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ERSTER VORTRAG, Stuttgart, 26. Oktober 1922 : II ANTHROPOSOPHISCHE GRUNDLAGEN FÜR DIE ARZNEIKUNST I

ERSTER VORTRAG, Stuttgart, 26. Oktober 1922 : II ANTHROPOSOPHISCHE GRUNDLAGEN FÜR DIE ARZNEIKUNST I

Geistesforschung für Medizin und Physiologie hat andere Grundlagen als mystische und gnostische Anschauungen. Seit Galen keine übersinnlichen Anschauungen in der Medizin. Die vier Elemente bei Galen. Entwicklung von inneren Fähigkeiten: Sehen des Geistig-Seelischen und des geistigen Kosmos. Anthroposophie anerkennt voll sinnenfällige Empirie. Richtlinien aus Geisteswissenschaft für empirische Forschung, Berücksichtigen aller Faktoren. Leber-, Gehirn- und Blutzelle im Vergleich zur Keimzelle. Beziehung des Organischen zum Universum ist nicht sekundär. Vererbungsströmung. Gehirnbau. Theodor Ziehen, Herbart. Gehirn: ein plastisches Abbild unseres Vorstellungslebens. Meynert. Imaginatives Erkennen und Gehirnbau. Atmungsprozeß und inspirierte Erkenntnis. Stoffwechselprozeß und intuitive Erkenntnis. Gehirn: Abbild des Geistig-Seelischen; Stoffwechsel: Vollständiges Untertauchen des Geistig-Seelischen. Willensakt geht bis zum Stoffwechsel. Das Erkennen der vier Aggregatstrukturen im Menschen. Aufsteigende und absteigende Prozesse. Nieren: Abscheidungsorgan nach außen, Leber: nach innen.

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75 Sie werden heute ein wenig Nachsicht haben müssen mit mir, ich bin eben erst hier angekommen nach einer sehr ermüdenden Reise und kann eigentlich erst im Grunde genommen wahrscheinlich morgen ordentlich zu Ihnen sprechen.
Nun möchte ich heute aber eine Art Einleitung geben zu den Vorträgen, die ich hier vor Ihnen halten darf. Eigentlich war es nicht meine Absicht, innerhalb dieser ärztlichen Veranstaltung zu sprechen, da ich glaube, daß die Anregungen, die aus anthroposophischer Forschungsart für die Medizin und das naturwissenschaftliche Denken sich ergeben, aufgenommen werden sollten von denjenigen, die auf dem entsprechenden Gebiete Fachleute sind. Es kann sich ja wirklich bei alledem, was für Medizin und zum Beispiel auch für Physiologie von anthroposophischer Geistesforschung herkommt, nur um Anregungen handeln, die dann empirisch weiterbearbeitet werden müssen. Erst auf der Grundlage dieser empirischen Weiterarbeit kann sich über diejenigen Dinge, um die es sich handelt, ein gültiges, überzeugendes Urteil bilden, ein Urteil von der Art, wie man es auf therapeutischem Gebiete braucht.
Wenn ich aber doch nun unter Ihnen diese wenigen Vorträge halten werde, so geschieht es auf den besonderen Wunsch unserer Ärzte hier, und ich werde mich bemühen, gerade diejenigen Seiten in diesen Tagen zu berühren, durch welche das eigentlich Anthroposophische hereinleuchten kann in das medizinische Gebiet. Ich werde den Versuch machen, zu zeigen, daß zunächst das Urteil, das man gewinnen kann über den Menschen, sowohl in seinem gesunden wie in seinem kranken Zustande bereichert und vertieft werden kann durch die anthroposophische Anschauung. Ich darf vielleicht einleitungsweise darauf aufmerksam machen, wie diese anthroposophische Anschauungsweise heute — das heißt in unserer historischen Gegenwart — eigentlich zu nehmen ist. Man verwechselt so leicht dasjenige, was hier Anthroposophie genannt wird, mit älteren traditionellen
76 Menschheitsanschauungen, über deren Wert ich ja hier kein Wort verlieren will, die ich nicht kritisieren will, denen gegenüber aber doch gesagt werden muß, daß die Anschauungen, die von mir vertreten werden, auf ganz anderen Grundlagen beruhen als jene Anschauungen, die traditionell als mystische, theosophische, gnostische und so weiter in der menschlichen Geschichtsentwickelung heraufgekommen sind. Und ich brauche ja nur die Hauptsache hervorzuheben, um vielleicht gerade dadurch gleich radikal klarmachen zu können, worinnen der Unterschied besteht zwischen den hier vertretenen Anschauungen und jenen älteren. Jene älteren Anschauungen beruhen durchaus darauf, daß sie entstanden sind innerhalb des menschlichen Denkens zu einer Zelt, in der es noch keine Naturwissenschaft in unserem Sinne gegeben hat, und meine Anschauungen beruhen darauf, daß sie entstehen in einer Zeit, in welcher die Naturwissenschaft entwickelt ist, in welcher es die Naturwissenschaft auch schon zu einer gewissen, wenn auch nur vorläufigen Vollendung gebracht hat. Das ist dasjenige, was immer bedacht werden muß, wenn man den ganzen Sinn der Auseinandersetzungen verstehen will, der dasjenige durchdringt, was von anthroposophischer Seite her über die verschiedensten Zweige des menschlichen Wissens und Könnens gesagt und erforscht werden kann.
Und Sie wissen ja alle — ich brauche Ihnen das nicht auseinanderzusetzen —, daß in jenen älteren Zeiten, in denen eine — in unserem Sinne natürlich — naturwissenschaftsfreie Anschauung über die übersinnliche Welt vorhanden war, auch die Medizin mit übersinnlichen Anschauungen durchsetzt war, mit Anschauungen über den Menschen, die sich nicht auf die Art ergaben, wie wir das heute eigentlich selbstverständlich finden innerhalb der empirischen Forschung. Man braucht nur etwa hinter Galen zurückzugehen, und man findet, wenn man unbefangen genug ist dazu, überall Anschauungen über den Menschen, auf denen dann auch die medizinischen Gedanken ruhen, Anschauungen über den Menschen, die, indem sie hinschauen auf die Form des Menschen, die Form seiner Organe, auf die Funktionen des Menschen, mit demjenigen, was wir heute hereinbekommen in unsere Empirie, in ihrer Art Gedanken über Übersinnliches verbinden,
77 das sie — man glaubt das leicht — scheinbar hineinversetzen in die menschliche Natur, das aber für sie mit der menschlichen Natur so verbunden war wie für uns etwa mit den Dingen der äußeren Welt Farben, Formen und unorganische Kräfte verbunden sind. Nur derjenige, der befangen ist, wird heute von jenen vergangenen Zeiten der menschlichen medizinischen Entwickelung so sprechen, als wenn es sich dabei durchaus nur um kindliche Anschauungen gegenüber den jetzigen handeln könnte. Die historischen Darstellungen sind gerade auf diesem Gebiete im Grunde so ungenügend als möglich, und für den, der ein wenig sich einlebt in den geschichtlichen Gang der Menschheit und nicht gerade auf dem Standpunkte steht, von dem aus er urteilen kann, daß jetzt eine Vollendung erreicht ist und alles Frühere töricht war, wird es natürlich klar sein, daß wir auch mit dem, was wir jetzt haben, eine Vollendung nur relativer Art vor uns haben, und daß wir auf das Frühere — auch wenn wir auf die Erfolge blicken, zeigt sich das — durchaus nicht nur mit bloßer Überhebung blicken dürfen. Aber immerhin, es darf von niemandem, in welchem Sinne er sich auch an irgendeinen Wissenszweig der Gegenwart macht, übersehen werden, was Naturwissenschaft in der neueren Zeit für die Menschheit geleistet hat. Und wenn sich eine, um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, geistgemäße Betrachtungsweise über den Menschen, über seine Gesundheit und Krankheit heute irgendwie betätigen will, so darf sie nicht gegen die naturwissenschaftliche Forschung, sondern allein mit naturwissenschaftlicher Forschung sich betätigen.
