II Über den Sprachgenius. Der Bildekräfteleib des Menschen 42
Dornach, 16. Juni 1923
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über den Sprachgenius dieses oder jenes sagte, andeuten, daß, wenn
der Mensch versucht, jene Zusammenhänge, die sich als durchaus
seelische Zusammenhänge ergeben, die in der Sprache selbst liegen,
zu erforschen, er eigentlich sozusagen eine eigene Seele in der Sprache
findet, eine Seele, die den Menschen überkommt, aus der er sich
bildet. Indem er in die Sprache hineinwächst, bildet er sich. Wie
ein objektiv Geistiges ist es, was ich als Sprachgenius andeuten
wollte.
Nun möchte ich kurz hinweisen auf etwas, was als einzelnes Beispiel ein solches Hinwenden zum Sprachgenius sein kann.
Wir reden davon, wenn wir so ganz klug und gescheit über etwas
denken, und es mit dem, was wir sonst denken, vereinen können,
daß wir es begreifen. Wir sprechen davon, soferne wir uns der deutschen Sprache bedienen: Ich begreife dieses oder jenes.
Nun wende man sich an das Wort «begreifen». Was bedeutet denn
das? Das bedeutet, etwas angreifen, es begreifen. Ich begreife die
Uhr, indem ich sie nehme. Also wir bezeichnen das Verhältnis, das
wir mit unseren Gedanken zu den Dingen haben, durch einen Ausdruck, der eigentlich eine äußere Handlung bedeutet, durch die wir
uns handgreiflich zu den äußeren Dingen in eine Beziehung setzen.
Warum bringt uns denn die Sprache so etwas höchst Eigentümliches? Sie redet, wenn man vom Standpunkt der heutigen klugen
Aufklärung aus spricht, töricht. Sie redet gerade so, als wenn man
mit den Händen etwas anfassen würde, wenn man den Sinn allein
begreift.
Dennoch redet die Sprache nicht töricht. Und das gehört zu den
schönsten Erlebnissen, wenn man darauf kommt, daß die Sprache
gerade in solchem Falle gar nicht töricht redet. Wenn man nämlich
das tut, wovon man sagt, ich begreife etwas, dann greift man nur
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nicht mit der physischen Hand eine Sache an, aber man greift sie
an mit einer Hand, die man sich erst aus dem sogenannten ätherischen
oder Bildekräfteleib heraus formt. Und die Sprache hat ja Recht. Der
ätherische Leib führt, wenn er etwas begreift, eine Bewegung aus,
welche ein Hindeuten und ein Runden seines zu diesem besonderen
Ziele gebildeten Gliedes bedeutet, wenn etwas begriffen wird. Der
Ausdruck «begreifen» ist in ganz eigentlichem Sinne gemeint. Nur
handelt es sich da nicht um ein Angreifen von selten des physischen
Leibes, sondern um ein Angreifen von Seiten des ätherischen Leibes.
Man muß sich schon fragen: Woher kommt denn etwas so Weises,
wie es in der Sprache liegt?
Das kommt aus jenen Zeiten her, in denen man noch lebendiger
gefühlt hat, was man eigentlich tut, indem man denkt. Wenn das
Wort nicht so paradox klänge - es ist aber richtig, klingt nur so
paradox -, so möchte ich es nicht entschuldigen, aber möchte fast
um Entschuldigung bitten, daß ich das ausdrücke. Es kommt eine
solche Erscheinung aus den Zeiten, in denen man noch gefühlt hat,
wie man aktiv ist innerlich, wenn man denkt.
Heute denkt man eigentlich am allerwenigsten, wenn man denkt.
Man fühlt am wenigsten heute, wenn man denkt. Man weiß eigentlich
heute gar nicht, was man tut, wenn man denkt. Man schläft am
allermeisten, wenn man denkt.
Wenn man irgend etwas angreift, fühlt man, man bewegt den Arm,
die Hand. Wenn man denkt, fühlt man nichts mehr. Aber als die
Leute ihr Begreifen aus dem Innersten ihrer Seele heraus gebildet
haben, da war es so, daß die Leute noch fühlten, sie tun da etwas;
sie greifen an mit einem feineren Leibe als mit dem physischen.
