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II Zu den Vorgängen im zweiten Bild von «Der Seelen Erwachen» 21

II Zu den Vorgängen im zweiten Bild von «Der Seelen Erwachen» 21

Dornach, 15.Mai 1921

Rezitation von Marie Steiner: «Der Seelen Erwachen», zweites Bild Eurythmie: «Der Seelen Erwachen», zweites Bild (Fortsetzung)

Seite Text
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das ganze zweite Bild aus meinem vierten Mysteriendrama, aus «Der Seelen Erwachen», heute zur Darstellung kommen kann, und zwar in der folgenden Weise. Zuerst wird Frau Dr. Steiner rezitatorisch den ersten Teil dieses zweiten Bildes zur Darstellung bringen. Es ist mir daher vielleicht gestattet, einiges gerade über diese Mysteriendramen aus dem Grunde zu sagen, weil nur ein Bild hier zur Darstellung kommen soll, und vielleicht doch einige Worte nötig sind, um dieses Bild in denjenigen Zusammenhang hineinzustellen, in dem es darinnen steht. Es handelt sich bei diesen Mysteriendramen tatsächlich um die Darstellung innerer Seelenvorgänge, keineswegs etwa in symbolischer oder allegorischer Art, sondern auf solche Weise, daß das Seelische, insofern es für den Menschen und seine Entwickelung so Wirklichkeit ist wie die ihn umgebende Sinnenwelt, durchaus ganz ideell, wenn ich den paradoxen Ausdruck bilden darf, ideell-realistisch zur Darstellung kommt. Die vier Mysteriendramen stellen die innere seelische Entwickelung einer Reihe von Menschen dar, die sozial und seelisch miteinander zusammenhängen. Gewissermaßen wie der Mittelpunkt des Vorganges, der sich durch alle vier Mysteriendramen hindurchzieht, nimmt sich das Schicksal, das seelisch-geistige Schicksal derjenigen Persönlichkeit aus, die den Namen Johannes trägt. Johannes ist ein Maler, aber ein solcher, der innerhalb seines künstlerischen Strebens nach einer Durchgeistigung des Künstlerischen hinzielt, die auch im Malerischen dann eine übersinnliche Wirklichkeit, aber durchaus realistisch, zur Offenbarung bringen kann. Johannes kommt durch sein Lebensschicksal in Zusammenhang mit verschiedenen Persönlichkeiten, die, während er seine seelische Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 224 Entwickelung durchmacht, ihrerseits die ihrige durchmachen. Und dadurch kann in dramatischen Bildern gezeigt werden, wie die verschiedenen übersinnlichen Kräfte in die Entwickelung derjenigen Menschen eingreifen, die in Wahrheit eine innerliche seelische Entwickelung durchmachen. Wir sehen, wie insbesondere in Maria an die Seite gestellt wird dem Johannes Thomasius eine Persönlichkeit, die, während Johannes selber am Ausgangspunkte noch, man möchte sagen, im Anfange seiner Entwickelung steht, schon eine gewisse Entwickelungsreife erlangt hat, so daß eine Art seelische Auseinandersetzung stattfindet zwischen dem noch unentwickelten Johannes Thomasius und der reiferen Persönlichkeit der Maria. Es schließen sich dann andere Persönlichkeiten dem Kreise an. Da ist vor allen Dingen der .Schicksalsgegensatz zur Darstellung gebracht, der in den beiden Persönlichkeiten, dem Professor Capesius und dem Doktor Strader, auftritt. Es soll dargestellt werden in Strader eine Persönlichkeit, welche ihrer ganzen Veranlagung nach eigentlich durchaus ins unmittelbar praktische Leben hineinpaßt, die nur durch Eltern und Erziehungsvorurteile zunächst in eine andere Lebensentwickelung hineingebracht worden ist. Aber zu gleicher Zeit ist es eine Persönlichkeit, die innerhalb des praktischen Wirkens gar nicht sein kann, ohne daß dieses praktische Wirken durchlebt wird von einer durchgeistigten