III Die Bedeutung der Kunstpflege innerhalb der anthroposophischen Bewegung 7
Dornach, vermutlich 5. Januar 1924, anläßlich der Gründungsversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
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unserer Freunde - und solche sind heute insbesondere da - oft
gesprochen, und es ist auch das Wesentliche davon in unserer Zeitschrift «Goetheanum» erschienen. Daher möchte ich heute nur der
Eurythmie Vorstellung einige Worte voraussenden, die sich daraus
ergeben können, daß Eurythmie, eurythmische Kunst, gerade ihrem
Wesen nach herausgewachsen ist aus den anthroposophischen Bestrebungen. Und daraus ergibt sich dann der naheliegende Gedanke,
welche Bedeutung die Kunstpflege überhaupt innerhalb der anthroposophischen Bewegung haben soll.
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Als die anthroposophische Bewegung begann im Schöße der
theosophischen Bewegung, mußte sie erst alles dasjenige abstreifen,
was innerhalb der theosophischen Bewegung Sektiererisches war und
innerhalb dieser auch sektiererisch geblieben ist. Die anthroposophische Bewegung war vom Anfange an nicht im geringsten veranlagt dazu, sektiererisch zu wirken, denn sie ging vom Anfange an
auf die Erfassung des geistigen Lebens in seiner Allseitigkeit und
konnte durch das, was sie ist, ihre Fäden zu allen einzelnen Zweigen
menschlicher, geistiger und auch praktischer Betätigung ziehen. Es
war daher nicht auffällig aus dem sektiererischen Charakter der
theosophischen Bewegung heraus, daß Kunstpflege erst als etwas
Fremdes empfunden worden ist, wie sie innerhalb der theosophischen
Bewegung auch heute noch als etwas Fremdes empfunden wird.
Aber es gelang doch schon innerhalb des Rahmens der theosophischen
Bewegung, zum Beispiel bei dem Kongreß in München 1907, Künstlerisches herauszuarbeiten, als wir damals «Das Mysterium von
Eleusis» von Schure aufführten. Und als einmal sozusagen die
Dinge Feuer gefangen hatten, dann kam doch allmählich auch innerhalb unserer Gesellschaft das Bewußtsein herauf, wie selbstverständlich es ist, daß die Kunstpflege eine immer breitere Basis
findet innerhalb dieser Gesellschaft.
Sehen Sie, wenn in unsere Reihen vor, ich will sagen, zwanzig,
achtzehn, fünfzehn Jahren Künstler eingetreten sind, so haben sie
sich als Künstler mehr oder weniger fremd gefühlt. Die theosophisch
sich nennenden Anthroposophen kamen ihnen wie künstlerische
Botokuden vor. Ich zitiere nur; es ist mir oftmals ausgesprochen
worden. Und wenn ich manche noch aus theosophischen KunstGesichtspunkten heraus gebildete und ausstaffierte - ich kann nur
so sagen -, ausstaffierte Zweiglokale da oder dort betreten habe, auf
die ich noch weniger Einfluß nehmen konnte, weil eben Anschauungen da waren, dann wurde es mir auch schon recht merkwürdig
zumute, wenn ich an den Wänden die barbarischen Malereien, sagen
wir zum Beispiel des Rosenkreuzes, sah, oder gar an den Wänden
jene schematischen Darstellungen sah: unten die physische Welt,
dann die astralische Welt, die spirituelle, dann bis hinauf immer
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höher und höher eine höhere Welt. Aber die ganzen Sachen hatten
einen grenzenlos unkünstlerischen Charakter, so daß es nicht ohne
Schwierigkeiten war, das künstlerische Element in die anthroposophische Bewegung hineinzubringen. Aber es wurde daran gearbeitet.
Wir kamen dann auch zu den Mysterienaufführungen in München.
Wir kamen dazu, den Plan zum Goetheanum zu fassen, wo auch alle
möglichen guten Ratschläge herankamen. Ich sehe heute noch viele
Menschen sitzen, die dazumal auch an dem Plan des Goetheanums
mitdachten, wie man da und dort hineingeheimnissen soll das
Pentagramm, wie man einen Mittelpunkt finden soll zwischen - ich
weiß nicht was schon allem -, wie man einen Mittelpunkt symbolisieren soll. Alles mögliche wurde da zusammengehalten, nur - Kunst
war etwas Fremdartiges! Und ich hatte schon manche Schwierigkeit,
das rein Künstlerische da hineinzubringen. Nun, gerade mit dem
Plan, das Goetheanum zu bauen, ergab sich auch aus Verhältnissen,
die ich schon geschildert habe, die Möglichkeit, diese Raumbewegungskunst, die Eurythmie, zu schaffen. Und da konnte man
wirklich einmal aus dem Fundament heraus etwas schaffen. Man
konnte einmal sich sagen, hier darf alles neu sein.