Und als man die Sache so gefühlt hat noch, als man gefühlt hat
noch, wenn du denkst, da streckst du etwas aus, da befühlst du etwas
mit dem ätherischen Leibe, da wußte man, wie eng das Sprechen
mit diesem Begreifen zusammenhängt, das im Denken enthalten ist,
und was die enge Beziehung zwischen dem Atmen und dem Begreifen
wußte. Man wußte, daß das Gehirn des Menschen — natürlich nicht
so, wie wir heute die Dinge wissen, aber das ist ja ohnedies nicht sehr
viel wert - heraussaugt das, was es dann als feine, wenn ich so sagen
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darf, Substanz zum Begreifen verwendet, aus dem Atmungsprozesse.
Man fühlte, wenn man zum Beispiel sagte: Der Tag ist klar, die
Nacht ist dumpf - in dem «klar», daß man noch mit dem Herumgreifen keinen Widerstand findet. Der ätherische oder Bildekräfteleib
findet da, wo es klar ist, keinen Widerstand, kann herumgreifen. Da,
wo es dumpf ist, findet man überall Widerstand; da kann man nicht
herumgreifen, da stößt man überall an, kann nicht herumgreifen.
Nun, sehen Sie, da fühlte man, wie im Sprechen der Atem wirkt,
wie aber in dem, was das Denken ist, aus dem Atem gewissermaßen
herausgezogen wird dasjenige, womit man begreift; wie also das
Sprechen ein dichteres Begreifen ist, ein in der Luft vor sich gehendes
Begreifen. Und wenn Sie jetzt beim Begreifen merken, das ist ja eine
Geste, eine Handlung, ein Angreifen, ein Hindeuten auf die Dinge mit
dem Bildekräfteleib, dann werden Sie auch begreifen, wie das dichtere
Atmen im Sprechen eigentlich Gebärde ist, nur die verdichtete Gebärde des Denkens.
Warum wird die Gebärde verdichtet? Weil durch diese Verdichtung
das Denken hinuntergebracht wird zum Fühlen, weil das eingetaucht
wird in das Fühlen.
Nun, in unserem Denken ziehen wir gewissermaßen den Bildekräfteleib heraus aus unserem Körperlichen, aus unseren leiblichen
Bewegungen und machen mit ihm unsichtbare Bewegungen.
Die Eurythmie geht den umgekehrten Weg. Sie fragt jetzt nicht
nach abstrakten Gedanken, aber nach dem Gefühl: Wie begreift man
die Dinge? Wie begreift man namentlich dasjenige, was richtig künstlerisch erfaßt wird? - Und sie schiebt wiederum zurück die Gebärde
des ätherischen Leibes in den physischen Leib. Läßt das ausführen,
was im feinen gefühls- und willensmäßigen künstlerischen Begreifen,
wie es der Dichter auch hat, wenn er sein Gedicht formt, wie es
im Musikalischen ist, läßt das, was im seelischen Tun liegt, wiederum
hinunterfallen in leibliche Bewegungen, so daß dann der physische
Leib sich so bewegt, wie das eigentlich dem Ätherleib naturgemäß
ist, sich zu bewegen.
Dadurch bekommen wir den Gang, der gemacht wird vom seelischen Erleben, vom Begreifen zum Sprechen; den machen wir um ein
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Stück weiter. Wir gehen noch tiefer in unsere Leiblichkeit hinein
als beim Sprechen; wir gehen von den luftförmigen Dingen zu den
festen, halbfesten, kurz, zu demjenigen im Leibe über, was dann die
organische Grundlage ist für die äußeren Bewegungen.
Dadurch aber, daß nicht ein Zweck dieser äußeren Bewegungen da
ist, kommen gerade die Gebärden, die also aus dem Ätherleib herausgeholt werden, in der Eurythmie zutage. Dadurch wird in einem
hohen Grade der Mensch frei im inneren Sinne. Sein Seelisches
wird in die äußere Sichtbarkeit herausgetragen.
Sehen Sie, da kann man wiederum den äußeren Menschen und den
inneren Menschen unterscheiden. Man kann manches daran erklären.
Denken Sie sich einmal - es braucht ja nicht gleich so zu sein wie
beim Demosthenes, man braucht nicht gleich Steine in den Mund zu
nehmen -, aber denken Sie sich, Sie hätten irgendeinen Bissen gegessen; da wollten Sie sprechen; da sind Sie am Sprechen verhindert.
