III Drei Ansprachen bei der Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft: 6
I. Eurythmie als bewegte Plastik
Dornach, 26.Dezember 1923
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unserer Freunde wiederholt besprochen worden, zuletzt auch in verschiedenster Art im «Goetheanum» dargestellt worden, und ich habe
wohl bei diesen Vorstellungen, die ausschließlich vor unseren Freunden stattfinden, nicht notwendig, über dieses Grundwesen, über die
Grundprinzipien, die alle kennen, zu sprechen. Doch möchte ich
von einem gewissen Gesichtspunkte aus immer wieder und wieder
die Art charakterisieren, wie sich Eurythmie auf der einen Seite in
die künstlerische Entwickelung der Gegenwart hineinstellt und wie
ihre Stellung in der Reihe der Künste überhaupt ist.
Heute will ich ein paar Worte darüber sprechen, wie Eurythmie
ja in der Tat gewissermaßen naturgemäß aus der menschlichen
Wesenheit herausgeholt werden muß von einer spirituellen Weltanschauung, welche gerade aus den Zeichen der Zeit heraus in
unserer Gegenwart sich geltend macht. Sehen wir auf eine andere
Kunst, welche den Menschen darstellt, auf die Kunst der Plastik, die
ihn darstellt in seiner ruhenden Form. Derjenige, der mit einer
gewissen Empfindung für Formen und für Bildhaftigkeit an die
Plastik herantritt und dann dasjenige sich vorhält, was er gegenüber
Mensch und Menschlichem durch ein plastisches Kunstwerk empfindet, wird die. Empfindung bekommen: Der Mensch wird im plastischen Kunstwerke gerade dann in der besten Weise dargestellt,
wenn man das Gefühl hat, dies ist der schweigende Mensch, der
nur durch seine ruhende Form spricht. Wir wissen, wie im 18. Jahrhundert JLessing eine Schrift geschrieben hat über die Grenze der
bildenden Kunst und der redenden Kunst — sie heißt nicht so, aber
sie handelt davon -, in welcher er darstellt, wie auch das Plastische
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durchaus die Ruhe im Menschen offenbaren soll, das Schweigen des
Menschen als eines in den Kosmos hineingestellten Wesens, so daß
man eigentlich auch nur dasjenige plastisch ausdrücken kann, was
schweigend sich offenbart am Menschen. Und jedesmal, wenn man
versucht, durch die Plastik den bewegten Menschen auszudrücken,
so kommt man eigentlich in eine künstlerische Verirrung hinein.
Nun ist es dem verflossenen Zeitalter, welches aber eigentlich schon
mit der Renaissance endete, naturgemäß gewesen, bloß diesen ruhenden Menschen plastisch darzustellen. Denn man kann sagen, dieses
Zeitalter, welches im alten Griechentum beginnt und in der Renaissance endet, wendet sich vorzugsweise an die Gemütsseele des
Menschen. Ich habe es oftmals ausgesprochen, von den inneren
Gliedern der menschlichen Wesenheit: der Empfindungsseele, der Gemütsseele und der Bewußtseinsseele, ist die Gemütsseele, also der
ganze Umfang des Menschengemütes, der mittlere Teil, und das Gemüt ist eigentlich erfüllt von dem ruhenden Gefühl, welches sich in
der ruhenden menschlichen Form auch ausspricht.
Indem wir nun in dem Zeitalter stehen, in welchem wir vorrücken müssen von dem Gefühlselemente im Menschen zu dem Willenselemente, ist es im Grunde genommen das Hinuntersteigen in
das Willenselement, welches uns heute, wenn wir dieses Hinuntersteigen erkenntnismäßig machen können, dazu bringt, spirituelle
Einsichten zu bekommen. Damit aber kommen wir gerade mit unserer spirituellen Anschauung an den bewegten Menschen heran,
nicht an den Menschen, welcher als Ausdruck des Weltenwortes
sozusagen gesprochen hat und dann schweigt, um in der Form zu
ruhen, sondern wir kommen an den Menschen heran, welcher im
lebendigen Weben des Weltenwortes darinnensteht und seinen
Organismus im Sinne dieses Darinnenstehens betätigt.
Damit aber kommen wir an dasjenige, was sich als Eurythmisches
ausleben will. Und man hat, wenn man den Menschen gerade von
dem geisteswissenschaftlichen Standpunkte erfassen will, welcher der
heutigen Zeit angemessen ist, immer das Gefühl, man muß die
Form ins Flüssige bringen. Man sehe sich eine menschliche Hand an.
