II Urrhythmus, Urgesang und Arrhythmus in ihrem Verhältnis zur Eurythmie 19
** Dornach, 9. April 1921, anläßlich des zweiten anthroposophischen Hochschulkurses* **
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mit ein paar Worten einzuleiten, indem ich spreche über die
besonderen Kunstmittel, die Formensprache, in denen sich diese
eurythmische Kunst bewegt. Es handelt sich dabei darum, daß man
auf der Bühne eine wirklich unhörbare, aber sichtbare Sprache sieht,
eine Sprache, die ausgeführt wird durch Bewegungen des einzelnen
Menschen, durch Bewegungen von Menschengruppen und so weiter.
Dasjenige, was der Mensch ausführt, wird dann begleitet entweder
vom Musikalischen oder von der Rezitation des Dichterischen. Und
dasjenige, was auftritt in den Bewegungen des einzelnen Menschen
oder der Menschengruppe, soll genau dieselbe Offenbarung durch
eine sichtbare Sprache oder durch einen sichtbaren Gesang sein,
wie auf der anderen Seite dieselben Motive musikalisch oder dichterisch-rezitatorisch zur Offenbarung kommen.
Aber es handelt sich nicht darum, daß hier in irgendeiner Weise
eine mimische oder pantomimische oder sonst eine Art von Gebärdenkunst zugrunde Hegt, auch nicht darum, daß dasjenige, was man
im gewöhnlichen Leben Tanz nennt, hier zugrunde gelegt ist, sondern
es ist eine ebenso in sich wesenhaft bestimmte Sprache der menschlichen Gestalt und der menschlichen Bewegung ausgebildet worden,
wie sie nur auf andere Art in der Tonsprache und im Gesänge
selbst lebt.
Das ist dadurch zustande gekommen, daß durch sinnlich-übersinnliches Schauen abgelauscht worden sind dem menschlichen Kehlkopf und den anderen Sprachorganen die Bewegungstendenzen,
welche dem hörbaren Laut zugrunde liegen, und auch die Bewegungsübergänge, welche den Lautverbindungen, den Wortgestaltungen und so weiter, auch den Satzgestaltungen, zugrunde liegen. Es ist
dadurch etwas zustande gekommen, was innerlich so gesetzmäßig ist
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in der Aufeinanderfolge der Töne, wie das Musikalische zum Beispiel gesetzmäßig ist.
Wenn man durchschauen will, um was es sich eigentlich bei
dieser eurythmischen Kunst handelt, tut man gut, einiges von der
menschlichen Entwickelung ins Auge zu fassen. Die menschliche
Entwickelung schreitet so vor, daß allerdings deutlich sichtbar nicht
in der historischen, sondern nur in der vorhistorischen Zeit ist, wie
sich bestimmte Lebensäußerungen des Menschen, sagen wir zum Beispiel seine Bewegungsfähigkeit, seine Sprachfähigkeit gestaltet haben.
Für unseren Zweck hier möchte ich auf eines hinweisen.
Es gibt eine interessante Tatsache, die heute auch schon der
äußeren gewöhnlichen Wissenschaft bekannt ist, und die auf ein
Entwickelungselement im Menschengeschlecht hinweist. Es ist die
Tatsache, daß in den älteren, primitiven Sprachen, für die menschliche Bewegung, welche dann zum Tanz geworden ist, für die
rhythmische Bewegung, die, wie gesagt, sich dann später umgeformt,
umgestaltet hat in die Bewegungen, die während des Tanzes ausgeführt wurden, daß für diese urrhythmischen Bewegungen, möchte
ich sagen, und für den Gesang eine einzige Wortbezeichnung da war.
Man unterschied nicht dasjenige, wovon man überzeugt war, daß es
innerlich zusammengehört: Gesang und rhythmische Bewegung des
Menschen. Der Urmensch fühlte sich gewissermaßen veranlaßt, wenn
es ihm nur irgend möglich war, nicht dasjenige, was er schon ertönen
ließ, mit ruhigen Gliedern ertönen zu lassen, sondern es immer
begleitet sein zu lassen von irgendwelcher Bewegung seiner Glieder.