Weltanschauung, und zugleich ist es eine Persönlichkeit, die aber nicht will, daß auf der einen Seite das nüchtern-realistische Leben, dem man eben seinen Tribut darbringt, die Praxis steht, und auf der anderen Seite in abstrakt mystischer Form die Hingabe an die geistige Welt. Sondern in Strader soll eine Persönlichkeit dargestellt werden, die durchaus vom Gesichtspunkte des Menschlichen, vom Wirklichen aus Geistiges und Praktisches ineinanderweben will. In Capesius steht dagegen eine Persönlichkeit vor uns, die mehr ins wissenschaftliche Leben hineingestellt worden ist und auch in diesem wissenschaftlichen Leben darinnen gewissermaßen befriedigt ist, jedoch nur im allgemeinen in dem wissenschaftlichen Leben als solchem befriedigt ist, nicht in der besonderen wissenschaftlichen Art der Gegenwart, in die sie hineingestellt ist. Daher fühlt sich Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 2 25 Capesius ganz besonders hingezogen zu denjenigen Offenbarungen, die ihm aus Märchenerzählungen, aus der Darstellung von Mythen, überhaupt aus alldem werden kann, was auf eine phantasievolle, volkstümliche Art sich in die Geheimnisse des Daseins hineinfindet. Was, man möchte sagen, in gegenseitiger Seelenwechselbeziehung solche Menschen aneinander erleben können, wird nun in den drei ersten Mysteriendramen dargestellt bis zu jenem Punkte hin, wo die Persönlichkeiten eine bestimmte Vorstellung mit dem verknüpfen können, was es heißt, darinnenzustehen im geistigen Leben. Denn das muß durchaus eine seelische Erfahrung sein, ein seelisches Erlebnis. Etwas, das in abstrakten Formeln eben nur annähernd ausgedrückt werden kann, was man nennt Darinnenstehen in der geistigen Welt, was man so charakterisieren kann, daß für den also in der geistigen Welt darinnen Stehenden diese geistige Welt wirklich ist wie die äußere sinnenfällige Welt, so wirklich ist, daß er dann sprechen muß nicht nur von irgendwelchen abstrakten geistigen Wesen, sondern von konkreten geistigen Wesenheiten, die keine Symbole und Allegorien sind, sondern die zusammenwirken mit der menschlichen Natur, die selber nach der einen Seite eine geistigseelische ist wie eben die Wesen der äußeren Sinneswelt. Und es ist absichtlich nach den Szenenbildern, die schon charakterisieren dieses Darinnenstehen in der geistigen Welt bei den maßgebenden Persönlichkeiten der Mysteriendramen, der Übergang in das praktische Leben dargestellt. Nach dem Drama, das ich benannt habe «Der Hüter der Schwelle», ist das Drama gestellt, sich als eine Weiterentwickelung darstellend, in welchem sich die Persönlichkeiten, auf die es ankommt, nun ins praktische Leben hineinstellen. Wir sollen gerade durch den Verlauf dieser dramatischen Vorgänge darauf aufmerksam werden können, wie eine geistige Welt durch dasjenige, was hier gepflegt werden soll, nicht angestrebt werden soll wie ein Sonntagsvergnügen, wie etwas, was neben dem Leben einherläuft, sondern wie es angestrebt werden soll als eine geistige Wirklichkeit, die aber mit dem äußeren ganz realen alltäglichen Leben unmittelbar zusammenhängt. Kein Wolkenkuckucksheim als geistige Welt soll angestrebt werden, sondern Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 226 etwas, was mit den einzelnen Kräften durchaus geeignet ist, in das derb materielle Leben hineinzuwirken, geistig hineinzuwirken. In dem ersten Bilde dieses vierten Mysteriendramas «Der Seelen Erwachen» wird daher dargestellt, wie eine der Persönlichkeiten der vier Dramen, Hilarius Gottgetreu, dazu kommt, seine ganz praktischen, nämlich industriellen