Ihr Schweigen kommt in ihrer ruhenden Form zur Offenbarung.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 408
Also, hat denn diese ruhende Form einen Sinn, wenn man den
ganzen Menschen betrachtet? Sie hat einen Sinn, wenn man das
ruhende Element des Gefühls walten läßt, wie es gewaltet hat von
der alten Griechenzeit bis zur Renaissancezeit. Da muß man sagen,
liegt etwas Bedeutsames darinnen, wenn ich die Hand forme zum
Hinweisen auf irgend etwas, und sie dann ruhend lasse. Aber damit
erfassen wir doch nicht dasjenige, was heute notwendig ist am
Menschen zu sehen: den ganzen Menschen in seiner Totalität.
Und man kann einfach die menschliche Form, wenn man den
ganzen Menschen anschaut, nicht ins Seelenauge fassen, wenn man
sich nicht bewußt wird, wie jede einzelne ruhende Form am Menschen nur einen Sinn hat dadurch, daß sie in eine bestimmte Bewegung übergehen kann. Was wäre denn die menschliche Hand,
wenn sie nur ruhen müßte? Sie hat schon auch als ruhende die
Form, welche die Bewegung fordert. Studiert man also mit innerer
Beweglichkeit, wie man es heute in der Geisteswissenschaft tun muß,
den Menschen, dann offenbart sich einem überall aus der ruhenden
Form die bewegte Form heraus. Und man möchte sagen, derjenige,
welcher heute durch ein Museum geht, wo die Plastiken sind, die
aus den guten Zeiten des plastischen Schaffens heraus sind, und der
diese Plastiken ansieht mit dem Seelenauge der heutigen spirituellen
Erkenntnis, für den steigen diese Plastiken herunter von. ihren
Podien; sie gehen in den Sälen herum, sie begegnen sich, sie werden
überallhin beweglich.
Und Eurythmie entsteht selbstverständlich aus der Plastik. Diese
Aufgabe haben wir auch. Es stört heute den in sich beweglichen
spirituellen Menschen, wenn er die ruhende griechische Statue
längere Zeit ansehen muß. Er muß sich zwingen. Man kann das
und man muß es auch, um die griechische Statue natürlich nicht in
der eigenen Phantasie zu verderben. Aber daneben besteht überall
der Drang, diese ruhende Form in Bewegung zu bringen. Dadurch
entsteht jene bewegte Plastik, welche die Eurythmie ist. Da ist das
Weltenwort das Bewegende. Da schweigt der Mensch nicht mehr,
sondern erzählt durch seine Bewegungen unendliche Weltengeheimnisse.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 4 09
Und das ist überhaupt so, daß der Mensch durch seine eigene
Wesenheit unendliche Weltengeheimnisse erzählt. Man kann noch ein
anderes kosmisches Gefühl haben. Für denjenigen, der lebendig auffaßt das, was Sie zum Beispiel für die kosmische Entwickelung in
meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» finden, für den ist es von
vornherein klar, daß es eigentlich mit der heutigen menschlichen
Gestalt so ist, als ob man ein an sich Bewegliches hätte vertrocknen
lassen, erstarren lassen. Man denke nur zurück an die alte Mondenzeit. Da war der Mensch ganz in Metamorphose begriffen. So eine
fest bestimmte Nase, so fest bestimmte Ohren, wie sie der Mensch
heute hat, das hat es damals noch nicht gegeben. Dazu hätten die
damals beweglichen Formen erst gefrieren müssen. Derjenige, der
sich mit seiner Anschauung in der alten Mondenzeit bewegen kann,
dem erscheinen manchmal die gegenwärtigen Menschen wie gefrorene, nicht bewegliche, sich metamorphosierende Wesenheiten.
Und dasjenige, was wir mit Eurythmie leisten, indem wir sie zu einer
sichtbaren Sprache machen, ist einfach das, daß wir die eingefrorene
Menschengestalt wiederum in Flüssigkeit bringen. Dazu gehört ein
Studium, welches wirklich nur künstlerisch sein kann. Alles Nachdenken ist auf diesem Gebiete eigentlich von großem Schaden.
Künstlerisch muß es sein.