Es muß der Sprachapparat frei liegen, wenn man nicht verhindert sein
will am freien Sprechen. Im Denken ist so mancher Mensch manchesmal mit so einem Bissen drin versehen; dann kann er nicht
begreifen; dann sind Hemmnisse da; diese Hemmnisse, die könnte
man im einzelnen beschreiben. Also da hat man Hemmnisse mit Bezug auf das Denken, das innere Seelenleben, und man hat Hemmnisse durch einen Bissen oder durch einen Pfropfen, den man in den
Mund steckt, in bezug auf das Sprechen, also auf das schon in die
Luft herabgedrückte Gebärdenmachen.
Als ich ein kleiner Junge war, wurde ich einmal zur Kirchweih
geführt. Da gab es etwas Besonderes. Es bestand darinnen, daß
junge Knaben - Mädchen glaube ich nicht - in Säcke eingeschnürt
wurden und sich auf diese Weise vorwärtsbewegen sollten. Alle
Augenblicke fiel einer um. Es waren Wachen von fünf zu fünf
Schritt da; die hoben sie wieder auf, und dann machte jeder weiter
seinen Weg in dem Sack drinnen. Das ist ein äußerlich gehemmtes
Gehen. Der Mensch führt dann nur das aus, was er begrenzt ausführen kann, so wie man im Sprechen, wenn man einen Bissen im
Munde hat, nur dasjenige ausführt, was trotz der Hemmung auszuführen ist.
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So ist aber der physische Leib des Menschen eine Art Hemmnis
im ganzen Leben für dasjenige, was eigentlich an fortwährenden
Bewegungen beim Verstehen der äußeren Welt der ätherische Leib
ausführen will. Macht man nun den ätherischen Leib ganz frei und
fragt ihn, was er bei diesem oder jenem in der Welt empfindet,
und läßt man dann das in den physischen Leib frei ausfließen, so
kommt das Gegenteil von dem zustande: die durch nichts gehemmte
Bewegung des inneren Menschen.
Wie man den äußeren Menschen in einen Sack einschnüren kann
und ihn noch äußerlich hemmen kann, so ist wiederum der physische
Leib des Menschen eine Art von Sack, der die freien Bewegungen
des ätherischen Leibes hemmt. Und indem man die Bewegungsmöglichkeiten des ätherischen Leibes studiert, kann man den physischen
Leib so weit trainieren, daß er kein hemmender Sack mehr ist,
sondern daß er diesen Bewegungen des ätherischen Leibes folgt.
Dann bringt man es dahin, daß tatsächlich das seelische Leben,
insofern es sich im ätherischen Leibe abspielt, durch den physischen
Leib zum Ausdruck kommt, nicht bloß wie bei der Luft, bei der
Lautsprache, sondern daß zum Ausdruck kommt in einer wirklichen
Sprache aus dem physischen Leib, was sonst auch aus dem Atherleib
kommt, wie ja hier die Sprache der Reflex ist des Ätherleibes aus
der astralischen Empfindung heraus.
So wird tatsächlich die Möglichkeit geschaffen, eine wirkliche
sichtbare Sprache in der Eurythmie hervorzubringen. Eurythmie ist
wirklich nicht etwas Ausgedachtes, sondern sie ist ein aus dem Inneren
der Natur Herausgeholtes, auf den äußeren physischen Leib so Übertragenes, wie im zarten Kindesalter dasjenige, was im Inneren des
Menschen noch in feineren Organen beschlossen ist, übertragen wird
auf den Kehlkopf und seine Nachbarorgane und dann Luftgebärde
wird. Geradeso wie das gewöhnliche Singen in Luftgebärden verläuft, verläuft dasjenige, was eurythmisches Sprechen und Singen ist,
in Gebärden, die nun durch den physischen Leib ausgeführt werden.
Ich möchte sagen, wo man auch angreift in der Betrachtung des
Menschen, kann man die Möglichkeit, einen Weg finden, die Eurythmie zu erklären.