Unternehmungen so zu ordnen, daß er den Johannes Thomasius und den Doktor Strader hineinnimmt in diese praktische Unternehmung, damit sie in dieser praktischen Unternehmung tatsächlich dasjenige zur Verwirklichung bringen können, was im höheren Sinne eine soziale Gemeinschaft ist, was also die abstrakte Technik, in der es die neuere Zeit zu einer gewissen Vollkommenheit gebracht hat, mit demjenigen verbindet, was zugleich mit den Handlungen der Technik alles dasjenige fördert, was den Menschen so hineinstellt in diese Gemeinschaft, daß ein jeder in dieser Gemeinschaft sein menschenwürdiges Dasein finden kann. Soll das verwirklicht werden, so muß von der Maschine aus angefangen werden, anders zu denken, als im bisherigen, gerade im neuzeitlichen Leben gedacht worden ist. Dann muß in der Tat der Geist angerufen und aufgerufen werden, damit er dasjenige, was bisher nur in abstrakter Mechanik erklärt worden ist, in vollmenschlicher Weise erklärt, so daß unmittelbar hinausgetragen werden kann zum Heil und zur Fortentwickelung der Menschheit in das praktische Leben dasjenige, was in der geistigen Welt geschaut wird. Es sollen also die geistigen Persönlichkeiten mit einer gewissen Entwickelung hineingestellt werden in das praktische Leben, und es soll das praktische Leben in den Dienst der geistigen Wirksamkeit gestellt werden. Das ruft die Vorurteile derjenigen hervor, welche bisher bloß aus, ich möchte sagen, abstrakter Praxis heraus sich einer solchen Unternehmung gewidmet haben wie der Bürochef im ersten Bilde der praktischen Unternehmung des Hilarius Gottgetreu. Und wir sehen die ganze Opposition, mit der die sogenannte Praxis demjenigen gegenübersteht, was einzig und allein Heil hereintragen kann in das Leben in einer die Menschheit überzeugenden Auffassung, einer geistigen Auffassung des Lebens. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 22 7 Dasjenige, was jetzt einigermaßen, aber in allerersten elementaren Anfängen von uns praktisch versucht wird, steht durchaus in diesen Mysteriendramen darinnen, und als 1913 gerade das vierte Drama, «Der Seelen Erwachen», aufgeführt worden ist, konnte eben zunächst nur auf die Welt, die eigentlich nur die Welt bedeutet, nämlich auf die Bühnen weit dasjenige gebracht werden, was aber durchaus in einem durch und durch realen, wirklichen Sinne, wenn auch im Sinne einer geistig-physischen Wirklichkeit gedacht ist. Allerdings, wenn man so etwas vor sich sieht, dann merkt man sehr bald, wie nicht nur etwa die sogenannte praktische physische Welt ihre Vorurteile demjenigen entgegenbringt, was vom Geistigen auf sie Einfluß ausüben will, was sie geistig durchdringen will, sondern wie auch durchaus zuweilen diejenigen, die nun nach den geistigen Höhen streben, die eine gewisse geistige Entwickelung durchmachen wollen und sie auch durchmachen, wie diese auch im rechten Momente durchaus versagen können. Und dieses Versagen nun von der anderen Seite, das wird in dem zweiten Bilde, das wir nunmehr zur Darstellung bringen wollen, künstlerisch versucht vorzuführen. In dem ersten Bilde, das hier nicht zur Darstellung kommen soll, wird gewissermaßen der Widerstand der äußeren Praxis gegen das Geistige dargestellt. In diesem zweiten Bilde soll nun dargestellt werden gewissermaßen der Widerstand der Geistesmenschen. Da ist zunächst Johannes selber, der im Laufe langer Lebensereignisse vieles durchgemacht hat, der sich zu einer gewissen Anschauung der geistigen Welt aufgeschwungen hat, so daß er schon durch das Ereignis des Schwellenüberganges in die geistige Welt hat