I Das Prinzip der Eurythmie, und wie sie entstanden ist 1
Wien, 2. Juni 1918
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betreiben, ist eigentlich wie eine Art Schicksalsfügung gekommen,
wie wir überhaupt nicht eine agitatorische Bewegung sind, sondern
bei unseren Maßnahmen immer darauf sehen, was in der Zeit sich
notwendig von da- oder dorther ergibt. Programm-Macher sind wir
nicht. So kam es, daß ein Mitglied unserer Gesellschaft mich eines
Tages fragte, ob vielleicht, gerade mit Rücksicht auf die jüngeren und
älteren Mitglieder, die dafür besonderes Interesse finden könnten,
eine Art Tanzkunst in unserem Kreis inszeniert werden könnte. Das
führte dazu, daß diese Eurythmie in unseren Kreis eingeführt worden
ist. Sie ist bis jetzt noch immer im Anfangs Stadium, und es wird bedeutsam sein, dieses Anfangsstadium zu verfolgen, denn die Eurythmie ist etwas Neukünstlerisches, aber im Anfangsstadium.
Als diese Frage an mich herantrat, mußte ich mir selbst sagen,
innerhalb unseres Kreises kann nicht das, was man sonst bisher gerade
als Tanzkunst verstanden hat, besonders gepflegt werden, da man
heute hinlänglich auf dem Gebiete der Tanzkunst die mannigfaltigsten
Versuche sieht. Man mußte sich erinnern, daß die Bewegung im
Grunde genommen als künstlerisches Wirken und Schaffen von der
Menschheit ausgegangen ist, alle geistige Bewegung. Im Beginne einer
gewissen Zeit, die sich sogar, ich möchte sagen, historisch mit unseren
geistigen Mitteln zurückverfolgen läßt, war es so, daß die geistigen
Strömungen aus einer Quelle flössen. Im Ursprung waren die Erkenntnis, das religiöse und das künstlerische Leben aus einer Quelle geflossen. Man stellte etwas dar im alten mythischen Leben, das man
begreifen wollte durch gewisse Verrichtungen, durch Kultushandlungen und dergleichen; man stellte denselben Inhalt dar für die menschliche Andacht, für die menschliche Verehrung, für die Offenbarung.
Im schönen Schein stellte man dasselbe künstlerisch dar. Es war damals noch durchsichtig durch die drei Äste desselben Baumes, daß
eine Quelle zugrunde liegt. Die Kunst als solche ist auch wieder aus
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einer Quelle entsprungen und beweist das instinktiv, indem in unserer
Zeit die berechtigte Tendenz besteht, was dann in getrennten Strömen geflossen ist, zusammenzubringen. Wenn eine einzelne Kunst
auftritt, muß diese selbstverständlich hervorgehen aus dem Bewußtsein, worauf das Künstlerische in seiner Totalität überhaupt beruht,
und da war denn die Frage, wenn man den menschlichen Organismus
durch Tanzkunst in Bewegung zu bringen hat, worauf das heute beruhen kann. Nichts Willkürliches sollte geschaffen werden, nicht
etwas, was bloß aus den persönlichen Absichten eines Menschen hervorgeht. Programm-Macher sind wir nicht.
Es handelte sich zunächst darum, Tanzkunst zu schaffen als Begleiter des Wortes. Sie wird auch ausgebildet werden als Begleiter des
Tones. Heute handelt es sich um die Tanzkunst als Begleitung des
Wortes. Wie erhält man etwas Objektives auf diesem Gebiete? Hier
muß ich selbstverständlich auf die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse hinweisen, wenn ich dieses Objektive zum Bewußtsein bringen
will.
Wenn der Mensch spricht, ist die Tendenz vorhanden, daß der ganze
Organismus des Menschen, nicht nur der physische in Bewegung
ist. Gerade das, was gesprochen wird, kommt aus dem ganzen menschlichen Organismus heraus; der ganze Ätherleib, Bildekräfteleib des
Menschen ist in Bewegung. Daß der Mensch spricht, daß er Worte
hervorbringt, wie man es gewöhnt ist, beruht darauf, daß gerade die
Bewegungen des Bildekräfteleibes zurückgehalten und lokalisiert werden in der Gegend der Brust, des Kehlkopfes und der Nachbarorgane, der Zunge und so weiter. Durch das Lokalisieren der Bewegungsvorgänge, die den ganzen Organismus ergreifen, wird vom
Ätherleib aus der Kehlkopf und seine Nachbarorgane in jene Bewegungen versetzt, welche das Wort und das Wortgefüge hervorbringen.
