VIERTER VORTRAG, Dornach, 9. Oktober 1920, abends : I PHYSIOLOGISCH-THERAPEUTISCHES AUF GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFT IV
Vertrauen zwischen Publikum und Ärzteschaft. Übergriffe des NervenSinnessystems auf Stoffwechsel-Gliedmaßen-System und umgekehrt. Typhus abdominalis. Normale Organisation: Das volle Ich-Bewußtsein durchdringt im Seelisch-Geistigen das Ätherische und Physische. IchBewußtsein herabgelähmt: Das Geistig-Seelische geht seine eigenen Wege. Einerseits rein geistige Ich-Tätigkeit ansehen, andererseits den Träger im Organismus: das Blut. Brücke vom Physiologisch-Pathologischen ins Therapeutische: Prozesse im Blut verursachen, daß es sich der Ich-Tätigkeit entzieht, aber ähnlich funktioniert. Kräftegerüst im menschlichen Blut: längs desselben geistig-seelische Ich-Tätigkeit. Dieses Kräftegerüst kann sich mit zu viel Phosphor verselbständigen. Hyperämie im Knochentrakt gegen Verkalkungsprozeß. Phosphorprozesse im Gehirn und im Knochen. Kleine Dosen gegen Rachitis: Zurückbringen des physischen Ich-Gerüstes zur Seelentätigkeit. Kleine Dosen von Phosphor heilen Rachitis und andere entzündliche Zustände. Umgekehrt wirken kohlensaure Salze bei zu starker Verbindung des Geistig-Seelischen mit dem Gerüste, sind auch ein Heilmittel bei Lungentuberkulose. Kopfsystem bewußtes, Glieder unbewußtes Leben. Massage verbessert Zusammenhang
zwischen Geistig-Seelischem und Physischem: Arme und Hände Aufbau, Beine und Füße Abbau. Diabetes mellitus: Übertriebene Ich-Tätigkeit im Organischen. Heilmittel: Ätherische Pflanzenöle im Bad. Vererbungsproblem. Bildung des weiblichen Organismus mehr aus kosmischen Kräften, des männlichen mehr aus irdischen. Voller Sinn der Erdenentwickelung durch die Ich-Tätigkeit des Menschen. Fortpflanzungskräfte bei Mann und Frau. Hämophilie. Zukunft des Medizinstudiums. Fortschritt in der Medizin nur durch Geistesforschung.
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| 53 | Heute abend möchte ich Ihnen noch einzelne Ergänzungen geben zu jenen Vorträgen, die ich in diesen Tagen hier unfreiwillig habe halten müssen. Ich möchte gewissermaßen aphoristisch auf einiges hindeuten, das doch aufklärend noch wirken kann auf dasjenige, was als Prinzipien für eine Befruchtung gerade des medizinisch-therapeutischen Studiums durch die Geisteswissenschaft dienen kann. Es wird ja selbstverständlich aus den Gründen, die ich schon heute morgen angedeutet habe, nicht sehr in Details eingegangen werden können, nicht so sehr wegen der Kürze der Zeit — das auch natürlich —, sondern vor allen Dingen darum, weil dennoch die Detailerkenntnisse einer eigentlichen fachlichen Auseinandersetzung vorbehalten werden müssen, wiederum aus den Gründen, die ich schon heute morgen vorgebracht habe. Jedoch möchte ich gerade nach dieser Richtung hin einiges noch beitragen, welches zum allgemeinen Verständnis des medizinischen Wesens führen kann, so daß gerade eine Art sozialer Wirkung aus diesem Teile geisteswissenschaftlich medizinischer Betrachtung hervorgehen kann, nämlich die Begründung eines gewissen Vertrauens zwischen Publikum und Ärzteschaft. Je besser das Verständnis sein wird, das man dem medizinischen Wesen wird entgegenbringen können, desto besser wird auch dieses medizinische Wesen wirken können. Nun habe ich Sie heute morgen darauf aufmerksam gemacht, wie eigentlich das Leben des menschlichen Organismus darinnen besteht, daß in völlig entgegengesetzter Weise das Nerven-Sinnessystem, kurz, das Kopfsystem und das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem wirken, die dann durch das rhythmische System ihren Ausgleich erfahren. Es wird gewissermaßen alles dasjenige, was die Abbauprozesse sind, die ganz notwendigen Abbauprozesse des Nerven-Sinnessystems, fortwährend in Einklang und Austausch gebracht mit dem, was die Aufbauprozesse sind des Gliedmaßen-Stoffwechselsystems. Sie können sich denken — und man kann das im einzelnen nachweisen —, |
| 54 | daß daher die beiden Systeme des menschlichen Organismus durchaus im entgegengesetzten Sinne wirken, daß sie auch gewissermaßen aufeinander so wirken, daß, was in dem einzelnen, zum Beispiel im Gliedmaßen-Stoffwechselsystem vorgeht, nicht zu stark dadurch beeinträchtigt werden darf, daß gewissermaßen mit einem Unberücksichtigtlassen des rhythmischen Systems diejenige Tätigkeit, die eigentlich nur geeignet ist für das Kopfsystem, hereinwirkt in das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem. Und wenn man einmal in einer hinreichenden Weise durchschaut hat, um was es sich da handelt, wird man auch begreiflich finden, wie allerdings solche Übergriffe des einen Systems auf das andere stattfinden können, wie, mit anderen Worten, das Kopfsystem, das Nerven-Sinnessystem — in dem ja auch Stoffwechselprozesse vor sich gehen müssen, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe —, einmal auch überwuchert werden kann von solchen Stoffwechselprozessen, so daß gewissermaßen diese Stoffwechselprozesse