Bedenken Sie nur einmal, daß man so eine eurythmische Form,
wie Sie sie manchmal hier bei Gedichten, die zum Beispiel wirklich
von solcher Tiefe sind der Empfindung und der Gestaltung, wie
die StefTenschen, daß eine solche Form eigentlich am besten gefunden wird, wenn man sich, sagen wir zehn oder zwölf Menschen
der Gegenwart vorstellt. Sie sind alle individuell verschieden in
bezug auf ihre äußere Gestalt, aber man kann von jedem Menschen
- gleichgültig ob er einen runden oder langen Kopf hat, eine spitze
oder eine stumpfe Nase hat - sagen, wie er sich bei einem Gedichte
seinem Ätherleib nach bewegen will. Und es wäre einmal interessant, so eine Sitzreihe zu nehmen und nun darzustellen, wie ein
jeder hier Sitzende sich bei einer Gedichtreihe aus seiner Gestalt
heraus bewegen würde, wenn das ganz nach der individuellen Eigentümlichkeit des Menschen gehen würde. Da sitzen zum Beispiel acht
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 410
Menschen in dieser Reihe. Ganz verschiedene Formen würden aus der
menschlichen Gestalt dadurch herauskommen. Sehr interessant wäre
es. Man muß viele Menschen sich anschauen, um sich zu sagen, wie
würde sich der Mensch bewegen bei: «Und es wallet und woget und
brauset und zischt.» - Nun, dann kommt man darauf, wie die Formen notwendig sind.
Also Eurythmie ist ganz herausgeboren aus der bewegten Menschengestalt. Aber man muß, wenn man gefragt wird, warum eine
Form für ein Gedicht so und so ist, sagen können: Ja, es ist halt
so. - Wenn einem jemand abfordert nach dem Verstande, man solle
ihm eine solche Form rechtfertigen, dann wird man unwillig, weil
das eigentlich unkünstlerisch ist. Eurythmie ist eben ganz aus dem
Gefühl heraus geschaffen und kann auch nur durch das Gefühl verstanden werden.
Gewiß, man muß einiges lernen - Buchstaben muß man lernen
und so weiter, aber schließlich, wenn Sie einen Brief anfangen zu
schreiben, so denken Sie ja auch nicht daran, wie ein I oder ein B
ist, sondern Sie schreiben, weil Sie das schon können. Und so ist
auch dasjenige nicht zu genießen, was der einzelne Eurythmist als
ABC lernen muß, sondern dasjenige, was zuletzt daraus wird. Und
das ist, so unvollkommen es heute noch ist, eine neugeschaffene
bewegte Plastik. Nur natürlich muß man zur bewegten Plastik den
Menschen selbst verwenden. Da kann man nicht Bronze oder Marmor
verwenden, da muß man den Menschen selbst verwenden. Damit aber
gelangt man in ein Kunstgebiet, welches sich zu gleicher Zeit im
tiefsten Sinne ebenso berührt mit der Wirklichkeit, wie sich die
Plastik entfernt von der Wirklichkeit. Die Plastik gibt dasjenige vom
Menschen, was tot ist, was wenigstens im Tode erstarrt ist. Die
Eurythmie gibt dasjenige im Menschen, was aus allen Elementen
heraus Leben ist. Daher kann man durch Eurythmie fühlen, wie das
allgemeine kosmische Leben den Menschen erfaßt hat und hineingestellt hat in seine irdische Aufgabe. Vielleicht kann man bei keiner
Kunst in einer so intensiven Art das Hineingestelltsein des Menschen
in den Kosmos verspüren, empfinden wie bei der eurythmischen
Kunst. Deshalb mußte diese eurythmische Kunst, weil sie auf das
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Ätherische im Menschen geht, in einer Zeit auftreten, in welcher
gerade die heutige Geisteswissenschaft gesucht wird. Und sie mußte
aus dieser heutigen Geisteswissenschaft heraus eigentlich geboren
werden.
Einiges andere werde ich mir dann erlauben bei der nächsten
Eurythmievorstellung anzufügen.
