aus dem ganzen Menschen. Bei der Formung der geisteswissenschaftlichen Begriffe hat wahrhaftig nicht bloß das Gehirn mitgewirkt, sondern Lunge und Leber und Herz und der ganze Mensch, und es klebt ihnen an, durchdringt sie, wenn ich sagen darf, in einer plastischen Ausgestaltung, was sie aus der Kraft des ganzen Menschen haben. Und durchdringt man sich mit ihnen, nimmt man sie erkennend durch den gesunden Menschenverstand auf, so wirken sie wiederum zurück in hygienischer Weise auf den ganzen Menschen. Das ist es, was von der Geisteswissenschaft ausgehend in das Hygienische als eine soziale Angelegenheit richtunggebend eingreifen kann. Aber noch in vieler anderer Weise — ich kann nur Beispiele herausziehen — wird Geisteswissenschaft orientierend eingreifen in das ganze Gesundheitsleben der Menschheit, wenn diese Geisteswissenschaft wirklich einmal in ihrem vollen Ernste unter der Menschheit Fuß faßt. Ich will nur auf eines hinweisen. Zu denjenigen Kapiteln, die immer wieder und wiederum durch Geisteswissenschaft studiert werden müssen, gehört die Beziehung des wachen Menschen zum schlafenden Menschen, gehört der gewaltige Unterschied, der zwischen der menschlichen Organisation im Wachen und im Schlafen besteht. Wie Geist und Seele sich verhalten im Wachen, wenn sie |
| 242 | einander durchdringen in der Leiblichkeit und Geistigkeit und in dem Seelischen des Menschen, wie sie sich verhalten, wenn sie temporär voneinander getrennt sind wie im Schlafen, das wird sorgfältig gerade durch Geisteswissenschaft studiert. Nun kann ich nur, ich möchte sagen, referierend einen gewissen Satz angeben, der aber ein ganz gesichertes Ergebnis der Geisteswissenschaft ist. Wir sehen im Leben sogenannte epidemische Krankheiten auftreten, Krankheiten, die ganze Menschenmassen ergreifen, die also durchaus eine soziale Angelegenheit zu gleicher Zeit sind. Die gewöhnliche materialistische Wissenschaft studiert sie am menschlichen physischen Organismus. Sie weiß nichts davon, welche ungeheure Bedeutung gerade für Epidemien und für die Dispositionen für epidemische Krankheiten in dem anormalen Verhalten des Menschen zu Wachen und Schlafen liegt. Dasjenige, was im menschlichen Organismus während des Schlafens geschieht, ist etwas, was, wenn es zum Beispiel im Überflüsse geschieht, im hohen Grade für sogenannte epidemische Krankheiten prädisponiert. Menschen, die sich durch einen zu langen Schlaf Prozesse im menschlichen Organismus bereiten, die nicht da sein sollten, weil der Schlaf nicht so lange das Wachleben unterbrechen sollte, die sind in ganz anderer Weise für epidemische Krankheiten prädisponiert, und die stellen sich auch in Epidemien in einer ganz anderen Weise hinein. Nun können Sie von selbst ermessen, was es bedeutet, die Menschen aufzuklären über die richtige Verteilung von Schlafen und Wachen. Das können Sie nicht durch Vorschriften. Sie können allenfalls den Leuten vorschreiben, daß sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken, wenn sie Scharlach haben, Sie können nicht Vorträge abhalten, wenn die Grippe herrscht: da parieren die Leute, weil ja heute der Mensch zur «Freiheit» neigt, ich meine, das «Autoritätsgefühl» nicht so groß ist wie in früheren Zeiten; da parieren also die Menschen. Ich sage nicht, daß sie nicht mit Recht parieren, ich sage nichts gegen das, was auf diesem Wege geschieht, aber Sie können unmöglich in derselben Weise den Menschen vorschreiben: Ihr müßt sieben Stunden schlafen. — Dennoch ist das wichtiger als die anderen Vorschriften, daß die Menschen, die es nötig haben, sieben Stunden |
| 243 | schlafen, die anderen, die es nicht nötig haben, viel kürzer schlafen dürfen und so weiter. Solche Dinge aber, die so intim mit dem Persönlichsten des Menschenlebens zusammenhängen, die haben in großartiger Weise eine soziale Wirkung. Da hängt es tatsächlich von dem Intimsten im Menschen ab, wie die sozialen Auswirkungen geschehen, ob eine größere oder geringere Anzahl diesem oder jenem Beruf entzogen werden, wodurch unter Umständen auf einen ganz anderen Ort eine Wirkung ausgeübt wird, oder nicht. Da greift in der Tat die Hygiene in ungeheurer Weise in das soziale Leben hinein. Ganz abgesehen davon, was man über Ansteckung oder Nichtansteckung denkt, es greift bei Epidemien dieses Element in das soziale Leben ein. Da können Sie nicht durch äußere Vorschriften wirken, da können Sie nur wirken, wenn Sie in die menschliche Sozietät hineinbringen ein Laienpublikum, das mit Menschenverständnis dem aufklärend für Prophylaxe wirkenden Arzte gegenübersteht, wo immer ein lebendiges Zusammenwirken zur Erhaltung der Gesundheit zwischen dem Sachverständigen und dem menschenverständigen Laien eintreten kann. Wenn wir alle diese Dinge überblicken, dann werden wir uns sagen: Hier haben wir geschildert eine Seite der Hygiene als soziale Frage, die im eminentesten Sinne davon abhängig ist, daß wir ein freies Geistesleben haben, daß wir tatsächlich ein Geistesleben haben, wo innerhalb des Geistgebietes diejenigen, die in der Pflege des Geisteslebens, auch insofern es sich in seine einzelnen praktischen Gebiete hineinerstreckt, wie zum Beispiel in die Hygiene, völlig unabhängig sind von allem anderen, was nicht die reine Erkenntnis, was nicht die Pflege des Geisteslebens selber gibt. Dasjenige, was der Einzelne leisten kann zum Besten seiner Mitmenschen, das muß ganz allein aus seinen Fähigkeiten hervorgehen, darüber darf es keine staatlichen Normen geben, darüber darf auch nicht von wirtschaftlichen Mächten eine Abhängigkeit bestehen, das muß in die persönliche Abhängigkeitssphäre des einzelnen Menschen gestellt sein und muß weiter gestellt sein in das verständnisvolle Vertrauen, das dem fähigen Menschen die anderen, die die Anwendung seiner Fähigkeiten brauchen, entgegenbringen können. Da braucht man das von |
