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I Das Sichtbarwerden der Sprache durch den ganzen Menschen 8

I Das Sichtbarwerden der Sprache durch den ganzen Menschen 8

Dornach, 11. August 1919, zu einer Aufführung für Ferienkinder aus München

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habt die schönen Berge, die schönen Felder, die Wiesen sehen dürfen, und Ihr habt die freundlichen Leute kennengelernt, die Euch aufgenommen haben. Ihr habt Euch herzlich freuen können an dieser freundlichen Aufnahme, die Ihr empfangen habt in der schönen, lieben Schweiz. Und nun haben wir Euch gestern und heute auch noch gezeigt, was wir hier zu zeigen haben. Ihr habt hier oben mancherlei zu Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 64 sehen bekommen. Wenn Ihr später einmal nachdenken werdet und Euch erinnern werdet, was Ihr gesehen habt, und wenn Ihr einmal verstehen werdet das Wort Eurythmie, dann wird das hoffentlich eine schöne Erinnerung für Euch sein. Ihr wißt, daß der Mensch die schöne Gottesgabe der Sprache hat. Man spricht aber gewöhnlich mit dem Munde. Das, was Ihr hier an Eurythmie gesehen habt, ist auch eine Sprache, nur spricht der ganze Mensch. Und Ihr werdet alle einmal wissen, was das ist, was man die Seele des Menschen nennt. Ihr wißt jetzt noch nicht, könnt es noch nicht wissen, was im Menschen ist, was in Euch ist und was Ihr einmal Seele nennen werdet. Aber was Ihr hier gesehen habt, was man an Bewegungen gemacht hat mit den Armen, was man an Bewegungen gemacht hat im Kreis und sonst, das ist alles gesprochen, aber so gesprochen, daß man es nicht hört, sondern daß man es sieht. Und was spricht, ist nicht der Mund, es ist der ganze Mensch, es ist die Seele im Menschen. Und wenn Ihr einmal später fragen werdet: Was wohnt in meiner Brust? - da wohnt die Seele -, dann erinnert Euch, daß Ihr hier gestern und heute gelernt habt, wie die Seele durch den Menschen, durch seine Glieder spricht. Und jetzt möchte ich über Eure Köpfe weg zu den Erwachsenen ein paar Worte über dasjenige sagen, was Ihr seht und was Ihr später besser verstehen werdet. Ich möchte sagen, daß das, was wir einen eurythmischen Versuch nennen, daß diese unsere Eurythmie eine Ausführung der Goetheschen Weltanschauung und der Goetheschen Kunstanschauung ist, so wie wir sie uns zu denken haben eben im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, nicht zu Goethes Zeiten selber. Goethe hat tiefer als irgendeiner seiner Zeitgenossen, und namentlich tiefer als irgendeiner der auf ihn folgenden Generationen, in das lebendige Wesen der Natur hineingeschaut. Die Tiefe der Goetheschen Weltanschauung ist heute noch immer nicht gewürdigt. Was man aus der Goetheschen Weltanschauung auf einem eng begrenzten Gebiete gewinnen kann, das soll durch unsere Eurythmie dargestellt werden. Goethe sieht in der ganzen Pflanze nur ein komplizierter gestalCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 6 5 tetes Blatt. Jedes Blatt ist für Goethe etwas, worin er mit dem übersinnlichen Auge wiederum die ganze Pflanze sieht. Und diese Anschauung, die lange noch nicht ausgebaut ist, die kann im Sinne von Goethes Weltanschauung künstlerisch immer weiter vervollkommnet werden. Hier wird sie auf einem bestimmten, konkreten Gebiete angewandt. Wer intuitiv schauen kann, was im ganzen Menschen vorgeht, wenn gesprochen wird, namentlich wenn künstlerisch-dichterisch gesprochen wird, der weiß, daß im Grunde genommen diese vom Kehlkopf und den Nachbarorganen ausgeführten Bewegungen, Tätigkeiten, sich zu dem ganzen Menschen so verhalten, wie Goethe glaubte, daß sich das Blatt zu der ganzen Pflanze verhält. Das Blatt ist eine Metamorphose der ganzen Pflanze. Für uns hier ist das, was durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane in der menschlichen Sprache zum Ausdruck kommt, eine Metamorphose dessen, was der ganze Mensch zurückhält, was er eigentlich ausführen will, indem er zuhört. Und wer übersinnlich schauen kann, weiß, daß es nicht nur eine Theorie ist, wenn man sich vorstellt, daß wir durch unsere Sprachorgane die Luft in Bewegung bringen. Sprache trägt also in sich ein unsichtbares SichBewegen. Und das ist es, was wir in der Eurythmie versuchen: den ganzen Menschen in seiner Bewegung zu einem großen Kehlkopf zu machen, anschaulich zu machen alles, was sonst in der Sprache unsichtbar bleibt, weil wir unsere Aufmerksamkeit selbstverständlich auf das Hören richten. Das Sichtbarwerden der Sprache durch den ganzen Menschen ist es, was wir in der Eurythmie anschaulich machen