das Kopfsystem innerlich funktionell verähnlichen dem Gliedmaßen-Stoffwechselsystem. Und das Umgekehrte kann stattfinden. Es kann, weil ja im Gliedmaßen-Stoffwechselsystem durchaus auch, wenn auch im normalen Leben in untergeordneter Weise, dasselbe Funktionensystem wirksam ist wie im Kopfe, einmal übergreifen, gewissermaßen eine zu große Intensität gewinnen im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem diejenige Tätigkeit, die dort nur ein bestimmtes Maß erreichen sollte und ihre eigentliche Bedeutung im Haupte hat. Es kann, mit anderen Worten, einmal die Nerven-Sinnestätigkeit, die auch vorhanden ist im Gliedmaßen-Stoffwechselsystem, dadurch, daß auf sie stark imprägnierend die Kopftätigkeit wirkt, zum Beispiel im Unterleibe eine überwiegende werden, oder besser gesagt eine solche werden, deren Intensität zu groß ist. Dann wird dasjenige in den Organen des Unterleibes vor sich gehen, was normalerweise als Abbauprozesse nur im Nerven-Sinnessystem vor sich gehen soll. Es wird natürlich im Unterleibssystem eine andere Gestalt annehmen, aber es wird dort, ich möchte sagen, sein Unwesen treiben. Wir können in der Tat, wenn wir so hineinblicken in die Organisation des Menschenwesens, in dem, was ich eben beschrieben habe, |
| 55 | die Entstehung einer schweren menschlichen Erkrankung erkennen, nämlich des Typhus abdominalis. Der Typhus kann gewiß äußerlich empirisch beobachtet werden hinsichtlich seiner Erscheinung, aber verstanden und hineingestellt in die ganze menschliche Organisation kann er nur werden, wenn man in dieser Weise, ich möchte sagen, vom Standpunkt einer rationellen Medizin aus — um diese goethesche Bezeichnungsweise zu gebrauchen — das Menschenwesen durchschaut. Ich habe Ihnen dann auch heute morgen gezeigt, wie man übergehen kann vom Physiologisch-Pathologischen zum Therapeutischen, indem man nicht nur dasjenige zu durchschauen versucht, was im Menschenwesen vor sich geht, sondern mit zu durchschauen versucht dasjenige, was in der äußeren Natur vor sich geht. In der äußeren Natur finden Prozesse statt, die, wenn man sie in der richtigen Weise durchschaut, eingeführt werden können durch Übertragung der entsprechenden Stoffe in den menschlichen Organismus, und die dort, weil in einer gewissen Weise die äußere Natur, sagen wir, die Pflanzennatur durch ihr Emporstrebendes im entgegengesetzten Sinne wirkt wie das Hinunterstrebende der Menschenwesenheit, dort gewisse Prozesse aufhalten, die in unrichtiger Weise spielen zwischen den drei Systemen des menschlichen Organismus. Interessant ist zu beobachten, wie dasjenige, was ich Ihnen heute morgen mehr dargestellt habe für die pflanzliche Welt und ihren Zusammenhang mit dem Menschen, auch für die mineralische Welt durchschaut werden kann. Da müssen wir aber, um für die mineralische Welt die Sache zu durchschauen, zu gewissen anthroposophischen Erkenntnissen über den Menschen greifen. Im Menschen wirkt das Geistig-Seelische, das Ätherische, das Physische. Dieses Geistig-Seelische wirkt so — Sie haben es ja durch die Auseinandersetzung dieser Vorträge erkennen können —, daß es durchdrungen sein kann von dem vollen Ich-Bewußtsein. Dann ist der Mensch gewissermaßen in seiner normalen Organisation. Oder es kann auch das Ich-Bewußtsein irgendwie abgelähmt sein, zurücktreten. Wenn dann das Geistig-Seelische in irgendeiner Weise rumort, seine eigenen Wege geht, ohne daß es in der richtigen Weise von dem |
| 56 | Ich durchdrungen wird, dann entstehen die verschiedenen Gebiete der sogenannten geistigen Erkrankung. Aber alles dasjenige, was geistig-seelisch am Menschen ist, sowohl, ich möchte sagen, das, was man, anthroposophisch benannt, unter dem Astralischen versteht — das ist das mehr unterbewußte, traumhafte oder aber ganz unbewußte Seelenleben —, als auch dasjenige, was man unter der IchWirksamkeit — das ist das vollbewußte Seelenleben — versteht, alles das hat in gewisser Weise seinen physischen Träger, durch den es im physischen Leben wirkt. So daß wir sagen können: Wir müssen, wenn wir den Menschen betrachten, nicht bloß unseren Blick hinwenden auf dasjenige, was zum Beispiel die Ich-Tätigkeit, die eine rein geistige ist, ausmacht, sondern wir müssen auch unseren Blick werfen auf dasjenige, was im Organismus der eigentliche Träger dieser IchTätigkeit ist. Und da finden wir, daß der eigentliche Träger dieser Ich-Tätigkeit im wesentlichen im Blute verankert ist. Es würde sehr weit führen, wenn ich — was durchaus sein könnte — Ihnen im einzelnen zeigen wollte, wie gerade durch die besondere Wirksamkeit des Blutes, durch das Zusammenwirken der Stoffwechseltätigkeit im Blute mit der rhythmischen Tätigkeit im Blute, das Ich mit dem übrigen Seelischen zusammenwirkt. Was uns aber jetzt in diesem Augenblicke mehr interessieren soll, das ist die Brücke vom Physiologisch-Pathologischen hinüber ins Therapeutische. Und da finden wir denn etwas außerordentlich Wichtiges. Wir können gewissermaßen das physische Gerüste, den