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ERSTER VORTRAG, Dornach, 7. Oktober 1920 : I PHYSIOLOGISCH-THERAPEUTISCHES AUF GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFT I

ERSTER VORTRAG, Dornach, 7. Oktober 1920 : I PHYSIOLOGISCH-THERAPEUTISCHES AUF GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFT I

Aufgabe der Geisteswissenschaft. In der Medizin zu wenig Therapie, dagegen experimentelles Forschen gut ausgebildet. Unberechtigte Hypothesen. Das Geistige wird nicht berücksichtigt. Abstraktionen in Physiologie und Pathologie. Zur Karzinombildung: Von der Normaltätigkeit des Organismus ins Abnorme. Manie: Von organisch bedingten Illusionen bis zur Hysterie. Schellings Betrachtungsweise.

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11 Der Vortragende ist noch nicht da. Ich hoffe, daß er bald kommt, aber ich möchte Sie zunächst nicht so hier erwartungsvoll sitzen lassen. Es ist ja selbstverständlich geradezu, daß diese Vortragsreihe eine besondere Wichtigkeit hat innerhalb unseres Kurses. Es soll an einem praktischen Gebiete gezeigt werden, wie diese unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in der Lage ist, wirklich in die Lebenspraxis hineinzugreifen. Nun ist ja, das fühlt jeder Mensch am eigenen Leibe, dasjenige Gebiet der Lebenspraxis, das die Medizin, das die Therapie betrifft, eines der allerwichtigsten, und schon aus diesem Grunde darf gleich im Anfange unseres anthroposophischen Strebens das Hineintragen der Anthroposophie in das Medizinische nicht fehlen.
Nun haben wir uns gerade bei diesem Kurs bestrebt, die einzelnen Fächer durch gewissermaßen auch äußerlich abgestempelte Fachleute vertreten zu lassen, und es ist der Vertretung der Geisteswissenschaft vor der Welt gegenüber notwendig, daß diese einzelnen Fächer von Fachleuten vertreten werden, sonst werden sie ja doch nicht in derjenigen Art aufgenommen, wie sie aufgenommen werden müßten. Und so will ich mich denn, bis eben der Vortragende kommt, bemühen, einiges zu Ihnen zu sprechen vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft über Physiologie und ihre Beziehung zum Therapeutischen. So etwas sollte ja das Thema berühren. Und ich will Ihnen zeigen, wie in das medizinische Studium und dann auch in die medizinische Praxis, in die ganze medizinische Kunst, Geisteswissenschaft hineinzuwirken berufen ist.
Nun wissen Sie ja, daß gewöhnlich innerhalb unseres Hochschulbetriebes dem eigentlich medizinischen Studium ein vorbereitendes naturwissenschaftliches Studium vorangeht. Darauf folgt das eigentliche medizinische Studium. Also, nachdem man die mehr biologischphysiologischen Erscheinungen kennengelernt hat, widmet man sich mehr den pathologischen Erscheinungen, um sich dann zur Therapie
12 hindurchzuringen. Aber es dürfte auch einer großen Anzahl der verehrten Zuhörer bekannt sein, wie schlecht eigentlich die Therapie bei diesem medizinischen Studium wegkommt. Es ist schon so, daß durch die naturwissenschaftliche Hinorientierung das medizinische Studium zur Auffassung der Naturprozesse am Menschen führt, und daß gewissermaßen der angehende Mediziner, wenn er dann in das pathologische Gebiet eintritt, mit einer gewissen Anschauung über die Naturprozesse ankommt, daß er kaum ein richtiges Verhältnis zu den pathologischen Prozessen gewinnen kann. Eines, scheint mir nun aber, ist ja in der neueren Zeit mit einer gewissen Notwendigkeit als eine Meinung aufgetreten: Wir sind gewohnt worden, eine ganz bestimmte Anschauung zu gewinnen über die Naturprozesse, ihren inneren Zusammenhang und die zugrunde liegende Kausalität. Im gesunden Menschen müssen wir dieser Voraussetzung nach ganz offenbar gewisse Naturprozesse in einem notwendigen Kausalzusammenhang suchen. Im kranken Menschen, oder sagen wir, in dem erkrankten Organismus, was können wir da aber anderes suchen als im Grunde genommen auch kausal notwendig verlaufende Naturprozesse? — Dennoch sind wir gezwungen, zu sagen, das, was in diesem ganz offenbar kausal bedingten Naturprozesse in der Krankheit vorliegt, das sei gegenüber dem gesunden Organismus