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DRITTER VORTRAG, Dornach, 9. Oktober 1920 : I PHYSIOLOGISCH-THERAPEUTISCHES AUF GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFT III

DRITTER VORTRAG, Dornach, 9. Oktober 1920 : I PHYSIOLOGISCH-THERAPEUTISCHES AUF GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFT III

Geisteswissenschaft will nicht Kurpfuschertum fördern, sondern medizinische Kunst. Neubildungen und Geisteskrankheiten. Dreigliederung des menschlichen Organismus mit Funktionsabgrenzungen, nicht Raumabgrenzung: Siehe Buch «Von Seelenrätseln». Wahrnehmen und Vorstellen gebunden an Abbau und Ausscheidung. Willensprozesse mit Aufbauprozessen im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System. Rhythmisches System. Gesundes Gleichgewicht: Die Wechselwirkungen zwischen Aufbau- und Abbauprozessen giften und entgiften. Ganze Natur: Pflanzenbildeprozeß wegstrebend vom Erdenzentrum. Goethes Metamorphose der Pflanzen. Beispiel: Weißbirke: Wurzel-Rinden-Blattbildung: Kraftwirkung aufwärts. Ablagerung von Kalisalzen in Birkenrinde. Umgekehrte Richtung: Eiweißbildung = Albuminisieren. Entstehung von Rheuma und Gicht. Therapie: Birkenblätter. Entzündliche Hautausschläge: Kalisalze der Birkenrinde. Rationelle Stufe der Wissenschaft: Goethe. Medizinstudium. Zur Therapie: Intuitives Zusammenschauen der Naturwirkungen mit Wirkungen des inneren Organismus zum Erkennen des Pathologischen. Geisteswissenschaft will wirken auf eine Gesundung der Wissenschaft.