| 244 | allem Obrigkeitlichen, vom Staatlichen und vom Wirtschaftlichen aus unabhängige Geistesleben, das rein aus den geistigen Kräften heraus selber sachverständig wirkt. Gerade wenn Sie durchdenken dasjenige, was die Hygiene wirklich zu etwas machen kann, was innig verbunden ist mit einsichtsvoller Menschenerkenntnis und mit einsichtsvollem sozialem Menschenverhalten, dann werden Sie darauf kommen, wenn — was auch abstrakte Theorien sagen gegen die selbständige Stellung des Geisteslebens — man sachverständig auf den einzelnen Zweig, wie die Hygiene, eingeht, daß gerade das einzelne konkrete Sachgebiet fordert — und wie für die Hygiene könnte es auch für andere Gebiete aufgezeigt werden —, daß der Geist in Verwaltung genommen werden muß von denjenigen, die an seiner Pflege beteiligt sind, daß nicht bloß Sachverständige, die als Experten bei den Ministerien sind, sondern daß diejenigen, die im geistigen Leben wirksam sind, auch die Verwalter dieses geistigen Lebens und die alleinigen Verwalter dieses geistigen Lebens sein müssen. Dann, wenn so auf soziale Einsicht aus dem freien Geistesleben heraus eine wirklich als soziale Institution bestehende Hygiene da ist, dann wird für diese Hygiene in ganz anderer Weise wirtschaftlich gearbeitet werden können, und gerade in einem unabhängigen Wirtschaftsleben, in einem Wirtschaftsleben, das so aufgebaut ist, wie ich es geschildert habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», wie es wiederholt geschildert worden ist in den Zeitschriften, die dieser Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus dienen, zum Beispiel in der schweizerischen «Sozialen Zukunft», die von Dr. Boos herausgegeben wird. Wenn tatsächlich dasjenige, was latent ist, was ruhend ist im Schöße der menschlichen Sozietät an Kräften für die Pflege des Hygienischen, wenn das mit Menschenverständnis entgegengenommen wird von der Sozietät, wenn dieses allgemeine Ordnung wird, dann wird in das Wirtschaftsleben, in das unabhängige Wirtschaftsleben hineingetragen werden können alles dasjenige, was aus diesem unabhängigen Wirtschaftsleben heraus ohne alle Rücksicht auf irgendwelche Abhängigkeit von Erwerbsimpulsen oder von staatlichen Impulsen, was rein aus diesem unabhängigen Wirtschaftsleben |
| 245 | heraus arbeiten kann, dasjenige, was im Dienste einer echten, wahren Hygiene aus dem Wirtschaftsleben heraus gepflegt werden muß. Dann wird aber auch — und nur dann — in das Wirtschaftsleben eintreten können jener Hochsinn, der notwendig ist, damit im Menschenleben Hygiene gepflegt werden kann. Wenn der bloße Erwerbssinn unseres Wirtschaftslebens, das immer mehr die Tendenz hat, dem Einheitsstaat eingegliedert zu werden, herrschend ist, und die allgemeine Meinung die ist, man müsse dasjenige produzieren, wodurch man am meisten erwerbe, dann können sich nicht geltend machen die auf sich selbst gestellten Impulse auch eines auf diesem Gebiete der Hygiene gepflegten freien Geisteslebens. Dann wird dieses Geistesleben abhängig von außergeistigem Staatlichem oder Wirtschaftlichem, dann wird das Wirtschaftliche zum Herrn über das Geistige. Das Wirtschaftliche darf nicht zum Herrn über das Geistige werden. Das zeigt sich am allerbesten, wenn man hervorbringen soll dasjenige, was vom Geiste gefordert wird im Wirtschaftsleben, wenn man dienen soll einer echten, wahren Hygiene. Die Kräfte des Wirtschaftslebens, des freien Wirtschaftslebens, werden hinzukommen in dem dreigliedrigen sozialen Organismus zu der Einsicht, die eine öffentliche Angelegenheit wird, zu dem Menschenverständnis, das eine öffentliche Angelegenheit wird im dreigliedrigen sozialen Organismus. Und wenn auf der einen Seite die Menschen drinnenstehen werden in einem freien Geistesleben, in dem eine wirklich auf sachlichem Boden stehende Hygiene gepflegt werden kann, und wenn auf der anderen Seite die Menschen jenen Hochsinn entwickeln werden, durch den im Wirtschaftsleben, wo wiederum jeder mit Verständnis den Produktionen dann entgegenkommen wird, aber mit Verständnis, das nicht bloß aus dem Erwerbssinn, sondern aus den Einsichten kommt, die im freien geistigen Betrieb der Hygiene entstehen, dann, wenn einmal dieses einsichtsvolle soziale Menschenverständnis da sein wird, also dieser Menschenhochsinn, der wirtschaftlich arbeiten will, weil einfach im sozialen Sinne der Menschheit hygienisch gedient werden soll, dann werden sich die Menschen demokratisch in Parlamenten oder sonst zusammenfinden können. Denn dann wird geprägt werden aus dem freien Geistesleben die |
| 246 | Einsicht in die Notwendigkeit einer Hygiene als soziale Erscheinung, geprägt werden für dasjenige, für die Pflege desjenigen, was notwendig ist für die Hygiene als soziale Frage, von Sachlichem und Fachlichem getragenes Wirtschaftsleben, durch den Hochsinn, der darinnen entwickelt werden wird; dann werden die mündig gewordenen Menschen auf dem Boden des Wirtschaftslebens verhandeln können auf der einen Seite aus ihrer Einsicht und ihrem Menschenverständnis, auf der anderen Seite aus ihren Beziehungen zum Wirtschaftsleben, das der Hygiene dient. Dann werden die Menschen verhandeln können als Gleiche auf dem Boden des Staats- oder Rechts- oder Wirtschaftslebens über die Maßnahmen, die in bezug auf Hygiene und auf öffentliche Gesundheitspflege werden getroffen werden können. Dann werden allerdings nicht die Laien, die Dilettanten gesund machen, aber mit Verständnis wird der mündig gewordene Mensch dem als