Sie werden danach von mir nicht voraussetzen, daß ich in irgendeine Polemik gegenüber den naturwissenschaftlichen Anschauungen verfallen will. Im Gegenteil, ich möchte gleich von vornherein betonen, daß das sogar aus einem ganz bestimmten Grunde nicht der Fall sein kann, aus einem prinzipiellen Grunde nicht der Fall sein kann. Sehen Sie, wenn man gerade auf jene eben erwähnten älteren medizinischen Ansichten zurückblickt, so findet man, daß ihnen — trotzdem sie nicht etwa so töricht waren, wie heute mancher glaubt — doch aber dasjenige fehlte, was wir heute durch die Naturwissenschaft gewonnen haben. Das fehlte diesen alten Anschauungen, und
78 es fehlte ihnen aus dem Grunde, weil einfach das menschliche Erkenntnisvermögen in jenen älteren Zeiten gar nicht daraufhin veranlagt war, die Dinge so zu sehen, wie wir sie heute mit unserer sinnenfälligen und durch Werkzeuge verstärkten Empirie sehen. Das, was wir heute durch unsere Empirie erkennen, das war etwas, von dem man etwa sagen kann: Ja, der alte Arzt — verzeihen Sie, daß ich diesen Ausdruck gebrauche, ich könnte ebensogut sagen: der alte Physiologe oder Biologe —, der alte Arzt sah etwas ganz anderes, als der heutige Mensch sieht. Man könnte geradezu von einer anderen Orientierung des ärztlichen Bewußtseins sprechen für jene älteren Zeiten, die eigentlich radikal ihr Ende gefunden haben mit Galen. Aber das, was er sah, sagen wir, in seinen vier Elementen des menschlichen Organismus, in der schwarzen, der gelben Galle, in dem Schleim, dem Blut, das sah er durchaus nicht so, wie heute der Mensch es sieht, sondern was er anders sah, sah er so, daß, wenn er es beschreibt und wenn man die Worte versteht — man versteht sie gewöhnlich nicht, wie sie aus alten Zeiten überliefert sind —, es einem heute wie Nebel erscheint; er sah diesen Nebel wie eine Realität, er sah nicht etwa dasjenige, was wir Schleim nennen in seinem Schleim, er sah in seinem Schleim etwas, was nicht nur durchlebte Flüssigkeit war, sondern sogar durchseelte Flüssigkeit war. Das sah er. Es war für ihn etwas so klar Gesehenes, wie wenn wir sagen, irgend etwas ist rot oder blau. Dafür aber, daß er da etwas sah, wofür heute das wissenschaftliche Bewußtsein nicht mehr organisiert ist, dafür sah er das nicht, was wir heute eigentlich innerhalb des wissenschaftlichen Bewußtseins haben. Man möchte sagen, nehmen wir an, irgend jemand, der ein gar nicht so abnormes Auge hat, schaut durch irgendeine Brille, und dadurch werden ihm die Umrisse schärfer, als sie für sein sonstiges Bewußtsein sind. So ist auch durch die moderne Empirie das, was früher verschwommen, aber geistig-seelisch gesehen worden ist, verschwunden, dafür ist das scharf Konturierte unserer heutigen Empirie gekommen. Das hatte man in älteren Zeiten nicht. Daher kurierte man auch aus einer Art Instinkt heraus, der übrigens verbunden war mit einer starken Entwickelung des menschlichen Mitgefühles. Es war immer beim alten Arzte eine Art sogar zuweilen
79 aufreibenden Miterlebens mit der Krankheit des Patienten. Aus diesem Miterleben heraus wurde kuriert. Und die scharfen Umrisse, die wir heute durch unsere sinnenfällige Empirie haben, die sah man eben nicht. Nun können wir, weil einfach das Fortschreiten zu dieser sinnenfälligen Empirie in der Entwickelung der Menschheit begründet liegt, nicht etwa diese heutige Empirie beseitigen und wiederum zum alten zurückkehren. Wir werden auch nur, wenn wir irgendwelche atavistische Fähigkeiten uns aneignen, so etwas von Natur aus haben, wie die Alten es auf allen Gebieten, also auch auf ärztlichem Gebiete, hatten. Wenn man heute hereinwächst einfach schon durch unsere besonders geartete Volksschulbildung — ich will gar nicht von der höheren Bildung sprechen —, wenn man heute hereinwächst in unsere Zivilisation, so ist es unmöglich, daß man etwas so sieht, wie es die Alten gesehen haben. Das kann man nicht. Man würde heute, wenn man so sehen würde, wie die Alten gesehen haben, zwar nicht sehr stark, aber doch wenigstens als psychopathisch, als nicht ganz in Ordnung betrachtet werden. Und das nicht ganz mit Unrecht. Denn in der Tat, etwas Psychopathisches ist bei allem, ich möchte sagen, elementarnaturhaften — nun, nennen wir es «Hellsehen» — der Gegenwart vorhanden. Darüber müssen wir uns ganz klar sein. Aber was wir können, das ist, durch Entwickelung von inneren Fähigkeiten, die sonst in der Seele latent sind, uns hinaufarbeiten zu einem Sehen des Geistigen im Seelischen, so, wie sich ebendas Auge heraufarbeitete im Laufe der Stammesgeschichte von einem unbestimmten Sehen zu einem scharf konturierten Sehen. Also es können heute Fähigkeiten des geistigen Schauens entwickelt werden. Nun sehen Sie, wenn solche Fähigkeiten des geistigen Schauens entwickelt werden — ich habe die Entwickelung dargestellt in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen meiner Schriften —, wenn solche Fähigkeiten entwickelt werden beim Menschen, dann sieht er zunächst eine Welt, die er früher nicht gesehen hat, aber eine Welt, welche umschließt zunächst eine Art von geistigem Kosmos außer dem Kosmos, den uns unser heutiger Sinnesanblick gibt, unter Hinzuziehung desjenigen, was die Astronomie findet und berechnet. Zu diesem sinnenfälligen, von
80 Naturgesetzen durchsetzten Kosmos kommt ein anderer hinzu, ein geistiger Kosmos. Wenn wir dann verfolgen dasjenige, was wir in dem geistigen Kosmos finden können, finden wir darinnen auch den Menschen. Wir begreifen ein geistiges Universum, ein durchseeltes Universum, und wir begreifen als ein Glied dieses durchgeistigten, durchseelten Universums den Menschen, Wenn wir gewöhnliche Naturwissenschaft treiben, dann beginnen wir entweder mit den einfachsten Lebewesen oder mit der einfachsten Lebensform, mit der Zelle, verfolgen dann das Einfachere zum Komplizierten herauf, steigen also von demjenigen, was der einfachen, bloß physikalisch gegliederten Materie am ähnlichsten ist, zu dem hochkomplizierten menschlichen Organismus herauf. Wenn wir Geisteswissenschaft in ernstem Sinne treiben, beginnen wir gewissermaßen am anderen Ende. Wir steigen herunter von dem Erfassen des Geistigen im Universum und schauen dieses Geistige im Universum als das Komplizierte an, die Zelle sehen wir als das Einfachste im Organismus an. Das Universum, geisteswissenschaftlich angeschaut, ist das Komplizierteste, und wir gelangen allmählich dazu geradeso, wie wir komplizieren unsere eigenen Erkenntniselemente, um, sagen wir, von der Zelle zum Menschen zu kommen, so vereinfachen wir dasjenige, was uns der Kosmos gibt, immer mehr und mehr und kommen dann zum Menschen. Wir gehen einen entgegengesetzten Weg, das heißt, wir beginnen am polarisch entgegengesetzt gelegenen Ausgangspunkt, aber wir kommen, wenn wir in dieser Weise heute zunächst Geisteswissenschaft treiben, dadurch im Grunde genommen nicht bis in diejenigen Gebiete, die etwa von unserer heutigen sinnfälligen Empirie umschlossen werden. Ich muß großen Wert darauf legen, daß gerade in diesen prinzipiellen Dingen keine Mißverständnisse entstehen. Deshalb muß ich Sie schon heute bitten, mir einige pedantisch geformte Begriffe zu verzeihen. Wenn jemand etwa glauben wollte: Nun, es ist unsinnig, sinnenfällige Empirie in der Physiologie, in der Biologie zu treiben, wozu braucht man die spezielle Fachwissenschaft, man entwickelt sich geistige Fähigkeiten, schaut in die geistige Welt hinein, kommt dann zu einer Anschauung über den Menschen, über den gesunden, über den kranken Menschen, und kann gewissermaßen