abnorm, das falle aus dem Kausalzusammenhang des gesunden Organismus in einer gewissen Weise heraus. Kurz, wir werden, wenn wir in das Gebiet der Medizin eindringen, ganz offenbar sogleich wankend und skeptisch gemacht in bezug auf dasjenige, was als unsere eigentliche Naturanschauungsgesinnung gegenüber dem Naturgeschehen unserer modernen Anschauung zugrunde liegt. Das hat denn auch dazu geführt, daß bei vielen Medizinern ein Skeptizismus geradezu, dasjenige, was ich bei anderen Gelegenheiten hier schon erwähnt habe, eine Art Nihilismus gegenüber der Therapie aufgetreten ist. Ich kannte noch jene berühmten Professoren, die an der medizinischen Fakultät in Wien tätig waren — in der Zeit, als diese medizinische Fakultät auf ihrer Glanzhöhe angekommen war — und die eigentlich im Grunde genommen therapeutische Nihilisten waren. Sie sagten: Man kann eine Krankheit — und sie wählten dabei
13 besonders diejenige Krankheit, auf die eine solche Anschauung ganz besonders anwendbar ist —, wie zum Beispiel die Lungenentzündung, eigentlich nur ihren eigenen Verlauf nehmen lassen, und durch irgendwelche lindernden, fördernden und so weiter äußere Maßnahmen diesen Verlauf in die richtigen Bahnen leiten, bis die Krisis eintritt und dann wiederum das Ganze abflutet. — Man kann eigentlich im Grunde genommen von dem, was man durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende eine Heilung genannt hat, im wahren Sinne des Wortes nicht sprechen.
Es würde sich, wenn eine solche Anschauung konsequent fortgesetzt würde, allmählich aus der Medizin eine bloße Pathologie entwickeln. Denn in bezug auf das Untersuchen der Krankheiten, allerdings vom Gesichtspunkte der materialistisch denkenden Naturwissenschaft, hat man es gerade in dieser Zeit des therapeutischen Nihilismus zu einer außerordentlich großen Vollkommenheit gebracht. Und idh möchte auch an dieser Stelle vor einem Mißverständnisse warnen, das darinnen bestehen könnte, daß irgend jemand glaubt, von dieser Stätte aus und von Seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft überhaupt könne die große Bedeutung der Naturwissenschaft der neueren Zeit verkannt und unterschätzt werden. Das ist durchaus nicht der Fall. Derjenige, der nur ein wenig hineingeschaut hat in dasjenige, was die pathologischen Untersuchungsmethoden im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Förderung erfahren haben, der muß erstaunend, bewundernd vor diesem großartigen, gewaltigen Fortschritte stehen. Ja nicht nur dieses, er muß sich zu einem ganz anderen Bekenntnisse noch durchringen. Er muß sich sagen: Gewiß, es ist der Materialismus heraufgezogen. Der Materialismus kann erstens gewissen Ansprüchen des menschlichen Gemütes keine Genüge leisten, er kann aber auch andererseits in die weiten Gebiete des menschlichen Erkennens nicht in genügender Weise hineinleuchten. — Aber auf der anderen Seite hat dieser Materialismus doch, ich möchte sagen, eine Art Mission gehabt. Die Fähigkeit zum experimentell beobachtenden Forschen hat er in einer außerordentlich gewissenhaften Weise ausgebildet. Und so etwas wie die moderne, allerdings materialistisch gefärbte
14 Pathologie verdanken wir einzig und allein diesem Materialismus. Man nimmt es einem immer übel, wenn man in der neueren Zeit nicht einseitig ist, und als ich, während ich Redakteur und Herausgeber des «Magazins für Litteratur» war, beim Tode Büchners auch einen Büchner nun nicht verdammenden, sondern gerade seine Verdienste anerkennenden Artikel geschrieben hatte, hat man mich zum Materialisten selber gestempelt. Das ist gerade das Wesentliche im Erleben und Betreiben der Geisteswissenschaft, daß man sich in alles hineinversetzen kann, daß man überall die Gedankenform findet, die Empfindungsform findet, aus denen vielleicht sogar die entgegengesetztesten Richtungen und Weltanschauungen ihre Kräfte herausschöpfen können, und daß man auch würdigen kann die Verdienste desjenigen, was hervorgegangen ist aus so etwas, wie der Materialismus es ist, der allerdings in der Gegenwart — das ist einfach eine Zeitforderung — überwunden werden muß.