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38 Es wird natürlich nur möglich sein, über spezielle Heilungsverfahren einiges im allgemeinen anzudeuten in der kurzen Zeit, die gerade für diesen therapeutischen Teil unserer Veranstaltung zur Verfügung stehen kann. Andererseits ist es auch eine etwas, ich möchte sagen, zweifelhafte Sache, über das Spezielle gerade des Medizinischen Detailangaben machen zu müssen, wenn man nicht, wie das zum Beispiel im Frühling hier der Fall war, vor einem rein fachlichen Publikum steht. Denn so sehr es auf der einen Seite für die Zukunft der Menschheitsentwickelung notwendig sein wird, daß die weitesten Kreise von den allgemein richtunggebenden Faktoren des Heilens, gewissermaßen den Konsequenzen der Medizin, Verständnis sich werden erwerben müssen, damit ein vertrauensvolles, aber auf der Sache begründetes Verhältnis zwischen dem Arzte und den Patienten bestehen könne, und so sehr es notwendig sein wird, daß ein solches Verständnis der Richtungslinie des Medizinischen für eine Sozial-Hygiene in weitesten Kreisen wird errungen werden müssen, sowenig ist es auf der anderen Seite wünschenswert, daß in das Medizinische allzu stark dilettantisches und laienhaftes Urteil hineinspielt, was ja leider durch den Zustand des medizinischen Wesens in der neueren Zeit reichlich geschehen ist. Es muß durchaus betont werden, daß es wenigstens nicht meine Absicht sein kann, irgendwie das Kurpfuschertum zu fördern, sondern daß innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ganz entschieden das Bestreben vorhanden sein muß, die wirkliche, auf treu methodischem Studium beruhende medizinische Wissenschaft als medizinische Kunst zu fördern, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse in diese wirkliche medizinische Kunst hineinzubringen. Also nicht etwa auf Seiten derjenigen soll hier gestanden werden, die aus einer, man könnte sagen, unbegrenzten Unkenntnis desjenigen, was sie eigentlich reden, gegen alles mögliche, was sie Schulmedizin nennen und dergleichen, Sturm laufen. Auf Seiten dieser Leute sollte hier
39 wahrhaftig nicht gestanden werden. Dann ist noch etwas zu berücksichtigen, wenn Dinge besprochen werden, wie die zum Beispiel heute in Frage kommenden. Es ist in die Medizin etwas eingedrungen in der neueren Zeit, es war in einem gewissen Sinne gewiß seit langem da, aber in der neueren Zeit hat es sich mit all der Vehemenz bemerklich gemacht, mit der sich nun schon einmal in unserer chaotisch wirkenden sozialen Ordnung Dinge bemerklich machen: das ist die Parteibildung sogar innerhalb des medizinischen Wesens. Und die sich bekämpfenden Parteien stehen sich auf diesem Boden kaum anders gegenüber als, ich möchte sagen, politische Parteien. Daß das nicht förderlich sein kann für das medizinische Wesen, das ist im allgemeinen leicht einzusehen, und der Streit der Allopathen mit den Homöopathen, der sogenannten Schulmediziner mit den Naturheilkundigen und so weiter, hat nun reichlich Verwirrung gebracht in dasjenige, was wir als Verständnis für das medizinische Wesen in weiteren Kreisen unserer Menschheit nötig haben. Das alles mußte ich vorausschicken, damit nur ja auf keinen falschen Boden gestellt werde dasjenige, was ich heute noch zu sagen haben werde.
Ich habe Sie ja aufmerksam gemacht darauf, wie auf der einen Seite im menschlichen Organisationsprozeß drinnensteht das Geistig-Seelische, welches in den physischen Erkrankungsprozessen gewissermaßen überwuchert, so daß dieses Geistig-Seelische nicht in der richtigen Weise abgesondert wirkt von dem physischen Organ und daher in ihm wuchert. Wir haben es dann mit all den Krankheiten zu tun, welche nach Neubildungen im Organismus treiben. Wir haben es auf der anderen Seite mit solchen Erkrankungen zu tun, in denen das Geistig-Seelische in einer solchen Art sich ausbildet, daß es zu wenig eingreift in den physischen Organismus, daher gewisse Teile des physischen Organismus den nicht von der menschlichen Organisation ergriffenen Prozessen, sondern den untergeordneten Prozessen des Naturdaseins überläßt, möchte ich sagen, so daß sich in einem überragenden Maße Organe — wenn ich das Wort gebrauchen darf — verphysizieren, statt daß sie sich seelisch-geistig durchdringen würden. Dann flutet das Seelisch-Geistige heraus, ohne daß es in der richtigen Weise mit dem Ich-Bewußtsein überspannt
40 werden kann, und es entstehen alle diejenigen Erkrankungsformen, welche man uneigentlich als Geisteskrankheiten bezeichnet.