Er verhielt sich dann auch so, wenn es möglich war, die Arbeit,
die er verrichtete und bei der er seine Glieder sich bewegend
betätigte, so zu verrichten, daß die Glieder sich bewegen konnten in
einem gewissen Rhythmus. So hatte er für diese Bewegung des
Rhythmus eine bestimmte Gesetzmäßigkeit, die sich ihm instinktiv
ergab. Aber denselben Rhythmus entfaltete er in dem Aufeinanderfolgenlassen eines gewissen gesangartigen Tönens, so daß für ihn zusammenfloß sein Urgesang und der Urrhythmus seiner Bewegungen.
Sie waren so eins, daß, wie gesagt, er eine einzige Wortbezeichnung
dafür hatte.
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Dieses, was dem Menschen einer sehr frühen Zeit eigen war,
differenzierte sich dann. Indem der Mensch in der Zivilisation vorrückte, sonderten sich gewissermaßen die Bewegungen, die aus dem
Willen hervorgingen, zu einer gewissen Selbständigkeit ab, paßten
sich immer mehr und mehr dem äußeren Leben an. Nur in einer
gewissen freieren Beweglichkeit blieben nicht die Beinbewegungen,
wohl aber die Armbewegungen. Aber immer noch wurde zurückgehalten auch in diesen, ich möchte sagen von dem Tonlichen,
Gesanglichen sich emanzipierenden Beinbewegungen dasjenige, was in
solchen Bewegungen dann möglich war, wenn sie nicht der bloßen
Nützlichkeit dienten. Sie wurden gewissermaßen hinuntergedrückt,
diese Bewegungen, in den instinktartig wirkenden Willen in all
demjenigen, was dann der Mensch als sein eigenes Menschliches in
den unbestimmten, unbewußten Willen hineinlegte. Dadurch differenzierten sich die Bewegungen, die früher immer mit dem Gesang
verknüpft waren, zu Kulttänzen. Und auch dasjenige, was man in
älteren Zeiten Liebestänze nannte, war in gewissem Sinne differenziert, aber es differenzierte sich so, daß bei den Kulttänzen ins
edlere Unbewußte, bei den Liebestänzen ins instinktiv unbewußte
Willensartige hinuntergeführt wurden die Bewegungen, die früher
mehr mit dem Gemüthaften zusammenhingen, als die Bewegung
mit dem Gesang, mit dem tönenden Worte, auch als eines empfunden wurde.
Indem sich auf der einen Seite die Bewegung, die aus dem Willen
kommt, abdifferenzierte, absonderte, differenzierte sich auf der anderen Seite dasjenige, was im Laute, im Worte lag, indem die Bewegung immer mehr und mehr ins Nützliche und ins Spielartige,
auch wohl in das Kultartige bei gewissen Völkern überging; es
differenzierte sich der Mensch nach dem Worte hin. So daß das
Wort zum Erkenntniswort, zu demjenigen wurde, in das gewissermaßen vom Verstande aus hineingepreßt wurde alles dasjenige, was
gedankenhaft sich durch das Wort ausdrücken läßt. Und während
die unteren Bewegungen sich zum Nützlichen differenzierten, differenzierten sich die Worte zum Erkenntnismittel und zum äußeren
konventionellen Verständigungsmittel.
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Indem nun hier fortgeschritten wird zu einer Durchgeistigung
desjenigen, was für die menschliche Erkenntnis gegeben ist, wird
auch wiederum das Wort durchdrungen mit dem Geiste, das dann
auch wiederum mit dem Willen sich verbinden kann. Aber wenn
man Künstlerisches erreichen will, so muß man womöglich das
Verstandesmäßig-Gedankliche überwinden. Das VerstandesmäßigGedankliche ist lähmend für die Kunst. Aber was als Geist lebt im
Verstandesmäßig-Gedanklichen, kann wiederum vereinigt werden mit
der Bewegung.