physischen Träger eines Geistig-Seelischen, also sagen wir des vollbewußten Ich, so beeinflussen durch irgendwelche Prozesse, die wir in ihm verursachen, daß er sich gewissermaßen der Ich-Tätigkeit entzieht, daß er aber eine ähnliche Funktion ausführt, wie sonst nur unter dem Einflüsse der Ich-Tätigkeit. Ich will einen besonderen Fall nach dieser Richtung hervorholen. Bitte denken Sie sich einmal — ich will jetzt schematisch zeichnen — durch das menschliche Blutsystem gewissermaßen gerüstförmig, in einem Kräftegerüste aufgebaut dasjenige, was als Ich-Tätigkeit wirkt. Die Ich-Tätigkeit selbst möchte ich dadurch bezeichnen, daß ich längs der Linie dieses Kräftegerüstes farbige Streifen zeichne, welche dann das Geistig-Seelische der Ich-Tätigkeit |
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| 58 | ist, aus dieser Ich-Tätigkeit heraussondern, so daß im Leibe für sich diese Ich-Tätigkeit wie in einem Abbilde vollführt würde. Und was würde die Folge sein? Die Folge würde dann sein, daß gerade unter der Einwirkung der Phosphorkräfte die Blutstätigkeit ihr gewöhnliches Maß überwiegen würde, namentlich im Knochentrakte, und im Knochentrakte gewissermaßen eine Art Hyperämie eintreten würde. Auf diese Weise, durch diese Hyperämie würde dann dasjenige, was nun solch einer übertriebenen Blutgefäßtätigkeit vom Knochenknorpel benachbart ist, wuchern, und es würde dem Verkalkungsprozeß der Knochen entgegengewirkt werden. Ich habe Ihnen geschildert, was eintreten könnte durch eine Behandlung des Menschen, innerhalb welcher er zuviel Phosphor bekommt, das heißt innerhalb welcher die Funktion, die der Phosphor im menschlichen Organismus vollziehen kann, zu stark ausgeführt wird. Aber diejenigen Kräfte, die draußen in der Welt sind, die in den einzelnen Mineralien verankert sind, sie sind gewissermaßen in einer anderen Form, sagen wir, in einer übersinnlichen Form im Menschen auch vorhanden, und sie können ja im Menschen tätig sein. Der Mensch ist in gewisser Beziehung ein Mikrokosmos. Wenn nun diese Kräfte, die sonst draußen in der Natur im Phosphor verankert sind, wenn diese Kräfte in der Menschenwesenheit wirken, was namentlich im frühen Lebensalter der Fall sein kann, dann entsteht die Erkrankung der Rachitis. Und wir haben dadurch, daß wir so den Zusammenhang des Menschen mit der Weltumgebung durchschauen, die Erkenntnis dann zu gewinnen, daß Entstehung der Rachitis im menschlichen Organismus ein ähnlicher Prozeß ist wie derjenige, der sich in der Entstehung des Phosphors draußen in der Natur vollzieht. Ich deute Ihnen hier aphoristisch und selbstverständlich so, daß nicht alle Glieder einer Beweiskette zusammengeschlossen werden können, in einem bestimmten Falle an, welches eigentlich die Wegrichtung ist, durch die man geisteswissenschaftlich diesen Zusammenhang des Menschen mit der übrigen Welt sucht. Nun kann man aber weitergehen. Ich habe Ihnen heute früh gezeigt, wie zusammenwirkt in einer Weise, die ich so angedeutet habe, daß ich das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem auf der einen |
| 59 | Seite, das Nerven-Sinnessystem auf der anderen Seite hatte und das ausgleichende rhythmische System dazu, diese beiden Systeme zusammenwirken (siehe Zeichnung). Sehen Sie, da ist es nun so, daß Tafel 5
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| 60 | daß fortwährend der Knochen gebildet sein will, aber fortwährend diese Knochenbildung verhindert wird, nachdem einmal die Schädeldecke ordentlich herumgebildet ist um dieses menschliche Gehirn. Wir haben im menschlichen Gehirn — das ergibt sich der menschlichen Anschauung — ein fortwährendes Hinstreben zur Knochenbildung. Aber diese Knochenbildung ist einmal abgeschlossen in einem bestimmten Lebensalter. Dann wird diese Knochenbildetätigkeit aufgehalten. Also wir haben wirklich hier ein Krankmachendes, das ausgeglichen wird von der anderen Seite, vom anderen Pol des Organismus her, wir haben ein fortwährendes Hinstreben zur Rachitis. Nun ist das Merkwürdige, daß ein solcher Rhythmus, wie er hier sich im Menschen beobachten läßt, auch in der ganzen übrigen Natur, nur in gewisser Beziehung entgegengesetzt, wiederum vorhanden ist. Wenn wir auf die merkwürdige Bedeutung des Phosphors für das menschliche Gehirn hinblicken, so müssen wir uns ja sagen: Indem der Phosphor aufgenommen wird, wird er verarbeitet bis zum Haupte hinauf. Da macht er innerhalb des menschlichen Organismus selber Veränderungen durch. Er folgt jener Richtung, die die Wachstumsrichtung des Menschen ist. Er gliedert sich ein in diese Wachstumsrichtung des Menschen. Und dieses Eingliedern reduziert gewissermaßen seine Wirksamkeit auf ein Minimum, das verdünnt ihn, und in dieser Verdünnung wirkt er so, daß eben die aufgehaltene Rachitis des Kopfes Träger sein kann gerade derjenigen seelischgeistigen Prozesse, die durch Vermittlung des menschlichen Hauptes ausgeführt werden müssen. Nun stellt sich das Eigentümliche heraus, wenn man sehr kleine Dosen Phosphor, statt etwas größerer, gewöhnlich wahrnehmbarer Dosen Phosphor, dem Menschen in der richtigen Weise beibringt, dann hat man gewissermaßen auch in den Funktionen des Phosphors schon etwas anderes erreicht. Bringt man diese kleinen Dosen dem menschlichen Organismus bei, so wirken diese kleinen Dosen nun im Menschen so, wie der Phosphor wirkt in dem menschlichen Gehirn. Sie wirken dort nun im übrigen Organismus als kleine Dosen aufhaltend den Rachitisprozeß, wenn er bei Kindern begonnen hat. |