81 eine geistige Medizin begründen, — so wäre das ein großer Irrtum, Es tun ja das manche auch, aber es kommt nichts dabei heraus. Höchstens das, daß sie wacker schimpfen auf die empirische Medizin, aber sie schimpfen eben dann über etwas, was sie nicht kennen. Also darum kann es sich nicht handeln, daß wir etwa einen Strich machen gegenüber der gewöhnlichen sinnenfälligen empirischen Wissenschaft und aus geistigen Wolkenkuckucksheimen herunter eine Geisteswissenschaft begründen. So ist es gar nicht gegenüber den empirischen Wissenschaften, das heißt demjenigen, was man heute empirische Wissenschaften nennt, was ich hier sinnenfälligempirische Wissenschaft nennen möchte. So ist es gar nicht. Sie können zum Beispiel, wenn Sie geisteswissenschaftlich forschen, nicht etwa auf dasselbe kommen, was Sie mit dem Mikroskop erforschen. Sie können ruhig jemanden, der Ihnen den Glauben beibringen will, daß er aus der Geisteswissenschaft heraus dasselbe finden kann, was man unter dem Mikroskop findet, als einen Scharlatan auffassen. Das ist nicht so. Dasjenige, was empirische Forschung in heutigem Sinne gibt, besteht. Und um die Wissenschaft auch im Sinne geisteswissenschaftlicher Anthroposophie vollständig zu machen auf irgendeinem Gebiete, dazu ist nicht etwa ein Hinwegräumen des sinnenfällig Empirischen statthaft, sondern es ist durchaus ein Rechnen mit dieser sinnenfälligen Empirie notwendig. Nirgends wird derjenige, der, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, in anthroposophischer Geisteswissenschaft Fachmann ist, etwas anderes finden, als daß man dadurch, daß man Geisteswissenschaft treibt, erst recht sich im Sinne des sinnenfällig Empirischen mit den Erscheinungen der Welt befassen muß.
Dasjenige, was man zunächst bekommt aus der Geisteswissenschaft heraus, das sind Richtlinien für die empirische Forschung, das sind gewisse Regulative, die uns zeigen, daß wir dasjenige, was in dem Organismus an einem bestimmten Orte ist, auch in Gemäßheit dieses Ortes zum Beispiel betrachten müssen. Eine Zelle, wird mancher sagen, ist eine Zelle. Und dasjenige, was diese Zelle unterscheidet von der anderen, ob sie nun eine Leberzelle oder eine Gehirnzelle ist, das muß sich ergeben auch wiederum aus empirischer Betrachtung
82 heraus. Das ist eben gerade nicht der Fall. Sehen Sie, wenn ich zum Beispiel morgens um neun Uhr bei meinem Spaziergang bei einer Bank vorbeikomme, sitzen da zwei Menschen nebeneinander. Ich sehe mir sie an, bilde mir ein Urteil über verschiedene Dinge an diesen Menschen. Mein Weg führt mich nachmittags um drei Uhr wiederum vorbei; sitzen wiederum da die beiden Menschen. Ja, der empirische Tatbestand ist in beiden Fällen zunächst ganz genau derselbe für dasjenige, was sich darbietet, mit Ausnahme feiner Unterscheidungen. Aber es kann der eine Mensch sitzengeblieben sein die sechs Stunden, der andere, gleich nachdem ich vorbeigegangen bin, weggegangen und erst jetzt wieder gekommen sein und einen weiten Weg gemacht haben. Das verändert das Bild ganz wesentlich und hat gar nichts zu tun mit dem Tatbestand, der sich mir zunächst sinnenfällig darbietet. Sinnenfällig bietet sich mir dar derselbe Tatbestand um neun Uhr morgens und um drei Uhr nachmittags. Aber der sinnenfällige Tatbestand muß beurteilt werden aus seinem Zusammenhang, aus seinen Bestandteilen heraus. Und da handelt es sich gar sehr darum, sich zum Beispiel klar zu werden, inwiefern eine Leberzelle ganz anders beurteilt werden muß als, sagen wir, eine Gehirnzelle oder eine Blutzelle. Denn nur dann, wenn das zum Beispiel richtig ist, daß eine ursprüngliche Keimzelle zugrunde Hegt, die befruchtet worden ist, und durch einfache Spaltung, Teilung, der ganze Organismus aus dieser Keimzelle heraus zu erklären ist, nur wenn das gilt, würde man so vorgehen können, daß man von vornherein die Leberzelle gleich mit der Gehirnzelle behandelt und nur sich nach dem rein sinnenfällig empirischen Tatbestand richtet. Ja aber, wenn das zum Beispiel gar nicht der Fall wäre, wenn zum Beispiel dadurch, daß eine Zelle in der Leber einfach durch ihre Lage in einer anderen Beziehung stünde zu außermenschlichen Kräften, zu Kräften, die außerhalb der menschlichen Haut liegen, als eine Gehirnzelle, dann dürfen wir nicht bloß auf dasjenige schauen, was vor sich geht als die Fortsetzung des Teilungsvorganges und die Lagerung, die sich dann ergibt, sondern dann müssen wir in einer ganz anderen Weise die Gehirnzelle zum Universum in Beziehung bringen als die Leberzelle.
83 Wenn jemand eine Magnetnadel ansieht und findet, sie weist von Süden nach Norden, von Norden nach Süden, und jetzt behauptet, die Kräfte, warum sie in die Nord-Süd-Richtung sich stellt, liegen in der Magnetnadel, so würde man ihn heute ganz bestimmt nicht für einen Physiker ansehen, sondern man bringt als Physiker die Magnetnadel in Beziehung zu etwas, was man Erdmagnetismus nennt. Es mögen sich die Leute was immer für Theorien machen, aber jedenfalls kann man nicht aus Kräften, die innerhalb der Magnetnadel liegen, ihre Richtung herleiten, sondern man muß die Magnetnadel zu dem Universum in Beziehung bringen.
Wenn jemand das Organische betrachtet, so sind ihm in der Regel die Beziehungen zum Universum außerordentlich sekundär. Aber wenn es so wäre, daß zum Beispiel einfach durch die andere Lagerung die Leber in einem ganz anderen Verhältnisse zu außermenschlichen universellen Kräften stünde als das Gehirn, dann könnten wir nicht auf dem Wege, den wir heute mit der tatsächlichen Empirie verfolgen, zu irgendeiner Erklärung des Menschen kommen. Denn in diesem Falle könnten wir nur dann zu einer Erklärung des Menschen kommen, wenn wir in der Lage wären zu sagen, welchen Anteil, sagen wir an der Gestaltung des Gehirnes und der Gestaltung der Leber das ganze Universum hat, so wie an der Richtung der Magnetnadel die Erde ihren Anteil hat.