Dornach, 26. Dezember 1923
PROGRAMM
Prelude, es-moll J. S. Bach
Ich weilte Albert Steffen
Seh ich über Albert Steffen
Du hebst die Hände Albert Steffen
Larghetto aus der 4. Violinsonate G. Fr. Händel
Die Jüngerin Albert Steffen
Tiaoait Musik: L. v. d. Pals
Friede auf Erden C. F. Meyer
he Repos en Egypte A. Samain
Melodie francaise
Marienlied Novalis
Epiphanie J. M. Heredia
Le Chevrier J. M. Heredia
Allegro aus der 4. Violinsonate G. Fr. Händel
Les Bergers J. M. Heredia
Waldesrauschen Franz Liszt |
II. Die Stellung der Eurythmie innerhalb der Künste
Dornach, 28.Dezember 1923
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durften, erlaubte ich mir einige Bemerkungen vorauszuschicken über
das Verhältnis dieser gewissermaßen bewegten Plastik zur altgewohnten ruhenden Plastik. Nun ist aber Eurythmie eine Kunst, die mit
dem bewegten Menschen so rechnet, daß sie in der Organisation
des Menschen veranlagte Bewegungen sinngemäß als Sprache hervorholt. Es ist mit der Eurythmie ein künstlerisches Element gegeben,
welches sich in der mannigfaltigsten Weise erweitern, ergänzen
läßt, aber auch, sein inneres Wesen offenbarend, an die anderen
Künste anschließt, oder mit ihnen in diesen oder jenen bedeutungsvollen Gegensatz tritt.
Konnte man darauf hinweisen, wie in der Eurythmie eine bewegte
Plastik vorliegt, so kann man aber auch auf die Eurythmie in der
folgenden Art hinweisen. Wenn man diejenigen Künste, welche dem
sprachlichen Ausdruck des Menschen naheliegen, aufsuchen will, so
kann man dazu kommen, sich zu sagen: Musik,. das GesanglichMusikalische, ist dasjenige, was von der Sprache mehr nach dem
Inneren des Menschen zu gelegen sein muß. - Und in der Tat, wenn
sich die Seele hingibt an Melodien, Harmonien, an all dasjenige,
was musikalisches Element ist, dann wird man finden, daß dieses
Musikalische gerade dadurch seine große menschliche Bedeutung
hat, daß es noch nicht in solch bestimmter Weise auf irgend etwas
hindeutet wie das sprachliche Element. Man kann schon sagen: In
einem gewissen Sinne ist jener bewußte Weg, den man durchmacht
von dem Musikalischen zu dem Sprachlichen, ein solcher des bis zu
einem gewissen Grade Aufwachens. - Im Sprechen kann man sich
aufgewacht fühlen gegenüber dem musikalischen Elemente.
Allein auf der anderen Seite kann gar nicht geleugnet werden, daß
Wachen und Schlafen relative Begriffe sind. Derjenige, der gar kein
Erlebnis von der geistigen Welt zunächst hat und allmählich an ein
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 413
solches Erlebnis herankommt, empfindet zunächst das geistige Erleben gegenüber dem, was Tagesleben ist, wie ein Schlafen. Herr
Stuten hat heute morgen etwas ähnliches erwähnt. Derjenige, welcher
einfach hinübergeht in die andere Welt vom gewöhnlichen Tagesbewußtsein aus mit voller Besonnenheit, erlebt in dem, was für den
anderen Schlaf ist, ein höheres Erwachen. Und so kann man auch
sagen: Derjenige, welcher anfängt, jene, ich darf sagen ausgespannteren Bedeutungen, Weltbedeutungen, die im Musikalischen gegeben
sind, zu erleben gegenüber der bloßen Sprache, der kann wiederum
dieses Erleben im Musikalischen als Erwachen ansehen. Denn man
denke sich, daß eine Melodie immer mehr und mehr zusammengeschoben wird, der Zeit nach zusammengeschoben wird, dann kann
bei einer gewissen Intensität des Zusammenschiebens ein Vokal oder
Konsonant herauskommen. Da nimmt man nicht mehr das Musikalische wahr, was im Laute liegt, aber der Laut ist zuletzt zusammengedrängtes Melodisches oder Harmonisches. Und so, wie man das
objektiv an dem Musikalischen und Sprachlichen empfinden kann, so
kann man auch wiederum sagen: Das Musikalische liegt dem menschlichen Gefühle nahe; das Dichterische liegt dem menschlichen Vorstellen nahe. Und der Ausdruck des Vorstellens ist für die Dichtung
dasjenige, was im sprachlichen Elemente gelegen ist.
Aber man kann auch dasjenige, was Wahrnehmung, Sinnesorganisation selber ist, was also noch mehr als die Vorstellungen am
Menschen nach außen liegt, auch ins künstlerische Element erheben.