Aber auf etwas anderes möchte ich Sie noch aufmerksam machen. Sie haben gehört hier im Laufe unserer Vorträge, daß wir streben nach einer Phänomenologie in der Wissenschaft. Sie haben auch gehört, und zwar mit der allergrößten Berechtigung gehört, daß gestrebt werden müsse sogar nach einer hypothesenfreien Chemie. Nun bin ich ganz darauf gespannt, daß in manchen der Dinge, die gerade vorgebracht werden müssen mit Bezug auf das Medizinische und die medizinische Praxis, jemand in den Auseinandersetzungen das eine oder das andere finden könne, was ihm wie eine Hypothese vorkommt. Aber man muß den Begriff der Hypothese, gerade wenn man nun eintritt in die Betrachtung des Organischen aus dem Unorganischen heraus, zuerst ordentlich herausstellen.
Was ist eine Hypothese? Nun, nehmen wir einmal eine ganz triviale Sache aus dem gewöhnlichen Leben. Wenn ich einen Weg gegangen bin und ich habe auf diesem Wege einen Menschen gesehen, ich gehe weiter, ich sehe ihn nicht mehr, da werde ich zunächst wohl nicht annehmen, daß dieser Mensch verschwunden sei in den Erdboden hinein, das wird in den wenigsten Fallen der Fall sein, sondern ich werde mich umsehen, sehe vielleicht ein Haus. Ich kann meine Gedanken so begrenzen, daß ich mir sagen kann: Nun, der Mensch
15 ist in dieses Haus hineingegangen. Ich sehe ihn jetzt nicht, aber er ist jetzt drinnen, und ich werde keine unberechtigte Hypothese aufstellen, wenn ich gewissermaßen die Gedanken, die sich mir ergeben im Verlaufe der Sinneswahrnehmung, dann, wenn in diesem Verlaufe etwas eintritt, was erklärend fortgesetzt werden muß so, daß ich irgend etwas voraussetze, hypothesenhaft anzunehmen habe, was sich zwar ergibt aus meinem Vorstellungsverlaufe, was aber nicht unmittelbar gesehen, beobachtet werden kann, was also für mich nicht unmittelbar Phänomen ist. Ich werde nicht eine unbestimmte Hypothese aufstellen, wenn ich so etwas annehme, geradesowenig wie ich eine unbestimmte Hypothese aufstelle, wenn ich durch irgendeinen Vorgang Wärme zunächst mit dem Thermometer wahrnehmbar habe und dann durch Erstarrung oder dergleichen diese Wärme verschwinden sehe und dann spreche von verschwundener latenter Wärme.
Es handelt sich also darum, daß es durchaus gerade zum fruchtbringenden Forschen notwendig ist, die Reihe der Sinnesvorstellungen da oder dort fortzusetzen. Eine unberechtigte Hypothese ist diejenige, die zu Vorstellungen kommt, bei denen, wenn man sie vollzieht, es sich einem einsichtsvollen Denken herausstellt, daß das ihm zugrunde liegende überhaupt niemals wahrgenommen werden kann. Man muß dann die Vorstellungen, zu denen man kommt — und das sind die Vorstellungen über Atomistik, Molekularismus —, ausstatten mit solchen Ingredienzien, die niemals wahrgenommen werden können, sonst könnte man sie eben wahrnehmen. Denn man kann ja zum Beispiel niemals sich der Illusion hingeben, wenn man die kleinsten Teile der Körper durch irgendeinen Vorgang noch sehen würde, daß man dann noch das Licht erklären könnte durch die Bewegung. Denn dann würde man ja das Licht hineintragen bis in diese kleinsten Teile.
