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I Der Urcharakter des Künstlerischen 2

I Der Urcharakter des Künstlerischen 2

Berlin, 28. Juni 1918

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zugebracht worden. Vor einer Reihe von Jahren wandte sich Frau Smits an mich, ob sich innerhalb unseres Kreises nicht etwas finden ließe, was eine Art Tanzkunst sein könnte. Nicht an eine gewöhnliche Tanzkunst im äußerlichen Sinne, sondern an etwas Ernsteres, Bedeutungsvolleres mußte gedacht werden, wenn dem Gedanken nähergetreten werden sollte. Man muß immer wieder und wieder daran denken, daß alle Kulturströmungen aus einem gemeinsamen Quell hervorgegangen sind. Nicht nur die einzelnen Künste, sondern auch, was wir bezeichnen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 26 Berlin, 28. Juni 1918 PROGRAMM Heiterer Auftakt Porzellan Manfred Kyber Beim Anblick eines Katers Fercher von Steinwand Heiterer Auftakt Tarpeja C. F, Meyer Mein Jahr C. F. Meyer Vorfrühling Manfred Kyber Rosen im Süden Friedrich Hebbel Thibaut von Champagne C. F. Meyer Die blaue Blume Manfred Kyber Die Frau vom Meer Manfred Kyber Firnelicht C. F. Meyer Vögel R. Schaukai Begegnung C. F. Meyer Vision C. F. Meyer Der Botenlauf C. F. Meyer Licht und Stern Rudolf Steiner O du heilige … Johannis-Stimmung Rudolf Steiner Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 2 7 als Kunst, Religion und Wissenschaft, ist ebenfalls aus einem gemeinsamen Quell hervorgegangen. So getrennt wie heute waren diese in der Urkultur der Menschheit nicht. In den Mysterien war noch ein Gemeinsames vorhanden. Stellte man es vor die Menschen hin, daß sich den Sinnen offenbarte, was sich der Seele an Weltengeheimnissen darbietet, so war es Kunst. Stellte man es so hin, daß das menschliche Gemüt im Inneren ergriffen werden und von sich aus eine Brücke zu den ewigen Geheimnissen des Daseins finden sollte, so hatte man es mit Religion zu tun. Und stellte man es so hin, daß die Erkenntniskraft in Anspruch genommen wurde, so war man in dem Gebiete der Wissenschaft. Im Entwickelungsgang der Menschheit, im Laufe der Zeiten gliederte sich dann das gemeinsame Ganze in Wissenschaft, Religion und Kunst, und die Kunst dann wieder in die einzelnen Künste. Das Nähere über die Kunst und die Künste ist in dem Büchelchen «Das Wesen der Künste» enthalten. Es mußte nun gewissermaßen auf den Urcharakter des Künstlerischen zurückgegriffen werden, da mit der Eurythmie an den Ursprung der Kunst zurückgegangen werden sollte. Die Kunst knüpft an das Verhältnis des Makrokosmos zum Mikrokosmos an. Das All spricht sich in dem Mikrokosmos aus. Wer den Menschen in seiner Totalität als ein Bild des Makrokosmos erschauen kann, der durchdringt auch die einzelnen Künste. Und jede einzelne Kunst knüpft insofern an das Weltall und den Mikrokosmos an, als in irgendeiner Weise zum Vorschein kommen kann, was vom Weltall auf den Menschen Bezug hat. Nicht an etwas Erfundenes, sondern an etwas, was durchaus im Menschen ist, wurde bei der Eurythmie angeknüpft. Ausgangspunkt war die menschliche Sprache: Wie lebt das eigentlich, was im Menschen zur Darstellung kommt, wenn er spricht? - Das künstlerische Sprechen wurde dabei zugrunde gelegt. Der Ätherleib des Menschen hat seine bestimmte Gliederung, und eine Teilgliederung entspricht dem Kehlkopf und was damit zusammenhängt. In ganz bestimmte, gesetzmäßige Bewegungen kommt der Ätherleib des Kehlkopfes und was dazu gehört, Zunge, Gaumen und so weiter, beim Sprechen, so daß man dieses Glied des Ätherleibes in bestimmten Bewegungen sieht, wenn der Mensch spricht. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 28 Nun kann alles, was an einem Teile zum Ausdruck kommt, auch durch den ganzen Menschen ausgedrückt werden. Das andere kann zurückgehalten werden, und die Gesamtkraft, welche der Mensch beim Sprechen aufbringt, kann besonders zum Ausdruck gebracht werden. In Bewegungen des ganzen Menschen kann man jene Bewegungen ausdrücken, die diesem Gliede des Ätherleibes zugrunde liegen. Das wurde bei der Eurythmie getan. Was der Eurythmist dann, wenn er in Ruhe ist, mit seinem Körper und seinen Händen tut, das ist nichts anderes, als wenn statt des Kehlkopfes und der Anhangorgane das zum Ausdruck gebracht wird, was außer den unmittelbaren Sprechwerkzeugen an der Sprache mitbeteiligt ist. Was sonst partiell im Kehlkopf zum Ausdruck kommt, wird durch den ganzen Menschen in den einzelnen Bewegungen dargestellt. Es ist etwas am ganzen Menschen Abgelesenes. Dazu kommt aber noch, außer den Kehlkopf bewegungen und so weiter, was Wirkungen in der Lunge und in den anderen Organen sind. Das wirkt fein mit, gibt Timbre, Grundton, Gefühlsinhalt der Sprache. Das sind zurückgehaltene Bewegungen. Das geschieht durch das ganze Bewegen des Eurythmisten, eines einzelnen oder auch einer Gruppe, eines Chores. In Gruppenbewegungen lösen wir auf, was sonst zurückgehaltene Bewegungen sind. Das liegt zunächst der Eurythmie zugrunde. Die eurythmische Kunst ist sehr mannigfaltig wie die Musik auch. Sie kann mit dem musikalischen Element in Verbindung gebracht werden. Auch für den musikalischen Ausdruck, nur in einem etwas anderen Sinne, gilt das, was ich für den sprachlichen gesagt habe. Was in der Sprache, in der Dichtung zur Kunst wird, das kann in der Eurythmie zum Ausdruck kommen, aufgelöst in Gruppenbewegungen. Dadurch kann in der Eurythmie herauskommen, was heute in der dichterischen Kunst schon recht sehr vernachlässigt wird. Meist wird nur das Prosaische der Dichtung hervorgehoben, das heißt, das eigentlich Unkünstlerische. Das Künstlerische aber wird auch wieder durch das eurythmische Element gefunden werden können. Die Dinge sind im einzelnen ebenso bestimmt wie im Musikalischen. Individualitäten kommen genauso in Betracht wie bei der Wiedergabe einer Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite:29 Beethovenschen Sonate. Das Rezitatorische braucht nicht in den Hintergrund zu treten. Es können auch die verschiedenen Künste dabei zusammenwirken. Impressionistische Kunst, die Dichtung, kann zusammenwirken mit den anderen expressionistischen Künsten. Dadurch können sie sich gegenseitig heben und tragen. Nur das künstlerisch dichterische Element kann in die Eurythmie hineingehen, nur die Gedankengesta/tung. Der Gedanken//z,W/ hat mit der Kunst als solcher überhaupt nicht viel zu tun. Beim Anschauen eines eurythmischen Kunstwerkes können gerade manche Geheimnisse der Dichtung hervortreten. Die Eurythmie wird sich noch vervollkommnen. Und wenn wir dann später einmal mit ihr in die Öffentlichkeit treten, werden die Eurythmiker wohl genügend gewappnet sein, um den ganz gewiß schimpfenden Kritikern entgegentreten zu können. Aber wir können sicher sein, würde sie nur gelobt werden, so wäre sie etwas Überflüssiges und brauchte nicht gepflegt zu werden. Je mehr über sie geschimpft werden wird, desto mehr wird sie vielleicht den Menschen zu sagen haben. |


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