einem Gleichen gegenüberstehen, der ihm das oder jenes sagt: dem sachverständigen Mediziner. Dem Laien aber macht sein Menschenverständnis, das zusammen mit dem Mediziner im sozialen Leben gepflegt wird, möglich, mit Verständnis dem Fachwissen so entgegenzukommen, daß er im demokratisch gedachten Parlamente nicht bloß auf Autorität hin, sondern auf ein gewisses Verständnis hin «ja» sagen kann. Gerade wenn wir sachlich auf einem solchen speziellen Gebiete verfolgen, wie zusammenwirken die drei Glieder im dreigliedrigen sozialen Organismus, dann finden wir die ganze Berechtigung dieser Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Man kann diese Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus bekämpfen, wenn man sie vorerst noch bloß abstrakt erfaßt hat. Nun, ich konnte Ihnen auch heute nicht mehr geben als eine skizzenhafte Andeutung desjenigen, was auf einem bestimmten konkreten Gebiete, wie der Hygiene, wenn man richtig über sie denkt, für die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus folgt. Aber wenn die Wege, die ich heute nur, ich möchte sagen, in ihrem Anfang habe andeuten können, weiter verfolgt werden, wird man sehen, daß zwar derjenige, der mit einigen abstrakten Begriffen so herantritt an das, was als Impuls des dreigliedrigen sozialen |
| 247 | Organismus da ist, daß er das in einer gewissen Weise bekämpfen kann. Er bringt in der Regel Gründe vor, die man sich selbst längst als Einwände gemacht hat. Wer aber mit vollem inneren Verständnis auf die einzelnen Gebiete des Lebens eingeht und auf das Ausleben dieser einzelnen Gebiete mit all dem Individuellen, das sie in das Menschenleben hineinbringen — um die handelt es sich im sozialen Zusammenleben —, wer wirklich etwas versteht auf einem konkreten Lebensgebiete, wer sich Mühe gibt, etwas von wahrer Lebenspraxis auf irgendeinem Gebiete zu verstehen, der wird immer mehr und mehr hineingeführt werden in diejenige Richtung, die angedeutet wird durch die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wahrhaftig nicht aus einer Träumerei, nicht aus einem abstrakten Idealismus ist diese Idee entsprungen; sie ist entsprungen als eine soziale Forderung der Gegenwart und der nächsten Zukunft, gerade aus der konkreten, sachgemäßen Betrachtung der einzelnen Gebiete des Lebens. Und wiederum, wenn man dann diese einzelnen Gebiete des Lebens durchdringt mit dem, was in einem wirkt aus dem Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus, dann findet man für alle diese Gebiete dasjenige, was ihnen, wie mir scheint, doch gerade heute nottut. Und nur einige Andeutungen wollte ich Ihnen am heutigen Abend darüber geben, wie durch dasjenige, was für das soziale Leben folgt aus Geisteswissenschaft, als die Dreigliederung des sozialen Organismus, befruchtet werden kann dasjenige, was heute nur auf Autoritätsglauben durch eine ganz blinde Unterwerfung hingenommen werden kann, daß das aus einem wirklich sozial gepflegten Menschenverständnis als eine soziale Angelegenheit in die menschliche Gesellschaft sich einlebt. Aus diesem Grunde darf gesagt werden hier: Durch diejenige Befruchtung, welche das Gebiet der Hygiene aus einer geisteswissenschaftlich befruchteten Medizin heraus erhalten kann, kann gerade die Hygiene eine soziale, eine wahrhaft soziale Angelegenheit werden. Sie kann werden im echtesten Sinne auch bis in hohe Grade hinein eine demokratisch gepflegte, allgemeine Volksangelegenheit. |
| 248 | In der nachfolgenden Diskussion äußerte sich Rudolf Steiner folgendermaßen: Meine sehr verehrten Anwesenden! Bei solchen Dingen, wie diejenigen, die heute besprochen worden sind, handelt es sich darum, daß man zunächst auf den ganzen Geist des Ausgesprochenen eingehen kann. Es ist daher manchmal schwierig, wenn Fragen schon so formuliert werden, daß sie aus der gegenwärtigen Denkweise und Gesinnung heraus geformt sind, sie dann ohne eine Umformung oder wenigstens ohne eine gegebene Erklärung sachgemäß zu beantworten. So gleich die Frage, die Ihnen oder vielen von Ihnen wahrscheinlich furchtbar einfach erscheint, so daß man sie mit ein paar Sätzen oder mit einem Satze beantworten könnte: «Wie gewohnt man sich das zu lange Schlafen ab?» Nun, um diese Frage zu beantworten, wäre es nötig, daß ich, ich mochte sagen, einen fast noch längeren Vortrag hielte als den, den ich schon gehalten habe; denn ich müßte erst die verschiedenen Elemente zusammentragen, um diese Frage ganz sachgemäß zu beantworten. Es darf aber vielleicht folgendes gesagt werden: Es ist heute in der Menschheit eine fast alle Menschen ergreifende intellektualistische Seelenverfassung vorhanden. Diejenigen, die glauben, aus dem Gefühl heraus zu urteilen oder zu leben, oder glauben, eben aus irgendeiner anderen Ecke heraus nicht intellektualistisch zu sein, die sind es gerade erst recht. Nun ist der Grundcharakter des intellektualistischen Seelen- und Organlebens der, daß durch dasselbe unsere Instinkte ruiniert werden. Die richtigen Instinkte des Menschen werden ruiniert. Es ist tatsächlich so, daß, wenn man heute auf nicht ganz ruinierte Instinkte hinweisen will, man entweder auf die Urmenschheit hinweisen muß oder, nun sagen wir, sogar auf das Tierreich. Denn sehen Sie, bei einer anderen Gelegenheit konnte ich in diesen Tagen auf ein Beispiel hinweisen, das sehr viel sagt. Es gibt Vögel, die fressen aus ihrer Gier heraus Insekten, zum Beispiel Kreuzspinnen. Sie verfallen aber durch diese Kreuzspinnen, die für sie ein Gift sind, in Konvulsionen, Zuckungen, müssen elendiglich versterben, sehr bald, nachdem sie die Kreuzspinne verschluckt haben. Ist aber Bilsenkraut in der Nahe, dann fliegt der Vogel dahin, saugt |