Ich bitte Sie, an dieser Stelle doch Veranlassung zu nehmen, über berechtigtes Fortdenken innerhalb der Erfahrung und über die Aufstellung unberechtigter Hypothesen gerade sich eine klare Anschauung zu verschaffen.
Wenn wir nun noch einmal zurückkommen auf unseren früheren
16 Gedanken, dann müssen wir folgendes sagen: Wir sehen den sogenannten normalen Menschen vor uns. Wir sehen auf der anderen Seite den erkrankten Menschen vor uns. Wir müssen notwendigerweise in beiden Organisationen einen naturgemäß verlaufenden Prozeß anerkennen. Und doch, wie verhält sich der eine Prozeß zu dem andern? Gerade das Trennen der Physiologie von der Pathologie und der Therapie, wie das in der neueren Zeit so üblich geworden ist, verhindert uns, beim Übergange von einem zu dem anderen zu entsprechenden Vorstellungen zu kommen. Außerdem kann ja im Grunde genommen der moderne Mediziner das Geistige gar nicht in Berechnung ziehen, wenn er Physiologie oder auch wenn er Pathologie treibt, denn dieses Geistige ist ja innerhalb der modernen Wissenschaftsgesinnung eigentlich doch ein Unbekanntes. Und es fallt uns daher heraus aus allen unseren Betrachtungen. Nun kann man, indem man diese beiden Naturprozesse, das Physiologische und das Pathologische, klar und anschaulich zunächst in abstrakter Form einander gegenüberstellt, ich möchte sagen, gewisse Endformen des Pathologischen vor die Betrachtung hinstellen, und man wird aus der Betrachtung solcher Endformen heraus vielleicht zu fruchtbaren Vorstellungen gerade kommen können. Sie brauchen nicht schon beim Beginne einer Wissenschaft an das Vorhandensein, an das Gefordertsein einer unbedingten Notwendigkeit zu denken. Dieses, was man Richtigkeit, was man innere Notwendigkeit nennt, kann sich ja erst im Verlaufe der Betrachtung ergeben. Und so kann man, ich möchte sagen, an jedem Zipfel anfangen, wenn man ein gewisses Naturgebilde betrachten will. Nehmen wir einen sehr extremen Fall innerhalb des erkrankten menschlichen Organismus. Da haben wir als einen sehr extremen Fall, der der modernen Medizin außerordentlich viel Schwierigkeiten macht, die Karzinombildung, die Krebsbildung.
Wir sehen innerhalb dieses Krankheitsbildes gewissermaßen auftreten etwas, was auch der mikroskopischen Untersuchung zeigt, wie ein Organisches sogar, oder wenigstens ein organisch Aussehendes, im gewöhnlichen Organismus so auftritt, daß es allmählich das Leben des übrigen Organismus zerstört. Wir können uns zunächst nur sagen, wir finden da gewissermaßen innerhalb der Körperlichkeit des
17 menschlichen Organismus etwas auftreten, wo wir sehen, wie, aus unbekannten Tiefen heraufkommend, in unseren gewöhnlichen Naturverlauf etwas anderes sich hineinstellt, was diesen Naturverlauf stört.