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Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen dem, was heute so
gerne programmäßig ausgeführt wird, wo man Definitionen hat, und
dann richtet man die Wirklichkeit nach den Definitionen ein. Wenn
man dann redet über eine solche Sache, raspelt man sein Programm
ab. Aber über die Eurythmie kann man von den verschiedensten
Gesichtspunkten sprechen, weil sie nicht ein Programm ist, sondern
etwas Lebendes ist, das von den verschiedensten Seiten her beleuchtet werden kann. So oft ich jetzt schon versucht habe, die
Eurythmie aus allen möglichen Ecken her zu beleuchten, wie man
einen Gegenstand von den verschiedensten Seiten her photographieren kann, es ist immer derselbe Gegenstand. Immer wiederum
muß aber gesagt werden, daß, wenn wir es mit der Eurythmie zu
tun haben, die Eurythmie eine Art von menschlicher Offenbarung
ist, welche in ihrer Art durch die artikulierte Geste, nicht durch
Mimisches und nicht durch Tanzartiges das zum Ausdrucke bringt,
was auf der einen Seite durch musikalische Motive anklingt, oder
auf der anderen Seite deklamiert oder rezitiert wird, wobei die
Deklamation dann jenen Charakter annehmen muß, der auf das wirklich Künstlerische in der Dichtung sieht, das heißt auf die Sprachgestaltung, auf die Lautgestaltung, auf dasjenige, wie ein Laut den
anderen koloriert, also auf das Malerische in der Sprache, oder auf
das Musikalische in der Sprache, Takt, Rhythmus, melodiöses Thema
und so weiter. So daß dieses bloße pointierte Rezitieren und Deklamieren, welches so gern gepflegt wird in unserer etwas unkünstlerischen Zeit, gerade an der. Eurythmie wiederum zurückgeführt
werden muß zu der wirklichen Deklamations- und Rezitationskunst.
Frau Dr. Steiner hat sich jahrelang bemüht, diese Rezitationskunst, die man schon in mehr künstlerischen Zeitaltern gefühlt hat,
mehr und mehr auszubilden. Mit der heute beliebten Deklamationsund Rezitationskunst könnte man das Eurythmische gar nicht begleiten, weil dieses Eurythmische auf das eigentlich Künstlerische in
der Dichtung zurückgehen muß.
Und betreibt man das Musikalisch-Eurythmische, so tanzt man
nicht, sondern man singt eigentlich sichtbar. Es ist ein sichtbarer
Gesang! Man muß sich ein Gefühl, ein Empfinden erwerben für
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den Unterschied des sichtbaren Gesanges und des eigentlichen Tanzes.
Dann erst hat man diesen Unterschied für das Anschauen begriffen.
Jedenfalls soll man aber nicht glauben, daß es bei der Eurythmie
auf irgendeine Deutung, Interpretation ankommt, sondern es handelt
sich darum, daß man im unmittelbaren Anschauen empfindet, wie
dasjenige, was aus der inneren harmonischen Natur des Menschen als
ein Schönes, als ein Künstlerisches herauskommt, im Anschauen, nicht
in der Erklärung oder in der Interpretation wirkt.
Dornach, 16. und 17. Juni 1923
PROGRAMM
Int erme^o, A-Dur Johannes Brahms
Um Mitternacht Eduard Mörike
Intermesgo, As-Dur Johannes Brahms
Die Geister am Mummelsee Eduard Mörike
Intermezzo, e-moll* Johannes Brahms
Zwei Liebchen Eduard Mörike
Andantino Franz Schubert
Nixe Binsefuß .' Eduard Mörike
Andante cantabile G. Tartini
Das Buch Christian Morgenstern
Musette J. S. Bach
Etikettenfrage Christian Morgenstern
Aus dem Septett L. van Beethoven
Aus den «Humoresken» Christian Morgenstern
Das Grammophon
Kronprätendenten
Der eingebundene Korff
Das Nilpferd
Die wirklich praktischen Leute
Das Polizeipferd
Humoristisches Rondo Max Schuurman
* Am 17. Juni ohne das Intermezzo von Brahms
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Dortlach, 24. Juni 1923 (Jobanni)
und I.Juli 1923
PROGRAMM
Merkurauftakt Musik: Leopold van der Pals
A u s «Di e Pforte der Einweihung», 7 . Bil d … . Rudol f Steine r
Nocturne, b-moll, Op. 9, Nr. 1 Fr. Chopin
Zueignung Novalis
Davidsbündler Tan%, Op. 6, Nr. 11 Robert Schumann
Johannispruch Rudolf Steiner
Davidsbündler Tan^, Op. 6, Nr. 2 Robert Schumann
Lebenslied Robert Hamerling
Wanderers Sturmlied J. W. v. Goethe
Aus «Ein Sommernachtstraum» W. Shakespeare
Elfe, Droll, Oberon, Titania, Thisbe, Pyramus, Elfen |