Wir verfolgen heute, sagen wir, dasjenige, was in der Vererbungsströmung liegt. Wir gehen hinauf zu den Vorfahren oder bis zur Gegenwart, gehen bis zu den Nachkommen, machen es so in der Tierreihe, machen es so in der Menschenreihe, berücksichtigen dasjenige, was sich uns da ergibt — was wir natürlich kennen müssen —, aber wir berücksichtigen für dasjenige, was sich uns da ergibt, lediglich das, was uns die unmittelbaren Vorgänge sagen, die wir sozusagen innermenschlich betrachten. Wir fragen nichts danach, ob unter Umständen im menschlichen Organismus für den befruchteten Keim bloß die Gelegenheit gegeben ist, daß universelle Kräfte in der mannigfaltigsten Weise auf diesen Keim wirken. Und wir fragen gar nicht danach: Können wir vielleicht überhaupt gar nicht die Gestaltung der befruchteten Keimzelle irgendwie dadurch erklären, daß
84 wir innerhalb des Menschen stehen bleiben, müssen wir sie nicht auf das ganze Universum beziehen? Uns sind heute für die offizielle Wissenschaft die Kräfte, die da vom Universum hereinwirken, etwas Sekundäres. Gewiß, sie werden berücksichtigt, aber sie sind etwas Sekundäres. Sie werden sagen: Ja, aber die Wissenschaft führt uns heute zu einem Punkte, auf dem wir solche Fragen gar nicht aufwerfen; das ist etwas Veraltetes, die menschlichen Organe zum Universum in Beziehung zu bringen!
In der Weise, wie es oft gemacht wird, ist es auch etwas Veraltetes. Aber daß wir überhaupt heute in weitestem Umkreise gar nicht dazu geführt werden, solche Fragen aufzuwerfen, das rührt ja lediglich von unserer wissenschaftlichen Erziehung her. Wir werden wissenschaftlich so erzogen, daß wir sozusagen erhalten werden auf dieser bloß sinnenfälüg-empirischen Forschung, daß wir gar nicht darauf kommen, Fragen aufzuwerfen, so wie diejenigen sind, die ich zunächst nur einleitend hypothetisch aufgeworfen habe. Aber vom Aufwerfen der Fragen hängt es eigentlich ab, wie weit man in der Erkenntnis kommt, und wie weit man im menschlichen Handeln auf allen Gebieten kommt. Wo Fragen erst gar nicht aufgeworfen werden, da lebt man eigentlich in einer Art wissenschaftlichen Nebels. Man verdunkelt sich den freien Ausblick in die Wirklichkeit selber. Und dann kommt es, daß man eigentlich nur dann, wenn die Dinge sich in die Gedanken nicht mehr fügen wollen, sieht, wie eingeschränkt die Anschauungen sind.
Ich glaube allerdings, daß dieses Gefühl, das ich damit andeute, eigentlich am meisten gerade in der gegenwärtigen Medizin vorhanden sein kann, ein gewisses Gefühl, daß die Tatsachen doch eigentlich anders verlaufen im Menschen, als sie nach den manchmal recht geradlinigen Theorien — nach denen wir übrigens auch kurieren — verlaufen müßten. Dann bekommt man ein Gefühl, daß es doch noch von irgendeiner anderen Seite möglich sein müßte, der Sache sich zu nähern. Und eigentlich meine ich, daß dasjenige, was hier zu sagen ist, kaum für jemand anderen eine Bedeutung haben kann, wenn er Fachwissenschafter ist, als eben gerade für den, der aus dem praktischen Verfolgen der Vorgänge im gesunden und im
85 kranken Menschen gesehen hat, wie überall eigentlich die Anschauungen, die man hat, zu leicht geschürzt sind, wie sie überall nicht herankommen an das Komplizierte der Tatsachen.
Seien wir doch in dieser Beziehung einmal ehrlich! Schauen wir hin, wie das ganze 19. Jahrhundert fast auf allen Gebieten wissenschaftlichen und praktischen Denkens immer eines heraufgebracht hat wie ein Axiom. Man könnte geradezu verzweifeln, wie einem dieses axiomartige Ding immer entgegengeschleudert wird! Die Leute sagten immer: Erklärungen müssen so einfach wie möglich sein. — Dann haben auch die Leute die Erklärungen so einfach wie möglich gemacht. Ja, aber wenn die Dinge kompliziert sind und die Vorgänge, dann ist es eben ein Vorurteil, daß Erklärungen so einfach wie möglich sein müssen, dann muß man sich bequemen, sich eben auf das Komplizierte einzulassen! In dieser Beziehung ist ungeheuerlicher Schaden angerichtet worden — ich möchte sagen: in der ganzen menschlichen Natur, insofern Wissenschaft und Kunst in Betracht kommen — dadurch, daß man immer wiederum und wiederum das deklamiert hat: Erklärungen müssen so einfach wie möglich sein. — Die Natur ist überall, in ihrem Kleinsten und im Größten, nicht einfach, sondern ungeheuer kompliziert. Und man kann eigentlich der Natur selber nur beikommen, wenn man von vornherein weiß: Auch die scheinbar vollkommensten Anschauungen verhalten sich zu der Wirklichkeit so wie die Photographien, sagen wir eines Baumes, von einer gewissen Seite aus. Ich kann den Baum von den verschiedensten Seiten photographieren. Photographien schauen unter Umständen ganz verschieden voneinander aus. Je mehr Photographien ich habe, desto eher werde ich der Wirklichkeit des Baumes nahekommen mit meiner Vorstellung.
In bezug auf Theorien, Anschauungen, meint man heute: irgendeine Theorie gilt. Die andere ist dann falsch, die man nicht gerade hat. Das ist aber ganz genau so, wie wenn jemand von einer gewissen Seite einen Baum photographiert; die hat er nun. Ein anderer photographiert den Baum von einer ganz anderen Seite, der zeigt ihm die Photographie, und nun sagt er: Das ist falsch, total falsch, richtig ist nur das — seine Ansicht ist die richtige. So ungefähr hat man überhaupt
86 gestritten über Materialismus, Idealismus, Realismus und alles mögliche. Die Streitigkeiten, die auf diesem Gebiete gepflogen worden sind, nehmen sich nicht viel anders aus als dasjenige, was ich Ihnen in einer scheinbar ganz trivialen Weise jetzt als einen Vergleich angeführt habe. Daher bitte ich Sie von vornherein, dasjenige, was ich hier vorzubringen habe, nicht so aufzufassen, als ob es materialistisch, idealistisch oder spiritualistisch sein sollte, sondern lediglich so, als ob es auf die Wirklichkeit in Gemäßheit des menschlichen Anschauungsvermögens losgehen soll. Wir können zuweilen mit materialistischen Vorstellungen sehr viel erreichen, wenn wir das Wirkliche beherrschen wollen, wenn wir nur dann auch den entgegengesetzten Aspekt ins Feld führen können. Und wenn wir nicht in der Lage sind, die Aspekte auseinanderzuhalten, nun, dann bekommen wir eben menschliche Anschauungen, die sich ungefähr so ausnehmen, wie wenn man auf eine Platte alle möglichen verschiedenen Photographien aufnehmen würde. So nehmen sich auch sehr viele Dinge aus, die heute tradiert werden, wie wenn man von den verschiedensten Seiten immer auf eine Platte photographien hätte.