Aber wir können auch an das andere Extrem des pathologischen Organismus gehen, wir können sehen, wie auf der anderen Seite dasjenige entstehen kann, was in einer gewissen Weise eine Oberwucherung der Normaltätigkeit des menschlichen Organismus ins Unnormale hinein ist, wir betrachten einen menschlichen Organismus dann als abnorm. Ich will mit diesen Ausdrücken normal und abnorm nicht besonders spielen, aber zur vorläufigen Verständigung können sie ja doch hinreichen. Im weiteren Verlaufe würde sich zeigen, wenn gerade diese Betrachtungen fortgesetzt werden müßten, die ich jetzt hier anstelle, was ich nicht hoffe, daß das Normale auch in Übergängen einfach in das sogenannte Abnorme hinein verläuft. Aber zur vorläufigen Verständigung können ja die Ausdrücke normal und abnorm durchaus gebraucht werden. Wir sehen, wenn wir die normale menschliche Organisation gegenüber haben, entwickelt auch seelisch sich eine bestimmte Art des Wollens, eine bestimmte Art des Fühlens, eine bestimmte Art des Denkens. Wir haben uns im sozialen Leben allmählich angeeignet, gewissermaßen eine Art Normalbild herauszukristallisieren aus den Vorstellungen, die wir uns aus unserem Verkehr mit Menschen eben machen, ein Bild, das uns anleitet, einen Menschen als normal zu betrachten, der in einer gewissen Weise Wollen, Fühlen, Denken aus sich herausgestaltet bis zu einem gewissen Maße.
Wir kommen da ganz notwendigerweise, wenn wir den Gedanken nur ein klein wenig verdichten, dazu, uns zu sagen: Wenn nun der Organismus zu stark funktioniert, wenn er gewissermaßen so funktioniert, wie funktionieren würde irgendein Körper, in dem latente Warme ist, dem wir diese latente Wärme nehmen und der dann viel zuviel freie Wärme an die Umgebung abgeben würde, so daß wir uns nicht mehr auskennen, was wir mit dieser Wärme machen sollen, wenn also der menschliche Organismus so funktionieren würde, daß er gewissermaßen zuviel nach dieser Richtung aus sich heraustreibt,
18 dann würde er uns ganz notwendigerweise, wenn er uns in Realität gegenüberträte, zeigen müssen diejenigen Ergebnisse, die wir zum Beispiel innerhalb des gedanklichen Gebietes, wo aber immer das Emotionelle durch das Gefühlsmäßige hineinspielt, finden. Innerhalb des gedanklichen Gebildes würde uns ein solcher menschlicher Organismus mit dem behaftet erscheinen, was wir Manie nennen. Wir sehen nun also an diesem menschlichen Organismus etwas von dem auftreten, was sich gewissermaßen durch eine Überflutung dieses Organismus mit Organisationskräften, die hindrängen nach dem Sinnesmäßigen, ergibt. Wir haben in den karzinomartigen Bildungen etwas, wo im Organismus, gewissermaßen sich absondernd, Naturkraft organisierend auftritt, wo sich diese Organisationskraft einlagert in den Organismus. Wir haben auf der anderen Seite in den pathologischen Erscheinungen der Manie oder ähnlichen Erscheinungen etwas, was gewissermaßen vom Organismus nicht gehalten werden kann, was aus dem Organismus heraus kommt. Wenn ich das schematisch zeichnen sollte, so konnte ich das so zeichnen, daß ich sage: Wenn ich mit diesem hier umfasse die Normalbildung des menschlichen Organismus, so müßte ich das Auftreten eines Karzinominösen so hineinzeichnen (rot), daß ich gewissermaßen an irgendeiner Stelle etwas hinzeichne, was als Wachstumskräfte auftritt, die nun dem Organismus innerlich anhaften, so daß er da etwas abgeben muß, was er sonst an den ganzen Organismus abgeben würde.
19 Wollte ich zeichnen dasjenige, was beim anderen Pol, bei der Manie auftritt, so müßte ich — schematisch ist das natürlich alles gemeint — es etwa als herausquellend aus dem Organismus (blau), als ein nach dem Geistig-Seelischen Hindrängendes annehmen.
Sie können dann diese äußersten Fälle, die ich hier angeführt habe, die gewissermaßen extreme Fälle sind, die können Sie in abgeschwächterem Zustande sich vorstellen. Denken wir uns, es kommt nicht bis zur Karzinombildung, sondern es kommt gewissermaßen bis zu einer auf dem Wege aufgehaltenen Karzinombildung. Wenn es bis zu einer auf dem Wege aufgehaltenen Karzinombildung kommt, dann wird einfach irgendein Organ — denn es kann ja natürlich das, was da geschieht, nicht im Nichts geschehen, nicht in den Zwischenräumen des Organismus —, es wird irgendein Organ ergriffen, aber es verbindet sich gewissermaßen die Kraft, die sonst nach Innen strebt in der Karzinombildung und da ganz selbständig sich innerlich emanzipiert, mit dem, was als Normalkraft in einem Organe ist, und wir haben es mit der Erkrankung eines Organes dann zu tun, die wir in der verschiedensten Weise, wie es ja gang und gäbe geworden ist, gebräuchlich geworden ist in der Medizin, bezeichnen können.