Aber diese Anschauung muß sich in dem Augenblicke, wo man von einer gesunden Physiologie zu einer gesunden Pathologie und Therapie vorschreitet, modifizieren, das heißt, ich möchte sagen, in einer noch genaueren Weise ausbilden. Sie muß sich nämlich zusammengliedern mit jener Anschauung vom Wesen des Menschen, die hier schon wiederholt vorgebracht worden ist, aber in ganz anderem Zusammenhange, als wir sie heute nötig haben. Es ist die Anschauung von der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Wir haben es ja im Menschen auf der einen Seite zu tun mit einer Dreigliederung des seelischen Wesens im Vorstellenden, im Fühlenden und in den Willensimpulsen. Aber diese Dreigliederung des seelischen Wesens entspricht ganz genau einer Dreigliederung des physisch-körperlichen Wesens in eine Art Kopfsystem oder Nerven-Sinnessystem, in ein rhythmisches System und in ein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Ich bemerke ausdrücklich, daß diese Gliederung des menschlichen Organismus nicht eine verstandesmäßige sein darf, sondern eine anschauliche. Denn derjenige, der da etwa unter dem Kopfsystem verstehen würde dasjenige, was bis zum Halse reicht, und dann unter dem Zirkulations- oder rhythmischen System dasjenige, was den Rumpf umfaßt, und dasjenige, was das Verdauungssystem mit Gliedmaßensystem, Sexualsystem umfaßt, der würde, wenn er eine solche äußerliche Gliederung vornähme, eben durchaus nicht dasjenige treffen, was sachgemäß ist. Sondern es handelt sich darum, daß das Nerven-Sinnessystem hauptsächlich im Kopfe lokalisiert ist, daß es sich aber über den ganzen übrigen Organismus als solches ausdehnt. So daß wir in einem gewissen Sinne, wenn wir hier in anthroposophischer Absicht von dem Nerven-Sinnessystem zu sprechen haben, sagen müssen, es ist dasjenige System von Funktionen im menschlichen Organismus — denn wir haben es nicht mit Raumesabgrenzungen, sondern mit Funktionsabgrenzungen zu tun —, welches ja im wesentlichen im Haupte lokalisiert ist, aber die Hauptestätigkeit über den ganzen Menschen ausdehnt, so daß in gewisser Beziehung der ganze Mensch wiederum Haupt ist. Ebenso
41 ist es für die anderen Systeme. Und es war daher ein bloßer Unfug, wenn ein leichtfertiger Medizinprofessor, welcher nicht die Absicht hatte, in diese Dinge einzugehen, wohl aber die Absicht hatte, diese Dinge vor der Welt zu verleumden, von dem «Bauchsystem» gesprochen hat, um zu diskreditieren dasjenige, was mit dem Stoffwechselsystem eigentlich gemeint ist. Er hat eben gezeigt, daß er durchaus kein Verständnis dafür hat, wie es bei dieser Gliederung ankommt auf das Funktionelle und nicht auf das räumlich Abzugrenzende.
Wenn man dann diese Gliederung des Menschen versteht, über die man viele Vorträge halten könnte, um sie in allen Details zu schildern, kommt man dazu, deutlich die Unterschiede anzuschauen, welche bestehen zwischen dem Kopfsystem, also dem Nerven-SinnesSystem auf der einen Seite, dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem auf der anderen Seite und dem mittleren System, dem rhythmischen System, das im wesentlichen dazu berufen ist, den Ausgleich zwischen den beiden anderen Systemen zu bewirken. Wir haben dann, wenn wir die ganze Wesenheit des Menschen umfassen wollen, das Folgende vor uns: Die eigentliche vorstellende und wahrnehmende Tätigkeit des Menschen, sie hat zu ihrer Grundlage, man kann nicht einmal sagen zum Werkzeug, aber zu ihrer physischen Grundlage alles dasjenige, was sich abspielt physisch im Nerven-Sinnessystem. Es ist nun nicht so, wie eine neuere Psychologie und Physiologie meint, daß sich im Nerven-Sinnessystem auch diejenigen Prozesse abspielen, die in primärer Weise zusammenhängen mit dem Gefühlsund Willenssystem. Nein, das halt vor einem genaueren Studium der Sache nicht stand. Dieses genauere Studium finden Sie, wenigstens in seinen Leitlinien, angedeutet in meinem Buche «Von Seelenrätseln»; aber nach dieser Richtung wird eben sehr viel Detailarbeit noch zu leisten sein. Dann wird sich schon dasjenige, was Geisteswissenschaft heute mit Gewißheit von ihrer Seite zu sagen hat, auch von der anderen Seite, von der physisch-empirischen Seite her herausstellen, dann wird sich herausstellen, daß das Fühlen des Menschen nicht zusammenhängt in primärer Weise mit dem Nerven-Sinnessystem, sondern mit dem rhythmischen System, daß geradeso, wie das Nerven-Sinnessystem entspricht dem vorstellenden Wahrnehmen,
42 das rhythmische System entspricht dem Fühlen, und daß erst durch die Wechselwirkung des rhythmischen Systems mit dem NervenSinnessystem, auf dem Umwege durch den Rhythmus des Gehirnwassers, der heranschlägt an das Nerven-Sinnessystem, eingeschaltet wird das Nerven-Sinnessystem als Träger des Vorstellungslebens dann, wenn wir unsere Gefühle zu Vorstellungen erheben, wodurch das dumpf-traumhafte Gefühlsleben von uns selber wahrgenommen und vorgestellt wird auf innerliche Weise. Und ebenso, wie das Gefühlsleben direkt zusammenhängt mit dem rhythmischen System und indirekt durch dieses vermittelt wird, so hängt direkt zusammen das Willensleben mit dem Stoff Wechselsystem. Und dieser Zusammenhang ist dann wiederum so, daß in sekundärer Weise, weil der Stoffwechsel natürlich auch im Gehirn vor sich geht, das Stoffwechselsystem in seinen Funktionen an das Nerven-Sinnessystem heranschlägt und auf diese Weise wir innerlich zustandebringen die Vorstellungen von unseren Willensimpulsen, die sonst in einem dumpfen Schlafesleben innerhalb unseres Organismus spielen würden.
Sie sehen da, daß wir im menschlichen Organismus drei voneinander verschiedene Systeme haben, die in verschiedener Weise das Seelenleben tragen. Nun sind diese Systeme aber nicht nur voneinander verschieden, sondern sie sind auch entgegengesetzt — wie gesagt, ich kann diese Dinge heute nur skizzieren —, so daß wir auf der einen Seite haben das Nerven-Sinnessystem, auf der anderen Seite all das haben, was die Funktionen des Stoffwechselsystems, des Stoffwechsel-Gliedmaßensystems ausmachen (siehe Zeichnung).

