II Gesten und eurythmische Gebärdensprache 39
** Dornach, 2. April 1923**
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des menschlichen Organismus und aus dem Verhältnisse des Menschen zu der ganzen Umwelt ebenso herausgeholt wie die menschliche Sprache oder der menschliche Gesang. So daß Eurythmie
genannt werden kann sichtbares Sprechen oder sichtbares Singen.
Es ist so in der menschlichen Sprache, wenn sie sich herausringt
aus dem kindlichen Organismus, daß das Kind damit beginnt,
unartikulierte Laute zu sprechen, zu lallen, und daß dann der
Organismus allmählich geschmeidiger wird, um das Lallen des
Sprechens überzuführen in die artikulierte Sprache, die dann nicht
nur dem gegenseitigen menschlichen Verständnisse dienen kann und
als Ausdrucksmittel für das menschliche Denken, sondern die auch
derjenigen Offenbarung der menschlichen Seele dienen kann, welche
durch die dichterische Kunst zustande kommt. Aber alles dasjenige,
was Sprache ist - und in einem ähnlichen Sinne gilt das, was ich
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Dornach, 1. und 2. April 1923 (Ostern)
PROGRAMM
Nocturne, Es-Dur3 Op. 9, Nr. 2 Fr. Chopin
Weihnacht Albert Steffen
Die Seele fremd Albert Steffen
Die Geisterscharen Albert Steffen
Etüde, As-Dur, Op. 25, Nr. 1 Fr. Chopin
Als wir auf der goldnen Insel Alber t Steffe n
Allegro au s de r Sonat e Es-Dur , Op . 7 .. . L . va n Beethove n
Traumverwandlung Josef Kitir
Proteus Friedrich Hebbel
Der Sänger J. W. v. Goethe
Chinesische Gedichte: Musik: Jan Stuten
Sehnsucht Dschung Tsü
Waldgespräch Li Tai Pe
Mein Kind, wir waren Kinder H. Heine
Slawischer Tan^, Mr. 2 A. Dvorak
Aus den «Humoresken» Christian Morgenstern
Der Rock
Notturno in Weiß
Korf's Witze
Die weggeworfene Flinte
Toilettenkünste
Menuett L. van Beethoven
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für die Sprache zu sagen habe, auch für den Gesang - läßt sich auch
in Bewegungen der einzelnen Glieder des einzelnen Menschen umformen oder in Bewegungen oder gegenseitige Stellungen ganzer
Menschengruppen. Dann entsteht eben Eurythmie, entsteht sichtbares
Sprechen.
Dieses sichtbare Sprechen, wenn Sie es auf der Bühne sehen,
macht zunächst auf Sie den Eindruck einer Gebärdensprache, die in
der Form der Bewegungen, in den Formungen und Gestaltungen
der Glieder dasjenige zum Ausdruck bringt, was in der Seele lebt
als Inhalt. Aber wenn wir die Eurythmie in der richtigen Weise
verstehen wollen, müssen wir doch das Folgende berücksichtigen.
Der etwas lebhaftere, nicht temperamentlose Mensch begleitet auch
sein gewöhnliches Sprechen mit irgendwelchen Gesten. Aber diese
Gesten, die bei den gleichen Lauten, bei der gleichen Art, wie man
irgend etwas, eine Überzeugung oder einen Zweifel oder dergleichen
aussprechen will, die sich in der gleichen Art wiederholen, bleiben
während des ganzen menschlichen Lebens für das gewöhnliche Seelenoffenbaren gewissermaßen sich abwechselnde Gesten.
Die eurythmische Kunst gestaltet dieses Gestenlallen ebenso aus,
wie unbewußt der menschliche Organismus das Sprachlallen zur
wirklichen Sprache ausgestaltet. Man darf also in der Eurythmie
nicht etwas sehen, das man sich als ein wenig umgebildete Gesten,
wie sie im gewöhnlichen Leben vorkommen, erklärt. So ist es nicht.
Sondern Eurythmie wird aus der ganzen Organisation so hervorgeholt, daß in der Tat der ganze menschliche Organismus von der
gewöhnlichen mimischen oder tanzartigen Betätigung bis zu der
Eurythmie hin diejenige innere Gestaltung, innere Entwickelung
durchmacht wie der Sprachorganismus vom Lallen zur artikulierten
Sprache.