| 249 | den Heilsaft heraus und rettet sich das Leben. Nun denken Sie, wie da das entwickelt ist, was bei uns Menschen zusammengeschrumpft ist auf die wenigen Reflexinstinkte, die wir haben, wie die, wenn sich uns eine Fliege auf die Nase setzt, machen wir, ohne erst eine tiefe Erwägung anzustellen, daß sie wegfliege. Ein Abwehrinstinkt macht sich auf den Insultreiz geltend. Bei dem Vogel, der die Kreuzspinne frißt, folgt auf die Wirkung, welche die Kreuzspinne in seinem Organismus hat, folgt auf diesen Insult ein solcher Abwehrinstinkt, daß er (ihn zu etwas ganz Vernünftigem treibt. Noch können wir solche Instinkte bei solchen Menschen finden, die in grauer Vorzeit gelebt haben, wenn wir ihre Geschichte richtig zu deuten verstehen. Aber in unserer Zeit macht man andere Erfahrungen. Ich habe es immer als ungeheuer schmerzlich erlebt, wenn ich zu irgend jemandem kam, der sich an den Mittagstisch gesetzt hat und der — ich war sonst gewöhnt, daß Messer und Gabel und ähnliche Geräte neben dem Teller liegen — eine Waage neben dem Teller hatte, ausgesprochen eine Waage — so etwas erlebt man wirklich —, eine Waage, und da wog er sich das Stückchen Fleisch zu, denn dann wußte er erst, wieviel Fleisch er essen soll nach seinem Organismus, wenn er es gewogen hatte! Denken Sie sich einmal, wie bar eine Menschheit, der man so etwas vorschreiben muß, aller wirklichen ursprünglichen Instinkte nun schon geworden ist! Da handelt es sich dann darum, daß man nicht beim Intellektualismus stehenbleibt, sondern aufsteigt zum geisteswissenschaftlichen Erkennen. Sie werden jetzt glauben, daß ich pro domo spreche, wenn auch pro domo dieses großen Hauses, aber ich spreche nicht pro domo, sondern ich spreche tatsächlich dasjenige aus, was ich glaube als Wahrheit erkannt zu haben, ganz abgesehen davon, daß ich selbst diese Wahrheit vertrete. Man kann schon sehen, daß, wenn man nicht nur in das Intellektualistische bloß dringt, sondern in dasjenige, was geisteswissenschaftlich erfaßt werden soll, was daher mehr in bildlichem Sinne vor die Menschheit hintritt, man da merkt: Durch das Erfassen solcher eben nicht für den bloßen Intellekt zugänglicher Erkenntnisse wird man wiederum zurückgeführt zu gesunden Instinkten, wenn auch nicht im einzelnen Leben, so dann mehr in den Dingen, |
| 250 | die mehr in den Untergründen des Lebens liegen. Derjenige, der sich mindestens einige Zeit — wenn es auch noch so wenig Zeit ist — damit befaßt, die ganz andere Seelenverfassung zu entwickeln, die man entwickeln muß, wenn man Geisteswissenschaftliches wirklich verstehen will, der wird wiederum in solchen Dingen, wie zum Beispiel in dem Schlafbedürfnis, zu gesunden Instinkten zurückgeführt. Das Tier schläft ja nicht zu viel in normalen Lebensverhältnissen. Der Urmensch hat auch nicht zu viel geschlafen. Man braucht sich nur zu erziehen wiederum zu gesunden Instinkten, die einem abgewöhnt werden in der heutigen so intellektualistischen Kultur, so daß man sagen kann: Wirkliches wirksames Mittel, sich das zu lange Schlafen abzugewöhnen, ist es, wenn man geisteswissenschaftliche Wahrheiten aufnehmen kann, ohne dabei einzuschlafen. Wenn man also gleich einschläft bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, dann wird man sich tatsächlich einen zu langen Schlaf nicht abgewöhnen. Wenn es einem aber gelingt, bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, die man durchnimmt, nun wirklich mit innerem menschlichem Anteil dabei sein zu können, dann wird dieses innere Menschliche so aktiviert, daß man tatsächlich seine für den Organismus gerade brauchbare Schlafenszeit herauskriegt. Es ist ungeheuer schwer wiederum, intellektualistische Regeln anzugeben, zum Beispiel zu sagen, ein einzelner Mensch, der das oder jenes an der Leber oder an der Niere hat, was ihn ja nicht gerade im gewöhnlichen Sinne krank macht, aber was doch da ist, der muß so oder so lange schlafen. Das führt in der Regel doch zu nichts Besonderem. Und auf künstliche Weise den Schlaf erzeugen, das ist wiederum nicht dasselbe, als wenn der Körper aus seinem Schlafbedürfnisse heraus nur so lange dem Geiste den Eintritt verweigert, als er es eben braucht. So daß man also sagen kann: Eine gerade aus der Geisteswissenschaft heraus folgende richtige Hygiene, die ist es auch, die den Menschen schon dazu bringen wird, seinen Schlaf in der richtigen Weise zu bemessen. Deshalb kann auch nicht die andere Frage, die hier gestellt worden ist, so einfach beantwortet werden: «Wie kann man wissen, wieviel Schlaf man nötig hat?» — Ich möchte sagen, das braucht man |
| 251 | nicht im diskursiven Denken zu wissen, das ist gar nicht nötig, aber man hat wohl nötig, sich solche Instinkte anzueignen, die man sich aneignet nicht durch das Empfangen von Notizensammlungen aus der Geisteswissenschaft, sondern durch die Art, wie man Geisteswissenschaftliches versteht, wenn man es mit vollem Anteil versteht. Diesen Instinkt erlangt man, und dann bemißt man sich den Schlaf in individueller Weise in der richtigen Art zu. Das ist also das, was in der Regel darauf zu sagen ist. Wie gesagt, ich kann mehr eine Wegleitung nur geben zur Beantwortung dieser Frage, nicht dasjenige, was vielleicht gerade erwartet wird. Aber das, was erwartet wird, ist nicht immer das Richtige. Ist das Schlafen bei offenem Fenster gesund? Auch solche Dinge können eigentlich nicht immer ganz im allgemeinen beantwortet werden. Es ist durchaus denkbar, daß für den einen Menschen das Schlafen bei offenem Fenster sehr gesund ist, je nachdem die besonderen Einrichtungen seiner Atmungsorgane sind, daß aber für einen anderen Menschen zum Beispiel