| 61 | Daher ist in diesem Falle der Phosphor in kleiner Menge, in kleinsten Dosen ein Heilmittel gegen die Rachitis, und in weitergehendem Sinne ist der Phosphor überhaupt ein Heilmittel gegen alles dasjenige, was das Ich-Gerüste, das physische Ich-Gerüste, das ich da (siehe Zeichnung Seite 57, weiß) Tafel 4
unter dem Roten gezeichnet habe, das im Organismus durch Kranksein emanzipiert ist von der eigentlichen seelischen Tätigkeit, wiederum zurückbringt zur Seelentätigkeit, das heißt, es wiederum ins Normale hin umkehrt. |
| 62 | nicht verbrennlich ist, sondern dasjenige, was sich im Wasser auflöst und bei der Erkaltung des Wassers wiederum abscheidet. Diese Salze, kohlensaure, andere Salze, wirken so, daß sie umgekehrt eine zu starke Verbindung des Geistig-Seelischen, namentlich der IchTätigkeit, mit dem Gerüste hervorrufen, also daß sie nicht das Gerüste ablösen, sondern daß sie gewissermaßen das Geistig-Seelische zu stark hineindrücken. Und sie können daher wiederum dann als Heilmittel angewendet werden, wenn durch irgend etwas diese Verbindung eine zu lose ist. So können wir sagen: Verstehen wir dasjenige, was eigentlich vorgeht durch irgendeinen Stoff, den wir in den Organismus hineinbringen, verstehen wir, wie er die ganze Organisation beeinflußt, dann verstehen wir, wie wir entgegenwirken können irgendeinem Prozeß, der abnorm verläuft und dem entgegengewirkt werden muß. Insbesondere wirksam sind für gewisse Prozesse, wie zum Beispiel für jenen Prozeß, welcher der früher Lungenschwindsucht genannten Krankheit zugrunde liegt, gerade solche salzartige Körper, also lösliche Körper. Denn dasjenige, was Lungenschwindsucht ist, erfordert eben, daß man einem Prozesse entgegenwirkt, der im menschlichen Organismus der entgegengesetzte Prozeß ist desjenigen, der stattfindet, wenn in einer Lösung sich Salz eben auflöst. Und so handelt es sich darum, daß einen die Ausbreitung seiner Erkenntnisse über die ganze menschliche Wesenheit hineinführt in den Zusammenhang des Menschen mit seiner ganzen äußeren weltlichen Umgebung. Dasjenige, was ich jetzt ausgeführt habe — ich kann nur immer beispielsweise sprechen in diesen ergänzenden aphoristischen Betrachtungen —, läßt sich noch durch andere Beispiele illustrieren. Nehmen wir irgendwoher, wir können, ich möchte sagen, ja überall solche Beispiele finden, aber nehmen wir einmal Beispiele aus einem Gebiete, das uns zu gleicher Zeit in den ganzen Zusammenhang des Geistig-Seelischen mit dem Physischen hineinführen kann. Dasjenige, was durch das Nerven-Sinnessystem vermittelt wird, das stellt sich ja im Menschenleben so dar, daß es vom Aufwachen bis zum Einschlafen das bewußte Leben des Menschen bedeutet. So daß |
| 63 | wir geradezu sagen können: Das Kopf System ist der Ausdruck für das bewußte Leben des Menschen. Aber das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, das ist nicht in gleicher Weise der Ausdruck für das bewußte Leben des Menschen. Wir gehen sozusagen durch die Welt mit bewußtem Kopf, aber doch mit unbewußten Gliedern. Diese Glieder werden nur bewußt, wenn sie in irgendeiner Weise berührt werden, wenn sie einen Insult erleiden und dergleichen. So daß wir sagen können: Der normale Zustand für das Kopf-, für das Nerven-Sinnessystem ist im wachenden Zustand die Bewußtheit, für das entgegengesetzte System des Menschen die Unbewußtheit. Aber man kann in einer gewissen Weise im Menschen künstlich eine Art Bewußtheit erzeugen für das andere, für das StoffwechselGliedmaßensystem. Und das geschieht zum Beispiel durch die Massage. Worinnen besteht denn die Massage? Sie besteht darinnen, daß man durch äußere Maßnahmen dasjenige bewußt macht, was sonst unbewußt bleibt. Es handelt sich dann darum, daß man verursachen kann, daß ein zu geringer Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physischen durch diese Massage gebessert werden kann. Nehmen wir an, der Mensch wäre krankhaft so organisiert, daß er von seinem Geistig-Seelischen aus eine zu geringe Neigung hat, dieses Geistig-Seelische voll hineinzutreiben in sein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Dann unterstützt man das Physische dieses Stoffwechsel-Gliedmaßensystems, indem man es massiert, indem man es also bis zu einem gewissen Grade von dem Zustande des Geistigen in den Zustand der Bewußtheit herauferhebt, man unterstützt dieses System in seiner Wirksamkeit, und dadurch ruft man ein stärkeres Durchströmtsein dieses Systems mit dem Geistig-Seelischen herbei. Und versteht man dann, wie dieses Stoffwechsel-Gliedmaßensystem wirkt, weiß man zum Beispiel, daß dasjenige, was in den Armen und Händen pulsiert, was da als GeistigSeelisches pulsiert, daß das sich innerlich fortsetzt und den innerlichen Stoffwechsel des Menschen beherrscht, dann wird man auch wissen, was es bedeutet, partielle Bewußtheit herbeizuführen durch Massage in den Armen und Händen. Es bedeutet das eine Förderung des Geistig-Seelischen im Stoffwechselsystem, aber in demjenigen |