Nun, sehen Sie, wenn man diejenigen Kräfte, von denen ich gesagt habe, daß sie latent in der Seele sind, aktuell macht durch jene Mittel, die ich besprochen habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann kommt man in der Tat über den gewöhnlichen Erkenntnisstandpunkt, der ja ganz besonders sorgfältig in der neuesten Phase der Biologie verfolgt wird, hinauf zu dem, was ich beschrieben habe als sogenanntes imaginatives Erkennen. Ein weiterer Standpunkt ist das inspirierte Erkennen, und der zunächst höchste Standpunkt, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, ist das intuitive, das wirklich intuitive Erkennen. Im imaginativen Erkennen bekomme ich Bilder von der Wirklichkeit, von denen ich ganz gut weiß, daß sie Bilder sind, aber ich weiß auch, daß sie nicht Traumbilder sind, sondern Bilder der Wirklichkeit. Ich habe noch nicht die Wirklichkeit im imaginativen Erkennen, aber ich habe Bilder einer Wirklichkeit. Im inspirierten Erkennen bekommen diese Bilder gewissermaßen Konsistenz, es lebt etwas in diesen Bildern; ich weiß durch die Bilder mehr, als was mir das Bild geben
87 kann. Ich weiß durch die Bilder, daß sie sich auf eine geistige Realität beziehen. Und im intuitiven Erkennen stehe ich innerhalb dieser geistigen Realität selber. So ist der Aufstieg. Dasjenige, was über diese drei Erkenntnisarten zu sagen ist, finden Sie eben in dem öfters schon genannten Buche.
Nun, zunächst geben einem diese drei Erkenntnisarten, die jenseits der gewöhnlichen gegenständlichen, also der sinnenfälligen Tatsachenerkenntnis liegen, Erkenntnisse über geistige Welten: ein geistiges Universum und den geistigen Menschen, den geistig-seelischen Menschen; noch nicht zunächst Erkenntnisse über das, was wir heute als empirische Forschungsergebnisse, sagen wir, in der Biologie haben. Aber ein anderes ist die Anwendung der besonderen Seelenverfassung, in die man da kommt, wenn man imaginativ erkennt, oder wenn man inspiriert erkennt, oder wenn man intuitiv erkennt, auf die Erkenntnis des Menschen.
Sehen Sie, da kommt man zum Beispiel, sagen wir, an den menschlichen Gehirnbau heran. Dieser menschliche Gehirnbau ist ja gewissermaßen, für Physiologen und Mediziner nicht so sehr, aber für die sogenannten Psychologen, etwas Merkwürdiges. Die Psychologen sind ja ein besonderes Völkchen innerhalb unserer Zivilisation, weil sie es fertig gebracht haben, nicht wahr, eine Wissenschaft zu haben ohne Gegenstand: Psychologie ohne Seele, Seelenkunde ohne Seele. Für die Psychologen ist schon dieser Gehirnbau etwas sehr Merkwürdiges. Nehmen Sie zum Beispiel einen Psychologen, der sogar aus der ganz empirischen Wissenschaft hervorgegangen ist. Man wußte sich ja in der neuesten Zeit mit der Philosophie nicht zu helfen, weil man nicht unterscheiden konnte, ob ein Philosoph etwas weiß oder nicht. Da man sich aber darüber klar war, daß Naturwissenschafter immer etwas wissen, nahm man auch bei der Besetzung von philosophischen Lehrstühlen in der neueren Zeit Naturwissenschafter, die sich mit Philosophie befaßten. Bei den Naturwissenschaftern ist es selbstverständlich, daß sie etwas wissen, denn man kann zwar in der Philosophie herumreden, aber man kann nicht in der Naturwissenschaft einen blauen Dunst erzählen, den man unter dem Mikroskop oder im Teleskop gesehen haben will oder mit der Röntgenröhre;
88 wenn man das nachprüft, so wird man darauf kommen. In der Philosophie ist es heute nicht so leicht nachzuprüfen, ob einer einen blauen Dunst erzählt. Nun, sehen Sie sich bei Theodor Ziehen an, wie er über den Gehirnbau spricht. Dabei ist mir etwas ganz Interessantes passiert. Vielleicht kann ich Ihnen das durch eine Erzählung besser anschaulich machen. Ich war einmal in einer Versammlung — es ist schon viele Jahre her —, da sprach zuerst ein Arzt über den Gehirnbau, setzte den Gehirnbau auseinander im Zusammenhang mit dem Seelenleben des Menschen, nach einer Anschauung, die man ganz mit Recht materialistisch nennen kann. Es war ein ganz waschechter Materialist, der da den Gehirnbau ganz gut auseinandersetzte, soweit er heute durchforscht ist, und der also das Seelenleben im Zusammenhang mit diesem Gehirnbau erklärte. Der Vorsitzende dieser Versammlung war ein Herbartianer, und der konstruierte sich nun nicht den Gehirnbau, aber dasjenige, was das Vorstellungsleben ist, so wie es der Philosoph Herbart einmal gemacht hat. Der sagte dann: Ja, es ist doch merkwürdig, der Physiologe, der Arzt, der zeichnet das Gehirn auf und macht da Figuren; wenn ich als Herbartianer, sagte er, die komplizierten Vorstellungsassoziationen aufzeichne, wobei ich bloß ein Bild meine von dem, was sich als Vorstellungen vergesellschaftet, nicht etwa Nervenfäden, die eine Nervenzelle mit der anderen verbinden, wenn ich als richtiger Herbartianer, der sich nicht um das Gehirn kümmert, dasjenige, was ich mir vorstelle über die Art, wie sich Vorstellungen verketten und so weiter, nur ganz symbolisch zeichne, so sieht das ganz ähnlich aus wie die Zeichnungen des Physiologen über den physischen Gehirnbau.
Das ist nicht ohne Grund, daß das ähnlich ausschaut. Indem wir immer mehr und mehr auf den Bau des Gehirnes naturwissenschaftlich gekommen sind, hat sich nämlich immer mehr und mehr gezeigt, daß eigentlich der äußere Bau des Gehirnes in einer ganz wunderbaren Weise dem Bau unseres Vorstellungslebens entspricht. Man kann alles, was man im Vorstellungsleben findet, im Gehirnbau wiederfinden. Es ist einfach — bitte nehmen Sie das cum grano salis —, wie wenn die Natur selber im Gehirn ein plastisches Abbild unseres Vorstellungslebens hätte schaffen wollen. So etwas fällt
89 einem ganz besonders auf, wenn man, sagen wir, solche Darstellungen wie die von Meynert liest. Jetzt sind sie schon etwas veraltet. Meynert ist Materialist gewesen, aber ausgezeichneter Gehirnphysiologe, Psychiater, und man möchte sagen: Ja, der ist Materialist, aber dasjenige, was er einem als Materialist gibt, das ist eine wunderbare Abschlagszahlung für dasjenige, was man auch herauskriegt, auch wenn man sich gar nicht kümmert um das menschliche Gehirn, sondern bloß darum, wie sich Vorstellungen verknüpfen und trennen und so weiter und bloß diese Symbole hinzeichnen will. — Kurz, es ist so, daß man, wenn man durch irgend etwas Materialist werden könnte, man es durch den Bau des menschlichen Gehirnes ganz besonders werden könnte. Jedenfalls muß man sagen, wenn es ein Geistig-Seelisches gibt, so hat dieses Geistig-Seelische im menschlichen Gehirn einen so adäquaten Ausdruck gefunden, daß man nun gar nicht weit von der Behauptung ist: Ja, was braucht man noch ein Geistig-Seelisches für das Vorstellungsleben? Wenn man nocih eine Seele verlangen würde, die noch denken kann! Da das Gehirn eine so genaue Abbildung ist des Geistig-Seelischen, warum soll das Gehirn nicht denken können? -
Alle diese Dinge müssen Sie natürlich mit dem bekannten Gran Salz verstehen. Ich will nur auf den Sinn der ganzen Auseinandersetzung heute hinweisen. Das menschliche Gehirn kann einen schon, besonders wenn man in die Detailforschung eingeht, zum Materialisten machen. Und was da so eigentlich für ein Geheimnis obwaltet, was da eigentlich zugrunde liegt, das wird einem doch erst klar, wenn man zur imaginativen Erkenntnis kommt. In der imaginativen Erkenntnis nämlich zeigen sich einem Bilder, Bilder für nur wirklich Geistiges, Bilder, die man früher nicht gesehen hat. Aber man möchte sagen, diese Bilder erinnern einen an die durch die Nervenzellen und Nervenfäden geformten Bilder im menschlichen Gehirn. Und ich möchte sagen, wenn ich Ihnen eine Erklärung geben sollte für die Frage: Was ist eigentlich dieses imaginative Erkennen, das natürlich ganz im Übersinnlichen verläuft, was ist es? Wenn ich Ihnen gleichsam versinnbildlichen sollte die imaginative Erkenntnis, wie der Mathematiker es mit seinen Figuren macht, indem er mathematische
90 Probleme aufzeichnet, dann könnte ich auch sagen: Man stelle sich vor, daß man in der Welt mehr erkennt, als was die Sinneserkenntnis gibt, dadurch, daß man aufsteigen kann zu Bildern, die eine Realität so geben, wie das menschliche Gehirn die menschliche Seelenrealität gibt. Die Natur selber stellt das hin als eine reale, als eine sinnlichreale Imagination im Gehirn, was man eigentlich in der imaginativen Erkenntnis auf einem höheren Gebiete erlangt.
