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III Laut-Eurythmie-Kurs 15

III Laut-Eurythmie-Kurs 15

** Aufsatz im «Nachrichtenblatt» vom 20. Juli 1924**

Seite Text
469

Kursus über Laut-Eurythmie abgehalten. Er hatte zum Inhalt eine nochmalige Darstellung von vielem, was bisher auf diesem Gebiete gegeben worden ist und zugleich eine Vertiefung und Erweiterung dieses schon Bekannten. Die eurythmisierenden Künstler, die am Goetheanum und von da aus an vielen Orten die Eurythmie als Kunst ausüben, die auf diesem Gebiete Lehrenden, die Lehrkräfte der von Marie Steiner in Stuttgart begründeten und geleiteten Eurythmie-Schule, die für Eurythmie tätigen Lehrkräfte der Waldorfschule und der Fortbildungsschule am Goetheanum, Heü-Eurythmisten, und eine Reihe anderer Persönlichkeiten, die durch ihren Beruf als Künstler oder Wissenschafter auf andern Gebieten für Eurythmie Interesse haben, nahmen an dem Kursus teil. Eurythmie macht ja möglich, das Künstlerische als solches in seiner Wesenheit und seinen Quellen zur Anschauung zu bringen. Darauf wurde bei Abhaltung dieses Kurses besonders gesehen. Als eurythmischer Künstler kann nur wirken, wer aus innerem Beruf und innerer Begeisterung Kunstsinn schöpferisch entfaltet. Um die in der menschlichen Organisation liegenden Form- und Bewegungsmöglichkeiten zur Offenbarung zu bringen, hat man nötig, daß die Seele ganz von Kunst erfüllt ist. Dieser universelle Charakter des Eurythmischen lag allen Ausführungen zu Grunde. Wer eurythmisieren will, muß in das Wesen der Sprachgestaltung eingedrungen sein. Er muß vor allem an die Geheimnisse der LautSchöpfung herangekommen sein. In jedem Laute ist ein Ausdruck für ein Seelenerlebnis gegeben. Im vokalischen Laute ein solcher für ein gedankliches, gefühlsmäßiges, willensartiges Sich-Offenbaren der Seele, im konsonantischen Laute für die Art, wie die Seele ein äußeres Ding oder einen Vorgang vergegenständlicht. Dieser Ausdruck im Sprachlichen bleibt beim gewöhnlichen Sprechen zum größten Teile ganz unterbewußt; der Eurythmist muß ihn auf ganz exakte Art kennenlernen, denn er hat, was im Sprechen hörbar wird, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 469 in die ruhende und bewegte Gebärde zu verwandeln. Das innere Gefüge der Sprache wurde deshalb in diesem Kurse bloßgelegt. Die Lautbedeutung des Wortes, die der Sinnbedeutung überall zum Grunde Hegt, wurde anschaulich gemacht. Von der eurythmischen Gebärde aus läßt sich manches in dem Gesetzmäßigen der Sprache, das gegenwärtig, wo das Sprechen in einer stark abstrakten Seelenverfassung ausgeführt wird, wenig erkannt wird, zur Darstellung bringen. Das ist in diesem Kursus geschehen. Dadurch, so darf gehofft werden, wird er auch Lehrern des Eurythmischen die ihnen nötigen Richtlinien gegeben haben. Der Eurythmist braucht die Hingabe an das Kleinste der Gebärde, damit seine Darstellung wirklich zum selbstverständlichen Ausdruck des Seelischen wird. Er kann die große Gebärde nur gestalten, wenn ihm dieses Kleinste erst zum Bewußtsein, dann zur gewohnheitsartigen Äußerung des seelischen Wesens geworden ist. Es wurde betrachtet, wie die Gebärde als solche Seelen-Erlebnis und Geist-Inhalt offenbart, und auch wie diese Offenbarung zum Seelenausdruck sich verhält, der in der Laut-Sprache sich hörbar verwirklicht. Man kann an der Eurythmie das Technische der Kunst würdigen lernen; aber gerade auch an ihr tief durchdrungen werden davon, wie das Technische alle Äußerlichkeit abstreifen und ganz vom Seelischen ergriffen werden muß, wenn wahrhaft Künstlerisches leben soll. In der Kunst auf irgendeinem Gebiete tätige Menschen sprechen oft davon, wie die Seele hinter der Technik