| 64 | Stoffwechselsystem, das im Menschen nach innen hinein aufbauend, Verdauung bewirkend, den Stoff aufnehmend, die Verdauung in der Weise bewirkt, daß sie stoffaufnehmend wirkt. So kann man sagen: Findet man, daß der Mensch innerlich organisch an Stoffwechselstörungen leidet, an Stoffwechselstörungen aber, die sich etwa darauf beziehen, daß seine Nahrung nicht ordentlich in den Körper sich einfügt, oder daß die Verarbeitung dieser Nahrung in dem Aufbauprozesse sich nicht ordentlich vollzieht, kurz, daß der nach innen gehende Stoffwechsel nicht in Ordnung ist, dann kann in gewissen Fällen — man muß natürlich jetzt Detailkenntnisse haben, um das in der richtigen Weise zu sehen — die Arm- und Händemassage eine Hilfe sein. Sie beruht darauf, daß man das Geistig-Seelische durch den Grad von Bewußtheit, den man durch die Massage hervorbringt, in seiner Wirksamkeit unterstützt. Massiert man Beine und Füße, dann wird etwas anderes eintreten. Dasjenige, was als Geistig-Seelisches Beine und Füße durchdringt, das steht wiederum in einem Zusammenhange organisch mit Ausscheidungsprozessen, mit Abbauprozessen. Daher wird man, wenn die Verdauung nach der Richtung nicht in Ordnung ist, daß die Ausscheidungsprozesse nicht in der richtigen Weise sich vollziehen, mit einer Massage unter Umständen an Beinen und Füßen etwas helfen können. Aber Sie sehen, wenn man in dieser Weise geisteswissenschaftlich durchleuchtet das medizinische Wesen, dann vollbringt man solche Dinge nicht nur ganz zufällig empirisch, wenn sie sich gerade der Empirie darbieten, sondern man kann ganz bewußt auf eine Bearbeitung des Zusammenhanges zwischen Physiologie, Pathologie und Therapie auf den verschiedensten Gebieten eben hinarbeiten. Ich möchte Ihnen, wie gesagt, diese Dinge sagen, nur um zu beleuchten die Richtungen, nach denen man gehen muß. Und ich weiß ganz gut, wieviel gerade an solchen Dingen frappiert, weil ja natürlich nicht alle Einzelheiten herbeigetragen werden können. Nimmt man zum Beispiel eine Erkrankung, die auch dem Mediziner sehr viel Sorge machen kann, sagen wir zum Beispiel die Zuckerharnruhr, den Diabetes mellitus, dann müssen wir wiederum |
| 65 | hinblicken auf den Zusammenhang des Geistig-Seelischen, und zwar des bewußten Geistig-Seelischen, des Ich-durchzogenen GeistigSeelischen und des physischen Trägers dieser Ich-Tatigkeit. Nur kommt jetzt etwas anderes zustande als in dem heute zuerst erwähnten Fall. Nehmen wir an, diese Ich-Tätigkeit wird eine zu große im menschlichen Organismus. Sie dehnt sich über ihr Maß aus. Dann können solche abnorme Ausscheidungsprozesse stattfinden, wie sie stattfinden bei dem Diabetiker. Da haben wir es also zu tun gewissermaßen mit einer übertriebenen Ich-Tätigkeit im Organischen selber. Da haben wir es mit einem zu tiefen Sichhineinsenken des Ich in das Organische zu tun, so daß durch dieses tiefe Einsenken eben dasjenige herausgetrieben wird, was gerade bei dem Diabetiker erscheint. Nun können wir wiederum den Blick ablenken von dem, was da im Innern des Menschen vorgeht, und ihn hinlenken zu dem, was in der menschlichen Außenwelt vorgeht. Da haben wir in der Außenwelt Pflanzen, von denen wir ja heute morgen schon erkannt haben, wie sie in einer gewissen Weise von unten nach oben einen Prozeß entwickeln, den der Mensch von oben nach unten entwickelt. In der Tat verläuft dasjenige, was, ich möchte sagen, als hypertrophe Ich-Tätigkeit in den Organismus hineinarbeitet bei dem Diabetes, entgegen der Richtung des Pflanzenwachstums. Wenn wir dann gerade die richtige Funktion bei der wachsenden Pflanze auffinden, dann können wir unter Umständen ein Verhältnis herstellen zwischen dem, was gerade beim Diabetiker nach unten wirkt und was bei der Pflanze nach oben wirkt. Wir müssen nur die Pflanze so auffassen, daß wir uns sagen: Die Pflanze ist ein Wesen, physisch ist sie auch; sie wächst, sie pflanzt sich fort, also hat sie einen ätherischen Leib. Sie hat auch einen ätherischen Leib für die geisteswissenschaftliche Anschauung. Aber sie bringt es nicht bis zur inneren seelischen Beweglichkeit; sie hat also kein Astralisches, sie hat auch keine Ich-Tätigkeit. Aber sie wächst doch der Ich-Tatigkeit, der astralischen Tätigkeit entgegen. Dasselbe, was die Pflanze nach oben entfaltet, entfaltet der Mensch von oben nach unten. Wenn wir nun zu beobachten vermögen, was da eigentlich in der |