Aber dadurch kommt man tiefer jetzt hinein in die menschliche Konstitution. Wir werden das in den nächsten Tagen sehen: Man kommt immer zu einer Möglichkeit, diesen Wunderbau des menschlichen Gehirns nicht isoliert für sich zu sehen, sondern ich möchte sagen: Während man eine Welt, eine übersinnliche Welt oben durch Imagination sieht, ist es so, wie wenn ein Teil dieser Welt sich herunterrealisiert hätte und im menschlichen Gehirn eine realisierte imaginative Welt vor uns dastehen würde. Und in der Tat, ich glaube nicht, daß irgend jemand adäquat über das menschliche Gehirn sprechen kann, der nicht in dem menschlichen Gehirnbau eine imaginative Darstellung des Seelenlebens sieht. Das ist auch dasjenige, was uns immer wiederum in eine Zwickmühle führt, wenn wir von der bloßen Gehirnphysiologie ausgehen und zum Seelenleben hinüberkommen wollen. Nämlich, wenn man beim Gehirn stehenbleiben will, braucht man gar nicht das Seelenleben. Nur derjenige hat ein Recht, gegenüber dem Bau des menschlichen Gehirnes noch von einem Seelenleben zu sprechen, der dieses Seelenleben außerdem noch anders kennt, als man es kennt auf dem gewöhnlichen Wege dieser Welt, Denn wenn man in der geistigen Welt dieses Seelenleben kennenlernt: im Bau des menschlichen Gehirnes hat es sein adäquates Abbild, und alles das, was das übersinnliche Seelenorgan vorstellungsgemäß kann, kann das Gehirn auch. Denn bis in die Funktionen hinein ist das Gehirn ein Abbild; so daß niemand Materialismus belegen oder widerlegen kann von der Gehirnphysiologie aus. Das gibt es einfach nicht. Wenn der Mensch bloß Gehirnwesen wäre, so würde man gar nicht daraufzukommen brauchen, daß er noch eine Seele hat.
Dagegen wenden wir uns nun zu einer anderen Funktion des Menschen hin, als das Vorstellen ist. Ich werde jetzt nur einleitungsweise
91 etwas darzustellen haben, was ich in den nächsten Tagen immer weiter und weiter auszuführen haben werde; wenden wir uns zu dem, was im Atmungsprozeß liegt. Ich nehme jetzt den Atmungsprozeß als Funktion. Vergegenwärtigen Sie sich die Atmungsvorgänge und dasjenige, was im menschlichen Bewußtsein von den Atmungsvorgängen sitzt: da kommen Sie nicht zu so etwas wie gegenüber dem Vorstellungsleben. Wenn Sie sich sagen: Ich habe eine Vorstellung, die erinnert mich an eine andere Vorstellung, die ich vor drei Jahren gehabt habe, ich verbinde die eine mit der anderen —, da bekommen Sie in der Tat Zeichnungen, namentlich wenn Sie sie über mehrere Vorstellungen ausdehnen, die zum Beispiel den Meynertschen Zeichnungen über den Gehirnbau sehr ähnlich sind. Das können Sie nicht, wenn Sie zum Beispiel dasjenige, was in dem Atmungsvorgange liegt, auf den menschlichen Organismus beziehen. Sie können nicht in derselben Weise adäquat einen Ausdruck finden in der Organstruktur, in der Organgliederung, in der Organformierung für den Atmungsprozeß, wie Sie es können für den Vorstellungsprozeß im Gehirn. Das können Sie nicht. Wir haben im Atmungsvorgange etwas, was eben nicht in der gleichen Weise einen adäquaten Ausdruck findet im menschlichen Organismus, wie das Vorstellungsleben, das Wahrnehmungsleben auch in dem Gehirnbau einen adäquaten Abdruck findet. Aber erhebt man sich zur inspirierten Erkenntnis, das heißt, lernt man erkennen, wie man in der imaginativen Erkenntnis zunächst Bilder hat, wie dann durch die inspirierte Erkenntnis in diese Bilder, ich möchte sagen, von hinten herein sie durchstrahlend, Realität hineinkommt, lernt man das erkennen, lernt man also hineinschauen in die übersinnliche Welt so, daß sich einem sättigen die Imaginationen mit spiritueller Realität, dann steht man plötzlich in etwas Übersinnlichem drinnen, was seine volle Ähnlichkeit hat mit der Beziehung zwischen dem Atmungsvorgange, dem Lungenbau, dem Bau des Arachnoidealkanals, des Rückenmarkskanals, dem Eindringen des Atemstoßes in das Gehirn. Kurz, schreiten Sie zur inspirierten Erkenntnis fort, dann haben Sie dasjenige, was Sie ebenso hinführt zu der ganzen Bedeutung des Atmungsprozesses, wie Sie schon die imaginative Erkenntnis zur Bedeutung
92 des Gehirnbaus hinführt. Und dann können Sie sagen: So wie das Gehirn gewissermaßen eine realisierte Imagination ist, so ist alles, was mit dem Atmen zusammenhängt, eine realisierte, eine in die Sinnenwelt herunterversetzte Inspiration. Derjenige, der nach inspirierter Erkenntnis sucht, der tut nämlich gar nichts anderes, als sich in eine Welt hineinversetzen, die dann geistig-seelisch ist, die aber hier in der Sinnenwelt vor einem steht, wenn man in seiner Totalität den Atmungsvorgang verfolgt in seiner Bedeutung für den menschlichen Organismus.
So hat man die Imagination eigentlich nötig, um den Gehirnbau zu verstehen, man hat die Inspiration nötig, um den Atmungsrhythmus und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu verstehen. Und so ist alles, was mit dem Atmungsrhythmus zusammenhängt, eigentlich etwas ganz anderes gegenüber dem Universum als der Gehirnbau. Der Gehirnbau, möchte ich sagen, ist in seiner äußeren Plastik am meisten ein Abbild des Geistigen. Daher braucht man auch nicht weit in die übersinnliche Welt hereinzugehen, nur bis zur Imagination, die ganz angrenzt an die gewöhnliche Erkenntnis, aber man kommt schon zu einem Verständnis des Gehirnbaues. Den Atmungsprozeß können Sie nicht finden mit Imagination, da müssen Sie inspirierte Erkenntnis haben, da müssen Sie weiter hinaufgehen in die übersinnliche Welt.