Im Musikalischen lebt man wie in einem webenden Geistmeer. Im
Sprachlichen ist es schon so, wie wenn man in diesem webenden
Geistmeere ans Ufer käme, überall ans Ufer. Und die Vorstellungen
sind ja dasjenige, was am Ufer von dem liegt, was zwischen Wasser
und Erde ist, am Ufer. Aber wenn man nun aus dem Wasser herauskommt, sich wirklich ganz der Sinneswelt hingibt und dennoch
das Geistige der äußeren Welt wahrnimmt, dann kommt man an dasjenige, was nun nicht durch Sprache mehr, sondern nur noch durch
das Zeichen, das am Menschen selber lebt, vergegenwärtigt werden
kann: an die Eurythmie.
Wie ich also vorgestern sagen konnte, die Eurythmie ist eine
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 414
bewegte Plastik, so kann ich heute sagen, ganz im Inneren des
Menschen webt das Musikalische. Das Musikalische ist die künstlerische Ausgestaltung der Gefühlswelt. Etwas weiter nach der
Peripherie des Menschen lebt das Dichterische. Es ist die sprachlichkünstlerische Ausgestaltung der Vorstellungswelt. Außerhalb der
Vorstellungswelt, wenn der Mensch schon aus sich herausgeht, lebt
er im Wahrnehmen. Dasjenige aber, was im Wahrnehmen nun nicht
sinnlich, sondern geistig erlebt wird, ist in der Eurythmie gegeben.
Daher müßte man, indem man die Bewegungen des Eurythmikers
wahrnimmt, wirklich überall eigentlich Natur wittern. Und derjenige,
der Natur wittert, aber Geist in der Natur, der nimmt Eurythmie in
der richtigen Weise wahr.
Denken Sie einmal, wenn jemand zum Beispiel sagen kann: Da
sehe ich eine eurythmische Bewegung, das gemahnt mich daran,
wie einmal bei einem Waldesspaziergang eine Tanne einen Eindruck
auf mich gemacht hat. Eine Tanne, welche etwas im Winde bewegt
war, oder auch nicht im Winde bewegt war. - Wenn man aber dann
nicht bei dieser Empfindung stehenbleibt, sondern wenn der Betreffende dazu kommt, sich zu sagen: Ja, jetzt klärt mich die Eurythmie eigentlich erst über die Tanne auf, denn die Tanne steht nicht
da, um bloß das zu sein, was sie ist, die Tanne ist ein Buchstabe
in demjenigen, was durch die Welt wallt und webt, in dem urewigen,
unendlichen Weltenworte. Und Eurythmie klärt mich darüber auf, wie
die Tanne spricht. - Eurythmie kann mich auch aufklären, wie die
Quelle spricht, Eurythmie kann mich auch aufklären, wie der Blitz
spricht und so weiter.
In unserer Zeit nennt man ja Erklärung von einer Sache nur das,
was man in Ideen oder in abstrakten Begriffen geben kann. Aber
so arm, so greulich schattenhaft wie unsere abstrakten Begriffe, ist
die Natur nicht. Und man soll nur der Natur gegenüber nicht glauben,
daß man sie irgendwie trifft, wenn man sie in diese Spinnengewebe
von Begriffen zwingen will, durch die man sie zu beschreiben heute
glaubt. Die Natur ist ja unendlich reich. Die Natur an sich ist überall
intensiv reich, nicht bloß extensiv reich. Die Natur ist nicht bloß
quantitätenreich, die Natur ist qualitätenreich. Und wir müssen uns
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schon stärker anstrengen als bloß in unserem Kopfe, wenn wir der
Natur nahekommen wollen. Dasjenige, was unser Kopf an Ideen
allein über die Tanne zu sagen hat, ist eben wenig, und wir müssen
unseren Organismus in Bewegung bringen, alles, was in uns ist, wenn
wir das Geheimnis der Geistnatur in jedem einzelnen Ding und jedem
einzelnen Vorgange lebend hinstellen wollen aus uns selbst heraus.
Nur dann, wenn wir imstande sind, aus der Natur heraus etwas zu
schaffen durch uns selber, vor dem wir dann in einer gewissen
Weise eine Empfindung haben des Erstaunens über dasjenige, was das
Weltall durch uns, mit uns, in uns bildet, dann ranken wir uns zu
dem eigentlich Künstlerischen, zu demjenigen Künstlerischen empor, aus dem eigentlich weltgeschichtlich jede Kunst erwachsen ist.
