I Die neue, dem Leben der Zukunft dienende Kunst 7
Stuttgart, 6. Mai 1919, für die Angestellten und Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik
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müssen berücksichtigen, daß wir mit ihr ganz am Anfang stehen.
Sie wird sich nach einiger Zeit vervollkommnen und zu gewissen
sehr weiten Zielen hinführen können. Allein man wird schon jetzt
aus den Vorstufen, die wir erreicht haben, sehen, was gerade mit
dieser besonderen Kunst für das zukünftige Leben der Menschheit
gemeint ist. Diese Kunst soll sich nämlich in das Leben der Menschheit so hineinstellen, daß sie nicht engbegrenzten Kreisen angehört,
sondern der ganzen breiten Masse der Menschheit dienen soll. In dieses Zukunftsleben soll sich diese Kunst hineinstellen.
Wenn ich daher das, was Sie als Eurythmie sehen werden, mit
irgend etwas, was gegenwärtig in der Welt gepflegt wird, vergleichen
wollte, so könnte ich es nicht. Was sonst als Bewegungskunst ausgeübt wird, ist immer nur ein Stück, ein Teil von dem, was Sie hier
sehen werden. Und das, was hier gepflegt wird, ist der Versuch eines
Zusammenflusses von verschiedenen Einzelheiten des vollen menschlichen Wesens zu kräftigender, gesundender, wie auch zu künstlerisch
sich entfaltender Tätigkeit. Wenn ich dennoch einen Vergleich machen
soll, so möchte ich sagen, daß durch die Eurythmie etwas in seelischer, in geistiger Weise angestrebt wird, so daß der Mensch sich
wirklich auch als seelisches und geistiges Wesen dabei fühlt, was bisher nur in ungeistiger, in unseelischer Weise angestrebt worden ist
durch das Turnen. Das Turnen bringt den Menschen nach körperlichen Gesetzen in äußere Bewegung, und man darf sich keiner- Illusion hingeben: Das Turnen ist eine Bewegungskunst ohne eigentlich
seelisch-geistiges Element. Hier aber sehen Sie eine Bewegungskunst,
die in den Bewegungen der menschlichen Glieder zugleich SeelischGeistiges aufleuchten läßt. - Auf der anderen Seite könnte man das,
was hier geboten wird, auch vergleichen mit der Bühnentanzkunst.
Aber auch die Bühnentanzkunst ist nur eine einseitige Ausgestaltung
eines wahren Menschlich-Künstlerischen, denn da wird von ÄußerCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite:58
lichkeiten ausgegangen; Äußerlichkeiten werden in menschliche
Tanzbewegungen umgesetzt.
In der Eurythmie wird nicht von etwas Äußerlichem ausgegangen. Was Sie hier durch einzelne Menschen und durch die Verhältnisse der Stellungen und Bewegungen von Menschengruppen
dargestellt sehen werden, machen Sie selbst im Grunde genommen
Eurythmische Aufführung für die Arbeiter
und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik
im Kuppelsaal in Stuttgart
Dienstag, den 6. Mai 1919, 12 Uhr
PROGRAMM
1. Friedens- und Energietan^
2. Ich und Du
3. Harmonische Acht
4. Ballen und Spreizen
5. SäerSpruch von C. F. Meyer E. Wolfram
6. Spruch aus dem Seelenkalender von Rudolf Steiner . E. Dollfus
7. Planetentan^ von Rudolf Steiner
8. Symbolum von J. W. v. Goethe
9. Ganymed von J. W. v. Goethe E. Dollfus
10. Hallelujah
11. Musikalischer Auftakt «Schicksalsfrage»
12. Herbst von Friedrich Nietzsche L. Maier-Smits
13. Musikalischer Auftakt «.Schau um dich, schau in dich»
14. Morgenlied von C. F. Meyer E.Wolfram
15. Heiterer Auftakt von Leopold van der Pals
16. Zum neuen fahr von J. W. v. Goethe
17. Rosen im Süden von Friedrich Hebbel
18. Liederseelen von C. F. Meyer L. Maier-Smits
19. Satirischer Auftakt von Leopold van der Pals
20. Galgenlieder von Christian Morgenstern
a. Unter Zeiten
b. Der Trichter
c. Der Seufzer E. Wolfram
d. Die beiden Flaschen Thea Smits, I. Bögel
e. Bim, Bam, Bum . I. Bögel, L. Maier-Smits, E. Wolfram
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fortwährend den ganzen Tag hindurch. Nur machen Sie es nicht
mit Ihren äußerlich sichtbaren Gliedern, mit Armen und Beinen,