Nehmen wir an, solch ein Hinneigen zur Manie wird auf halbem Wege aufgehalten. Der Betreffende wird durch das Abnorme seiner Organisation nicht dazu gebracht, daß das Geistig-Seelische völlig herausgesetzt wird wie in der Hochmanie, wo er gewissermaßen ganz außer sich kommt und das Gedankliche emotionell seinen eigenen Verlauf nimmt. Es bleibt gewissermaßen auf halbem Wege dasjenige stehen, was nach dem anderen Extrem hindrängt, dann haben wir es zu tun mit den verschiedenen Formen der sogenannten geistigen Erkrankungen — der sogenannten, sage ich —, die eben in der verschiedensten Weise auftreten können, von den organisch bedingten Illusionen und so weiter bis zu den organisch kaum mehr nachweisbaren, aber im Organismus immer doch begründeten Zuständen der Hysterie und so weiter.
Sie sehen, hier ist versucht worden, gewissermaßen nach zwei verschiedenen Richtungen hin die Erscheinungen zu verfolgen, die uns
20 aus dem Normalen ins Pathologische hineinführen. Und nur wenn man zunächst diese Erscheinungen verfolgt, kann man zu einer Anschauung über diese Erscheinungen kommen. Ich möchte Ihnen nun von einer anderen Seite her zeigen, wie man noch nicht ganz aus dem Gebiete jener Geisteswissenschaft heraus, deren Methode ich Ihnen charakterisiert habe als Imagination, als Inspiration, als Intuition, sondern, ich möchte sagen, schon aus einem gewissen Instinkte heraus, in einer gewissen Weise erfassen kann, was da eigentlich zugrunde liegt, aber wie dieses Erfassen, wenn es eben nicht bis zum geisteswissenschaftlichen Weg vordringen will, doch in der Mitte steckenbleibt.
Wir haben innerhalb der deutschen Geistesentwickelung eine außerordentlich interessante Erscheinung. Ganz abgesehen jetzt davon, wie man sich zu Schelling stellen will als Philosophen, wir haben in ihm eine interessante kulturhistorische Erscheinung. Mag alles falsch und schief sein, was er in seiner Philosophie ausgebildet hat, in ihm lebte aber ein gewisser Instinkt für das natürliche Geschehen bis in die Gebiete hinein, wo die gewöhnliche Naturwissenschaft so ungern das natürliche Geschehen verfolgt, wo sie sich mehr auf eine ganz grobe Empirie verläßt. Schelling hat durchaus da, wo ihm die Möglichkeit vorlag, auch versucht medizinisch zu denken, ja er hat sich sogar in Fragen der Heilungsprozesse in einem ausgiebigen Maße betätigt. Man hat sich wenig in den philosophischen Geschichtsbetrachtungen über die neuere Zeit damit beschäftigt, wie eigentlich Schelling darauf gekommen ist, ganz instinktiv so unterzutauchen aus der bloßen abstrakten, logisch philosophischen Betrachtung in eine reale Naturbetrachtung, selbst des Organischen. Und er hat ja sogar eine Zeitschrift herausgegeben, die sich in ausgiebigem Maße mit medizinischen Fragen beschäftigt hat.