Wir müssen uns darüber klar sein, daß in Wirklichkeit eigentlich
auch das gewöhnliche Sprechen eine Art Mimik ist, ein Mimisches,
ein Gestenhaftes. Nur kommen die Gesten nicht, sagen wir, durch
die Bewegungen der Arme und Hände oder anderer Glieder des
Organismus zustande, sondern die Geste bildet sich aus dem
Atmungs-Luftstrom. Und man kann nun genau unterscheiden in dem
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Atmungs-Luftstrome das, was von der einen Seite des menschlichen Organismus herkommt, aus dem ganzen Menschen heraus als
Willensäußerung. Das wird geformt durch den Kehlkopf und die
anderen Sprachorgane, strahlt gewissermaßen als Geformtes in Gesten
aus in den Raum, und man kann dann genau unterscheiden, ob
sich eine solche, durch den Willen bewirkte Luftgeste, gewissermaßen spitz hineinbohrt in den umgebenden Luftraum oder ob sie
sich verbreitert und so weiter. In dasjenige aber, was da durch
den Willen in die menschliche Umgebung getrieben wird als Ausdruck des Seelischen, strömt dann ein, was von dem anderen Pol
der menschlichen Organisation kommt, von dem Nervenpol, von
dem Gehirn-Sinnespol, was von der Seite des Gedankens herkommt.
Wenn wir sprechen, wird der ausstrahlende Teil unserer Luftgeste
von der Willensbetätigung gebildet. Und es wird dasjenige, was
dann immer auf der radialen Richtung, auf der Ausstrahlungsrichtung senkrecht sich wölbt, und was bewirkt, daß die Luft in
Schwingungen kommt und das Gesprochene dann gehört werden
kann durch die Vermittlung der Luftschwingungen, dieses, was die
Wellung der Luft bewirkt, wird von dem Gedankenpol bewirkt.
So haben wir zusammenströmend in demjenigen, was als Luftgeste
zustande kommt, ein Willensartiges und ein Gedankenartiges.
Nun ist das Gedankenartige immer unkünstlerisch. Je mehr in
irgendeiner Äußerung der menschlichen Seele der Gedanke, welcher
dem Logischen unterworfen ist, vorkommt, desto unkünstlerischer ist
das, was durch die Sprache zur Offenbarung gelangt. Der Dichter
ringt daher, den prosaischen Gedanken zu überwinden. Er gestaltet
in der Sprache so, daß er entweder in der einzelnen Behandlung
des Lautes, den er stärker oder schwächer, länger oder kürzer oder
dergleichen werden läßt, in einer gewissen Weise färbt, oder in der
Zusammenstellung der Laute oder der ganzen Worte den Gedanken
mit Hufe eines Bildlichen oder eines Musikalischen überwindet.
Eigentlich ist das, was der Dichter sprachlich zustande bringt und
worinnen seine eigentliche Kunst besteht, immer dem Gedanken erst
abgerungen. Für den Dichter ist es nicht die Hauptsache, einen
Prosainhalt in seinem Gedichte zu geben, sondern für den Dichter
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ist es die Hauptsache, wie er diesen Prosainhalt bildhaft und musikalisch zu gestalten weiß durch imaginative Mittel, durch Taktmäßiges, Rhythmisches, durch Melodiöses, Dramatisches, durch die
Reimbildung, durch die Alliteration und so weiter. Das aber ist
schon eine innere Eurythmie, eine Eurythmie, die auf folgende
Weise zustande kommt.
Eigentlich ist der Dichter bei seinem künstlerischen Schaffen
immer mit seinem ganzen Menschen auch in physischer Beziehung
betätigt. Es ist ein Vorurteil, daß unser Seelisch-Geistiges an einem
bestimmten Platze unseres Organismus sitzt. Das ist gar nicht der
Fall. In Wahrheit füllt das Seelisch-Geistige unser gesamtes
Physisch-Leibliches bis in die Fingerspitzen, bis in die äußersten
peripherischen Teile unseres Organismus aus. Und der Dichter,
der mit seinem ganzen Menschen bei seinem Geschöpfe, seinem
künstlerischen Geschöpfe ist, muß dasjenige, was da als Wille sich
hineinergießt in den ganzen Organismus, zurückhalten. Er muß das,
was in den ganzen Leib ausstrahlen und in Bewegungen der Glieder
des Leibes zur Offenbarung kommen will, nach der anderen Seite
lenken. Er lenkt es hinein in dasjenige, was dann bei ihm in der
Imagination zur Sprachgeste sich formt.