| 66 | Pflanze vorgeht, indem sie derjenigen Richtung entgegen wächst, in der der Mensch gerade nun entgegengesetzt, von oben nach unten sein Ich ausbildet, so finden wir, wie dasjenige im Pflanzlichen entsteht, was nun eine innere Beziehung haben kann gerade zu dieser inneren Ich-Tätigkeit dadurch, daß es auch mit der Verbrennlichkeit etwas zu tun hat. Ich habe früher auf verbrennliche Körper aufmerksam gemacht. Jetzt sehen wir verbrennliche, flüchtige, dem Verbrennlichen nahe Körperlichkeit sich herausbilden aus der Pflanze in den ätherischen ölen. Wenn wir die ätherischen öle in gewissen Pflanzen entstehen sehen, dann ergibt sich nun für eine solche Betrachtung, wie ich sie eben angedeutet habe, daß das die entgegengesetzte Tätigkeit ist derjenigen gegenüber, welche zum Beispiel die hineingepreßte, in den menschlichen Organismus hineingepreßte Ich-Tätigkeit ausübt, wodurch der Mensch Diabetiker wird. Und man kann dann, wenn man nur in der richtigen Weise dasjenige, was man in der Außenwelt als das Entgegengesetzte hat, an den Menschen heranbringt, man kann der Zuckerharnruhr entgegenarbeiten. Man muß es so machen, daß man allerdings in diesem Falle wirklich entgegenwirkt, das heißt, daß man zum Beispiel in Bäder die ätherischen Öle oder auch die Pflanzen selber, die ätherisches öl entwickeln, bringt, und den Menschen in solchen Bädern eben baden läßt. Dadurch wirken diese Kräfte, die die Pflanze entfaltet in den ätherischen Ölen, von außen nach innen entgegen den Kräften, welche die Zuckerharnruhr bewirken. Wir können auf diese Weise gerade durch solche Bäder dem Menschen helfen. Ich führe eben nur einzelne Beispiele aus der reichen Fülle an, die vorgebracht werden können, von denen ich eine große Anzahl im heurigen Frühjahr für Fachärzte vorgebracht habe. Ich führe es hier nur an in bezug auf Prinzipielles, aber Sie können daraus sehen, wie das medizinische Wesen allmählich rationell gemacht wird, so daß exemplifiziert wird, daß man wirklich den Prozeß im Innern des Menschen sieht, und den Prozeß in der äußeren Natur sieht, und sieht, wie sich diese beiden Prozesse entweder unterstützen, tragen oder entgegenwirken, wie also ein Prozeß, der im menschlichen |
| 67 | Organismus ist, aufgehalten werden kann und wie nach der Heilung hingestrebt werden kann. Wir kommen, wenn wir eine solche Betrachtungsweise ausdehnen, ich möchte sagen, in der Erkenntnis des physischen Menschen und seiner Zusammenhänge mit dem geistigseelischen Menschen immer weiter. Sie wissen ja, daß in der modernen medizinischen naturwissenschaftlichen Anschauung eine große Rolle das Vererbungsproblem spielt. Allein dieses Vererbungsproblem wird durchwegs in einer sehr abstrakten und äußerlichen Weise behandelt. Es kann eben durch die äußere Wissenschaft nur wenig in Zusammenhang gebracht werden mit dem, was im Menschenwesen eigentlich wirkt. Denn der Mensch ist ja tatsächlich — und jetzt möchte ich etwas vor Sie hinstellen, was aus einer reichen anthroposophischen Forschung heraus gewonnen werden muß, was ich aber als ein Ergebnis hinstellen möchte — aus der ganzen übrigen Welt, die zu ihm gehört als irdische Welt und auch als außerirdische Welt, herausgebildet. Und er ist in einer verschiedenen Weise herausgebildet. Wir finden zum Beispiel, daß der weibliche Organismus so herausgebildet ist, sagen wir, aus der Natur oder aus dem Kosmos, daß beim weiblichen Organismus mehr diejenigen Kräfte vorkommen, welche gewissermaßen weniger an die Kräfte der Erde gebunden sind. Beim weiblichen Organismus ist etwas stark Außerirdisches vorhanden. Beim männlichen Organismus sind vorzugsweise diejenigen Kräfte entwickelt, die nun mit dem irdischen Leben zusammenhängen. Das kommt im gewöhnlichen Leben sonst nicht so stark in Betracht, aber es kommt in Betracht bei dem, was Fortpflanzung ist. Da handelt es sich darum, daß diejenigen Kräfte, die im weiblichen Organismus wirken und zur Fortpflanzung beitragen, tatsächlich die Übertragung desjenigen sind, was als Außerirdisches sich in die gesamte menschliche Wesenheit einorganisiert. Dasjenige aber, was den Menschen herunterholt in die irdische Welt hinein, ist vorzugsweise im männlichen Organismus organisiert. Und nun betrachten wir dasjenige am Menschen, was eigentlich durch diese seine Erdenumgebung in ihm ist. Das Auffälligste, was in ihm ist durch seine Erdenumgebung, ist ja die Ich-Tätigkeit. Diese Ich-Tätigkeit, |