ein sonst vor dem Schlafen gut gelüftetes Zimmer, das dann aber die Fenster verschlossen hat, während er schläft, das Bessere ist. Es handelt sich da tatsächlich darum, Verständnis zu gewinnen für die Beziehung des Menschen zur außermenschlichen Umgebung, um dann im einzelnen Falle nach diesem Verständnis urteilen zu können. Wie erklären Sie geisteswissenschaftlich das Zustandekommen geistiger Störungen durch begangenes Verbrechen, das heißt, worin ist hierbei die körperliche Krankheit zu erkennen, die den geistigen Störungen zugrunde liegt? Nun, hier würde es ja auch notwendig sein, auf die ganze Verbrecher- und im Grunde genommen auch psychiatrische Anthropologie einzugehen, wenn die Frage erschöpfend behandelt werden soll. Ich möchte nur das Folgende sagen: Erstens handelt es sich bei der Betrachtung solcher Dinge darum, daß man schon vorauszusetzen hat, daß unter den Organdispositionen eines Menschen, der zum Verbrecher wird, von vorneherein Abnormes sich findet. Sie brauchen ja nur die in dieser Richtung wirklich ganz sachlich getriebenen Studien Moritz Benediktsy des ersten bedeutenderen Kriminalanthropologen, |
| 252 | zu verfolgen, und Sie werden sehen, wie man in der Tat die pathologische Untersuchung der Formen einzelner menschlicher Organe in Zusammenhang bringen kann mit der Disposition zu Verbrechen. Da hat man also schon eine Abnormität drinnenliegend, obwohl natürlich materialistische Denker wie Moritz Benedikt daraus falsche Schlüsse ziehen, denn es ist durchaus nicht jemand, der in dieser Richtung diejenigen Zeichen zeigt, von vorneherein ein geborener Verbrecher. Es handelt sich darum, daß man durchaus auf dasjenige, was an Defekten vorliegt im Organismus — ich sagte gerade, Organdefekte, nicht die schon vorhandene Geisteskrankheit, sondern Organdefekte —, gerade durch die Erziehung und später durch entsprechendes Geistiges, also auf geistig-seelische Weise wirken kann, wenn nur der Tatbestand geisteswissenschaftlich untersucht wird. Also die Schlußfolgerungen, die Benedikt daraus zieht, sind nicht richtig. Aber auf solche Organdefekte kann man schon hindeuten. Und dann muß man sich klar sein darüber, daß ja wiederum zurückwirken namentlich diejenigen Dinge, die nun nicht intellektualistisch im gewöhnlichen Menschenleben sind, sondern die gefühlsmäßig oder die emotioneil sind. Die wirken allerdings zunächst auf die Drüsentätigkeit oder dergleichen, auf die Absonderungstätigkeit zurück, aber dabei wiederum auch auf die Organe. In dieser Beziehung rate ich Ihnen, zum Beispiel ein interessantes Büchelchen zu lesen, das von einem dänischen Mediziner verfaßt ist, über die Mechanik der Gemütsbewegungen. Da steht mancherlei in dieser Richtung gut Verwertbares darinnen. Und nun stelle man sich vor, die leibliche Disposition, die man bei jedem wird verfolgen können, der wirklich als Verbrecher in Betracht kommt, nehme dazu alles dasjenige, was nun als Folgen für den ertappten Verbrecher liegt an Gemütserschütterndem, und was in der Fortsetzung dieser Gemütserschütterungen wiederum in die Organe hineinwirkt, dann hat man später den Weg, die defekten Organe zu suchen für dasjenige, was als Folgeerscheinung, die eine Geisteskrankheit hervorbrachte, bei begangenem Verbrechen auftritt. Man muß in dieser Weise eine Aufklärung über solche Zusammenhänge sich verschaffen. |
| 253 | Wie verhält sich die Theosophie zur Anthroposophie? Wird die früher hier vertretene Theosophie nicht mehr in vollem Umfang anerkannt erhalten? Nun möchte ich nur sagen: Hier ist niemals etwas anderes als die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertreten worden, und dasjenige, was heute hier vertreten wird, wurde immer hier vertreten, und wenn das identifiziert worden ist mit dem, was auf vielen Seiten als sogenannte Theosophie vertreten wird, so beruht das eben auf einem Mißverständnisse. Dieses Mißverständnis wird dadurch auch noch ein Mißverständnis bleiben, daß innerhalb gewisser Grenzen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft im Rahmen der «Theosophical Society» sich eine Zeitlang bewegt hat, denn auch in dem Rahmen dieser Gesellschaft wurde von den Vertretern der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft nichts anderes damals vertreten als dasjenige, was heute hier vertreten wird. Nur sah man eben in der «Theosophical Society» solange zu, als einem die Sache nicht gar zu ketzerisch ausschaute. Aber als man bemerkte, daß Anthroposophie etwas ganz anderes ist als die abstrakte Mystik, die sich vielfach als Theosophie geltend macht, da schmiß man die Anthroposophen heraus. Es ist durchaus von der anderen Seite diese Prozedur vorgenommen worden, währenddem dasjenige, was hier vertreten ist, nie eine andere Gestalt gehabt hat als die, die es heute hat. Natürlich diejenigen, die sich oberflächlich mit den Dingen befassen und die nur solche hören, die sich dieses oberflächliche Befassen als Mitglieder der Gesellschaft geholt haben — denn man muß ja nicht immer draußen stehen, um Anthroposophie oberflächlich aufzufassen oder Anthroposophie mit Theosophie zu verwechseln, man kann auch in der Gesellschaft drinnen stehen —, diejenigen, die sich also nur Kenntnis verschaffen auf die Weise solch oberflächlich erfaßten Betriebes, die kommen zu solchen Verwechslungen. Aber hier wird dasjenige vertreten, was ich für ein bestimmtes Gebiet heute wiederum charakterisiert habe, und niemals ist etwas anderes hier vertreten worden, wenn auch selbstverständlich fortwährend gearbeitet wird und gewisse Dinge heute präziser, voller, intensiver charakterisiert werden können, als sie selbstverständlich vor fünfzehn, zehn, fünf Jahren noch eben haben präzisiert |