Gewiß, die Tanzkunst war da, und heute gibt es noch immer
Leute, die Eurythmie beurteilen und finden, weil der Mensch sich
dabei im Räume bewegt, so hat man es doch mit einer Tanzkunst zu
tun. Die Leute sehen gar nicht nach; sie beurteilen die Eurythmie
als eine Tanzkunst. Aber nachdem sie das Urteil gefällt haben, das
ist eine Tanzkunst, fällt ihnen dann auf, daß die Beinbewegung die
minder wichtige hier ist, nur da ist, um Raumesformen zustande zu
bringen, und daß das Wesentliche jene Offenbarung der menschlichen
Natur ist, die dadurch zustande kommt, daß sich Arme und Hände
hauptsächlich bewegen. So kommt eben ein merkwürdiges Urteil
zustande. Dann sagen die Leute: Da sind Bewegungen, die gemacht
werden; es ist also eine Tanzkunst; aber da fuchteln sie mit den
Händen und Armen herum, das ist doch keine Tanzkunst; also ist
es schlecht. - Man merkt nicht, daß das Wesentliche ist, aus einem
ganz neuen Material heraus zu arbeiten, nämlich aus der inneren
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Formierung, Gestaltung, aus der Bewegungsmöglichkeit des menschlichen Organismus. Und nun ist einmal, was beim Menschen in der
Sprache zum Ausdrucke kommt, was den Worten anvertraut wird,
der Wortformung, was alledem anvertraut wird, was aus dem Worte
gestaltet wird, lokalisierte Bewegungsmöglichkeit des ganzen Menschen. Der ganze Mensch ist ja vorhanden nach seinem physischen
Leib, indem er feste Konturen hat; nach dem, was seinen Ätherleib
influenziert, beeinflußt: das ist alles dasjenige, was in ihm Säfte,
Flüssigkeit, Zirkulation ist. Der Mensch ist beherrscht von einem
astralischen Leib, der seine Kräfte hineinsendet in all das, was im
Menschen durch Luftwirkungen geschieht, wie die Atmung, innere
Atmung auch und so weiter. Und der Mensch ist endlich dasjenige,
was Ich-Organisation ist, was sich in seinem Wärmeorganismus, in
der WärmedifTerenzierung, in der organischen WärmedifTerenz zum
Ausdrucke bringt, die praktisch dadurch zustande kommen, daß auf
den Luftorganismus - lokalisiert im Atmungssystem und in dem, was
zum Atmungssystem gehört - alles dasjenige zusammengebracht wird,
was aber im ganzen Menschen eigentlich heraus will.
Man kann nun das, was da lokalisiert ist im Atmungsrhythmus,
im durchgeistigten, durchplastizierten Atmungsrhythmus, wiederum
zurückholen in Bewegungen des ganzen Menschen. Und dadurch wird
der ganze Mensch dann in der Tat ein Sprachorgan, was ich öfter
genannt habe: als ganzer Organismus ein sichtbarer Kehlkopf in
seinen Bewegungen. Dadurch, daß man also auf dasjenige geht, was
im ganzen Menschen als Bewegungsmöglichkeiten vorhanden ist, hat
man ein neues Material. Und dadurch, daß man die Imaginationen
an der Sprache studiert, daß man darauf kommt, wenn der Mensch
einen O-Laut von sich gibt, daß dann eigentlich sich vor ihn gruppiert etwas wie ein Umfassendes, wie ein Kreisförmiges - wenn der
Mensch einen E-Laut offenbart, daß sich vor ihn hinzaubert etwas
wie ein Merkurstab und so weiter, daß man diese Dinge so faßt,
daß man die entsprechenden Imaginationen, welche in der Sprache
enthalten sind, welche in der Sprache nur übergehen in Luftbewegungen und dadurch den Ton hervorbringen-, wenn man das bedenkt,
so hat man zugleich neben dem Material eine ganz neue Art, künstCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 4 2 5
lerische Formen in dieses Material, in die menschliche Bewegungsmöglichkeit hineinzubringen.
Alles das aber, was da zutage tritt, kann nur durch Geisteswissenschaft angeschaut werden, so daß in der Tat es nur der Geisteswissenschaft möglich war, diese Eurythmie zu schaffen. Denn es ist
erfaßt der übersinnliche Mensch, ausgedrückt durch die sinnliche
Form seiner Bewegungen. Den übersinnlichen Menschen kann nur
Geisteswissenschaft fassen.