Und am weitesten, sehen Sie, muß man in die übersinnliche Welt hinaufgehen, wenn man den Stoff Wechselprozeß verstehen will. Dieser Stoffwechselprozeß ist eigentlich im Grunde genommen das Geheimnisvollste im Menschen. Denn es wird sich uns in den nächsten Tagen zeigen, wie man über diesen Stoffwechsel doch ganz anders zu denken hat, als man heute in der sinnlich-empirischen Physiologie denkt. Die Veränderungen, die dasjenige durchmacht, was ich materiell auf die Zunge bekomme, bis zu dem Punkte, sagen wir, wo es etwas bewirkt in meiner Gehirnzelle, diese Veränderungen sind schlechterdings niemals zu verfolgen mit bloßer empirischer Forschung, sondern die sind nicht anders zu verfolgen als mit intuitiver Erkenntnis. Durch diese intuitive Erkenntnis dringen wir vom bloßen Anschauen des Objektes in das Objekt selber hinein. Und
93 tatsächlich, der Stoffwechsel beim Menschen ist ein solcher, daß, während das Geistig-Seelische sich im Gehirn ein bloßes Abbild schafft und im übrigen draußen bleibt, es den Atmungsrhythmus beeinflußt, also sich hineinversetzt, den Atmungsrhythmus durchdringt als Geistig-Seelisches, aber eben sich immer wiederum zurückzieht, so taucht das menschliche Geistig-Seelische in den Stoffwechsel vollständig unter, so daß es sogar als Geistig-Seelisches verschwindet. Man findet es nicht wieder. Man findet es auch empirisch nicht wieder.
Sehen Sie sich an bei diesem Theodor Ziehen, wie fein er beschreibt, wie das menschliche Gehirn im Bau ist. Man kann in der Tat das Gedächtnis auch symbolisch so konstruieren, daß man da auch noch physiologische, anatomische Gegenbilder im Gehirn nachweisen kann. Schon wenn er zu Gefühlsvorgängen kommt, da hapert die Geschichte, daher redet er nicht von Gefühlen als etwas Selbständigem, sondern nur von gefühlsbetonten Vorstellungen. Aber von Willen reden die heutigen Psychologen gar nicht mehr. Warum? Sehr natürlich reden sie nichts! Nun, wenn ich den Arm heben will, also einen Willensakt vollziehen will, so habe ich zunächst die Vorstellung; dann taucht etwas in das Gebiet hinunter, das vollständig, wie man heute sagt, «unbewußt» ist. In dieses Reservoir tut man alles dasjenige hinein, was man in der Seele nicht beobachten kann und von dem man glaubt, daß es doch da ist. Dann taucht das Ganze in das Unbewußte hinunter. Dann schaue ich mir an, wie ich meine Hand bewege. Aber zwischen der Intention und der geschehenen Tatsache geht der Wille, der sich abspielt, ganz in das Materielle des physischen Organismus hinunter. Das kann man genau durch die Intuition verfolgen; der geht hinunter in das innerste Wesen des Organismus. Der Willensakt geht bis zum Stoffwechsel. Und es gibt keinen Willensakt beim physischen Erdenmenschen, der sich nicht für die intuitive Erkenntnis in einem entsprechenden Stoffwechselvorgange verfolgen ließe. Aber es gibt auch keinen Willensvorgang, der nicht in einer, nenne man es Zersetzung oder Auflösung, wie man will, innerhalb der Stoffwechselvorgänge seinen Ausdruck fände. Der Wille schafft erst weg dasjenige, was irgendwo im Organismus
94 ist, damit er sich entfalten kann. Es ist geradeso, wie wenn ich in meinem Arm, wenn ich ihn zum Ausdruck meines Willens brauche, da erst etwas verbrennen müßte. Da muß erst etwas weg — es wird sich schon in den nächsten Tagen zeigen, ich weiß, daß es heute eine furchtbare naturwissenschaftliche Ketzerei ist, aber es wird sich uns als eine Wahrheit enthüllen —, es muß erst etwas Stoffliches vernichtet werden, damit der Wille sich hinsetzen kann. Da, wo Stoff ist, da muß das Geistig-Seelische sich festsetzen. Das ist das Wesen der intuitiven Erkenntnis. Sie kommen nicht zu der Erklärung der Stoffwechselvorgänge im Menschen, wenn Sie sie nicht suchen mit intuitiver Erkenntnis.
Aber aus diesen dreien: aus dem Nerven-Sinnesprozeß, aus den rhythmischen Prozessen — dem Atmungsprozeß und dem Blutzirkulationsprozeß — und den Stoffwechselvorgängen besteht eigentlich im Grunde genommen alles, was im Menschen an Funktionen vorhanden ist. Und so ist der Mensch eigentlich realisierte, gegenständliche Erkenntnis — dasjenige, was er zunächst vor uns ist, ob wir ihn von außen anschauen, ob wir ihn sezieren. Jetzt spezialisieren wir uns auf sein Haupt. Was da eigentlich los ist im Haupte, das wird einem klar, wenn man weiß, daß es imaginative Erkenntnis gibt. Sieht man auf den rhythmischen Menschen: was da eigentlich los ist im rhythmischen Menschen, es wird einem klar, wenn man weiß, daß es inspirierte Erkenntnis gibt. Sieht man auf die Stoff Wechsel Vorgänge: was da los ist in den Stoffwechselvorgängen, es wird einem klar, wenn man weiß, was eine intuitive Erkenntnis ist. Und so stecken gewissermaßen die Realitätsprinzipien im Menschen ineinander. Schauen Sie sich also zum Beispiel diejenigen Organe an, die bloß Willensorgane sind, dann haben Sie erst in der intuitiven Erkenntnis die Möglichkeit, diese Willensorgane zu begreifen.
Nun, solange man, ich möchte sagen, die einförmige gegenständliche Erkenntnis auf den Menschen anwendet, kommt man eben nicht darauf, daß nun in der Tat dieser Mensch doch eigentlich etwas anderes ist, als was man so gewöhnlich empfindet. Nicht wahr, es weiß ja natürlich die heutige Physiologie, daß der Mensch zum großen Teile eigentlich eine Wassersäule ist. Das ist selbstverständlich
95 etwas, was ich Ihnen nicht zu sagen brauche. Aber wenn Sie jetzt sich ganz ehrlich darüber hermachen, ob denn in der Physiologie auch berücksichtigt wird, daß der Mensch eine Wassersäule ist, oder ob nicht doch dann gedacht wird über den Menschen so, als ob man es mit lauter scharf konturierten festen Formen zu tun hätte, so werden Sie, wenn Sie sich das einmal fragen, sagen: Darauf wird nicht viel Rücksicht genommen, daß der Mensch doch eigentlich im wesentlichen Flüssigkeitswesen ist, und daß das Feste nur eingegliedert ist. Der Mensch ist aber auch Gaswesen, luftförmiges Wesen, und der Mensch ist schließlich auch hauptsächlich Wärmewesen. Dasjenige wiederum, was im Menschen fest ist, das kann ich mit der gewöhnlichen gegenständlichen Erkenntnis sehr gut begreifen. So wie ich im Laboratorium mich bekanntmache mit dem Wesen des Schwefelquecksilbers, so kann ich mich bekanntmachen mit demjenigen, was fest ist, durch chemisch-physikalische Untersuchungen des menschlichen Organismus.