wollen. Darin ist nichts Willkürliches. Es ist noch nicht alles erreicht. Die eurythmische Kunst ist erst im Anfange, ist erst der Versuch eines Anfanges. Alles Pantomimische, alles Willkürliche ist ausgeschlossen. Wie die Musik selbst gesetzmäßig ist, wie ein Ton musikalisch aus dem anderen folgt, wie die Musik in Dur und Moll gesetzmäßig aufgebaut ist, so ist das, was in der Eurythmie zutage tritt, innerlich gesetzmäßig aufgebaut. Wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen ein und Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 66 dieselbe Sache an zwei verschiedenen Orten eurythmisch zur Darstellung bringen, so darf nicht mehr individueller Unterschied in der Wiedergabe sein, als wenn zwei verschiedene Klavierspieler ein und dieselbe Sonate von Beethoven mit persönlicher Auffassung spielen. Es ist ein gesetzmäßiger Aufbau vorhanden. Das ist es, was angestrebt wird und wodurch wir auf der einen Seite etwas Künstlerisches zu erreichen versuchen, auf der anderen Seite aber auch etwas Pädagogisch-Hygienisches. Künstlerisch soll dieses große Goethesche Kunstprinzip zum Ausdruck kommen, das er ausspricht, wenn er sagt: Denn indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt. Hier wird der ganze Mensch zum Kunstwerke durch diejenigen Bewegungsmöglichkeiten, die im ganzen Menschen so wie im Kehlkopf liegen, wo sie unsichtbar bleiben. Die sollen zur Anschauung kommen. Das, was die Sprache aus der seelischen Empfindung, aus der inneren Seelenwärme heraus durchglüht, was sie durchkraftet aus dem Enthusiasmus unserer Persönlichkeit heraus, und was der Dichter im Reim, im Rhythmus zum Ausdruck bringt, das kommt in den Gruppenbewegungen und Bewegungen der Menschen im äußeren Räume zum Vorschein. Das entspricht einer inneren Gesetzmäßigkeit. Willkürlich ist darin nicht mehr, als sich aus der künstlerischen Darstellung ergibt, wenn zwei verschiedene Darsteller ein und dieselbe Sache ausführen. Natürlich soll durch diese paar einleitenden Worte dem Künstlerischen nicht vorgegriffen werden. Die Kunst beruht ja darauf, daß sie unmittelbar genossen werden kann. Aber auf die übersinnlichen Quellen alles künstlerischen Schaffens im Sinne Goethes soll hingewiesen werden. Es scheint mir nötig, gerade auf diesem Gebiete eine Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 67 neue Kunstform zu schaffen, die wir hinzu erschaffen wollen zu allem übrigen, was wir zu unserem Bau hinzu erschaffen möchten. r Die Eurythmie wird einerseits begleitet werden von Rezitation, andererseits von Musikalischem. Eben das, was man rezitatorisch hört, was man musikalisch hört, soll durch die Formen der Eurythmie dargestellt werden. Ich möchte dabei nur erwähnen, daß die Rezitationskunst wieder zurückkehren muß zu den alten, guten Formen. Die heutigen Menschen haben eine richtige Rezitationskunst eigentlich gar nicht mehr kennengelernt; das hat im Grunde genommen in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts aufgehört. Goethe war noch so durchdrungen von dieser Rezitationskunst, daß er seine «Iphigenie» mit seinen Schauspielern mit dem Taktstock in der Hand einstudierte wie ein Kapellmeister. Das ist durchaus gerechtfertigt, denn nicht darauf kommt es an, daß die prosaische Rezitation, wie das heute aus einem gewissen materialistischen Hang heraus geschieht, den wortwörtlichen Inhalt besonders betont, sondern darauf, daß man gerade das Künstlerische, das Rhythmische, dasjenige, was nicht der Prosainhalt, sondern die künstlerische Formgestaltung ist, in der Rezitation zum Ausdruck bringt. Dann sieht man gerade in dem Parallelgehen von Rezitation und Eurythmie, wie der ganze Mensch eigentlich daraufhin gebaut ist, sich innerlich zu bewegen, wenn etwas Künstlerisches geschaffen wird. Ich erinnere nur daran, daß Schiller, bevor er sich den Inhalt eines Gedichtes in seinem Geiste vergegenwärtigte, nicht den wortwörtlichen Begriff in der Vorstellung hatte, sondern ein unbestimmtes Melodiöses, Musikalisches in der Seele empfand. Schüler schuf durchaus aus der musikalisch-bewegten Seele heraus. Also das Rhythmische, das Innerlich-Bewegte, das sich dann erst auf den Prosainhalt überträgt, lag den bedeutendsten Gedichten Schillers zugrunde. Das Pointieren des Prosainhaltes einer Dichtung wollen wir wiederum zurücktreten lassen und das eigentlich Dichterische in der Rezitation, die der Eurythmie parallel gehen soll, zum Ausdrucke bringen. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 68 Sie werden natürlich Nachsicht haben müssen. Wir stehen mit unserer Eurythmie erst im Anfang. Vor allen Dingen ist zu bemerken, daß das Pantomimische, das Mimische, die Augenblicksgeste, daß das alles später, wenn die Eurythmie mehr vervollkommnet sein wird, heraus kommen wird. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker und wissen, daß wir mit der Kunst der Eurythmie heute durchaus noch auf einer unvollkommenen Stufe stehen. Wir glauben aber, daß wenn im Sinne Goethes der ganze Mensch aufgerufen wird, so daß man fühlt, daß höhere Naturgesetze durch das hindurchscheinen, was sich äußerlich den Sinnen darbietet, daß dann auf der Grundlage dieser Goetheschen Weltanschauung eine solche neue, echte Kunst, die etwas Edleres ist als die Tanzkunst, die man sonst hat, wird zum Vorschein kommen können. Und das, was im Turnen im Grunde nur physiologisch ist, was nur den Körper, den äußeren Leib ausbildet, soll in der Eurythmie durchseelt werden, so daß zum Vorschein kommt, daß die Seele überall mitvibriert, mitspricht. So wollen wir auch ein pädagogisches Element in diese unsere eurythmische Kunst hineintragen. Ich glaube, Ihrer Nachsicht empfehlen zu dürfen, was wir jetzt in einer noch unvollkommenen Weise darbieten werden. Wir hoffen aber, daß wenn die Zeitgenossen diesem Versuche einiges Interesse entgegenbringen, wir doch - vielleicht nicht mehr durch uns, aber durch andere, die nachfolgen werden - gerade diese eurythmische Kunst zu einer solchen Vollkommenheit bringen können, daß sie sich wie eine vollberechtigte neue Kunst neben die anderen älteren Künste wird hinstellen können. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 6 9 Dornach, 10. August 1919 (vor dem Vortrag) PROGRAMM Die Hoffnung Friedrich Schüler mit musikalischer Beigabe von M. Schuurman Aus den Jahressprüchen Rudolf Steiner Meeresstille J. W. v. Goethe Glückliche Fahrt J. W. v. Goethe mit musikalischer Beigabe von L. van der Pals Aus: «Wir fanden einen Pfad» Christian Morgenstern Die Geburt der Perle Fercher von Steinwand mit musikalischem Auftakt von L. van der Pals Auftakt: Evoe . . . . : Max Schuurman Ein Traumerlebnis L. van Blommestein Die Beichte des Wurms Christian Morgenstern für Gesang, Ton- und Lauteurythmie Dornach, 11. August 1919 Aufführung für Münchener Ferienkinder Eurythmie-Programm wie am Tage zuvor, etwas gekürzt; dazu noch: Das Ästhetische Wiesel von Christian Morgenstern Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 7 0 Samstag, den 16. August 1919} um 7 Uhr abends und Sonntag, den 17. August 1919, um 5 Uhr nachmittags im provisorischen Saal des Goetheanum, Dornach PROGRAMM Einleitende Worte von Rudolf Steiner über eurythmische Kunst Die Hoffnung von Schiller mit musikalischer Beigabe von Max Schuurman dargestellt durch eine Gruppe Wochenspruch aus dem Seelenkalender von Rudolf Steiner . . Tatiana Kisseleff Meeresstille und glückliche Fahrt von Goethe mit musikalischer Beigabe von Leopold van der Pals eine Gruppe Selige Leichtigkeit von Christian Morgenstern Tatiana Kisseleff Aus: <(Wir fanden einen Pfad» von Christian Morgenstern Annemarie Donath Der Spaziergang von Martin Opitz, für Gesang, Ton- und Lauteurythmie, komponiert von Max Schuurman eine Gruppe Nachklänge Beethovenscher Musik von Clemens Brentano . Annemarie Donath Die Geburt der Perle von Fercher von Steinwand mit musikalischer Beigabe von Leopold van der Pals eine Gruppe Auftakt «Bvoe» von Max Schuurman eine Gruppe Vollendung von Hebbel mit musikalischer Beigabe von Leopold van der Pals . . . Tatiana Kisseleff PAUSE Der römische Brunnen von C. F. Meyer eine Gruppe Himmelstrauer von Nikolaus Lenau eine Gruppe Die drei Zigeuner von Nikolaus Lenau Tatiana Kisseleff Aus den «Davidsbündlertänzen» von Robert Schumann . . L. v. Blommestein Aus der «Chemischen Hochzeit» von Valentin Andreae, für Gesang, Lautund Toneurythmie, komponiert von Max Schuurman … . eine Gruppe An den Mistral von Friedrich Nietzsche Annemarie Groh Satyrischer Auftakt von Leopold van der Pals eine Gruppe Zigeunerlied von Goethe eine Gruppe Mondendinge \ .. . .-. _. I aus den Galgenliedern Der Gingganz ) ru • • /r rn, r 77 I von Christian Morgenstern. . eine Gruppe Der Lattenzaun ) ° rr Die Beichte des Wurms von Christian Morgenstern, für Gesang, Tonund Lauteurythmie, komponiert von Max Schuurman … . eine Gruppe Am Klavier: Luise van Blommestein und Max Schuurman. Die der Aufführung zugrunde liegenden Dichtungen werden von Marie Steiner rezitiert werden. Die eurythmische Kunstform ist nach Intentionen und Angaben Rudolf Steiners gebildet. |


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