sondern Sie machen es, indem Sie sprechen. Sie machen es fortwährend mit den äußerlich unsichtbaren Organen Ihres Kehlkopfes
und mit der Luft, die Sie durch Ihren Kehlkopf in Bewegung
bringen. Man ist nur nicht aufmerksam auf die Art, wie die Organe
des Kehlkopfes und die benachbarten Organe schwingen, wie
Gaumen und Lunge in Bewegung sind, weil man beim Sprechen zuhört, weil man auf die Umsetzung der Bewegungen in den Ton hinhört. Aber wer sich vertiefen kann in dasjenige, was Kehlkopf, Lunge,
Zunge, Gaumen, Lippen eigentlich vollführen, was namentlich die Luft
vollführt, wenn gesprochen wird, der kann sagen, daß von jedem Menschen im Sprechen die kunstvollsten Bewegungen ausgeführt werden,
besonders im künstlerischen Sprechen, in der Deklamation, und diese
künstlerischen Bewegungen sind in ihrer Wirkung dem Musikalischen
ähnlich. So sonderbar es klingt: Was wir als Eurythmie bringen, ist
etwas den geheimnisvoll künstlerischen Schöpfungen Abgelauschtes,
welche die Natur des Menschen im Sprechen vollzieht. - Wenn Sie
irgendeinen Eurythmisten auftreten sehen, so ist alles, was Sie da auftreten sehen in dem Verhältnis der Stellungen und Bewegungen der
Gruppen zueinander in menschliche Bewegung umgesetzte Kehlkopfbewegung. Da ist der ganze Mensch und die ganze Gruppe einfach
Kehlkopf; alles wird Sprachorgan. Daher können wir auf der einen
Seite das Musikalische hören lassen, auf der anderen Seite das, was
im Musikalischen veranlagt ist, statt durch Kehlkopf bewegungen wie
im Singen durch die Bewegungen der Menschengruppen zum Ausdruck bringen. So können wir auch die dichterische, die kunstvoll
geformte Sprache in der Bewegung einzelner Menschen und in den
Bewegungen und Stellungen von Menschengruppen darstellen. Das,
was das Wort, der Laut enthält, drückt immer der einzelne Mensch
in der Eurythmie aus; dasjenige, was unsere Sprache, namentlich
unsere dichterische Sprache durchsetzt an menschlicher Empfindungswärme, an Gemütsinhalt, drücken die Bewegungen und Stellungen
der Gruppen aus. Und alles im reinen Rhythmus. Alles können wir
ausdrücken durch dasjenige, was Sie hier sehen werden. Also das,
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was im Menschen am beseeltesten ist, das, wodurch des Menschen
innerste Gemütsbewegungen sich nach außen offenbaren, das menschliche Sprachorgan, das übertragen wir auf den ganzen Menschen. Dadurch durchseelen und durchgeistigen wir den Menschen, bringen das,
was im Körper geformt ist, in den Geist hinein, so daß der Mensch
in der Eurythmie sich als Seele, als Geist in Wirklichkeit fühlen
kann.
In der neueren Zeit haben die Menschen verlernt, zu der wahren
dichterischen Kunst ein Verhältnis zu haben. Rezitieren, deklamieren kann man heute wirklich gar nicht mehr, weil man doch immer
nur Prosa liest. In der Eurythmie ist der Mensch genötigt zu wissen,
daß Dichtung mehr ist als bloße Prosa, daß Dichtung geformte,
gestaltete Sprache ist. Daher wird das Gesprochene, wodurch Sie das,
was Sie in den Bewegungen sehen, auch hören werden, durch kunstvolles Sprechen wiedergegeben, nicht durch prosaische Deklamation,
wie man sie überall hat, wo die Kunst auf diesem Gebiete verlorengegangen ist. Diese Deklamationskunst ergibt sich, wenn man genötigt ist, das Deklamieren dem anzupassen, was der Mensch, wenn
er ganz Kehlkopf ist, zum Ausdruck bringen muß.
So wird das seelenlose Turnen mit dem nur äußerlich beseelten
Tanz zu einer Einheit zusammengefügt. Dadurch wird etwas geschaffen, was nicht bloß zum Anschauen ist wie der Bühnentanz, auch
nicht bloße Körperbewegung wie das Turnen, sondern was beides
ist. Es ist als Kunst etwas Neues, was man als Mensch ausführen
kann, indem man sich aus dem Geistig-Seelischen heraus gesund
und kräftig macht, was das Turnen nicht kann, weil es nicht den
ganzen Menschen ergreift.