Aus einer solchen Stimmung heraus werden wir auch das richtige
Aufschauen zu einer neuen Kunst gewinnen wie zu der Eurythmie.
Es muß einem gerade auf anthroposophischem Boden so sehr daran
liegen, daß das Künstlerische und insbesondere ein neues Künstlerisches, wie es die Eurythmie ist, wirklich verstanden werde, empfindend verstanden werde, denn das Künstlerische hat in der neueren
Zeit gar sehr gelitten. Es ist in einer gewissen Weise deshalb, weil
der Mensch nur auf die trockenen, nüchternen Begriffe als Erkenntnis noch Wert legt, die Kunst immer mehr und mehr zum Lebensluxus geworden. Dann aber, wenn die Kunst zum Lebensluxus wird,
erzeugt sich das schreckliche Philisterium über die Erde, und dann
würde dies unbedingt dazu führen, daß die Philisterei Zukunft der
Erdenmenschheit würde, wenn nicht gerade aus noch unerschlossenen
künstlerischen Quellen heraus wirklich neues Künstlerisches geschaffen würde. Das haben wir versucht, meine Heben Freunde, eben
gerade mit der Eurythmie auf unserem Gebiete. Und ein richtiges
Empfinden dieses Eurythmischen als Künstlerischem ist dasjenige,
was man so sehr herbeisehnen möchte innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft! Dann aber muß man sich darüber klar werden,
daß das Künstlerische in sich selber schöpferisch ist, und daß man
sofort aus dem Künstlerischen herauskommt, wenn man illustrativ
wird.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 416
Sehen Sie, Sie können dasjenige, was gesprochen wird, was gesprochen wird rezitativ, deklamatorisch als Wiedergabe der Dichtung,
in Rezitation geben begleitet von Eurythmie, denn beides ist zueinander gehörig: Eurythmisches, der in Bewegung begriffene menschliche Organismus, und Sprachlich-Rezitatorisches oder -Deklamatorisches, was der Mensch zu sagen hat konzentriert auf eine bestimmte
Organreihe. Und jede der beiden Künste hat die Möglichkeit, für
sich wesenhaft zu leben. Und dann wirkt eine mit der anderen zusammen, so wie im menschlichen Organismus Herz und Kopf zusammenwirken, weil sie richtig voneinander verschieden, aber füreinander organisiert sind.
Sie können weiter das Instrumental-Musikalische, das da geoffenbart wird durch das objektive, vom Menschen abgesonderte Musikinstrument, begleiten mit dem Eurythmischen. Wir haben diese Toneurythmie wiederum selbst gefunden. Sie können aber nicht eurythmisieren, wenn gesungen wird. Denn denken Sie doch nur, wenn Sie
das Gesungene noch eurythmisieren, so illustrieren Sie ja bloß den
Gesang in seinem musikalischen Inhalte. Das aber ist etwas eminent
Unkünstlerisches. Eine bloße Illustration ist eminent unkünstlerisch,
so daß es sich also handeln wird einmal später, wenn man schon will,
neben dem Gesang oder meinetwillen auch den vom Instrumente begleiteten Gesang, ein Eurythmisches hinstellen, so muß das etwas
ganz anderes sein als irgendwie unsere heutige Toneurythmie oder
Lauteurythmie. Gewiß, die Künste können zusammenwirken, aber
man muß sich über folgendes ganz klar sein. Ich sage das, weil diese
Dinge da oder dort aufgetaucht sind, man nun die Sehnsucht hat,
auch zu Musikalisch-Gesanglichem zu eurythmisieren. Ich sage das
ausdrücklich, denn gerade derjenige, der versteht, wie in unserer
Toneurythmie in Bewegungen gesungen wird, also das schon ein
Singen ist - sagen wir zu dem oder jenem Instrumente oder auch zum
Orchester -, wird nicht verlangen können, daß man zweimal singt!
Das ist es, um was es sich handelt.
Nun habe ich wieder versucht, einiges von dem zu sagen, was
vielleicht geeignet sein kann, auf das Wesen der Eurythmie etwas
hinzudeuten. Ich möchte eben anstreben gelegentlich solcher AufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 417
führungen, gerade dann, wenn unsere lieben Freunde zu solch festlicheren Gelegenheiten versammelt sind wie diesmal, auch in dieser
Richtung einiges zur Pflege, zur Würdigung und zur Förderung desjenigen, was aus unseren Quellen erwächst, beizutragen.
