II Eurythmie - Tanz - Mimik 38
** Stuttgart, 28. März 1923* **
| Seite | Text |
| 323 |
Singen wird. Man muß sich allmählich einleben in diese besondere
Art der Anschauung der eurythmischen Bewegungen. Man wird dann
rinden, daß allerdings das Eurythmische auf der einen Seite übergehen
kann in das Tanzartige, ich möchte sagen, daß in gewissen Bewegungen zu dem rein Eurythmischen, das der Mensch innerhalb
seines Organismus in voller Besonnenheit erhält, daß sich dazu das
Tanzartige gesellt. Aber es muß sich dezent, ich möchte sagen,
intim nur so zugesellen, daß höchstens auf der einen Seite das Eurythmische etwas in Tanz ausläuft. Das wird dann besonders der Fall
sein, wenn im Fortlaufe des Gedichtes etwas besonders Leidenschaftliches auftritt, denn im Tanzartigen ist nicht ein Sich-Halten
da, das bei der Eurythmie der Fall ist, sondern im Tanzartigen
läuft das menschliche Bewußtsein in etwas Bewußtloses aus. Es wird
dasjenige, was man so charakterisieren könnte, daß bei der Eurythmie
die Seele in jeder einzelnen Bewegung, in jeder einzelnen Vibration
sogar den Leib in ihrer Gewalt hat, im Tanze so, daß fortwährend
das Seelische in das sich selbst Gehenlassen des Leibes ausläuft.
Das darf bei der Eurythmie nur an denjenigen Stellen eintreten, wo
etwa das, was geoffenbart werden sollte, sagen wir, übergeht in
Schimpfen, in Zanken, in ähnliche Äußerungen des Menschen, in
Ärger könnte man auch sagen. Das ist der eine Pol, wo Eurythmie
nicht recht hin darf, denn wenn Eurythmie als Eurythmie zu stark
in den Tanz hineinschlägt - der Tanz für sich hat seine Berechtigung, ist etwas ganz anderes -, wird sie als Eurythmie brutal.
Und die andere Gefahr ist nach der anderen Seite, wenn das
Eurythmische auszudrücken hat etwas, das etwa, ich möchte sagen,
ein Schmunzeln, ein Lächeln, ein Sich-Hinwegsetzen über irgend
etwas im Verlaufe der Rede auszudrücken hat, dann kann die Eurythmie nach dem anderen Pol hinüberschlagen, in das Mimische. Aber
so sehr die mimische Kunst für sich berechtigt ist, wenn die EurythCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite:323
mie zu stark - wo nicht diese besondere Veranlassung des Schmunzeins, des Lächelns und so weiter da ist - in das Mimische hinüberschlägt, so wird sie, ich möchte sagen, so, wie wenn ein Mensch
fortwährend bei seinen Worten grinste, oder wenn er, sagen wir,
statt irgend etwas einem zu sagen, was Ausdruck des Unsympathischen
ist, wenn er die Zunge herausstreckte. Es hat etwas von dem Übergehen des Sprachlichen in das unartige Element des menschlichen
Lebens, wenn die Eurythmie herüberschlägt in das Mimische.
Diese Dinge müssen durchaus empfunden werden, dann wird man
einsehen, daß. dasjenige, was bei der Mimik außerordentlich berechtigt sein kann, bei der eurythmischen Kunst etwas Unberechtigtes ist. |