geführt werden können. Da er sich aber plötzlich eigentlich unheimlich von dieser ganzen geistigen Welt berührt fühlt, in die er hineingekommen ist - er steht der geistigen Welt gegenüber, er kommt sich wie ohne Boden in dieser geistigen Welt vor -, möchte er wieder seine Zuflucht nehmen zur unmittelbaren Natur und vor allen Dingen zu demjenigen, was als seine eigenen Kindheitserinnerungen in ihm auftaucht. Diese innere Tragik, die eigentlich immer größer wird, je mehr der Mensch in der geistigen Welt vorrückt, diese innere Tragik eines sich so entwickelnden Menschen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 2 28 soll in diesem Bilde dargestellt werden. Man möchte sagen, durch eine solche geistige Entwickelung wird der Mensch, wenn er ein gewisses Alter erreicht hat, seinen früheren Lebensepochen fremder als sonst. Er sieht auf seine früheren Lebensepochen so hin, wie, man möchte sagen, wenn die Kindheit, die erste Kindheit, wie ein selbständiger Mensch dastünde, wie ein anderer Mensch; dann wiederum die Jugendepoche, ich möchte sagen, wie ein anderer Mensch. Fremder wird man sich selbst durch eine solche geistige Entwickelung. Und man muß wiederum auf eine intensivere Art, als das sonst geschieht, den Weg zurückfinden. Wir sehen dargestellt, wie die Kindheit des Johannes Thomasius vor ihm auftritt, wie er in diese Kindheit zurück will, weil er nicht fassen kann, weil er noch nicht gelernt hat anzuschauen die geistige Welt. Gerade in dem Augenblicke, wo er berufen wird, man möchte sagen, in der Welt nützlich werden soll, wird er sich selber zur Last. Sie sehen ihn in der ganzen Tragik dastehen, zunächst der Maria gegenübertreten, wie er zurückgeführt werden soll zu dem, was er nun schon einmal war. Wir sehen aber auch, wie eine andere Persönlichkeit, die mit ihm verknüpft ist, Capesius, eine gewisse Entwickelungsstufe zurückgelegt, durchgemacht hat und den Weg nicht zurückfindet in die Wirklichkeit, wie Capesius in abstrakten geistigen Welten bleiben will, nicht in solchen, welche die Wirklichkeit durchdringen können. Er, der von der Wissenschaft, ich möchte sagen, auferzogen worden ist, nicht von der Praxis, wie Strader, kann leichter in Versuchung gebracht werden, nun darinnen zu bleiben in der abstrakten geistigen Welt. Wir sehen ihn daher gewissermaßen zeitweilig abfallen gerade im Verlaufe dieses Bildes. Und das alles soll nichts anderes darstellen als eine Kraft - ich brauche nur an Johannes Thomasius zu erinnern, nicht an mystisch Geheimnisvolles -, wenn ich für diese Kraft den Ausdruck ahrimanisch gebrauche, wenn man sieht, wie in dieses Leben das Ahrimanische hereingreift, das ihn nur ketten möchte an die äußere geistlose Praxis, an all dasjenige, was den Menschen nur an das PhysischMechanische fesselt. Dieser Ahriman tritt allerdings nicht auf in diesem Bild, aber man sieht auf der anderen Seite dasjenige aufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 22 9 treten, was nun den Menschen gewissermaßen über sich hinausführen will, was im Menschen dahin wirkt, daß er mystisch oder im schlechten Sinne theosophisch um eine halbe Menschenlänge über sich hinauswachsen will. Man kennt diese Art von Theosophie, die darinnen besteht, daß die Betreffenden immer sagen: Ich habe den höheren Menschen in mir, ich habe das höhere Ich in mir. - Und dann fühlen sie sich so, als wenn sie mit einem halben Menschen über ihren Kopf hinausgewachsen wären und über alle übrigen Menschen hinaussehen könnten. Das ist schlechte Mystik, das ist schlechte Theosophie; das ist dasjenige, was den Menschen