| 254 | werden können. Das eben ist gerade der Charakter des Arbeitens, daß man weiterkommt, daß man namentlich auch in der Formulierung beim Sich-verständlich-Machen von etwas so Schwierigem, wie es Geisteswissenschaft ist, weiterkommt. Auf diejenigen Menschen, die aus bösem Willen heraus daraus Stricke gedreht haben, daß dasjenige, was früher unvollkommener gesagt wird, später vollkommener gesagt wird, die daraus allerlei Wandlungen von Weltanschauungen ableiten, auf solche böswilligen Menschen und ihre Aussagen braucht man sich ja in Wirklichkeit nicht einzulassen. Denn Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist etwas Lebendiges und nicht etwas Totes. Und derjenige, der glaubt, daß sie nicht vorwärtsschreiten kann, der sie festnageln will da, wo sie einmal gestanden hat, in einer Weise, wie es öfters geschieht, der glaubt nicht an das Lebendige, sondern der möchte sie zu etwas Totem machen. Wollen Sie sich bitte äußern, wie denn das Entstehen einer Epidemie, wie der Grippe oder des Scharlachs, zustandegekommen ist, wenn nicht durch Übertragung von Bazillen. Bei vielen Krankheiten ist der Krankheitserreger wissenschaftlich festgestellt worden. Wie stellen Sie sich dazu? Nun, wenn ich auch gerade diese Frage, für die ich angedeutet habe, daß ich nicht Partei ergreifen will, erörtern sollte, dann müßte ich einen ganzen Vortrag halten. Allein, ich möchte auf folgendes aufmerksam machen. Derjenige, welcher genötigt ist durch seine Erkenntnisse, darauf aufmerksam zu machen, daß für Krankheiten, in deren Begleitung Bazillen oder Bakterien auftreten, tiefere Ursachen als primäre Ursachen vorhanden sind, als eben das Auftreten der Bazillen, der behauptet ja noch nicht, daß die Bazillen nicht da seien. Es ist durchaus etwas anderes, zu behaupten, die Bazillen sind da und sie treten im Gefolge der Krankheit auf, als die primäre Ursache bei den Bazillen zu suchen. Dasjenige, was nach dieser Richtung zu sagen ist, habe ich gerade bei diesem Kursus, der jetzt gehalten wird, in ausführlicher Weise entwickelt. Aber das nimmt eben durchaus Zeit in Anspruch. Das gilt auch in bezug auf gewisse Elemente, die vorher behandelt werden müssen. Das läßt sich in einer Fragenbeantwortung nicht rasch abmachen. Dennoch will ich auf das Folgende hinweisen. Es ist diese menschliche Konstitution |
| 255 | nicht eine so einfache Sache, wie man sich oftmals vorstellt. Der Mensch ist einmal ein vielgliedriges Wesen. Das habe ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln» im Anfange dargestellt, daß ein Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, ein Wesen, das man nennen kann den Sinnes-Nervenmenschen, zweitens den rhythmischen Menschen, drittens den Stoffwechselmenschen. Das ist einmal der Mensch. Und diese drei Glieder der menschlichen Natur wirken ineinander, und sie dürfen nicht, wenn der Mensch gesund sein soll, anders ineinander wirken, als daß in einer gewissen Weise Trennung der Gebiete zugleich da ist. So zum Beispiel darf der Nerven-Sinnesmensch, der mehr ist als dasjenige, was sich die heutige Physiologie vorstellt, nicht ohne weiteres seine Wirkungen auf den Stoffwechselmenschen anders übertragen, als daß diese Wirkungen vermittelt werden durch die rhythmischen Bewegungen der Zirkulations- und Atmungsvorgänge, die ja bis in die äußerste Peripherie des Organismus sich hineinerstrecken. Dieses Zusammenwirken, das kann aber in einer gewissen Weise unterbrochen werden. Nun ist durch dieses Zusammenwirken etwas ganz Bestimmtes bewirkt. Wenn solche Fragen gestellt werden so, verzeihen Sie, daß man dann auch sachgemäß antworten muß; nun will ich ja schon so dezent wie möglich sein, aber es ist dann doch notwendig, manches Wort auszusprechen, das eben auch sachgemäß angehört werden muß. Es ist zum Beispiel durchaus so, daß im menschlichen Unterleib Prozesse ablaufen, welche eingegliedert sind in den ganzen Organismus. Sind sie in den ganzen Organismus eingegliedert, dann wirken sie in der richtigen Weise. Werden sie durch irgendwelche Vorgänge, entweder direkt im Unterleib erhöht, so daß sie dort reger werden, oder werden die einmal entsprechenden Vorgänge — denn solche entsprechende Vorgänge sind immer da — im menschlichen Haupte oder in der menschlichen Lunge in ihrer Intensität kleiner gemacht, dann tritt etwas sehr Eigentümliches ein. Dann zeigt sich, daß der menschliche Organismus zu seinem normalen Leben in sich Prozesse entwickeln muß, die gerade bis zu einem gewissen Maße hin sich nur entwickeln dürfen, damit sie den ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Wird der Prozeß erhöht, dann lokalisiert er sich, und dann tritt zum Beispiel |
| 256 | im Unterleib des Menschen ein Prozeß auf, wodurch nicht in der richtigen Weise getrennt ist dasjenige, was im Menschenhaupte oder in der Lunge vor sich geht, und was gewissen Prozessen im Unterleib entspricht. Es entsprechen sich immer die Prozesse so, daß sie einander parallel gehen. Dadurch aber wird gewissermaßen das, was nur bis zu einem gewissen Maße im Menschen vorhanden sein darf, damit es seine Vitalität, die geist- und seelengetragene Vitalität, unterhält, über ein gewisses Niveau hinaufgebracht. Dann wird es die Atmosphäre, möchte ich sagen, für allerlei Niederorganismen, für allerlei kleine Organismen, dann können sich diese kleinen Organismen da entfalten. Dasjenige, was das Schaffenselement der kleinen Organismen ist, das ist immer im Menschen drinnen, ist nur über den ganzen Organismus ausgedehnt. Wird es konzentriert, dann ist es Lebensboden für Kleinorganismen, Mikroben; da finden sie einen Boden drin. Aber die Ursache, warum