Man kann aber auch den umgekehrten Weg einschlagen. Man kann
zum Beispiel bei einem Gedichte das, was der Dichter selber, wenn
er innere Bewegungen seines Organismus in die Sprachgeste hineinverlegt, wiederum zurück in die Körpergeste verlegen, dann kommt
etwas zustande, dann kommt eben dasjenige zustande, was Eurythmie
ist. Und man kann auf diese Weise zu jedem einzelnen Laute, zu
jeder Lautfolge, zu jedem Worte und jedem Wortzusammenhange in
genau derselben Weise eine äußerlich sichtbare Ausdrucksform durch
den ganzen menschlichen Organismus schaffen, wie man in der
Sprache durch die besondere Gestaltung des Luftkörpers, der durch
die Sprache und durch die Gesangsorgane sich bewegt, da das
schaffen kann, was dann eben als das Gesprochene wahrgenommen
wird. Es kann also durchaus diese sichtbare Sprache geben und
ebenso einen sichtbaren Gesang, wie es eine hörbare Sprache und
einen hörbaren Gesang geben kann.
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Sie werden auf der Bühne diesen sichtbaren Gesang sehen, wenn
das, was musikalisch auftritt, von den entsprechenden Bewegungen
begleitet wird, die genau wie das Tonliche dasjenige, was seelisch
im Musikalischen enthalten ist, sichtbar wiedergeben. Sie werden
sehen, indem Sie das, was rezitiert oder deklamiert wird, von der
eurythmischen Kunst begleitet sehen, wie jedem Laute, jeder Lautfolge
und so weiter sichtbarlich ebenso eine äußerliche Offenbarung entspricht, wie ihr hörbar eine Offenbarung entspricht, indem eben rezitiert oder deklamiert wird. Nur muß man in der richtigen Weise zusammenstimmend haben Rezitation und Deklamation mit Eurythmie,
wiederum zurückführend zu der Art des Rezitierens, wie man sie in
Zeitaltern hatte, die künstlerischer geartet waren als das unsere.
In unserer Zeit wird manchmal rezitiert und deklamiert, indem
bloß mit einem rechten Eifer der Prosainhalt des Gedichtes pointiert
wird. Schiller hatte immer vor dem Prosainhalt eines Gedichtes
eine unbestimmt verlaufende Melodie, und er setzte erst in die
Bewegung dieser unbestimmt verlaufenden Melodie hinein die Worte.
Man könnte sich sogar vorstellen, daß bei Schiller auf dasselbe
melodiöse Thema, welches er so tönend in seiner Seele hatte, zwei
ganz verschiedene, ihrem Prosainhalt nach verschiedene Dichtungen
hätten sich aufreihen können.
Frau Dr. Steiner hat nun jahrelang versucht, die Rezitations- und
Deklamationskunst wiederum so zu gestalten, wie sie allein in Begleitung der Eurythmie auftreten kann, nämlich, indem die schon in
der Sprachgestaltung des Dichters lebende geheime Eurythmie auch
im Deklamieren und Rezitieren zum Ausdrucke kommt, indem der
Hauptwert nicht auf das prosaische Pointieren gelegt wird, sondern
auf das Herausarbeiten des Imaginativen und des Musikalischen in
der künstlerisch gestalteten Sprache. Dadurch kann man wirklich vom
Rezitationstisch und von der Bühne aus zusammenstimmende Kunstoffenbarungen haben, die wie orchestral zusammenwirken. Das läßt
eine Gesamtwirkung entstehen durch das Deklamieren, Rezitieren,
oder auch durch das Artungsgemäße des Musikalischen, und durch
dasjenige, was von der Bühne aus wirkt als sichtbarer Gesang, als
sichtbare Sprache.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 3 29
Es ist nun so, daß man diese Eurythmie durchaus unterscheiden
muß von den Nachbarkünsten. Wenn man zum Beispiel den Tanz
betrachtet, geht er ja ganz aus dem willensartigen Elemente des
Menschen hervor, überführt dasjenige, was seelisch zunächst im Menschen erlebt wird, durch das willensartige Element in Bewegungen
des Menschen. Allein der Tanz fließt nach außen. Dasjenige, was
mimische Kunst ist, fließt allerdings mehr nach innen. Aber zwischen
beiden darinnen Hegt, ganz an den menschlichen Organismus selbst
gebunden, die Eurythmie.