abbringen will von dem festen Stehen auf einem sicheren Boden praktisch physischer Wirklichkeit, die aber vom Geiste durchdrungen werden muß. Diese Kräfte, die den Menschen so sich selber entfremden wollen in eine abstrakte geistige Welt hinein - ich verweise wiederum auf den Thomasius -, sollen luziferische Kräfte genannt werden. Sie treten hier auf. Aber das Ganze ist nicht symbolisch gedacht, sondern durchaus dynamisch als in der Welt vorhandene Kräfte wie Elektrizität und Magnetismus, die man nicht sehen kann, die aber doch als Kräfte da sind. Wir sehen, wie durch alles, was da wirkt, Johannes Thomasius dazu gebracht wird, seine Jugend nun nicht im Wahn und Traum zu sehen und sich danach zurückzusehnen, sondern sie real vor sich zu sehen. Der Kampf seiner Seelenkräfte, Philia, Astrid, Luna und die andere Philia werden ihm vorgeführt; der Geist von Johannes Jugend wird vorgeführt. Es ist Johannes selber, aber etwas ihm fremd Gewordenes, eine fremde Persönlichkeit, gewissermaßen den jungen Johannes Thomasius dem älteren Johannes Thomasius gegenübergestellt. Da wirken die Seelenkräfte zusammen, so daß Johannes Thomasius in dem Lebensalter, in dem er sich wieder finden kann, nicht mehr im Wahn sich zurückträumt nach seiner Jugend, sondern auf diese Weise sich bereitmachen kann, nun wirklich in das praktische Leben allmählich einzugreifen, wie es sein soll in dem wirklichen richtigen Verhältnisse zwischen der Geistwelt und der physischen Welt. Der erste Teil wird rezitiert werden; im zweiten Teil, da wo die Gnomen und Sylphen auftreten und die Seelenkräfte, wo schon das Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 23 0 Drama selber eine Art eurythmische Darstellung fordert, wie es im Drama angemerkt ist, wird dann die Rezitation übergehen in die bühnenmäßige Darstellung durch Eurythmie, durch jene eurythmische Kunst, welche sich gründet auf einer sichtbaren Sprache, die ebenso gesetzmäßig aus der menschlichen Organisation hervorgeholt wird wie die menschliche Lautsprache oder der Gesang. Aber gerade dasjenige, was übersinnlich dargestellt werden soll, was ins Übersinnliche hineinspielt, kann eigentlich nicht mit der gewöhnlichen Bühnenrealistik dargestellt werden. Wir haben den Versuch gemacht bei den Szenen, in denen Goethe zum Beispiel sein «Faust»-Drama ins Übersinnliche überführt, unsere Eurythmie, diese sichtbare Sprache, zu Hilfe zu nehmen, und man sieht, wie überall dasjenige, was Goethe in eine höhere Wirklichkeitswelt hineindichtet, gerade durch die Eurythmie auch seinen Stil in der Darstellung finden kann. Dasjenige, was hier als sichtbare Sprache auftritt, ist so gemeint, daß tatsächlich die innere Bewegungstendenz studiert wird, die der menschliche Kehlkopf, die Sprachorgane haben. Wenn die Lautsprache oder der Gesang zustande kommen, dann wird dasjenige, was da beobachtet wird an innerer Gesetzmäßigkeit der Sprache, übertragen auf den ganzen Menschen oder auf Menschengruppen, so daß gewissermaßen der Mensch selber oder Menschengruppen wie ein sichtbarer Kehlkopf, Sprachorgan, auf der Bühne auftritt. Die Eurythmie ist keine bloße Gebärde oder Mimik, auch kein gewöhnlicher Tanz etwa, sondern die Eurythmie will etwas ganz anderes im Grunde genommen darstellen. Wenn wir heute mit unseren Gebärden unsere Sprache begleiten, so sind das Willkürgebärden. Es ist interessant, daß man in Urzeiten der menschlichen Entwickelung ein einziges Wort gehabt hat für die Gebärde, die sich dazumal mit dem Laute noch verbunden hat. Unsere heutigen Gebärden sind Sinngebärden; sie entstehen durch