Tafel 3

Über den Zusammenhang des Stoffwechsels mit den Gliedmaßen können Sie ja sich Vorstellungen machen, wenn Sie einfach die Wirkungen der bewegten Glieder auf den Stoffwechsel ins Auge fassen. Diese Wirkung ist eine viel größere, als man gewöhnlich innerhalb des äußeren Bewußtseins meint. Aber diese beiden Systeme, ich möchte sagen, das Nerven-Sinnessystem und das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, sie sind auch in einer gewissen Weise polarisch entgegengesetzt. Und diese polarische Entgegensetzung muß für eine gesunde Pathologie und Therapie, namentlich für eine solche Pathologie, die ganz organisch

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Tafel 3


herüberführt in die Therapie, gründlich ins Auge gefaßt werden und für alle einzelnen Details, deren es natürlich unzählige gibt, sorgfältig studiert werden. Denn wenn man in die Detailwirkungen eingeht, dann stellt sich folgendes heraus. Es stellt sich heraus, daß im hohen Grade das vorhanden ist, was ich schon gestern andeutete. Wir haben innerhalb alles dessen, was zusammenhängt mit dem Kopf System

Tafel

oder Nerven-Sinnessystem Abbauprozesse, so daß, während unser Vorstellen im wachen Zustande verläuft, während wir wahrnehmen und vorstellen, dieses Wahrnehmen und Vorstellen nicht gebunden ist etwa an Wachstums- und Aufbauprozesse, sondern an Abbauprozesse,

Tafel

an Ausscheidungsprozesse. Und man wird darauf kommen eigentlich, wenn man in ganz gesunder Weise anschaut dasjenige, was heute schon die empirischphysiologische Wissenschaft nach dieser Richtung darbietet. Es ist heute im Grunde genommen schon der empirische Beweis auch dafür vorhanden, oder ich könnte besser sagen, die empirische Bestätigung für dasjenige, was da die Geisteswissenschaft durch Anschauung liefert. Verfolgen Sie nur dasjenige, was gewisse geistvolle Physiologen beizubringen vermögen über die physischen Vorgänge im

44 Nervensystem, die sich abspielen als Parallelerscheinungen des Vorstellens und Wahrnehmens. Dann werden Sie sehen, daß durchaus diese Behauptung, daß wir es zu tun haben mit Ausscheidungs- und Abbauprozessen, nicht mit Aufbauprozessen, während wir denken, wachend denken und wahrnehmen, heute schon sehr gut gestützt ist. Dagegen haben wir es da, wo die Willensprozesse sich vermitteln für den Menschen im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, mit Aufbauprozessen zu tun. Nun stehen aber alle einzelnen Funktionen des Menschen durchaus miteinander in Wechselwirkung. Und sehen wir uns die Sache ordentlich an, so müssen wir sagen: Die Aufbauprozesse von unten wirken hinauf in die Abbauprozesse, die Abbauprozesse von oben wirken hinunter in die Aufbauprozesse. Und Sie haben, wenn Sie dieses sinngemäß verfolgen, dann als ausgleichendes System, als Funktionen, die den Ausgleich bewirken, da drinnenzwischen den abbauenden Prozessen und den aufbauenden Prozessen die rhythmischen Prozesse, die den Abbau in den Aufbau, den Aufbau in den Abbau hineintreiben. Und studieren wir der Sache nach, nicht rein äußerlich, studieren wir der Sache nach dasjenige, was in der sogenannten Blutzirkulation des Herzens, in der Durchatmung des menschlichen Leibes vor sich geht, so haben wir überall darinnen, ich mochte sagen, Spezialverläufe, irgendwie unterbrochene. Ich kann nicht eingehen auf dieses Unterbrechen, das hat seinen guten Sinn; aber wir haben überall Spezialisierung dieser Rhythmuskurve, die ich hier aufgezeichnet habe (siehe Zeichnung).

Tafel 3 rechts

Der Atmungsverlauf ist ein Spezialfall dieser Kurve, der Prozeß, den Sie hinzeichnen, wenn Sie den Blutgang vom Herzen nach oben, nach dem Haupte oder beziehungsweise nach der Lunge und hinunter nach dem Körper zeichnen, so haben Sie Spezialisierungen dieses Prozesses. Kurz, wenn Sie dasjenige beleben, was hier angedeutet wird, so dringen Sie nicht auf eine solche tote Weise, wie es gewöhnlich geschieht, in das Funktionengewebe des menschlichen Organismus ein, sondern in einer lebendigen Weise. Sie aber müssen dabei Ihre Vorstellungen selber lebendig machen. Es muß gewissermaßen dabei ein plastisches Abbild des menschlichen Organismus vorgestellt werden können. Man kann den menschlichen Organismus