Woher kommt das? Man kann sich darüber aufklären, wenn man weiß und in richtiger Weise zu würdigen versteht, aus welchen tiefen Erkenntnisinstinkten heraus Schelling seine Wahrheiten und seine Irrtümer geschöpft hat. Und so findet sich bei Schelling, durchaus nicht auf eine klare Erkenntnis gebaut, aber, ich möchte sagen, herausgehauen aus dem Instinktiven des seelischen Lebens, ein merkwürdiger
21 Satz. Die Natur erkennen, sagte er, heißt die Natur schaffen. — Ja, wenn dieser Satz realisiert wäre unmittelbar für das menschliche Erkennen, dann hätten wir es leicht, in die Medizin hineinzukommen. Wenn wir mit in unser Erkennen aufnehmen könnten die Schaffenskräfte, wenn wir in unserem Bewußtsein anwesend hätten die Schaffenskräfte, dann könnten wir sehr leicht in das Gebiet der physiologischen und pathologischen Erscheinungen hineindringen, denn dann würden wir die schaffende Natur gewissermaßen bei ihren Schritten beobachten können. Die empirische Anschauung sagt einfach: Das können wir nicht. — Und derjenige, der dann weitergeht, kann sagen, daß gerade in der Nichterfüllbarkeit einer solchen, über das menschliche Vermögen hinausgehenden Forderung, wie sie da Schelling aufgestellt hat, etwas von dem liegt, was uns nicht hineinschauen läßt zunächst in einen solchen Prozeß, wo neue Bildungen auftreten. Weil wir das Schaffen der Natur unmittelbar mit unserem Erkennen nicht verfolgen können, deshalb können wir nicht hineinschauen da, wo neue Bildungen auftreten, das heißt, wir können das Dasein der materiellen Prozesse, wie sie sich zum Beispiel in der Karzinombildung vollziehen, nicht ohne weiteres verfolgen. Aber in dem richtigen Zusammenhalten desjenigen, was uns da eigentlich versagt ist, indem wir nicht erfüllen können die instinktive Forderung eines genialischen Menschen: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen —, in der Nichterfüllbarkeit dieser Forderung, in Zusammenstellung mit demjenigen, was uns nun doch auftritt im karzinomatösen Prozeß, wird sich ergeben, wie man solchen Prozessen zu Leibe zu gehen hat.
Nach der anderen Seite hin, ja, da hat Schelling allerdings aus keinem Instinkt heraus gesprochen. Ich bitte Sie nur einmal, den polarischen Gegensatz zu dem, was Schelling gesprochen hat, ins Auge zu fassen. Wenn auf der einen Seite der Satz steht: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen —, den wir nicht erfüllen können, so würde ja auf der anderen Seite der Satz stehen: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. Dieser Satz ist bisher nur von Geisteswissenschaftern und da auch nur in einem gewissen mysteriösen Dunkel ausgesprochen worden: Den Geist erkennen heißt den
22 Geist zerstören. Wenn wir nun nicht erfüllen können das Schaffen der Natur, so können wir — das wollen wir zunächst durch Analogie zugeben, man kann davon dann noch weiter reden —, so können wir auch nicht aus unserem menschlichen Vermögen heraus den Geist zerstören. Wir können nicht vordringen mit unserem Erkennen bis dahin, wo die Zerstörung des Geistigen beginnt. Aber Sie ahnen schon, da besteht eine gewisse Verwandtschaft zu den manischen oder ähnlichen Zuständen, denn da tritt etwas Zerstörerisches im Geiste auf. Und gesucht wird werden müssen auf der einen Seite der Zusammenhang jener normalen menschlichen Vermögen, die nicht können die Natur schaffen, indem sie erkennen, und die nicht können den Geist zerstören, indem sie ihn erkennen. Hier 'halbe ich Ihnen zunächst den Weg aufgezeigt, etwas, was uns geradezu aus einem normalen, aber instinktiv tiefer angeregten Bewußtsein hineinführt in ein Verhältnis des Menschen zur Natur. Wir werden sehen, daß auf diesem Wege, der hier angedeutet worden ist, im weiteren Verlaufe dasjenige liegt, was eigentlich gesucht werden muß beim Übergänge von der Physiologie zu der Pathologie.
Nun, ich hoffe, daß ich morgen nicht auch noch genötigt bin, in dieser Weise zu Ihnen zu sprechen, aber ich werde doch versuchen, im Laufe der nächsten Tage wenigstens dann skizzenweise zu irgendeiner Zeit abends diese Betrachtung fortzusetzen.




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