II Eurythmie als beseeltes Turnen 16
*Freiburg, 19. November 1920, mit Darstellungen durch Kinder der Waldorfschule Stuttgart **
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der Musiker ebenso wie der Dichter darstellen wollen, durch andere
Ausdrucksmittel zur Offenbarung kommt, so wie die Sache nicht
losgelöst ist vom Menschen, sondern durchaus am Menschen selber
sich offenbart. Wenn wir das Musikalische betrachten, so finden wir,
dieses Musikalische offenbart seelisches Erleben. Insbesondere im
Gesang können wir dieses seelische Erleben verfolgen. Aber die Ausdrucksmittel sind gewissermaßen losgelöst vom Menschen. In der
Musik trägt der Ton das seelische Leben auf seinen Flügeln, kann
man sagen, aber es ist losgelöst vom Menschen. Es löst sich selbst
im Gesang los. In der Lautsprache wird der Gedanke als ein
unkünstlerisches Element eigentlich eingefügt dem Laut, dem Ton.
Demgegenüber wird in der Eurythmie die menschliche Bewegung
selbst als eine sichtbare Sprache gebraucht, gewissermaßen auch als
eine sichtbare Musik. Dadurch steht der ganze Mensch da als körperlicher Ausdruck des Seelischen. Indem er körperlicher Ausdruck des
Seelischen ist, kann er beobachtet werden im künstlerischen Empfinden, und man hat unmittelbar ein Seelisches, das äußerlich-sinnlich
zur Darstellung kommt. Was ist aber alle Kunst eigentlich anderes
als die sinnliche Darstellung eines Übersinnlichen, eines Geistigen.
Wenn der Mensch selbst zum Werkzeug wird, nicht ein totes Instrument, sondern zu einem Werkzeug der Kunst wird, so kommt im
Grunde genommen das Künstlerische im allerhöchsten, schönsten
Sinne zum wirklichen Ausdruck.
Man wird insbesondere bemerken können, wie das Musikalische
gerade durch die Eurythmie wieder seinen eigentlichen Ausdruck
finden kann. Ich will nur darauf aufmerksam machen, daß Sie, wenn
Sie in der Eurythmie genauer die Bewegungen auf Ihre Sinne wirken
lassen, dasjenige sehen werden, was sich in Dur-, was sich in Mollstimmung zum Ausdrucke bringt, wenn Musikalisch-Eurythmisches
sich darbietet. Dann haben wir unmittelbar aus dem menschlichen
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Willen fließende Bewegungen in dieser Eurythmie zu geben. Sie
haften sozusagen eng am Menschen. Nun können wir durchaus immer
sehen, wie wir darstellen müssen in der Eurythmie alles dasjenige,
was in Dur-Stimmung ist, durch vom Menschen abgehende Bewegungen, alles das, was in Moll-Stimmung ist, durch an den Menschen
herantretende Bewegungen, die sich in entsprechender Weise artikulieren, so daß das, was auf Flügeln der Töne in der Musik künstlerisch
sich offenbart, sichtbar werden kann gerade durch dasjenige, was sich
in den Bewegungen der menschlichen Glieder ausspricht.
Ebenso ist es, wenn dasjenige, was in der Dichtung durch die
Lautsprache sich darstellt, durch mehr vom Menschen losgelöste
Bewegungen eurythmisch zur Darstellung kommt, Bewegungen, die
sich mehr dem Bildlichen anschließen. Aber alles das ist sowohl auf
dem Gebiete der eurythmischen Darstellung des Musikalischen, wie
der eurythmischen Darstellung des Dichterischen weit entfernt von
jeder Mimik, weit entfernt von aller Tanzkunst, von allem bloßen
Gebärdenspiel. Es ist dasjenige, was das eigentlich Künstlerische ist.