Das kann ich nicht mehr mit Bezug auf dasjenige, was flüssig ist im Menschen. Dasjenige, was da im Menschen als einem Flüssigkeitswesen in fortwährender Organisierung und EntOrganisierung lebt, das läßt sich nicht so anschauen wie der Magen, den ich aufzeichne, oder das Herz. Wenn ich diese Organe aufzeichne, wie wenn sie fest wären, läßt sich natürlich gut darüber reden. Aber so ist das nicht, wenn man wirklich ernst nimmt dieses Flüssigkeitswesen des Menschen. Da drinnen im Flüssigen entsteht fortwährend etwas und vergeht fortwährend etwas. Es ist so, wie wenn das Herz immer fortwährend entstehen und immer fortwährend vergehen würde, wenn das auch nicht so rasch geschieht. Wenn man an den Flüssigkeitsmenschen herankommt, da muß man herangehen mit Imagination. Und das, was gasig, was luftförmig ist an uns: man weiß natürlich, wie die Funktionen, die sich im Luftförmigen abspielen, ihre große Bedeutung haben im Organismus, man weiß, wie überallhin von überallher im menschlichen Organismus die luftförmigen Stoffe bezogen werden, wie alles in Zirkulation ist in bezug auf das Luftförmige; aber indem das eine Gebiet des Luftförmigen in das andere hineinwirkt, wirkt es genau nach dem Muster der Inspiration hinein.
96 Dasjenige, was luftförmig ist im Menschen: wir können es nur überschauen mit Inspiration.
Und dasjenige, was nun Wärmegebiet ist im Menschen: Versuchen Sie sich einen Moment klarzumachen, wie der Mensch noch etwas ganz Besonderes ist dadurch, daß er eine Wärmestruktur ist, daß an den verschiedensten Stellen in verschiedenster Weise Wärme und Kälte in Struktur ist. Da muß man selber drinnen sein, wie der Mensch in seiner Eigenwärme selber drinnen lebt mit seinem Ich. Da muß man mit intuitiver Erkenntnis herein.
Und so können Sie sagen, wenn Sie den Menschen total betrachten — nicht so, wie wenn er ein Zusammenhang von festen, scharf konturierten Organen wäre, sondern wenn Sie den Menschen in seiner Totalität betrachten—: Man muß von verschiedenen Aspekten herein. Geradeso, wie wenn man vom Gehirn zu den anderen Organstrukturen kommt, man getrieben wird, imaginativ, inspirativ, intuitiv zu erkennen, so auch, wenn man den Menschen in bezug auf seine verschiedenen Aggregatsstrukturen betrachtet. Und sehen Sie, wenn man das Feste, was am Menschen ist, betrachtet, dasjenige, was im Menschen als wirklich fester Körper vorhanden ist, so unterscheidet sich das im menschlichen Organismus fast gar nicht von dem, wie es außerhalb des menschlichen Organismus vorhanden ist. Aber wesentlich unterscheidet sich dasjenige, was flüssig vorhanden ist, dasjenige, was gasförmig vorhanden ist, und gar die Wärme. Davon werden wir dann in den nächsten Tagen zu sprechen haben. Aber erst dann, wenn man in einer solchen Weise die Betrachtung über den Menschen erweitert, bekommen die Organe ihre richtige Bedeutung innerhalb der menschlichen Natur für die Erkenntnis.
Mit der rein sinnenfällig-empirischen Physiologie können Sie ja kaum die Funktionen des menschlichen Organismus weiterverfolgen als bis zu dem Übergang des Speisebreies von den Darmzotten in die Lymphgefäße. So weit kommt man in der heutigen sinnenfälligen Empirie noch. Was man weiter anstellt, das phantasiert man eigentlich. Alle Vorstellungen über die Vorgänge, die vor sich gehen, damit dasjenige entsteht, was in den Stoffen, die wir von außen aufnehmen, dann geschieht — die Vorgänge zum Beispiel innerhalb des Blutkreislaufes —,
97 das ist im Grunde genommen innerhalb der heutigen Physiologie Phantasterei. Und gar so etwas, wie zum Beispiel der Anteil der Nieren an der menschlichen Organisation ist, kann man erst begreifen, wenn man neben den aufsteigenden Prozessen, die heute fast einzig und allein als von Bedeutung angesehen werden für die menschliche Konstitution, die absteigenden Prozesse betrachtet. Vor langer Zeit schon sagte ich einem Freunde: Ebenso wichtig wie die Betrachtung der Entfaltung des menschlichen Keimes von der Befruchtung bis zur Geburt, ebenso wichtig ist für jedes Studium des Embryonallebens die Betrachtung der um den Keim herum gelagerten Organe, die später herausgeworfen werden. Und erst dann hat man ein vollständiges Bild, wenn man die Teilung der Zelle, die Gestaltung durch die Teilung der Zelle betrachtet, wenn man neben diesem aufsteigenden Prozeß auch den absteigenden Prozeß verfolgt. Denn nicht nur haben wir während der Embryonalzeit diesen absteigenden Prozeß gewissermaßen neben uns, sondern wir tragen ihn auch im späteren Leben fortwährend in uns, und wir müssen für jedes Organ wissen: inwiefern sind in ihm aufsteigende, inwiefern absteigende Prozesse. Absteigende Prozesse sind in der Regel mit einer Steigerung des Bewußtseins sogar verbunden. Klares Bewußtsein: dazu sind sogar absteigende Prozesse, Zersetzung, Zerstörung, Wegräumung des Materiellen notwendig.
Ebenso ist es mit den Abscheideprozessen. Die Nieren sind Abscheidungsorgane. Aber die Frage entsteht: Wenn sie zunächst für die sinnenfällige Empirie Abscheidungsorgane sind, haben sie keine Bedeutung für die Konstitution des Menschen außerdem noch? Sind sie nicht vielleicht für den Aufbau des Menschen wichtiger durch etwas anderes als durch ihre Funktion des Abscheidens? Und wenn wir die Funktionen weiter verfolgen und, sagen wir, von der Niere zur Leber herübergehen, so haben wir diese interessante Erscheinung: Die Niere scheidet zuletzt nach außen ab, die Leber scheidet nach innen ab. Und die Frage entsteht: Was bedeutet das für das Verhältnis des Leberprozesses zum Nierenprozeß, daß die Niere relativ nach außen sich ergießt mit ihren Abscheidungsprodukten, die Leber sich nach innen ergießt? Also daß einmal der Mensch mit
98 der Außenwelt kommuniziert, das andere Mal mit sich selbst kommuniziert? — Da werden wir geführt zu einem allmählichen Durchschauen der menschlichen Organisation. Aber man muß zu diesem Durchschauen eben zu Hilfe nehmen dasjenige, was auf solchen Wegen gesucht wird, wie ich sie heute nur einleitungsweise andeuten konnte. Ich will den nächsten Vortrag darauf bauen und zeigen, inwiefern sie zu einem wirklichen pathologischen und therapeutischen Begreifen führen und inwiefern man Richtungsprinzipien hat für dasjenige, was heute anerkannte empirische Forschung ist, die durchaus nicht in irgendeiner Weise angetastet werden soll, sondern der gegenüber nur gezeigt werden soll, wie sie eigentlich erst ihren richtigen Wert erhält dadurch, daß man solche Richtlinien aufstellen kann.
Ich bin nämlich nicht etwa darauf aus, der naturwissenschaftlichen Forschung von heute oder der naturwissenschaftlichen Medizin etwas anzutun, sondern ich möchte gerade zeigen, daß in dieser naturwissenschaftlichen Medizin noch ungeheure Fundgruben liegen zu einer besseren Erkenntnis, als man mit den heutigen Methoden und vor allen Dingen aus der heutigen Anschauungsweise heraus gewinnt. Nicht abgekanzelt soll die naturwissenschaftliche Anschauung werden, sondern im Gegenteil, erst recht begründet soll sie werden. Durch Begründung aus dem Geiste heraus gewinnt sie erst ihre volle Bedeutung. Davon darf ich dann morgen weitersprechen.




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