Die Kehlkopfbewegung ist eine organische Bewegung unseres ganzen Ätherleibes. Wir können das aber zurücknehmen in den ganzen
Leib. Was wir Eurythmie nennen, ist im Grunde von jedem Menschen
ausgeführt, wenn er spricht. Es sind solche Bewegungen, welche von
irgendeinem Organ des Kehlkopfs und seiner Nachbarorgane im Organismus beim gewöhnlichen Sprechen ausgeführt werden. Was
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lokalisiert ist im Kehlkopf, wird physisch übertragen vom Ätherleib aus auf ein Organ. Der ganze Mensch wird zum Kehlkopf gemacht. Derjenige, der ganz genau bekannt ist mit dem, worauf
Eurythmie beruht, wird nicht zu hören brauchen im allgemeinen
ein Gedicht, sondern würde lesen können dasjenige, was der Inhalt
eines Gedichtes ist, aus den Bewegungen. Wir sind im allgemeinen
nicht so weit, haben auch nicht so viele Kräfte zur Verfügung, so
daß die Bewegungen nicht vollständig sind, sondern nur angedeutet
werden.
Wir gehen so vor, daß das Gedicht gesprochen wird und von den
Bewegungen, die über den Organismus ausgebreitet sind, begleitet
wird. Eurythmie ist eine expressionistische Kunst. Es wird Eurythmie
von jedem Menschen hervorgebracht und wird nur übertragen auf
den ganzen Organismus. Wir haben im Anfange versucht, eigentlich
nur die Bewegung zu begleiten. Da hat sich uns gezeigt, daß es vielleicht stören kann unrezitativ die Bewegungen zu begleiten, und da
die Eurythmie eine expressionistische, die Rezitation eine impressionistische Kunst ist, ergänzen sich diese, wie ich glaube. Man hat zwei
Pole, und man bekommt heute durch Verbindung der Eurythmie mit
der Rezitation etwas heraus, das uns als besondere künstlerische Spezialität vorschwebt. Die Übertragung der Kehlkopf bewegungen und
derjenigen der Nachbarorgane auf den ganzen Organismus bezieht
sich hauptsächlich auf die Bewegung des einzelnen Menschen.
Wir machen Bewegungen, welche im Räume ausgeführt werden, und
auch Gruppentänze, was wir nur primitiv vorführen können. Wenn
bei diesen Tänzen, welche im Raum ausgeführt werden, die Arme
bewegt werden, ist das die Ausführung der Kehlkopf bewegungen.
Das, was im Räume vollführt wird, wo der ganze Organismus sich
im Räume bewegt, wo sich Gruppen bewegen, schließt das ein, was
sonst verhalten wird. Wir sprechen niemals bloß mit unserer Kehle.
Wir sprechen uns mit dem ganzen Organismus, wenigstens im Rumpforganismus, physisch aus. Diese Bewegungen geben nur den Grundton des Sprechens. Das Timbre, man fühlt das durch, sind verhaltene
Bewegungen; diese lösen wir auf, führen sie im Räume aus. Dazu gehört das, was im Rhythmus, im Reime liegt. Was gesprochenes Wort
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ist, tritt im Rhythmus auf; was im Räume ausgeführt wird, das Verhaltene, bleibt nur ein Grundton, die Grundstimmung; wenn ein Satz
mit Wärme gesagt wird, oder sonst von Gemütsstimmung durchzogen wird, so kommt das durch die Bewegung im Räume zustande.
Wir lösen die verhaltene Bewegung auf. Nichts ist Willkür. Alles
Pantomimische, alle Mimik wird strenge vermieden. Alle Bewegungen sind fest bestimmt und fügen sich nach Gesetzen zusammen wie
bei der Musikkunst. Das Individuelle kommt nur so weit in Betracht,
als jemand eine Sonate nach seiner Auffassung so, der andere anders
spielen kann. Das, was zugrunde liegt, ist im strengsten Sinne eine in
sich geregelte Kunst. Aber wir sind im Anfangsstadium. Das ist, was
uns unterscheidet von dem, was sonst ausgeführt wird, wo instinktiv
Unwillkürliches, Gefühltes in willkürliche Bewegung umgesetzt wird.
Wenn etwas Willkür darinnen liegt, kommt es nur durch die Auffassung hinein.
Das wollte ich vorausschicken, um Sie auf das Prinzip aufmerksam
zu machen. |