I Goethesche Weltanschauung und Goethes Kunstgesinnung 9
** Dornach, 17.August 1919**
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wie alles, was mit diesem Bau hier angestrebt wird und mit ihm
zusammenhängt, im wesentlichen eine Fortsetzung desjenigen sein
will, was in der Anlage innerhalb der Goetheschen Weltanschauung
liegt. Künstlerisch auf einem bestimmten Gebiete, einem engbegrenzten Gebiete das Große und Umfassende der Goetheschen Weltanschauung anzuwenden, liegt dem Versuch einer Eurythmie zugrunde. Um deutlich, begreiflich zu machen, wie die durch die
menschlichen Gliedmaßen und durch die Bewegung von Menschen
oder Menschengruppen im Räume bewirkten künstlerischen Ausdrucksformen in der Eurythmie verwendet werden, möchte ich in ein
paar Strichen dasjenige zeichnen, was der Goetheschen Weltanschauung zugrunde liegt, was heute eigentlich noch immer nicht in
genügendem Maße gewürdigt wird.
Das, was die Goethesche Weltanschauung vermöchte, entspringt
nicht einseitig aus einer bloß theoretischen Betrachtung der Welt.
Alles ist bei Goethe zu gleicher Zeit durchwärmt von wirklicher
Kunstempfindung. Kunst ist bei Goethe wissenschaftlich durchleuchtet, Wissenschaft ist bei Goethe künstlerisch in Gedanken geformt.
Daher läßt sich überall von seiner Weltanschauung zur künstlerischen Gestaltung die Brücke schlagen.
Nun kann man in einfacher Weise zum Ausdrucke bringen, wie
er das Werden des Lebendigen in der Natur anschaut. Goethe sah
in dem einzelnen Pflanzenblatte, wenn es noch so einfach gestaltet
war, in der Anlage eine ganze Pflanze. Und wiederum in der
ganzen Pflanze sah er nur ein kompliziert aufgebautes Pflanzenblatt.
So daß sich Goethe vorstellte: Das Gesamtlebewesen Pflanze besteht aus vielen, vielen einzelnen Pflänzchen. - Das ist eine Anschauung, die auf alles Lebendige, insbesondere auf den Gipfel des
Lebendigen in der Natur, auf den Menschen, angewendet werden
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kann. Man kann dabei wie Goethe als Morphologe zunächst nur an
die Metamorphose der Formen denken, man kann denken, daß die
Gesamtform eines Organismus die kompliziertere Gestaltung der
Form eines einzelnen Organes ist. So hat zunächst Goethe den
Gedanken selber ausgebildet. Man kann aber auch daran denken, daß
dasjenige, was ein Organ ausführt am lebendigen Organismus, in der
Anlage im Kleinen das ist, was der ganze Organismus ausführt
und wiederum umgekehrt. Man kann sich denken, daß die Betätigung
des Gesamtorganismus eine kompliziertere Offenbarung desjenigen
ist, was das einzelne Organ ausführt.
Dieser Gedanke, dessen Fruchtbarkeit, wie gesagt, erst in der
Zukunft voll eingesehen werden wird, auch von der Wissenschaft,
liegt unserer eurythmischen Kunst zugrunde.
Wenn wir dem sprechenden Menschen zuhören, dann ist natürlich
zunächst unsere Aufmerksamkeit auf die Lautfolge, auf dasjenige gerichtet, was sich im Tönen in der Sprache zum Ausdrucke bringt.
Aber für den, der im Sinnlichen das Übersinnliche schaut, für den,
der intuitives Schauen hat und durch dieses intuitive Schauen die
Geheimnisse der Natur durchdringen kann, ist im Kehlkopf und in
den Nachbarorganen eine unsichtbare Bewegung bei jedem einzelnen
Laute vorhanden. Und die Lautfolge stellt sich in unsichtbaren Bewegungen dar.
Wir können uns auch veranschaulichen, wie die Bewegungsanlage des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane zum Ausdrucke
kommt. Sie wissen, dasjenige, was man spricht, was heraustönt
aus dem Sprachorganismus, setzt sich in der Luft um in Bewegungswellen. Diese Bewegungswellen sehen wir nicht; wir hören
dasjenige, was gesprochen wurde. Der übersinnlich Schauende sieht,
was in den Wellen der Luft liegt, während wir sprechen. Er schaut
es in den geheimnisvollen Bewegungsanlagen des Kehlkopfes und
seiner Nachbarorgane. Der Kehlkopf ist ein einzelnes Organ des
menschlichen Organismus. Wie die ganze Pflanze ein komplizierteres
Blatt ist im Goetheschen Sinne, so kann der ganze Mensch mit seinen
Gliedern zur Bewegung aufgerufen werden, die nur komplizierter
das darstellen, was beim Sprechen als einzelnes Organ der KehlCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 73
köpf darstellt. Dann wird dasjenige durch den ganzen Menschen zum
Ausdrucke kommen, was man eine sichtbare Sprache nennen kann.