sie da gedeihen können, die ist in überaus feinen Vorgängen im Organismus, die sich dann als das Primäre herausstellen, zu suchen. Ich spreche wirklich nicht aus einer Antipathie gegen die BazillenTheorie. Ich verstehe durchaus die Gründe, die die Leute haben, die dem Bazillen-Glauben huldigen. Das können Sie mir glauben, daß ich, wenn ich nicht aus sachlichen Gründen so sprechen müßte, wie ich jetzt spreche, ich diese Gründe schon anerkennen würde, aber es ist eben hier die Erkenntnis, die notwendig zur Anerkennung von etwas anderem führt, und die einen dann zwingt, zu sagen: Ich sehe eine gewisse Landschaft, da sind sehr viele außerordentlich schöne Rinder, wohl gepflegt. Ich frage nun: Warum sind denn da gewisse Lebensverhältnisse in der Gegend? Sie kommen von den schönen Rindern. Ich erkläre die Lebensverhältnisse dieser Gegend, indem ich erkläre, es sind schöne Rinder eingezogen von irgendwoher, die haben sich da ausgebreitet. — Das werde ich nicht tun, nicht wahr, sondern ich werde untersuchen die primären Ursachen, den Fleiß und das Verständnis der Leute, und das wird mir erklären, warum auf diesem Boden diese schönen Rinder sich entwickeln. Aber ich würde eine oberflächliche Erklärung abgeben, wenn ich bloß sagen würde: Hier ist es schön, hier lebt es sich gut, weil da schöne Rinder eingezogen sind. |
| 257 | Die gleiche Logik ist es im Grunde, wenn ich den Typhusbazilius finde und dann finde, man habe den Typhus aus dem Grunde, weil die Typhusbazillen eingezogen sind. Zur Erklärung des Typhus sind noch ganz andere Dinge notwendig als bloß das Sich-auf-dieTyphusbazülen-Berufen. Aber man wird noch auf eine ganz andere Weise irregeführt, wenn man sich einer solchen falschen Logik hingibt. Gewiß, die primären Prozesse, die den Typhusbazillen die Grundlage für ihr Dasein abgeben, die sind dann Grundlage für den Typhusbazillus, bewirken wiederum alles mögliche andere, was nicht primär ist. Und man kann sehr leicht dasjenige, was sekundär ist, mit dem eigentlichen ursprünglichen Krankheitsbilde entweder ganz verwechseln oder damit konfundieren. Das sind diese Dinge, die hier auf diesem Punkte zu dem Richtigen führen, oder die zeigen, wie dasjenige, was in einem gewissen Sinne berechtigt ist, in seine Grenzen zu weisen ist. Vielleicht sehen Sie doch aus der Art und Weise, wie ich diese Anwort gegeben habe — obwohl ich ja nur skizzieren kann, daher leicht mißverstanden werden kann —, daß es sich hier wirklich nicht handelt um das allbeliebte Schimpfen auf die Bazillen-Theorie, sondern daß es sich hier wirklich darum handelt, die Dinge ganz ernsthaftig zu untersuchen. Bitte um einige Beispiele, wie leibliche organische Störungen geistig-seelische Leiden hervorrufen können. Nun, auch das würde natürlich, wenn es ausführlich beantwortet werden sollte, viel zu weit führen. Aber ich möchte da nur auf eines hinweisen. Sehen Sie, es ist in der Entwickelung des medizinischen Denkens der Menschen nicht so, wie es auch heute in der Geschichte der Medizin dargestellt wird, daß mit Hippokrates die Heilkunde gewissermaßen begonnen habe und sich dann der Hippokratismus weiter entwickelt habe. Soweit man das verfolgen kann, weiß man, daß bei Hippokrates ganz merkwürdige Dinge hervortreten, und daß bei Hippokrates viel mehr vorliegen die letzten Ausläufer einer alten Instinkt-Medizin als der bloße Anfang der heutigen intellektualistischen Medizin. Aber wir finden noch etwas anderes. |
| 258 | Sehen Sie, aus dieser alten Instinkt-Medizin heraus, solange diese noch geltend war, hat man nicht von seelischen Depressionen einer gewissen Art gesprochen, was eine sehr abstrakte Ausdrucksweise ist, sondern man hat von Hypochondrie, Unterleibsknorpeligkeit gesprochen. Man hat also gewußt, daß es sich da um Störungen im Unterleib handelt, um Verhärtungen im Unterleib, wenn Hypochondrie auftritt. Man kann nicht sagen, daß die Alten materialistischer waren als wir. Ebenso kann man sehr leicht zeigen, wie gewisse chronische Lungendefekte durchaus zusammenhängen mit dem, was man einen falsch mystischen Sinn der Menschen nennen könnte. Und so könnte man auf alles mögliche hinweisen, ganz abgesehen davon, daß — wie es wiederum einem richtigen Instinkt entspricht — die Alten bei den Temperamenten durchaus auf Organisches hingewiesen haben. Sie ließen entstehen das cholerische Temperament aus der Galle heraus, aus der weißen Galle, das melancholische aus der schwarzen Galle und all dem, was die schwarze Galle im Unterleib bewirkt. Sie ließen entstehen dann das sanguinische Temperament aus dem Blute, das phlegmatische Temperament aus dem Schleim, was sie Schleim nannten. Dann aber, wenn sie Entartungen der Temperamente sahen, waren ihnen das durchaus Dinge, die hinweisen auf die Entartungen des betreffenden Organischen. Wie das in der Instinkt-Medizin getrieben worden ist und in der Instinkt-Hygiene, das laßt sich durchaus in streng wissenschaftlicher Weise wiederum in die Seelenverfassung hereinnehmen und vom Standpunkt unserer heutigen Erkenntnis aus pflegen. Hier ist die Frage, bei der man noch mehr mißverstanden werden kann: Haben Sie Kenntnis von der Augendiagnose? Anerkennen Sie dieselbe als Wissenschaft? Nun, es ist ja im allgemeinen richtig, daß man bei einem Organismus, und insbesondere bei dem komplizierten menschlichen Organismus, aus allem möglichen Einzelnen, wenn man es in der richtigen Weise durchschaut, auf das Ganze schließen kann. Und wiederum, wie dieses Einzelne im menschlichen Organismus liegt, das hat eine große Bedeutung. |