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Tafel 4


nicht mit den ruhend abstrakten Vorstellungen umfassen, mit denen man ihn umfassen möchte in der heutigen Physiologie und Pathologie, sondern man muß ihn erfassen mit bewegten Vorstellungen, mit solchen Vorstellungen, die wirklich eingreifen ihrerseits in die Wirkung von dem, was innerliche Bewegung hat, was keineswegs bloße mechanische Wechselwirkungen gegeneinander in Ruhe befindlicher Organe sind. So kommen wir darauf, wie im Grunde genommen fortwährend im menschlichen Organismus eine Wechselwirkung vorhanden ist zwischen den Abbauprozessen, den ertötenden Prozessen und zwischen den Aufbau-, den Wachstumsprozessen, den Wucherungsprozessen und so weiter. Ohne diese Tätigkeit ist die menschliche Organisation nicht zu erfassen.
Aber was ist da eigentlich vorhanden? Sehen Sie sich nur die Sache einmal genauer an. Wenn der Abbauprozeß der Nerven-Sinnesorganisation hineinwirkt durch den Rhythmus in das StoffwechselGliedmaßensystem, dann ist etwas vorhanden, was entgegenwirkt dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, was für dieses StoffwechselGliedmaßensystem Gift ist. Und umgekehrt ist dasjenige, was im Aufbausystem vorhanden ist, wenn es im Rhythmus hineinwirkt in