dasjenige, was wir eigentlich aussprechen wollen und was schon durch die Gedanken durchgegangen ist. Was in der Eurythmie auftritt, ist das, was am Ton und Laut erlebt wird. Was erlebt wird, wenn der Mensch den einzelnen Laut seelisch erlebt, ist bereits in der äußeren Sprache abstrakt. Wir aber müssen wieder mehr in der Eurythmie zurückführen von der Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 231 Sinngebärde in die Lautgebärde. Und darum handelt es sich, wie die Lautsprache und der Gesang selber dadurch etwas hervorrufen, was wiederum eine wirkliche Sprache ist, nicht bloß eine Begleitung. Dadurch wird wiederum auf die elementare Form, die künstlerische Empfindung des Ausdrucks zurückgegangen. Das allerdings führt aber auch zu einer veränderten Stellung gegenüber den anderen Künsten, namentlich gegenüber der Deklamation und Rezitation. Man könnte ja, indem man die Eurythmie begleitet nicht in dem Sinne, wo man eigentlich den Prosainhalt besonders pointieren will und alles dasjenige, was Rhythmus, Takt, Reim und so weiter, Versfuß und so weiter sind, zurücktreten läßt in der Deklamation -, also wenn man das eigentlich Künstlerische unterdrücken würde, könnte man mit dieser Rezitationskunst gar nicht die Eurythmie begleiten. Deshalb greifen wir zurück zu demjenigen, was zum Beispiel von Goethe, dem wirklichen Künstler, noch recht gefühlt worden ist, indem er selbst im Drama einstudierte mit seinen Schauspielern dasjenige, was er einzustudieren hatte, mit dem Taktstock, also die Hauptsache sehend in dem, was in der Sprachbehandlung, in der Formung des Sprachlich-LautlichTonlichen dem eigentlichen wortwörtlichen Inhalt zugrunde liegt. Denn das ist das eigentlich Künstlerische. Während es ein unkünstlerisches Beginnen ist, wenn man sich in das Inhaltliche besonders hineinverlegt und das eigentlich nur pointieren will, was man heute als das Großartigste vielfach der Rezitations- und Deklamationskunst ansieht. Jene Rezitations- und Deklamationskunst wenden wir dann an, wenn überhaupt rezitiert und deklamiert wird, indem überall zurückgegangen wird auf das künstlerisch Gestaltete, das sich des wortwörtlichen Inhaltes eigentlich nur bedient, um etwas viel Tieferes auszudrücken, als durch den abstrakten wortwörtlichen Inhalt, den gedankenerfüllten Inhalt ausgedrückt werden kann. In diesem Sinne soll der erste Teil des Bildes rezitiert werden. Dann wird unmittelbar der Übergang genommen werden zu der eurythmischen Darstellung des zweiten Teiles des zweiten Bildes zu meinem Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen». Eine Pause wird nicht stattfinden. Es wird die ganze Vorstellung in diesem Räume Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 23 2 ohne Pause stattfinden. An die Darstellung dieses Mysterienbildes werden sich eurythmische Darstellungen von anderer Art anschließen, und es wird auch noch etwas Musikalisches dargeboten werden. EURYTHMIE-AUFFÜHRUNG im Schilkrsaalj Tübingen, am 31. Mai 1921 abends 8 Uhr PROGRAMM Einleitende Worte von Leopold van der Pah über eurythmische Kunst. I. Teil Sjmbolum von Goethe eine Gruppe mit musikalischem Auftakt von L. v. d. Pals Weltenseelengeister von Rudolf Steiner A. Donath, J. de Jaager, J. Bögel Beher^igung von Goethe M. Waller Frühling von Rudolf Steiner J. de Jaager, J. Bögel Der Fischer von Goethe T. Kisseleff und Andere Hochländisch von Goethe A. Spiller Waldkon^erte von Chr. Morgenstern eine Gruppe mit musikalischer Beigabe von M. Schuurman Das Sträußchen von Goethe J. de Jaager mit musikalischer Beigabe von L. v. d. Pals Mit einem