Die Eurythmie kann bei gewissen Äußerungen des Dichterischen,
wenn besonders Leidenschaftliches zum Ausdrucke kommt, wenn zum
Beispiel in der Dichtung die Schilderung des Schiagens, des Schimpfens, des Wütens und dergleichen zum Ausdrucke kommt, da kann
die Eurythmie übergehen in Tanzartiges. Wenn auf der anderen Seite
das sprachliche Element übergeht in das Höhnische, in das Unartikulierte, dann kann dasjenige, was Eurythmie ist, übergehen in
ein bloß Mimisches. Aber das wirkliche Eurythmische liegt zwischen
drinnen. Und wer dieses Eurythmische in der richtigen Weise fühlen
kann, wird sehen, wie auf der einen Seite die eurythmischen Bewegungen in die Tanzbewegungen, auf der anderen Seite in das Mimische
übergehen können, wie aber, wenn das nicht an dem richtigen
Orte geschieht, dann das Tanzartige innerhalb des Eurythmischen
brutal und das bloß Mimische unkeusch wird.
Hat man einmal diese Empfindungen, dann kommt man auch darauf, wie im Eurythmischen tatsächlich eine besondere künstlerische
Äußerung durch dieses vollkommenste Instrument, das man haben
kann, des menschlichen Organismus selbst, gegeben ist.
Und weil sich Eurythmie dieses vollkommensten Instrumentes
- der Mensch ist ja ein Mikrokosmos, eine kleine Welt, und enthält
auch in seiner Leibesgestalt alle Geheimnisse und alle Gesetzmäßigkeiten der großen Welt, des Makrokosmos, in sich - bedient, so
darf man wohl, wie ich es auch diesmal tun muß, wenn Eurythmie
aufgeführt wird, um Nachsicht der Zuschauer bitten, aber man kann
dennoch heute wissen, daß sich die Eurythmie einmal weiter und
weiter vervollkommnen kann.
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Dann haben wir noch in der letzten Zeit das Licht- und Farbenelement in das Eurythmische eingeführt. Ich möchte sagen: Dasjenige, was an Bewegungen des Menschen und der Menschengruppen
auf der Bühne erscheint, geht von der menschlichen Seele, von dem
menschlichen Geiste aus. Aber das Menschlich-Seelische ist immer in
Verbindung mit dem Elementarischen der Außenwelt. Und das, was
auf der Bühne in dem Bilden der Menschenbewegungen vor sich
geht, kann zusammengestimmt werden, indem es sich harmonisch
fortsetzt und fortbildet in demjenigen, was nun die Bühne durchflutet als Farben- und LichtefTekte. Sie sind auf der einen Seite abgestimmt mit der Gewandung der Eurythmisierenden und geben auf
der anderen Seite in ihrer Aufeinanderfolge selbst ein aus dem Laute
herausgeborenes, ich möchte sagen, musikalisches Element. So daß
auch das Beleuchtungselement der Bühne eurythmisch behandelt
werden kann.
Dieses Bühnenbild des Eurythmischen ist heute allerdings erst
unvollkommen vorhanden, aber es wird sich immer weiter und weiter
vervollkommnen, und man wird dann sehen, daß sich wirklich
Eurythmie als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die vollberechtigten älteren Künste einstmals wird hinstellen können.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 331
Dornach, 14. April 1923
PROGRAMM
/. Teil
Lebensf^auber Edvard Grieg
Um Mitternacht Eduard Morike
Berceuse Franz Neruda
Die Geister am Mummelsee Eduard Mörike
Davidsbündkr Tan^, Op. 6, Nr. 11 Robert Schumann
Nixe Binsefuß Eduard Mörike
Schmetterling W. Niemann
Zwei Liebchen Eduard Mörike
Musik G. Tartini
//. Teil
(zum Teil mit Schülern)
Mö'wenflug C. F. Meyer
Zum zweiten Sat% (Andante con moto)
von Beethovens Appassionata Christian Morgenstern
Davidsbündkr Tan^, Op. 6, Nr. 2 Robert Schumann
Schivei^erlied J. W. v. Goethe
Vöglein Eduard Grieg
Offene Tafel J. W. v. Goethe
Tschechisches Volkslied
Tapetenblume Christian Morgenstern
Die Schuhe Christian Morgenstern
Musette (Gavotte II) aus der 3. Engl. Suite J. S. Bach
Ein modernes Märchen Christian Morgenstern |