Es ist entweder ein plastisch, aber bewegt-plastisch Wirkendes oder
auch ein musikalisch Wirkendes. Daher ist es auch notwendig, daß
die Rezitation, die parallel auftritt, die ein anderer Ausdruck nur ist
für dasselbe, was man in der Eurythmie sieht, selbst schon eurythmisch sich gestaltet. Was man heute so vielfach ansieht als Vollendung
der Rezitation oder Deklamation, das Prosaische, das durchklingen
soll im Rezitieren, ist im Grunde genommen nicht dasjenige, was
die Eurythmie begleiten kann. Denn an der Dichtung ist nur soviel
wirklich künstlerisch, als in ihr entweder Plastisches oder Musikalisches ist. Daher muß immer wieder daran erinnert werden, wie ein
wirklicher Dichter, zum Beispiel Schiller, arbeitete. Bevor er den
Prosainhalt hatte, lebte eine unbestimmte Melodie in seiner Seele.
Was rhythmisch, was Takt, was melodisch hinter der Dichtung ist,
und nicht der Prosainhalt, der wortwörtliche Inhalt, das ist schon
das wahrhaft Künstlerische auch der Dichtung. Und so kann man in
diesem neuen Ausdrucksmittel der Bewegungen am Menschen selber
eine sichtbare Sprache, eine sichtbare Musik schaffen, die wir uns in
einigen Proben heute vorzuführen erlauben.
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Das ist aber nur die eine Seite der Eurythmie. Die andere Seite
wird sich besonders dadurch heute darbieten, daß wir in der Lage
waren, eine Anzahl Kinder unserer Stuttgarter Waldorfschule hierher
zu bringen. In der Stuttgarter Waldorfschule haben wir als einen
obligatorischen Lehrgegenstand die Eurythmie eingeführt. Und für
die Kinder dieser Freien Waldorfschule, die herausgestaltet ist aus
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, ist die Eurythmie
zu gleicher Zeit ein beseeltes Turnen, und als solches ein wunderbares Erziehungsmittel, das die Kinder außerordentlich lieben. Man
muß sagen, gegen das Turnen als solches ist nichts einzuwenden,
aber es ist doch nur auf physiologische, auf körperliche Gesetze
begründet. Ich will gewiß nicht soweit gehen, wie kürzlich ein
berühmter Mann der Gegenwart, Abderhalden, der sagte, daß das
Turnen nicht ein Erziehungsmittel, sondern eine Barbarei sei. Ich
will dem Turnen für die körperliche Vervollkommnung der Jugend
seine Bedeutung zugestehen. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn
dieses beseelte Turnen, diese Eurythmie, an die Kinder herantritt,
das zu gleicher Zeit eine Kunst ist. Das Kind liebt es, dasjenige
zu vollziehen, zum Ausdrucke zu bringen, was sich künstlerisch
aus der ganzen Organisation des Menschen heraus ergibt. Dadurch
kommt auch, wenn man die Eurythmie an die Kinder heranbringt,
etwas noch ganz Besonderes zustande, was allerdings nicht so in
die Erscheinung tritt, wenn die älteren Leute noch Eurythmie betreiben.
Das Kind, indem es in die sichtbare Sprache den Seeleninhalt
umsetzt, kann nicht irgendwie in die Phrase verfallen. Bei unserer
Wortsprache, besonders bei den Wortsprachen der höheren Zivilisationen spielt ja die Phrase, spielt das Konventionelle eine so große
Rolle, und es geht ganz sanft die Wahrheit in Lügenhaftigkeit über.
Wenn das Kind zurückgeführt wird in den ursprünglichen, elementaren Ausdruck des seelischen Erlebens, in die Bewegungen der
eigenen Glieder, kann es dabei nicht lügen und in die Phrase verfallen. Deshalb ist diese eurythmische Erziehungskunst zu gleicher
Zeit etwas, was zur Wahrhaftigkeit die Kinder heranzieht, so daß
man ein wichtiges Erziehungsmittel in dieser Eurythmie hat. Und
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es wird sich zeigen, zunächst in einer Probe wenigstens, wie gerade
durch den kindlichen Organismus dieses beseelte Turnen, die
Eurythmie, wirkt. |