Und eine sichtbare Sprache ist diese Eurythmie, die wir anstreben.
Was Sie von dem einzelnen Menschen auf der Bühne durch die
Bewegungen der Glieder des menschlichen Organismus dargestellt
sehen werden, stellt gewissermaßen den sichtbar gewordenen, bewegten Kehlkopf und seine Nachbarorgane dar: der ganze Mensch
wird durch die Eurythmie zum Kehlkopf. Also nach außen wird
das geoffenbart, was sonst übersinnlich in den Bewegungsanlagen
des Kehlkopfes vorhanden ist.
Man könnte auch die Sache noch anders ausdrücken. Sie werden
wissen, sehr verehrte Anwesende, wenn Sie nur ein wenig Selbsterkenntnis üben, daß eigentlich, wenn wir einem Menschen zuhören,
in uns immer eine innere übersinnliche Nachahmungskunst steckt.
Wir halten sie zurück, und wahr ist es einfach, daß wir zuhören,,
indem wir gewisse mit den Schwingungen des Sprechens mitschwingende übersinnliche Bewegungen in unserem Organismus zurückhalten. Diese Bewegungen, die wir beim gewöhnlichen Zuhören,
wenn wir stillstehen oder -sitzen und zuhören, zurückhalten, werden
durch die Eurythmie vor das Auge hingestellt. Der in Bewegung geratene Zuhörer, der gleichsam überall das Spiegelbild desjenigen zeigt
in seinem Zuhören, was gesprochen wird, das ist der Täurythmist.
Nur kommt zu dem, was ich genannt habe: der ganze Mensch wird
Kehlkopf - hinzu, daß dasjenige, was von dem Menschen gesprochen wird, durchwärmt ist von der Empfindung der Seele, daß es
durchtönt wird von Lust, Freude, Enthusiasmus, von Schmerz, von
Leid; daß Stimmungen durch vibrieren. All das kann auch durch die
Eurythmie zum Ausdrucke kommen. Wir bringen es zum Ausdruck,
indem wir nun den stehenden Menschen in Bewegung kommen lassen, nicht nur den an einem Platze befindlichen Menschen eurythmisieren lassen, sondern indem wir den einzelnen Menschen im
Räume sich bewegen lassen, oder Menschengruppen im Räume gewisse Formen bilden lassen, oder gewisse Bewegungen im Verhältnis zueinander ausführen lassen. Wenn also der Mensch selber im
Räume sich bewegt, so drückt es das aus, was seelisch als Stimmung,
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als Enthusiasmus, als Leid und Lust durch die Sprache vibriert;
auch dasjenige, was in der künstlerisch gestalteten Sprache zum
Ausdruck kommt beim Dichter in Rhythmus und Reim - ajl das wird
durch die Bewegungen ausgedrückt.
Dabei bitte ich Sie zu berücksichtigen, daß die eurythmische
Kunst nicht Mimik, nicht Pantomime, nicht Gebärdenkunst ist, daß
sie nichts mit der gewöhnlichen Tanzkunst zu tun hat. Bei all diesen
Kunstformen kommt das, was in der Seele lebt, durch eine unmittelbare Geste oder dergleichen, durch eine unmittelbare Bewegung
zum Ausdruck. Die Eurythmie ist etwas wie die Musik selbst. Nichts
Willkürliches liegt in der Bewegung, die ausgeführt wird, sondern
etwas so Gesetzmäßiges liegt in der einzelnen Bewegung und Bewegungsfolge, daß man sagen kann: Wie in der Musik die Harmonien,
wie die Melodie, die Aufeinanderfolge der Töne sich offenbaren, so
ist eine innere Gesetzmäßigkeit in dem, was durch die Eurythmie
dargestellt wird.
Daher kann es auch durchaus so sein, daß Sie jeden Eurythmisten nur seine individuellen Möglichkeiten zum Ausdrucke bringen
sehen -, nichts Willkürliches; das Gegenteil ist der Fall. Gerade so,
wie wenn eine Beethoven-Sonate von zwei Menschen auf dem Klavier
vorgetragen wird, individuell Verschiedenes auftritt, aber die vorgetragene Sache dieselbe ist, so ist es, wenn zwei Menschen oder zwei
Menschengruppen dasselbe eurythmisch zur Darstellung bringen. Es
ist eine individuelle Auffassung darinnen, aber grundsätzlich geht es
über jede Willkür hinaus wie beim Musikalischen selbst.
