II Eurythmie als dramatisches Ausdrucksmittel 20
** Dornach, 5.Mai 1921**
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Eurythmie allein - wir haben das in den letzten Monaten immer
mehr und mehr versucht - darstellen kann. Sie werden das in den
einleitenden Formungen und in den Ausklängen am Schlüsse eines
Gedichtes oder eines Musikstückes sehen, die Ihnen in der Eurythmie
vorgeführt werden. Man kann die Stimmung eines Gedichtes einleiten, oder man kann sie auch ausklingen lassen, diese Stimmung,
so daß allerdings Eurythmie in einem gewissen Sinne für sich allein
sprechen kann. Sie spricht dann in einer äußerlich sichtbaren Gestaltung, in einer bewegten Plastik dasjenige, was durch das Gedicht
oder durch das Musikstück empfunden wird, aus.
Dann werden Sie sehen, daß bei der Szene, die heute vorgeführt
wird aus einem meiner Mysterienspiele, wo seelische Vorgänge eines
Menschen geschildert werden, die Eurythmie da sich als ganz besonders dramatisches Ausdrucksmittel bühnenmäßig verwenden läßt. Es
ist diese Szene eine von denjenigen in meinen Mysterien, wo gezeigt
werden soll, wie im Menschen nicht bloß abstrakte seelische Vorgänge im gewöhnlichen vollen Leben oder im gewöhnlichen Erkennen sich abspielen, sondern wie im Menschen Seelenvorgänge
sich abspielen, die ihn so in seinem ganzen Verhalten zur äußeren
Welt verändern, wie einen Wachstumsverhältnisse, also reale Vorgänge des Werdens, verändern. Dadurch, daß man genötigt ist,
solche Dinge, welche also im Menschen geistig etwas durchaus
Reales vorstellen, darzustellen, muß man des Menschen Verhältnis
zur Welt in einer intimeren Weise darstellen, als das sonst im realistischen Drama geschieht. Man kann zum Beispiel auch nicht eine
Magnetnadel dadurch erklären, daß man nur auf sie selber schaut;
man muß sie erklären, indem man sie mit dem ganzen Erdmagnetismus in Verbindung bringt. So muß man den Menschen mit der
ganzen geistigen Welt in Beziehung bringen. Das kann man nicht
durch abstrakte Gesetzmäßigkeiten darstellen, da muß man ins
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Konkret-Bildhafte hereingehen. Da muß man Naturvorgänge so darstellen, daß sie zugleich eine moralische Entwickelung darstellen.
Solches ist in der Szene, die heute zur Darstellung kommen soll
und in welcher besonders das eurythmische Ausdrucksmittel verwendet wird, der Fall. Da wird dargestellt, wie dieser Johannes
solche inneren seelischen Vorgänge durchmacht. Aber es würde nur
ein blasses Bild geben, wenn man sie etwa Johannes aussprechen
ließe, oder wenn man sie symbolisch gar darstellen würde. Das ist
nicht wirkliche Kunst, sondern man muß konkret-bildhaft die Dinge
sehen, muß ins Konkret-Bildhafte gehen, so daß dasjenige, was sich
abspielt zwischen Maria und den Seelenkräften, die als wirkliche
Geistmächte, nicht bloß als Naturmächte, auftreten, eine Offenbarung
desjenigen ist, was geistig wirklich vorhanden ist. So wird dann die
Darstellung etwas, was den Menschen wirklich angeht, was in den
Menschen hineinspielt aus der geistigen Welt, wie der Erdmagnetismus in die Magnetnadel hineinspielt.
Da ist es dann notwendig, daß man sich auch mit diesem Bühnenmäßig-Dramatischen in der Kunst und in der Gebärde zu dem
erheben muß, was durch Eurythmie gegeben ist, wo man tatsächlich
durch das Gestaltete der menschlichen Bewegungen das ganze
menschliche Innere adäquater ausdrücken kann, als das sonst durch
die gewöhnliche Alltagsgebärde möglich ist. Die stilisierte Gebärde,
welche aber nicht mehr Gebärde ist, sondern eine Fortführung
desjenigen, was in der ruhenden Gestalt vorhanden ist, geht in die
Bewegung über. Man gestaltet, man stellt dasjenige dar, was in die
übersinnliche Welt hinüberspielt.
Eine Folge davon, daß das eigentlich Dichterisch-Künstlerische
durch die Eurythmie herausgefordert wird, ist dann, daß auch die
Rezitation oder Deklamation von demjenigen abkommen muß, was
man heute in unserem unkünstlerischen Zeitalter als Rezitationskunst
besonders schätzt. Heute tendiert eigentlich alles Rezitatorische oder
Deklamatorische darauf hin, das prosaische Element, also das unkünstlerische Element im Gedicht, besonders zu pointieren. Hier
aber muß zurückgegangen werden auf die eigentliche Gestaltung,
welche der Dichter nach Rhythmus, Takt, Reim, Bildlichkeit und so
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weiter gibt. Es ist merkwürdig, man konnte neulich einmal in einer
besonders lobenden Kritik über das gegenwärtige bühnenmäßige und
rezitatorische Sprechen lesen, daß es jemandem in der letzten Zeit
gelungen ist, mit der Sprache gelungen ist, so darzustellen, daß man
nichts mehr merkte vom Rhythmus, vom Reim und so weiter. Also
es wurde besonders gelobt, daß es dem Betreffenden ganz besonders
gelungen ist, das Dichterische in das Prosaische hinüber abzutöten.
Das findet man heute ganz besonders hervorragend. Das ist aber
etwas, was durchaus Charakter eines unkünstlerischen Zeitalters ist.
Da muß gerade etwas, was nach wirklich künstlerischen Mitteln
sucht, eintreten. Man muß wiederum das Rezitatorische und Deklamatorische in die Rhythmik zurückführen, man muß immer mehr ein
Eurythmisches schon im Sprechen erreichen. Und in vieler anderer
Beziehung wird Eurythmie auch noch in der Lage sein, zu einem
wirklich künstlerischen Erleben zurückzuführen, das unserer heutigen
Zeit vielfach sehr ferne liegt, mehr als die meisten Menschen eigentlich glauben.
GOETHEANUM DORNACH
Eurythmische Kunst
Vorstellung
am 15. Mai 1921, 5 Uhr
am 16. Mai 1921, 5 Uhr
Eurythmische Gestaltung von Welt- und Lebensbildern, sowie
von heiter Groteskem und naiv Possierlichem. Musikalisches.
Ankündigung in den Zeitungen |