Dornach, 28, Dezember 1923
PROGRAMM
Sarabande aus der 2. Cello-Suite d-moll J. S. Bach
Als am dritten Tage Albert Steffen
Ich sah ein bleiches Licht Albert Steffen
Sarabande J. S. Bach
Du starrst den Himmel Albert Steffen
Prelude, f-moll, Nr. 12 J. S. Bach
Ich und du, Albert Steffen
Es saugt die leere Finsternis Albert Steffen
Andante J. E. Galliard
Les Elfes Leconte de Lisle
Bächlein im Mär^ . . . Jan Stuten
The Bandruidh Fiona Macleod
Papillons J. Rameau
Dichters Berufung Friedrich Nietzsche
Gavotte aus der 5. Französischen Suite J. S. Bach
Le Corbeau et le Renard Lafontaine
La Cigale et la Fourmi . Lafontaine
Scherzo L. van Beethoven
vermutlich aus der Klavier-Sonate A-Dur, Op. 2, Nr. 2 |
III. Eurythmie, die Sprache des ganzen Menschen
Dornach, 3O.Dezember 1923
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konnte ich darauf hinweisen, wie Eurythmie eigentlich doch mit einer
gewissen Notwendigkeit aus einer den Zeichen der Zeit streng folgenden spirituellen Bewegung hervorgehen mußte. Denn jede neue
künstlerische Impulsivität, jeder neue Anstoß im Künstlerischen im
Laufe der Menschheitsentwickelung ist immer dann gekommen, wenn
irgendwie ein neues Gebiet spirituell den Menschen erschlossen worden ist, oder wenn irgend etwas schon Erschlossenes auf eine neue
Art an die Menschheit herangetreten ist. Man wird natürlich sehr
leicht gegen die Eurythmie den Einwand erheben können, sie will eine
Sprache sein, eine Sprache, die durch aus der menschlichen Organisation herausgeholte Gebärden sich offenbart. Diese Gebärden verstehen
zunächst die Menschen nicht, aber darauf kommt es nicht an, sondern
darauf kommt es an, daß dasjenige, was als solche Gebärde auftritt,
den ästhetischen Sinn befriedigt, und daß aus der Befriedigung des
ästhetischen Sinnes dann ein ebensolches Empfindungsverständnis für
die Dichtung hervorgeht, wie aus der richtig orientierten Deklamation
und Rezitation ein Verständnis der Dichtung hervorgeht.
Von dem, was eigentlich der ganzen Eurythmie zugrunde liegt,
hat die gegenwärtige Wissenschaft nur ein kleines Stückchen. Man
weiß, daß diejenige Partie des zentralen Nervensystems, des Gehirnsystems, welche vorzugsweise mit der Sprache zusammenhängt, auf
der linken Seite des Gehirnes ist, und man weiß, daß die rechte
Gehirnhälfte, die rechte Seite, die symmetrische Partie des Gehirnes,
eigentlich nicht so konfiguriert ist, daß man in gleichem Sinne davon
sprechen kann, daß auch dort auf der rechten Seite ein Sprachzentrum wäre. Aber die Sache ist sofort anders bei sogenannten
Linkshändern. Menschen, welche als Linkshänder geboren werden,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 419
bei denen also die rechte Hand verhältnismäßig untätig bleibt gerade
bei den intelligenten Verrichtungen, bei denen die linke Hand schreiben will, nähen will, häkeln will, bei denen Hegt das Sprachzentrum
auf der rechten Seite. Daraus hat mit Recht die Wissenschaft geschlossen, daß ein Zusammenhang besteht zwischen demjenigen, was
als Bewegungsmöglichkeit, Bewegungsfähigkeit im menschlichen
Arm, in der menschlichen Hand liegt, und der Sprache; daß die Sprache
gewissermaßen das in einem gewissen Organsystem festgelegte Bewegen der Glieder der Menschen ist, das sinnvolle Bewegen der Glieder der Menschen. Das Verspüren desjenigen, was draußen in der Welt
vorgeht, und das Ausdrücken dieses Verspürens durch die Sprachorgane ist etwas, was zeigt, daß eigentlich das Gliedmaßensystem des
Menschen es ist, aus dem die Sprache herausgeboren wird.
Aber das ist in einem ganz umfänglichen Sinne der Fall. Nur weiß
man heute nicht viel von diesen geheimnisvollen Zusammenhängen.