Nun ist dasjenige, was einstmals, ich möchte sagen, einheitliche
menschliche Offenbarung in der Gesanges-Bewegungskunst war, für
die man nur eine Bezeichnung hatte, innig zusammenhängend
wiederum mit dem menschlichen Atmungsrhythmus. Und es ist das
Eigentümliche, man kann sagen, was eigentlich vom Innersten der
menschlichen Wesenheit spielt von diesem Ineinander-Zusammenspielen von Geistig-Seelischem, Physisch-Leiblichem, wie es sich
besonders so fein ausdrückt im Atmungsrhythmus und im Puls als
in dem, was überhaupt menschlicher Rhythmus ist. Man kann sehen,
wie auf der einen Seite, indem dasjenige, was gewissermaßen nach
dem Kopfe geht, zu dem Verstandesmäßigen in dem Worte wird,
wie dadurch, wenn auch in einer leisen Weise Arrhythmie eintritt,
Arrhythmie in dem rhythmischen System des Menschen. Und ebenso
tritt Arrhythmie ein, wenn die Beweglichkeit des Menschen sich
nur nach dem Nützlichen hin entwickelt.
Wenn man nun das Bestreben hat, dasjenige zu erlauschen, durch
sinnlich-übersinnliches Schauen, was sich nun herausdifferenziert
hat als eine einzelne Organgruppe in der Betätigung des Sprechens,
dann kann man besonders gut überschauen, wie dieses Sprechen mit
dem Atmen zusammenhängt, wie die Atembewegungen gewissermaßen mit dem Sprechen in eines zusammenspielen, wie aber das
Hineinspielen des Gedanklichen, Verstandesmäßigen, Arrhythmie
bewirkt. Und Arrhythmie finden wir bei, ich möchte sagen einem
zu stark entwickelten verstandesmäßigen Sprechen. Wir finden aber
auch Arrhythmie bei einem Sprechen, das zu stark nach dem bloßen
Nützlichkeitsprinzip hingeht.
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Indem wir nun zurückzugreifen versuchen zur inneren Wesenheit
des Menschen, zu jener inneren Wesenheit, die sich, wenn ich es
so sagen darf, im rein menschlichen Rhythmus ausdrückt, und damit
auch wiederum zurückkommend darauf, wie sich das Tonliche diesem
reinen menschlichen Rhythmus anpaßt, so finden wir, daß der wahre
Dichter ganz unbewußt seine Sprachbehandlung so einrichtet, daß er
in der Aufeinanderfolge der Laute und Worte und in der ganzen
Satzgestaltung der Sprache eine solche Gestalt gibt, daß sie sich an
den reinen menschlichen Atmungsrhythmus anschließt oder wenigstens zu diesem reinen menschlichen Atmungsrhythmus in einem
ganz bestimmten Verhältnisse steht. Aber so wie heute unsere
. Zivilisation ist, würde, wenn man zunächst vom Gedanklich-Verstandesmäßigen ausgehen würde, noch immer viel Arrhythmisches
hineinkommen in das menschliche Wesen. Dagegen kann man heute
schon, wenn man ausgeht auf das Seelisch-Geistige, was aus dem
Vollmenschen im Willen sich herausentwickelt, wiederum zurückwirken in die Bewegungen menschlicher Glieder, namentlich in die
Bewegung der Arme, so daß sich in der Armbewegung ausdrücken
läßt das Seelisch-Geistige, wie es dereinst aus der menschlichen Natur
heraus gebildet war. Dadurch bekommt man in derselben Weise,
nur nach einer anderen Seite hin, in den Bewegungen der menschlichen Glieder, namentlich der Arme, etwas ganz Ähnliches, wie
vorhanden ist in der Gestaltung der Luftbewegungen, die aus dem
rhythmischen Atmungsprozeß mit entlassen werden. Man drückt
dann in einer sichtbaren Sprache das gleiche aus, was sich in der
Luft gestaltet beim tönenden Worte. Und man bekommt dadurch
die Möglichkeit, was musikalisch dem Gesänge, was dichterisch
zugrunde liegt der gestalteten Sprache, auch ins Sichtbare überzuführen. So daß man also hier nicht etwa eine gewöhnliche Dichtung, nicht eine Gebärdenkunst, eine mimische oder pantomimische