| 68 | sie gibt ja geradezu der Erdenentwickelung des Menschen ihren vollen Sinn. Wir müssen uns von anderen Welten in die Erdenwelt hereinentwickeln, um die Ich-Tätigkeit in unserem Geistig-Seelischen voll ausbilden zu können. Diese Ich-Tätigkeit, ich habe sie Ihnen aufgewiesen, wie sie gebunden ist an das Kräftegerüste, das durch das Blut vermittelt ist. So müßten wir also sagen: Dasjenige, was vorzugsweise dem Blute einorganisiert wird, was vorzugsweise nach der Ich-Tätigkeit hin wirkt, das wird auf dem Wege der Fortpflanzung von der männlichen Persönlichkeit her bewirkt; dasjenige, was mehr das Außerirdische im Menschen organisiert, was erst von der Ich-Tätigkeit durchzogen werden muß, das kommt mehr von der weiblichen Seite her. Nun finden wir also in dieser Weise zusammenwirken Männliches und Weibliches in der Fortpflanzung, und wir können dadurch erst richtige Begriffe von der Vererbung gewinnen, wenn wir dieses einsehen. Nun wird zunächst berührt von dem männlichen Einfluß der weibliche Same, der weibliche Keim. Und dieser weibliche Keim hat eine gewisse Selbständigkeit im weiblichen Organismus. Wir müssen sagen, wenn wir einen ausgewachsenen weiblichen Organismus vor uns haben, wirkt dieses Außerirdische vorzugsweise im übrigen weiblichen Organismus. In demjenigen Teile des weiblichen Organismus, der zur Keimbildung die Veranlassung gibt, wirkt das nicht mit, wirkt insbesondere nicht mit nach der Konzeption. So daß gerade der weibliche Keim, der durch die Konzeption gegangen ist, eine gewisse Selbständigkeit hat, also dasjenige, was er als Vermittler der Ich-Tatigkeit bedeutet, in bezug auf den Nachkommen in einer gewissen Weise selbständig überträgt. Wenn man diese Dinge weiß, dann kann man sie so anwenden, daß Erscheinungen in der Außenwelt einem entgegenkommen wie illustrierend dasjenige, was man zuerst im geistigen Schauen gewonnen hat. Man gewinnt im geistigen Schauen die Erkenntnis, daß in der Tat im weiblichen Organismus ein Außerirdisches verankert ist, daß das Irdische, das also gerade an der Bluttätigkeit haftet, durch den männlichen Organismus vermittelt wird, daß durch diese Vermittlung der weibliche Eikeim eine gewisse Selbständigkeit erlangt, gewissermaßen abgesondert |
| 69 | vom übrigen außerirdischen weiblichen Organismus sich durch die Befruchtung entwickelt. Solch einen Vorgang, den man geistig-seelisch erkennt, hat man dann im Hintergrunde, wenn man eine so merkwürdige Erscheinung wie die der Hämophilen, der Bluter, erklären will. Da tritt ja die merkwürdige Tatsache zutage, daß es Menschen gibt, welche an einer mangelnden Gerinnung des Blutes so leiden, daß sie bei der geringsten Körperverletzung, oftmals ohne daß eine solche nachweisbar ist, reichlich Blut absondern, dadurch zum Verbluten neigen. Diese Bluterkrankheit, sie hat etwas höchst Eigentümliches an sich: Aus Bluterfamilien stammende Männer bekommen die Blutungen nicht, wenn sie geboren werden von Frauen, die von Nichtbluterfamilien herstammen, sie bekommen sie dann als Männer nicht, diese Bluterkrankheit, aber wenn Frauen Nachkommenschaft bekommen, die aus Bluterfamilien stammen, dann bekommen sie selber nicht durch Vererbung die Bluterkrankheit; dagegen bekommen die von ihnen abstammenden Männer die Bluterkrankheit. Das heißt, die Bluterkrankheit geht durch die Frau durch. Das weist uns hin auf jene Selbständigkeit des Keimes, von der ich eben gesprochen habe. Und es deutet uns die äußere Erscheinung gewissermaßen illustrierend auf dasjenige hin, was wir durch Geistesschau gewinnen. Nun, ich habe Ihnen heute gewissermaßen nur erzählend einiges vorgeführt, was in der folgenden Richtung verläuft. Ich habe Ihnen gezeigt, wie man auf der einen Seite durch Geistesschau hineinblicken kann in das Wesen des Menschen, in das konkrete Wesen des Menschen, in seine Aufbau- und Abbauprozesse, in seine Gesundungs- und Erkrankungsprozesse, die eigentlich in ständiger Wechselwirkung stehen, und zwischen denen ein Ausgleich gesucht werden muß. Ich habe Ihnen gezeigt, wie man durch Geistesschau das Wechselverhältnis des Menschen mit seiner Umgebung finden kann, wie man dadurch die Brücke schlagen kann von Physiologie und Pathologie zu der Therapie. Und ich habe Ihnen zuletzt an einem besonderen Beispiel veranschaulichen wollen, wie man — ich habe einen extremen Fall gewählt, den der Bluterkrankheit und den der Vererbungsverhältnisse bei der Bluterkrankheit —, wenn man in der |
| 70 | richtigen Weise die Natur ansieht in den Fällen, wo die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, überall die Illustration desjenigen bekommt, was man erst geisteswissenschaftlich erkannt hat. So daß es den Einwand gar nicht gibt, der etwa so lautete, daß derjenige, der doch nicht hineinschauen könne in die geistige Welt, daß der gar keinen Weg habe, um irgendwelche Beweise für dasjenige zu finden, was der Geisteswissenschafter behauptet. Nein, so liegt die Sache nicht, sondern es handelt sich darum, daß man ja die geisteswissenschaftlichen Resultate, ich möchte sagen, auf der einen Seite ohne Dogmatismus und Autoritätsglauben aufnehmen kann, und auf der anderen Seite sie aber auch ohne vorgefaßten, vorurteilsvollen Skeptizismus aufnehmen kann. Man nimmt sie einfach auf. Man sagt sich zunächst nicht: Ich glaube sie — man lehnt sie aber auch nicht leichtsinnig ab, man nimmt sie und prüft sie an der äußeren Wirklichkeit. Sie werden sehen, wenn Sie dasjenige, was Ihnen zunächst paradox, oftmals sogar phantastisch erscheint, indem es heruntergeholt wird aus der geistigen Welt durch übersinnliches Schauen in der Geistesforschung, wenn Sie es im Leben anwenden, wenn Sie das Leben fragen, daß es bestätigt wird an den Punkten, worauf es ankommt. Sie werden finden, überall liefert die Empirie die Bestätigungen für dasjenige, was die Geistesforschung findet. Diejenigen Menschen, die heute unter der Ausrede, daß sie ja nicht in die geistige Welt schauen können, die Erkenntnisse dieser geistigen Welt ablehnen, gleichen jenem Menschen, der ein so geformtes Eisen (es wird ge zeichnet) Tafel 4 rechts