gemalten Band von Goethe J. Bögel Weltseele von Goethe eine Gruppe mit musikalischem Auftakt von M. Schuurman II. Teil Die drei Zigeuner von Lenau … . J. von Molnar, A. Spiller Musik von Jan Stuten J. de Jaager, N. Bogojawlenskaja Aus Wilhelm Meister von Goethe Mignon C. Husemann Der Harfenspieler A. Donath Erlkönig von Goethe . . . . T. KisselefF, M. Waller, A. Spiller Charon von Goethe T. Kisseleff Satyrisches von Goethe Humoristisches von Chr. Morgenstern Die der Aufführung zu Grunde liegenden Dichtungen werden von Frau Marie Steiner rezitiert. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 23 3 Frankfurt, 3. Juni 1921, Darmstadt, S.Juni 1921, Baden-Baden, 9. Juni 1921, Stuttgart, 12. Juni 1921 PROGRAMM (I. Teil wie in Tübingen) II. Teil Erlkönig (mit Elfenauftakt) J. W. v. Goethe Charon J. W. v, Goethe Harfenspieler J. W. v. Goethe Die drei Zigeuner Musik: Jan Stuten Nikolaus Lenau Satiriseber Auftakt Musik: Leopold van der Pals Der Aesthet Christian Morgenstern Kläffer J. W. v. Goethe Aus den Humoresken Christian Morgenstern Die Korfsche Uhr - Palmströms Uhr Musik: Jan Stuten Der Schnupfen - Seance Eintragungen in ein Notizbuch Zürich, 21. Juni 1921 Eurythmie = Im Ton und Tanz eine Polarität. Die Sprache artikuliert den Ton - gestaltet ihn - ebenso die ausdrucksvollen Bewegungen der Eurythmie = es muß schon künstlerisch angesehen werden - Der Weg von der Gestalt in das ruhende Seelische in Ton und Farbe - Das Willenselement geht in die Bewegung - Es ist die zum Stillstand gebrachte Körperbewegung - die im musikalischen Element lebt - In der Lautsprache wird dann die Bewegung nur innerlich herausgeholt und in die Vokalisierung und Konsonantierung gebracht - In der Eurythmie wird die Bewegung vollends herausgeholt - dadurch kann die Sprache sich zurückziehen und die innere Form geben - Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 23 4 Dornach, 24. Juli 1921 PROGRAMM I. Teil (im Goetheanum) Göttermahl C. F. Meyer L'Art et le Peuple Victor Hugo Aus den Jahressprüchen Rudolf Steiner 3. Juliwoche Meisenglück Friedrich Hebbel Aus den Jahressprüchen Rudolf Steiner 4. Juliwoche 5. Juliwoche La Priere du Mort J. M. Heredia Aus «Faust» I: Prolog im Himmel J. W. v. Goethe II. Teil (im Bühnensaal der Schreinerei) Zum neuen Jahr J. W. v. Goethe Aus «Reves» I Victor Hugo Offene Tafel J. W. v. Goethe Heiterer Auftakt Musik: Leopold van der Pals Das Gebet Christian Morgenstern Der E.P.V. Christian Morgenstern Valet J.W. v.Goethe Rezensent J. W. v. Goethe Unter Schwarzkünstlern Christian Morgenstern

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 23 5 Eurythmische Kunst Darstellung am Sonntag, den 14. August 1921, 5 Uhr nachmittags Getragene Dichtungen eurythmisiert. Musikalisches Humoristisch-antipathetisches. Dornach, 14. August 1921 PROGRAMM I. Teil (im Goetheanum) Aus «Die Prüfung der Seele»: Das Märchen vom Quellenwunder Rudolf Steiner Tanzlied Friedrich Nietzsche Aus den Jahressprüchen Rudolf Steiner 2. Augustwoche Die Freuden J. W. v. Goethe Aus den Jahressprüchen Rudolf Steiner 3. Augustwoche Elfe J. Fr. v. EichendorfF Aus «Buch der Lieder»: Aus alten Märchen Heinrich Heine Das Veilchen J. W. v. Goethe Die Metamorphose der Pflanzen J. W. v. Goethe II. Teil (in der Schreinerei) Trauermarsch F. Mendelssohn-Bartholdy Aus «Pierrot Limaire» A. Giraud Abend übertragen von O. E. Hartleben Gebet an Pierrot Harlekin Souper Aus den Humoresken Christian Morgenstern Der Purzelbaum - Etikettenfrage - Toilettenkünste Anto-logie - Der Gaul |


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