Kunst, sondern daß man hier einen wirklichen Ausdruck des menschlich Geistig-Seelischen im Physisch-Leiblichen hat, wie sie am
schönsten zusammenstimmen in jenen Sprachformungen, die nicht
dem äußeren Nützlichkeitsprinzip entlehnt sind, sondern die heraus
sich offenbaren aus der menschlichen Natur selber. All dasjenige,
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was da durch die Eurythmie angestrebt wird, offenbart eigentlich
das, was einem Gedichte, was einem Gesanglichen zugrunde liegt auf
der einen Seite von der musikalischen, auf der anderen Seite von
der Bildseite, von der plastisch gestaltenden Seite her. Und es kommt
dasjenige, was in dem Dichter als Vollmenschen gelebt hat, sichtbarlich nach außen zur Offenbarung. Man sieht das auch darinnen, daß
zum Beispiel all die Unarten des Rezitierens und Deklamierens, die
sich heute in einer unkünstlerischen Zeit ganz besonders üppig
entwickeln, wegbleiben müssen. All das Hineinnehmen namentlich
des Inhaltlich-Prosaischen, des wortwörtlichen Elementes in das
Rezitieren und Deklamieren, wo man besonders das gefühlsmäßige
innere Betonen hat, womit gar nicht etwa ein Schatten geworfen
werden soll auf das Gefühlsmäßige, muß übergehen in Rhythmus,
Takt, eben in Musikalisches oder was plastisch, bildähnlich ist. All
dasjenige, was von Prosa ganz besonders betont wird in Rezitation
und Deklamation, kann nicht zu demjenigen Deklamieren und Rezitieren gebraucht werden, das diese sichtbare Sprache begleiten soll,
welche durch die Eurythmie dargeboten wird. Denn es wird gerade
aus dem Dichterischen herausgeholt, was das echte, wahre Künstlerische ist. Und das ist eben in der Dichtung nicht das Wortwörtliche, sondern was als Takt, als Rhythmus zugrunde liegt, was sich
dann ausdrückt in der Formgestaltung der Sprache. Daher wird
heute noch mancher, der vielleicht schon durch die eurythmische
Kunst selber genug schockiert ist, noch besonders schockiert dadurch, daß er die besondere Art des Deklamierens und Rezitierens
hört als begleitende Kunst, wie sie für diese Eurythmie gefordert
wird. Das ist etwas, was heute noch vielfach mißverstanden wird,
was durch diese Eurythmie angestrebt wird, diese sichtbare Sprache.
Kritiken tauchen auf, wie: etwas automatisch gestaltet - man konnte
es voraussagen, daß unsere Eurythmisten zu wenig Gesichtsbewegungen zeigten - und das Gesicht wäre doch das Ausdrucksvollste und
so weiter. - Das ist geradeso für denjenigen, der nun wirklich eingeht auf den Zusammenhang, der zwischen dem menschlich SeelischGeistigen und der sichtbaren Sprache besteht, die hier in der Eurythmie zum Vorschein kommt, als wenn irgend jemand versucht
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wäre, dasjenige, was er spricht, mit fortwährenden, unnatürlichen
Grimassen zu begleiten. - Darum handelt es sich, daß gerade dasjenige, was zum Ausdruck kommt, durch eine besondere Formensprache, durch eine besondere Bewegungssprache zum Ausdruck
kommen soll und eben nicht durch dasjenige, was sonst als Zufallsgebärde, auch als Zufallsmimik des Gesichtes unser gewöhnliches
Sprechen begleitet.
Das möchte ich heute sagen zu der einen Seite, welche unsere
eurythmische Kunst hat, zu der künstlerischen Seite.
Eurythmie-Darstellung
am
GOETHEANUM Dornach
Sonntag, den 1. Mai 1921, 5 Uhr Nachmittag
Im Kuppelbau — Dramatische Szenen und Gedichte
eurythmisiert.
Musikalisches
II
Im provisorischen Saal = Ernstes und Anregend-heiter-bizarres.
Ankündigung in den Zeitungen
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