46 das Kopfsystem, für das Kopfsystem Gift. Und da die Systeme, wie ich angedeutet habe, über den ganzen übrigen Organismus ausgebreitet sind, so hat man es überall im menschlichen Organismus zu tun mit einem fortwährenden Giften und Entgiften, was durch den rhythmischen Prozeß zum Ausgleich gebracht wird. Wir sehen also nicht hinein in einen solchen Naturprozeß, wie man ihn sich gewöhnlich vorstellen möchte, der einseitig — einsichtig, möchte ich sagen — verläuft, so daß man die gesunden Prozesse einfach als die normalen bezeichnen kann, sondern wir sehen hinein in zwei einander entgegenwirkende Prozesse, von denen der eine für den anderen durchaus ein kränkender Prozeß ist, und wir können gar nicht leben im physischen Organismus, ohne daß wir unser GliedmaßenStoffwechselsystem fortwährend den Krankheitsursachen des Kopfsystems, und das Kopfsystem den Krankheitsursachen des Stoffwechselsystems aussetzen. Und so wie die Waage, wenn sie nicht gleichmäßig belastet ist, so ausschlägt, ganz nach Naturgesetzen, daß der Waagebalken nicht horizontal liegt, so ist, weil das Leben ein in sich bewegliches ist, einfach nicht ein ruhender Gleichgewichtszustand vorhanden, sondern ein Gleichgewichtszustand, der nach beiden Seiten in Unregelmäßigkeit ausschlagen kann. Und heilen heißt nichts anderes, als zum Beispiel das Kopfsystem, wenn es zu stark vergiftend wirkt auf das Stoffwechselsystem, seiner vergiftenden Wirkung zu entladen, ihm seine vergiftende Wirkung zu nehmen. Oder umgekehrt, wenn das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem zu stark auf das Kopfsystem vergiftend, das heißt wuchernd wirkt, muß ihm seine Giftwirkung genommen werden. Aber zu einer vollständigen Anschauung auf diesem Gebiete kommt man erst, wenn man nun wiederum dasjenige, was man in die Lage kommt am Menschen zu beobachten, ausdehnt auf die Beobachtung der ganzen Natur, wenn man nun diese Natur im geisteswissenschaftlichen Sinne aufzufassen in der Lage ist. Wenn Sie zum Beispiel den Pflanzenbildeprozeß ins Auge fassen, dann haben Sie ganz deutlich, ich möchte sagen, im Allermakroskopischsten, ganz deutlich ein Aufwärtsstreben des Pflanzenbildeprozesses, ein Hinwegstreben vom Erdenzentrum, und Sie können reizvoll diese sich metamorphosierenden
47 Bildebestrebungen der Pflanzen, wenigstens den ersten Linien nach, den Grundlinien nach, in Goethes «Metamorphose der Pflanzen» studieren.
In Goethes «Metamorphose der Pflanzen» ist zunächst skizzenhaft enthalten nur die allererste Gliederung, die allerersten Elemente desjenigen, was über das Pflanzenwesen nach dieser Richtung zu studieren ist. Aber die Richtung dieses Studierens muß weiter ausgebildet werden. Die Grundlinien müssen verfolgt werden, dann bekommen wir eine lebendige Anschauung daraus über alles dasjenige, was da geschieht im Pflanzenwachstum, wenn wurzelnd im Boden, gewissermaßen da in negativer Richtung das Aufwärtsstreben ausbildend in der Wurzel, die Pflanze anfängt zu wachsen, dann hinaufwächst, die Anziehungskraft der Erde, die noch in der Wurzel überwiegend tätig ist, überwindend, dann sich hindurchringt durch andere Kräfte, um zuletzt zur Blüte und Frucht und Keimesbildung zu kommen.
Auf diesem Wege geschieht sehr vieles. Auf diesem Wege geschieht zum Beispiel dasjenige, daß wiederum eine entgegengesetzte Kraft eingreift. Diese entgegengesetzte Kraft, die da eingreift, können Sie beobachten, wenn Sie zum Beispiel — Sie können irgendein Beispiel herausgreifen —, sagen wir, die gewöhnliche Birke, Weißbirke, Betula alba, herausgreifen und genauer den Prozeß verfolgen, der sich vollzieht von der Wurzelbildung durch die Stammesbildung, namentlich dann durch die Rindenbildung, wie sich auf Grundlage alles desjenigen, was zusammenwirkt in der Stamm- und Rindenbildung, dasjenige herausbildet, was dann in der Blattbildung zustandekommt. Man kann das geisteswissenschaftlich besonders gut studieren, wenn man die noch bräunlich erscheinenden jungen Birkenblätter im Frühling studiert. Wenn man das alles anschaulich studiert, so bekommt man eine Anschauung von einem sich Metamorphosieren auch der Kräfte, die sich da abspielen, die da wirken im Innern der Pflanze, und man bekommt die Anschauung, wie auf der einen Seite wirkt in dem Pflanzenbildungsprozesse eine Kraftrichtung von unten nach oben. Man bekommt aber auch dasjenige, was noch retardierend wirkt, was zuerst bei der Wurzel, ich möchte