Man weiß zum Beispiel nicht, wie gewisse in den Konsonanten
liegende, namentlich in den Gaumenlauten zum Ausdrucke kommende Rundungen, Härtungen im Sprachlichen zusammenhängen mit
der Art und Weise, wie der Mensch mit dem Fußballen oder mit
der Ferse auftritt. Aus der Sprache kann man deutlich einen Ausdruck der ganzen Gestenfähigkeit des Menschen durch seine Gliedmaßen hindurch finden. Und wer einen Sinn dafür hat, wird sehen
können, wie eigentlich aus der Art und Weise, wie ein Mensch
geht, wie ein Mensch greift, wie ein Mensch springt, ganz erklärlich
ist, wie er spricht. Es ist also nur ein ganz kleines Stück, welches
die heutige Wissenschaft in dem Zusammenhange der rechten Hand
und des linksseitigen Sprachzentrums hat.
Die Sprache kommt durchaus aus dem ganzen Menschen heraus;
wenn man daher den physischen Leib des Menschen verfolgt, so sieht
man, wenn er dieses oder jenes durch die Sprache offenbart, gewisse
Teile, gewisse Partien in Bewegung. Wenn aber der Mensch seinem
ätherischen Leibe nach beobachtet wird, dann ist der ganze ätherische
Leib bei irgendeinem Laut, bei irgendeiner sprachlichen Äußerung
in einer bestimmt konfigurierten Bewegung. Dasjenige, was sprachlich
sich äußert, kommt immer aus dem ganzen Menschen. Und daher
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 4 20
Dornach, 30. Dezember 1923
PROGRAMM
Arie J. E. Gabrielli
Herrscherin Erde Wladimir Solovjeff
Immanu-el Wladimir Solovjeff
Prilude, f-moll, Nr. 12 J. S. Bach
Weh, Weh! J. W. v. Goethe
Trauermarsch F. Mendelssohn-Bartholdy
Die Sonne schaue Rudolf Steiner
Hirtenmusik aus dem Weihnachtsoratorium J.S.Bach
Zum neuen Jahr Wladimir Solovjeff
Das Traumlied vom Olaf Ästeson
kann man auch den Weg wiederum von der Sprache in die Bewegung
hinein zurückmachen. Das Kind macht die Bewegungsmöglichkeit
durch, projiziert gewissermaßen dasjenige, was die Gliedmaßen
erfühlen, in der Bewegung draußen erleben, auf seine Sprachorgane
und schafft im Sprechen ein Abbild dieser Bewegungsfähigkeiten.
Dann kann man aber umgekehrt wiederum aus der Sprache zurückgehen in die Bewegungsmöglichkeiten, welche sowohl dem einzelnen
Laute, den Lautverbindungen, den Lautbetonungen und so weiter
entsprechen. Man kann die ganze Sprache wiederum in den bewegten
Menschen übersetzen und dadurch jene bewegte Plastik herausbringen, von der ich schon gesprochen habe.
Ich wollte, wie gesagt, immer ein paar Gesichtspunkte hinstellen
beim Ausgangspunkte unserer Vorführungen, damit, was eigentlich
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 4 21
sehr gut geschehen kann, diese Eurythmie, welche auf eine so naturgemäße Weise aus der Anthroposophie hervorgeht, von den verschiedensten Seiten aus beleuchtet wird.
Sie werden gerade bei dem heute im zweiten Teile nach der
Pause vorgeführten Olaf Asteson sehen, wie sich Eurythmie selbstverständlich dann ergibt, wenn die Dichtung den Menschen in eine
höhere, in eine geistige Sphäre hinaufhebt. Man kann wirklich mit
einer gewissen Selbstverständlichkeit so etwas wie Olaf Asteson
eurythmisieren, weil die Geistigkeit, welche in den eurythmischen
Bewegungen liegt, sich wirklich am besten Vorgängen in der geistigen Welt anschließt. Olaf Asteston ist ein wunderbares, im Norden
gefundenes Gedicht aus älterer norwegischer Literatur, in welchem
ursprüngliche volkstümliche Kunst, die eigentlich immer verbunden
ist mit volkstümlichem Schauen, volkstümlichen Imaginationen, zur
Offenbarung kommt. Wie gesagt, dieser Olaf Asteson wird dann
nach der Pause eurythmisiert, wird heute gerade eine Darbietung sein,
welche in der weihnachtlichen Zeit und unserer weihnachtlichen
Tagung besonders angemessen sein muß. |