Das also, was der Mensch sonst beim Sprechen, im Singen, im
Musikalischen, überhaupt in der künstlerisch gestalteten Sprache
offenbart, das wird zur sichtbarlichen Sprache in der Eurythmie.
Daher werden Sie auf der einen Seite parallel gehen sehen Musikalisches, das in anderer Weise bewegt zum Ausdrucke bringt das,
was in der menschlichen Seele lebt; Sie werden parallel gehen sehen
der eurythmischen Darstellung die Rezitation, die wiedergeben soll
die künstlerische, die dichterische Sprache. Dabei zeigt sich, daß,
indem man die Eurythmie durch Rezitation begleitet, diese Rezitation selbst wiederum zurückgehen muß auf bessere Zeiten der rezitaCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite:75
torischen Kunst, als die heutigen sind. Heute liebt man es, ich
möchte sagen, prosaisch zu rezitieren, den Prosainhalt zu betonen,
den Hauptwert darauf zu legen, daß der Inhalt des Dichterischen dargestellt zum Ausdruck kommt. Wenn wir weiter zurückgehen in der
Entwickelung der Rezitationskunst, sehen wir, wie das, was Inhalt
ist, gewissermaßen nur als Gelegenheit ergriffen wird, um Rhythmen,
um innere Bewegung, um das eigentlich Künstlerische darzustellen,
daß in gewissen Urzeiten der Kunst die Rezitatoren, die aufgetreten
sind, ich möchte sagen, in primitiver Eurythmie begleitet haben dasjenige, was sie rezitiert haben, und gerade auf den Aufbau der Verse,
auf dasjenige, was sonst künstlerische Gestaltung ist, den höchsten
Wert gelegt haben. Beim wirklichen Dichter rinden wir auch, daß
aus einer inneren Musik, das heißt, aus Rhythmus und Gestaltung
des Tones die Dichtung hervorgeht. Wir wissen, daß Schiller bei
vielen seiner Dichtungen nicht zunächst den Inhalt des Gedichtes
faßte, sondern daß ihm der Inhalt des Gedichtes noch ganz ferne
liegen konnte, daß ihm aber ein melodiöses Element in der Seele
lebte, und dieses noch wortlose, noch gedankenfreie, melodiöse
Element setzte er dann erst um und fügte sozusagen den Wortinhalt der Dichtung hinzu. Heute wird aus der Prosa, aus dem
Novellistischen heraus rezitiert. Das würde neben der Eurythmie
nicht gehen.
Daher wird so leicht verkannt, was als Rezitationskunst in der
Eurythmie auftreten mußte. Diese Rezitationskunst muß wiederum
das eigentlich Künstlerische in der gestalteten Sprache betonen,
nicht das, was heute das bloß inhaltlich Prosaische liebt.
Insofern Sie noch Mimisches oder Pantomimisches sehen werden,
bitte ich Sie, betrachten Sie es als etwas, was noch unvollkommen
ist. Denn ich darf wohl, nachdem ich diese Worte vorausgeschickt
habe über die Absichten der eurythmischen Kunst, besonders betonen, daß wir genau wissen, daß die eurythmische Kunst erst im Anfange steht, daß sie vielleicht überhaupt erst das Wollen einer Absicht ist. Aber in dieser Absicht liegt etwas, was eine Kunst werden
kann, was sich neben die anderen Künste vollberechtigt hinstellen kann.
Nicht nur, daß das Künstlerische auf der einen Seite von Menschen
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ergriffen werden kann im echt Goetheschen Sinne durch diese eurythmische Kunst, sondern man kann sich auf der anderen Seite auch dem
Glauben hingeben, daß sie als Pädagogisch-Didaktisches in der Zukunft wirken kann, als beseeltes Turnen neben dem rein auf Physiologie, auf die Körperlichkeit gebauten Turnen. Und wir werden in der
Pädagogik als beseeltes Turnen, das zu gleicher Zeit Kunst ist - es
kann auch als Eurythmie aufgefaßt werden -, allmählich in unsere
Erziehung und Pädagogik der Waldorfschule eine Bewegungskunst
des menschlichen Organismus, die beseelt ist, einfügen, gegenüber
dem seelenlosen, bloß auf die Körperkultur gerichteten Turnen. Nach
diesen zwei Seiten hin möchte Eurythmie befruchten.