48 sagen, noch stark als Schwerkraft gewirkt hat, was aber dann, indem die Pflanze sich entringt der Erdensubstanz, indem sie aus der Luft herauswirkt, in einer anderen Weise zusammenwirkt mit der aufstrebenden Kraft. Und wir haben dann eine interessante Stufe, aber auch jetzt sachgemäße Stufe, um einzusehen, wie in der Pflanzenbildung bei diesem nach aufwärts strebenden Prozeß in der Birkenrinde sich ablagern gewisse Salze, Kalisalze, die einfach das Ergebnis sind der nach unten wirkenden Kräfte, die im Wechselspiel stehen mit den nach oben wirkenden Kräften und, ich möchte sagen, zur Eiweißbildung hinneigen, zu demjenigen, was ich als albuminisierende Kraftbildung bezeichnen möchte. So dringt man ein zum Beispiel in den Pflanzenbildeprozeß. Ich kann das hier nur andeuten. Sie sehen, wir dringen eben so ein, indem wir gewissermaßen anschauen, wie sich da ablagern in der Birkenrinde die Kalisalze, wie sich dann etwas entringt dieser nach unten ziehenden Kraft — ich möchte sagen, des Prozesses, der etwa zu vergleichen wäre mit dem, wenn so ein Salz herausfällt aus einer Lösung —, wir kommen dann zu dem Prozesse, der vor sich geht, indem sich die Lösung dem Salze entringt, wir kommen da, indem wir das lebendig erfassen, in den Eiweißbildungsprozeß, in dasjenige hinein, was ich als den Albuminisierungsprozeß bezeichnen möchte. Da haben wir einen Weg, das Äußere, das den Menschen umgibt, zu studieren, anschaulich zu studieren.
Und dann, dann schauen wir zurück auf den Menschen und sehen, wie der Mensch im Grunde genommen, sagen wir, wenn wir ins Auge fassen seinen von oben nach unten wirkenden Abbauprozeß, in sich hat dieselbe Form von Kräften, die bei der Pflanze von unten nach oben wirkt. Wir schauen da gewissermaßen in dem, was an Kräften wirkt vom Kopfsystem nach unten, nach dem Gliedmaßen-Stoffwechselsystem, wie gewissermaßen ein umgekehrtes Pflanzliches drinnen wirkt, wie in der Tat die Kräfte, die wir nach aufwärts geschickt sehen im Pflanzenwachstum, nach abwärts wirken. Wenn zum Beispiel der Mensch diesen, ich möchte sagen, bei ihm in seinem Innern wirkenden Pflanzenbildungsprozeß in der unrichtigen Weise aufhält, so daß er nicht in richtiger Weise von
49 dem, was im Kopfe wirkt — das Astralische, das Ich-Wesen —, durchdringt das Leibeswesen, aber diese Durchdringung sich äußert innerhalb des Leibes, dann haben wir es zu tun mit etwas, was da aufgehalten wird, was verlaufen sollte im menschlichen Organismus, wir haben es zu tun mit einer pathologischen Erscheinung, die uns entgegentritt zum Beispiel in den Fällen, wo Rheumatismus, wo gichtische Zustände auftreten. Wir studieren dasjenige, was von diesem Aufbauprozesse, indem er in einer gewissen Weise zurückgestaut wird, im menschlichen Organismus bewirkt wird, wir studieren das und finden es wieder in dem Prozesse des Rheumatismus, in dem Prozesse der Gichtbildung und so weiter. Und wir lenken jetzt wiederum den Blick von dem Inneren des Organismus, sagen wir, nach einem solchen Pflanzenbildungsprozeß, wie er uns bei Betula alba vorliegt; dann gewinnen wir folgendes. Dann schauen wir auf der einen Seite hinein in dasjenige, was sich da abspielt in der Salzbildung, auf der anderen Seite in der Eiweißbildung. Und wir finden, wenn wir diesen Prozeß der Eiweißbildung ordentlich verstehen, darinnen den entgegengesetzten Prozeß von demjenigen, was da aufgehalten wird. Im Organismus wird aufgehalten derjenige Prozeß, der sich abspielen sollte ähnlich jenem Prozesse, der sich als richtiger Prozeß der Albuminisierung in den Birkenblättern abspielt, und wir bekommen dadurch einen Zusammenhang zwischen denjenigen Prozessen, die sich zum Beispiel in den Birkenblättern abspielen und den Prozessen des Organismus, indem wir dasjenige, was in den Birkenblättern ist, zu Heilmitteln verarbeiten, die wir den Menschen beibringen, und durch die wir, weil sie in der richtigen Weise entgegengesetzt sind diesem Stauprozeß, der im Rheumatismus, in der Gicht auftritt, in dieser Weise heilbringend wirken. Das heißt, wir schauen in dieser Weise zusammen dasjenige, was draußen in der Natur sich abspielt, mit dem, was im Innern des Organismus sich abspielt und bekommen da eine Vorstellung heraus, wie wir die Heilkräfte dirigieren sollen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie dann, wenn die Abbauprozesse so verlaufen, daß der Organismus sie gewissermaßen nicht aufhalten kann, daß sie nach unten sich verbreitern, das rhythmische System sie nicht in der richtigen Weise
50 zurückschlägt, daß sie dann an die Peripherie des Körpers auslaufen, daß sie gewissermaßen nach der Haut herausdrängen. Wir bekommen entzündliche Zustände in dem Äußeren der Menschen, wir bekommen Hautausschläge und dergleichen. Und wir schauen wiederum zurück auf unsere Pflanze, Betula alba, und wir finden den entgegengesetzten Prozeß in der Ablagerung der Kalisalze in der Birkenrinde, bekommen dadurch die Möglichkeit, einzusehen, wie wir diesen im menschlichen Wesen zu einer Überexsudation treibenden Prozeß des Hautausschlages bekämpfen, indem wir ein Heilmittel aus der Birkenrinde bereiten.