| 259 | In einer gewissen Weise ist dasjenige, was der Augendiagnostiker in der Iris untersucht, einerseits so sehr isoliert von dem übrigen menschlichen Organismus, andererseits ist das in einer so eigentümlichen Weise eingeschaltet in den übrigen Organismus, daß in der Tat da ein ausdrucksvolles Organ gegeben ist. Aber gerade bei solchen Dingen darf nicht schematisiert werden. Und der Fehler solcher Dinge besteht darinnen, daß eben schematisiert wird. Es ist durchaus zum Beispiel so, daß Menschen einer andersgearteten Seelen- und Körperverfassung andere Merkmale in ihrer Iris zeigen als wiederum andere Menschen. Da handelt es sich, wenn man so etwas anwenden will, um eine so intime Kenntnis desjenigen, was im menschlichen Organismus geschieht, daß man dann, wenn man diese intime Kenntnis hat, eigentlich nicht mehr nötig hat, aus einem einzelnen Organ heraus zu suchen. Und wenn man angewiesen ist, intellektualistisch an irgendwelche Regeln sich zu halten und schematisch solche Dinge zu machen, dann wird nicht viel Gescheites dabei herausschauen. Welche Beziehung haben Krankheiten für den Fortgang der Weltgeschichte, insbesondere die jetzt neu auftretenden? Ein Kapitel einer ganzen Kulturgeschichte! Nun, ich will nur das Folgende bemerken. Man muß, wenn man Geschichte studiert, einen Sinn dafür haben, Symptomatologie zu treiben, das heißt, vieles von dem, was heute als Geschichte genommen wird, nur als Symptom aufzufassen für manches, was viel tiefer dahinterliegt, was wirklich dann die geistige Strömung ist, die diese Symptome nur trägt. Und so kommt dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung ist, tatsächlich auch symptomatisch in diesen oder jenen Zeitkrankheiten zum Vorschein. Und es ist interessant, die Beziehungen zu studieren zwischen dem, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung waltet, und dem, was sich abspielt in den Symptomen dieser oder jener Krankheit. Man kann auch schließen aus dem Vorhandensein gewisser Krankheiten auf Impulse im geschichtlichen Werden, die einer nicht so gearteten Symptomatologie entgehen. Dann aber könnte die Frage auch noch auf etwas anderes hinweisen, was auch nicht unwesentlich ist beim Verfolgen des geschichtlichen Werdens der |
| 260 | Menschheit, Das ist dieses: Krankheiten, gleichgültig, ob sie beim einzelnen Menschen auftreten oder in der menschlichen Gesellschaft epidemisch, sind vielfach auch Reaktionen auf andere Ausartungen, die ja vom gesundheitlichen Standpunkte aus vielleicht als weniger schlimm angesehen werden, die aber vom moralischen oder von einem geistigen Standpunkte aus dennoch als sehr schlimm angesehen werden. Man darf dasjenige, was da gesagt wird, nur nicht etwa auf die Heilkunde oder auf die Hygiene anwenden. Das wäre ganz falsch. Krankheiten muß man heilen. In der Hygiene muß man menschen fördernd tätig sein. Da darf man nicht etwa sagen: Ich will erst prüfen, ob es vielleicht dein Karma ist, daß du diese Krankheit hast, dann muß ich sie dir lassen, wenn nicht, kann ich sie dir kurieren, — diese Anschauungen gelten nicht, wenn es sich darum handelt, zu heilen. Aber dasjenige, was für uns Menschen in unserem Eingreifen in die Natur nicht gilt, das gilt deshalb doch objektiv in der Welt draußen. Und da muß man sagen, daß zum Beispiel auch manches, was als Anlage entsteht zu moralischen Exzessen, sich so tief in die Organisation des Menschen eingräbt, daß Reaktionen, die dann in bestimmten Krankheiten erscheinen, kommen, und daß die Krankheit die Unterdrückung eines moralischen Exzesses ist. Bei dem einzelnen Menschen ist es nicht einmal von einer großen Bedeutung, diese Dinge zu verfolgen, denn die soll man seinem individuellen Schicksal überlassen, und in die soll man sich im Grunde ebensowenig hineinmischen, wie man sich nicht in die Briefgeheimnisse anderer Menschen hineinmischt — wenn nicht gerade vom Standpunkte, der einem jetzt so nahetritt: «Durch Kriegsgesetze behördlich geöffnet» —, geradesowenig, wie man sich in die Briefgeheimnisse eines Menschen hineinmischen sollte, so sollte man sich ebensowenig hineinmischen in sein individuelles Karma. Aber in der Weltgeschichte ist das wiederum etwas anderes. Da handelt es sich schon darum, weil da doch der einzelne Mensch in der Weltgeschichte bei ihren Gesetzen, ich möchte sagen, nur eine statistische Rolle spielt. Man muß immer darauf hinweisen, daß die Statistik den Lebensversicherungen eine gute Unterlage bietet, zu beurteilen, wie groß die Sterblichkeit ist, danach lassen sie sich ja ihre Quoten einzahlen. |
| 261 | Die Sache stimmt ganz gut, und die Rechnung ist ganz richtig, es ist ganz wissenschaftlich alles — aber nun, man braucht nicht just zu sterben in dem Augenblicke, der einem ausgerechnet ist von der Lebensversicherungsstatistik, braucht auch nicht so lange zu leben, so lange, als da ausgerechnet ist. Da treten andere Dinge ein, wenn der einzelne Mensch in Betracht kommt. Aber wenn Menschengruppen oder gar die ganze Menschheitsentwickelung in Betracht kommt, dann kann es sehr gut sein, daß man nicht ein abergläubischer, sondern ein sehr gut wissenschaftlicher Mensch ist, wenn man untersucht, inwiefern Krankheitssymptome, Krankheiten, die auftreten, korrigierend sind für andere Exzesse. So daß man in der Tat da schon aufsuchen kann eine gewisse Rückwirkung auch der Krankheit oder wenigstens ein Hervorgerufensein der Krankheit für dasjenige, was, wenn die Krankheit nicht gekommen wäre, sich in ganz anderer Form entwickelt hätte. Das sind nur so ein paar Punkte, wie das betrachtet werden kann, was durch diese Frage etwa berührt wird. Damit ist aber unsere Zeit doch wohl so weit vorgeschritten, daß auch wir jetzt den anderen, die sich schon so zahlreich entfernt haben, folgen werden. |