Im wesentlichen natürlich kommt es darauf an, daß der Mensch
auf der Stufenleiter des Organischen, des Lebendigen, das höchste
Wesen ist, das wir zunächst auf Erden kennen, und daß daher in ihm
zum Ausdrucke kommen kann wirklich ein höchster Extrakt des
Naturgesetzlichen. Daher kann, wenn wir den Menschen selbst zum
Werkzeug künstlerischer Darstellung bilden, im höchsten Maße das
erfüllt werden, was Goethe erhofft von menschlicher künstlerischer
Wirksamkeit, indem er sagt: Indem der Mensch auf den Gipfel der
Natur gestellt ist, bringt er in sich selbst wiederum einen Gipfel hervor, nimmt Maß, Harmonie, Ordnung und Bedeutung zusammen,
und erhebt sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes. - Darin
sieht Goethe etwas wie die Lösung des Welträtsels, wenn die Menschheit im Spiegel der Kunst das, was die Welt an Geheimnissen enthält, wiederum zurückgewinnen kann. Und wenn der Mensch selbst
sich als das Instrument dieses Zurückwerfens betrachtet, dann erfüllt er offenbar etwas, was man wie eine Zusammenfassung der verschiedensten sonstigen künstlerischen Motive auffassen kann.
Aber ich bitte Sie nochmals, betrachten Sie das, was wir darbieten
können, mit Nachsicht, denn es ist ein Anfang, und wir sind selbst
die strengsten Kritiker, kennen genau dasjenige, was noch unvollkommen ist, aber wir sind des Glaubens, daß dieses Unvollkommene, wenn es von uns selbst noch oder von anderen weiter ausgearbeitet werden wird, eine vollberechtigte Kunstform neben anderen Kunstformen bilden wird.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 77
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Sonntag, den 14-, und Dienstag den 16. September 1919,
um 8 Uhr abends finden statt in den Räumen der Anthroposophischen Gesellschaft, Potsdamerstraße 39, 39 a,
Ateliergebäude
Darstellungen
Eurythmischer Kunst
Mitwirkende:
Annemarie Groh, Lory Maier-Smits,
Hatalie Papoff, Erna Wolfram
und Andere.
Die der Aufführung zugrunde liegenden Dichtungen
werden von MARIE STEINE R rezitiert werden.
Die begleitende Musik ist von Leopold van der Pals
und von Walter Abendroth.
Karten zu Mk. 4.—, 3.— und 2.— in der Geschäftsstelle der Anthroposophischen Gesellschaft,
Motzstrasse 17, Grth. II
und an der Abendkasse.
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DARSTELLUNGSFOLG E
Einleitende Worte
von Rudolf Steiner über eurythmische Kunst.
Jn eurythmischer Einzel- oder Gruppenkunst kommen zur Darstellung:
Worte an den Geist und die Liebe, aus Rudolf Steiners „Pforte
der Einweihung„, dargestellt durch eine Gruppe.
Wochenspruch aus dem Seelenkalender, von R. Steiner, dargestellt durch Erna Wolfram.
Das Ewige, von Hans Reinhard, dargestellt durch eine Gruppe.
Die blaue Blume, von M. Kyber, dargestellt durch N. Papoff.
Das Märchen vom Lieben und Hassen und vom klugen Verstand,
von R. Steiner, dargestellt durch eine Gruppe.
Auftakt, „Schau in dich, schau um dich“, von L. van der Pals,
dargestellt durch eine Gruppe.
Irrlichter, von Th. Wertsch, dargestellt durch N. Papoff.
Vorfrühling, von Fr. Hebbel, dargestellt durch eine Gruppe.
Waldlied, von N. Lenau, mit musikalischer Beigabe von
Walter Abendroth, dargestellt durch eine Gruppe.
Der Herbst, von Fr. Nietzsche, dargestellt durch L. Maier-Smits.
Einer Toten, von R. Steiner, mit musikalischer Beigabe von
Walter Abendroth, dargestellt durch eine Gruppe.
PAUS E
Wanderers Nachtlied, von Goethe, dargestellt durch eine Gruppe.
Auftakt „Evoe„, von Walter Abendroth, dargestellt durch
eine Gruppe.
Der römische Brunnen, von C. F. Meyer, dargestellt durch
eine Gruppe.
Mein Glück, von Fr. Nietzsche, dargestellt durch A. Groh.
Satyrischer Auftakt, von L. van der Pals
Aus den „Galgenliedern“, von Chr. Morgenstern
Heiterer Auftakt, von L. van der Pals
dargestellt
durch eine
Gruppe. |