Und so können wir studieren, wie pflanzliche, wie mineralische Prozesse wirken, und wir bekommen einen Zusammenhang zwischen dem, was da in der äußeren Natur ist und demjenigen, was im Innern des Menschen wirkt. Wir bekommen mit anderen Worten das Aufsteigen der medizinischen Empirie, der therapeutischen Empirie, zu demjenigen, was Goethe in seinem Sinne, jetzt nicht im verstandesmäßigen, sondern in seinem Sinne die rationelle Stufe der Wissenschaft nennt, wir bekommen eine Wissenschaft als Therapie, welche wirklich die Zusammenhänge durchschaut. So leicht sind die Dinge nicht, denn man muß mindestens nach gewissen Typen, zunächst nach geheimen Typen der menschlichen Persönlichkeit und nach Geheimnissen des Naturdaseins die Dinge wirklich im einzelnen studieren. Und man muß nun nicht etwa glauben, daß, wenn man den Prozeß studiert hat an einem solchen Exempel wie Betula alba, man dann schon alles dasjenige überschauen kann, was da in Betracht kommt. Bei irgendwelchen anderen Pflanzenbildeprozessen, ich will sagen, zum Beispiel bei der Roßkastanie und dergleichen, vollziehen sich diese Bildungsprozesse in wesentlich anderer Art, und keineswegs zu einem allgemeinen Gefasel und Geschwafel führt dasjenige, was hier angedeutet wird, sondern es führt zu einem sehr ernsten und ausgebreiteten Studium.
Aber — dieses Wort möchte ich insbesondere an die verehrte Studentenschaft richten — dieses Studium wird nicht, wenn es in rationeller Weise getrieben wird, Sie in eine Furcht vor dem Umfange hineinzutreiben haben. Denn ich kann Ihnen die Versicherung
51 geben, wenn all dasjenige, was Examensballast ist, was — um in diesem paracelsischen Sinne zu sprechen — Examens-Tartaros ist, wegfällt, und dafür alles dasjenige getrieben wird, was in dieser Weise in eine rationelle Anschauung von einer therapeutischen Pathologie und pathologischen Therapie hineinführt, dann werden die Studenten der Medizin nicht etwa noch mehr, sondern weniger zu studieren haben. Und dieses Studium wird, weil es sie durchleben wird, nur in ihnen einen größeren Enthusiasmus hervorrufen als dasjenige, was sie heute an den Menschen heranführt und was ihnen im wesentlichen nichts anderes liefert, als daß sie Organe sehen, die keineswegs ruhend sind, sondern die nur verstanden werden, wenn man sie in ihrer lebendigen Funktion auffaßt und in ihrer Wechselwirkung zu anderen Organen, wenn man diese Organisation studiert, wenn man dieses ganz ins Funktionelle-Hineintreiben und dazu eine äußere Naturwissenschaft hat, welche ebenfalls wieder ins Funktionelle hineintreibt. Es wird ja durchaus immer wieder parallel zu studieren sein jener innere Vorgang im Menschen, jenes Eigentümliche, das sich da abspielt als Vergiftungen und Giftwirkungen, die aus dem Gleichgewicht gekommen sind, und diejenigen Prozesse, die sich gerade nicht in der Naturordnung abspielen und die, weil das Äußere polarisch zu dem Inneren sich verhält, in einer gewissen Weise auch polarisch zu verwenden sind, und die daher durchaus in die Pathologie, oder besser gesagt in eine therapeutische Pathologie und pathologische Therapie hineinführen können.
So konnte ich Ihnen nur andeuten dasjenige, was, ich möchte sagen, die Schritte zu lenken hat, welche eine Gesundung des medizinischen Studierens nehmen muß, und ich konnte Ihnen nur andeuten, wie die Geisteswissenschaft hineinwirken will in dieses medizinische Studieren. Ich werde Ihnen heute abend, wo ich wiederum eine halbe Stunde nach Beendigung der eurythmischen Vorstellung für alle hier vortragen werde, noch einige andere Beispiele geben, welche Ihnen zeigen werden, wie dieses intuitive Zusammenschauen der äußeren Naturwirkungen mit den Wirkungen des inneren Organismus eben zum Therapeutischen und zum Erkennen des Pathologischen führen kann. Ich möchte da eingehen dann auf einzelne Stoffe.
52 Ich konnte in dieser kurzen Zeit, die mir hier zur Verfügung stand, nur das Prinzip gewissermaßen an dem Beispiel von Betula alba angeben, werde heute abend noch einiges andere angeben, werde mich aber überall daran halten eben, anzudeuten, was in das allgemeine Verständnis der Menschen hineingehen soll. Denn von diesem ausgehend muß dann wiederum der Mediziner speziell weiterbauen. Er soll in das Spezielle hineingehen, denn das Spezielle zu behandeln, erfordert auch überall eine individuelle Beurteilung, und da ist es notwendig, daß aus dem Verständnis aller Laien für die medizinischen Richtungen, für die medizinischen Prinzipien ein Verständnis, eine verständnisvolle Art dafür herauswächst, was der Arzt innerhalb der äußeren Welt vorzunehmen hat.
Und wenn Sie in richtigem Sinne den Gang betrachten, den eigentlich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft für die Medizin nehmen will — ich werde heute abend noch darüber weiter zu reden haben —, so werden Sie sich schon sagen: Wahrhaftig, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will nicht in das Kurpfuschertum, in das Laientum, in den Dilettantismus hineintreiben, sondern sie will vor allen Dingen hinwirken auf eine Gesundung der Wissenschaft, der echten, ernsten Wissenschaft selbst, die dann wiederum selbst ihre soziale Wirkung schon haben wird.




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