sieht und sagt: Damit beschlage ich mein Pferd, das ist ein Hufeisen. — Der andere aber, der sagt ihm: Es ist schade, damit das Pferd zu beschlagen, denn das hat magnetische Kräfte in sich, das ist ein Magnet —, und wenn ihm erwidert wird: Ich sehe nichts von magnetischer Kraft, für mich ist das ein Hufeisen. |
| 71 | eigentlich die Dinge gerade in der materiellen Welt anzuwenden sind. So lückenhaft aphoristisch dasjenige sein mußte, was ich Ihnen heute nur ergänzend zu dem Vortrage sagen konnte, es sollte ja auch nur die Richtung zeigen, in welcher in Zukunft gerade das medizinische Studienwesen verlaufen muß. Denn dieses medizinische Studienwesen hängt so innig zusammen mit dem sozialen Wesen. Geradeso, wie die Menschenwelt sozial nur gesunden kann, wenn in das soziale Urteil die geistige Erkenntnis hineingetragen wird, so kann eigentlich unsere Medizin nur gesunden, wenn in sie hineingetragen wird das geistige Schauen. Sie sehen, Phantasten sind wir auf keinem Gebiete. Dilettanten wollen wir wenigstens auf keinem Gebiete sein. Es handelt sich um ernstes Forschen, nur eben um ein Forschen, welches jenen Grundsatz entwickelt hat, der heute vielfach angewendet wird. Wenn heute da oder dort eine Hypothese ausgehängt wird, dann sagt man, sie bedeutet eine bequeme Handhabe, um die Erscheinungen zu überschauen. Man kommt ja auch schon dazu, in der Mathematik sogar solche Hypothesen oder Gedankenrichtungen auszuhecken. Geisteswissenschaft steht auf dem Boden, daß nichts gescheut werden darf, um alles dasjenige, was für den Fortschritt des Menschenlebens notwendig ist zu erreichen, daß nichts gescheut werden darf an Aufwendung von Kräften in der Richtung dieser Notwendigkeit. Und deutlich vernimmt man heute aus dem Gang der Menschheitsentwickelung die Zeichen der Zeit, welche uns sagen: In den alten Richtlinien ist nicht mehr vorwärtszukommen. Nun wohl, dieses Dornach ist nur aus dem Grunde entstanden, weil in den alten Richtlinien nicht mehr vorwärtszukommen ist, und es soll hier dasjenige gesucht werden, was die neuen Richtlinien sind. Spezialisiert haben wir uns genug. Jetzt handelt es sich darum, daß wir die einzelnen Spezialitäten wiederum zusammenbringen. Vielleicht werden Sie gerade an diesem Kurs sehen, wie aus einem Zentrum heraus die geistigen Kräfte fließen sollen, die diese einzelnen Spezialitäten zusammenbringen. Dazu müssen allerdings jene bequemen Wege verlassen werden, die man heute so vielfach sucht. Aber die Früchte werden vor allen Dingen in der Richtung des Fortschrittes |
| 72 | der Menschheit liegen. Gerade aus diesem Grunde hätte ich daher vor allen Dingen gern gehabt, wenn wirklich alles dasjenige, was hier geisteswissenschaftlich gesagt werden kann, auch von Spezialisten gesagt worden wäre. Und es war mir daher gar nicht recht, daß ich selber gerade für ein wichtigstes Gebiet, für das medizinische Gebiet, vor Ihnen hier eintreten mußte. Aber da die Dinge nun einmal so gekommen sind, blieb eben nichts anderes übrig, und Sie müssen damit vorlieb nehmen. Dasjenige aber, worauf es unter allen Umständen angekommen wäre, ob nun ein Spezialist oder ein allgemeiner Betrachter hier das Nötige vorgebracht hätte, wäre eben dasjenige gewesen, zu zeigen, daß auch auf diesem schwierigen Gebiete der Medizin ein Fortschritt nur durch die Befruchtung von der Geistesforschung heraus möglich ist. Es würde sich, ich möchte sagen, recht anschaulich gezeigt haben, wenn auch für dieses Gebiet jemand aufgetreten wäre, der aus den Traditionen der Zeit heraus, aus alledem, was die Zeit selbst den Medizinern liefern konnte, auf der anderen Seite durch einen offenen Sinn für die Geisteswissenschaft hätte zeigen können: Man kann zu gleicher Zeit auf der vollen Höhe der heutigen medizinischen Wissenschaft, der offiziellen medizinischen Wissenschaft stehen und doch ein so guter Geisteswissenschafter sein, daß man nur glauben kann, man könne sogar diese Medizin heute nur ertragen, wenn man sie geisteswissenschaftlich durchleuchten kann. Ob Ihnen das hervorgehen konnte in einer genügend intensiven Weise dadurch, daß schon einmal die Tatsache sich herausstellte, daß ich den Fachmediziner ersetzen mußte, das weiß ich nicht. Aber ich hoffe, daß noch öfter Gelegenheit ist, in einer solchen Weise, wie es auch der Zeit einleuchtet durch die äußeren Umstände, zu zeigen: Auch die Medizin kann nur in die Zukunft hineingeführt werden, wenn der Geist in sie eindringt, wie er gemeint ist, wie er wenigstens angestrebt wird hier in diesem Goetheanum, wenn Goethescher Geist in die Medizin einzieht. |