Als wir daher so weit waren, daß tatsächlich, ich möchte sagen,
der Organismus der anthroposophischen Bewegung selber künstleri-
. sehe Gesinnung aufgenommen hatte, konnte auch hervorgebracht
werden eine eigene Kunst, eine Kunst, die nur eben aus dieser
künstlerischen Gesinnung der anthroposophischen Bewegung entstehen konnte. Und das alles führte dazu, sich zu sagen, die ganze
anthroposophische Bewegung ist eigentlich veranlagt dazu, tief veranlagt dazu, dasjenige, was sie sucht auf Geisteswegen, zu unterstützen dadurch, daß sie auch die künstlerischen Wege sucht. Und
ich bin sogar davon überzeugt, wenn das künstlerische Element immer mehr und mehr in unsere Reihen einzieht, dann wird es unseren
Freunden immer mehr und mehr auch möglich sein, die Schwierigkeiten des eigentlich geisteswissenschaftlichen Schauens zu überwinden, denn das Künstlerische ist etwas, das auf den Weg des
geistigen Schauens bringt. Das ist einfach so. Wenn man den übersinnlichen Menschen faßt in seinem vorirdischen Dasein zum Beispiel, so offenbart er sich tatsächlich so, wie es versucht wird nachzuahmen in der Eurythmie. Daher ist die Eurythmie anregend, den
Seelenblick auf den übersinnlichen Menschen hinzulenken.
Aber immer war, ich möchte sagen, wahre Kunst die Erscheinung
des Übersinnlichen im Sinnlichen, so daß man im Sinnlichen unmittelbar die Anschauung des Übersinnlichen hatte, nichts Symbolisierendes, nichts Allegorisierendes; das ist alles strohern, das ist nicht
künstlerisch. Aus dem allem geht aber hervor, daß es einem schon
am Herzen liegen kann, den Freunden der anthroposophischen Bewegung wiederum ans Herz zu legen, sich der künstlerischen Bestrebungen innerhalb unserer Reihen recht intensiv anzunehmen. Es
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wird dadurch Leben ausgegossen werden über die ganze anthroposophische Bewegung. Das Künstlerische wird ein Lebenselixier der
anthroposophischen Bewegung sein. Und wenn man einmal wirklich
sagen will, die anthroposophische Bewegung ist ebenso stark künstlerisch geworden, wie sie anfangs nicht künstlerisch sein konnte, da
sie aus einer nichtkünstlerischen Grundlage herausgewachsen ist, dann
wird eigentlich nicht nur für die Kunst selber innerhalb der anthroposophischen Bewegung, sondern für die ganze Schwungkraft der
anthroposophischen Bewegung etwas getan sein. Und dann wird man,
wenn man als Künstler hereinkommt in die anthroposophische Bewegung, nicht mehr sagen: Das sind ja alles Botokuden in der
Kunst -, sondern man wird sagen: Das ist ja etwas, was nun wirklich in unserer künstlerisch oftmals sich so barbarisch gebärdenden
Welt wiederum echte, wahre künstlerische Gesinnung, künstlerischen
Enthusiasmus hat. - Und das ist dasjenige, was man gerne will und
was nun gerade durch die entsprechende Enthusiasmierung für die
eurythmische Bewegung, auch mit allem, was damit zusammenhängt,
erreicht werden kann.
Das ist etwas, was ich mit ein paar Worten heute über die Beziehungen der anthroposophischen Bewegung zur Kunst vorausschicken wollte.
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Sonnabend, den 2. Februar 1924, abends 5 Uhr:
Ernst getragenes und Heiteres in Dichtung und Musik
eurythmisiert
Sonntag, den 3. Februar, abends 5 Uhr
Erste Faustszene des zweiten Teiles, sowie andere ernste
und heiter-komische Dichtung, ferner Musikalisches
eurythmisiert. -
Ankündigung in den Zeitungen
Dornach, 2. Februar 1924
PROGRAMM
Larghetto aus der 4. Violinsonate G. Fr. Händel
Ich sah ein bleiches Licht Albert Steffen
Ein riesenhaftes Antlit^ Albert Steffen
Largo (verm. a. d. 2. Sonate für 2 Violinen) . . G. Fr. Händel
Du starrst den Himmel Albert Steffen
Zum Adam- und Eva-Tag Albert Steffen
/. Sat% aus der Violinsonate, A-Dur Cesar Franck
Es träumt die Braut Albert Steffen
Allegro J. E. Galliard
Die Rune der vier Winde Fiona Macleo d
Bächlein im Mär^ Jan Stuten
Elfe Shakespeare
Lullaby Shakespeare
Waldesrauschen Franz Liszt
Winter (Love's Labour lost) Shakespeare
Spring (Love's Labour lost) Shakespeare |