wirken soll; die Wahrheit ist, daß in der Technik die Seele tätig sein muß. Ein besonderer Wert wurde in diesen Vorträgen darauf gelegt, zu zeigen, daß der ästhetisch empfindende Mensch in der wahr gestalteten Gebärde das Seelische unmittelbar auf ganz eindeutige Art wahrnimmt. Es wurden Beispiele vorgeführt, die veranschaulichten, wie ein Inhalt in der Seelenverfassung auf selbstverständliche Art in einer gewissen Gebärdengestaltung gesehen werden kann. Es wurde auch gezeigt, wie alle Sprachgestaltung, die in Grammatik, Syntax, in Sprachrhythmus, in poetischen Tropen und Figuren, in Reim und Strophenbau sich offenbart, die entsprechende Verwirklichung auch in dem Eurythmischen findet. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 470 Die Zuhörer dieses Kurses sollten nicht nur in der Erkenntnis der Eurythmie gefördert werden, sondern es sollte von ihnen erlebt werden, wie alle Kunst getragen sein muß von Liebe und Begeisterung. Der Eurythmist kann seine Kunstschöpfung nicht von sich ablösen und sie objektiv vor den ästhetisch Genießenden hinstellen wie der Maler, der Plastiker, sondern er bleibt in seiner Darstellung persönlich darinnen; man sieht an ihm, ob in ihm Kunst wie ein göttlicher Weltinhalt lebt oder nicht. In unmittelbar künstlerische Gegenwart muß am Menschen der Eurythmist das Künstlerische als anschauliches Wesen hinstellen können. Das erfordert ein besonderes innerlich-intimes Verhältnis zur Kunst. Zum Verständnisse davon wollte dieser Kurs den Teilnehmern verhelfen. Er wollte zeigen, wie in der Seele beim Anschauen der Gebärde das Gefühl, die Empfindung sich entzündet, und wie dann diese Empfindung zum Erleben des sichtbaren Wortes führt. Man kann vieles, was im hörbaren Worte nur unvollkommen sich darleben kann, durch die eurythmische Gebärde zur vollen Offenbarung bringen. Hörbares Wort in Rezitation und Deklamation in Verbindung mit dem sichtbaren Worte geben dann einen Total-Aus druck, der intensivste künstlerische Geschlossenheit bewirken kann. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 4 71 Dornach, 3. August 1924, nachmittags 5 Uhr Poesien der ernsten Art, Musikstücke getragenen Charakters in Eurythmischer Kunst den geneigten Mitgliedern in Begeisterung vorgeführt. PROGRAMM Pastorale aus dem Weihnachtsoratorium J. S. Bach Andante J. E. Galliard The Secret Gate Fiona Macleod Arioso G. Fr. Händel The Weaver of Snow Fion a Macleo d Andante au s de r 1 . Violinsonate , A-Du r … . G . Fr . Hände l Mo-Lennav-a-Chree Fiona Macleod Time Fiona Macleod Thomas the Rhymer W. Scott The Bandruidh Fiona Macleod Musik: Jan Stuten p, h-moll Johannes Brahms Elf-Stroke aus dem Dänischen Prelude, Op. 51, Nr. 2 A. Scriabine Dirge (Much ado about nothing) W. Shakespeare Lullaby W. Shakespeare Musik: M. Schuurman Mignonne P. de Ronsard Prelude, c-moll J. S. Bach Laughing Song William Blake Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 4 72 Stuttgart, 1. Oktober 1924 Hannover, 5. Oktober 1924 Hamburg, 21. Oktober 1924 Berlin, 28. und 29. Oktober 1924 PROGRAMM Die Grundsteinlegung Rudolf Steiner Pre'lude, es-moll J. S. Bach Aus «Wegzehrung» Albert Steffen In die schwarze, schlummerlose … Ich irre ab … Arioso G. Fr. Händel Licht seh ich Albert Steffen Aus den Jahressprüchen: Natur, dein Rudolf Steiner Präludium (Allegro) Pugnani-Kreisler Sprites (The Tempest) W. Shakespeare Das Grammophon Christian Morgenstern Schmetterling Jan Stuten Vermächtnis Robert Hamerling Larghetto affettuoso G. Tartini aus der Violinsonate, g-moll (Teufelstriller) Herbst Albert Steffen Allegro (confuoco) aus der 2. Violinsonate, g-moli . . G. Tartini |


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