Aber Sie müssen berücksichtigen, daß die Arbeit eine große ist.
Sie will dem Leben der Zukunft dienen, der Zukunft, von der ich
Ihnen in Ihrer Werkstätte drüben in der Fabrik kürzlich vom sozialen
Standpunkte aus gesprochen habe. Sie will dann auch den befreiten
Menschen, wenn sie verständnisvoll sich einleben können, dienen. Sie
wird sich schon vervollkommnen entweder durch uns oder durch
andere, denn sie ist ein richtiger Anfang zu dem in die Zukunft hinein seine Entwickelung suchenden Menschheitsideal.
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Eintragungen in ein Notizbuch
Für die erste öffentliche Eurythmie-Aufführung in Stuttgart
am 25. Mai 1919
Anfang.
1.) Nicht konkurrieren mit scheinbar Verwandtem.
2.) Beseelte Bewegungskunst.
3.) Im Sinn der Goetheschen Weltanschauung.
4.) Die Metamorphose des Sprechens und Singens.
5.) Nicht Geste und nichts Mimisches.
6.) Innere Gesetzmäßigkeit wie in der Musik - und gerade
deshalb Wiedergabe zum Beispiel des Sprachcharakters.
7.) Stimmung, Reim, Rhythmus etc.
8.) .Rezitation.
9.) Hoffnung, daß vervollkommnet werden kann. Der gan^e
Mensch spricht -
1.) Es ist die Eurythmie ein Versuch.
2.) Sie stammt aus Goethescher Kunstgesinnung.
3.) Geheimnis zwischen dem Hörenden und dem
Sprechenden, Singenden und dem im Musikalischen sich
Offenbarenden.
4.) Die Metamorphose zwischen dem Musikalischen,
Dichterischen und dem Hörenden.
5.) Rechtfertigung des Musikalischen und Dichterischen:
der ganze Mensch lebt und schwingt darin weiter. Schiller.
6.) Nichts von bloßer Willkür = Geste; nichts von Mimik -
innere Gesetzmäßigkeit. Das Subjektive.
7.) Beseelte Bewegungskunst.
8.) Gegen das Spezialistentum.
9.) Eben Versuch.
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f
Eintragungen auf einem Noti^blatt
Zu den öffentlichen Eurythmie-Aufführungen in Stuttgart im Juli 1919
Eurythmie
Kunst, die sich zum Ausdruck bringt durch den bewegten menschlichen Körper.
Aus der Goetheschen Kunstgesinnung.
Wie das Blatt eine ganze Pflanze,
wie die Pflanze ein kompliziertes Blatt:
So Bewegungen des Menschen, die dem Sprechen zum
Grund Hegen.
Und die Bewegungen des Kehlkopfs und seiner Nachbarorgane Bewegungsbilder des ganzen Menschen.
Gruppenbewegungen.
Keine Pantomime, keine Augenblicksgesten =
Innere Gesetzmäßigkeit wie bei der Musik.
Rezitation kann die Eurythmie nur begleiten, wenn sie
wieder wird, was sie einst gewesen: die Kunst der bewegten Sprache - nicht der Inhalt, sondern die künstlerische Form. Schiller vor dem Dichten ein musikalisches
Motiv. -
Musik :
Beseelte Bewegung des menschlichen Organismus. Soll päd.
die seelenlose Turnkunst ins Beseelte heben. -
Benedetto Croce: 1902: Ästhetik als Wissenschaft des
Ausdrucks und allg. Linguistik.*
* Vgl.: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen
Stuttgart, 6. Juli 1919, Bibl.-Nr. 192, Dornach 1964
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Eintragungen in ein Notizbuch
Zu den öffentlichen Eurythmie-Darbietungen in Stuttgart am 24. Juli 1919
und in Mannheim am 27. Juli 1919
Jede bildende Kunst strebt nach dem Musikalischen.
Jede hörbare Kunst strebt nach der Gestaltung.
Die Pantomimik ist ein egoistisches Sich-Vordrängen des
Menschen -: darin leben alle Willkür-Impulse.
Das Sprechen ist ein Sich-Verlieren des persönlichen
Menschen -
Bewegungskunst
Aber nicht Mimik oder pantomimisch -
Die beim Zuhören unterdrückten Bewegungen
Individuelle Verschiedenheit |