II Über die andeutende Gebärde 41
*Dornach, 15. April 1923 **
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alles Gute nachgesagt werden, sie sollen hier durchaus nicht in ihrer
Bedeutung angefochten werden, aber Eurythmie will eben etwas ganz
anderes sein. Wenn man dasjenige, was Eurythmie zum Ausdrucke
bringt, zu stark nach dem Mimischen hin bildet, wenn also Mimisches zum Ausdrucke kommt, kann das nur der Fall sein, wenn
zugrunde liegt, sagen wir, irgend etwas in der Dichtung, was Hohn,
was Sich-Hinwegsetzen über irgend etwas bedeutet, also etwas bedeutet, wo der Mensch etwa die Mundwinkel verzieht, auch wenn er
spricht, oder wo der Mensch mit den Augen zwinkert, wenn er
spricht, und so weiter. Alles Mimische ist vom eurythmischen
Standpunkte aus so zu betrachten. Will man mimisch sein, so ist das
ganz berechtigt. Dasjenige, was ich also hier zu sagen habe, bezieht
sich nicht auf die mimische Kunst als solche, sondern nur darauf,
wenn die Eurythmie unberechtigterweise in das Mimische ausartet.
Da wird dann die Eurythmie unkeusch.
Ebensowenig bezieht sich das, was ich sagen will, auf die Tanzkunst, auf diese selbst, sondern nur auf das unberechtigte Ausarten
der Eurythmie in das Tanzen. Gewiß, die eurythmischen Bewegungen
können in Tanzbewegungen übergehen, wenn zum Beispiel in einem
Gedichte etwas vorkommt, wo einer den anderen schlägt, dem anderen
irgend etwas antut, wo eine mächtige Leidenschaft zum Ausdrucke
kommt. Dann kann die sonst ganz im Gebiet des Körperlichen
gehaltene eurythmische Bewegung übergehen in die Tanzbewegung.'
Aber wenn die Eurythmie unberechtigt ausartet in Tanzen, wenn das
Tanzen um seiner selbst willen im Eurythmischen erscheint, dann
wirkt es brutal. Ich sage nicht, die Tanzkunst ist brutal, sondern
das Ausschlagen der Eurythmie in die Tanzkunst. So daß man wirklich Eurythmie ablauschen kann, sagen kann: Eurythmie ist nicht
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pantomimisch, ist nichts Mimisches. Durch diese künstlerischen Formen werden andeutende Gebärden gemacht. Durch die Tanzbewegungen werden überschäumende Gebärden gemacht vom Menschen,
wo die Leidenschaft ausfließt, so daß der Mensch gewissermaßen
seine Bewegungen nicht innerhalb dessen zurückhält, was er mit
seinem Bewußtsein umfassen kann. Die Eurythmie steht mitten
drinnen. Sie hat nicht ausschweifende, tanzende Gebärden, die
Eurythmie; sie hat auch andeutende Gebärden, die immer auf Verstand hindeuten. Man muß Andeutungen haben, eine andeutende Gebärde. Eurythmie hat ausdrucksvolle Gebärden, die angedeutet
werden wollen, und die in der Andeutung ästhetisch-künstlerisch
wirken sollen, Gebärden, die weder ausgeklügelt sind, noch ausschweifend sind, die weder gedeutet werden sollen, noch durch die
man gewissermaßen überwältigt wird, sondern die man in der unmittelbaren Form der Linie, in der ganzen Art der Bewegung, dem
Auge gegenüber als wohlgefällig, schön empfindet.
Man kann sich eine Empfindung von der Eurythmie verschaffen,
wenn man sie sieht als bewegten Gesang. Sie werden auch Musikstücke hören; dazu wird eurythmisiert. Dieses Eurythmisieren ist
nicht ein Tanz. Es unterscheidet sich ganz wesentlich, wenn es richtig gemacht wird, vom Tanz: es ist ein bewegtes Singen, nicht ein
Tanzen. Und gerade daran, daß dieses bewegtes Singen ist, kann
man unterscheiden die Eurythmie von ihren Nachbarkünsten. Und
man kann sich daran eine Empfindung von dem erwerben, was ich
eben ausgesprochen habe.
Eurythmiedarbietung
Mittwoch, 13. Juni 1923, 5 Uhr nachmittags
EURYTHMIE dargestellt durch sehr junge, mittlere und junge
Menschen auf ernsten und heiteren Gebieten, gestaltlich, lautlich
und musikalisch in mehr oder weniger großer Vollendung.
Ankündigung in den Zeitungen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 340
Kinderaujßhrung
Dornach, 13. Juni 1923
PROGRAMM
Stabübungen
Alliterationen
Das Bienlein, aus «Demiurgos» W. Jordan
Energie- und Friedenstan^
Taktierübung
Morgenlied Ludwig Uhland
Sonne Fercher von Steinwand
Kanon J. S. Bach
Reisebild Robert Hamerling
Klein Marie
Musik J.E. Gabrielli
Der Rheinborn C. F. Meyer
Der Morgen
Arie G. Ph. Telemann
Was treibst du Wind? C. F. Meyer
Andante caniabile W. A. Mozart
Die Beichte des Wurms Christian Morgenstern
Trio Franz Schubert
Vermutlich Andante con moto aus dem Klaviertrio, Es-Dur, Op. 100
Der Ginggan^ Christian Morgenstern
Die beiden Flaschen Christian Morgenstern
Hansel und Grefel E. Humperdinck
Die Probe Christian Morgenstern
Musette J. S. Bach
Der Werivolf Christian Morgenstern
Aus dem Septett L. van Beethoven |